{"id":1926,"date":"2014-03-03T12:00:00","date_gmt":"2014-03-03T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1926"},"modified":"2016-10-06T15:06:45","modified_gmt":"2016-10-06T13:06:45","slug":"persnliche-kontakte-in-kirgisistan-sind-mehr-wert-als-die-gelben-seiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/persnliche-kontakte-in-kirgisistan-sind-mehr-wert-als-die-gelben-seiten\/","title":{"rendered":"&#8222;Pers\u00f6nliche Kontakte in Kirgistan sind mehr wert als die Gelben Seiten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Dieser Artikel erschien zuerst in der <a href=\"http:\/\/deutsche-allgemeine-zeitung.de\/de\/content\/view\/2941\/1\/\">Deutschen Allgemeinen Zeitung<\/a>. Wir ver&#xF6;ffentlichen ihn mit der freundlichen Erlaubnis der Redaktion.&#xA0;<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Tobias Gerhard hat mit zwei Freunden ein deutsch-kirgisisches Joint Venture gegr&#xFC;ndet. Tobias lebt in Bischkek und leitet von dort das Start-up, in dem Design-H&#xFC;llen f&#xFC;r Smartphones, Tablets und Laptops hergestellt werden. Im Interview erz&#xE4;hlt er, was sein Unternehmen besonders macht, warum er nach Bischkek gezogen ist, wie er in Kirgisistan lebt und arbeitet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 276px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/546\/1.jpeg\" alt=\"Tobias, Lidya, Artur, Aigul\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Tobias, Du bist der Mitbegr&#xFC;nder des Unternehmens &#x201E;Kancha&#x201C;. Wie ist die Idee entstanden, dieses Unternehmen zu gr&#xFC;nden, was macht es so besonders?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Idee kam mir bei meinem ersten Besuch in Kirigisistan im Jahr 2011. Ich war sofort fasziniert von der traditionellen Handwerkskunst und dem Material Wollfilz, welches man &#xFC;berall in Zentralasien findet. Andererseits fiel mir auf, dass immer wieder die gleichen Dinge daraus hergestellt werden: Hausschuhe, H&#xFC;te, Teppiche, und nat&#xFC;rlich Jurten. Viele Hersteller produzieren in erster Linie f&#xFC;r Touristen, haben jedoch kaum Zugang zum Exportmarkt. Kirgisistan ist aufgrund seiner geografischen Lage und politischen Situation weitgehend vom Weltmarkt abgeschnitten. So kam mir die Idee, die traditionelle Handwerkskunst mit europ&#xE4;ischem Design zu verkn&#xFC;pfen und mit KANCHA ein Projekt zu starten, welches Entwicklungsarbeit und Unternehmertum miteinander verbindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Warum der Name &#x201E;Kancha&#x201C;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.kancha.de\/\" target=\"_blank\">&#x201E;<\/a><a href=\"http:\/\/www.kancha.de\/\" target=\"_blank\">Kancha&#x201C;&#xA0;<\/a>(Kantscha) bedeutet auf Kirgisisch &#x201E;wie viel?&#x201C; oder &#x201E;wie teuer?&#x201C;. Wir wollen mit dieser Frage die Kunden einladen, hinter die Kulissen zu schauen, um besser zu verstehen, wie Menschen am anderen Ende der Welt leben und arbeiten. Auf unserer Webseite werden alle Hersteller portr&#xE4;tiert. Wir bieten gr&#xF6;&#xDF;tm&#xF6;gliche Transparenz &#xFC;ber die Produktionsbedingungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Du arbeitest nun seit &#xFC;ber einem Jahr in einem deutsch-kirgisischen Unternehmen in Kirgisistan. Welche interkulturellen Herausforderungen oder Probleme sind bisher aufgetreten, wie habt ihr diese gel&#xF6;st?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dadurch dass ich schlecht Russisch und kein Kirgisisch spreche, kommt es immer wieder zu Verst&#xE4;ndigungsschwierigkeiten, insbesondere in der Kommunikation mit den Workshops. Aber im Team sprechen wir aber alle gut Englisch, daher haben wir bisher alle Missverst&#xE4;ndnisse schnell ausr&#xE4;umen k&#xF6;nnen. Ein anderes wichtiges Thema f&#xFC;r mich ist der Umgang mit Informationen und Sicherheiten. Da hier viel Unvorhersehbares passiert, scheinen sich die Leute auch in der Gesch&#xE4;ftswelt daran gew&#xF6;hnt zu haben, dass nichts feststeht und Probleme ad hoc anstatt im Voraus gel&#xF6;st werden. Ich versuche hingegen immer vorab Informationen zu sammeln und zu planen, was sich schwer mit dem hier vorherrschenden Management-Stil vereinbaren l&#xE4;sst.<br>\nLetztlich gibt es nat&#xFC;rlich noch das alte Thema der Auffassungen von Zeiten und Fristen.<br>\nAber ich denke, ich habe mich auch daran langsam gew&#xF6;hnt. Dadurch dass wir im Team Kirgisen und Deutsche haben und uns viel austauschen, haben wir mittlerweile einen Weg gefunden, dass sich die deutschen und kirgisischen Arbeitsweisen sinnvoll erg&#xE4;nzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Du hast ja bereits in Deutschland Arbeitserfahrungen gesammelt. Was hast Du so gemacht und was sind die gr&#xF6;&#xDF;ten Unterschiede zu deinem Arbeitsalltag in Kirgisistan?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bevor ich nach Bischkek gezogen bin, habe ich in Berlin beim Magazin &#x201E;The European&#x201C; im Verlag gearbeitet. Auch dort habe ich eigenst&#xE4;ndig Projekte durchgef&#xFC;hrt, wobei ich viel f&#xFC;r meine jetzige T&#xE4;tigkeit lernen konnte. Den Hauptunterschied zwischen der Arbeitswelt in Deutschland und in Kirgisistan sehe ich darin, dass hier vieles informeller und &#xFC;ber Verbindungen anstatt &#xFC;ber offizielle Kan&#xE4;le l&#xE4;uft. Wer in Deutschland beispielsweise Zulieferer sucht, wird eher die Gelben Seiten aufschlagen oder im Internet suchen. Hier in Bischkek fragt man als erstes Verwandte oder Freunde, ob sie jemanden kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wann und warum hattest Du das erste Mal Kontakt mit Kirgisen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hatte in Budapest an der Central European University studiert, welche auch beliebt unter Kirgisen und anderen Zentralasiaten ist. Dort habe ich meine Partnerin kennengelernt, mit der ich jetzt gl&#xFC;cklich in Bischkek lebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was macht das Land f&#xFC;r Dich besonders, warum hast Du dich entschieden, dorthin zu gehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"float: right;height: 206px;width: 300px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/546\/2.jpeg\" alt=\"Tobias und seine Freundin Maja\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In erster Linie nat&#xFC;rlich der Liebe wegen. Aber ich fand es schon immer spannend, neue L&#xE4;nder, Kulturen und Sprachen kennenzulernen. Insofern war der Schritt, tats&#xE4;chlich f&#xFC;r eine Weile nach Kirgisistan zu ziehen, f&#xFC;r mich gar nicht so gro&#xDF;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Man kann also sagen Du bist f&#xFC;r eine Beziehung in eine v&#xF6;llig andere Gesellschaft, ein fremdes Land gezogen. Welches Bild hattest Du von Kirgisistan beziehungsweise von Zentralasien? Was hast Du erwartet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bevor ich das erste Mal kam, hatte ich ehrlich gesagt &#xFC;berhaupt keine Vorstellung von Kirgisistan. Zentralasien ist in Deutschland ein blinder Fleck auf der Weltkarte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wurdest Du positiv von Kirgisistan &#xFC;berrascht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Absolut. Ich finde es spannend, hier zu leben. Bischkek hat mehr zu bieten als ich vorher dachte. Es gibt eine relativ kleine, aber spannende Kulturszene und zahlreiche Ausgehm&#xF6;glichkeiten vom japanischen Restaurant bis hin zum Rock-Club. Die Berge bieten zu jeder Jahreszeit genug Raum f&#xFC;r Abenteuer.<br>\nInsgesamt finde ich aber die Gemeinsamkeiten fast bemerkenswerter als die Unterschiede. Da wir in Deutschland oft gar keine Vorstellung haben, wie es in anderen L&#xE4;ndern aussieht, haben manche die wildesten Fantasien davon. Letztlich finde ich das Leben hier gar nicht so anders als in Europa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie ist es im Alltag? Welche kirgisischen Gepflogenheiten und Traditionen sch&#xE4;tzt Du?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Gegensatz zu Deutschland ist der Familienzusammenhalt hier viel st&#xE4;rker, was ich sehr sch&#xE4;tze. Das hat allerdings auch negative Seiten, da es Einschnitte der pers&#xF6;nlichen Freiheiten mit sich bringen kann, wie im Extremfall die kirgisische Brautraubtradition zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was vermisst Du aus Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ein oder andere Lebensmittel wie Vollkornbrot oder Schweizer K&#xE4;se. Und die N&#xE4;he zu Familie und Freunden. Aber ich habe auch in der Vergangenheit viel Zeit im Ausland verbracht und kann f&#xFC;r eine Weile darauf verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie oft f&#xE4;hrst Du nach Deutschland? Was f&#xFC;r ein Gef&#xFC;hl ist es, wenn Du wieder dort bist?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bisher reise ich mehrmals im Jahr gesch&#xE4;ftlich nach Deutschland, da wir gerade erst im Aufbau sind und es noch viel zu koordinieren gibt. Wenn ich deutschen Boden betrete, merke ich schon, dass dies meine Heimat ist, aber nach meiner letzten zweiw&#xF6;chigen Deutschlandreise hatte ich mich am Ende auch wieder darauf gefreut, zur&#xFC;ck &#x201E;nach Hause&#x201C;, nach Bischkek zu fahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es f&#xFC;r Dich Heimat oder bist Du ein Nomade?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich kann mich &#xFC;berall auf der Welt zu Hause f&#xFC;hlen, aber meine Heimat ist und bleibt Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Ziele, Projekte stehen in n&#xE4;chster Zeit bevor?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Augenblick sind wir mit KANCHA in einer spannenden Phase, da sich das Team stetig vergr&#xF6;&#xDF;ert und wir viele neue Projekte, neue Produkte, l&#xE4;ndliche Herstellung, Erh&#xF6;hung der Sozial&#x2013; und Umweltstandards in der Produktion angesto&#xDF;en haben. Unser Ziel ist es, ein Unternehmen aufzubauen, welches finanziell, sozial und umwelttechnisch eine positive Bilanz ziehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Tobias, vielen Dank f&#xFC;r das Gespr&#xE4;ch.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Mit Tobias sprach Elmira Schaltuganow<br>\nDeutsche Allgemeine Zeitung&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n<\/p><p><img decoding=\"async\" style=\"height: 89px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/546\/logo_daz.jpeg\" alt=\"Deutsche Allgemeine Zeitung\"\/><\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel erscheint im Rahmen der <a href=\"http:\/\/francekoul.com\/partner\/DAZ-Almaty\">Partnerschaft<\/a> von Novastan.org mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung, Almaty.&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Gerhard lebt in Bischkek und leitet von dort das Start-up, in dem Design-H&#xFC;llen f&#xFC;r Smartphones, Tablets und Laptops hergestellt. Im Interview erz&#xE4;hlt er &#xFC;ber seine Arbeit und das Leben in Bischkek.<\/p>\n","protected":false},"author":186,"featured_media":1927,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1052,690,1053,1427,751],"coauthors":[],"class_list":{"0":"post-1926","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","6":"hentry","7":"category-kirgistan","8":"tag-kancha","9":"tag-kirgistan","10":"tag-unternehmen","12":"tag-wirtschaft"},"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/186"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1926"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1926\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1926"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}