{"id":21334,"date":"2020-05-01T12:59:58","date_gmt":"2020-05-01T10:59:58","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=21334"},"modified":"2020-05-01T12:59:58","modified_gmt":"2020-05-01T10:59:58","slug":"das-russische-dorf-turkmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/turkmenistan\/das-russische-dorf-turkmen\/","title":{"rendered":"Das russische Dorf Turkmen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Zentralasiatische Arbeiter, ein Schriftsteller und Pilzsammler pr&#xE4;gen seine Geschichte. Vor fast 100 Jahren wurde das Dorf Turkmen bei Moskau f&#xFC;r die Arbeiter einer Textilfabrik gebaut. Sein ber&#xFC;hmtester Bewohner Warlam Schalamow begann sp&#xE4;ter hier sein wichtigstes Werk.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Folgender Artikel von Selbi Tscharyewa erschien im russischen Original bei <a href=\"https:\/\/orient.tm\/rossijskij-turkmen\/\"><u>Orient.tm<\/u><\/a>, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Kreis <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klin\">Klin<\/a> im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oblast_Moskau\">Moskauer Gebiet<\/a> liegt ein winziges Dorf mit ungew&#xF6;hnlichem Namen: Turkmen. Die Siedlung, die im Jahr 1926 gegr&#xFC;ndet wurde, bewohnten zun&#xE4;chst Arbeiter einer Torfabbau-Firma, die die nahegelegenen Textilwerke <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reutow\">in Reutow<\/a> mit Torf versorgte. Daf&#xFC;r gab es damals sogar eine eigene Eisenbahnverbindung nach Turkmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Werke der Fabrik &#x201E;Turkmenfaktura&#x201C; waren damals Eigentum der Turkmenischen Sowjetrepublik und das einzige Unternehmen in der Gemeinde Reutowo. Und gerade hierher kamen immer wieder junge Praktikanten und Praktikantinnen aus Turkmenistan, um in der Textilproduktion ausgebildet zu werden. So erhielt das neue Dorf seinen Namen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die jungen Leute wurden in einem speziell f&#xFC;r sie gebauten Geb&#xE4;ude untergebracht, das, von oben betrachtet, einer sich &#xF6;ffnenden Baumwollschachtel &#xE4;hnelte. Mit den Einnahmen des Textilunternehmens wurde dann die gr&#xF6;&#xDF;te Baumwollspinnerei in Aschgabat gebaut. Als diese 1929 fertiggestellt worden war, kehrten viele der jungen Fachkr&#xE4;fte zur&#xFC;ck in ihre zentralasiatische Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber die Arbeiter der zwei Werke hatten sich gut miteinander angefreundet und erinnerten sich noch lange gern an die gemeinsame Arbeitszeit. 1972 wurde in der Stadt Reutow dann sogar die Bahnhofsstra&#xDF;e in Aschgabater Stra&#xDF;e umbenannt. Leider wurde das historische Geb&#xE4;ude mit einer Erinnerungstafel f&#xFC;r die turkmenischen Arbeiter 2005 abgerissen. Aber die Aschgabater Stra&#xDF;e in Reutowo tr&#xE4;gt ihren Namen bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: justify\"><strong>Geburtsort von Schalamows &#x201E;Erz&#xE4;hlungen aus Kolyma&#x201C; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Wer bist Du? Erz, oder doch nur Seife,<br>\n<\/em><em>oder gar eine Quelle des Goldes,<br>\n<\/em><em>die sich im Steinhang festkrallt,<br>\n<\/em><em>im Sumpf festgefahren hat.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Verse stammen von dem Dichter und Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Warlam_Tichonowitsch_Schalamow\">Warlam Schalamow<\/a>. Nachdem der einstige Jura-Student als politischer Gefangener zahlreiche sowjetische Gulags durchlebt hatte, war nach Stalins Tod 1953 das Dorf Turkmen der der Hauptstadt n&#xE4;chste Ort, wo er sich wieder ansiedeln durfte. Ein Wohnsitz in Moskau wurde politisch Verfolgten auch nach Strafende meist versagt. Erst nach seiner Rehabilitierung konnte er 1956 wieder nach Moskau ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/turkmenistan\/das-sowjetische-turkmenistan\/\">Das sowjetische Turkmenistan<\/a> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schalamow lebte gute zwei Jahre in Turkmen, arbeitete in der Logistikabteilung der Torfverarbeitung und widmete sich der Literatur. Er vollendete hier einen Gedichtband und begann sein im Nachhinein ber&#xFC;hmtestes Werk: die &#x201E;Erz&#xE4;hlungen aus Kolyma&#x201C;, in denen er die Erlebnisse seiner Haftzeit verarbeitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schalamow beschreibt Turkmen und seine Einwohner folgenderma&#xDF;en: <em>&#x201E;Ich fand in Turkmen herzlichste und freundlichste Aufnahme, wie ich sie weder in Kolyma noch in Moskau je erlebte.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Pilzsammler statt Textilarbeiter<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Dorf Turkmen leben heute etwa 200 Menschen. Es ist nun ein sch&#xF6;ner Ort f&#xFC;r Naturliebhaber. Es liegt im Wald, wo es Stille, Beeren und Pilze gibt. Ein gro&#xDF;er Teil der Gegend ist gepr&#xE4;gt von Wasserquellen und S&#xFC;mpfen. Pilzsammler der umliegenden Orte kommen oft nach Turkmen und teilen ihre umfangreiche Ausbeute mit Bildern in sozialen Netzwerken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Selbi Tscharijewa<br>\n<a href=\"https:\/\/orient.tm\/rossijskij-turkmen\/\">Orient.tm<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Peggy Lohse<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zentralasiatische Arbeiter, ein Schriftsteller und Pilzsammler pr&#xE4;gen seine Geschichte. Vor fast 100 Jahren wurde das Dorf Turkmen bei Moskau f&#xFC;r die Arbeiter einer Textilfabrik gebaut. Sein ber&#xFC;hmtester Bewohner Warlam Schalamow begann sp&#xE4;ter hier sein wichtigstes Werk. Folgender Artikel von Selbi Tscharyewa erschien im russischen Original bei Orient.tm, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 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