{"id":1868,"date":"2014-03-27T12:00:00","date_gmt":"2014-03-27T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1868"},"modified":"2016-10-06T15:13:08","modified_gmt":"2016-10-06T13:13:08","slug":"fur-die-kirgisen-war-meine-idee-verruckt-ein-junger-deutscher-bergsteiger-im-gesprch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/fur-die-kirgisen-war-meine-idee-verruckt-ein-junger-deutscher-bergsteiger-im-gesprch\/","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr die Kirgisen war meine Idee verr\u00fcckt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ein Interview&#xA0;mit Jost Kobusch, einem 21-j&#xE4;hriger Kletterer aus Deutschland, der den Lenin-Gipfel (7134 m) allein im Winter erklimmen wollte.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Video dazu:<\/p>\n<p>[youtube https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dVpQIRvRcVI]<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p><strong>Wie lange kletterst du schon?<\/strong><\/p>\n<p>Ich klettere seit meinem elften Lebensjahr, zuerst in der Kletterhalle, dann bei Familienwanderungen und erst sp&#xE4;ter begann ich, frei zu klettern. Als ich 18 Jahre alt war, bestieg ich den Mount Kenia (5199 m, h&#xF6;chstes Bergmassiv in Kenia) und mit 19 Jahren im Winter den Mont Blanc&#xA0;im Alleingang (4810 m, h&#xF6;chster Berg der Alpen und Europas), wo ich auch selbst die Route absteckte. W&#xE4;hrend meiner Armeezeit diente ich zudem in der Bergabteilung. So konnte ich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen &#x2013; meinen Dienst leisten, trainieren und nebenher Geld verdienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Warum hast du dich dazu entschieden, nach Kirgisistan zu kommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hier gibt es sch&#xF6;ne, hohe Bergen und in der Region ist es wesentlich g&#xFC;nstiger zum Klettern. So kann man beispielsweise die Zulassung f&#xFC;r eine Pik-Lenin-Expedition f&#xFC;r 50 $ bei einer Reiseagentur beantragen, in China kostet eine solche Zulassung etwa 2000 $.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie hast du dich auf die Besteigung des f&#xFC;r den Pik Lenin vorbereitet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich kam im Oktober nach Kirgisistan. Innerhalb von f&#xFC;nf Tagen organisierte ich mir ein Auto und packte meine Ausr&#xFC;stung, die insgesamt 85 kg wog. Das Taxi brachte mich bis zum Ausgangspunkt und sollte mich nach 21&#xA0;Tagen abholen. F&#xFC;r die Kirgisen war meine Idee im Winter alleine den Pik Lenin zu besteigen &#x2013; kurz gesagt &#x2013; verr&#xFC;ckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/570\/p1050204.jpeg\" alt=\"Jost Kobusch\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf der H&#xF6;he 4200 m baute ich mein erstes Basecamp, an dem auch meine Ausr&#xFC;stung gelagert werden sollte. Von dort aus schleppte ich das Gep&#xE4;ck zwei Tage lang Richtung Camp 1, das auf etwa 4400 m lag. Als ich nach einem vollen Tag auf der schneebedeckten Strecke erst ein Drittel des Tagessolls erf&#xFC;llt hatte, stand die Entscheidung fest, nach Camp 1 zur&#xFC;ckzukehren und dort die Nacht zu verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am n&#xE4;chsten Morgen entschloss ich mich, weiterzugehen, da der Schnee nicht allzu tief erschien. Der weitere Weg auf 5112 m diente vor allem der H&#xF6;henanpassung. Danach begann der eigentliche Aufstieg. Nach elf Tagen am Berg startete damit nun die Schluss-Etappe. Von Camp 1 bis zum Camp 2 braucht man im Sommer theoretisch einen Tag, aber bei eben diesen Verh&#xE4;ltnissen erkannte ich, dass ich mehrere Tage brauchen w&#xFC;rde &#x2013; man muss ganz vorsichtig gehen und vor jedem Schritt den Weg mit dem Stock abtasten, damit man nicht in einen Spalt f&#xE4;llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am zehnten Abend baute ich mein Zelt auf 4700 m direkt auf einem f&#xFC;nf Meter breiten Vorsprung auf. In der Nacht zog jedoch unerwartet ein Sturm auf und wehte das Zelt zu einer Gletscherspalte zu verschieben. In Unterw&#xE4;sche und v&#xF6;llig &#xFC;berrascht sprang ich aus dem Zelt heraus und hielt es mit aller Kraft fest, damit es nicht wegfliegt &#x2013; denn ich dachte, wenn ich das Zelt verliere, verliere ich auch den Gro&#xDF;teil meiner Ausr&#xFC;stung, die sich in ihm befindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich bin normalerweise kein religi&#xF6;ser Mensch, aber ich bat in diesen Minuten Gott um Hilfe. Ich wei&#xDF; nicht, ob es letztlich Gott oder doch ein Zufall war, aber der Wind stoppte f&#xFC;r einige Sekunden und ich sprang mit meiner kompletten Ausr&#xFC;stung vom Zelt in eine tiefe Gletscherspalte, um Schutz zu suchen. Danach hat &#xFC;ber mir ein wirklich heftiger Sturm begonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach drei Tagen und zwei N&#xE4;chten sind dann auch noch&#xA0;alle Feuerzeuge kaputt gegangen, und ich hatte nur noch ungef&#xE4;hr einen Liter Trinkwasser. Von Camp 2 (5500m) bis zum Gipfel waren es allerdings zwei Tage. Daher f&#xFC;llte ich die Flaschen mit Schnee, indem ich diesen mit meiner K&#xF6;rpertemperatur geschmolzen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Wetterbericht sagte ungl&#xFC;cklicherweise weiterhin Sturm vorher. Ich nahm daher nur die leichten Sachen und versuchte, noch ein St&#xFC;ck voranzukommen. Nach 600 m fing der Sturm von Neuem an. Weiter oben betrug die Windgeschwindigkeit bereits 80 Kilometer in der Stunde, die Temperatur lag bei Minus 29&#xB0; C &#x2013; ich f&#xFC;hlte meine Beine nicht mehr und der K&#xF6;rper begann auszuk&#xFC;hlen. Auf dem Gipfel des Pik Razdelnaya (6158m) nahm der Sturm noch weiter zu und ich entschied mich, abzusteigen. Manchmal muss man auch zur&#xFC;ckgehen k&#xF6;nnen, um anderen davon zu erz&#xE4;hlen. Ich war nicht entt&#xE4;uscht &#x2013; ich hatte alles versucht, den Gipfel zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 720px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/570\/exas002.jpeg\" alt=\"Pik Lenin\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was hast du noch in Kirgisistan gemacht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich bin viel geklettert, war noch auf dem Pik Pyramida (Batken) und versuchte, andere Gipfel zu besteigen, aber im Winter ist es wirklich schwer in Kirgisistan, da zu viel Schnee liegt. Ich habe auch als Volont&#xE4;r f&#xFC;r &#x201E;CBT Kyrgyzstan&#x201D; (<strong><a href=\"http:\/\/www.cbtkyrgyzstan.kg\/index.php\/en\/\">Community Based Tourism<\/a><\/strong>) gearbeitet und neue Skirouten angelegt. Dann habe ich als Erster einen Gipfel bestiegen und diesem den Namen meiner Freundin gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie war das denn m&#xF6;glich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x2013; dem Berg einen Namen zu geben? In Kirgisistan feiert man Weihnachten nicht im Dezember und ich wollte etwas Besonderes machen. Am 24.12. ging ich in die Berge, um rechtzeitig auf dem Gipfel zu sein. Es war nicht leicht, vor allem wegen des Schnees, der Felsen und dem Eis. Mir wurde sogar erz&#xE4;hlt, dass man mich zuf&#xE4;llig gesehen h&#xE4;tte, als man mit dem Fernglas nach Ziegen suchte und dann eben mich bei der Besteigung entdeckte. Am 24.12. dieses Jahres um 20:12 Uhr war ich schlie&#xDF;lich als Erster auf dem 4048 m hohen Gipfel und gab ihm den Namen PIK YOKO. Dann habe ich dort einen Zettel in der Aluminiumbox mit den Koordinaten und Daten gelassen. Nach dem Abstieg vom Berg in der Nacht kam ich am n&#xE4;chsten Morgen erst um 4.30 Uhr zu Hause an. Sp&#xE4;ter habe ich auch die Urkunde vom CBT bekommen, dass ich Erster auf diesem Berg war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 278px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/570\/route.jpeg\" alt=\"Pik Yoko\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche weiteren Pl&#xE4;ne hast du?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich m&#xF6;chte gerne alle Informationen &#xFC;ber Kletterfelsen und Gletscher in Kirgisistan f&#xFC;r Kletterbegeisterte sammeln. Au&#xDF;erdem will ich noch weitere Berge in Kirgisistan besteigen &#x2013; insbesondere liegen mir f&#xFC;nf bestimmte Berge am Herzen, um den Schneeleopard-Orden zu bekommen. Dieser&#xA0;war eine&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sowjetunion\">sowjetische<\/a>&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verdienstorden\">Auszeichnung<\/a>&#xA0;f&#xFC;r herausragende&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bergsteiger\">Bergsteiger<\/a>, die alle f&#xFC;nf auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR gelegenen Siebentausender-Gipfel bezwungen hatten: den&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pik_Ismoil_Somoni\">Pik Ismoil Somoni<\/a>&#xA0;(7495 m, fr&#xFC;her &#x201E;Pik Kommunismus&#x201C;) und den&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pik_Korschenewskaja\">Pik Korschenewskaja<\/a>&#xA0;(7105 m), beide in&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tadschikistan\">Tadschikistan<\/a>&#xA0;sowie den&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pik_Lenin\">Pik Lenin<\/a>&#xA0;(7134 m) an der kirgisisch-tadschikischen Grenze, des Weiteren noch Den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dschengisch_Tschokusu\">Dschengisch Tschokusu<\/a>&#xA0;(7439 m, fr&#xFC;her &#x201E;Pik Pobedy&#x201C;) an der kirgisisch-chinesischen Grenze und schlie&#xDF;lich den&#xA0;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Khan_Tengri\">Khan Tengri<\/a>&#xA0;(7010 m hoch) an der kirgisisch-kasachischen Grenze. Wenn ich das schaffe, dann werde ich der j&#xFC;ngste Kletterer mit diesem Orden sein. Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht ber&#xFC;cksichtigt, dass jetzt so viel Schnee liegt und die Besteigung im Winter unm&#xF6;glich ist. Neben dem Klettern plane ich f&#xFC;r die n&#xE4;chste Zeit, Medizin zu studieren, um dann als Arzt in den Bergen arbeiten zu k&#xF6;nnen. Ich halte es ist f&#xFC;r sehr wichtig, dass es unter den Kletterern auch Menschen mit einer medizinischen Ausbildung gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Dann w&#xFC;nschen wir dir eine sch&#xF6;ne Zeit in Kirgistan und hoffentlich gefahrlose Abenteuer. Vielen Dank f&#xFC;r dieses Gespr&#xE4;ch.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Mit Jost sprach Nadezhda Volkova<br>\nAutorin f&#xFC;r Novastan.org, Bischkek<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Redaktion: Christoph Richter<\/strong><\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p>Um mehr &#xFC;ber Josts Abenteuer zu erfahren, k&#xF6;nnen Sie sich <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/jostgoforit?fref=ts\">hier<\/a> erkundigen.<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Jost Kobusch, einem 21-j&#xE4;hriger Kletterer aus Deutschland, der den Lenin-Gipfel (7134 m) allein im Winter erklimmen wollte.<\/p>\n","protected":false},"author":126,"featured_media":1869,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1430,690,1282],"coauthors":[1272,1216],"class_list":["post-1868","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-berge","tag-kirgistan","tag-sport"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1868","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/126"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1868"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1868\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1869"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1868"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1868"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1868"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1868"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}