{"id":30923,"date":"2022-12-04T18:12:13","date_gmt":"2022-12-04T17:12:13","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=30923"},"modified":"2023-05-27T19:31:35","modified_gmt":"2023-05-27T17:31:35","slug":"schwierige-vergangenheit-die-gedenkstaette-karlag-und-die-menschen-dahinter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/gesellschaft-und-kultur\/schwierige-vergangenheit-die-gedenkstaette-karlag-und-die-menschen-dahinter\/","title":{"rendered":"&#8222;Schwierige Vergangenheit&#8220;: Die Gedenkst\u00e4tte Karlag und die Menschen dahinter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Dorf Dolinka in Zentralkasachstan befand sich einst die Hauptverwaltung des Karagandinsker Arbeits- und Besserungslagers (Karlag). Seit 2011 befindet sich in dem Geb&#xE4;ude eine Gedenkst&#xE4;tte, f&#xFC;r deren Einrichtung lange gek&#xE4;mpft werden musste. &#xDC;ber die Menschen dahinter sowie dar&#xFC;ber, warum das Thema der schwierigen Vergangenheit heute noch kaum Beachtung findet, berichtet folgende Reportage von <\/strong><a href=\"https:\/\/vlast.kz\/obsshestvo\/52501-za-stenoj-upravlenie-karlaga-trudnoe-prosloe.html\"><strong>Vlast<\/strong><\/a><strong>. Wir &#xFC;bersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Ich sage immer: Wenn es Papa nicht g&#xE4;be, w&#xE4;re das Geb&#xE4;ude nicht erhalten geblieben. Es zerfiel vor allen Augen. Jetzt m&#xF6;chte ich, dass zumindest ein Schild in einem der S&#xE4;le aufgeh&#xE4;ngt wird: Es gab eine solche Person, Elta&#x131; Jamanbekuly Jamanbekov &#x2013; den Initiator des Museums.&#x201C;<\/em> Der Sohn des verstorbenen Elta&#x131; Jamanbekuly sagt diese Worte zum Abschied. Ohne Groll, eher um zu &#xE4;u&#xDF;ern: Es tut weh. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Zeitpunkt w&#xE4;ren wir bereits durch die G&#xE4;nge und Keller des Museums in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dolinka_(Qaraghandy)\">Dolinka<\/a> gewandert, h&#xE4;tten an den Gr&#xE4;bern mit verrosteten Kreuzen auf dem Friedhof geschwiegen, der von den Einheimischen &#x201E;Mamotschkino&#x201C; [&#x201E;Mamadorf&#x201C;, Anm. d. &#xDC;.] genannt wird, da hier Kinder begraben wurden, die im <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Karlag\">Karlag<\/a> [Karagandinsker Arbeits- und Besserungslager] starben. In etwa 10 Minuten w&#xFC;rden wir um das Dorf selbst herumfahren &#x2013; einst das Zentrum eines der gr&#xF6;&#xDF;ten Lager im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gulag\">Gulag<\/a>-System. <\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a><\/strong> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p> Vom Haus von Erganat Jamanbekov bis zum Hauptgeb&#xE4;ude des Museums, f&#xFC;r das Menschen aus aller Welt hierherkommen, sind es 500 Meter. Einst lebte hier Erganats Vater &#x2013; ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aksakal\">Aqsaqal<\/a> und Geschichtslehrer. Dank ihm wurde die monumentale Verwaltung des Karlag weder niedergebrannt noch abgerissen. Erganat legt auf dem Tisch den Inhalt einer sch&#xE4;bigen Mappe aus, das Archiv seines Vaters: Zeitungsver&#xF6;ffentlichungen, Briefe an das Akimat [die Regionalverwaltung, Anm. d. &#xDC;.], Fotos, Zeugnisse. <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Um ehrlich zu sein, haben wir irgendwann aufgeh&#xF6;rt zu glauben, dass die Bitten des Vaters den Staat erreichen w&#xFC;rden. Sie sehen, wie viele Appelle an verschiedene Beh&#xF6;rden&#x2026; Er setzte sich im gro&#xDF;en Zimmer an den Tisch und begann zu schreiben. In der Familie wurde er immer unterst&#xFC;tzt, aber es gab Momente, in denen wir scherzten: Papa, zahlen sie dir daf&#xFC;r kein Geld?! [Er antwortete:] Jemand muss es tun. Die Seelen der Menschen, die hier gestorben sind, m&#xFC;ssen sich beruhigen. Man darf ihre Namen nicht vergessen.&#x201C;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Fast 20 Jahre forderte Elta&#x131; Jamanbekov die Er&#xF6;ffnung eines Museums in Dolinka. Er konnte nicht mitansehen, wie sich das historische Geb&#xE4;ude in Ruinen verwandelte. Niemand bat ihn, er ging von selbst los, um einheimische Kerle und Betrunkene zu verjagen, die die Fenster einschlugen um ins Geb&#xE4;ude zu kommen. Sie wussten, dass Jamanbekov in der N&#xE4;he lebte und dass es besser war, sich nicht einzumischen. Sie respektierten ihn und hatten Angst. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-30927\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-768x513.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-1300x868.jpg 1300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-128x86.jpg 128w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;In den 90er Jahren wurde das Geb&#xE4;ude des heutigen Museums an ein Privatunternehmen verkauft. Einige Zeit war es herrenlos.&#x201C;<\/em> Dann bewachten Erganat und sein Vater es ehrenamtlich. <em>&#x201E;Leere, stockfinstere Innenwelt. Fast schon zugewachsen damals: Man geht zum Eingang, man sieht die Wege nicht, die B&#xE4;ume sind wuchtig &#x2013; die Natur forderte ihren Tribut.&#x201C;&#x201E;Die Zeiten waren hart. Was mit irgendeiner ehemaligen Verwaltung des Karlags in Dolinka los ist, das k&#xFC;mmerte das Akimat nicht, erst recht nicht Astana. Die Menschen kamen bereits hierher, um die Grabst&#xE4;tten ihrer Gro&#xDF;v&#xE4;ter und Urgro&#xDF;v&#xE4;ter zu suchen. Nachbarn schickten alle zu uns: Da wohnt ein kasachischer Gro&#xDF;vater, der wei&#xDF; alles &#xFC;ber diesen Ort.&#x201C;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Die Jamanbekovs zogen 1979 nach Dolinka. Zu dieser Zeit war das Sanatorium &#x201E;Brigantina&#x201C; auf dem Gel&#xE4;nde des heutigen Museums t&#xE4;tig, in dem Kinder mit geschw&#xE4;chter Immunit&#xE4;t behandelt wurden. Jeder wusste, was f&#xFC;r ein &#x201E;Sanatorium&#x201C; es in den 30er und 40er Jahren gab, aber damals sprach man nicht laut &#xFC;ber Repressionen. Erganats Vater war damals 65 Jahre alt und begann St&#xFC;ck f&#xFC;r St&#xFC;ck Informationen zu sammeln. Als es dem Land besser ging, wurden zumindest Reparaturen in der ehemaligen Verwaltung des Karlags vorgenommen und sie wurde unter Schutz gestellt. Er fuhr nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Qaraghandy\">Qara&#x123;andy<\/a> &#x2013; zum Akimat und ins Archiv. Er ging durchs Dorf und sammelte Unterschriften zur Rettung des Geb&#xE4;udes und er zeichnete Skizzen des zuk&#xFC;nftigen Museums. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/stalins-erbe-in-kasachstan\/\">Stalins Erbe in Kasachstan <\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Sehen Sie, 1999 wandte sich mein Vater an das Kulturministerium mit der Bitte, ein Museum zu er&#xF6;ffnen&#x201C;, <\/em>macht Erganat auf einen von Dutzenden Briefen aufmerksam. Die Antwort: Es ist kein Geld im Budget.<em> &#x201E;Wie viele solcher Antworten hat er erhalten. Seine Beharrlichkeit ist erstaunlich.&#x201C;&#x201E;Ihr Vater wurde wahrscheinlich gefragt: <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Agha_(Titel)\"><em>A&#x123;a<\/em><\/a><em>, warum machen Sie das?&#x201C;<\/em>, fragen wir. <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Die Leute sagten alle m&#xF6;glichen Dinge, aber viele unterst&#xFC;tzten ihn. Am Ende seines Lebens nahm ihn diese Sache sehr ein. Er sagte oft: Das sind Menschenschicksale, sie starben im Karlag an Krankheiten, K&#xE4;lte, Hunger, wurden gequ&#xE4;lt, erschossen. Zuk&#xFC;nftige Generationen sollten sich daran erinnern, damit so etwas nie wieder passiert. Sonst ger&#xE4;t die Geschichte in Vergessenheit und nicht nur das Geb&#xE4;ude &#x2013; die Erinnerung wird mit Gras &#xFC;berwuchert.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ksenia Morozova &#x2013; die Historikerin<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Wir n&#xE4;hern uns einer Stelle im Keller, wo wir bei der Renovierung des Geb&#xE4;udes ein Loch gefunden haben. Eine Person wurde auf den Boden einer solche Grube gelegt, Eiswasser wurde hineingegossen. Nach einer Weile bekam der Gefangene Kr&#xE4;mpfe. Solche Foltermethoden werden in verschiedenen Quellen erw&#xE4;hnt. Ob diese Grube auch so genutzt wurde, k&#xF6;nnen wir nicht mit Sicherheit sagen. Viele Archivdaten im Zusammenhang mit der Verwaltung des Karlags wurden vernichtet, einige sind noch geheim.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Wissen die Historiker, wie viele Menschen durch das Karlag gegangen sind?&#x201C;<\/em>, fragen wir. <em>&#x201E;In 28 Jahren waren mehr als eine Million Menschen im Karlag. Aber es gibt keine genauen Daten. 1959, nach der Aufl&#xF6;sung des Karagandinsker Lagersystems, zerst&#xF6;rten sie in der N&#xE4;he des Geb&#xE4;udes, in dem wir uns jetzt befinden, die gelben Ordner, die f&#xFC;r die ewige Aufbewahrung bestimmt waren. Auch das sagt viel aus &#x2013; nicht alle F&#xE4;lle haben bis heute &#xFC;berlebt. In der Geschichte der Karlag gibt es genug wei&#xDF;e Flecken, ein vollst&#xE4;ndiges Bild k&#xF6;nnen wir noch nicht zeichnen.&#x201C;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind im Museum und folgen der Route aller Besucher:innen. Ksenia Morozova, Historikerin und Mitarbeiterin des &#x201E;Museums der Opfer politischer Repression&#x201C; in Dolinka, erz&#xE4;hlt. Sie stammt von hier. Ksenias Mutter wurde im Karlag geboren &#x2013; ihre Eltern wurden gem&#xE4;&#xDF; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Artikel_58_des_Strafgesetzbuches_der_RSFSR\">Artikel 58<\/a> nach Kasachstan verbannt. Ksenias Gro&#xDF;mutter stammt aus Riga, ihr Gro&#xDF;vater aus der Westukraine. Sie hat ihn nicht in einem bewussten Alter kennengelernt, aber ihre Gro&#xDF;mutter erz&#xE4;hlte von diesen Zeiten, auch wenn sie sich nicht gerne daran erinnerte. Aber sie erz&#xE4;hlte nur die guten Dinge: Wie sie im Karlag arbeiteten, sich verliebten, anfreundeten. &#xDC;ber alles, aber nicht &#xFC;ber Politik. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-30926\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-768x513.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1536x1026.jpg 1536w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1300x868.jpg 1300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-128x86.jpg 128w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200.jpg 1797w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Das Karlag ist nicht nur ein Lager, sondern ein ausgedehntes System, das die Arbeitskraft der Gefangenen ausbeutet. Absolventen der <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Russische_Staatliche_Agraruniversit&#xE4;t\"><em>Timirjasew-Landwirtschaftsakademie<\/em><\/a><em> in Moskau, prominente Pflanzen- und Viehz&#xFC;chter, wurden hierher verbannt. Sie &#xFC;berf&#xFC;hrten alle wirtschaftlichen Aktivit&#xE4;ten des Karlags auf eine wissenschaftliche Grundlage, brachten neue Pflanzensorten, Tierrassen hervor. Den Kohl &#x201E;Ruhm&#x201C;, die Sonnenblume &#x201E;Gigant&#x201C; &#x2013; sie werden jetzt noch angebaut. Die Kasachische wei&#xDF;k&#xF6;pfige Kuh &#x2013; sie gab mehr als 40 Liter Milch pro Tag &#x2013; wurde zur Ausstellung der Volkswirtschaft nach Moskau geschickt.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Ksenia, welche Emotionen erleben Sie, wenn Sie dar&#xFC;ber lesen?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Die moderne Generation versteht nicht, was die Menschen damals erlebt haben. Auf Exkursionen erz&#xE4;hle ich, wie im Lager Konzerte organisiert, Auff&#xFC;hrungen veranstaltet wurden, und manch einer ist ratlos: &#x201E;Was? Sie wurden von ihren Familien getrennt, ihre Ehem&#xE4;nner und Ehefrauen erschossen, ihre Kinder im Stich gelassen! Wie konnten sie singen!? Wie konnten sie tanzen!?&#x201C; Sie konnten. F&#xFC;r diejenigen, die hier gelandet sind, war es die einzige Freude in dem grauen, eint&#xF6;nigen Leben. So versuchte man, die Festigkeit des Geistes zu bewahren.&#x201C;<\/em> Ksenia gibt zu, dass ihre Arbeit sie ver&#xE4;ndert hat. Sie spricht &#xFC;ber die Hauptsache: <em>&#x201E;Dass alle auf der Welt in Frieden leben. Dass so etwas nie wieder passiert.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde\/\">Langer Weg nach Hause &#x2013; Wie Kasachstan ein Zuhause f&#xFC;r sowjetische Deutsche wurde <\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Wenn die Staatsmacht in unser Leben eingreift, ist der Mensch machtlos.&#x201C;<\/em> Die Korridore, durch die wir gehen, best&#xE4;tigen dies durch eine Million pers&#xF6;nlicher Geschichten. <em>&#x201E;Viele, die aus dem Karlag entlassen wurden, zogen in ihre historische Heimat, und dort wartete absolut niemand auf sie. Sogar ihre Verwandten hielten sich von ihnen fern. Die Leute kamen hierher zur&#xFC;ck. Denn hier hatten sie Freunde, Arbeit. Sie erinnern sich gerne an diesen Ort.&#x201C;&#x201E;Die Leute sagen oft, dass in unserem Museum eine erdr&#xFC;ckende Atmosph&#xE4;re herrscht. Du kommst nach Hause und scheinst herausgedr&#xFC;ckt zu werden&#x2026; Manche haben so ein Gef&#xFC;hl. Ich versuche, nicht darauf einzugehen, denn ich liebe meinen Job sehr. Man erz&#xE4;hlt den Leuten vom Karlag, und sie erz&#xE4;hlen von ihren Gro&#xDF;eltern. Es gab praktisch keinen Fall, dass eine Familie kam und nicht von Repressionen betroffen war.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Das ist unheimlich.&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Gruselig, aber das ist unsere Geschichte.&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Sie sind hier aufgewachsen. Wussten Sie als Kind, was dieses Geb&#xE4;ude war?&#x201C;&#x201E;Wir lebten in einem anderen Dorf. Meine Mutter und ich fuhren auf Fahrr&#xE4;dern am B&#xFC;ro vorbei, als wir unsere Gro&#xDF;mutter auf der benachbarten <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sowchos\"><em>Sowchose<\/em><\/a><em> &#x201E;Karagandinskij&#x201C; besuchten. Danach stand es verlassen da. Ich fragte: &#x201E;Was war da?&#x201C; [Sie antwortete:] &#x201E;Hier habe ich fr&#xFC;her gearbeitet&#x201C;. Sie meinte das Sanatorium &#x201E;Brigantina&#x201C;. Nur Leute der &#xE4;lteren Generation erinnerten sich an die Verwaltung des Karlags, aber es sind nur noch wenige von ihnen &#xFC;brig&#x2026;&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Maria Baranyuk &#x2013; Von der Ukraine nach Dolinka<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Es gibt keine lebenden Gefangenen des Karlags mehr, und ihre Nachkommen sind verstorben oder weggezogen. Vor zehn Jahren gab es viele von uns. Dies ist mein Vater &#x2013; Dmitrij Iwanowitsch Baranjuk.&#x201C;<\/em>\n\nWir stehen an einer Glasvitrine mit Fotografien von Karlag-H&#xE4;ftlingen. Auf dem Schwarz-Wei&#xDF;-Foto ist ein gutaussehender Mann mittleren Alters zu sehen. Maria Dmitrievna Baranyuk schaut ihn an. Sie ist 75 Jahre alt, Rentnerin, Tochter von Verurteilten nach Artikel 58.\n\n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-30925\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-768x513.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1536x1026.jpg 1536w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1300x868.jpg 1300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-128x86.jpg 128w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200.jpg 1797w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Haben Sie ein solches Foto zu Hause?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Ja, da wurde Vater nach seiner Freilassung in den fr&#xFC;hen 70er Jahren aufgenommen.&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Wie war er?&#x201C;&#x201E;Gut. Im Dorf erinnert man sich noch heute gern an ihn. Und meine Mutter war auch gut. Ich war zwei Jahre alt, als sie eingesperrt wurden. Ich wurde im <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oblast_Riwne\"><em>Gebiet Riwne<\/em><\/a><em> in der Westukraine geboren. Die Eltern landeten in verschiedenen Lagern: Mutter in Russland, in <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mordwinien\"><em>Mordwinien<\/em><\/a><em>, Vater zuerst in <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ekibastus\"><em>Ekibastuz<\/em><\/a><em>, dann wurde er nach Dolinka &#xFC;berstellt. Hier hatte er seine 10 Jahren abzusitzen. Sieben Jahre arbeitete er ab, drei Jahre wurden ihm erlassen. 1956 rief mein Vater meine Mutter und uns (mein Bruder war sieben Jahre &#xE4;lter) hierher.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Wir kamen am Bahnhof in Qara&#x123;andy an. Mama fl&#xFC;sterte mir zu: Da ist Papa. Mein Vater nahm mich sofort in seine Arme. Daran erinnere ich mich gut. Ich war 9 Jahre alt. Seitdem lebe ich in Dolinka. Es gab Versuche, umzuziehen. Aber mir wurde klar, dass es keinen besseren Ort als Dolinka gibt.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Haben Sie, als sie &#xE4;lter waren, ihren Vater nicht gefragt, warum er nicht in seine Heimat zur&#xFC;ckgekehrt ist?&#x201C;<\/em>, fragen wir. <em>&#x201E;Ich habe gefragt. Es ist so, dass Vater von seinem eigenen Bruder verraten wurde. Er hat ihn angezeigt. Die Eltern wurden abgeholt. Wir lebten zuerst bei meinen Gro&#xDF;eltern. Im M&#xE4;rz 1951 starb mein Gro&#xDF;vater, im August wurden meine Tante und meine Gro&#xDF;mutter nach Sibirien verbannt. Und am selben Tag zog der Bruder meines Vaters in sein Elternhaus ein, als ob er alles im Voraus w&#xFC;sste. Mein Bruder und ich hingen bei Verwandten herum &#x2013; es gab nichts Gutes mehr in unserem Leben.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Als wir in Dolinka ankamen, war es das pure Gl&#xFC;ck: Mama und Papa sind in der N&#xE4;he. Das Dorf war damals sauber und gepflegt. Die Menschen waren freundlich &#x2013; wir waren Freunde auf der Stra&#xDF;e. Nach der Aufl&#xF6;sung des Karlags wurde im Verwaltungsgeb&#xE4;ude eine Fachschule er&#xF6;ffnet. Fr&#xFC;her sind wir hier tanzen gegangen.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/wer-war-ahmet-baitursynuly-die-geschichte-eines-kasachischen-erziehers\/\">Wer war Ahmet Ba&#x131;tursynuly? &#x2013; Die Geschichte eines kasachischen Erziehers <\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Haben die Eltern haben nicht gesagt: Mascha, geh nicht dorthin!&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Wissen Sie, Papa hat nichts Schlechtes gesagt &#xFC;ber die Staatsmacht und &#xFC;ber um diese Zeit.&#x201C;&#x201E;Hatte er Angst?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Nein. Er hatte eine normale Einstellung. Er hatte dennoch Respekt.&#x201C;&#x201E;Wie erkl&#xE4;ren Sie sich, dass Menschen, die unschuldig unter dieser Regierung gelitten haben, sie mit Respekt behandeln?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Erstens waren so die Zeiten. Zweitens hing es nicht von allen Beh&#xF6;rden ab, es war eine Art Einzelperson, die das tat.&#x201C;&#x201E;Glauben Sie nicht, dass alles von den Beh&#xF6;rden abhing?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;&#xDC;berhaupt nicht. Das war das System. Und das Schicksal der Menschen wurde nicht in diesem Geb&#xE4;ude entschieden. Es gab einen anderen Ort, an dem gefoltert wurde. Ihn gibt es nicht mehr.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Sie erinnern sich gerne an diese Zeiten. Kein Groll?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Was f&#xFC;r ein Groll? Und warum? Ja, das Leben hat wehgetan. Aber was wird sich &#xE4;ndern, wenn ich dar&#xFC;ber nachdenke? Es ist schwer, mit Ressentiments zu leben.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Haben sie schon seit langem davon abgelassen?&#x201C; &#x2013; &#x201E;Seit langem. Manchmal erinnere ich mich, sitze, denke. Besonders an die Kindheit in der Ukraine. Mein Bruder und ich sind zum Gl&#xFC;ck nicht an Hunger gestorben. Ich tr&#xE4;ume dann davon, mich mit Brot satt zu essen. Wir haben nur Kartoffeln im &#xDC;berfluss. Aber ich wollte Brot! Jetzt kommst du auf die M&#xFC;llhalde und siehst: Da liegt ein Br&#xF6;tchen herum. Das ist schon schlimm. Die Leute sind satt und haben nie Hunger gesehen. Gott sei Dank haben sie ihn nicht gesehen. Ich werde mich also nicht beschweren. Ich habe bereits zwei Urenkel, sie leben hier in Dolinka. Alle sind in der N&#xE4;he. Alles ist gut. Was braucht man noch?&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zur&#xFC;ck zu Erganat Jamanbekov<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p> Es ist Ksenia Morozova, die Maria Dmitrievna bittet, ins Museum zu kommen. Und auch von Elta&#x131; Jamanbekov erz&#xE4;hlt man uns hier. Wir verabschieden uns von ihr und gehen zu Elta&#x131;-A&#x123;as Haus, wo wir im Hof &#x200B;&#x200B;sitzen und uns Fotos und Zeitungsartikel ansehen werden. <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;Papa hat sein Ziel erreicht: Zuerst haben sie ihn im Akimat von Dolinka unterst&#xFC;tzt, dann der Akim von <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schachtinsk\"><em>Shahtinsk<\/em><\/a><em>. Auf regionaler Ebene haben sie ihn nicht mehr ignoriert. Es entstand Kontakt zu Mitstreitern in der Ukraine und in Polen &#x2013; Nachkommen von Menschen, die im Karlag starben. Sie schrieben auch, baten darum, die Erinnerung zu retten. Sp&#xE4;ter haben viele mitgemacht, ich will nicht sagen, dass das Museum allein der Verdienst meines Vaters ist. Aber trotzdem war Papa der Erste.&#x201C;<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-30924\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-768x513.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-128x86.jpg 128w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2022\/12\/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>&#x201E;War er bei der Er&#xF6;ffnung anwesend?&#x201C;<\/em> &#x2013; <em>&#x201E;Damals wurde der Grundstein f&#xFC;r das Museum gelegt, der die zuk&#xFC;nftige Arbeit symbolisierte. Er sprach, wurde aufgeregt, die Emotionen gingen mit ihm durch, sodass er Herzprobleme bekam. Wir haben ihn nach Hause gebracht. Das Museum wurde zwei Jahre sp&#xE4;ter, im Jahr 2011, er&#xF6;ffnet. Papa war 80 Jahre alt, er konnte kaum laufen. Deshalb nahm er nicht an der Er&#xF6;ffnung teil. Wir haben ihm Bilder gezeigt.&#x201C;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Elta&#x131; Jamanbekov starb am 13. September 2013. Das Wetter war bis zu vierzig Tage lang klar. Die Angeh&#xF6;rigen glauben: Die Seelen der in Dolinka gestorbenen Gefangenen kamen zu ihm, um ihm zu danken. Zum Abschied wird Elta&#x131;-A&#x123;as Sohn jenen Satz sagen: <em>&#x201E;Ich m&#xF6;chte, dass zumindest ein Schild in einem der S&#xE4;le aufgeh&#xE4;ngt wird: Es gab eine solche Person, Elta&#x131; Jamanbekuly Jamanbekov &#x2013; den Initiator des Museums.&#x201C;<\/em> Ich schreibe es zweimal, damit sich die Leute an diesen Namen erinnern &#x2026; <\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Expertin: Kulturwissenschaftlerin Alexandra Tsa<\/strong><strong>&#x131; im Interview<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p><strong>Warum wird so wenig &#xFC;ber das Thema der schwierigen Vergangenheit geredet?<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint, dass die Gesellschaft seit langem (zumindest seit den fr&#xFC;hen 1960er Jahren und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tauwetter-Periode\">Chrutschtschows Tauwetter<\/a>) &#xFC;ber staatliche Repressionen in der Sowjetunion spricht. Wir versuchen zu verstehen, was damals geschah und wie es die heutige Zeit beeinflusst hat. Und dennoch bleibt dieses Thema nicht vollst&#xE4;ndig verstanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Daf&#xFC;r gibt es mehrere Gr&#xFC;nde. Die sowjetische Vergangenheit geh&#xF6;rt nicht nur Kasachstan. Russland wurde der Nachfolger der UdSSR. Dieses Land spielte auch eine Schl&#xFC;sselrolle bei der Entwicklung von Diskursen &#xFC;ber die sowjetische Vergangenheit. In Russland hat es leider kein umfassendes Umdenken &#xFC;ber die sowjetische Geschichte und die mit dieser Zeit verbundenen staatlichen Repressionen gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Viele soziale Erinnerungsprozesse, die sich dort abspielten, sind inzwischen eingefroren oder sogar verboten. Das letzte, allen bekannte Beispiel ist das Verbot der internationalen Gesellschaft <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Memorial_(Menschenrechtsorganisation)\">Memorial<\/a>. Der Staat erlaubte der Gesellschaft nicht, die Arbeit im Bereich des kollektiven Ged&#xE4;chtnisses [&#x2026;] fortzusetzen. &#xC4;hnliches geschah in Kasachstan. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/dekommunisierung-auf-kasachisch-viel-pathos-und-wenig-konkretes\/\">Dekommunisierung auf Kasachisch: Viel Pathos und wenig Konkretes <\/a><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Es besteht eine st&#xE4;ndige Verbindung zwischen dem Kontext, den der Staat schafft, und dem Gef&#xFC;hl der Gesellschaft in diesem Kontext. Welche W&#xFC;nsche hat sie? Ist sie bereit, &#xFC;ber die schwierige Vergangenheit zu sprechen? Und was meinen wir &#xFC;berhaupt, wenn wir sagen: &#x201E;schwierige Vergangenheit&#x201C;. Die Stalinistische Repressionen der 30er und 40er Jahre? Die Hungersnot der fr&#xFC;hen 30er? Den Bau des Karlag? Die Deportationen verschiedener V&#xF6;lker nach Kasachstan? Oder alle auf einmal? Vielleicht hat jemand das Gef&#xFC;hl, dass diese Ereignisse der Geschichte angeh&#xF6;ren und die moderne Gesellschaft nichts angehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Man mag fragen: &#x201E;Warum sollten wir 2022 &#xFC;ber den Stalinismus der 30er und 40er Jahre diskutieren?&#x201C; Wurde das Thema der kollektiven Unterdr&#xFC;ckung nicht von Generationen vor uns ausgearbeitet? Nein, es ist nicht passiert. Und wir erleben eine neue Phase des Umdenkens der Geschichte, auch durch das Prisma der Entkolonialisierung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum ist es wichtig, &#xFC;ber die schwierige Vergangenheit zu sprechen?<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>F&#xFC;r die Gesellschaft ist dies eine Gelegenheit, reifer zu werden, sich zu einigen und die Probleme in ihrer Geschichte zu diskutieren. Man kann versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden und sich bei kontroversen und schmerzhaften Themen zu einigen. Die einzigartige pers&#xF6;nliche Geschichte einzelner Personen sollte in den Vordergrund treten. Ich denke, das ist unglaublich wichtig f&#xFC;r das Studium der Erinnerung und Aktivismus in diesem Bereich. Tausende Tote haben Namen, die wir vielleicht immer noch nicht kennen, sehr unterschiedliche Geburtsdaten. Und es ist be&#xE4;ngstigend, dass sie manchmal durch ein Todesdatum vereint sind. <\/p>\n\n\n\t\t\t<div class=\"hp-newsletter col-span-3 lg:col-span-1 flex flex-col bg-primary-100 border-t-8 border-secondary-500 rounded-lg justify-center items-center lg:items-stretch px-6 py-6 gap-4 box-border\">\n\t\t\t<div class=\"flex\">\n\t\t\t\t<div class=\"enveloppe\">\n\t\t\t\t\t<i class=\"far fa-envelope text-5xl text-secondary-300\"><\/i>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"formulaire_nl\">\n\t\t\t\t\t<p>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"font-bold text-xl block\">Ganz Zentralasien in deiner Mailbox<\/span>\n\t\t\t\t\t\tAbonniert unseren w&#xF6;chentlichen Newsletter\t\t\t\t\t<\/p>\n\t\t\t\t\t<form class=\"flex w-3\/4 lg:w-full\" action=\"https:\/\/us4.list-manage.com\/subscribe?u=6a15a2256d412b041fdec39e8&amp;id=d479236523\" method=\"post\" id=\"mc-embedded-subscribe-form\" name=\"mc-embedded-subscribe-form\" target=\"_blank\" novalidate=\"\">\n\t\t\t\t\t\t<input class=\"flex-grow py-2 px-3 border border-primary-300 rounded-l\" type=\"email\" placeholder=\"Email\" name=\"EMAIL\" id=\"mce-EMAIL\">\n\t\t\t\t\t\t<button class=\"bg-secondary-500 py-2 px-3 text-white rounded-r-md border border-secondary-500\" type=\"submit\" value=\"\" name=\"subscribe\">Registrieren<\/button>\n\t\t\t\t\t<\/form>\n\n\t\t\t\t\t<a href=\"#\" class=\"underline text-secondary-700\">Entdeckt die neueste Ausgabe<\/a>\n\t\t\t\t<\/div>\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div><!-- newsletter -->\n\t\t\n\n\n\n<p> Wenn wir uns an diejenigen erinnern, die unter der Unterdr&#xFC;ckungsmaschinerie gelitten haben, sch&#xE4;tzen wir die unschuldigen Menschen, die gestorben sind. Und somit das menschliche Leben im Allgemeinen. Wir lernen, den Staat in Sachen Gewaltanwendung zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Worte klingen sehr einfach. Aber wenn wir das nicht tun, kann sich die Geschichte wiederholen. <\/p>\n\n\n\n<p>Traumaforscher haben folgendes Muster abgeleitet: Wenn das Trauma nicht aufgearbeitet wird, kann der Verstand es nicht bis zum Ende eind&#xE4;mmen und realisieren. Das Trauma kann wiederkehren. Das Bewusstsein scheint dies zu tun, damit eine Person einen Weg zur Heilung findet. Solange sie nicht an sich selbst arbeiten, laufen sie Gefahr, zum traumatischen Ereignis zur&#xFC;ckzukehren. Dies gilt teilweise auch f&#xFC;r kollektive Traumata. Wenn sie nicht mit einer schwierigen Geschichte und dem kollektiven Ged&#xE4;chtnis daran arbeiten, kann sie sich auf unerwartete Weise wiederholen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Artikel ist Teil der Serie &#x201E;Hinter der Mauer&#x201C;. Weitere Bilder findet ihr im <\/em><a href=\"https:\/\/vlast.kz\/obsshestvo\/52501-za-stenoj-upravlenie-karlaga-trudnoe-prosloe.html\"><em>Originalartikel<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Oksana Akulova (Text) und Oleg Bitner (Fotos) f&#xFC;r Vlast<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><\/p><p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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