{"id":1613,"date":"2014-08-17T12:00:00","date_gmt":"2014-08-17T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1613"},"modified":"2016-10-06T18:08:40","modified_gmt":"2016-10-06T16:08:40","slug":"die-banalitt-ist-unbesiegbar-ein-marxist-in-bischkek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-banalitt-ist-unbesiegbar-ein-marxist-in-bischkek\/","title":{"rendered":"\u201eDie Banalit\u00e4t ist unbesiegbar.\u201c &#8211; Ein Marxist in Bischkek"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Bei dem Wort &#x201E;Marxist&#x201C; schie&#xDF;t einem das Bild eines alten, griesgr&#xE4;migen Philosophen in den Kopf. Georgi Mamedow ist ist jedoch anders. Er ist jung, progressiv und kleidet sich wie ein Hipster. Georgi Mamedov &#xFC;berf&#xFC;hrt die Theorie des Marxismus in die Gegenwart und begegnet der Realit&#xE4;t mit den Waffen der Kunst und des kritischen Denkens. <\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Georgi Mamedow,&#xA0;geboren 1984 in Duschanbe, Tadschikistan,&#xA0;ist derzeit k&#xFC;nstlerischer Leiter der Schule f&#xFC;r Theorie und Aktivismus in Bischkek (<a style=\"font-size: 13px;line-height: 1.6em\" href=\"http:\/\/www.en.art-initiatives.org\/\">STAB<\/a>). Au&#xDF;erdem ist er Kurator, Kunstkritiker und Autor von Texten &#xFC;ber die zeitgen&#xF6;ssische Kunst und Kultur Zentralasiens. Von 2007 bis 2009 war er Leiter der Kulturinitiative &#x201E;Bactria Cultural Cenre&#x201C; in Duschanbe. Als Co-Kurator gestaltete er den Pavillon von Zentralasien auf der 54. Biennale von Venedig und kuratierte das zentralasiatische, interdisziplin&#xE4;re Projekt &#x201E;Artist and\/in Community&#x201C; (2010-2011). Seine Interessenschwerpunkte liegen im Bereich der Kulturtheorie und -geschichte, Gegenwartsphilosophie und Kulturpolitik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Interview mit Novastan spricht er &#xFC;ber Konflikte, kritisches Denken, zeitgen&#xF6;ssische Kunst und die Ziele der Kunstinitiative STAB.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Was ist der allerschwerste innere Konflikt, den sie je durchleben mussten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das menschliche Dasein besteht eigentlich aus st&#xE4;ndigen Konflikten. Das Existieren unter den Bedingungen der Realit&#xE4;t, in der wir uns befinden &#x2013; sie erm&#xF6;glicht dir kein anderes Dasein als jenes im Konflikt. Ich kann nicht sagen, dass es bei mir einen inneren Konflikt gebe, der sich aufgel&#xF6;st hat. Mein gesamtes Dasein besteht aus diesem&#x2026; (nachdenklich)&#x2026; ich w&#xFC;rde sagen Widerspruch. Und in seiner aktiven Phase ist das ein Konflikt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Und wie h&#xE4;ngt das mit der Haltung zur Welt zusammen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei einer kritischen Position begibst du dich unvermeidbar in einen Konflikt mit deiner dich umgebenden Wirklichkeit, einfach weil du siehst, wie widerspr&#xFC;chlich, wie repressiv sie ist. Ja, man kann sagen, dass du mit einer linken, kommunistischen Haltung stets im Konflikt mit deiner Umwelt stehst. Ebenso befindest du dich als Feministin in einem steten Konflikt mit der patriarchalen Realit&#xE4;t. Das hei&#xDF;t, diese Spannungen lassen sich auf keinen Fall vermeiden, weil du in dem jeweiligen System unterdr&#xFC;ckt bist. Hier muss ich sagen, dass dies Raum f&#xFC;r Spekulationen gibt. Die Leute meinen: &#x201E;All diese Feministinnen und Kommunisten da k&#xF6;nnen keine Harmonie erreichen&#x201C;, aber eigentlich befinden wir uns alle, als Unterdr&#xFC;ckte, in einem st&#xE4;ndigen Konflikt mit der Realit&#xE4;t. Die Sache ist, wenn du eine kritische Position einnimmt, dich politisiert, dann machst du das offenkundig, erkennbar, und du verstehst, dass du dich bereits im Konflikt befindest und nicht erst in ihn hineinbegibst. Damit erkl&#xE4;re ich mit einfachen Worten die Theorie des Marxismus (lacht). So ist mein Dasein, konfliktbeladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>So kam es, dass Georgi sich fast unmittelbar nach seinem Umzug nach Bischkek in einen Konflikt mit Bischkeker K&#xFC;nstlern hinein man&#xF6;vriert hat. Ihm zufolge ist Kunst, insbesondere in Zentralasien, uninteressant und nicht aktuell, mit anderen Worten: unmodern.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Was ist Ihrer Meinung nach aktuell?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Beispiel verhalte ich mich, wie auch zeitgen&#xF6;ssische K&#xFC;nstler, zur Kunst nicht wie zu einem Handwerk. In der Kunst sein bedeutet, irgendeine aktive Position einzunehmen: eine politische Position als B&#xFC;rger. Wenn du dich als zeitgen&#xF6;ssischen K&#xFC;nstler bezeichnest, bedeutet dies, dass du dich der traditionellen Kunst und allem was damit verbunden ist, entgegenstellst: ihren Verbindungen mit dem Staat und der Politik, die in diesem Staat ausge&#xFC;bt wird. Und du, als zeitgen&#xF6;ssischer K&#xFC;nstler, bist in einer gewissen Weise Protestant. Aber mir scheint es, als h&#xE4;tte sich ein solcher Konflikt schon lange ersch&#xF6;pft. Dem Gro&#xDF;teil der jungen Generation scheint es an der n&#xF6;tigen Kritikalit&#xE4;t zu mangeln, um die eigene Rolle in dem politisch-wirtschaftlichen System bewerten zu k&#xF6;nnen, bei dem sie mitmachen. Wir k&#xF6;nnen von der Naivit&#xE4;t eines Kindes ger&#xFC;hrt sein, aber es ist merkw&#xFC;rdig, sich von der Naivit&#xE4;t eines Erwachsenen r&#xFC;hren zu lassen. Die Naivit&#xE4;t erwachsener Leute erzeugt keine R&#xFC;hrung, sondern Ver&#xE4;rgerung und Ablehnung. Die Naivit&#xE4;t erwachsener Leute, die meinen, sie w&#xFC;rden sich mit purem Schaffen befassen und sich keine Gedanken machen, die nicht reflektieren und nicht versuchen, die Bedingungen ihres Daseins in dem Projekt, das sich Kunst nennt, zu verstehen, r&#xFC;hrt mich jedenfalls nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was w&#xFC;rden S<\/strong><strong>ie K&#xFC;nstlern &#x2013; im weitesten Sinne des Wortes &#x2013; antworten, die das Land verlassen und sich damit rechtfertigen, dass man hier nicht <\/strong><strong>k&#xFC;nstlerisch t&#xE4;tig sein<\/strong><strong> darf, keine <\/strong><strong>b&#xFC;rgerschaftliche Position beziehen kann und nicht verstanden wird?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wieso sollte ich nur eine Sekunde meiner Zeit und Energie an die Kommunikation mit Leuten verschwenden, die solcher Meinung sind. Ich habe nicht die Absicht, auf die Einstellung solcher Leute Einfluss zu nehmen. Ich habe nicht das Ziel, ein ideologischer Agitator zu sein und das Bewusstsein irgendwelcher konkreten Leute zu &#xE4;ndern. Dass wir versuchen, das &#xF6;ffentliche Bewusstsein zu &#xE4;ndern, ist eine andere Angelegenheit. Wir versuchen nicht, Leute mit einem Glauben zu einem anderen Glauben zu &#xFC;berreden. Damit hab ich mich nie befasst. Das interessiert mich nicht und ich halte es nicht f&#xFC;r effektiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Sie versuchen vor allem, Leuten kritisches Denken beizubringen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, aber nur jenen Leuten, die zu uns kommen und die dies wollen. Das Anliegen von &#x201E;STAB&#x201C; ist, eine M&#xF6;glichkeit zu schaffen, um auf verschiedenen Ebenen, kritisch mit der Realit&#xE4;t zu interagieren. Wir rufen diese M&#xF6;glichkeiten f&#xFC;r uns als Kulturschaffende ins Leben, f&#xFC;r kritische Gedanken, ob verbaler oder nichtverbaler Art. F&#xFC;r Leute, die mit Bildungsprogrammen zu tun haben, versuchen wir Bedingungen f&#xFC;r die komplizierte Wirklichkeit der Kritik zu schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Was ist die unsinnigste &#xC4;u&#xDF;erung &#xFC;ber STAB, die Ihnen je zu Ohren gekommen ist?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heutzutage begegnen die Leute STAB und seinen Aktivit&#xE4;ten recht angemessen. Es gibt nichts an unserem Publikum auszusetzen. Wir haben nicht das Gef&#xFC;hl, dass die Leute uns nicht verstehen. Mittlerweile sind wir seit zweieinhalb Jahren aktiv und die Leute begreifen, dass STAB eine Institution ist, die einen gewissen kritischen Blick von Links bietet. Und so gibt es bez&#xFC;glich unserer Aktivit&#xE4;ten auch keine unangemessenen und unsinnigen Ungereimtheiten mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/716\/klinom_arta01.jpeg\" alt=\"STAB\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Reagieren Leute, die &#xFC;ber eure Zusammenarbeit mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/LGBT\">LGBT<\/a>-Organisationen erfahren nicht negativ?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kann sein, dass jemand denkt: &#x201E;Normale w&#xFC;rden sich nicht mit Schwuchteln besch&#xE4;ftigen&#x201C;, aber uns hat noch niemand so etwas gesagt und ich habe noch nie erlebt, dass einer der Leute, mit denen wir in Kontakt sind, sich homophob verh&#xE4;lt. Wenn man den Tatsachen ins Auge sieht, dann w&#xFC;rden die Leute STAB aber vermutlich mehr m&#xF6;gen, wenn wir uns nicht mit diesem Thema besch&#xE4;ftigen w&#xFC;rden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Wie kann zeitgen&#xF6;ssische Kunst gegen nationalistische und homophobe Aggressionen ank&#xE4;mpfen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man kann dagegen auf jeglicher Sph&#xE4;re ank&#xE4;mpfen und eine aktive b&#xFC;rgerschaftliche Position einnehmen: in der Kunst, der Bildung. Jegliche Aktivit&#xE4;t kann eine bewusste und politische sein, ganz zu schweigen vom Journalismus. In dieser Hinsicht hebt sich die Kunst nicht ab. Ein K&#xFC;nstler oder eine K&#xFC;nstlerin kann seine Funktion bewusst einsetzen, also auf das reagieren, was geschieht. Eine andere Sache ist, dass Kunst nat&#xFC;rlich ihre eigenen Besonderheiten und Ressourcen, also auch materielle Ressourcen hat. Wenn man zum Beispiel STAB nimmt, dann ist das eine Organisation, die ihre Finanzierung hat und wir finden, dass man eine Finanzierung braucht, um &#xFC;ber solche Sachen reden zu k&#xF6;nnen. Die Kunst hat ein Repertoire an eigenen Fertigkeiten, Empfindungen, Kr&#xE4;ften &#x2013; sie hat die F&#xE4;higkeit, &#xFC;ber bestimmte Grenzen der Vernunft hinaus zu wirken und kann so als Waffe und Werkzeug eingesetzt werden. Auf diese Weise kann man arbeiten und versuchen, diese Eigenheiten der Kunst in den Dienst jenes politischen Kampfes zu stellen, mit dem sich K&#xFC;nstler und K&#xFC;nstlerinnen solidarisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Worin besteht Georgi Mamedows kuratorische Mission im Kampf gegen die Banalit&#xE4;t?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Banalit&#xE4;t ist unbesiegbar. Wieso mit ihr k&#xE4;mpfen? (lacht) Ich habe zurzeit keine Mission, die abgesondert von der Institution ist, mit der ich zurzeit zusammenarbeite. Das kann man als seltene Gelegenheit ansehen, bei der es keine entfremdete Arbeit gibt und das Individuelle kollektiv ist. In diesem Sinne kann ich mich nicht als professionelle Einheit von STAB absondern. Meine Ziele, meine Mission, f&#xE4;llt mit dem zusammen, was STAB macht. Das bedeutet, wie ich bereits sagte, Bedingungen f&#xFC;r eine kritische Interaktion mit der Wirklichkeit zu schaffen. Ich m&#xF6;chte, dass meine Arbeit darauf ausgerichtet ist, den verschiedenen Menschen, mit denen wir interagieren, eine kritische Sichtweise zu erm&#xF6;glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Und zum Schluss drei B&#xFC;cher, die man als zeitgen&#xF6;ssischer K&#xFC;nstler lesen sollte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Manifest der Kommunistischen Partei&#x201C; von Marx und Engels, &#x201E;Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit&#x201C; von Benjamin und &#x201E;Avantgarde und Kitsch&#x201C; von Greenberg. Das sind keine B&#xFC;cher, sondern kleine Texte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Dschamilja Dandibajewa<br>\nAutorin f&#xFC;r Novastan.org, Bischkek<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen &#xFC;bersetzt von Sofia Tscholakidi<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet es heute, ein Marxist zu sein? Ein Gespr&#xE4;ch mit Georgi Mamedow, dem k&#xFC;nstlerischen Leiter der Schule f&#xFC;r Theorie und Aktivismus in Bischkek.<\/p>\n","protected":false},"author":250,"featured_media":1614,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1074,1428,690,744,1198,1440],"coauthors":[1437,1188],"class_list":{"0":"post-1613","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","6":"hentry","7":"category-kirgistan","8":"tag-bischkek","10":"tag-kirgistan","11":"tag-kultur","13":"tag-marxismus"},"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1613","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/250"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1613"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1613\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1613"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1613"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}