{"id":19515,"date":"2020-01-23T18:42:45","date_gmt":"2020-01-23T17:42:45","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=19515"},"modified":"2024-01-10T21:05:18","modified_gmt":"2024-01-10T20:05:18","slug":"choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens\/","title":{"rendered":"Choresm und Buchara: Die zweigeteilte Geschichte der J\u00fcdInnen Zentralasiens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schon seit der Antike ist j&#xFC;disches Leben in Zentralasien &#xFC;berliefert. Allerdings ist die Geschichte der zentralasiatischen J&#xFC;dInnen kein Kontinuum, sondern von einem circa ein Jahrhundert w&#xE4;hrenden Verschwinden j&#xFC;dischen Lebens in der Region unterbrochen. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf <a href=\"https:\/\/fergana.news\/articles\/112987\/\">Fergana News<\/a>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann erschienen in Zentralasien die ersten J&#xFC;dInnen? Welche Rolle spielte das Khaganat der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chasaren\">ChasarInnen<\/a> auf ihrer Wanderung? Warum verschwanden sie pl&#xF6;tzlich im 16. Jahrhundert ohne Nachkommen zu hinterlassen? Wie kam es, dass die heutigen bucharischen J&#xFC;dInnen erst seit kurzem in der Region leben und keine Verbindung zur Vorgeschichte haben? Auf diese Fragen antwortet der bekannte kanadische Historiker <a href=\"https:\/\/umanitoba.academia.edu\/AlbertKaganovitch\">Albert Kaganovitch<\/a> von der Universit&#xE4;t Manitoba. Sein Artikel <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/00210862.2019.1646116\">The Jewish Communities of Central Asia in the Medieval and Early Modern Periods<\/a> erschien im wissenschaftlichen Journal Iranian Studies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aus Choresm ins Reich der ChasarInnen und zur&#xFC;ck<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich kamen die ersten J&#xFC;dInnen zur Zeit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ach&#xE4;menidenreich\">Ach&#xE4;menidInnen<\/a> &#x2013; in der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. &#x2013; nach Zentralasien. Arch&#xE4;ologische Funde aus dieser Zeit lassen auf ihren Aufenthalt in der Oase von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Merw\">Merw<\/a> schlie&#xDF;en. In <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Choresmien\">Choresm<\/a> lassen sich ihre Spuren ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. finden. So schreibt der arabische Historiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/At-Tabar&#x12B;\">at-Tabari<\/a>, dass die ChoresmerInnen (vor der muslimischen Eroberung) sich oft mit j&#xFC;dischen Rabbinern berieten. Um das Jahr 730 herum konvertierte der chasarische <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro&#xDF;khan\">Khagan<\/a> Bulan unter dem Einfluss von lokalen J&#xFC;dInnen oder MigrantInnen aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sassanidenreich\">sassanidischen<\/a> Persien zum Judentum. Es ist bemerkenswert, dass gem&#xE4;&#xDF; den Schl&#xFC;ssen einiger HistorikerInnen die J&#xFC;dInnen aus Persien &#xFC;ber den Kaukasus und Choresm nach Europa (insbesondere in die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rus\">Rus<\/a> und nach Deutschland) &#xFC;bersiedelten.<\/p>\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin &#xFC;ber Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/werde-unser-mitglied-werde-novastan\/\"><strong>Dank eurer Teilnahme<\/strong><\/a>. Wir sind <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/unser-projekt\/\">unabh&#xE4;ngig<\/a> und wollen es bleiben, daf&#xFC;r brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/novastan-ev\/spenden\/\">Spende<\/a><\/strong> helft ihr uns, weiter ein realit&#xE4;tsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jener Zeit, schreibt Kaganovitch, war Choresm eine der Regionen Gro&#xDF;-<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chorasan\">C<u>horasans<\/u><\/a> &#x2013; einem Land am Schnittpunkt der heutigen Staaten Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Afghanistan &#x2013;, das voll bl&#xFC;hender St&#xE4;dte war. Das chasarische Khaganat war, insbesondere nachdem der Khagan das Judentum angenommen hatte, ein Anziehungspunkt f&#xFC;r die J&#xFC;dInnen ganz Chorasans und besonders Choresms, welches grausam von den Arabern erobert wurde. Die Mehrheit der (wenn nicht alle) chasarischen J&#xFC;dInnen sprachen und schrieben in jud&#xE4;o-persischer Sprache. Schon damals entwickelten sie einen aktiven transkontinentalen Handel: Ein jud&#xE4;o-persischer Brief zum Thema Handel, der in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hotan_(Stadt)\">Hotan<\/a> gefunden wurde, wurde auf das 8. Jahrhundert datiert. Und im Jahr 878 betrieben J&#xFC;dInnen bereits im s&#xFC;dchinesischen Kanton (chinesisch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guangzhou\">Guangzhou<\/a>, Anm. d. &#xDC;.) Handel. Als im 10. Jahrhundert das chasarische Khaganat seine milit&#xE4;rische Vormacht einb&#xFC;&#xDF;te und von der Rus besiegt wurde, wurde Choresm wieder zum St&#xFC;tzpunkt der H&#xE4;ndlerInnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aktive Beteiligung der J&#xFC;dInnen am Handel in Zentralasien entlang der Seidenstra&#xDF;e spiegelt sich in einer kirgisischen Legende wider, die Ende des 19. Jahrhunderts im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferghanatal\">Ferganatal<\/a> aufgezeichnet wurde. Einst ritt ein Jude auf seinem Kamel an dem Haus eines Muslims in der Steppe vorbei und bat ihn f&#xFC;r die Nacht um Herberge. Doch der Muslim lehnte den Ungl&#xE4;ubigen ab. Das erfuhr der Sufi <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ahmed_Yesevi\">Achmed Yassawi<\/a>, der im Haus war. Er folgte dem Juden und flehte ihn an, zur&#xFC;ckzukehren. Aber der stimmte nur unter der Bedingung zu, dass er zusammen mit dem Kamel auf den Schultern getragen wird &#x2013; was der Sufi tat. Angesichts des Wunders konvertierte der Jude zum Islam. In historischen Chroniken und Reisenotizen wird &#xFC;ber j&#xFC;dische Gemeinden im Ferganatal, in Ostturkestan und sogar Ostchina berichtet. In letzterem sprach man auch Persisch. In den Chroniken der mongolischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yuan-Dynastie\">Yuan<\/a>-Dynastie tragen sehr viele J&#xFC;dInnen persische Namen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19517\" aria-describedby=\"caption-attachment-19517\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19517\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Khazar_coin_with_tag_Spillings_Hoard.jpg\" alt=\"eine chasarische Silberm&#xFC;nze aus dem Museum Visby, Schweden\" width=\"1024\" height=\"827\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Khazar_coin_with_tag_Spillings_Hoard.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Khazar_coin_with_tag_Spillings_Hoard-300x242.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Khazar_coin_with_tag_Spillings_Hoard-768x620.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-19517\" class=\"wp-caption-text\">Eine chasarische Silberm&#xFC;nze aus dem Museum Visby, Schweden<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der &#x201E;Kern&#x201C;, das Zentrum j&#xFC;dischen Lebens in Zentralasien blieb vom 10. bis zum 13. Jahrhundert Choresm. Laut dem Reisenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benjamin_von_Tudela\">Benjamin von Tudela<\/a> lebten allein in Gorganch (heute <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Urganch\">Urganch<\/a>) mehr als 8000 J&#xFC;dInnen, wobei es heute Stimmen gibt, dass er wohl eigentlich das ebenfalls in Choresm gelegene <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Xiva\">Xiva<\/a> meinte. Selbst die Eroberung durch die Mongolen und die daraus folgenden Zerst&#xF6;rungen konnten die Stadt nicht ausl&#xF6;schen oder auch nur ihr Gedeihen verhindern. Es gibt allerdings keine zuverl&#xE4;ssigen Belege, dass J&#xFC;dInnen im 1. Jahrtausend au&#xDF;erhalb Choresms lebten. Nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buxoro\">Buchara<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Samarqand\">Samarkand<\/a> k&#xF6;nnten sie sp&#xE4;ter gelangt sein, im Rahmen der Entwicklung der Handelsbeziehungen mit China. Au&#xDF;erdem galt im Gegensatz zu Europa der Handel in der muslimischen Welt als Ehrensache, weshalb die J&#xFC;dInnen viele KonkurrentInnen hatten. Zusammen mit den hohen Steuern f&#xFC;r Andersgl&#xE4;ubige verhinderte dies die Entfaltung der Kaufleute, und ihr Haupteinflussbereich beschr&#xE4;nkte sich nach Ansicht des Historikers auf Choresm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tod und Assimilierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch lebten am Vorabend der mongolischen Invasion in Buchara und Samarkand bereits viele J&#xFC;dInnen. Aber was passierte dann? Die Mongolen haben die J&#xFC;dInnen nicht gezielt get&#xF6;tet, zumindest berichten keine Quellen davon. Aber die Wirtschaftskrise und die demografische Katastrophe in Zentralasien ver&#xE4;nderten die Handelsrouten, wodurch die J&#xFC;dInnen n&#xE4;her an das Mittelmeer und Westeuropa umgesiedelt sein k&#xF6;nnten. Aus Samarkand waren sie schon zur Mitte des 14. Jahrhunderts verschwunden: Der das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Timuridenreich\">Timuridenreich<\/a> besuchende spanische Ritter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruy_Gonz&#xE1;lez_de_Clavijo\">Ruy Gonz&#xE1;lez de Clavijo<\/a> z&#xE4;hlt die zahlreichen Gemeinden Samarkands auf und erw&#xE4;hnt T&#xFC;rkInnen, AraberInnen, MongolInnen, ArmenierInnen, GriechInnen&#xA0;&#x2013; aber keine J&#xFC;dInnen. In Buchara gab es im 15. Jahrhundert hingegen eine bl&#xFC;hende j&#xFC;dische Gemeinde: Zahlreiche Niederschriften der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mischna\">Mischna<\/a> und anderer religi&#xF6;ser Texte, die in den Jahren 1496 bis 1498 in der Stadt erstellt wurden, sind bekannt. Ein gewisser Usiel Mosche Ben-David schrieb Gedichte auf Persisch und Hebr&#xE4;isch. Die Gemeinde wuchs sogar aufgrund von Zuwanderung aus dem von Timur 1388 zerst&#xF6;rten Gorganch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sp&#xE4;ter, zur Zeit der Herrschaft des ersten Chans von Buchara aus der Dynastie der Scheibaniden &#x2013; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mohammed_Scheibani\">Mohammed Scheibani<\/a> (1501-1510) &#x2013;, verschwanden laut Kaganovitch die J&#xFC;dInnen aus Zentralasien. Allem Anschein nach starben sie entweder w&#xE4;hrend der vielen inneren Unruhen des 16. Jahrhunderts oder sie konvertierten zum Islam. Das gleiche Schicksal ereilte wahrscheinlich die J&#xFC;dInnen Choresms. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten nach Angaben des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nikolai_Nikolajewitsch_Murawjow\">Generals Murawjow<\/a> in Xiva ehemalige J&#xFC;dInnen, die zum Islam konvertiert waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-judische-minderheit-in-zentralasien-wie-lebt-sie-heute\/\">Die j&#xFC;dische Minderheit in Zentralasien &#x2013; Wie lebt sie heute?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen weiteren Beleg f&#xFC;r das Verschwinden der J&#xFC;dInnen aus Zentralasien stellen die Aufzeichnungen des englischen Reisenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antony_Jenkinson\">Antony Jenkinson<\/a> dar, der nicht nur am Hof Iwans des Schrecklichen weilte, sondern auch in den 1550er Jahren Buchara besuchte. Jenkinson beschreibt detailliert den politischen Aufbau und die Wirtschaft der Stadt, erw&#xE4;hnt aber mit keinem Wort die J&#xFC;dInnen. Das ist umso seltsamer, als er viel &#xFC;ber dieses Thema nachdenkt und die in Europa popul&#xE4;re Idee &#xFC;ber die Herkunft der MongolInnen aus den zehn verlorenen St&#xE4;mmen Israels stark kritisiert. Es ist daher umso wahrscheinlicher, dass die J&#xFC;dInnen Bucharas starben oder aus der Stadt flohen. Wenn sie konvertiert w&#xE4;ren, dann h&#xE4;tten ihre Nachfahren in Buchara in den 1550er Jahren noch existiert und die lokalen Gespr&#xE4;chspartnerInnen Jenkinsons h&#xE4;tten seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19516\" aria-describedby=\"caption-attachment-19516\" style=\"width: 951px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19516\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Jewish_Children_with_their_Teacher_in_Samarkand_cropped.jpg\" alt=\"J&#xFC;dische Kinder mit ihrem Lehrer (Samarkand, um 1910)\" width=\"951\" height=\"899\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Jewish_Children_with_their_Teacher_in_Samarkand_cropped.jpg 951w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Jewish_Children_with_their_Teacher_in_Samarkand_cropped-300x284.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/Jewish_Children_with_their_Teacher_in_Samarkand_cropped-768x726.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 951px) 100vw, 951px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-19516\" class=\"wp-caption-text\">J&#xFC;dische Kinder mit ihrem Lehrer (Samarkand, um 1910)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es besteht die M&#xF6;glichkeit, dass die Juden nicht gestorben sind, sondern aus Zentralasien nach China fliehen konnten, denn ihre Handelsbeziehungen mit dem Reich der Mitte blieben bestehen. Zwei jud&#xE4;o-persische <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haggada\">Haggada<\/a>-Exemplare aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaifeng\">Kaifeng<\/a> des 17. bis 18. Jahrhunderts unterst&#xFC;tzen diese Hypothese. Wie j&#xFC;ngste Forschungen ergeben haben, war die Schriftsprache der J&#xFC;dInnen von Kaifeng ein chorasanischer Dialekt der jud&#xE4;o-iranischen Sprachen, den man nur im Chorasan des 8. bis 13. Jahrhunderts sprach. Dass ein so alter Dialekt und das Ritual des Pessachfestes bis ins 19. Jahrhundert erhalten geblieben sind, spricht auch f&#xFC;r die lange Isolation Chinas und Zentralasiens vom Nahen Osten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wiedergeburt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die j&#xFC;dischen Gemeinden f&#xFC;r ungef&#xE4;hr ein Jahrhundert verschwunden waren, erfolgte ihre Wiedergeburt. Der genaue Zeitpunkt ist jedoch unbekannt. Nach dem persischen Einfluss in einigen literarischen Werken der bucharischen J&#xFC;dInnen zu urteilen, geschah dies gegen Anfang des 17. Jahrhunderts. Wahrscheinlich wurden sie gewaltsam aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maschhad\">Maschhad<\/a> &#x2013; der wichtigsten Stadt im Chorasan der Neuzeit &#x2013; vertrieben. Im 15. und 16. Jahrhundert war Maschhad f&#xFC;r seine Seidenstoffe bekannt, die den Genueser Stoffen in nichts nachstanden, aber im 17. Jahrhundert wird die Stadt nur als Zentrum der Herstellung grober Textilien und Teppiche beschrieben. Wahrscheinlich wurden alle J&#xFC;dInnen, die f&#xFC;r die Produktion von Seide verantwortlich waren, aus Maschhad nach Buchara umgesiedelt. Verantwortlich daf&#xFC;r war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abdullah_II._(Buchara)\">Khan Abdullah II.<\/a>, der auf diesem Weg nicht nur seinen Staat bereichern, sondern auch die Wirtschaft seines Feindes, des schiitischen Persiens, zerst&#xF6;ren wollte. Der schiitische Schah <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abbas_I._(Persien)\">Abbas der Gro&#xDF;e<\/a> hat den Seidenexport nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transoxanien\">Transoxanien<\/a> einfach unterbunden, und die Herrscher von Buchara wollten sich damit nicht abfinden. Die Umsiedlung der Juden aus den gepl&#xFC;nderten St&#xE4;dten Chorasans war Khan Abdullahs Antwort auf diese Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/die-bucharischen-juden-wie-kamen-sie-nach-zentralasien\/\">Die bucharischen Juden &#x2013; wie kamen sie nach Zentralasien?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Umsiedlung aus Maschhad ist Bestandteil vieler Sagen und Legenden der bucharischen J&#xFC;dInnen. Noch in den 1920er Jahren wurde erz&#xE4;hlt, dass vor langer Zeit die Gemahlin des bucharischen Zaren keine Kinder hatte. Ihr Mann erfuhr, dass ein j&#xFC;discher Arzt aus Maschhad Unfruchtbarkeit heile. Aber dieser weigerte sich nach Buchara zu ziehen, da es dort keine Synagoge und keine j&#xFC;dische Gemeinde gebe. Also stimmte der Monarch zu, noch weitere zehn M&#xE4;nner nach Buchara zu holen, damit der Arzt jemanden zum Beten habe. Im Jahr 1620 wurde die erste Synagoge gebaut. Ihren Lebensunterhalt verdienten die J&#xFC;dInnen mit der Produktion von Seide, welche unter anderem nach Russland exportiert wurde. &#xDC;ber die F&#xE4;higkeiten der j&#xFC;dischen Handwerksmeister in der Produktion von Seidenstoffen schrieben nicht nur russische Offiziere wie Efremow und Burnaschew, sondern auch indische Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p style=\"background-color: #d4d4d4;\"><span style=\"color: #000000;\">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? 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Dennoch fertigte noch 1885 ein Drittel der bucharischen J&#xFC;dInnen Seidenwaren. Besonders gesch&#xE4;tzt wurden Schals und Turbane aus durchscheinender Seide. Das Erbl&#xFC;hen der j&#xFC;dischen Gemeinde in Buchara und die Toleranz der lokalen Bev&#xF6;lkerung machten die Region so anziehend, dass Hunderte J&#xFC;dInnen aus Afghanistan, Persien und sogar Syrien dorthin zogen, welche sich schnell in die Gemeinde integrierten. Aber dies waren schon neue Leute, mit eigener Kultur, Sprache und Erinnerung an die L&#xE4;nder des j&#xFC;ngsten Exodus. Die jahrhundertealte Tradition des j&#xFC;dischen Lebens im antiken und mittelalterlichen Zentralasien, die Rituale, Sprache und Literatur, die Geschichte von Chasarien und Choresm sind in Vergessenheit geraten, und ihre wenigen Spuren sind nur im fernen China erhalten geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Artjom Kosmarskij f&#xFC;r <a href=\"https:\/\/fergana.news\/articles\/112987\/\">Fergana News<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <\/span><a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\"><span style=\"font-weight: 400;\">Twitter<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Facebook<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\"><span style=\"font-weight: 400;\">Telegram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, <\/span><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/novastan\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Linkedin<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\"><span style=\"font-weight: 400;\">Instagram<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. 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