{"id":1945,"date":"2014-02-21T12:00:00","date_gmt":"2014-02-21T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1945"},"modified":"2016-10-06T13:59:13","modified_gmt":"2016-10-06T11:59:13","slug":"man-hat-uns-ubers-ohr-gehauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/man-hat-uns-ubers-ohr-gehauen\/","title":{"rendered":"\u201eMan hat uns \u00fcbers Ohr gehauen\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>In der Republik Kasachstan hat es am 11.Februar eine drastische Abwertung der Nationalw&#xE4;hrung gegeben. Diese pl&#xF6;tzliche Verarmung sch&#xFC;rt das Misstrauen gegen&#xFC;ber der Regierung im kasachischen Volk. Besonders betroffen von der Abwertung sind Rentner und Studenten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Wir entschuldigen uns f&#xFC;r die Unannehmlichkeiten&#x201C; steht auf dem Zettel, der an dem rot-wei&#xDF;en Flatterband klebt, welches den Zugang zum Unabh&#xE4;ngigkeits-Denkmal auf dem Platz der Republik in Almaty weitr&#xE4;umig versperrt. Passanten oder Angestellte, die in den B&#xFC;ros des anliegenden Geb&#xE4;udes arbeiten, m&#xFC;ssen die Absperrung umgehen. Es ist weit und breit kein Baufahrzeug oder ein Hinweis darauf zu erkennen, dass das Unabh&#xE4;ngigkeitsdenkmal restauriert wird. Im Gegenteil: Die Absperrung ist &#xFC;brig geblieben vom Wochenende. Sie sollte verhindern, dass Demonstranten, die auf die ihre Missbilligung gegen&#xFC;ber der Wirtschaftspolitik zum Ausdruck brachten, das Denkmal besch&#xE4;digen. Der Platz der Republik wurde am 15. und 16. Februar zum Schauplatz von zwei Demonstrationen, bei denen einige B&#xFC;rger Almatys ihre Ver&#xE4;rgerung &#xFC;ber die willk&#xFC;rliche und repressive Wirtschaftspolitik zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hintergrund sind das im Juli kommende Einfuhrverbot von Spitzenunterw&#xE4;sche und die pl&#xF6;tzliche Abwertung der Nationalw&#xE4;hrung. Der Dollarkurs wurde von der Nationalbank von heute auf morgen von 155 Tenge auf 185 Tenge angehoben. Damit sind Studenten, Arbeitnehmer, Angestellte und Rentner, die ihr monatliches Gehalt in Tenge ausgezahlt bekommen, pl&#xF6;tzlich &#xE4;rmer geworden. Besonders hart getroffen hat es Lehrer, Verk&#xE4;ufer und einfache Angestellte. Sie verdienen ein durchschnittliches Gehalt von 30.000- 60.000 Tenge. Das waren vor dem &#x201E;schwarzen Dienstag&#x201C; noch umgerechnet 195 bis 387 Dollar. Seit dem 11. Februar haben die Menschen pl&#xF6;tzlich 20 Prozent weniger in der Tasche. Hinzu kommt die Verteuerung vieler Importwaren, aber auch einiger Milchprodukte, die in Kasachstan hergestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Unabh&#xE4;ngigkeitsdenkmal ist es still, seitdem am Sonntag die letzten Demonstranten verhaftet. Der Verkehr flie&#xDF;t im gew&#xF6;hnlich, z&#xE4;hfl&#xFC;ssigem Tempo &#xFC;ber die anliegende Saptaew-Stra&#xDF;e, Studenten gehen vorbei, auf dem Weg zur unmittelbar am Platz der Republik gelegenen Turau-Universit&#xE4;t. Es scheint, als w&#xE4;re nichts gewesen. Nur die grell rot leuchtenden Zahlen auf den Schildern der Wechselstuben erinnern eine Woche sp&#xE4;ter an den &#x201E;schwarzen Dienstag&#x201C;. Sie zeigen die neue Valuta. Auch der Euro ist gestiegen: von 209 Tenge Anfang Januar auf 250 Tenge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diesen Umrechnungskurs zeigt auch eine Wechselstube in der Schewtschenko-Stra&#xDF;e, in unmittelbarer N&#xE4;he der Abylai-Chana-Universit&#xE4;t an. Dort studiert Diana Nurlanowa Philologie. Die 22-j&#xE4;hrige Studentin lebt bei ihren Eltern und bekommt ein staatliches Stipendium, wie viele ihrer Kommilitonen. Das sind im Monat 15.000 Tenge, umgerechnet sind das nun ca. 81 Dollar. Im Januar hatte sie noch ca. 98 Dollar bekommen. Doch ob sie ihr Stipendium in diesem Monat noch ausgezahlt bekommt, ist unklar. &#x201E;Heute habe ich erfahren, dass die Bank, mit der unsere Universit&#xE4;t zusammenarbeitet, pleite ist. Nun wird es wohl Probleme geben, das Stipendium weiterhin zu bekommen&#x201C;, erkl&#xE4;rt Nurlanowa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dazu passen die Ger&#xFC;chte &#xFC;ber einen baldigen Bankrott der Kaspi-Bank, Alijanz-Bank und der Central Kreditbank, die alle drei Teilhaber des staatlichen Einlagensicherungsfonds sind. Bisher ist noch nicht ganz klar, ob diese Ger&#xFC;chte stimmen. Obwohl der Chef der Nationalbank Karat diese Ger&#xFC;chte Dementiert ist schon am Dienstag in einigen Bank-Filialen, in denen sich Schlangen voll besorgter Menschen bildeten, das Geld ausgegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor der Abylai-Chana-Universit&#xE4;t steht Diana zusammen mit ihrer Kommilitonin Marina. Beide gehen am abgesperrten Unbh&#xE4;ngigkeitsdenkmal, das an die Dezember-Aufst&#xE4;nde von 1986 erinnert, entlang. Hier und vor dem Palast der Republik fanden am Wochenende Proteste gegen die repressive Wirtschaftspolitik statt. Das gab es schon lange nicht mehr in Almaty. Dabei trauten sich die rund 200 Demonstranten am 15. und 16. Februar &#xF6;ffentlich zu zeigen, dass ihr Vertrauen in die Regierung gest&#xF6;rt ist. Einige von ihnen wurden f&#xFC;r 14 Tage eingesperrt, eine bekamen Geldstrafen. Diese Sanktionen t&#xE4;uschen allerdings nicht mehr dar&#xFC;ber hinweg, dass die Tenge-Abwertung eine Vertrauenskrise in die kasachische Regierung ausgel&#xF6;st hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Ich finde, dass die Menschen ein Recht darauf haben, auf die Stra&#xDF;e zu gehen und ihre Unzufriedenheit kund zu tun. Allerdings muss man auch sagen, dass die Kasachen ein sehr passives Volk sind, die vieles aushalten. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass bald vielmehr Menschen auf die Stra&#xDF;e gehen, wenn das Vertrauen in die Regierung weiterhin f&#xE4;llt&#x201C;, kommentiert Marina Utschernenko. Sie f&#xFC;hlt sich im Stich gelassen von der Regierung und ist wenig beeindruckt von den Ank&#xFC;ndigungen in den Medien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses Bewusstsein scheint bei den Almatyner B&#xFC;rgern im Vergleich st&#xE4;rker ausgepr&#xE4;gt zu sein als in anderen St&#xE4;dten. In Astana zum Beispiel fanden keine Demonstrationen statt. Dennoch k&#xE4;mpfen dort einige Menschen gegen den pers&#xF6;nlichen Ruin, wei&#xDF; Xenia Sutula. Sie ist freie Journalistin und lebt in der kasachischen Hauptstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Hier In Astana versuchen Rentner zum Beispiel etwas dazu zu verdienen. Sie verkaufen selbstgekochte marinierte Gurken, Tomaten, gebratene Sonnenblumenkernen und Br&#xF6;tchen. Den ganzen Tag sitzen sie einfach drau&#xDF;en auf der Stra&#xDF;e, sogar bei Minustemperaturen. Daf&#xFC;r bekommen sie ein paar Groschen, f&#xFC;r die sie Brot kaufen k&#xF6;nnen.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum ersten April sollen die Geh&#xE4;lter f&#xFC;r Stipendiennehmer, Rentner und staatlich Angestellten steigen. Ob es Marina und Diana dann besser geht, wissen sie selber nicht. Sie wollen sich eigentlich um ihr Studium k&#xFC;mmern und sich nicht &#xFC;ber solche Probleme den Kopf zerbrechen m&#xFC;ssen, sagen sie. Nurlanowa f&#xFC;gt hinzu: &#x201E;Es f&#xE4;llt mir schwer zu sagen, aber eigentlich ist es ja so: man hat uns &#xFC;bers Ohr gehauen&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Dominik Vorh&#xF6;lter<br>\nifa-Redakteur der <a href=\"http:\/\/deutsche-allgemeine-zeitung.de\/de\/index.php\">Deutschen Allgemeinen Zeitung<\/a><br>\nAlmaty<\/strong><\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Republik Kasachstan hat es am 11.Februar eine drastische Abwertung der Nationalw&#xE4;hrung gegeben. 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