{"id":24497,"date":"2020-12-15T13:30:25","date_gmt":"2020-12-15T12:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=24497"},"modified":"2020-12-20T11:20:33","modified_gmt":"2020-12-20T10:20:33","slug":"die-zukunft-der-vergangenheit-urbanitaet-in-zentralasien-taschkent-bischkek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/die-zukunft-der-vergangenheit-urbanitaet-in-zentralasien-taschkent-bischkek\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Vergangenheit \u2013 Urbanit\u00e4t in Zentralasien: Taschkent, Bischkek"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um diese Facetten zentralasiatischer Urbanit&#xE4;t zu diskutieren, versammelten sich am 20. November circa 30 Zuh&#xF6;rerInnen zur Online-Veranstaltung &#x201E;Die Zukunft der Vergangenheit &#x2013; Urbanit&#xE4;t in Zentralasien: Taschkent, Bischkek&#x201C;.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Perspektiven auf die Zukunft, Wohnen in der Vergangenheit? So l&#xE4;sst sich nicht selten der Eindruck zusammenfassen, den Stra&#xDF;enz&#xFC;ge in den zentralasiatischen Hauptst&#xE4;dten vermitteln. Neben Plattenbauen in unterschiedlichen Zust&#xE4;nden gibt es Wohnviertel bestehend aus privaten H&#xE4;usern um Innenh&#xF6;fe mit Obstb&#xE4;umen herum, in denen das Zusammenleben nach traditionellen patriarchalen Regeln organisiert wird. Zudem fallen Prestigebauten auf, die reichlich futuristisch anmuten und gleicherma&#xDF;en aus der Vergangenheit wie auch der Gegenwart stammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Facetten zentralasiatischer Urbanit&#xE4;t zu diskutieren, versammelten sich am 20. November ca. 30 Zuh&#xF6;rerInnen digital. Moderiert von Phillip Schroeder (Novastan; Georg-August-Universit&#xE4;t G&#xF6;ttingen) begann der zweist&#xFC;ndige Abend mit Eingangsvortr&#xE4;gen von Mariya Petrova von der Technischen Universit&#xE4;t Darmstadt &#xFC;ber Taschkent und David Leupold vom Leibnitz Zentrum Moderner Orient Berlin &#xFC;ber Bischkek. (Der urspr&#xFC;nglich geplante Vortrag von Kishimjan Osmonova aus Berlin zu Astana musste krankheitsbedingt entfallen.) Beide Referierende thematisierten insbesondere die andauernde Wirkm&#xE4;chtigkeit sowjetischer Bau- und Wohnprojekte, den unterschiedlich ausfallenden Bezug auf Vergangenheit und Zukunft sowie die anh&#xE4;ngigen Trenn- und Konfliktlinien: Diese unterschieden zwischen einer angeblichen R&#xFC;ckst&#xE4;ndigkeit und Moderne und verliefen zwischen den staatlichen beziehungsweise &#xF6;ffentlichen Initiativen und dem Widerstand mancher Teile der Gesellschaft. &#xA0;<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. 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Vielfach nostalgisch besungen und von au&#xDF;en eher unansehnlich stehen die sogenannten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chruschtschowka\">Chruschtschowkas<\/a> als materielle Basis auch in Zentralasien f&#xFC;r Normalit&#xE4;t und f&#xFC;r gemeinsame Erfahrungen und Affektionen &#xFC;ber nationale Grenzen hinweg. Sie waren, wie Leupold es formulierte, <em>&#x201E;weniger ein Betonalptraum der grauen Eint&#xF6;nigkeit oder ein Denkmal des Totalitarismus [&#x2026;], sondern ein Ort der realen Interaktionen, der Intimit&#xE4;t und auch der Gem&#xFC;tlichkeit.&#x201C;<\/em> Als Typenprojekte schufen sie Mikrorayons (= Gro&#xDF;wohnsiedlungen) mit Stadtvierteln oder Nachbarschaften, in denen der gesamte Alltag organisierbar sein sollte. Und sie banden Zentralasien auch architektonisch in die Sowjetunion ein und l&#xF6;sten die pomp&#xF6;se klassizistische Bauweise des Stalinismus ab, die nur von kurzer Dauer gewesen war. In der Konsequenz stehen in Taschkent heute (alte) Privath&#xE4;user und das <em>&#x201E;Leben auf der Etage&#x201C;<\/em> (Petrova) nebeneinander, wenn sie nicht gar aufeinandertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#xDC;ber den Klassizismus der Stalinperiode in Taschkent aber auch durch die Neuordnung Bischkeks wurden die stalinistischen (All-)Machtfantasien auch architektonisch deutlich: W&#xE4;hrend Bischkek schachbrettartig angelegt wurde, sollte Taschkent als zentralasiatische Hauptstadt einen Vorzeigecharakter erhalten, wie Petrova erl&#xE4;uterte. Die zentral geplanten Bauprojekte mit orientalischen Stilelementen, die klassizistisch verarbeitet worden waren, gingen mit dem Abriss der Altstadt einher, da diese in den Augen der sowjetischen Machthaber symbolisch f&#xFC;r die angebliche R&#xFC;ckst&#xE4;ndigkeit der Region und der lokalen Lebensweise stand. Der Zweite Weltkrieg und die vielen Evakuierten beziehungsweise Fl&#xFC;chtlinge beendeten diese Bauphase, da nun alle Ressourcen an die Front gingen, w&#xE4;hrend sich die Wohnsituation vor Ort versch&#xE4;rfte. &#xA0;<\/p>\n\n\n\n<p>Neben stalinistischem Klassizismus, Chruschtschowkas und den Versuchen, Bischkek erbebensicher zu machen, zeigen die sowjetischen Zukunftsvisionen, die Leupold &#xFC;ber propagandistische Comics visualisieren konnte, dass die zentralasiatischen (Haupt-)St&#xE4;dte Experimentierr&#xE4;ume waren. In diesen sollte eine sowjetische Moderne geschaffen werden und die Stadtplaner konnten ihre Vorstellungen fast ex nihilo umsetzen. Die Spuren dieser vergangenen sowjetischen Visionen sowie gegenw&#xE4;rtige Moderneprojekte lassen sich heute nebeneinander, zum Teil sogar aufeinander finden und machen die St&#xE4;dte zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Palimpsest\">Palimpsesten<\/a>. Gleichzeitig zeigt sich, dass &#x201A;die&#x2018; Vergangenheit zu einer mobilisierenden Kraft wurde &#x2013; und bis heute ist: Sei es durch die machtpolitische Vorstellung, dass die Vergangenheit durch eine Leere gekennzeichnet ist, die es zu f&#xFC;llen gilt; bzw. dass es die physischen Relikte der Vergangenheit zu zerst&#xF6;ren gilt; oder sei es durch ein Fortwirken bestimmter Entscheidungen wie z. B. die Anlage von Stra&#xDF;en oder die Erbbebensicherheit; oder sei es durch eine Anspruchshaltung bestimmter Bev&#xF6;lkerungsschichten auf zum Beispiel infrastrukturelle Versorgung, die auf vergangene Erfahrungen rekurriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Auseinandersetzung in der Gegenwart mutet daher wie eine Wiederholung der Geschichte an, wie das Beispiel Taschkent laut Petrova zeigt: Die unter anderem durch Korruption bedingte Verschmelzung von wirtschaftlichen und staatlichen Akteuren erschwert den Widerstand gegen neue Bauprojekte, die ohne Beteiligung der AnwohnerInnen vorangetrieben werden. Politische Entscheidungen forcieren dabei die Vereinzelung und die Ohnmacht der Bev&#xF6;lkerung, wenn zum Beispiel die Registrierung von NGOs erschwert wird. Demgegen&#xFC;ber k&#xF6;nnen die Entwicklungen der Vergangenheit dem Widerstand aber auch zugutekommen: Da, wo die BewohnerInnen &#xFC;ber die Chruschtschowkas und die sie verbindenden H&#xF6;fe Kontakte kn&#xFC;pfen, sich organisieren und verschworene Gemeinschaften bilden konnten, haben sie Chancen in der Auseinandersetzung mit der Obrigkeit.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? 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Zum anderen bot sie der durch Krieg und Terror gebeutelten Sowjetbev&#xF6;lkerung einen R&#xFC;ckzugsort, der aber auch Ausgangspunkt f&#xFC;r kollektives Handel sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentralasiatischen Entwicklungen erlauben einige R&#xFC;ckschl&#xFC;sse f&#xFC;r die sozialpolitischen Auseinandersetzungen in den westlichen Metropolen, auch wenn die AkteurInnen hier weitaus bessere M&#xF6;glichkeiten haben, sich an den Staat zu wenden. Laut Leupold ist von einer Universalit&#xE4;t des (Wohnbau-)Prozesses auszugehen, wie nicht zuletzt die in S&#xFC;dost-Berlin errichtete <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berlin-Gropiusstadt\">Gropiusstadt<\/a> zeigt. Zudem gilt auch f&#xFC;r diese und andere Wohnkomplexe, dass das Eigenbild der BewohnerInnen von (Plattenbau-)Siedlung in der Regel besser ist als das Fremdbild. Die Aussicht auf erfolgreichen Widerstand in den hier wie dort stark neoliberal angelegten St&#xE4;dten mit ihrer Tendenz zur Segregation seien dann gr&#xF6;&#xDF;er, wenn der zu verteidigende Raum bereits gestaltet ist. Reine Brachen h&#xE4;tten es schwerer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die folgenden Videos zeigen die einleitenden Vortr&#xE4;ge von David Leupold un Mariya Petrova.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Urbanismus in Zentralasien - David Leupold &#xFC;ber die Stadtentwicklung in Bischkek\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/1d1M0MNw1JE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Mariya Petrova: Die urbanistische Entwicklung von Taschkent\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/M22nvxfCKfY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Kerstin Bischl<br>Novastan.org<\/strong><\/p>\n\n\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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