{"id":30960,"date":"2022-12-07T17:36:19","date_gmt":"2022-12-07T16:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=30960"},"modified":"2023-03-30T17:23:50","modified_gmt":"2023-03-30T15:23:50","slug":"ohne-unnoetigen-laerm-wer-hilft-ukrainerinnen-in-usbekistan-und-aus-welchen-gruenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/ohne-unnoetigen-laerm-wer-hilft-ukrainerinnen-in-usbekistan-und-aus-welchen-gruenden\/","title":{"rendered":"Ohne unn\u00f6tigen L\u00e4rm: Wer hilft Ukrainer:innen in Usbekistan und aus welchen Gr\u00fcnden?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf den ersten Blick hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine das allt&#xE4;gliche Leben der Usbek:innen nicht beeinflusst. Im Gegensatz zu Tiflis und Jerewan sowie anderen post-sowjetischen Hauptst&#xE4;dten wurden in Taschkent keine Proteste vor der russischen Botschaft abgehalten, es wurde nicht mit gelb-blauen Flaggen demonstriert und keine Kundgebungen organisiert. Weder Anti-Kriegs-Initiativen noch humanit&#xE4;re Hilfsaktionen sind in der Stadt bemerkbar. Es entsteht der Eindruck, dass die russischen &#x201E;Umsiedler&#x201C;, die nach Usbekistan kommen, sich mehr um ihre Bankkonten als um das Bekunden ihrer politischen Position sorgen. Der folgende Artikel erschien am 2. November 2022 auf <\/strong><a href=\"https:\/\/hook.report\/2022\/11\/ukraina-i-mi\/\"><strong>Hook.Report<\/strong><\/a><strong>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Weitere Bilder befinden sich im Originalartikel.&#xA0;<\/strong>\n\nAn den Krieg in der Ukraine und die Krise in Russland erinnern in Usbekistan lediglich die rasant steigenden Immobilienpreise und die wachsende Zahl an Zugezogenen. Ansonsten ist die Mehrheit der Menschen mit ihrem Alltag besch&#xE4;ftigt. Der Krieg erscheint als etwas Fernes, das irgendwo auf russischen Fernsehsendern stattfindet. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Bewohner:innen Usbekistans dem Krieg gleichg&#xFC;ltig gegen&#xFC;berstehen.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine betont neutrale Haltung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nF&#xFC;r die offizielle Seite in Taschkent ist der russische Einmarsch in die Ukraine zu einem diplomatischen R&#xE4;tsel geworden. Bereits am zweiten Tag des Krieges telefonierte der usbekische Pr&#xE4;sident Shavkat Mirziyoyev mit Wladimir Putin. Von Seiten des Kremls wurde im Anschluss bekannt gegeben, Mirziyoyev habe &#x201E;Verst&#xE4;ndnis&#x201C; gegen&#xFC;ber den Handlungen Russlands ge&#xE4;u&#xDF;ert. Allerdings sprach die usbekische Seite in ihrer Mitteilung nicht von &#x201E;Verst&#xE4;ndnis&#x201C; und gab lediglich an, dass beide Seiten sich in der Tat &#xFC;ber die Ukraine unterhalten h&#xE4;tten. Dies kann als erstes Zeichen daf&#xFC;r gesehen werden, dass Taschkent aktuell man&#xF6;vrieren muss.\n\nMitte M&#xE4;rz unterst&#xFC;tzte dann der &#x2013; inzwischen ehemalige &#x2013; Au&#xDF;enminister Usbekistans, Abdulaziz Komilov, auf einer Plenarsitzung des Senats offen die territoriale Integrit&#xE4;t der Ukraine. <em>&#x201E;Usbekistan erkennt die Unabh&#xE4;ngigkeit, Souver&#xE4;nit&#xE4;t und territoriale Integrit&#xE4;t der Ukraine an. Die Volksrepubliken Luhansk und Donezk werden von uns nicht anerkannt&#x201C;<\/em>, so der Diplomat. Kamilov sprach anschlie&#xDF;end auch &#xFC;ber Russland und die Ukraine als Partner Usbekistans und rief beide Seiten dazu auf, einen diplomatischen Weg aus der Krise zu finden. Nach dieser Erkl&#xE4;rung verschwand der Au&#xDF;enminister von der Bildfl&#xE4;che. Der offizielle R&#xFC;cktritt im April wurde mit gesundheitlichen Problemen begr&#xFC;ndet und es ist nicht bekannt, ob seine Worte zum Krieg in der Ukraine auch damit in Verbindung standen. Jedoch gab es im Anschluss keine &#xE4;hnlichen Verlautbarungen von Seiten usbekischer Offizieller mehr.\n\n<strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/wechsel-an-der-spitze-der-usbekischen-diplomatie\/\"><strong>Wechsel an der Spitze der usbekischen Diplomatie<\/strong><\/a>\n\nBei der UN-Generalversammlung Mitte Oktober lehnte es Usbekistan dann ab, die Annexion ukrainischen Staatsgebietes durch Russland zu verurteilen und enthielt sich bei der Abstimmung. <em>&#x201E;Usbekistan muss seine Interessen ausbalancieren und die Beziehungen zu seinen Nachbarn aufrechterhalten, insbesondere zu Nachbarn, die auch Handelspartner und wichtige Investitionsquellen sind&#x201C;<\/em>, umriss der US-Botschafter in Taschkent, Daniel Rosenblum, die Situation. Der Vertreter der USA bezeichnete die Neutralit&#xE4;t Taschkents als richtige Strategie und wies darauf hin, dass diese Haltung in Washington verstanden und unterst&#xFC;tzt werde.\n\nGute Beziehungen zu Moskau sind essenziell f&#xFC;r Stabilit&#xE4;t in Usbekistan, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland f&#xFC;r Usbekistan zum f&#xFC;hrenden Handelspartner. Nach Angaben des Ministeriums f&#xFC;r Wirtschaftsentwicklung und Armutsbek&#xE4;mpfung arbeiteten 2021 mehr als eine Millionen usbekische Staatsb&#xFC;rger:innen in Russland. Die Mehrheit dieser Arbeiter:innen &#xFC;berweist ihre Ersparnisse in die Heimat. Dar&#xFC;ber hinaus baut Russland in Usbekistan zwei Atomkraftwerke, f&#xFC;r welche die Kredite ebenfalls von russischer Seite stammen. Gleichzeitig ist es f&#xFC;r Usbekistan wichtig, Beziehungen mit anderen L&#xE4;ndern aufzubauen, neue M&#xE4;rkte zu erschlie&#xDF;en und Investoren anzuziehen. Die Sanktionen gegen Russland wirken sich bereits auf die Logistik aus, da die Haupthandelsrouten zwischen Europa und den Staaten Zentralasiens durch Russland f&#xFC;hren. Unter den gegebenen Umst&#xE4;nden k&#xF6;nnte Taschkent eine zu enge Freundschaft mit Moskau teuer zu stehen kommen.\n\nBisher war Usbekistan f&#xFC;r Russ:innen eine der angenehmsten Destinationen. Bis Ende September funktionierte das russische Zahlsystem &#x201E;Mir&#x201C; in Usbekistan. Weiterhin sind russische Fernsehkan&#xE4;le verf&#xFC;gbar, Russ:innen k&#xF6;nnen Arbeit finden und Bankkonten er&#xF6;ffnen, wobei vor kurzem die Anforderungen der Banken strenger wurden.\n\n<strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/die-folgen-der-russischen-mobilmachung-fuer-zentralasien\/\"><strong>Die Folgen der russischen Mobilmachung f&#xFC;r Zentralasien<\/strong><\/a>\n\nBei all dem ger&#xE4;t in Taschkent auch die Ukraine nicht in Vergessenheit. So erhielt das vom Krieg gebeutelte Land von Usbekistan bereits mehrfach humanit&#xE4;re Hilfen. Dabei handelte es sich bei der letzten Lieferung beispielsweise um Medikamente f&#xFC;r &#xC4;rzte des Milit&#xE4;rs. Vor kurzem wurde zudem auf russischen Staatskan&#xE4;len verlautbart, dass Usbekistan angeblich die Streitkr&#xE4;fte der Ukraine mit Thermounterw&#xE4;sche ausr&#xFC;sten w&#xFC;rde. <em>&#x201E;Wie gef&#xE4;llt euch diese V&#xF6;lkerfreundschaft?&#x201C;<\/em>, kommentierte dazu ein russischer Blogger, der sich f&#xFC;r den Krieg positioniert.\n\nZu einem internationalen Skandal f&#xFC;hrte vor kurzem eine &#xC4;u&#xDF;erung des ukrainischen Journalisten Dmytro Hordon. In seinem Gespr&#xE4;ch mit dem israelischen Unternehmer Leonid Newslin erkl&#xE4;rte er, dass in Usbekistan angeblich iranische Drohnen f&#xFC;r die russische Armee zusammengebaut w&#xFC;rden. Von usbekischer Seite wurde diese Aussage sofort auf verschiedenen Ebenen dementiert. Weiterhin forderte das usbekische Au&#xDF;enministerium von den ukrainischen Machthabenden, auf diese Fake-News zu reagieren. Hordon selbst gab sp&#xE4;ter zu, Usbekistan mit Tadschikistan verwechselt zu haben.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Reaktion der Bev&#xF6;lkerung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nW&#xE4;hrend die offizielle Position Taschkents klar zu sein scheint, stellt sich das Bild in Bezug auf die usbekische Bev&#xF6;lkerung komplizierter dar. Im Gegensatz zu den Machthabenden sind viele der Usbek:innen nicht mit der Neutralit&#xE4;t ihres Landes einverstanden und nehmen h&#xE4;ufiger eine parteiliche Position ein. So &#xE4;u&#xDF;erten sich in den ersten Tagen des Krieges eine ganze Reihe usbekischer Blogger:innen deutlich gegen den Angriff. &#x201E;<em>Die Bev&#xF6;lkerung Russlands ist &#xE4;rmer als diejenige Portugals, Bruneis und circa 40 anderer Staaten. Ganz Russland ist &#xE4;rmer als der Staat Kalifornien f&#xFC;r sich allein genommen. Aber das st&#xF6;rt Sowjet- und Putinliebhaber nicht. Sie leben nach seltsamen Prinzipien. &#x201E;Wozu brauchen wir die Wirtschaft, wenn wir Raketen und Superwaffen haben&#x201C;<\/em>&#x201C;, schreibt der Blogger Ali Kahhorov auf seinem Kanal.\n\nAussagen, die sich gegen den Krieg richten, gab es nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Institutionen. So sprach sich etwa die unabh&#xE4;ngige Galerie 139 Documentary Center gegen den Krieg aus. Ihre Gr&#xFC;nder:innen organisierten eine Spendenaktion zu Gunsten der humanit&#xE4;ren Projekte <a href=\"https:\/\/vostok-sos.org\/en\/\">Vostok SOS<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.libereco.org\/\">Libereco<\/a>. In Bezug auf den Krieg in der Ukraine &#xE4;u&#xDF;erten sich auch einige unabh&#xE4;ngige Medien.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/russlands-druck-auf-zentralasiatische-medien-nimmt-zu\/\"><strong>Russlands Druck auf zentralasiatische Medien nimmt zu<\/strong><\/a><\/h5>\n\n\n\n<p>\n&#xDC;ber die Anti-Kriegs-Haltung in Usbekistan erschien sogar ein Beitrag auf dem russischen Staatskanal &#x201E;Rossija24&#x201C;. Dabei bezeichnete der Moderator Robert Franzev die Influencer als &#x201E;Pseudojournalisten&#x201C; und &#x201E;Teilnehmer westlicher Stipendienprogramme&#x201C;. Laut ihm &#x201E;<em>teilt nicht jeder in Usbekistan die kluge und wohldurchdachte Politik der Staatsf&#xFC;hrung<\/em>&#x201C;. In einem gewissen Sinne liegt Franzev damit nicht falsch. In privaten Unterhaltungen mit Usbek:innen trifft man sowohl auf pro-russische als auch auf pro-ukrainische Ansichten.\n\n&#x201E;<em>Unter meinen Bekannten besch&#xE4;ftigt jeden das Thema<\/em>&#x201C;, erz&#xE4;hlt die Taschkenter Bewohnerin Kira Valitova (Anm.: Name auf Wunsch ge&#xE4;ndert). &#x201E;<em>Ich wei&#xDF;, dass ich in einer gewissen Blase lebe, aber ich kenne nicht eine Person mit einer neutralen Haltung. Die Menschen in meinem Alter <\/em>(Anm.: Ende der 1980er, Anfang der 1990er geboren)<em> sind praktisch alle gegen den Krieg. Diejenigen, die etwas &#xE4;lter sind, also die Generation unserer Eltern und Gro&#xDF;eltern, rechtfertigen die Handlungen Russlands. Ich kenne auch Gleichaltrige, die ebenfalls f&#xFC;r den Krieg sind, aber mir scheint, dass dies teilweise nicht ihre eigene Sichtweise ist.<\/em>&#x201C; Kira selbst gibt an, mehrmals Geld an humanit&#xE4;re Hilfsorganisationen zu Gunsten der Ukrainer:innen &#xFC;berwiesen zu haben. Laut ihr hat sie lediglich einen Bekannten, der ebenfalls spendete.\n\n<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a><\/strong> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\n\nW&#xE4;hrend des Gespr&#xE4;chs nennt Kira eine Person namens Sergey Kim, der Geldspenden f&#xFC;r Ukrainer:innen organisiert. Ihr zufolge ist Kim der Einzige in Taschkent, der eine solche Initiative ergriffen hat. W&#xFC;rde es in Usbekistan mehr Hilfsprojekte f&#xFC;r Ukrainer:innen wie dieses geben, w&#xE4;re Kira zu weiteren Spenden bereit. &#x201E;<em>Ich bin mir nicht sicher, ob ich als Freiwillige helfen w&#xFC;rde, da ich mir um meine mentale Gesundheit Sorgen mache, aber was Spenden angeht, w&#xE4;re ich auf jeden Fall dabei<\/em>&#x201C;, fasst unsere Gespr&#xE4;chspartnerin zusammen.\n\nDavon, dass die Haltung der Usbek:innen mit ihrem Alter und sozialen Status zusammenh&#xE4;ngt, erz&#xE4;hlt auch Daniil (Anm.: Name auf Wunsch ge&#xE4;ndert). Der junge Mann reiste Anfang M&#xE4;rz aus Moskau nach Taschkent. &#x201E;<em>Im Fr&#xFC;hjahr kam zu uns ein Klempner ins Haus, der sich genau wie das russische Fernsehen anh&#xF6;rte. Er meinte, Russland k&#xE4;mpfe nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Amerika, und dass die USA alles angezettelt h&#xE4;tten<\/em>&#x201C;, erinnert sich unser Gespr&#xE4;chspartner. &#x201E;<em>Unser Immobilienmakler sagte sogar, dass er hoffe, dass es den Usbeken erlaubt werde zu k&#xE4;mpfen, denn dann w&#xFC;rde er losziehen, um Russland zu verteidigen<\/em>&#x201C;.\n\n<strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/wie-russland-zentralasiatische-buerger-fuer-den-krieg-in-der-ukraine-anwirbt\/\"><strong>Wie Russland zentralasiatische B&#xFC;rger f&#xFC;r den Krieg in der Ukraine anwirbt<\/strong><\/a>\n\nAm Ende seiner Erz&#xE4;hlung sagt Daniil allerdings, dass die Mehrheit seiner Bekannten in Taschkent eine Anti-Kriegs-Haltung teilen w&#xFC;rde. &#x201E;<em>Aber das sind meistens fortschrittliche oder kreative Leute mit guter Bildung, von denen viele schon in anderen L&#xE4;ndern gelebt haben<\/em>&#x201C;, sagt der junge Mann. Au&#xDF;erdem gibt er zu bedenken, dass viele Usbek:innen wenig &#xFC;ber Politik sprechen und sich eher um die Wirtschaft oder pers&#xF6;nliche Probleme sorgen.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>&#x201E;Ich half wie auch immer ich konnte&#x201C;<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nSergey Kim hat ungef&#xE4;hr 20 Tausend Follower:innen auf Instagram. Viele in Taschkent kennen ihn als erfolgreichen Marketingmanager und Gr&#xFC;nder der Kreativagentur &#x201E;Sekta&#x201C;. Diese Bekanntheit nutzt Sergey, um Spenden f&#xFC;r Ukrainer:innen zu sammeln. Zu Beginn des Krieges gr&#xFC;ndete er daf&#xFC;r das Projekt &#x201E;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/helpukraine.uz\/\">Help Ukraine from Uzbekistan<\/a>&#x201C;, welches Bewohner:innen der Ukraine unterst&#xFC;tzt, die aufgrund der russischen Invasion leiden.\n\n&#x201E;<em>Als der Krieg begann, war ich nicht dazu in der Lage zu arbeiten oder irgendetwas Normales zu tun. Dadurch, dass ich ein Team von Mitarbeiter:innen leite, werden von mir wichtige Entscheidungen erwartet. Aber in diesen Tagen konnte ich einfach nicht klar denken. Das war ein Zustand, in dem man nicht die ganze Zeit an den Krieg denken kann, aber nicht an ihn zu denken auch nicht gelingt<\/em>&#x201C;, erz&#xE4;hlt Sergey Kim. Ihn verbindet viel mit der Ukraine. W&#xE4;hrend der vergangenen zwei Jahre war er f&#xFC;nf Mal in der Ukraine, besuchte seine Schwester, die in Kyiv lebt, und verbrachte Zeit mit Freund:innen in Charkiv.\n\n&#x201E;<em>Mit der Ukraine als Land und &#x2013; was das Wichtigste ist &#x2013; mit ihren Menschen bin ich gut vertraut. Deshalb hatte ich, als der Krieg begann, Zugang zu Informationen aus erster Hand. Freund:innen und Verwandte schickten mir Fotos von Beschuss, Selfies aus Kellern und Videos von &#xDC;berfl&#xFC;gen<\/em>&#x201C;. All dies lud Sergey auf seinem Instagramprofil hoch. Seine Follower:innen erkundigten sich bei ihm, wie man helfen und wohin man spenden k&#xF6;nne.\n\nIn den ersten Wochen des Krieges suchte Sergey nach einem Hilfsprojekt, dem er sich anschlie&#xDF;en k&#xF6;nnte. Eine solche Organisation konnte er jedoch in Usbekistan nicht finden. Deshalb beschoss er, selbst zu handeln. &#x201E;<em>Anfangs spendeten wir an die Streitkr&#xE4;fte der Ukraine und kleine Freiwilligenorganisationen in der Ukraine. Dann konzentrierten wir uns auf gezielte Hilfen. So haben wir unter anderem 40 Lebensmittelpakete f&#xFC;r Chernihiv gekauft. F&#xFC;r Familien haben wir Geld f&#xFC;r Kleidung, Spielzeug und Stromgeneratoren gesammelt.<\/em>&#x201C; Auf diese Weise entstand das Projekt &#x201E;Help Ukraine from Uzbekistan&#x201C;.\n\nUm schneller diejenigen zu finden, die Hilfe ben&#xF6;tigen, setzte sich Sergey mit der Botschaft der Ukraine in Taschkent in Verbindung. Diese stellte den Freiwilligen eine Liste der Gefl&#xFC;chteten zur Verf&#xFC;gung, die sich in Usbekistan aufhalten. Sie begannen den Gefl&#xFC;chteten bei der Wohnungssuche, mit Lebensmitteln und Bewerbungen um Arbeitspl&#xE4;tze zu helfen. Auf Instagram und Telegram berichten die ehrenamtlichen Helfer:innen von ihrer Arbeit. &#x201E;<em>Zurzeit helfen wir drei Familien. Zwei von ihnen wohnen in Taschkent, eine in Samarkand, sie kommen aus Mariupol<\/em>&#x201C;, erz&#xE4;hlt Sergey. &#x201E;<em>Unsere Aufgabe ist dann erf&#xFC;llt, wenn alle Anfragen bearbeitet sind, wenn die Menschen eine Unterkunft gefunden haben, mit dem N&#xF6;tigsten versorgt sind und wir ihnen bei der Arbeitssuche geholfen haben<\/em>.&#x201C;\n\nDie Ukrainer:innen zu unterst&#xFC;tzen ist Dank der Beteiligung von Usbek:innen m&#xF6;glich, die dem Thema nicht gleichg&#xFC;ltig gegen&#xFC;ber stehen. Laut den Erz&#xE4;hlungen von Sergey helfen die Menschen, wo sie k&#xF6;nnen. Manche spenden Geld, andere Gegenst&#xE4;nde. &#x201E;<em>Wir hatten den Fall, dass ein Mann uns kontaktierte und schrieb, dass er eine Zweizimmerwohnung bei der Station &#x201E;Kosmonavtlar&#x201C;<\/em> (Anm.: diese befindet sich in einem der zentralen Stadtteile Taschkents) <em>habe und bereit sei, diese f&#xFC;r ein halbes Jahr kostenlos zur Verf&#xFC;gung zu stellen. Letzten Endes zog dort eine Familie &#x2013; eine Mutter und ihre erwachsene Tochter &#x2013; ein.&#x201C;<\/em>\n\nDerzeit arbeiten 14 Freiwillige bei &#x201E;Help Ukraine from Uzbekistan&#x201C; mit. Dem Team ist es gelungen, klare Strukturen bei der Zusammenarbeit zu schaffen. Eine Person k&#xFC;mmert sich um die F&#xE4;lle, andere kaufen ein oder koordinieren das Team. Ungef&#xE4;hr die H&#xE4;lfte der Freiwilligen sind Bekannte von Sergey. Die Restlichen stie&#xDF;en &#xFC;ber soziale Medien auf das Projekt. Bislang ist &#x201E;Help Ukraine from Uzbekistan&#x201C; das einzige zivilgesellschaftliche Hilfsprojekt f&#xFC;r Ukrainer:innen in Usbekistan. Es ist unter anderem auch im Online-Verzeichnis <a href=\"https:\/\/reshim.org\/projects\">&#x201E;Reshim&#x201C;<\/a> zu finden, in welchem Hilfsinitiativen f&#xFC;r die Ukraine aus der ganzen Welt aufgef&#xFC;hrt werden.\n\n<\/p>\n\n\n\t\t\t<div class=\"hp-newsletter col-span-3 lg:col-span-1 flex flex-col bg-primary-100 border-t-8 border-secondary-500 rounded-lg justify-center items-center lg:items-stretch px-6 py-6 gap-4 box-border\">\n\t\t\t<div class=\"flex\">\n\t\t\t\t<div class=\"enveloppe\">\n\t\t\t\t\t<i class=\"far fa-envelope text-5xl text-secondary-300\"><\/i>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"formulaire_nl\">\n\t\t\t\t\t<p>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"font-bold text-xl block\">Ganz Zentralasien in deiner Mailbox<\/span>\n\t\t\t\t\t\tAbonniert unseren w&#xF6;chentlichen Newsletter\t\t\t\t\t<\/p>\n\t\t\t\t\t<form class=\"flex w-3\/4 lg:w-full\" action=\"https:\/\/us4.list-manage.com\/subscribe?u=6a15a2256d412b041fdec39e8&amp;id=d479236523\" method=\"post\" id=\"mc-embedded-subscribe-form\" name=\"mc-embedded-subscribe-form\" target=\"_blank\" novalidate=\"\">\n\t\t\t\t\t\t<input class=\"flex-grow py-2 px-3 border border-primary-300 rounded-l\" type=\"email\" placeholder=\"Email\" name=\"EMAIL\" id=\"mce-EMAIL\">\n\t\t\t\t\t\t<button class=\"bg-secondary-500 py-2 px-3 text-white rounded-r-md border border-secondary-500\" type=\"submit\" value=\"\" name=\"subscribe\">Registrieren<\/button>\n\t\t\t\t\t<\/form>\n\n\t\t\t\t\t<a href=\"#\" class=\"underline text-secondary-700\">Entdeckt die neueste Ausgabe<\/a>\n\t\t\t\t<\/div>\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div><!-- newsletter -->\n\t\t\n\n\n\n<p>\n\n&#x201E;<em>Was Binnenfl&#xFC;chtlinge betrifft, gibt es in Usbekistan nur wenige Ukrainer:innen. Beispielsweise hatten wir eine Familie &#x2013; der Mann ist Usbeke, die Frau Ukrainerin. Sie lernten sich bei Kyiv kennen, heirateten und bekamen ein Kind. Nach Beginn des Krieges reisten sie nach Usbekistan zu seinen Verwandten aus, aber die Verwandten nahmen sie nicht auf. Und F&#xE4;lle wie dieser kommen h&#xE4;ufig vor. Spontan fallen mir noch circa drei weitere Familien mit einer &#xE4;hnlichen Situation ein. Sie reisten nach Usbekistan zu Verwandten oder Freund:innen und wurden allein gelassen<\/em>.&#x201C;\n\nVon staatlicher Seite wird die Arbeit der Freiwilligen nicht gest&#xF6;rt, der usbekische Staat unterst&#xFC;tzt das Projekt aber auch nicht. &#x201E;<em>Von Leuten, die verschiedenen staatlichen Strukturen nahestehen, habe ich geh&#xF6;rt, dass man uns wahrscheinlich beobachtet. Aber niemand legt uns Steine in den Weg. Unterm Strich kann man sagen, dass es vollkommen legal und ungef&#xE4;hrlich ist, aus Usbekistan heraus Ukrainer:innen zu helfen<\/em>&#x201C;, sagt Sergey zusammenfassend.\n\n&#x201E;<em>Es gibt eine Reihe von Gesch&#xE4;ftsleuten im Land, die die Ukraine aus politischen Gr&#xFC;nden nicht offen finanziell unterst&#xFC;tzen k&#xF6;nnen. Sie haben eine eindeutige Anti-Kriegs-Haltung, aber bisher sind sie nicht bereit, &#xF6;ffentlich zu helfen. Gleichzeitig wollen die Menschen spenden, sind bereit sich an den Hilfen zu beteiligen, aber man muss ihnen ein f&#xFC;r sie geeignetes Modell bieten.<\/em>&#x201C; Gegen Ende des Gespr&#xE4;chs gibt Sergey zu, dass die Aktivit&#xE4;t als Freiwilliger f&#xFC;r ihn pers&#xF6;nlich zum Rettungsanker geworden ist. &#x201E;<em>Ich m&#xF6;chte gar nicht verbergen, dass hinter meiner Motivation unter anderem auch steckt, meine mentale Gesundheit zu erhalten. Die Freiwilligenarbeit hilft ungemein dabei. Und oft stelle ich mir auch vor, wieder in die Ukraine zu reisen, dort meine Freund:innen und meine Schwester wiederzusehen, ihnen die Hand zu sch&#xFC;tteln und sagen zu k&#xF6;nnen, dass ich tats&#xE4;chlich geholfen habe, wie ich nur konnte.<\/em>&#x201C;\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>&#xD6;rtliche Besonderheiten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nUsbekistan ist ein Land, in dem es nicht &#xFC;blich ist, einen offenen politischen Diskurs zu f&#xFC;hren. Dies kann sowohl auf den kulturellen als auch auf den sozialen Hintergrund zur&#xFC;ckgef&#xFC;hrt werden. &#xA0;&#xD6;ffentliche Meinungs&#xE4;u&#xDF;erungen sind zwar nicht per se be&#xE4;ngstigend, jedoch irritierend f&#xFC;r die Beh&#xF6;rden. Menschen mit Fahnen und Parolen werden als St&#xF6;renfriede und Provokateure wahrgenommen. Jegliche basisdemokratische Initiative erscheint verd&#xE4;chtig und wirft Fragen auf. Alle Probleme &#x2013; von allt&#xE4;glichen bis hin zu denjenigen mit landesweiter Bedeutung &#x2013; werden &#xFC;blicherweise hinter verschlossenen T&#xFC;ren gel&#xF6;st, nach dem Motto: Wenn du handelst, dann agiere leise. Deshalb werden Hilfsprojekte im Land in aller Stille gestartet, ruhig und ohne gro&#xDF;en Pomp humanit&#xE4;re Hilfe gesendet und stillschweigend Spenden &#xFC;berwiesen. All dies geschieht hinter einer Fassade von Ruhe und unter Betonung der Neutralit&#xE4;t.\n\n&#x201E;<em>Mir scheint es, dass unsere Regierung aktuell keinen Ausweg findet&#x201C;, <\/em>merkt Kira an. <em>&#x201E;Wie man es auch dreht und wendet, wir h&#xE4;ngen stark von Russland ab und k&#xF6;nnen nichts daran &#xE4;ndern. Sie versuchen das Land einigerma&#xDF;en stabil zu halten.<\/em>&#x201C; Au&#xDF;erdem sagt die junge Frau, dass es ihr als Staatsb&#xFC;rgerin Usbekistans wichtig w&#xE4;re, eine klare Positionierung von ihrer Regierung zu h&#xF6;ren. &#x201E;<em>Aber die gibt es bisher einfach nicht<\/em>.&#x201C;\n\nVermutlich stehen die meisten Usbek:innen dem Krieg nicht gleichg&#xFC;ltig gegen&#xFC;ber, da die Ukraine sie sehr an ihr eigenes Land erinnert. Beide L&#xE4;nder erlangten im selben Jahr die Unabh&#xE4;ngigkeit, in beiden Staaten leben viele russischsprachige Menschen, und beide h&#xE4;ngen stark von der Gef&#xFC;hlslage in Moskau ab. Bislang gelingt Taschkent der Balanceakt gut. Aber es gibt auch keine Garantie daf&#xFC;r, dass dies tats&#xE4;chlich eine geeignete &#xDC;berlebensstrategie ist. Der Krieg in der Ukraine ist noch weit von einem Ende entfernt und ein Verb&#xFC;ndeter Russlands zu bleiben, wird mit jedem Tag schwerer, teurer und gef&#xE4;hrlicher.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Dmitry Belyaev, Victoria Erofeeva und Lena f&#xFC;r <a href=\"https:\/\/hook.report\/2022\/11\/ukraina-i-mi\/\">Hook.Report<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser<\/strong>\n<\/p><p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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Weder Anti-Kriegs-Initiativen noch humanit&#xE4;re Hilfsaktionen sind [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":639,"featured_media":30962,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4353,5],"tags":[1588,2149,4564,4767,4766],"coauthors":[3298],"class_list":["post-30960","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-und-wirtschaft","category-usbekistan","tag-bevoelkerung","tag-humanitare-hilfe","tag-krieg-in-der-ukraine","tag-neutralitaet","tag-solidaritaet"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/639"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30960"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30960\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30960"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=30960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}