{"id":3061,"date":"2016-09-10T12:00:00","date_gmt":"2016-09-10T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=3061"},"modified":"2016-10-06T08:25:32","modified_gmt":"2016-10-06T06:25:32","slug":"ferganatal-das-projekt-frag-deine-oma-produziert-faszinierende-geschichten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/ferganatal-das-projekt-frag-deine-oma-produziert-faszinierende-geschichten-2\/","title":{"rendered":"Ferganatal: Omas erz\u00e4hlen faszinierende Geschichten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein Workshop namens&#xA0;&#x201E;Frag deine Oma&#x201C; praktiziert Oral History mit einer jungen Generation des Ferganatals. Was steckt hinter dem Namen? Novastan sprach mit dem Organisator des Projekts und Lektor der Bosch Stiftung, Alexander Barth, &#xFC;ber besondere Begegnungen in Geschichten der Migration.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Novastan: Was ist &#x201E;Frag deine Oma&#x201C;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">A. Barth: Frag deine Oma ist ein Bildungsprojekt, das sich darum dreht, dass zentralasiatische Studenten, die deutsch lernen, Interviews mit ihren Gro&#xDF;eltern f&#xFC;hren und diese journalistisch aufbereiten. Also praktizierte &#x201E;Oral History&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Warum haben Sie gerade das Ferganatal als Grundlage genommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein paar meiner Kollegen und ich arbeiten im Ferganatal. Als wir ankamen, tauchte die Bezeichnung Ferganatal immer wieder auf. Das war &#xFC;ber Jahrhunderte ein gemeinsamer geographischer Raum, der sich jetzt aber &#xFC;ber drei Staaten erstreckt. Es ist eine sehr interessante, ethnisch sehr heterogene Region.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1334\/09.jpeg\" alt=\"Frag deine Oma\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Identifizieren sich die Bewohner des Ferganatals miteinander oder eher separat entlang der nationalen\/ethnischen Grenzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine Identifikation mit dem sehr alten geographischen Raum Ferganatal habe ich nicht gesp&#xFC;rt. Es besteht eher eine Identifikation mit Nationalit&#xE4;ten. Als Kirgise, als Tadschike, als Usbeke definiert man sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber man rekurriert doch in seiner Familiengeschichte auf die erlebte Migration. Das existiert nebeneinander &#x2013; der stolze Verweis auf eine nationale Identit&#xE4;t und das Wissen darum, dass die Familiengeschichte meist eine Geschichte der Migration ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auff&#xE4;lliger sind aber die nationalen Identit&#xE4;ten. Im Stadtbild von Dschalalabat oder Osch erkennt man die nationale Zugeh&#xF6;rigkeit an den H&#xFC;ten. Der Kalpak f&#xFC;r die Kirgisen und andere typische H&#xFC;te f&#xFC;r Usbeken oder Tadschiken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ihre Studenten waren gemischter Nationalit&#xE4;ten. Wie haben sie auf die Zusammenarbeit und das Konzept reagiert? Gab es Widerst&#xE4;nde?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nein, Widerst&#xE4;nde gab es nicht. Die Familiengeschichte bearbeitet man gerne. Familie ist immer ein Thema, das im Spracherwerb relativ fr&#xFC;h kommt. So war es auch f&#xFC;r nicht fortgeschrittene Deutsch-Lernende ein gutes Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Darstellungsform des Portraits gab auch die M&#xF6;glichkeit, sich auszuleben. Es gab auch ein Interesse daran, Studierende von anderen Nationen kennenzulernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man hat eigentlich wenig miteinander zu tun. Man wohnt zwar in einem heterogenen gemeinsamen Raum, aber man wohnt eben relativ separat. Zu Beginn des Projektes war es ein komisches Gef&#xFC;hl. Es gab sowohl Interesse als auch Skepsis untereinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1334\/06.jpeg\" alt=\"Frag deine Oma\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wurde die Skepsis &#xFC;berwunden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat&#xFC;rlich war das ein brisantes Thema. Es gibt Spannungen zwischen den L&#xE4;ndern wie Usbekistan und Kirgistan. Deshalb haben wir uns auch entschlossen, den Einf&#xFC;hrungsworkshop des &#xA0;Projekts nach Almaty in Kasachstan zu verlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein wichtiger Bestandteil des einw&#xF6;chigen Workshops war es, dass sich die Teilnehmer auch kennenlernen. In den ersten Minuten blieben alle nat&#xFC;rlich in ihren Gruppen, aber durch die Arbeit am Projekt hat sich das sehr schnell aufgeweicht. Beim Abendessen konnte man beobachten, wie sich die Gruppen durchmischten und wie sich Sympathien entwickelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Zu den Ergebnissen der Interviews: Gab es Geschichten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es war sehr spannend, auf diese Zeitreise zu gehen. F&#xFC;r mich war als erster Leser interessant zu sehen, wie Geburten ohne jegliche medizinische Hilfe vonstatten gingen, die Situation im Zweiten Weltkrieg, Br&#xE4;uche wie Brautraub beispielsweise, die ganz selbstverst&#xE4;ndlich in den Geschichten vorkommen. Das fordert einen als Leser auch heraus. Die Geschichten nehmen einen mit in eine durch viele Umbr&#xFC;che gekennzeichnete Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die pl&#xF6;tzlichen Abtrennungen von den eigenen Wurzeln, wenn Menschen migriert sind und pl&#xF6;tzlich, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, auf der anderen Seite der Grenze wohnen als ihr Geburtsort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders traurig sind auch Geschichten der Unruhen von 1990 und 2010, die sich im Zuge der Grenzkonflikte ausgeweitet haben. Es gibt auch zwei Interviews, die diese Unruhen thematisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was hat Sie &#xFC;berrascht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erfreulich und &#xFC;berraschend war f&#xFC;r mich, dass kein Groll sichtbar wurde. Die Erinnerung an die Unruhen waren in der Gruppe nicht mit Schuldzuschreibungen an die andere Seite verkn&#xFC;pft. In der anderen Nation wurde kein Buhmann oder Schuldiger gesucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#xDC;berrascht hat mich auch, dass sich vieles um Liebe dreht. Die Studierenden waren frei, ihre Geschichten zu w&#xE4;hlen. Und vieles hat sich dann doch auf die schwierige Partnerwahl bezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1334\/10.jpeg\" alt=\"Frag deine Oma\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es sonst noch &#xDC;berschneidungen bei den Familiengeschichten? Ein roter Faden, der sie verbindet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum einen nat&#xFC;rlich die Migration. Zum anderen tauchte oft das Motiv auf, dass sich jemand bei der Heraushebung einer heroischen Eigenschaft trotz Widrigkeiten im Leben behauptet habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Stolz, sich trotz Unw&#xE4;gbarkeiten seinen Weg geebnet und dabei seinen moralischen Kompass nicht aufgegeben zu haben. Dieses Narrativ tauchte immer wieder auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sind Generationenkonflikte zum Vorschein gekommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja. Vor allem beim Verst&#xE4;ndnis der Ehe. Es gab bei den Interviews einen Spruch: &#x201E;Liebe kommt mit der Ehe.&#x201C; Und das sieht die j&#xFC;ngere Generation nicht mehr so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie hat sich das Leben &#xFC;ber die Generationen denn ge&#xE4;ndert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ganz deutlich die Grenzziehung. Das starre Verharren auf Nationalit&#xE4;ten, auf nationaler Zugeh&#xF6;rigkeit ist eine extrem neue Entwicklung. In der ersten H&#xE4;lfte der 1990er wurden aus den administrativen Grenzen innerhalb des Ferganatals geschlossene Staatsgrenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1334\/07.jpeg\" alt=\"Frag deine Oma\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Probleme der heutigen Generation sind mit den starren Grenzen verbunden. Es zeigen sich politische und wirtschaftliche Probleme in einer eigentlich auf Interdependenz fu&#xDF;enden geographischen Region &#x2013; also was die Rohstoffe oder Handelswege angeht. Da sind die Grenzen ein gro&#xDF;es Hindernis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Probleme fr&#xFC;her waren eher der Zweite Weltkrieg oder auch erzwungene Umsiedlungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Also gibt es einerseits eine sich entfernende Bewegung der Nationen, aber auch vers&#xF6;hnliche T&#xF6;ne. Wie sehen Sie der Zukunft des Zusammenlebens im Ferganatal entgegen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das kann man schwer beantworten. Die nationale Identifikation ist in der Region doch sehr stark. Unabh&#xE4;ngig davon, wie man dazu steht, wird das zum Problem, wenn es zur Abwertung des anderen f&#xFC;hrt. Wenn sich Vorurteile entwickeln. Momentan ist auch nicht abzusehen, dass sich das &#xE4;ndern wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Deshalb sind solche Projekte wichtig. Wenn Studierende sich kennenlernen, merken, dass sie eigentlich ganz &#xE4;hnliche Familiengeschichten haben, dass es nur die k&#xFC;nstliche Zuschreibung der Nation ist, die sie trennt, dann werden Abwertungen und Vorurteile aufgeweicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wer die Geschichten selbst erforschen oder mehr &#xFC;ber das Projekt erfahren m&#xF6;chte, findet die Projektseite <a href=\"https:\/\/fragdeineoma.wordpress.com\/\">hier<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1334\/14247883_10154079170328386_258844989_o.jpeg\" alt=\"Alexander Barth\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Alexander Barth<\/strong> <em>ist Lektor der Robert Bosch Stiftung in Dschalalabat. Er initiierte mit weiteren Kollegen benachbarter Standorte das Projekt &#x201E;Frag deine Oma&#x201C;, durch das sich Studenten aus dem Ferganatal mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt haben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Gregor Bauer<br>\nChefredakteur<\/strong><\/p>\n<p><!--End mc_embed_signup--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Workshop namens &#x201E;Frag deine Oma&#x201C; praktiziert Oral History mit einer jungen Generation des Ferganatals. 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