{"id":33253,"date":"2023-05-18T06:42:52","date_gmt":"2023-05-18T04:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=33253"},"modified":"2023-05-18T10:24:30","modified_gmt":"2023-05-18T08:24:30","slug":"dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023\/","title":{"rendered":"Dekolonial, queer, feministisch \u2013 zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unter dem Motto &#x201E;Decolonizing the (post-)soviet screen&#x201C; fand vom 26. April bis 2. Mai 2023 das 23. goEast Festival des mittel- und osteurop&#xE4;ischen Films in Wiesbaden statt. Dem Schwerpunkt Dekolonialisierung widmeten sich unter anderem zahlreiche Kurzfilmbeitr&#xE4;ge &#x2013; auch aus Zentralasien.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht erst seit dem 24. Februar 2022 h&#xF6;rt man den Begriff der Dekolonialisierung im Hinblick auf den postsowjetischen Raum immer h&#xE4;ufiger: Viele postsowjetische Staaten ringen bereits seit dem Zerfall der Sowjetunion mit dem Erbe der sowjetischen Politik und der Frage der eigenen kulturellen Identit&#xE4;t. Der gro&#xDF;fl&#xE4;chige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verlieh der Auseinandersetzung mit dem russischen\/sowjetischen Imperialismus noch einmal eine besondere Dringlichkeit &#x2013; auch in Zentralasien.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung griff die 23. Edition des <a href=\"https:\/\/www.filmfestival-goeast.de\/\">goEast Festivals des ost- und mitteleurop&#xE4;ischen Films<\/a> in Wiesbaden nun auf und widmete sich schwerpunktm&#xE4;&#xDF;ig dem kulturellen und filmindustriellen Erbe der Sowjetunion und ihm entgegengesetzten, dekolonialen k&#xFC;nstlerischen Ans&#xE4;tzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zentralasiatischer Kurzfilm beim &#x201E;Rheinmain Kurzfilmpreis &#x2013; Native Edition&#x201C;<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auch in der Kurzfilmsparte legte das Festival einen besonderen Fokus auf bisher marginalisierte filmischen Sprachen und Stimmen jenseits von dominanten Mainstreamnarrativen. In der Kategorie &#x201E;RheinMain Kurzfilmpreis&#x201C; mit dem diesj&#xE4;hrigen Titelzusatz &#x201E;Native Edition&#x201C; liefen daher dieses Jahr erstmals ausschlie&#xDF;lich Werke <em>&#x201E;von indigenen Filmemacher:innen sowie von Filmschaffenden aus marginalisierten und osteurop&#xE4;ischen Minderheiten des postsowjetischen Raums&#x201C;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background\">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngige<\/a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! Durch jede noch so kleine <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Kurzfilmen etwa von burjatischen und tartarischen Regisseur:innen konkurrierten auch drei zentralasiatische Kurzfilme um den mit 2.500 Euro dotierten Preis. Zwar &#xFC;berzeugte die Jury letztendlich der tschetschenische Film &#x201E;No Nation without culture&#x201C; (Vladlena Sandu, 2022), doch die drei zentralasiatischen Beitr&#xE4;ge &#x201E;Ertak&#x201C;, &#x201E;Neither in the Mountains nor in the Fields&#x201C; und &#x201E;Aralkum&#x201C; boten einen spannenden Einblick in aktuelle Trends im zentralasiatischen Kurzfilm.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Lobende Erw&#xE4;hnung f&#xFC;r &#x201E;Aralkum&#x201C;<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Keinen Preis, daf&#xFC;r eine &#x201E;lobende Erw&#xE4;hnung&#x201C; der Jury erhielt &#x201E;Aralkum&#x201C; von Daniel Asadi Faezi und Mila Zhluktenko. Die usbekisch-deutsche Koproduktion erz&#xE4;hlt vom Verschwinden des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aralsee\">Aralsees<\/a> und der Ausbreitung der titelgebenden W&#xFC;ste <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aralkum\">Aralkum<\/a>, die sich heute auf gro&#xDF;en Teilen des ehemaligen Seegrunds erstreckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner gekonnten Zusammenstellung von Archivmaterial und gefilmten Passagen f&#xFC;hrt der Kurzfilm dem Publikum die drastischen Folgen der sowjetisch geplanten Baumwollwirtschaft vor Augen: das Aussterben heimischer Tierarten, von denen nur noch Pr&#xE4;parate zeugen, die zum erliegen gekommene Fischindustrie &#x2013; symbolisiert durch die verrosteten Schiffe, die im ehemaligen Hafen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mo&#x2BB;ynoq\">Mo&#x2018;ynaq<\/a> im W&#xFC;stensand liegen &#x2013; und nicht zuletzt die Resignation der lokalen Bev&#xF6;lkerung, die mit dem Verschwinden des Sees teils auch ihren Lebensinhalt verloren hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Stra&#xDF;en des Ortes am Rande der neu entstandenen W&#xFC;ste weht immer mal wieder ein unwirtlicher, staubiger Wind, ansonsten scheint die Region still zu stehen. Hoffnung spendet einzig der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saxaul\">Saxaul<\/a>: das einzige Gew&#xE4;chs, das in der Aralkum wachsen kann, und das seit einigen Jahren dort gezielt angepflanzt wird, um die Sch&#xE4;den der Verw&#xFC;stung abzumildern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/dokumentarfilm-waiting-for-the-sea-von-techno-und-tradition-in-usbekistan\/\"><strong>Dokumentarfilm &#x201E;Waiting for the Sea&#x201C; &#x2013; von Techno und Tradition in Usbekistan<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die eindr&#xFC;cklichen, langsamen Filmaufnahmen und das Archivmaterial aus Zeiten, als der See noch zum Fischen diente, werden durch Zitate aufgebrochen &#x2013; teils von einem einheimischen ehemaligen Fischer, teils aus wissenschaftlichen Texten. Welche Aussagen von wem stammen, ist meist nicht gekennzeichnet, und so verdichten sich individuelle Erfahrung und wissenschaftliche Analyse zu einem Gesamteindruck der verheerenden Folgen der sowjetischen Planwirtschaft in Zentralasien. &#x201E;Aralkum&#x201C; trifft damit den Nerv des diesj&#xE4;hrigen Festivalthemas und der aktuellen Debatte um die Folgen des russischen Imperialismus.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Multiethnisches Kirgistan: Neither on the Mountain nor in the Field<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auf Archivmaterial greif auch die kirgisische Filmemacherin Gulzad Egemberdieva f&#xFC;r ihren Kurzfilm &#x201E;Neither on the Montain nor in the Field&#x201C; zur&#xFC;ck. Mit selbst gedrehten Aufnahmen, Fotografien, ethnografischem Material und aufgezeichneten Telefongespr&#xE4;chen setzt sie daraus ein Gesamtkunstwerk zusammen, das die Vielf&#xE4;ltigkeit und unterschiedlichen Herausforderungen verschiedener ethnischer Gruppen in Kirgistan zeigt. So treten Angeh&#xF6;rige unterschiedlicher ethnischer Gruppen, von Pamirkirgis:innen bis Landwirt:innen in der Ebene, scheinbar in einen Dialog &#xFC;ber Themen wie kulturelles Erbe und Freiheit.&#xA0;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33254\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-300x169.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-768x432.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Neither-on-the-mountain-nor-in-the-field.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Szene aus dem Film (Foto bereitgestellt vo goEast-Filmfestival)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Immer wieder steht auch die M&#xF6;glichkeit oder Unm&#xF6;glichkeit der Emigration im Raum &#x2013; in Gespr&#xE4;chen der Portr&#xE4;tierten, aber auch in den &#x2013; nur h&#xF6;r- und nicht sichtbaren &#x2013; Telefongespr&#xE4;chen der Regisseurin, die zum Studium nach Kanada ausgewandert ist, mit ihrem Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Egemberdieva sich auf diese Art selbst in den Kurzfilm einbringt, ist kein Zufall: In einer Diskussionsveranstaltung des Symposium beim goEast Festival betonte die Regisseurin, wie wichtig es sei, die eigene Positionierung nicht auszublenden, sondern explizit zu reflektieren. Die Arbeit mit pers&#xF6;nlichen Archiven und ethnografischem Material erm&#xF6;gliche Zugang zu Themen, die im Kirgistan der Sowjetzeit ausgeblendet wurden und noch heute im dominanten Diskurs nur wenig Raum finden. Mit ihrem Kurzfilm m&#xF6;chte sie derartigen Themen wieder Raum geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/zentralasien-auf-der-kinokarte\/\"><strong>Zentralasien auf der Kinokarte<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur in dieser Position zeigt sich die Dekolonialit&#xE4;t von &#x201E;Neither in the Mountains nor in the Fields&#x201C;: Der Kurzfilm flicht auch explizit, wenn auch nicht aufdringlich, die koloniale Vergangenheit Kirgistans ein, beispielsweise wenn die Portr&#xE4;tierten &#xFC;ber die Kollektivierung von Land und Vieh in der Sowjetunion, die willk&#xFC;rliche Grenzziehung im Pamirgebirge sowie die erzwungene Ansiedlung von vormals nomadischen Gruppen sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sowjetische Vergangenheit, das macht Egemberdieva mit ihrem Film deutlich, soll nicht verschwiegen werden, vielmehr soll die Erinnerung weitergegeben werden. So sagt auch ihr Vater in einem der Telefongespr&#xE4;che im Kurzfilm: <em>&#x201E;If you don&#x2018;t know the past, its history, it will be difficult to exist in the present.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Queerer Kurzfilm aus Usbekistan: &#x201E;Ertak&#x201C;<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Mit &#x201E;Ertak&#x201C; erz&#xE4;hlt die usbekische Fotografin und Regisseurin Kamila Rustambekova mit unglaublicher Zartheit die Geschichte eines usbekischen Jugendlichen, der seine d&#xF6;rfliche Heimat und seine Familie hinter sich l&#xE4;sst, um mit seinem Freund in die Stadt zu fliehen. Sehr subtil und feinsinnig zeichnet Rustambekova die homosexuelle Beziehung der beiden, die gemeinsam viel l&#xE4;nger als mit den Eltern vereinbart durch die Umgebung streifen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/vom-objekt-zum-subjekt-modelle-vor-kamila-rustambekovas-kamera\/\"><strong>Vom Objekt zum Subjekt &#x2013; Modelle vor Kamila Rustambekovas Kamera<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Sp&#xE4;testens als die Mutter anschlie&#xDF;end ihren Sohn zur Rede stellt, wird jedoch deutlich, dass ihr Sohn und auch sie von den Nachbar:innen bereits missbilligende Blicke und Anfeindungen erfahren. Ohne erhobenen Zeigefinger schafft die Regisseurin es hier, auf die noch immer stark pr&#xE4;sente Diskriminierung queerer Menschen in Usbekistan aufmerksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Protagonist (der nie ganz zu sehen ist, immer nur von hinten oder vom Hals abw&#xE4;rts) entschlie&#xDF;t letztendlich, mit seinem Freund den Ort zu verlassen und in die Stadt zu ziehen, wo es sicherer f&#xFC;r die beiden ist. Als zum Schluss des Films die beiden jungen M&#xE4;nner nebeneinander vor einem noch im Bau befindlichen Hochhaus in einer zentralasiatischen Gro&#xDF;stadt &#x2013; wom&#xF6;glich Taschkent &#x2013; stehen, erweckt das einerseits Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"565\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-67-1024x565.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33255\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-67-1024x565.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-67-300x165.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-67-768x424.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-67.png 1088w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Szene aus dem Film (Foto bereitgestellt vo goEast-Filmfestival)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Man m&#xF6;chte dem Protagonisten glauben, dass sie hier von nun an sicherer sein werden als auf dem Land. Und doch bleibt ein mulmiges Gef&#xFC;hl, wo doch bekannt ist, dass in Usbekistan homosexuelle Handlungen unter M&#xE4;nnern nach wie vor gesetzlich unter Strafe stehen. Ein mutiger Kurzfilm, der einf&#xFC;hlsam die Beziehungen der Charaktere und das allt&#xE4;gliche Leben im l&#xE4;ndlichen Usbekistan einf&#xE4;ngt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Feministisch und dekolonial &#x2013; die Kurzfilm-Auswahl von DAVRA Collective<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Unter dem Motto der Dekolonialisierung stand auch das Abendprogramm am Samstagabend im Murnau Filmtheater in Wiesbaden, das vom DAVRA Collective kuratiert wurde. Das K&#xFC;nstler*innenkollektiv aus Zentralasien wurde von der usbekischen Regisseurin und Videok&#xFC;nstlerin <a href=\"https:\/\/documenta-fifteen.de\/lumbung-member-kuenstlerinnen\/saodat-ismailova\/\">Saodat Ismailova<\/a> f&#xFC;r die letztj&#xE4;hrige documenta 15 gegr&#xFC;ndet, um weibliche K&#xFC;nstler*innen der j&#xFC;ngeren Generation aus ganz Zentralasien zusammenzubringen und k&#xFC;nstlerischen und inhaltlichen Austausch zu f&#xF6;rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim goEast-Festival pr&#xE4;sentierte das Kollektiv &#x2013; vertreten durch Aida Adilbek und Zumrad Mizalieva &#x2013; eine Auswahl von sieben Kurzfilmen, die teils von Mitgliedern aus dem Kollektiv stammen &#x2013; beispielsweise &#x201E;Send me your words&#x201C; (Aida Adilbek, KAZ 2020) und &#x201E;Autonomy&#x201C; (Zumrad Mizalieva, UZB 2022) &#x2013;, teils aus den Archiven, mit denen die Filmemacherinnen arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeiten, so betonen Mizalieva und Adilbek, sollen zum einen schlicht die Lebensrealit&#xE4;t vor Ort in ihrer Vielfalt zeigen: Das reicht von passiv-aggressiver Kommunikation mit den Nachbar*innen in einem hellh&#xF6;rigen sowjetischen Hochhaus durch Klopfen auf Heizk&#xF6;rper&#xA0; (&#x201E;Send me your Words&#x201C;, Aida Adilbek, KAZ 2020) &#xFC;ber einen als Touristenattraktion gehaltenen Steinadler, der argw&#xF6;hnisch die Waldarbeiten in den Bergen Kirgistans zu beobachten scheint (&#x201E;Escape from Freedom&#x201C;, Art-group &#x201E;Strekooza&#x201C;, KGZ 2010), hin zu Alltagst&#xE4;tigkeiten wie der Zubereitung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pilaw\">Plov<\/a> (&#x201E;Hard to digest&#x201C;, Nazira Kamiri, TJK 2021) und dem Herstellen von traditionellen Teppichen im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pamir_(Gebirge)\">Pamir<\/a> (Madina Saidshoeva, TJK 2022).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/goliath-eine-parabel-der-macht\/\">&#x201E;Goliath&#x201C; &#x2013; eine Parabel der Macht<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wird deutlich, dass sich die Beobachtung oder Darstellung von Allt&#xE4;glichem nur schwer von Politischem trennen l&#xE4;sst: So etwa in &#x201E;Autonomy&#x201C;, einem Kurzfilm von Zumrad Mizalieva (UZB 2022), der infrage stellt, ob eine usbekische Frau tats&#xE4;chlich nur als Mutter ihre Erf&#xFC;llung finden kann. Oder im Kurzfilm &#x201E;I met a girl&#x201C; (Alla Rumyantseva, TJK 2014), der die Rolle der Frau in Tadschikistan kritisch beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Feministische Perspektiven scheinen generell sehr pr&#xE4;sent in dieser Kurzfilmauswahl: So werden immer wieder traditionelle Rollenbilder und Erwartungen an Frauen und M&#xFC;tter infrage gestellt. Ebenso spielt die Auseinandersetzung mit der kolonialen Sowjetvergangenheit der zentralasiatischen L&#xE4;nder eine wichtige Rolle &#x2013; mal subtiler und hintergr&#xFC;ndiger, mal schmerzhaft deutlich wie im Stop-Motion-Film &#x201E;All the Dreams we dream&#x201C; von Asel Kadyrkhanova, der die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hungersnot_in_Kasachstan_von_1930&#x2013;33\">Hungersnot in Kasachstan<\/a> in den 1930er Jahren als Folge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft thematisiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"568\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-73-1024x568.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33261\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-73-1024x568.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-73-300x166.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-73-768x426.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2023\/05\/Screenshot-73.png 1262w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Szene aus &#x201E;All the dreams we dream&#x201C; (Foto bereitgestellt vom goEast-Filmfestival)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den sieben Kurzfilmen vorangestellt wurde der Kurzfilm &#x201E;The Burden of Virginity&#x201C; der usbekischen Filmemacher:innen und Aktivist:innen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Umida_Akhmedova\">Umida Ahmedova<\/a> und Oleg Karpov, die Adilbek und Mizalieva als wichtige Vorbilder f&#xFC;r das DAVRA Collective beschreiben. Der Film nimmt den Mythos der Jungfr&#xE4;ulichkeit in den Blick und l&#xE4;sst Frauen zu Wort kommen, deren T&#xF6;chter Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren, weil sie die &#x201E;&#xDC;berpr&#xFC;fung&#x201C; ihrer Jungfr&#xE4;ulichkeit nicht bestanden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kontrastiert werden diese Gespr&#xE4;che mit Bildern von Hochzeitsvorbereitungen. Der Film war bei seiner Ver&#xF6;ffentlichung bereits ein gro&#xDF;es Politikum: F&#xFC;r den bereits 2008 erschienenen Film wurde Akhmedova nach seiner Ver&#xF6;ffentlichung wegen &#x201E;Verleumdung und Beleidigung des usbekischen Volkes und seiner Traditionen&#x201C; angeklagt und verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zwischen Filmkunst und Aktivismus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>&#x201E;The Burden of Virginity&#x201C; zeigt von allen Kurzfilmen am deutlichsten, wie sehr beim zentralasiatischen Kurzfilm die Grenzen zwischen Aktivismus und Kunst verschwimmen. Das ist teils auch den strukturellen Umst&#xE4;nden geschuldet: Neben den noch immer stark sowjetisch gepr&#xE4;gten Kino- und Filminstitutionen in den zentralasiatischen L&#xE4;ndern, die sowohl Inhalte als auch k&#xFC;nstlerische Techniken nach wie vor stark pr&#xE4;gen, gibt es kaum M&#xF6;glichkeiten, sich alternativ auszudr&#xFC;cken oder auszubilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger &#x2013; das betonen die zentralasiatischen Filmemacher*innen vor Ort in Wiesbaden immer wieder &#x2013; ist der Austausch zwischen K&#xFC;nstler*innen und das Schaffen von lokalen, unabh&#xE4;ngigen Netzwerken. Gerade junge Filmemacher:innen, die mit ihren politischen Meinungen und k&#xFC;nstlerischen Positionen in den teils autorit&#xE4;r regierten zentralasiatischen Staaten anecken, sind auf Netzwerke wie das DAVRA Collective angewiesen, um sich weiterentwickeln zu k&#xF6;nnen und F&#xF6;rdergelder zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>So lassen sich die zentralasiatischen Kurzfilmbeitr&#xE4;ge beim diesj&#xE4;hrigen goEast-Festival auch als aktivistische Intervention verstehen und zeigen, wie viel Aufbruchsstimmung derzeit in der k&#xFC;nstlerischen Szene in Zentralasien zu herrschen scheint. Nur in Turkmenistan scheint die repressiv-autorit&#xE4;re Regierung jegliche unabh&#xE4;ngige Filmkunst unm&#xF6;glich zu machen, wie auch zentralasiatische Filmemacher:innen wie <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/die-regisseurin-anisa-sabiri-mit-einem-film-ueber-tadschikische-rituelle-musik\/\">Anisa Sabiri<\/a> aus Tadschikistan beim Symposium bedauern &#x2013; aus diesem zentralasiatischen Land findet sich daher auch beim Festival kein einziger Filmbeitrag.&#xA0;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Kurzfilme &#x201E;Aralkum&#x201C;, &#x201E;Neither in the Mountains nor in the Fields&#x201C; und &#x201E;Ertak&#x201C; sind noch bis 18. Mai auf der <a href=\"https:\/\/films.klassiki.online\/goeast-film-festival\">Klassiki<\/a> verf&#xFC;gbar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Annkatrin M&#xFC;ller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background\"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len: Schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. F&#xFC;r Zentralasien direkt in eurer Mailbox k&#xF6;nnt ihr euch auch zu unserem <a href=\"http:\/\/eepurl.com\/O0Qub\">w&#xF6;chentlichen Newsletter anmelden<\/a>.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Motto &#x201E;Decolonizing the (post-)soviet screen&#x201C; fand vom 26. April bis 2. Mai 2023 das 23. goEast Festival des mittel- und osteurop&#xE4;ischen Films in Wiesbaden statt. Dem Schwerpunkt Dekolonialisierung widmeten sich unter anderem zahlreiche Kurzfilmbeitr&#xE4;ge &#x2013; auch aus Zentralasien. Nicht erst seit dem 24. Februar 2022 h&#xF6;rt man den Begriff der Dekolonialisierung im Hinblick [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":491,"featured_media":33256,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4357,4,3,6,5],"tags":[4813,4870,1318,3197,1198,3774],"coauthors":[2636],"class_list":["post-33253","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft-und-kultur","category-kasachstan","category-kirgistan","category-tadschikistan","category-usbekistan","tag-dekolonialisierung","tag-dekolonialitaet","tag-film","tag-goeast-fimfestival","tag-kultur","tag-kurzfilm"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33253","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/491"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33253"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33253\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33253"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33253"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33253"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=33253"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}