{"id":26538,"date":"2021-05-04T11:45:36","date_gmt":"2021-05-04T09:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=26538"},"modified":"2021-08-11T20:29:17","modified_gmt":"2021-08-11T18:29:17","slug":"tadschikistan-tod-von-dschura-abajew-dem-letzten-juden-in-chudschand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/tadschikistan-tod-von-dschura-abajew-dem-letzten-juden-in-chudschand\/","title":{"rendered":"Tadschikistan: Tod von Dschura Abajew, dem letzten Juden in Chudschand"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dschura Abajew, das letzte Mitglied der j&#xFC;dischen Gemeinde in Chudschand, ist im Alter von 93 Jahren verstorben. Die im Norden Tadschikistans gelegene Stadt Chudschand hatte einst eine aktive und lebendige j&#xFC;dische Gemeinde, die mit der in Buchara verbunden war. Mit dem Tod Abajews endet auch eine jahrhundertealten Geschichte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dschura Abajew starb laut einem Bericht des amerikanischen <a href=\"https:\/\/www.rferl.org\/a\/tajikistan-khujand-last-jew-buried\/31061149.html?ltflags=mailer\">Radio Free Europe<\/a> am 15. Januar im Alter von 93 Jahren in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chudschand\">Chudschand<\/a>. In der Geschichte der nordtadschikischen Stadt wird durch den Tod Abajews ein historischer Wendepunkt markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Leben lang war Abajew Arbeiter in Chudschand, einer Industriestadt am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Syrdarja\">Syrdarja<\/a>. Au&#xDF;erdem hatte er als geistlicher Leiter der Synagoge, die 1999 geschlossen wurde, eine wichtige Position im religi&#xF6;sen Leben seiner Stadt. Er hatte einen Ruf als angesehener und respektabler B&#xFC;rger, der von seinen NachbarInnen <em>Dschura Ako <\/em>genannt wurde, was im lokalen Dialekt so viel wie &#x201E;gro&#xDF;er Bruder&#x201C; bedeutet. Dschura Abajew hinterl&#xE4;sst f&#xFC;nf Kinder, die aber alle nicht mehr in Chudschand wohnen, sondern in den 1990er Jahren nach Israel ausgewandert sind, wo sie sich dem gr&#xF6;&#xDF;eren Teil der Familie Abajew angeschlossen haben.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! 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Wenn ich in Chudschand auf die Stra&#xDF;e gehe, l&#xE4;cheln mich die Menschen in meinem Viertel an und sagen: Dschura Ako kommt&#x201C;<\/em>, erz&#xE4;hlte er dem Journalisten Tilav Rasulzoda.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Verschwinden der j&#xFC;dischen Gemeinde in Chudschand hatte Dschura Abajew jahrzehntelang &#xE4;hnliche Funktionen wie ein Rabbiner. Er wurde Hauptw&#xE4;rter der Synagoge, die in der N&#xE4;he seines Hauses lag. Im Jahr 2015, als Dschura Abajew bereits der einzige Jude der Stadt war, wurde dann die schon lange stillgelegte Synagoge abgerissen, um Platz f&#xFC;r ein Einkaufszentrum zu schaffen. Eine Ma&#xDF;nahme, die den Niedergang der j&#xFC;dischen Gemeinde in Chudschand auf eine traurige Art und Weise verdeutlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Juden von Buchara, ein wichtiger Teil der Geschichte Tadschikistans.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dschura Abajew und seine Familie geh&#xF6;ren zu den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bucharische_Juden\">bucharischen Juden<\/a>, die eine lange Geschichte in Zentralasien haben. Die Gemeinde wird mit der Stadt Buchara in Verbindung gebracht, weil diese ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region bildete. Buchara liegt im heutigen Usbekistan und war ein Zuhause f&#xFC;r viele J&#xFC;dinnen und Juden in Zentralasien. Es existierten jedoch auch au&#xDF;erhalb dieser Stadt gr&#xF6;&#xDF;ere Gemeinden, verstreut in verschiedenen zentralasiatischen St&#xE4;dten, wie zum Beispiel in Chudschand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bucharischen J&#xFC;dinnen und Juden, auch als <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/ouzbekistan\/les-juifs-de-boukhara-comment-sont-ils-arrives-en-asie-centrale\/\">Juden der Region<\/a> bezeichnet, sprachen urspr&#xFC;nglich Buchari, heutzutage aber Tadschikisch, Russisch, Usbekisch oder Hebr&#xE4;isch. Sie praktizieren ein stark von der persischen und t&#xFC;rkischen Kultur gepr&#xE4;gtes Judentum. Heute leben die meisten bucharischen J&#xFC;dinnen und Juden in Israel, den Vereinigten Staaten und der Europ&#xE4;ischen Union. Nur eine sehr kleine Minderheit ist in Zentralasien geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens\/\">Choresm und Buchara: Die zweigeteilte Geschichte der J&#xFC;dInnen Zentralasiens<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Tadschikistan ein mehrheitlich muslimisches Land ist, gab es dort schon immer eine gro&#xDF;e religi&#xF6;se Vielfalt. Die Minderheiten in Tadschikistan, so wie auch in den anderen zentralasiatischen L&#xE4;ndern, sind zahlreich und haben eine lange eigene Geschichte, wie Olivier Roy in seinem Buch <em>La Nouvelle Asie centrale<\/em> feststellt. In <em>Le juda&#xEF;sme <\/em>erkl&#xE4;rt Quentin Ludwig, dass die j&#xFC;dische Anwesenheit in Zentralasien aus der Zeit des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ach%C3%A4menidenreich\">Altpersischen Reichs<\/a> zu stammen scheint, ungef&#xE4;hr aus dem ersten Jahrtausend vor Christus. Der Autor erkl&#xE4;rt, dass die Mehrheit der befreiten Juden nach der Eroberung durch Kyros II. in das neue Jud&#xE4;a zog. Eine Minderheit zog es jedoch vor, sich anderswo niederzulassen, wie beispielsweise in Zentralasien.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere sagen, die Anwesenheit von J&#xFC;dinnen und Juden in Buchara reiche bis in die Zeit des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sassanidenreich\">Sassanidenreiches (224-651)<\/a> zur&#xFC;ck.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"918\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/juden_tadschikistan.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-26539\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/juden_tadschikistan.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/juden_tadschikistan-300x269.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2021\/05\/juden_tadschikistan-768x689.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption><br>Gem&#xE4;lde von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sergei_Michailowitsch_Prokudin-Gorski\">Sergei Milkhailovich Prokudin-Gorskii<\/a>, Anfang des 20. Jahrhunderts, auf dem j&#xFC;dische Kinder mit ihrem Lehrer in Samarkand zu sehen sind<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit der Errichtung des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Khanat_Buchara\">Khanats von Buchara (1599-1920)<\/a> verlor die j&#xFC;dische Gemeinde ihre Basis. Der Staat wurde dann von sunnitisch-usbekischen St&#xE4;mmen regiert, die die Juden im politischen Leben diskriminierten, wie Jean-Paul Roux in seiner <em>Geschichte der T&#xFC;rken<\/em> erkl&#xE4;rt. Mit dem Ziel, sie zum Islam zu bekehren wurden spezielle Abgaben und Steuern nur f&#xFC;r J&#xFC;dinnen und Juden eingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfuhr die j&#xFC;dische Gemeinde Bucharas dann ein bedeutendes wirtschaftliches und demografisches Wachstum. Trotz der diskriminierenden Ma&#xDF;nahmen erreichte sie im Laufe der Zeit einen gewissen Wohlstand und eine religi&#xF6;se Toleranz. Die Gemeinde spielte mit Schl&#xFC;sselpositionen in der Elite des Landes eine wichtige Rolle in der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/vom-aussterben-bedroht-die-letzte-juedische-gemeinde-tadschikistans\/\">Vom Aussterben bedroht: Die letzte j&#xFC;dische Gemeinde Tadschikistans<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die russische Eroberung Zentralasiens im 19. Jahrhundert verst&#xE4;rkte den Wohlstand der J&#xFC;dinnen und Juden von Buchara sogar. In der Tat bot das Russische Reich laut dem Buch <em>L&#x2019;Empire d&#x2018;Eurasie<\/em> von H&#xE9;l&#xE8;ne Carr&#xE8;re d&#x2019;Encausse eine gewisse religi&#xF6;se, kulturelle und wirtschaftliche Freiheit im Namen des <em>Russischen Friedens<\/em>. Nach und nach wurden die antij&#xFC;dischen Gesetze abgeschafft, die noch strenger als die kaiserlichen Gesetze waren. Au&#xDF;erdem wurde die Gemeinde durch die Ankunft russischer aschkenasischer Juden gest&#xE4;rkt, die an einer gewissen kulturellen &#x201E;Modernisierung&#x201C; mitwirkten und die wirtschaftliche Dynamisierung st&#xE4;rkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das russische Reich hielt den Belastungen des Ersten Weltkriegs jedoch nicht stand und die Sowjetzeit brachte dann eine religi&#xF6;se Verfolgung der bucharischen J&#xFC;dinnen und Juden und eine starke Einschr&#xE4;nkung ihrer Freiheiten mit sich. Tats&#xE4;chlich wurden die Juden der UdSSR einer S&#xE4;kularisierungskampagne mit dem Ziel der kompletten Assimilation unterzogen, wie <a href=\"https:\/\/www.persee.fr\/doc\/cmr_1252-6576_1995_num_36_3_2432\">die Arbeiten Benjamin Pinkus<\/a> zeigen. Diese wurde durch Ma&#xDF;nahmen wie der Schlie&#xDF;ung von Synagogen und einer Einschr&#xE4;nkung der religi&#xF6;sen Lehre und Praxis sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Gemeinschaft, die vom Exil in Israel angelockt und von einem instabilen Land bedroht wird<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kontextbedingungen haben f&#xFC;r die Entwicklung der Geschichte der Familie von Dschura Abajew eine gro&#xDF;e Rolle gespielt. Ende der 1980er Jahre, in der Zeit der Perestroika und der Glasnost, also der Umgestaltung und dem Prozess einer transparenteren Politik der Sowjetunion, geh&#xF6;rten die J&#xFC;dinnen und Juden zu den ersten, die von den neuen Freiheiten, wie der Reisefreiheit, profitierten. Im Jahr 1991, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, entwickelte und beschleunigte sich dann die Exilbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die J&#xFC;dinnen und Juden der Sowjetunion wollten ihren Lebensstandard steigern und ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten. Zudem waren sie &#xFC;ber den ansteigenden Antisemitismus und die immer instabilere und konfliktreiche Situation in Eurasien besorgt. Ein weiterer Grund f&#xFC;r die Emigration war, dass der israelische Staat den j&#xFC;dischen Familien aus ehemaligen Sowjetstaaten viele Hilfsangebote machte. So wanderten zwischen 1989 und 2002 mehr als <a href=\"https:\/\/www.migrationpolicy.org\/article\/israel-balancing-demographics-jewish-state\">900.000 Mitglieder der j&#xFC;dischen Gemeinschaft aus ehemaligen Sowjetstaaten nach Israel aus.<\/a><\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? 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Das Land, in dem vor den 1990er Jahren mehr als 15.000 J&#xFC;dinnen und Juden lebten, erfuhr durch den B&#xFC;rgerkrieg zwischen 1992 und 1997 eine zus&#xE4;tzliche Welle der Emigration. Der Konflikt kostete zwischen 50.000 und 100.000 Menschen das Leben und trieb mehr als eine Million Menschen ins Exil. Nach dem B&#xFC;rgerkrieg hatte die j&#xFC;dische Gemeinde Tadschikistans noch nicht einmal 2.000 Mitglieder mehr. Heute existiert im ganzen Land nur noch eine einzige Synagoge, die sich in der Hauptstadt Duschanbe befindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Juan-Martin Mounier-Sales<br>Redakteur f&#xFC;r Novastan <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Aus dem <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/tadjikistan\/tadjikistan-deces-de-joura-abaiev-le-dernier-juif-de-khoudjand\/\">Franz&#xF6;sischen <\/a>von Flavia Gerner<\/strong><\/p>\n\n\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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