{"id":1700,"date":"2014-06-26T12:00:00","date_gmt":"2014-06-26T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1700"},"modified":"2016-10-06T14:13:58","modified_gmt":"2016-10-06T12:13:58","slug":"arbeitsplatz-container-spurensuche-auf-den-straen-kasachstans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/arbeitsplatz-container-spurensuche-auf-den-straen-kasachstans\/","title":{"rendered":"Arbeitsplatz Container: Eine Spurensuche in Almaty"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Diese Fotoreportage enstand aus der&#xA0;Zusammenarbeit von Daniela Neubacher (D),&#xA0;Antje Lehmann (D), Christoph Richter (D) und Sarbinaz Mambetnazarowa (UZ) im Rahmen der Zentralasiatischen Medienwerkstatt 2013 in Almaty und wurde u.a. in der Deutschen Allgemeinen Zeitung ver&#xF6;ffentlicht.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine weitere Version des Artikels ist <a href=\"https:\/\/dieneubacher.exposure.co\/gestrandet\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<\/p><p style=\"text-align: center\"><strong>VIER GENORMTE W&#xC4;NDE<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von au&#xDF;en vert&#xE4;felt und gro&#xDF; beschildert, von innen gef&#xFC;llt mit Nudeln, Zement, Werkzeug oder Gartenzubeh&#xF6;r &#x2013; bunt und vielf&#xE4;ltig reihen sie sich auf dem Basar aneinander, zw&#xE4;ngen sich in den Seitenstra&#xDF;en zwischen H&#xFC;tten und Verschl&#xE4;gen und warten an stark befahrenen Kreuzungen auf Kundschaft. Es braucht oft einen zweiten Blick, um die auf 20 oder 40 Fu&#xDF; genormten Stahlquader als solche wiederzuerkennen. Nur Form und T&#xFC;ren verraten, dass sie einst vielleicht tausende Kilometer &#xFC;ber Weltmeere und Landstra&#xDF;en gereist sind, bevor sie hier an den Stra&#xDF;en und Ecken Almatys strandeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/1.jpeg\" alt=\"1\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>BUNTES SPIEL IM VERBORGENEN<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein gem&#xFC;tliches Sofa, Tee und ein Schachspiel &#x2013; &#xFC;bliche Requisiten in einem Caf&#xE9;. Erst der Blick auf die Details verr&#xE4;t die Realit&#xE4;t, die Vitrine wurde kurzerhand zu einem Tisch umfunktioniert, und das Sofa ist flankiert von zwei Regalen. Das Stimmengewirr, das von den Backgammonspielern gegen&#xFC;ber ausgeht, dringt in den verwaisten Container-Kosmos her&#xFC;ber. Muchtar, der Besitzer, ist unter ihnen gerade nur als Zuschauer, denn eigentlich hegt er eine heimliche Liebe f&#xFC;r&#x2019;s Schachspielen. Er deutet auf seinen anderen Container nebenan, der Lampen aller Facetten beherbergt. Hier hat er sich sein zweites gesch&#xE4;ftliches Standbein geschaffen. Schon seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in seinen zwei Geh&#xE4;usen aus Stahl, die nach au&#xDF;en k&#xFC;hl und gleichf&#xF6;rmig erscheinen, nach innen aber ihre Einzigartigkeit entfalten und Besucher fast vergessen lassen, worum es sich eigentlich handelt &#x2013; ein Gesch&#xE4;ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/2.jpeg\" alt=\"2\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>SCHW&#xC4;RMEREI AM STRASSENRAND<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Alexejs H&#xE4;nde kommt nur deutsche Qualit&#xE4;t. &#x201E;Die deutschen Werkzeuge halten nun einmal doppelt so lange wie die chinesischen&#x201C;, erkl&#xE4;rt der Mittvierziger, w&#xE4;hrend er routiniert den Autoreifen seines Kunden umwuchtet. Der Vater eines Sohnes arbeitet zusammen mit seinem Kollegen in zwei hintereinander gereihten Containern, die zu einer Autowerkstatt umfunktioniert wurden. In den dunklen Ecken stehen Ger&#xE4;te; Kabel und Schl&#xE4;uche winden sich durch den Eingang hin zu den wartenden Kunden vor ihren Autos. Alexej bleibt gelassen. Er spricht gebrochen Deutsch, acht Jahre lang hat er in Deutschland gelebt. M&#xFC;nchen, D&#xFC;sseldorf, Hamburg, K&#xF6;ln &#x2013; all diese St&#xE4;dte habe er schon besucht. Selbst bis in die Niederlande h&#xE4;tte es ihn damals verschlagen. Dann h&#xE4;lt Alexej kurz inne und wischt sich den Schwei&#xDF; von der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/3.jpeg\" alt=\"3\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/4.jpeg\" alt=\"4\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>SUPERMAN IM HINTERHOF<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Talgats Arbeitsplatz liegt abseits des gro&#xDF;en Almatiner Basars, in einem versteckten Hinterhof. Seine Kunden kennen den Weg. Denn die Lebensmittel sind bei ihm billiger als am &#x201C;Gr&#xFC;nen Basar&#x201D;. Der Platz ist staubig; st&#xE4;ndig laden junge M&#xE4;nner Waren auf und ab. Zwischen dem arbeitssamen Treben zw&#xE4;ngen sich Talgats Kunden zu seiner Koje gegen&#xFC;ber dem Container durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/5.jpeg\" alt=\"5\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zw&#xF6;lf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Der 18-J&#xE4;hrige verkauft haupts&#xE4;chlich Nudeln, &#xD6;l und schwarzen Tee in einem Container, der seinem Vater geh&#xF6;rt. Er wei&#xDF; um seine gro&#xDF;e Verantwortung. Wenn der sportliche, junge Mann seine Kunden bedient, wirkt er sehr ernst f&#xFC;r sein Alter. Nur sp&#xE4;ter vor der Kamera beginnt er &#xFC;berm&#xFC;tig zu lachen und posiert freudig bei der Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 894px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/6.jpeg\" alt=\"6\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 894px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/7.jpeg\" alt=\"7\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>BUS, BUCH UND&#xA0;&#x201E;BAGASCH&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist schon fr&#xFC;her Abend, aber die Arbeit geht trotzdem weiter. Abenteuerlich zusammengeschn&#xFC;rte Pakete, graue Stoffbeutel und l&#xE4;ngliche, undefinierbare Stangen f&#xFC;llen den Platz zwischen Bus und dem B&#xFC;rocontainer &#x2013; doch Akschol bahnt sich zielsicher seinen Weg durch die Stolperfallen. Was nach Chaos auf diesem Nebenschauplatz des &#x201E;Avtowaksal&#x201C; in Almaty aussieht, ist auch eines. Doch dann verweist Akschol auf ein schlichtes Buch &#x2013; darin: minuti&#xF6;s aufgelistete Fahrten, Frachten, Daten, Namen und Adressen, fein s&#xE4;uberlich und st&#xE4;ndig akribisch vervollst&#xE4;ndigt. B&#xFC;rokratie im Kleinen. Es liegt mittig auf dem Tisch, daneben ein Kugelschreiber &#x2013; ansonsten gibt sich der Arbeitsplatz recht leer. Ein Container f&#xFC;r ein Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/8.jpeg\" alt=\"8\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/9.jpeg\" alt=\"9\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eigentlich ist Akschol der Fahrer, allerdings hat er in dem Vier-Mann-Unternehmen alle m&#xF6;glichen Positionen inne: Packer, Tr&#xE4;ger, Planer oder Kontrolleur &#x2013; ein Leben zwischen Bus, Buch und Bagasch (Russisch f&#xFC;r Gep&#xE4;ck). Schnell muss es vor allem gehen, die Fuhre wird am n&#xE4;chsten Tag in Westkasachstan erwartet. F&#xFC;r Buch und Besitzer geht es aus dem Container hinaus in die Weite der Steppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/10.jpeg\" alt=\"10\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>ASSEM TR&#xC4;UMT VON DER WELT<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/11.jpeg\" alt=\"11\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pferd hei&#xDF;t &#x201E;horse&#x201C;, verr&#xE4;t das pinke Post-it am Fenster. Die junge Kasachin Assem nutzt die vielen Stunden, w&#xE4;hrend sie am Basar Autozubeh&#xF6;r verkauft, um Englisch zu lernen. Inmitten von Batterien, Flaschen und Schmier&#xF6;l-Kanistern hat sie ihre B&#xFC;cher auf dem kleinen Verkaufstisch vor sich ausgebreitet. In der kleinen Koje nebenan kleben zahlreiche Zettel mit den wichtigsten Vokabeln und S&#xE4;tzen, die sie sich einpr&#xE4;gen will. What are you doing? What is the title of the film? Darunter steht die russische Lautschrift, manchmal auch eine kasachische &#xDC;bersetzung. So hat Assem ihre Vokabeln dort in ihrer Ecke immer im Blickfeld, wenn sie durch das kleine Fenster auf den Marktplatz nach Kunden Ausschau h&#xE4;lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/12.jpeg\" alt=\"12\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 900px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/12bis.jpeg\" alt=\"13\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">&#x201E;<strong>ICH BIN IMMER HIER&#x201C;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201C;<em>Wie erstaunt waren die Leute, als wir da pl&#xF6;tzlich mit unseren Kameras vor den Containern standen? Einige haben uns sofort wieder weggeschickt. Manche reagierten misstrauisch. Die meisten haben sich aber gefreut, dass sich &#x2018;junge Ausl&#xE4;nder&#x2019; f&#xFC;r ihren vermeintlich unscheinbaren Arbeitsplatz interessieren. Die junge Assem mit ihren B&#xFC;chern, die Frau vom Gartenladen mit dem m&#xE4;dchenhaften L&#xE4;cheln, der engagierte Junge im versteckten Hinterhof &#x2013; sie alle arbeiten Tag f&#xFC;r Tag auf den Pl&#xE4;tzen, M&#xE4;rkten und Seitengassen der gr&#xF6;&#xDF;ten Stadt Kasachstans. Der Container sichert ihre Existenz. Es war ein unvergessliches Erlebnis, in diesen Mikrokosmos einzutauchen und ihren pers&#xF6;nlichen Alltag festzuhalten.&#x201D;&#xA0;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/13.jpeg\" alt=\"14\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 894px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/14.jpeg\" alt=\"15\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/15.jpeg\" alt=\"16\"\/><img decoding=\"async\" style=\"height: 403px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/668\/16.jpeg\" alt=\"17\"\/><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Text und Bilder von &#xA0;<\/strong><br>\n<strong>Sarbinaz Mambetnazarowa<\/strong><br>\n<strong>Antje Lehman<\/strong><br>\n<strong>Christoph Richter<\/strong><br>\n<strong>Daniela Neubacher&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Fotoreportage enstand im Rahmen der Zentralasiatischen Medienwerkstatt 2013 in Almaty und wurde u.a. in der Deutschen Allgemeinen Zeitung ver&#xF6;ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"author":178,"featured_media":1701,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[1397,1117,693,751],"coauthors":[1288,1216,1158],"class_list":["post-1700","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","tag-almaty","tag-gesellschaft","tag-kasachstan","tag-wirtschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1700","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/178"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1700"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1700\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1700"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1700"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1700"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1700"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}