{"id":23068,"date":"2020-08-29T08:42:24","date_gmt":"2020-08-29T06:42:24","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=23068"},"modified":"2020-09-24T10:18:28","modified_gmt":"2020-09-24T08:18:28","slug":"die-geopolitik-des-drogenhandels-als-das-opium-zentralasien-regierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/uigurische-region\/die-geopolitik-des-drogenhandels-als-das-opium-zentralasien-regierte\/","title":{"rendered":"Die Geopolitik des Drogenhandels: Als das Opium Zentralasien regierte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor hundert Jahren florierte der Opiumhandel zwischen Russen, Kasachen, Kirgisen, Dunganen und Uiguren. Ein Wirtschaftszweig, den das Russische Reich erfolglos zu kontrollieren versuchte und der zu endlosen Streitigkeiten, Konflikten und Vertreibungen der Bev&#xF6;lkerung gef&#xFC;hrt hat. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/fergana.ru\/articles\/115915\/\">Fergana News<\/a>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im 19. Jahrhundert wurde die Agrarkolonie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siebenstromland\">Semiretschje<\/a> in der N&#xE4;he des Sees&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yssykk%C3%B6l\">Yssykk&#xF6;l<\/a>&#xA0;und des Forts Wernij (das 1921 zu&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Almaty&amp;oldid=201589710\">Almaty<\/a>&#xA0;werden sollte) nicht nur dem Weizenanbau gewidmet. Im heutigen Grenzgebiet der Staaten Kasachstan und Kirgistan wurden auch tausende Hektar Mohn gepflanzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kam es zu dieser Drogenwirtschaft? Welchen Einfluss hatten die Konflikte mit China und die darauf folgende Massenmigration von&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dunganen\">Dunganen<\/a>&#xA0;und&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uiguren\">Uiguren<\/a>&#xA0;ins&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generalgouvernement_Turkestan\">russischee Generalgouvernement Turkestan<\/a>? Wie haben die Beamten des Zaren davon profitiert und warum &#xFC;berlebte dieser Handel den Ersten Weltkrieg nicht? Der italienische Historiker Niccol&#xF2; Pianciola, der an der&#xA0;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lingnan_University\">Lingnan-Universit&#xE4;t<\/a>&#xA0;in Hongkong lehrt, hat sich mit all diesen Fragen befasst. Seine Studie &#x201E;<em>Illegal Markets and The Formation of a Central Asian Borderland: The Turkestan&#x2013;Xinjiang opium trade (1881-1917)&#x201C;<\/em>, wurde im Journal&#xA0;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Modern_Asian_Studies\"><em>Modern Asian Studies<\/em><\/a>&#xA0;ver&#xF6;ffentlicht.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! 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Die Beh&#xF6;rden in Wernij und St. Petersburg wussten lange Zeit nichts vom zentralasiatischen Drogenhandel, da die sich f&#xFC;llenden Taschen der russischen Grenzbeamten keinen Anlass zur Berichterstattung gaben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan:&#xA0;<\/strong><strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/fact\/zentralasien-liegt-mitten-auf-einer-der-grosten-drogenrouten-zwischen-afghanistan-und-russland\/?noredirect=de_DE\"><strong>Zentralasien liegt mitten auf einer der gr&#xF6;&#xDF;ten Drogenrouten zwischen Afghanistan und Russland<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der florierende Handel dauerte bis zum Ersten Weltkrieg an, als Zar Nikolaus II. versuchte, ein staatliches Opiummonopol zu errichten, um seine Armee mit Morphium zu versorgen. Dieses Gesch&#xE4;ft hielt jedoch den Kriegshandlungen und den innenpolitischen Problemen von 1916 und 1917 nicht stand. 1916 griffen Dunganen und Kirgisen die slawischen Siedler aus Wut &#xFC;ber den staatlichen Einfluss auf ihre Gesch&#xE4;fte an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufstand in der Provinz Ili<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unterhielt das russische Reich im Gegensatz zu den Briten offiziell keinen Opiumhandel mit China. Der Handel in der Grenzstadt&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kjachta\">Kjachta<\/a>&#xA0;zur heutigen Mongolei beruhte haupts&#xE4;chlich auf Tee und Baumwolle. W&#xE4;hrend andere europ&#xE4;ische Staaten in den Opiumkriegen aktiv waren, unterst&#xFC;tzten die russischen Beh&#xF6;rden die&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Qing-Dynastie\">Qing-Dynastie<\/a>&#xA0;(1644-1912) in ihrem Kampf gegen den Drogenhandel. Im Gegensatz dazu untergrub das zentralasiatische&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Khanat_Kokand\">Khanat Kokand<\/a>&#xA0;die zaristische Au&#xDF;enpolitik und handelte mit der chinesischen&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gansu\">Provinz Gansu<\/a> mit Opium. Von dort aus wurden das Opium ins Innere des russischen Reiches transportiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"965\" height=\"600\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Turkestan_1900-en.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-23072\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Turkestan_1900-en.png 965w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Turkestan_1900-en-300x187.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Turkestan_1900-en-768x478.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 965px) 100vw, 965px\"\/><figcaption>via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In den Jahren 1860-1870 kam es im chinesisch regierten Ostturkestan (dem heutigen&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Xinjiang\">Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang<\/a>) zu Aufst&#xE4;nden. Die muslimischen Turkv&#xF6;lker und Dunganen rebellierten gegen die strauchelnde Qin-Dynastie. Es wurden gleichzeitig auch Zusammenst&#xF6;&#xDF;e selbst zwischen Turkv&#xF6;lkern und Dunganen beobachtet. Das kurzlebige, von Emir&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jakub_Bek\">Jakub Bek<\/a>&#xA0;regierte K&#xF6;nigreich&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jetti-Schahr\">Jetti-Schahr<\/a>&#xA0;(1865-1878) wurde zu dieser Zeit im Gebiet des heutigen&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaxgar_(Stadt)\">Kaschgar<\/a>&#xA0;gegr&#xFC;ndet. Der Feldzug des chinesischen Generals&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zuo_Zongtang\">Zuo Zongtang<\/a>&#xA0;beendete schlie&#xDF;lich die Autonomiebestrebungen der Muslime im Westen Chinas. Um den chinesischen Truppen zu entkommen, flohen Tausende ins russische Westturkestan.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige suchten Zuflucht im&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferghanatal\">Ferganatal<\/a>, andere lie&#xDF;en sich in Semiretschje nieder. General Zuo Zongtang setzte nach den Konflikten und dem Bev&#xF6;lkerungsschwund eine ambitionierte Politik zur Wiederbelebung der Wirtschaft der westlichen Provinzen Chinas an: Reparaturen der Bew&#xE4;sserungsinfrastruktur, Vertreibung chinesischer Siedler, Entwicklung der Seidenproduktion und Kontrolle des Mohnanbaus. Der Erfolg dieser Strategie war uneinheitlich, da Opium entweder aus dem russischen Turkestan oder aus&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaschmir\">Kaschmir<\/a>&#xA0;und Indien in die Region importiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"500\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Tso.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23071\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Tso.jpeg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Tso-300x188.jpeg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Tso-768x480.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption>via Biblioth&#xE8;que Num&#xE9;rique Mondiale<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die chinesische Kontrolle &#xFC;ber Xinjiang hatte zur Folge, dass es zwischen China und dem Russischen Reich keine nat&#xFC;rliche Barrieren mehr gab. Das Zarenreich nutzte diese Entwicklung und besetzte die Provinz Ili, einen wichtigen strategischen Punkt in der fruchtbaren Region zwischen Kaschgar und der&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dsungarei\">Dsungarei<\/a>. Der Ansto&#xDF; dieser Besetzung liegt bei den Lokalbeh&#xF6;rden; dem Generalgouverneur von Turkestan,&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konstantin_Petrowitsch_von_Kaufmann\">Konstantin von Kaufmann<\/a>, und dem Milit&#xE4;rgouverneur von Semiretschje, Gerasim Kolpakowskij.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ansicht Niccol&#xF2; Pianciolas nach wollte St. Petersburg vor allem eine Verstimmung mit Peking vermeiden und den lukrativen Opiumhandel damit beenden. Der von Schulden geplagte Gouverneur von Kaufman sagte jedoch, die Opiumproduktion sei ein effektiver Weg, um die Kassen wieder aufzuf&#xFC;llen. Die annektierten Gebiete wurden tats&#xE4;chlich unter seine direkte Kontrolle gestellt. In der Provinz Ili wurden 32 Quadratkilometer f&#xFC;r den Mohnanbau genutzt. Gouverneur Kolpakowskij bat Konstantin von Kaufmann pers&#xF6;nlich um die Genehmigung, wie die Briten Opium in die s&#xFC;dlichen Provinzen Chinas zu exportieren. Im Gegenzug wurde Silbererz nach Zentralasien eingef&#xFC;hrt. 1881 wurde das Treiben des Gouverneurs gestoppt, als 80 Prozent der Provinz Ili an China&#xA0;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Treaty_of_Saint_Petersburg_(1881)\">abgetreten<\/a>&#xA0;und der Opiumhandel in der Region verboten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Migranten und das Opium<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte f&#xE4;ngt hier gerade erst an. Das Russische Reich wurde von vielen Dunganen und Tarantschis (Uiguren aus der Provinz Ili) bewohnt, deren Umsiedlung von staatlichen Beh&#xF6;rden unterst&#xFC;tzt wurde. Ihre Wirtschaft war nach wie vor auf das benachbarte Xinjiang ausgerichtet, das durch eine zunehmend bewachte Grenze von Semiretschje getrennt war. In der Region entstand eine grenz&#xFC;berschreitende Wirtschaft, betont Niccol&#xF2; Pianciola.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umsiedlung der Migranten in weit entfernte Orte war f&#xFC;r viele nicht angenehm. Viele Dunganen weigerten sich, in den ihnen zugewiesenen D&#xF6;rfern&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tokmok\">Tokmok<\/a>&#xA0;und&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karakol\">Prschewalsk<\/a>&#xA0;zu leben, und stahlen sich sich zur&#xFC;ck in die Grenzgebiete, von wo aus sie &#xDC;berf&#xE4;lle gegen Chinesen starteten. Die Angriffe f&#xFC;hrten dazu, dass mehr als die H&#xE4;lfte der &#xF6;rtlichen Gef&#xE4;ngnisbev&#xF6;lkerung Dunganen waren. Im Laufe der Zeit haben sie sich wohl oder &#xFC;bel mit ihrer neuen Lebensweise abgefunden und nach Anraten der Beh&#xF6;rden begonnen, Gem&#xFC;se und Weizen anzubauen und von Semiretschje nach Westchina zu exportieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Opium kehrte damit zur&#xFC;ck ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Bereits 1879 wurden im heutigen kirgisischen&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gebiet_Yssykk%C3%B6l\">Bezirk Yssykk&#xF6;l<\/a>&#xA0;wieder viele Hektar Mohn gepflanzt. Semiretschje wurde schnell zur Hauptquelle von Opium f&#xFC;r Xinjiang, wo sich der Preis infolge der Wirtschaftspolitik von General Zuo Zongtang inzwischen verzehnfachte. In den Bezirken <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karakol\">Prschewalsk<\/a>&#xA0;(heute Karakol, Anm. d. Red.) und&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scharkent\">Jarkent<\/a>&#xA0;wuchs die Produktion von Opium erheblich. Die Dunganen vertrieben&#xA0;&#xA0;teils auch die Tarantschi aus den fruchtbaren Gebieten am&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ili_(Fluss)\">Grenzfluss Ili<\/a>, um dort den rentablen Mohn an Stelle von Reis anzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan:&#xA0;<\/strong><strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/franzoesisch-usbekisches-unternehmen-soll-in-usbekistan-nutzhanf-anbauen\/\"><strong>Franz&#xF6;sisch-usbekisches Unternehmen soll in Usbekistan Nutzhanf anbauen<\/strong><\/a><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mohnanbau und der lukrative Opiumhandel wurden durch die Unt&#xE4;tigkeit der russischen Beh&#xF6;rden erm&#xF6;glicht. Das Fehlen von Kosaken, zur Patrouille an der 1.600 Kilometer lange Grenze zu China, ist nicht der einzige Grund. Niccol&#xF2; Pianciola weist darauf hin, dass die lokalen Beh&#xF6;rden dieses Gesch&#xE4;ft stillschweigend ignoriert haben. W&#xE4;hrend die russischen Zollbestimmungen von 1881 die Einfuhr von Opiaten untersagten, gab es keine Ausfuhrbestimmungen. Es gab auch kein Gesetz, das den Mohnanbau und die Opiumproduktion in Semiretschje verbot. Zwar war der&#xA0;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Treaty_of_Saint_Petersburg_(1881)\">russisch-chinesische Grenzvertrag<\/a>&#xA0;von 1881 noch in Kraft, und ein Rundschreiben des Generalgouverneurs aus dem Jahr 1883 erlaubte nur Personen mit besonderer Konzession den Handel &#x201E;giftiger und berauschender Stoffe&#x201C;  &#x2013; aber selbst bei einer eindeutigen Rechtslage fehlten schlicht die n&#xF6;tigen Zoll- und Grenzbeamten (der Zoll von Prschewalsk hatte bis 1914 nur sechs Beamte), um den Opiumhandel zu unterbinden. Der Gro&#xDF;teil der Lieferungen wurden von Kirgisen get&#xE4;tigt. Sarten und Chinesen passierten nicht durch Prschewalsk, sondern durch die Provinz Ili.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der formellen Verbote wurde der Opiumhandel von chinesischen H&#xE4;ndlern gef&#xF6;rdert. Sie gew&#xE4;hrten den Dunganen und Uiguren von Semiretschje nicht nur Kredite, sondern sie mieteten auch Land in Turkestan und lie&#xDF;en es von Saisonarbeitern aus Xinjiang kultivieren. Es scheint offensichtlich, dass die lokalen chinesischen Beh&#xF6;rden davon wussten und ihr Provisionen einzogen. Erst 1906-1907 unterzeichnete das Qing-Reich eine Reihe von Vertr&#xE4;gen, mit denen der Opiumanbau mit den westlichen M&#xE4;chten bek&#xE4;mpft werden sollte. Der chinesische Kampf gegen die Drogen schien Fr&#xFC;chte zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"500\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/4-Bar-Opium.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23070\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/4-Bar-Opium.jpeg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/4-Bar-Opium-300x188.jpeg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/4-Bar-Opium-768x480.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption>via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Schwarzimporte aus dem russischen Reich gingen jedoch weiter.  Kasachen und Kirgisen liefen den Dunganen bald den Rang beim Schmuggel ab. Das Weiden ihrer Herden in Grenzn&#xE4;he diente als Vorwand f&#xFC;r den Warenhandel. Es waren zudem russische und ukrainische Bauern, die infolge&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pjotr_Arkadjewitsch_Stolypin\">Pjotr Stolypins<\/a>&#xA0;Agrarreformen zugewandert waren und sich nun am Drogenhandel beteiligten. 1911 produzierten allein zwei russische D&#xF6;rfer in der N&#xE4;he von Prschewalsk nicht weniger als 2,53 Tonnen Opium.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Xinhai-Revolution\">chinesische Revolution von 1911<\/a>&#xA0;die Qing-Dynastie st&#xFC;rzte und Chaos an der Grenze zu Russland verursachte, florierte das Gesch&#xE4;ft in Semiretschje weiter. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs beschreiben Zeugen Mohnfelder, soweit das Auge um Prschewalsk sehen konnte. Die erwirtschafteten Gewinne bereicherten allerdings nur die bereits Wohlhabenden. Die normale Bev&#xF6;lkerung, der Getreide und damit billiges Brot entzogen waren, litt unter den Folgen des Opiumhandels.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine ungeschickte Monopolisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor Kriegsbeginn importierte das Russische Reich zwischen acht und achtzehn Tonnen Opium pro Jahr f&#xFC;r seine Pharmaindustrie. Dieser Import versiegte jedoch, da der Hauptexporteur das Osmanische Reich war, das dem Reich den Krieg erkl&#xE4;rte. Unterdessen stieg der Preis f&#xFC;r opiumhaltige Schmerzmittel wie Morphium, das f&#xFC;r Millionen Verwundete an der Front ben&#xF6;tigt wurde, sprunghaft an. Die russischen Beh&#xF6;rden versuchen nun, Opium aus Indien und Persien zu importieren, was den Mengenbedarf allerdings nicht deckte. Die Aufmerksamkeit der Regierung konzentrierte sich nun auf Semiretschje, wo die Unterdr&#xFC;ckung der Mohnproduktion in der Zwischenzeit zunahm und sich die Geldstrafen vervielfachten.<\/p>\n\n\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen w&#xF6;chentlichen Newsletter <strong><span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/2ff41361.sibforms.com\/serve\/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU\">mit einem Klick.<\/a><\/span><\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>1916 versuchten die Beh&#xF6;rden, die Gr&#xF6;&#xDF;e der f&#xFC;r den Mohnanbau bestimmten Anbaufl&#xE4;che zu sch&#xE4;tzen und Lizenzen zu erteilen. Im Bezirk Prschewalsk wurden &#xFC;ber 3.250 Hektar genehmigt, 500 im Bezirk Jarkent und 200 im Bezirk Pischpek (heute <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bischkek\">Bischkek<\/a>, Anm. d. Red.). In der Realit&#xE4;t verreinahmte der Mohn jedoch zwischen 6.000 bis 35.000 Hektar Land in Semiretschje, dessen Kultivierung sich weitgehend der staatlichen Kontrolle entzog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan:&#xA0;<\/strong><strong><u><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/nicht-kirgistan-sondern-schmuggelstan\/\"><strong>&#x201E;Nicht Kirgistan, sondern Schmuggelstan&#x201C; &#x2013; &#xFC;ber Schwarzhandel und Korruption im Land<\/strong><\/a><\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um Exporte nach China zu verhindern, wurden in jedem Distrikt Inspektoren ernannt, die von der polizeilichen Reiterstaffel unterst&#xFC;tzt wurden und &#xFC;ber spezielle Labors verf&#xFC;gten. F&#xFC;r jedes Hektar Land gab es einen festgelegten Produktionswert f&#xFC;r eine von der Regierung erworbene Summe. Die Preise wurden gem&#xE4;&#xDF; dem Morphingehalt bestimmt, der in den Laboren ermittelt wurde. Diese Monopolstrategie war jedoch zum Scheitern verurteilt: In China wurden unabh&#xE4;ngig vom Morphingehalt 40 Rubel pro Pfund Opium gezahlt, w&#xE4;hrend der staatliche Preis zwischen 7 und 15 Rubel betrug. Die Bauern begannen daher, das geerntete Opium dem Staat vorzuenthalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"512\" height=\"380\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Women_smoking_opium_in_China_circa_1900_-_Collectors_Weekly.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23069\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Women_smoking_opium_in_China_circa_1900_-_Collectors_Weekly.jpg 512w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/08\/Women_smoking_opium_in_China_circa_1900_-_Collectors_Weekly-300x223.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\"\/><figcaption>via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1916 begann der Aufstand der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Basmatschi\">Basmatschi<\/a>, der urspr&#xFC;nglich durch eine allgemeine Mobilisierung von Muslimen in der Region ausgel&#xF6;st wurde. In Semiretchje fanden die K&#xE4;mpfe besonders stark im Bezirk Prschewalsk statt. Laut Niccol&#xF2; Pianciola kann die Brutalit&#xE4;t der Ereignisse weitgehend durch die Bedeutung des Opiumhandels erkl&#xE4;rt werden. Der Versuch der russischen Beh&#xF6;rden, die Grenze zu schlie&#xDF;en und die Produktion zu kontrollieren, erz&#xFC;rnte die Dunganen, Kirgisen und Tarantschis und lie&#xDF; sie rebellieren. Das Vorgehen der Regierung war unerbittlich und viele Dunganen in Prschewalsk wurden get&#xF6;tet oder gezwungen, nach China zu fliehen. Auf der Flucht vor den Pogromen wanderten Hunderttausende Kasachen, Kirgisen, Dunganen und Tarantschis nach Xinjiang aus. Der Opiumhandel in der Region brach damit zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lest auch auf Novastan :&#xA0;<a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/highway-to-heroin-vom-drogenhandel-und-neuen-konsum-in-zentralasien\/?noredirect=de_DE\">Highway to Heroin &#x2013; vom Drogenhandel und Neuen Konsum in Zentralasien<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Niccol&#xF2; Pianciola unterstreicht die Bedeutung der Grenze f&#xFC;r die opiumgetriebene Wirtschaft in Semiretschje Einmal sch&#xFC;tzte sie Dunganen und Tarantschis vor den Repressionen des chinesischen Reichs, ein anderes Mal erm&#xF6;glichte sie ihnen den G&#xFC;terverkehr. Dieses System bewies, dass der Markt damals die Politik &#xFC;bertraf: Das Angebot aus Turkestan und die Nachfrage in Xinjiang und im Inneren Chinas zwangen die russischen und chinesischen Beh&#xF6;rden, diesen Handel zu billigen und sogar zu pers&#xF6;nlichen Zwecken auszunutzen. Der &#xDC;bergang ins 20. Jahrhundert ver&#xE4;nderte die Situation beidseits des Flusses Ili und staatliche Autorit&#xE4;ten gewannen schlie&#xDF;lich die Oberhand &#xFC;ber Wirtschaft und Gesundheitsschutz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Artjom Kosmarskij,&#xA0;Journalist f&#xFC;r <a href=\"https:\/\/fergana.site\/articles\/115915\/\">Fergana News<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>&#xDC;bersetzt von Robin Shakibaie<\/strong><\/p>\n\n\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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Jahrhundert [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":718,"featured_media":23073,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,3,8],"tags":[1567,3889,2521,1541,3890,2279,751],"coauthors":[3535],"class_list":["post-23068","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-kirgistan","category-uigurische-region","tag-drogen","tag-geopolitk","tag-opium","tag-russisches-reich","tag-schlafmohn","tag-turkestan","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23068","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/718"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23068"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23068\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23068"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23068"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23068"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=23068"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}