{"id":2059,"date":"2013-11-26T12:00:00","date_gmt":"2013-11-26T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=2059"},"modified":"2024-04-14T17:01:31","modified_gmt":"2024-04-14T15:01:31","slug":"kirgisistan-ein-globalisiertes-protektorat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kirgisistan-ein-globalisiertes-protektorat\/","title":{"rendered":"Kirgistan, ein &#8222;globalisiertes Protektorat&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Pariser Forschungsgruppe f&#xFC;r Zentralasien (GRAC) lud anl&#xE4;sslich ihrer 15. Konferenz am 21. M&#xE4;rz Boris Petric ein. Als politischer Anthropologe, dessen letztes Buch &#xAB;&#xA0;On a mang&#xE9; nos moutons: le Kirghizstan, du berger au biznesman&#xA0;&#xBB; (<em>Man hat unsere Schafe gegessen: Kirgisistan, vom Sch&#xE4;fer zum Businessman<\/em>) im Januar 2013 erschienen ist, verr&#xE4;t er uns die Geheimnisse seiner Studie und die Eindr&#xFC;cke, die er davon beh&#xE4;lt. Zum Fr&#xFC;hlingsfest Nouruz wird also Kirgisistan geehrt, ein Land, &#xFC;ber das bei GRAC bisher wenig geredet wurde, und das im Westen weitgehend unbekannt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Autor selbst zugab, hat ein Kolumnist sein Buch auch nur im Rahmen des Findus-Skandals (als Pferdefleisch in Lasagnen gefunden wurde) gelesen und ist dabei auf Petric gesto&#xDF;en.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 875px; width: 600px;\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/291\/cvt_on_a_mange_nos_moutons_le_kirghizstan_du_berger_6014.jpeg\" alt=\"La couverture du livre\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit von Petric beruht auf einer Beobachtung: das fast vollst&#xE4;ndige Verschwinden der Merinoschafzucht im postsowjetischen Kirgistan, welche einst das Wesentliche der wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Landes ausgemacht hat. Zwischen dem Ende der 1980er Jahre und heute ist die Zahl der Schafe von zw&#xF6;lf Millionen auf nur zwei Millionen gesunken. Mit dem Verlust der Viehzucht als soziale Grundlage verschwindet auch das gesamte Bild einer Gesellschaft und die sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen. Im Gegensatz zu allt&#xE4;glichen Situationen war der Anthropologe hier mit einem raschen Wandel konfrontiert. Daher wollte Petric untersuchen, wie eine Gesellschaft sich nach dem Zusammenbruch ihrer Hauptressource wieder aufbaut und welchen Ver&#xE4;nderungen sie dabei unterliegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um seine Erfahrungen in &#xAB;&#xA0;On a mang&#xE9; nos moutons&#xA0;&#xBB; niederzulegen, l&#xE4;sst Petric Figuren, die f&#xFC;r diese sozialen Ver&#xE4;nderungen repr&#xE4;sentativ sind, sprechen,was zu der Originalit&#xE4;t seiner Studie beitr&#xE4;gt. Das Buch handelt von Begegnungen mit mit einem einfachen Sch&#xE4;fer, aber auch mit dem Chef des Basars &#x2013; so dass das Werk mehr wie eine Erz&#xE4;hlung als wie ein objektivierter Diskurs wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Boris Petric zeigt uns sein Erstaunen und seine Bewunderung f&#xFC;r diese Gesellschaft, welche einer kompletten Restrukturierung unterliegt. Im Gegensatz zu seinen gro&#xDF;en Nachbarn hat Kirgistan den Weg der &#xAB; Schocktherapie &#xBB;, das hei&#xDF;t eine Privatisierung auf allen Ebenen, gew&#xE4;hlt. Vom Pr&#xE4;sidenten bis hin zu den Dorfbewohnern haben die Kirgisen die vergangenen Jahre der Schaffung neuer sozialer Bindungen gewidmet. Dar&#xFC;ber hinaus ist wichtig zu bemerken, dass die Machtaus&#xFC;bung keine individuelle T&#xE4;tigkeit ist: Man muss aufh&#xF6;ren, Zentralasien nur anhand seiner Machthaber zu studieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuen sozialen Bindungen &#xFC;berwinden verschiedene Ebenen und beziehen neue Akteure ein: das Ausland, die Religion, der Handel mit China und der Businessmann, Arbeitslosigkeit und weitere Felder dienen so als Anhaltspunkte. Die Figuren der Macht haben sich auch ver&#xE4;ndert: Zwischen dem Betreiber einer privaten Bew&#xE4;sserungseinrichtung, dem Priester und dem Imam steht nicht mehr der Sch&#xE4;fer als strahlende Figur da, sondern der Businessman, ein Mann mit Prestige, den man jedoch schwer definieren und identifizieren kann. In diesem Sinne sind Ver&#xE4;nderungen in der Sprache besonders relevant. Neue W&#xF6;rter wie &#xAB;&#xA0;Microcredit&#xA0;&#xBB; und &#xAB;&#xA0;Donor&#xA0;&#xBB; spiegeln diesen neuen, zentralen Platz des Businessman in der kirgisischen Gesellschaft wider und richten den Blick nach au&#xDF;en. Aber das Ziel der Kirgisen bleiben dennoch die Erhaltung sowie die R&#xFC;ckkehr zu ihrer Kultur. Dies zeigt der Forscher in seiner Studie &#xFC;ber kirgisische Auswanderer in Moskau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anschauliches Beispiel einer seiner Bekanntschaften ist ein Taxifahrer, der Jeans aus China auf einem Markt in Nowosibirsk verkaufte, um sein Auto und damit seinen sozialen Status zu erhalten. Boris Petric legt sein Augenmerk auch auf einen besonderen Ort der kirgisischen Gesellschaft: den gigantischen Basar, auf dem mehr als 20.000 Menschen arbeiten. Die neuen sozialen Logiken, die von den Wurzeln an neu aufgebaut wurden, beruhen auf dem Verkehr &#x2013; im weiteren Sinne des Wortes, also alle Arten von Bewegungen und Handel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 453px; width: 600px;\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/291\/_s_bazarom.jpeg\" alt=\"Einer der gr&#xF6;&#xDF;ten Basars Zentralasiens, Dordoj, und dessen Besitzer, Askar Salymbekow (Foto: dordoy.kg)\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14px;\">Ein weiteres Ph&#xE4;nomen ist die massive und beunruhigende Installation von NGOs. Es wird gesagt, dass Kirgistan heute 10.000 bis 15.000 von ihnen z&#xE4;hlt, manchmal bis zu drei Organisationen pro Dorf. Das Werk dieser NGOs ist entscheidend f&#xFC;r die Entwicklung des Landes, eine solche Vorherrschaft kann aber auch sch&#xE4;dlich sein. Ihr Ziel ist manchmal unklar, oder sogar zweideutig. Einige von ihnen verstecken beispielsweise hinter einem offiziellen Alphabetisierungsauftrag eine Evangelisierungsmission. Andere unterst&#xFC;tzen <u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/www.lebigjay.net\/cbt-the-greenwashing-of-tourism\/\">gr&#xFC;nen Tourismus<\/a><\/u><\/span>, und versprechen westlichen Touristen einen Aufenthalt in einer traditionellen und tribalen Gesellschaft, obwohl Kirgistan alle Anzeichen des westlichen Modernismus zeigt. Man versucht den Anderen wilder, exotischer darzustellen als er ist, w&#xE4;hrend uns so wenig von ihm trennt. Wahlbeobachtungen sind auch keineswegs objektiv, da durch sie Ausl&#xE4;nder die politische Macht legitimieren oder entlegitimieren k&#xF6;nnen. Dies geschieht manchmal f&#xE4;lschlicherweise aufgrund gestrickter Verbindungen zwischen lokalen und internationalen NGOs, wie Boris Petric in einem seiner Filme (<a href=\"http:\/\/videotheque.cnrs.fr\/index.php?urlaction=doc&amp;id_doc=1772\">Democracy@Large<\/a>) gezeigt hat. Au&#xDF;erdem sollte man aufh&#xF6;ren, auf Kirgistan individualistische und feministische Werte anwenden zu wollen: die Zugeh&#xF6;rigkeit zu einer Gruppe bleibt sehr stark, und es ist nun mal auch eines der einzigen L&#xE4;nder der Welt, in denen eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rosa_Otunbajewa\">Frau <\/a>Pr&#xE4;sidentin war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 250px; width: 600px;\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/291\/photo4_cropped.jpeg\" alt=\"USAID in Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zusammenbruch des Sch&#xE4;fers ist auch der Zusammenbruch einer sozialen Gedankenwelt: Boris Petric nennt hier das Beispiel eines zur Errinnerung an den Afghanistan-Krieg gebautes, sowjetischen Denkmal, auf dem heute Gras w&#xE4;chst, neben dem aber eine Statue zu Ehren einer Figur aus dem 19ten Jahrhundert gebaut wird. In einem Land das seit der Unabh&#xE4;ngigkeit seine Identit&#xE4;t sucht, spiegelt dies ein komplexe Verh&#xE4;ltnis zur Vergangenheit wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fall Kirgistans hilft bestimmt auch andere zu verstehen, jedoch sollte er nicht dogmatisch generalisiert werden: Kirgistan hat seine Besonderheiten, und die wichtigste davon ist die Konzeption von Ressourcen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne w&#xE4;hlt Boris Petric den Ausdruck &#xAB; globalisiertes Protektorat &#xBB;, um damit Kirgistan zu bezeichnen. Das Politische erstreckt sich &#xFC;ber verschiedene, manchmal sogar entgegengesetzte Realit&#xE4;ten, und doch versucht man alles unter dem Begriff &#xAB; Staat &#xBB; zu erfassen. Man m&#xFC;sste sich bem&#xFC;hen, anders &#xFC;ber das Politische nachzudenken. Kirgistan ist eine Gesellschaft im Herzen transnationaler Einflussnahmen, die sich als sehr komplex erweisen k&#xF6;nnen: zum Beispiel ist es das einzige Land in der Welt, das auf seinem Territorium gleichzeitig einen russischen und einen amerikanischen Milit&#xE4;rst&#xFC;tzpunkt hat. Doch gerade durch diese Vielzahl an Austausche behauptet das Land seine Autonomie, entzieht sich der ausl&#xE4;ndischen Kr&#xE4;fte und schafft eine neue, authentische kirgisische Gesellschaft. Kirgistan ist eine &#xAB; Arena &#xBB;, ein &#xAB; Theater &#xBB; f&#xFC;r ausl&#xE4;ndische M&#xE4;chte, doch die B&#xFC;hne bleibt in der Hand der Kirgisen. Boris Petric bietet auch eine neue Interpretation des <u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/www.eposmanas.ru\/\">Manas Gr&#xFC;ndungsmythos<\/a><\/u>, dessen Echos heute aktueller denn je erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Marion BIREMON<\/strong><br>\nStudentin eines Doppelbachelors SciencesPo.-Sorbonne<br>\nKorrektorin f&#xFC;r Francekoul<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#xDC;bersetzung:<br>\nFlorian COPPENRATH und Daniela NEUBACHER<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Anfang 2013 erschienen Buch &quot;Man hat unsere Schafe gegessen&quot; analysiert Boris Petric die sozialen Dynamiken des unabh&auml;ngigen Kirgistans<\/p>\n","protected":false},"author":87,"featured_media":2060,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[741,1117,690,1198,751],"coauthors":[1258],"class_list":["post-2059","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-boris-petric","tag-gesellschaft","tag-kirgistan","tag-kultur","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/87"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2059"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38921,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2059\/revisions\/38921"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2059"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=2059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}