{"id":19333,"date":"2020-01-08T15:29:36","date_gmt":"2020-01-08T14:29:36","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=19333"},"modified":"2020-12-20T17:40:22","modified_gmt":"2020-12-20T16:40:22","slug":"um-einen-teller-erdbeeren-pogrom-in-fargona-1989","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/um-einen-teller-erdbeeren-pogrom-in-fargona-1989\/","title":{"rendered":"\u201eUm einen Teller Erdbeeren\u201c: Das Pogrom in Farg\u2018ona 1989"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Einer der ersten gewaltt&#xE4;tigen interethnischen Konflikte Usbekistans war das Pogrom gegen die turk-meschetische Minderheit in der Provinz Farg&#x2019;ona. Bis heute sind die Ursachen nicht genau gekl&#xE4;rt. Der Anthropologe Dr. Sergei Abashin geht von einem spontanen, emotional aufgeladenen Gewaltausbruch aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei <\/strong><a href=\"https:\/\/fergana.agency\/articles\/107921\/\">Fergana News<\/a><strong>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik kam es im Mai und Juni des Jahres 1989 zu einem der ersten interethnischen Konflikte auf dem Gebiet der Sowjetunion, durch den zehntausende unschuldige Menschen litten, die schon viele Jahre in Usbekistan gelebt hatten: die Turk-Mescheten. Die Turk-Mescheten waren 1944 aus ihrer Heimat Meschetien im S&#xFC;den Georgiens in den zentralasiatischen Teil der Sowjetunion deportiert worden, die meisten nach Usbekistan. Zun&#xE4;chst lebten sie dort in Spezialansiedlungen. Ab 1956 standen die Turk-Mescheten nicht mehr unter administrativer &#xDC;berwachung. Nichtsdestotrotz hatten sie keine echte M&#xF6;glichkeit, in die Regionen zur&#xFC;ckzukehren, aus denen sie deportiert worden waren. Laut einer Volksz&#xE4;hlung aus dem Jahr 1989 lebten 107.000 Turk-Mescheten in Usbekistan, 5 bis 6 Tausend davon in der Provinz Farg&#x2018;ona, die meisten in Quvasoy.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Ausl&#xF6;ser der Pogrome, &#xFC;ber den bis heute keine vollst&#xE4;ndige Klarheit besteht, wurde zun&#xE4;chst ungeschickt zu vertuschen versucht: auf dem Volksdeputiertenkongress gab Rafik Nishanow, damals Generalsekret&#xE4;r der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, bekannt, dass sich die Geschehnisse auf einem Basar &#x201E;aufgrund eines Tellers Erdbeeren&#x201C; zugetragen h&#xE4;tten. Angeblich habe sich ein Turk-Meschete grob gegen&#xFC;ber einer usbekischen Verk&#xE4;uferin verhalten und die Erdbeeren umgesto&#xDF;en. Man habe sich f&#xFC;r die Frau eingesetzt und eine Schl&#xE4;gerei begonnen. Kurz darauf &#xE4;nderte sich die offizielle Version, doch Nischanows &#x201E;Erdbeeren&#x201C; wurden noch viele Jahre sp&#xE4;ter erw&#xE4;hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Erste Gewaltausbr&#xFC;che in Quvasoy<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mitte Mai 1989 kam es in Quvasoy zu Pr&#xFC;geleien zwischen turk-meschetischen Jugendlichen auf der einen, und usbekischen und tadschikischen Jugendlichen auf der anderen Seite. Nach einer kurzen Kampfpause entwickelten sich daraus deutlich gr&#xF6;&#xDF;ere Auseinandersetzungen. Von jeder Seite waren einige hundert Personen beteiligt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es begannen Versuche, in Viertel vorzudringen, in denen Turk-Mescheten und andere Minderheiten lebten, um dort Pogrome zu ver&#xFC;ben. Von staatlicher Seite wurde versucht, die Menge zur Aufl&#xF6;sung zu &#xFC;berreden, jedoch war es erst m&#xF6;glich die Unruhen zu unterbrechen als in der Stadt zus&#xE4;tzliche Sicherheitskr&#xE4;fte eintrafen. Bei diesen Ereignissen wurden 58 Menschen verletzt, 32 wurden in Krankenh&#xE4;user eingeliefert, wo einer von ihnen starb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Quvasoy trafen die Angreifer auf Widerstand von Seiten der Turk-Mescheten. Die Zusammenst&#xF6;&#xDF;e arteten in Pogrome aus, die in der ganzen Oblast um sich griffen. In anderen St&#xE4;dten und D&#xF6;rfern gelang es den Turk-Mescheten nicht, sich zu verteidigen. Sie waren zahlenm&#xE4;&#xDF;ig weniger, lebten verstreut und in einigen F&#xE4;llen gestattete die Miliz nicht die Bildung von Wehren zur Selbstverteidigung.<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<figure id=\"attachment_19334\" aria-describedby=\"caption-attachment-19334\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19334\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg\" alt=\"\" width=\"496\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg 496w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79-300x210.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-19334\" class=\"wp-caption-text\">Mehr als 16.000 Turk-Mescheten wurden w&#xE4;hrend der zweiw&#xF6;chigen Gewaltausbr&#xFC;che in der Provinz Ferg&#x2019;ona in Usbekistan nach Russland ausgeflogen<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Die zentralen Ereignisse der Krise in der Provinz Farg&#x2018;ona begannen am 3. Juni in der Siedlung Toshloq. Dort fand sich eine Gruppe Jugendlicher zusammen, die begann, die H&#xE4;user von Turk-Mescheten anzuz&#xFC;nden und auf ihre Bewohner einzupr&#xFC;geln. Danach setzten sie ihre Gewalttaten in der Siedlung Komsomolski fort. Eine Gruppe Soldaten der Inneren Truppen versuchte erfolglos sich ihnen entgegenzustellen. &#xDC;berf&#xE4;lle auf die Turk-Mescheten ereigneten sich auch in Marg&#x2019;ilon und Farg&#x2019;ona.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Folgetag forderte eine gewaltbereite Menschenmenge in Toshloq die Auslieferung der Turk-Mescheten, die sich unter dem Schutz der Miliz in das Geb&#xE4;ude des Regionalkomitees gefl&#xFC;chtet hatten. Zudem forderte die Menge die Freilassung der am Vorabend verhafteten Gewaltt&#xE4;ter. Das Geb&#xE4;ude des Regionalkomitees und der Milizf&#xFC;hrung wurde angegriffen, wobei ein Milizion&#xE4;r starb und 15 weitere verletzt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In den Zentren von Farg&#x2019;ona und Marg&#x2019;ilon versammelten sich aggressive Menschenmengen, die versuchten in die Geb&#xE4;ude des Stadt- sowie des Oblastkomitees vorzudringen. In Marg&#x2019;ilon gelang den Angreifenden dies, die Turk-Mescheten hatte man jedoch bereits erfolgreich von dort evakuiert. In Farg&#x2019;ona stoppten die Gewaltt&#xE4;ter Autos und Busse und durchsuchten diese nach Turk-Mescheten. Erste Informationen &#xFC;ber die Unruhen erschienen in den Medien jedoch erst zwei Tage sp&#xE4;ter, am 6. Juni.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Aggressive Menschenmengen machen einen milit&#xE4;rischen Einsatz n&#xF6;tig<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Qo&#x2019;qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor. Mehr als 5000 Menschen aus den umliegenden D&#xF6;rfern kamen am 7.Juni in der Stadt zusammen. Die Menge besetzte eine Ziegelei sowie das Geb&#xE4;ude der st&#xE4;dtischen Verwaltung. 68 Personen wurden aus dem Untersuchungsgef&#xE4;ngnis befreit. W&#xE4;hrend die Angreifer die Stadtverwaltung belagerten, gelang es den Beh&#xF6;rden, die in der Stadt verbliebenen Turk-Mescheten auf dem Autohof und im Sanatorium zu versammeln. Sp&#xE4;ter konnten Spezialkr&#xE4;fte die Angreifenden aus dem st&#xE4;dtischen Verwaltungsgeb&#xE4;ude vertreiben. Die Gewaltt&#xE4;ter verstreuten sich daraufhin in der Stadt und begannen unter anderem auch die H&#xE4;user von Milizion&#xE4;ren zu zerst&#xF6;ren und anzuz&#xFC;nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am darauffolgenden Tag str&#xF6;mten weitere Menschen aus umliegenden Bezirken nach Qo&#x2018;qon. Den Unruhestiftern gelang es, einige Unternehmen und den Bahnhof zu besetzen, wo sich auf den Gleisen ein Zug mit Brennstoff befand. Aus einem der Tanks wurde Brennstoff gelassen. Sie forderten von den Beh&#xF6;rden die Auslieferung der Turk-Mescheten sowie der Milizion&#xE4;re, die auf sie geschossen hatten und drohten damit, den Brennstoff in Brand zu setzen und den Zug in die Luft zu sprengen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/das-ferganatal-in-hundert-tnen\/\">Das Ferganatal in hundert T&#xF6;nen<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alle besetzten Orte wurden nach einiger Zeit von Spezialkr&#xE4;ften zur&#xFC;ckerobert. Aus Qo`qon brachten die Beh&#xF6;rden die Turk-Mescheten ins benachbarte Tadschikistan. Dort wurden sie in einem Ferienheim in den Bergen der Oblast Leninabad [Anmerkung: heute Provinz Sughd] versteckt. Doch schon kurz darauf, am 10.Juni, rollte eine Lastwagenkolonne in Richtung des Ferienheims. In diesen befanden sich junge Erwachsene, die mit Stichwaffen bewaffnet waren. Um die Kolonne aufzuhalten setzten die Inneren Truppe aus Helikoptern heraus Waffen ein. Bis zum 11.Juni gelang es den Milit&#xE4;rs die Massenunruhen zu beenden und die Situation unter Kontrolle zu bringen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19335\" aria-describedby=\"caption-attachment-19335\" style=\"width: 920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19335\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"644\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg 920w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-300x210.jpeg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-768x538.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-19335\" class=\"wp-caption-text\">In der Stadt Qo&#x2019;qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor, Spezialeinsatzkr&#xE4;fte mussten sie aus dem Verwaltungsgeb&#xE4;ude vertreiben<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Historiker und Ethnologe Alexander Osipow, der zu den Turk-Mescheten forscht, schreibt, dass die Zusammenst&#xF6;&#xDF;e in der Oblast Farg&#x2019;ona vielen bis heute ein R&#xE4;tsel bleiben: zahlreiche Details blieben unbekannt und der Sinn des Geschehenen unverst&#xE4;ndlich. Es ist unklar, warum die Aufst&#xE4;nde begannen, warum sie so umfangreich und erbittert waren und wer die Angreifenden anf&#xFC;hrte, falls es denn &#xFC;berhaupt einen Anf&#xFC;hrer gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Augenzeugenbericht eines Wissenschaftlers<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">An die Geschehnisse in Farg&#x2019;ona erinnert sich der Anthropologe Dr. Sergei Abashin, der als Professor an der Europ&#xE4;ischen Universit&#xE4;t Sankt Petersburg arbeitet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Im April 1989 war ich Doktorand am Institut f&#xFC;r Ethnographie und fuhr in die Oblast Farg&#x2019;ona nach Usbekistan, um dort Feldarbeiten durchzuf&#xFC;hren. Dort hielt ich mich bis Ende Juni auf. Ich kann mich gut an die Vorgeschichte des Konflikts erinnern. Als ich Anfang Mai nach Farg&#x2019;ona fuhr und mich dort mit den Leuten unterhielt, konnte man die allgemeine Anspannung schon sp&#xFC;ren, die Aufteilung in Einheimische und Fremde, aber die Turk-Mescheten als spezielle Gruppe wurden nicht genannt. Dennoch hatte sich schon Ende Mai die allgemeine Aufmerksamkeit gerade auf die Turk-Mescheten fokussiert. Ich habe Gespr&#xE4;che mit Beamten auf Bezirksebene gef&#xFC;hrt und sie berichteten, dass am 1. oder 9. Mai Flugbl&#xE4;tter mit unterschiedlichen Aufrufen nationalistischer Art verteilt worden waren. In Details haben sie sich nicht vertieft, aber es war offensichtlich, dass die Menschen deshalb beunruhigt waren.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Die Geschehnisse in Quvasoy fanden Mitte Mai statt. In dieser Zeit betrieb ich Nachforschungen in der N&#xE4;he von Quva, wo ich bei einer Familie im Kischlak wohnte [Anmerkung: Das Wort &#x201E;Kischlak&#x201C; bezeichnet eine l&#xE4;ndliche Siedlung von semi-nomadischen Turkv&#xF6;lkern.]. Ich erinnere mich, dass die Leute untereinander redeten, dass wohl etwas passiert sei. Die Sache ist die, dass die Menschen die Turk-Mescheten nicht sehr von anderen unterschieden, sofern sie nicht direkte Nachbarn waren. Und in den Unterhaltungen, die ich mitbekam, wurden sie als &#x201E;Kaukasier&#x201C; bezeichnet.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Bereits Anfang Juni reiste ich in die Stadt Farg&#x2019;ona. Ich sah, wie sich Jugendliche aus dem Ort in Massen auf dem zentralen Platz versammelten, wie sie zu den Beh&#xF6;rden gingen und ein Treffen abhielten. Sie erkl&#xE4;rten mit sp&#xE4;ter, dass sie ihre Toten herbeigebracht hatten. Obwohl diese Menschenmenge einigerma&#xDF;en aggressiv war, war diese Aggression nicht willk&#xFC;rlich, sondern gezielt. Auch als sich die Menge auf einem Platz versammelte, gingen andere Menschen weiterhin gelassen an diesen vorbei und gingen in Parks spazieren. Die Menge griff niemanden der Vorbeigehenden an. Dasselbe Bild zeigte sich auch, als sich die Menschenmasse zum Geb&#xE4;ude der &#xF6;rtlichen Verwaltung hinbewegte.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Groteske Parallelwelt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;[&#x2026;] Ich habe die Pogrome gesehen. In der Stadt gab es Bezirke, in denen die Turk-Mescheten lebten, und dort brannten die H&#xE4;user- Bis heute erinnere ich mich an das Schockgef&#xFC;hl, als ich auf der einen Stra&#xDF;e die Pogrome sah, und ein paar Stra&#xDF;en weiter alles ruhig zuging und M&#xFC;tter mit Kinderw&#xE4;gen spazieren gingen.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Ich erinnere mich auch, dass Jugendliche aus den Regionen nach Farg&#x2019;ona und Marg&#x2019;ilon reiste, um &#x201E;die Unseren zu unterst&#xFC;tzen&#x201C;. Das ist durchaus ein bekanntes Muster, dass die Angreifenden oft denken, dass sie sich eigentlich verteidigen. Es ging das Gerede herum, dass &#x201E;die T&#xFC;rken uns angreifen&#x201C;, deshalb m&#xFC;ssen wir uns verteidigen und diese Verteidigung<\/em> <em>bestand dann aus Angriffen auf &#x201E;t&#xFC;rkische&#x201C; Viertel. [&#x2026;] Ich erinnere mich, dass zu der Familie, bei der ich in Farg&#x2019;ona lebte, eine befreundete t&#xFC;rkischst&#xE4;mmige Familie kam, um sich zu verstecken. Ihr Haus war angez&#xFC;ndet worden. Sp&#xE4;ter begaben sich die Turk-Mescheten zu einem gesch&#xFC;tzten Bereich beim Flughafen, von dort wurden sie sp&#xE4;ter ausgeflogen. Die Beh&#xF6;rden reagierten auf die Ereignisse relativ schnell. [&#x2026;] Trotzdem hielt der chaotische Zustand weiter an, weil die lokalen Beh&#xF6;rden damit &#xFC;berfordert waren. Stra&#xDF;en wurden geschlossen, der &#xF6;ffentliche Nahverkehr fuhr nur teilweise und wesentlich seltener. Die Bewegungsfreiheit zwischen den einzelnen Teilen der Region lag nicht vollst&#xE4;ndig still, aber war erschwert.&#x201C;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_19336\" aria-describedby=\"caption-attachment-19336\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19336\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg\" alt=\"\" width=\"496\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg 496w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-300x200.jpeg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/01\/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-128x86.jpeg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-19336\" class=\"wp-caption-text\">Anthropologe Dr. Sergei Abashin war Augenzeuge der Progrome: &#x201E;Menschen verhielten sich ohne jegliche Organisation pl&#xF6;tzlich aggressiv&#x201C;<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Ich m&#xF6;chte anmerken, dass diese Zeit f&#xFC;r das ganze Land sehr aufregend war, da in diesen Tagen die erste Zusammenkunft der Volksdeputierten stattfand, die vollst&#xE4;ndig im Fernsehen &#xFC;bertragen wurde. Ungewohnt f&#xFC;r alle, &#xE4;u&#xDF;erte sich die Opposition offen. Das ganze Land schaute gebannt auf diese Zusammenkunft und nicht etwa auf die Ereignisse in Farg&#x2019;ona. Und nur Galina Starowoitowa prangerte an, dass in Farg&#x2019;ona etwas geschehe, das eine Einmischung von Seiten der Machthabenden erfordere.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ursachen f&#xFC;r den Konflikt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;[&#x2026;] Es ergeben sich viele Fragen, inwiefern der Konflikt organisiert oder spontan geschah. Was ich sagen kann ist, dass es einige Elemente der Selbstorganisation gab. Mit Bekannten bin ich durch die Stadt spaziert und uns n&#xE4;herten sich Usbeken, die mit meinen Freunden sprachen. Als ich dazutrat, gingen sie weg. Die Bekannten erz&#xE4;hlten, dass sie zu einem Treffen eingeladen wurden. Das hei&#xDF;t, es gab Leute, die sich mit der Rekrutierung und der Verbreitung von Informationen besch&#xE4;ftigten. Aber das kann man kaum eine Organisation nennen. Gleichzeitig beobachtete ich auch, dass Menschen sich ohne jegliche Organisation pl&#xF6;tzlich aggressiv verhielten. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gibt die Ansicht, dass es Organisatoren gab, aber die Meinungen dar&#xFC;ber, wer genau die Organisatoren waren, gehen auseinander. Die einen nennen islamistische Nationalisten, die anderen sprechen von Straft&#xE4;tern und korrupten Akteuren. Wiederum einige sind der Meinung, dass die Ereignisse vom KGB herbeigef&#xFC;hrt wurden. Ich streite nicht ab, dass es Interessensgruppen gab, die versuchten, die Unruhen f&#xFC;r ihre Zwecke zu nutzen. Nat&#xFC;rlich gibt es auch soziale Gr&#xFC;nde: 1989 war ein Jahr mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und politischen Schocks.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Nichtsdestotrotz neige ich nach wie vor zu der Ansicht, dass die Ereignisse in vielerlei Hinsicht einen spontanen Charakter trugen, es gab eine emotionale Mobilisierung. Die Menschen waren in Aufregung und hatten eine erwartungsvolle Haltung, dass &#x201E;doch etwas passieren m&#xFC;sse&#x201C;. Mit eigenen Augen habe ich Menschen gesehen, die unabh&#xE4;ngig von all diesen Interessen, grundlos und ohne dazu aufgestachelt worden zu sein, aggressiv wurden und sich in den Konflikt einmischten. Wir wissen doch, wie unerwartete Pogrome zustande kommen [&#x2026;]. Sie beginnen schnell, es kommt zu einem schlagartigen Ausbruch von Aggressionen und dann endet alles wieder schnell. Daraus entstehen keine politischen Bewegungen. Die Ereignisse in Farg&#x2019;ona &#xE4;hneln diesem Muster.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Folgen des Pogroms<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bis zum 18. Juni wurden aus der Provinz Farg&#x2019;ona mehr als 16.000 Turk-Mescheten nach Russland ausgeflogen. Bis Ende 1990 verlie&#xDF;en weitere 90.000 Usbekistan. Viele reisten widerwillig aus und betrachteten dies faktisch als Deportation. &#xD6;rtliche Beh&#xF6;rden dr&#xE4;ngten die Menschen zur Ausreise, da sie es f&#xFC;r unm&#xF6;glich erachteten, ihre Sicherheit zu garantieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die offiziellen Angaben zu den Todesopfern gehen leicht auseinander. So berichteten das Innenministerium der UdSSR von rund 106 Toten und die Staatsanwaltschaft von 112. Ungef&#xE4;hr 50 Todesopfer waren Turk-Mescheten, rund 30 Usbeken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Ermittlungen ergaben ungef&#xE4;hr 2000 Personen, die an den Delikten beteiligt waren. Bis Dezember 1989 wurden 238 Strafverfahren eingeleitet und bis Ende 1990 364 Personen zur Rechenschaft gezogen. Zwei Teilnehmer der Unruhen wurden zum h&#xF6;chsten Strafma&#xDF; verurteilt. Am 23.Juni 1989 wurde der Erste Sekret&#xE4;r der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Rafik Nischanow, aus seinem Amt entlassen und durch Islam Karimow ersetzt [Anmerkung: Dieser war in der Folgezeit zwischen 1991 bis zu seinem Tod 2016 Staatspr&#xE4;sident Usbekistans].<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>J&#x435;katerina Iwaschtschenko und J&#x435;gor Petrow f&#xFC;r <\/strong><a href=\"https:\/\/fergana.agency\/articles\/107921\/\"><strong>Fergana News<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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