{"id":33170,"date":"2023-05-11T19:50:36","date_gmt":"2023-05-11T17:50:36","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=33170"},"modified":"2023-09-06T13:43:12","modified_gmt":"2023-09-06T11:43:12","slug":"bruecken-der-erinnerung-eine-konferenz-zur-dekolonisierung-in-bischkek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/bruecken-der-erinnerung-eine-konferenz-zur-dekolonisierung-in-bischkek\/","title":{"rendered":"\u201eBr\u00fccken der Erinnerung\u201c: Eine Konferenz zur Dekolonisierung in Bischkek"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Konferenz in Bischkek stellt die herrschende Erinnerungspolitik in Kirgistan und im gesamten postsowjetischen Raum in Frage. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist das Thema aktueller und wichtiger denn je.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht unproblematisch, in Kirgistan &#xFC;ber Dekolonisierung zu sprechen. Eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/alybaeva8\/status\/1636362689810399238\">Studentin<\/a> der <a href=\"https:\/\/auca.kg\/\">American University of Central Asia<\/a> berichtet davon, dass die Leitung der eigentlich f&#xFC;r liberal geltenden Universit&#xE4;t Druck auf sie ausge&#xFC;bt habe, weil sie die Dekolonisierung Kirgistans zum Thema ihrer Doktorarbeit machte. Sie sei dazu aufgefordert worden, ihrer Arbeit einen &#x201E;<em>neutraleren<\/em>&#x201C; Titel zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie <a href=\"https:\/\/rus.azattyk.org\/a\/32327513.html\">Radio Azattyk<\/a>, der kirgisische Dienst von Radio Liberty, berichtet, l&#xF6;ste ihr Tweet eine Welle der Solidarit&#xE4;t in der Studierendenschaft aus, infolge derer der allzu starke Einfluss Russlands auf die universit&#xE4;re Lehre angeprangert wurde. Einmal mehr hat sich damit gezeigt, dass die Dekolonisierung in Kirgistan noch immer ein Tabu ist. Ein Teil der kirgisischen Zivilgesellschaft nimmt sich dem Thema nichtsdestotrotz an.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Risse im kollektiven Ged&#xE4;chtnis schlie&#xDF;en<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Vom 17. bis zum 19. M&#xE4;rz veranstaltete die Organisation <a href=\"https:\/\/ru.esimde.org\/\">Esimde<\/a> (das kirgisische Wort bedeutet auf Deutsch &#x201E;<em>Ich erinnere mich<\/em>&#x201C;) am Museum der Sch&#xF6;nen K&#xFC;nste von Bischkek eine Konferenz mit dem Titel &#x201E;<em>Br&#xFC;cken der Erinnerung<\/em>&#x201C;. Im Rahmen der Konferenz diskutierten K&#xFC;nstler:innen, Aktivist:innen und Akademiker:innen &#xFC;ber Themen der Erinnerung und der Dekolonisierung nicht nur in Kirgistan, sondern im gesamten postsowjetischen Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Esimde wurde 2018 mit dem Ziel gegr&#xFC;ndet, die kirgisische und zentralasiatische Geschichte und Erinnerungskultur des 20. und des 21. Jahrhunderts zu erforschen und zu verstehen. Forschung, Diskussionsveranstaltungen und Workshops sollen eine in Vergessenheit geratene Vergangenheit sichtbar machen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"flex flex-col md:flex-row justify-evenly items-center bg-yellow-100 my-20 p-10 space-y-10 subscribe\">\n\t<div class=\"container flex flex-col lg:flex-row justify-between\">\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-3\/5 pb-4\">\n\t\t\t<h2 class=\"text-3xl text-secondary font-bold mb-4 text-[#749D02]\">\n\t\t\t\t\t\t\t\tUnterst&#xFC;tzt Novastan &#x2013; das europ&#xE4;ische Zentralasien-Magazin \n\t\t\t<\/h2>\n\t\t\t\tAls vereinsgetragene, unabh&#xE4;ngige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#x2013; und von eurer Unterst&#xFC;tzung! \n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"flex flex-col w-full lg:w-2\/5 justify-items-center justify-center pb-4\">\n\t\t\t<div class=\"rounded-md bg-accent-500 px-10 py-5 text-center w-72 mx-auto\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a class=\"block rounded bg-white p-2 mt-4 font-bold\" href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Novastan unterst&#xFC;tzen<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Das Projekt finanziert sich ausschlie&#xDF;lich &#xFC;ber Crowdfunding sowie den Verkauf von Publikationen. Seit 2018 macht sich Esimde daran, ein Archiv der von der Kolonialmacht ermordeten und juristisch verfolgten Personen zu schaffen. &#x201E;<em>Viele Menschen konsultieren unsere Archive auf der Suche nach den Namen von Verwandten<\/em>&#x201C;, erkl&#xE4;rt die Historikerin und Leiterin des Projekts, Elmira Dogojbajewa, Novastan gegen&#xFC;ber. &#xA0;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besucher:innen sind eingeladen, ihre pers&#xF6;nliche Geschichte zu erz&#xE4;hlen. Aus der Vielzahl der individuellen Geschichten soll sich das Mosaik der Makrogeschichte ergeben. &#x201E;<em>Teilen Sie Ihre Geschichte! Falls Sie etwas zu teilen haben: eine pers&#xF6;nliche Geschichte, ein Tagebuch, die Geschichte Ihrer Familie, Ihrer Gro&#xDF;eltern, Ihres Dorfes oder Ihrer Stadt &#x2013; wir k&#xF6;nnen sie ver&#xF6;ffentlichen<\/em>&#x201C;, l&#xE4;dt die Webseite des Projekts ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen\/\">Sprache als Mittel zur Identit&#xE4;tsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch das ist nicht die einzige zivilgesellschaftliche Initiative, die sich das Ziel gesetzt hat, dem Vergessen entgegenzuwirken. Mehrere Filme sind entstanden, in denen Bruchst&#xFC;cke und Fragmente der kirgisischen Geschichte nachgezeichnet und zusammengesetzt werden. So wurde unl&#xE4;ngst im Novotel-Hotel in Bischkek ein Dokumentarfilm &#xFC;ber die Deportationen in den 1930er Jahren zur Zeit der Hungersnot in der Sowjetunion gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Radio Azzatyk <a href=\"https:\/\/rus.azattyk.org\/a\/31974770.html\">berichtet<\/a>, brachen im August letzten Jahres mehrere B&#xFC;rger:innen von Bischkek zu einem mehrt&#xE4;gigen Fu&#xDF;marsch nach Tossor im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gebiet_Yssykk%C3%B6l\">Gebiet Yssykk&#xF6;l<\/a> auf, um dem Aufstand Tausender Zentralasiaten gegen das Russische Kaiserreich von 1916 zu gedenken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Dekonstruktion von Kolonialismus &#x2013; Rekonstruktion von Identit&#xE4;t<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bei der Er&#xF6;ffnung der Konferenz vom 17. M&#xE4;rz betonte Dogojbajewa die zentrale Rolle der Erinnerung f&#xFC;r die (Re-)Konstruktion der kollektiven Identit&#xE4;t. Sich in Zentralasien mit der Vergangenheit zu besch&#xE4;ftigen, bedeutet zwangsl&#xE4;ufig eine Auseinandersetzung mit der Kolonialherrschaft. In diesem Sinn hinterfragt &#x201E;<em>Br&#xFC;cken der Erinnerung<\/em>&#x201C; das vorherrschende russischen Narrativ, das auch weiterhin viele Bereiche der kirgisischen Gesellschaft bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem <a href=\"https:\/\/cabar.asia\/en\/elmira-nogoibaeva-memory-as-a-strong-tool-of-return-to-own-identity\">Interview<\/a>, das Dogojbajewa dem Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR) gegeben hat, erkl&#xE4;rt die Historikerin, dass in den Schulb&#xFC;chern die Geographie und die Geschichte Kirgistans noch immer in Begriffen der Sowjetzeit dargestellt werden, &#x201E;<em>mit der gleichen kolonialen Sprache<\/em>&#x201C;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sowjetunion ist in Kirgistan mit unz&#xE4;hligen historischen Monumenten im &#xF6;ffentlichen Raum pr&#xE4;sent: In jedem Dorf, in jeder Stadt findet sich eine Lenin-B&#xFC;ste. Der Erinnerung an die zaristischen und sowjetischen Repressionen wurde hingegen, die Gedenkst&#xE4;tte Ata-Bejit ausgenommen, kaum Platz einger&#xE4;umt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/sie-flohen-vor-den-pistolenkugeln-und-starben-am-widrigen-klima\/\"><strong>&#x201E;Sie flohen vor den Pistolenkugeln und starben am widrigen Klima&#x201C;<\/strong><\/a><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An der von Esimde organisierten Konferenz haben prominente Wissenschaftler:innen wie <a href=\"https:\/\/cisa.ndu.edu\/About\/Faculty-and-Staff\/Article-View\/Article\/2168331\/dr-erica-marat\/\">Erica Marat<\/a> von der National Defense University in Washington, D.C. oder die Anthropologin <a href=\"https:\/\/daviscenter.fas.harvard.edu\/about\/people\/asel-dooletkeldieva\">Asel Dooletkeldieva<\/a>, teilgenommen. Auch andere Akademiker:innen waren anwesend, um ihre Arbeit &#xFC;ber die Entwicklung der Erinnerung an die Kolonialzeit im postsowjetischen Raum vorzustellen: Bahrom Irzayev, Forschungsleiter am Museum der Repressionsopfer in Taschkent, sprach &#xFC;ber Usbekistan; Anton Vatcharadze, Forscher am <a href=\"https:\/\/idfi.ge\/en\">Institute for Development of Freedom of Information<\/a> in Tblissi, sprach &#xFC;ber Georgien.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die herrschende Erinnerungspolitik in Frage stellen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Besonders kritisiert wurde auf der Konferenz das Fehlen einer koh&#xE4;renten Erinnerungspolitik seitens der kirgisischen Regierung. Dogojbajewa und viele der anwesenden Historiker:innen beklagten, dass die Staatsarchive immer noch unter Verschluss gehalten werden, weil das die historische Forschung &#xFC;ber die koloniale Vergangenheit und das Ausma&#xDF; der Repressionen behindert, denen die kirgisische Bev&#xF6;lkerung zur Zeit der Sowjetunion ausgesetzt gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#x201E;<em>Die &#xD6;ffnung der Archive ist beinahe im gesamten postsowjetischen Raum ein Problem<\/em>&#x201C;, erkl&#xE4;rt der Vorsitzende der NGO Memorial Russland, Jan Raczynski, anl&#xE4;sslich eines Vortrags. &#x201E;<em>Hunderttausende von Menschen wissen nicht, was mit ihren Angeh&#xF6;rigen geschehen ist und wo sie begraben liegen<\/em>&#x201C;.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember letzten Jahres war Esimde Teil der Initiative f&#xFC;r einen <a href=\"http:\/\/kenesh.kg\/ru\/article\/show\/9870\/na-obshtestvennoe-obsuzhdenie-s-22-dekabrya-2022-goda-vinositsya-proekt-zakona-o-vnesenii-izmeneniy-v-nekotorie-zakonodatelynie-akti-kirgizskoy-respubliki-o-pravah-i-garantiyah-reabilitirovannih-grazhdan-postradavshih-v-rezulytate-repressiy-za-politicheskie-i-religioznie-ubezhdeniya-po-sotsialynim-natsionalynim-i-drugim-priznakam-o-natsionalynom-arhivnom-fonde-kirgizskoy-respubliki\">Gesetzentwurf<\/a> zur Freigabe der Archive. Der Entwurf wurde von vier Abgeordneten aus verschiedenen Fraktionen getragen. Sie forderten &#x201E;<em>historische Gerechtigkeit<\/em>&#x201C; und wollten alle Opfer der Justiz der Sowjetunion rehabilitieren. Der Text wurde jedoch abgelehnt, wie Gulsat Alagos, eine der mit Esimde assoziierten Forscherinnen, <a href=\"https:\/\/rus.azattyk.org\/a\/32326285.html\">Radio Azattyk<\/a> gegen&#xFC;ber erkl&#xE4;rt. In Kirgistan m&#xFC;ssen die Br&#xFC;cken der Erinnerung erst noch gebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lou Desmoutiers, Journalistin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus dem <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/kirghizstan\/a-bichkek-une-conference-sur-la-decolonisation-questionne-la-politique-memorielle-du-kirghizstan\/\">Franz&#xF6;sischen<\/a> von Lucas K&#xFC;hne<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Konferenz in Bischkek stellt die herrschende Erinnerungspolitik in Kirgistan und im gesamten postsowjetischen Raum in Frage. 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