{"id":23437,"date":"2020-09-29T07:39:51","date_gmt":"2020-09-29T05:39:51","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=23437"},"modified":"2020-09-29T07:39:53","modified_gmt":"2020-09-29T05:39:53","slug":"die-mosaike-von-taschkent-das-erbe-der-brueder-dscharskij","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/die-mosaike-von-taschkent-das-erbe-der-brueder-dscharskij\/","title":{"rendered":"Die Mosaike von Taschkent \u2013 das Erbe der Br\u00fcder Dscharskij"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Erscheinungsbild der usbekischen Hauptstadt Taschkent ist gepr&#xE4;gt durch zahlreiche Mosaikplatten, die an den Fassaden hunderter gro&#xDF;er Wohnh&#xE4;user angebracht sind. Diese Tafeln, die w&#xE4;hrend der Sowjetzeit von den in Frankreich geborenen Br&#xFC;dern Dscharskij installiert wurden, verleihen der Stadt eine k&#xFC;nstlerische und urbane Einzigartigkeit, die heute allerdings bedroht ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Mosaikplatten von Taschkent, die nach dem verheerenden Erdbeben von 1966 entstanden sind, befinden sich vor allem an den Fassaden gro&#xDF;er Wohngeb&#xE4;ude und unterstreichen die Einzigartigkeit der usbekischen Hauptstadt. Sie wurden von drei in Frankreich geborenen Br&#xFC;dern aus einer russischst&#xE4;mmigen Familie geschaffen, doch neue Dynamiken auf dem Immobilienmarkt bedrohen ihre Werke.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. April 1966 erlitt Taschkent eines der st&#xE4;rksten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erdbeben_von_Taschkent_1966\">Erdbeben<\/a> seiner Geschichte. Mit einer St&#xE4;rke von 5,2 auf der Richterskala zerst&#xF6;rte es fast 80 Prozent der Stadt, wobei sich die betr&#xE4;chtlichen Sch&#xE4;den vor allem auf das historische Zentrum konzentrierten. Mehr als zwei Millionen Quadratmeter Wohnfl&#xE4;che, Hunderte B&#xFC;ro- und Handelsgeb&#xE4;ude, Bildungseinrichtungen und Krankenh&#xE4;user wurden v&#xF6;llig zerst&#xF6;rt und mehr als 300&#xA0;000 Menschen der damals 1,5 Millionen Einwohner Taschkents, obdachlos. Zehntausende Bauarbeiter, Architekten und Ingenieure aus der ganzen Sowjetunion kamen, um die Stadt wiederaufzubauen. Unter ihnen waren die Br&#xFC;der Dscharskij.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Zarenreich &#xFC;ber Frankreich in die Sowjetunion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nikolai, Peter und Alexander Dscharski wurden in Frankreich geboren, nachdem ihre Eltern nach dem Sturz der zaristischen Herrschaft 1917 aus Russland geflohen waren. W&#xE4;hrend des Zweiten Weltkriegs schlossen sich die drei Br&#xFC;der jedoch der von den Sowjets angef&#xFC;hrten Widerstandsbewegung der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sowjetische_Partisanen\">Partisanen<\/a> an, um gegen die Achsenm&#xE4;chte zu k&#xE4;mpfen. Die Familie kehrte schlie&#xDF;lich 1947 nach Russland zur&#xFC;ck und die Br&#xFC;der, die aus einer K&#xFC;nstlerfamilie stammten, erhielten dort auch eine k&#xFC;nstlerische Ausbildung.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! 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Als k&#xFC;nstlerische Angestellte in einem Stahlbetonwerk konnten sie zur Erneuerung der Hauptstadt beitragen und jene Bewegung beeinflussen, die man sp&#xE4;ter als &#x201E;<a href=\"https:\/\/www.nextroom.at\/publication.php?_q=n,160322&amp;id=22659\">Seismischen Modernismus<\/a>&#x201C; bezeichnen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"Die%20ungew&#xF6;hnlichsten%20und%20sch&#xF6;nsten%20Mosaike%20Taschkents\">Fotoreihe: Die ungew&#xF6;hnlichsten und sch&#xF6;nsten Mosaike Taschkents<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Memoiren, die im <a href=\"https:\/\/t.me\/uzbland\/237\">Telegram-Channel<\/a> &#x201E;Verm&#xE4;chtnis Usbekistans&#x201C; zitiert werden, erkl&#xE4;rt Nikolai Dscharskij, wie er und sein Bruder Peter ab dem Moment ihrer Ankunft an der architektonischen und k&#xFC;nstlerischen Wiederbelebung Taschkents teilhatten. &#x201E;<em>Nach Taschkent kamen Peter und ich, um die Stadt nach dem heftigen Erdbeben von 1966 wiederaufzubauen. Wir bekamen eine Stelle im Stahlbetonwerk. Nach unseren Skizzen und Entw&#xFC;rfen wurden unter der Aufsicht der Bauherren an den Seiten der f&#xFC;nf- und neunst&#xF6;ckigen Geb&#xE4;ude Mosaikplatten installiert. So erlangte Taschkent sein einzigartiges Aussehen, das sich durch Farbenvielfalt und orientalische Ornamentik auszeichnet. Die Stadt bekam dadurch einen hohen Wiedererkennungswert.<\/em>&#x201C;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine neue kulturelle Identit&#xE4;t f&#xFC;r Taschkent<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die von den Br&#xFC;dern Dscharskij initiierte Mosaikkunst gab der Stadt in den 1960er und 1980er Jahren eine neue Identit&#xE4;t. Diese Kunstwerke, die zun&#xE4;chst neuen, mehrst&#xF6;ckigen Geb&#xE4;uden vorenthalten waren, welche die zerst&#xF6;rten traditionellen Lehmziegelh&#xE4;user ersetzten, erschienen bald auch in Eingangshallen, an Brunnen, Kuppeln und in U-Bahnstationen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"800\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/imageTT.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23439\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/imageTT.jpg 600w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/imageTT-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\"\/><figcaption>Eine von den Br&#xFC;dern Dscharskij gestaltete Wohnhausfassade<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Werke zeichnen sich besonders durch ihre orientalischen Ornamente sowie symbolische Darstellungen aus, die f&#xFC;r die sowjetische Kunst typisch sind und Themen wie die V&#xF6;lkerfreundschaft oder die Verherrlichung der Arbeiterklasse ber&#xFC;hren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Verm&#xE4;chtnis, das erhalten werden muss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz ihrer tiefen Verwurzelung in der kulturellen Identit&#xE4;t der Stadt, sind die Mosaike nun bedroht. Domian Barma, Administrator der Facebookgruppe &#x201E;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/1380524118874827\/about\/\">&#x422;aschkent stroitsja<\/a>&#x201C; (Taschkent im Aufbau), bedauert das allm&#xE4;hliche Verschwinden der Mosaikpaneele. &#x201E;<em>W&#xE4;hrend der Sowjetzeit waren Mosaiktafeln ein verbreitetes Ph&#xE4;nomen. &#xDC;berall waren sie zu sehen. Doch heute verliert dieses Ph&#xE4;nomen an Bedeutung. Mittlerweile ist die k&#xFC;nstlerische Gestaltung ein Luxus, den sich nicht mehr jeder Bauherr leisten kann<\/em>&#x201C;, berichtet er.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? 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Juli 2018 &#xFC;ber die Zerst&#xF6;rung eines Mosaiks im Wohnviertel Yusufabad im Norden Taschkents <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/alla.dzyurich\/posts\/10214403679903451\">berichtete<\/a>, &#xA0;dieses langsame Verschwinden ihres Erbes mithilfe von sozialen Netzwerken aufzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"482\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/mosaic.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23438\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/mosaic.jpg 700w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/09\/mosaic-300x207.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\"\/><figcaption>Bilder der Bloggerin Alla Dzyurich<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Beh&#xF6;rden scheinen sich jedoch allm&#xE4;hlich des k&#xFC;nstlerischen und historischen Wertes dieses Erbes bewusst zu werden. Noch im Jahr 2018 k&#xFC;ndigte der dem Taschkenter B&#xFC;rgermeisteramt unterstehende Gemeinderat in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Parkent Plaza auf seiner <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/TashkentTop\/posts\/272060720216458\">Facebookseite<\/a> die Restaurierung einer Mosaiktafel an einem der Geb&#xE4;ude an, dessen &#xDC;bermalung zuvor einen Skandal in sozialen Netzwerken ausgel&#xF6;st hatte. Dank des b&#xFC;rgerschaftlichen Engagements kann das Erbe der Br&#xFC;der Dscharskij vielleicht bewahrt und sogar aufgewertet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Tanguy Martignolles<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Aus dem <a href=\"https:\/\/novastan.org\/fr\/ouzbekistan\/les-mosaiques-de-tachkent-heritage-des-freres-jarski\/\">Franz&#xF6;sischen<\/a> von Elisabeth Rudolph<\/strong><\/p>\n\n\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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