{"id":1722,"date":"2014-06-10T12:00:00","date_gmt":"2014-06-10T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1722"},"modified":"2016-10-06T14:10:36","modified_gmt":"2016-10-06T12:10:36","slug":"russland-und-china-der-lhebel-zentralasiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/russland-und-china-der-lhebel-zentralasiens\/","title":{"rendered":"Russland und China. Der \u00d6lhebel Zentralasiens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><em><strong>In Zeiten, in denen Russland sich intensiver der Ukraine zuwendet scheint sein postsowjetischer Einfluss in Zentralasien den Fortschritten Chinas zu weichen. W&#xE4;hrend GazpromNeft <a href=\"http:\/\/www.rferl.org\/content\/kyrgyzstan-gazprom-buys-kyrgyzgaz\/25327986.html\">das kirgisische Gasnetzwerk aufkauft<\/a><\/strong><\/em><\/em><em><em><strong>, baut China in diesem kleinen,&#xA0;instabilen Land des Tian-Shan Raffinerien. Ein wesentliches Element der chinesischen Infrastrukturen bleibt jedoch unter dem Druck des kirgisischen Staates und lokaler Beh&#xF6;rden bis auf weiteres geschlossen: die Raffinerie in Kara-Balta. <\/strong><\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Kara-Balta steht ein Herzst&#xFC;ck des Wettbewerbs Kirgisistans zwischen Russland und China. In dieser kleinen Stadt im Norden des Landes, in der zu Sowjetzeiten Waffen hergestellt wurden, hat China eine Raffinerie gebaut, durch die das russische Monopol des raffinierten Erd&#xF6;ls in Zentralasien zusammenbrechen k&#xF6;nnte. Die Kapazit&#xE4;ten der Raffinerie Kara-Baltas reichen aus, um 70 % der kirgisischen Mineral&#xF6;lnachfrage zu decken. Das k&#xF6;nnte eine unvorhergesehene energetische Unabh&#xE4;ngigkeit f&#xFC;r dieses kleine Land bedeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Jahr 2009 von dem chinesischen Unternehmen Dschunda gestartet, bel&#xE4;uft sich die Investition des Projekts auf &#xFC;ber 250 Millionen Dollar, von denen allein 4 Millionen Steuern f&#xFC;r den kirgisischen Staat darstellen. Seit Herbst 2013 steht die Raffinerie zwar bereit, im Einsatz ist sie jedoch nicht, denn die Beh&#xF6;rden haben unter dem Druck der Einwohner Kara-Baltas die Arbeiten dort bis auf weiteres <u><a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/68061\">unterbrochen<\/a><\/u>. Laut offizieller Angaben sind &#xF6;kologische Probleme, die w&#xE4;hrend der Testphase Ende des Jahres 2013 ermittelt wurden, Grund f&#xFC;r die Stilllegung. Die Einwohner Kara Baltas, das nur ein paar Kilometer von der Raffinerie entfernt gelegen ist, sorgen sich um die Risiken einer Luft- und Wasserverschmutzung in der Umgebung und haben mehrfach gegen ihren Start protestiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Das Monopol der Russischen F&#xF6;deration &#xFC;ber zentralasiatisches Benzin <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Somit beh&#xE4;lt die Russische F&#xF6;deration vorerst das Monopol &#xFC;ber die M&#xE4;rkte raffinierter Mineralprodukte in den ehemaligen sowjetischen Republiken Zentralasiens. Die einzige Ausnahmen bildet Usbekistan, das trotz chronischer Energieknappheit weiter den Weg der energetischen Unabh&#xE4;ngigkeit geht. Sogar das rohstoffreiche Kasachstan, das Roh&#xF6;l produziert und exportiert, importiert mehr als 40 % seines Bedarfs an raffinierten Produkten aus Russland. Auch dort kontrolliert Moskau die M&#xE4;rkte: Die drei kasachischen Raffinerien arbeiten nicht mit kasachischem, sondern russischem Roh&#xF6;l. Auch das tadschikische Benzin wird via Kirgisistan aus der Russischen F&#xF6;deration bezogen. Seit 2010 gelten f&#xFC;r Tadschikistan nicht mehr die gleichen Vorzugstarife wie f&#xFC;r Kirgisistan, was die <u><a href=\"http:\/\/www.rferl.org\/content\/kyrgyz-block-highway-over-tajik-gas-exports\/24708334.html\">Attraktivit&#xE4;t<\/a><\/u> der zollfreien Produkte des n&#xF6;rdlichen Nachbarn erkl&#xE4;rt. Der illegale Handel mit diesem Benzin hinderte Russland, effektiven Druck auf Tadschikistan auszu&#xFC;ben, das im Zuge dessen seinen Milit&#xE4;rst&#xFC;tzpunktvertrag mit Russland verl&#xE4;ngern wollte. Der Druck Russlands auf Kirgisistan hat hierauf diesem Handel ein Ende gesetzt und damit in Tadschikistan eine Energieknappheit verursacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">An Kirgisistan und Kasachstan verkauft die Russische F&#xF6;deration ihre Erd&#xF6;lprodukte zollfrei. Hierdurch unterscheiden sich diese beiden Staaten durch ihre vergleichsweise niedrigen Spritpreise von den anderen GUS-Staaten. &#xDC;berbieten kann dies nur Turkmenistan, wo der Staat seinen B&#xFC;rgern bis vor Kurzem bis zu 120 Liter Benzin pro Monat <u><a href=\"http:\/\/www.worldbulletin.net\/haber\/135012\/turkmenistan-to-end-free-fuel-practice\">gratis ausstellte.<\/a><\/u> Daraus entsteht der Eindruck, dass Russland die Energie als diplomatische Waffe nutzt, denn schon im <u><a href=\"http:\/\/centralasiaonline.com\/en_GB\/articles\/caii\/newsbriefs\/2010\/07\/14\/newsbrief-08\">Jahre 2010<\/a><\/u> drohte Russland Kirgisistan und Tadschikistan, die seit 1995 bestehenden Vorzugspreise aufzuheben. Dabei sind die Benzinpreise ein explosives Thema in diesen L&#xE4;ndern: Gewaltt&#xE4;tige Aufst&#xE4;nde, wie die, die im Jahre 2010 den Sturz des damaligen kirgisischen Pr&#xE4;sidenten Bakijews verursacht haben, sind immer zu bef&#xFC;rchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/662\/2014_kara_balta_putin.jpeg\" alt=\"Atambajew und Putin\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor den chinesischen Investitionen besa&#xDF; Kirgisistan nur zwei Raffinerien sehr schlechter Qualit&#xE4;t in Kant und Dschlalabad. Der Benzinmarkt wird dort zu 80 % von GazpromNeft dominiert, da dies das einzige Unternehmen ist, das Zugang zu Produkten, die den Standards Euro 4 oder 5 entsprechen, hat. Diese werden f&#xFC;r die Pick-Ups und Gel&#xE4;ndewagen ben&#xF6;tigt, die auf den schlechten Stra&#xDF;en dieses bergigen Landes verbreitet sind. Laut Daten der Vereinigung der kirgisischen &#xD6;lh&#xE4;ndler kamen im Jahr 2011 bis zu 70 % des Benzins in Kirgisistan von der Raffinerie der in Sibirien gelegenen Stadt Omsk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Der chinesische Eingriff<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die chinesischen Investitionen erscheinen im Lichte des russischen Quasimonopols wie eine Herausforderung. Kara-Balta ist &#xFC;brigens nicht das einzige chinesische Projekt in diesem Sektor. Weiter im Osten, in Tokmok, baut China eine zweite, kleinere Raffinerie. Die zusammengelegte Produktion dieser beiden St&#xE4;tten k&#xF6;nnte den gesamten kirgisischen Benzinverbrauch decken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dies h&#xE4;tte auch Auswirkungen auf den kasachischen Nachbarn: Beide Raffinerien befinden sich auf der Zuglinie, die Kirgisistan und und den Roh&#xF6;lproduzenten Kasachstan verbindet. So k&#xF6;nnten Kara-Balta und Tokmok direkt durch die chinesisch kontrollierten &#xD6;lfelder der Regionen des im S&#xFC;den Kasachstans gelegenen Schymkents und des weiter n&#xF6;rdlich gelegenen Aqt&#xF6;bes versorgt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durch die Nutzung seines Roh&#xF6;ls aus Kasachstan k&#xF6;nnte China zur energetischen Unabh&#xE4;ngigkeit des instabilen Kirgisistan von der Russischen F&#xF6;deration beitragen. China hat nicht nur einen direkten Zugang zu den Ressourcen Zentralasiens, sondern betreibt in dieser Region auch eine Stabilisierungspolitik, die zur gegenseitigen Abh&#xE4;ngigkeit zwischen Kirgisistan und Kasachstan f&#xFC;hrt und die Einflusszone Russlands umgeht. Dadurch widersetzt sich China nahezu offen der russischen Machtpolitik in dieser Region.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dies ist au&#xDF;erdem ein gutes Beispiel daf&#xFC;r, dass die Au&#xDF;enpolitik der zentralasiatischen Staaten trotz einer Verst&#xE4;rkung des russischen Vektors im Rahmen der ukrainischen Krise komplex und multi-vektoriell bleibt. Auch der kirgisische Pr&#xE4;sident Atambajew hat seit Beginn seines Mandates im Herbst 2011 keinen Hehl aus seiner Vorliebe f&#xFC;r Russland gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Kara Balta: &#xF6;kologische Probleme und Sinophobie <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ist gr&#xF6;&#xDF;tenteils zu lasten der Umwelt geschehen. Und gerade dies ist in Kirgisistan ein sehr sensibles Thema. Wie das Beispiel der <u><a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/68429\">Goldmine Kumtor <\/a><\/u>zeigt, hat die Umweltverschmutzung durch Ausbeuten nat&#xFC;rlicher Ressourcen auch in anderen Gebieten des Landes f&#xFC;r gro&#xDF;e politische Unruhen gesorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 375px;width: 500px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/662\/2014_kara_balta_protest.jpeg\" alt=\"Demonstration Kara-Balta\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Hauptproblem betrifft die Pl&#xE4;ne, raffinierte Produkte auf dem Gebiet eines ehemaligen milit&#xE4;rischen Flugplatzes in der N&#xE4;he der Raffinerie, den das chinesische Unternehmen Schunta mietet, zu lagern. Der Gestank dieser Produkte k&#xF6;nnte bis in die Stadt reichen und sollten Lecks entstehen, k&#xF6;nnten auch die 18 Trinkwasserbrunnen der Stadt verschmutzt werden. Die &#xF6;rtlichen Beh&#xF6;rden haben sich hinsichtlich dieses Themas beschwert, wodurch China den Start der Raffinerie verschob. Auch der instabile politische Kontext und die st&#xE4;ndigen <u><a href=\"http:\/\/francekoul.com\/articles\/kirgisistan-prsident-besttigt-neues-regierungskabinett\">Regierungswechsel<\/a><\/u> in Bischkek paralysieren die Entscheidungen zu diesem Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wirft man jedoch einen Blick auf einige Argumente, die auf kirgisischen Informationsportalen, wie <u><a href=\"http:\/\/www.24kg.org\/\">24kg<\/a>,<\/u> genutzt werden, scheinen die &#xF6;kologischen Probleme nur ein Vorwand zu sein, um den Produktionsstart der Raffinerie in Kara-Balta zu verz&#xF6;gern oder sogar ganz zu verhindern. Laut dieser Quellen wurde der von Schunta gemietete milit&#xE4;rische Flugplatz zu dem Zweck, chinesische Geheimeinheiten zu stationieren, modernisiert. Weitere Ger&#xFC;chte sprechen von dem Aufbau einer Reifenfabrik, die ebenfalls von den raffinierten Produkten profitieren k&#xF6;nnte. Diese Aussagen stellen sich in den Rahmen einer relativ offenen Sinophobie. China wird damit <a href=\"http:\/\/globalvoicesonline.org\/2012\/08\/24\/kyrgyzstan-china-inc-under-attack\/\">vorgeworfen<\/a>, Kirgisistan mit der gleichen Strategie erobern zu wollen, wie es sich bereits Tibet und das benachbarte Xinjiang zu eigen gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von dem Stopp der Produktion in Kara-Balta profitieren GazpromNeft und Russland, da er verhindert, dass Kirgisistan in eine zu gro&#xDF;e Unabh&#xE4;ngigkeit ger&#xE4;t. In den <u><a href=\"http:\/\/www.24kg.org\/economics\/177293-kara-baltinskij-npz-glavnoe-chtoby-investor-platil.html\">Onlinemedien<\/a><\/u> werden die Aktivit&#xE4;ten Chinas in dieser Region &#xE4;hnlich kritisch betrachtet, wie beispielsweise das Vorhaben der USA, in Almaty, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans, ein <u><a href=\"http:\/\/en.tengrinews.kz\/opinion\/455\/\">neues bakteriologisches Zentrum<\/a><\/u> zu bauen. Dadurch wird ein defensiver Diskurs gen&#xE4;hrt, der je nach Gelegenheit mal nationalistisch ausf&#xE4;llt und sich mal f&#xFC;r eine R&#xFC;ckkehr Moskaus ausspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die aktuelle Lage kann jedoch auch als eine Strategie der verschiedenen lokalen und nationalen Beh&#xF6;rden gesehen werden, die darauf abzielt, durch Druck auf die chinesischen Investoren mehr Geld zu erzwingen. Ein g&#xE4;ngiges Schema in Kirgisistan, was auch zu dem allgemein schlechten Investitionsklima in dem Land beitr&#xE4;gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><em>Die Redaktion von Novastan.org<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chinas Investitionen in kirgisische Raffinerien k&#xF6;nnten zur Unabh&#xE4;ngigkeit dieses kleinen Landes von Russland beitragen. Kara-Balta, das gr&#xF6;&#xDF;te dieser Projekte, ist jedoch bis auf weiteres stillgelegt.<\/p>\n","protected":false},"author":216,"featured_media":1723,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,3],"tags":[1283,1356,690,1392,1253,751],"coauthors":[1147],"class_list":["post-1722","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-kirgistan","tag-china","tag-energie","tag-kirgistan","tag-ol","tag-russland","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1722","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/216"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1722"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1722\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1723"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1722"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1722"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1722"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1722"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}