{"id":29089,"date":"2022-02-16T18:40:40","date_gmt":"2022-02-16T17:40:40","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=29089"},"modified":"2023-03-30T17:26:53","modified_gmt":"2023-03-30T15:26:53","slug":"wir-wurden-gefoltert-obwohl-wir-verwundet-waren-die-geschichte-von-sayat-adilbeuly","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/wir-wurden-gefoltert-obwohl-wir-verwundet-waren-die-geschichte-von-sayat-adilbeuly\/","title":{"rendered":"\u201eWir wurden gefoltert, obwohl wir verwundet waren\u201c \u2013 Die Geschichte von Sayat Adilbekuly"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Familienvater Sayat Adilbekuly wurde w&#xE4;hrend der Januar-Ereignisse in Almaty schwer verletzt, als er sich auf dem Weg zur Apotheke befand. Doch es sollte ihn noch schlimmer treffen. Hier erz&#xE4;hlt er seine Geschichte.<\/strong><em>Die folgende Geschichte erz&#xE4;hlte Sayat im Rahmen der Online-Diskussion <\/em><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/online-diskussion-kasachstan-am-wendepunkt\/\"><em>Kasachstan am Wendepunkt?<\/em><\/a><em>, die Novastan e.V. am 7. Februar veranstaltete. Seine Geschichte von falschen Anschuldigungen und Folter in Polizeigewahrsam steht exemplarisch f&#xFC;r viele weitere F&#xE4;lle: Kasachstanische Medien <\/em><a href=\"https:\/\/vlast.kz\/novosti\/48592-v-prokuraturu-postupilo-250-zalob-o-pytkah-zaderzannyh-posle-anvarskih-sobytij.html\"><em>berichten<\/em><\/a><em> von allein 250 Beschwerden wegen Folter, die bei der Generalstaatsanwaltschaft des Landes eingegangen sind. Wir haben uns daher entschlossen, Sayats Bericht mit seiner freundlichen Genehmigung hier zu ver&#xF6;ffentlichen.<\/em>\n\nMein Name ist Sayat Adilbekuly. Ich bin 29 Jahre alt und lebe in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Almaty\">Almaty<\/a>. Ich habe mich nicht an den Protesten beteiligt, aber am 5. Januar wurde ich auf der Stra&#xDF;e verwundet und dann festgenommen. Heute werfen mir die Beh&#xF6;rden vor, an den Ausschreitungen teilgenommen zu haben.\n\n<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a><\/strong> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\n\nIch habe mich nie politisch engagiert, war kein Aktivist und habe nie an Protesten teilgenommen. Ich bin sehbehindert. In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar bekam meine kleine Tochter hohes Fieber. Wir hatten keine Medikamente und einen Arzt konnten wir nicht erreichen, da die Telefonverbindung nicht funktionierte. Am 5. Januar gegen 13:00 Uhr ging ich in die Apotheke. Alle Apotheken in der N&#xE4;he unseres Hauses waren geschlossen, also ging ich in die Innenstadt. Ich habe nicht einmal verstanden, wie ich verletzt wurde und dass mich eine Kugel getroffen hatte. Wie sich herausstellte, traf mich die Kugel in der Rippe, und ein Teil der Rippe besch&#xE4;digte die inneren Organe. Ich wei&#xDF; immer noch nicht, wer auf mich geschossen hat.\n\nIrgendwelche Leute halfen mir, nach Hause zu kommen. Von Zuhause holte mich dann ein Krankenwagen ab. Im Krankenhaus Nr. 7 wurde ich notoperiert, um meine Niere zu retten. Ich hatte eine schwere Verletzung, deren Genesung in der Regel 30 Tage dauert, und bekam zwei Drainagekatheter installiert, die alle 3 Stunden gewechselt werden mussten.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Krankenhaus in die Untersuchungshaft<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nAm 8. Januar gegen 11:00 Uhr st&#xFC;rmten bewaffnete Personen in Kampfanz&#xFC;gen und Masken in das Krankenzimmer. Sie schrien und zwangen mich, aus dem Bett aufzustehen. Nachdem sie mich auf Kopf und Oberk&#xF6;rper geschlagen hatten, brachten sie mich nach drau&#xDF;en. Einer von ihnen sagte zu mir: <em>&#x201E;Ein Schritt nach rechts, ein Schritt nach links &#x2013; und wir erledigen dich auf der Stelle.&#x201C;<\/em>\n\nSie lie&#xDF;en mich nicht einmal anziehen. Ich war barfu&#xDF;, ohne Kleidung, nur in einem Laken. Drau&#xDF;en mussten wir uns b&#xE4;uchlings auf den Asphalt legen und so haben wir dort etwa 15-20 Minuten gelegen. Mehr als 30 Personen wurden aus dem Krankenhaus gebracht. Es gab sogar Schwerverletzte unter uns. Die &#xC4;rzte und Krankenschwestern waren entsetzt, aber sie taten nichts, um uns zu sch&#xFC;tzen. Die Kranken wurden geschlagen, sie schrien uns an und zwangen uns, halbnackt auf dem Boden zu liegen. Wenn sich jemand bewegte oder sprach, ging eine weitere Welle von Schl&#xE4;gen auf uns ein.\n\n<strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/ich-muss-fuer-meine-kinder-leben-die-geschichte-von-sholpan-begaidarova-die-von-drei-kugeln-getroffen-wurde\/\"><strong>&#x201E;Ich muss f&#xFC;r meine Kinder leben&#x201C;: Die Geschichte von Sholpan Begaidarova, die von drei Kugeln getroffen wurde <\/strong><\/a>\n\nDanach wurden wir in ein vergittertes Polizeiauto gesteckt und in eine unbekannte Richtung gebracht. Uns wurde nicht gesagt, wohin wir gebracht wurden und warum. F&#xFC;r jede unserer Fragen erhielten wir Schl&#xE4;ge auf den Kopf &#x2013; mit einem Schlagstock oder dem Kolben eines Maschinengewehrs. Wir waren f&#xFC;r 3-4 Stunden im Auto &#x2013; blutend und ohne Kleidung.\n\nIm Untersuchungsgef&#xE4;ngnis steckten sie mich mit zw&#xF6;lf Personen in eine Zelle. Am ersten Tag wurden wir gefoltert, obwohl wir alle verwundet waren. Wir wurden gezwungen, an der Wand zu stehen, obwohl viele von uns aus Wunden bluteten. Wir waren alle krank und uns ging es sehr schlecht. Sogar diejenigen, die an den Beinen verletzt waren und nicht stehen konnten, wurden gezwungen aufzustehen. Und wenn eine Person versuchte, sich an die Wand zu lehnen oder sich hinzusetzen, schlug die Polizei sofort zu. So standen wir sechs Stunden lang.\n\nMeine Familie erfuhr noch am selben Tag von den &#xC4;rzten, dass ich aus dem Krankenhaus geholt wurde. Aber sie wussten nicht, wer das war, und wohin sie uns auf welcher Grundlage gebracht hatten.\n<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Offene Drohungen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>\nMeine Familie konnte erst am 10. Januar die &#xF6;rtliche Polizei davon &#xFC;berzeugen, eine Vermisstenanzeige aufzunehmen. Aber sie erfuhr erst am 12. Januar, dass ich festgenommen worden war und wo ich festgehalten wurde. Am 12. Januar zwang mich der Ermittler, das Verhaftungsprotokoll zu unterschreiben. Es besagte, dass ich am 12. Januar festgenommen wurde, obwohl ich am 8. Januar aus dem Krankenhaus geholt wurde und die ganze Zeit in Untersuchungshaft war.\n\n<strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/kasachstan-untersuchungsausschuss-zu-den-januar-ereignissen-gegruendet\/\"><strong>Kasachstan: Untersuchungsausschuss zu den Januar-Ereignissen gegr&#xFC;ndet<\/strong><\/a>\n\nMeine Katheter sollten eigentlich alle drei Stunden gewechselt werden. Ich hatte sie f&#xFC;r drei Wochen. Ich bekam nicht einmal Schmerzmittel, geschweige denn Antibiotika, die f&#xFC;r mich lebenswichtig waren. Wir wurden nicht behandelt, die Verb&#xE4;nde wurden nicht gewechselt.\n\nAnfangs verstand niemand in meiner Zelle, was uns vorgeworfen wurde. Einer nach dem anderen wurde zum Verh&#xF6;r geholt. Die Menschen wurden geschlagen. Einige kehrten nach dem Verh&#xF6;r nicht in die Zelle zur&#xFC;ck. Der Ermittler erkl&#xE4;rte mir erst am vierten Tag, als ich zum Verh&#xF6;r gerufen wurde, dass ich beschuldigt werde, an Massenunruhen teilgenommen zu haben. Sie forderten, dass ich sage, dass ich an den Unruhen teilgenommen habe, dass ich bei den Protesten war, obwohl dem nicht so ist. Sie drohten mir mit einer Gef&#xE4;ngnisstrafe von bis zu acht Jahren gem&#xE4;&#xDF; dem Artikel zur Teilnahme an Unruhen.\n\n<\/p>\n\n\n\t\t\t<div class=\"hp-newsletter col-span-3 lg:col-span-1 flex flex-col bg-primary-100 border-t-8 border-secondary-500 rounded-lg justify-center items-center lg:items-stretch px-6 py-6 gap-4 box-border\">\n\t\t\t<div class=\"flex\">\n\t\t\t\t<div class=\"enveloppe\">\n\t\t\t\t\t<i class=\"far fa-envelope text-5xl text-secondary-300\"><\/i>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"formulaire_nl\">\n\t\t\t\t\t<p>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"font-bold text-xl block\">Ganz Zentralasien in deiner Mailbox<\/span>\n\t\t\t\t\t\tAbonniert unseren w&#xF6;chentlichen Newsletter\t\t\t\t\t<\/p>\n\t\t\t\t\t<form class=\"flex w-3\/4 lg:w-full\" action=\"https:\/\/us4.list-manage.com\/subscribe?u=6a15a2256d412b041fdec39e8&amp;id=d479236523\" method=\"post\" id=\"mc-embedded-subscribe-form\" name=\"mc-embedded-subscribe-form\" target=\"_blank\" novalidate=\"\">\n\t\t\t\t\t\t<input class=\"flex-grow py-2 px-3 border border-primary-300 rounded-l\" type=\"email\" placeholder=\"Email\" name=\"EMAIL\" id=\"mce-EMAIL\">\n\t\t\t\t\t\t<button class=\"bg-secondary-500 py-2 px-3 text-white rounded-r-md border border-secondary-500\" type=\"submit\" value=\"\" name=\"subscribe\">Registrieren<\/button>\n\t\t\t\t\t<\/form>\n\n\t\t\t\t\t<a href=\"#\" class=\"underline text-secondary-700\">Entdeckt die neueste Ausgabe<\/a>\n\t\t\t\t<\/div>\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div><!-- newsletter -->\n\t\t\n\n\n\n<p>\n\nAm 14. Januar wurde ich aus der Untersuchungshaft entlassen, musste aber eine schriftliche Verpflichtung abgeben, dass ich das Land nicht verlasse. Mein Bruder gab Journalisten ein Interview und erz&#xE4;hlte, was mir widerfahren war, und dass gegen mich ein Verfahren wegen Teilnahme an Massenunruhen fabriziert wurde, obwohl ich verletzt wurde, als ich in die Apotheke ging. Danach begannen die Ermittler, mir zu drohen: Wenn mein Bruder nicht den Mund halten w&#xFC;rde, w&#xFC;rden sie auch gegen ihn ein Strafverfahren er&#xF6;ffnen und uns beide einsperren.\n\nSie versuchen, uns zum Schweigen zu zwingen, aber wir werden nicht zu Folter und erfundenen Anklagen schweigen. Ich wei&#xDF; auch, dass viele weitere Familien nicht wissen, dass ihre Angeh&#xF6;rigen verhaftet und gefoltert wurden. Sie wissen nicht, wie sie ihre Verwandten finden sollen. Es gibt immer noch keine &#xDC;bersicht dar&#xFC;ber, wer festgenommen, wer verletzt und wer get&#xF6;tet wurde.\n<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Die Redaktion<\/strong><\/p>\n\n\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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