{"id":1990,"date":"2014-01-27T12:00:00","date_gmt":"2014-01-27T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1990"},"modified":"2023-08-19T19:45:07","modified_gmt":"2023-08-19T17:45:07","slug":"das-manas-epos-eine-enzyklopdie-kirgisischer-geschichten-und-sitten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/das-manas-epos-eine-enzyklopdie-kirgisischer-geschichten-und-sitten\/","title":{"rendered":"Das \u201eManas\u201c-Epos \u2013 eine Enzyklop\u00e4die kirgisischer Geschichten und Sitten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Das &#x201E;Manas&#x201C;-Epos wird als ein Werk mit Weltklasse angesehen. Seine schiere L&#xE4;nge und die Umst&#xE4;nde seiner Schaffung sind beeindruckend. Als Enzyklop&#xE4;die des kirgisischen Lebens hat das Werk f&#xFC;r dieses Volk daher einen besonderen Wert: Dieses Epos ist nicht nur Wiedergabe von alten Geschichten, es definiert vielmehr die Grundlage der kirgisischen Kultur. <\/strong><\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Jedes Volk verweist auf seine identit&#xE4;tsstiftende Geschichte und Kultur, die zugleich ein Mosaikst&#xFC;ck der Weltgeschichte abbilden soll. Einige geistige Denkm&#xE4;ler weisen dann mitunter tats&#xE4;chlich eine Leuchtturmfunktion auf: Das &#x201E;Manas&#x201C;-Epos ist beispielsweise ein in Kirgisien tief verwurzeltes kulturelles Gut, das parallel dazu im wissenschaftlichen Diskurs weltweit interessiert verfolgt wird &#x2013; bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass dieses Monumentalwerk dort entstand, wo kein bekanntes Schriftsystem die Komposition h&#xE4;tte fixieren konnte. So ist alles, was &#xFC;ber die Jahrhunderte vom kirgisischen Volk gekannt, geschaffen und sogar gelebt wurde, in der m&#xFC;ndlichen Volkskunst erhalten; Folklore wurde zum Ged&#xE4;chtnis eines ganzen Volkes, zum nahezu alleinigen Speicher von Ideen, Leistungen sowie Erinnerungen und damit konsequenterweise einer ganzen historischen Entwicklung.<\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Es erinnert an eine unendliche Geschichte: Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts schriftsprachlich abgefasst, enth&#xE4;lt die &#x201E;Manas&#x201C;-Version von Sajkaj Karalajew mehr als eine halbe Million Verse, das hei&#xDF;t zwanzig Mal mehr als die bekannten europ&#xE4;ischen Gro&#xDF;epen &#x201E;Ilias&#x201C; und der &#x201E;Odyssee&#x201C; zusammen. Es existieren insgesamt 65 Versionen und mit &#x201E;Manas&#x201C;, &#x201E;Semetej&#x201C; und &#x201E;Sejtek&#x201C; im Ganzen drei Teile der Dichtung. Damit jedoch nicht genug: Bis heute wird der Text fortgef&#xFC;hrt und spiegelt dadurch analog die Entstehung des &#x201E;Manas&#x201C; wider. Aus der dominierenden Sph&#xE4;re der M&#xFC;ndlichkeit wurden best&#xE4;ndig Weisheiten und Erkenntnisse als Kommentar erg&#xE4;nzt und somit alle Lebensaspekte des kirgisischen Volkes wiederholt erg&#xE4;nzend interpretiert. &#x201E;Manas&#x201C; ist dabei mit einer kunstvollen Enzyklop&#xE4;die vergleichbar: Es schildert nicht nur die weltliche Geschichte der Kirgisen, ihre Wirtschaft, ihre Lebensart und ihre Sitten, sondern macht zudem mit &#xE4;sthetischem Empfinden, Ethik und Moral sowie medizinischen und religi&#xF6;sen Einsichten vertraut. Das Epos avanciert hiermit zu <em>dem<\/em> literarischen Erzeugnis mit nationalem Charakter der Kirgisen schlechthin. Noch vor 30 Jahren gab es kein Gesamtwerk, bis Jusufu Mamayi, bisweilen als &#x2018;lebender Homer&#x2019; betitelt, die Parts unterschiedlichster Couleur zu einem einzigen Produkt zusammenfasste, das allerdings noch keinen greifbaren Abschluss gefunden hat.<\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Die Frage nach dem Erscheinungszeitraum des epischen Gedichtes behandelt ein zentrales Problem; die Meinungen der Experten gehen dabei auseinander und widersprechen sich. Einigkeit besteht vorrangig darin, dass die Erz&#xE4;hler von &#x201E;Manas&#x201C; die jahrhundertlange Geschichte der Kirgisen darstellen. So ist die Frage nach dem &#x201E;Wann&#x201C; des &#x201E;Manas&#x201C;-Epos zweifelsohne die heikelste. Jeder &#x201E;Manastschy&#x201C;, so hei&#xDF;en jene Erz&#xE4;hler, f&#xFC;gte seine eigene Sichtweise und seine Erkl&#xE4;rung der Ereignisse hinzu &#x2013; das epische Gedicht hat sich fortw&#xE4;hrend durch neue Helden und neue Ideen ver&#xE4;ndert. Das hei&#xDF;t vor allem, dass historische Fakten mit Legenden, Traditionen und alten Mythen gemischt werden. Die Frage des Entstehungszeitpunkts verbindet sich hier mit dem Problem der Faktizit&#xE4;t &#x2013; worauf kann beispielsweise ein Geschichtswissenschaftler vertrauen und worauf nicht?<\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Laut W. Zhirmunski gibt es keine konkrete Antwort darauf, an welchem exakten Datum der Geschichte &#x201E;Manas&#x201C; entstanden sein soll. Weitaus bedeutsamer ist die Erkenntnis, welche Stationen des kirgisischen Volkes genannt werden. So enth&#xE4;lt das Epos eine Reihe von Ereignissen, die f&#xFC;r die Kirgisen entscheidend waren. Den Versen von &#x201E;Manas&#x201C; folgend entdeckt man in der Nennung einer Milit&#xE4;rdemokratie eine f&#xFC;r die ganze Region prototypische entwickelte Form des Klanregimes. Jener Zeitraum einer Milit&#xE4;rdemokratie wird durch eine unendliche Folge an Kriegen, Angriffen und Gegenangriffen zur Eroberung von neuem Weideland und Vieh bestimmt. Gerade diese unsteten Lebensbedingungen &#x2013; nach &#x201E;Manas&#x201C; eine &#x201E;heroische Zeit&#x201C; &#x2013; in dieser noch undefinierten Zeit bringt &#x2013; ebenfalls im Sinne von &#x201E;Manas&#x201C; &#x2013; tapfere und mutige Helden in den Vordergrund, deren Ruhm dann Jahrhunderte lang besungen und zum Teil des kollektiven Ged&#xE4;chtnisses wird.<\/big><\/span><\/p>\n<ol>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Die Zeit der ersten Nomaden (7. Jahrhundert v. Chr. &#x2013; 5. Jahrhundert n. Chr.)<\/strong><br>\nIn den Augen der verschiedenen t&#xFC;rkisch-mongolischen V&#xF6;lker ist dieser Zeitraum zu der &#x201E;heroischen Zeit&#x201C; geworden. In eben jener Zeitspanne soll das epische Gedicht erschienen sein.<\/big><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Die Zeit der Schaffung der t&#xFC;rkischen und kirgisischen &#x201E;Kaganats&#x201C; auf dem Territorium des heutigen Zentralasiens<\/strong><br>\nMit dem Auftauchen des kirgisischen Staates wurde die Rolle der epischen Gedichte gest&#xE4;rkt und das Epos befand sich in einer neuen Phase seiner Entwicklung.<\/big><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Die Zeit des Staates des <\/strong><a class=\"western\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karachaniden\"><strong>Karachaniden<\/strong><\/a><br>\nZu diesem Zeitpunkt waren die vielen unterschiedlichen t&#xFC;rkische V&#xF6;lker auf dem weiten Gebiet Zentralasiens vereint. Im 10. Jahrhundert ging die Vorherrschaft in dieser Region von den t&#xFC;rkischen V&#xF6;lkern zu den mongolischen V&#xF6;lkern &#xFC;ber. Einen Teil der Kirgisen zog es damals nach Kleinasien. Dieser Zeitraum gilt als eine bl&#xFC;hende Zeit f&#xFC;r die t&#xFC;rkischen V&#xF6;lker.<\/big><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Die Zeit der mongolischen Invasion<\/strong><br>\nDie mongolische Invasion war eng mit der endg&#xFC;ltigen Migration der Kirgisen aus S&#xFC;dsibirien in den Tian Shan verbunden. Die Truppen von Dschinghis Khan hatten dem kirgisischen Staat den &#x201E;Todessto&#xDF;&#x201C; versetzt. Nach der Eroberung sind die Kirgisen gezwungen, ihren Teil des Altai und die Weiden nah des Irtysch aufzugeben.<\/big><\/span><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Die Zeit einer Invasion durch Oiroten und Dzungaren auf dem heutigen Territorium Kirgistans<\/strong><br>\nEs ist eine verheerende Periode f&#xFC;r die t&#xFC;rkischen V&#xF6;lker Zentralasiens.<\/big><\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Die vergangenen Jahrhunderte haben sicherlich ihre Spuren auf dieser Dichtung hinterlassen, und doch beh&#xE4;lt sie einen unermesslichen Wert f&#xFC;r das kirgisische Volk. Es ist eine Sammlung seiner Geschichte, seiner Legenden und seiner Sitten. Das Epos &#x201E;Manas&#x201C; versinnbildlicht letztlich auch die Vereinigung des kirgisischen Volkes. Der Hauptheld, der diese historische Mission erf&#xFC;llt, ist kein anderer als Manas selbst. In seinen letzten Atemz&#xFC;gen erkl&#xE4;rt dieser das Schicksal, f&#xFC;r das er auserkoren war:<\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>&#x201E;<em>Zweiundvierzig Jahre lang war ich der Khan.<\/em><br>\n<em>Ich habe Milane versammelt, und Falken aus ihnen gemacht.<\/em><br>\n<em>Ich habe Sklaven versammelt, und sie zu einem Volk gemacht,<\/em><br>\n<em>So habe ich eine vereinte und m&#xE4;chtige Vagabundennation geschaffen.&#x201C;<\/em><\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 12px\"><big>Der Manas Epos spielt heute eine wesentliche Rolle in dem Aufbau der Kirgisischen Identit&#xE4;t. Seit Dezember 2013 hat es mit seinem neu gewonnenen Status als <a class=\"western\" style=\"font-size: 13px;line-height: 1.6em\" href=\"http:\/\/www.unesco.org\/culture\/ich\/en\/RL\/00876\">immaterielles Kulturerbe der UNESCO<\/a> auch offiziell seinen Platz als Werk mit Weltklasse gefunden.<\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Artiom Ismailow<br>\nMitgr&#xFC;nder von Novastan.org<\/strong><\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"font-size: 12px\"><big><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen &#xFC;bersetzt von:<br>\nChristoph Richter und Florian Coppenrath<\/strong><\/big><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Weitere Quellen (Ru)<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/www.welcome.kg\/ru\/kyrgyzstan\/culture\/aswlk\/\">http:\/\/www.welcome.kg\/ru\/kyrgyzstan\/culture\/aswlk\/<\/a><\/u><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><u><a class=\"western\" href=\"http:\/\/www.eposmanas.ru\/\">http:\/\/www.eposmanas.ru\/<\/a><\/u><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>http:\/\/www.kyrgyzstan.orexca.com\/rus\/legends_manas.shtml<\/strong><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#x201E;Manas&#x201C;-Epos wird als ein Werk mit Weltklasse angesehen. Es ist ausserdem ein wichtiger Bestandteil der Identit&#xE4;t des modernen Kirgistan.<\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":1991,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1425,690,744,1198,1424,1358],"coauthors":[1422],"class_list":{"0":"post-1990","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","6":"hentry","7":"category-kirgistan","8":"tag-epos","9":"tag-kirgistan","10":"tag-kultur","12":"tag-manas","13":"tag-tradition"},"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1990"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33949,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1990\/revisions\/33949"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1990"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}