{"id":1605,"date":"2014-08-23T12:00:00","date_gmt":"2014-08-23T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1605"},"modified":"2023-09-06T12:42:13","modified_gmt":"2023-09-06T10:42:13","slug":"auf-der-flucht-kirgisische-gastarbeiter-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/auf-der-flucht-kirgisische-gastarbeiter-in-russland\/","title":{"rendered":"Auf der Flucht \u2013 Kirgisische Gastarbeiter in Russland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Dieser Artikel wurde im Rahmen der Zentralasiatischen Schule f&#xFC;r modernen Journalismus (OSZE\/ Deutsche Welle) geschrieben. Eine weitere Version wurde bei dem Nachrichtenportal <a href=\"http:\/\/kloop.kg\/blog\/2014\/08\/04\/pobeg\/\">Kloop.kg ver&#xF6;ffentlicht<\/a>. Wir &#xFC;bernehmen ihn mit der freundlichen Erlaubnis der Autorin.&#xA0;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: justify\">Am Rande der Stadt steht ein Schild mit der verblassten Aufschrift &#x201E;Kara-Balta&#x201C;. Vorbei an leerstehenden H&#xE4;usern und verfallenen Bushaltestellen trifft man im Ort auf dutzende M&#xE4;nner, die sich als Tagel&#xF6;hner verdienen. Die Arbeitsstellen sind rar ges&#xE4;t; eine Glash&#xFC;tte gibt es, und eine von Chinesen betriebene Fabrik. Kara-Balta, kirgisisch f&#xFC;r &#x201E;schwarze Axt&#x201C;, ist eine trostlose Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alexandra, eine hagere Frau mittleren Alters, erz&#xE4;hlt uns vom Schicksal ihres Sohnes, der sein Gl&#xFC;ck woanders suchte. &#x201E;Iwan erfuhr im Fernsehen davon, dass in der russischen Stadt Woronesch Arbeitskr&#xE4;fte in der Bauindustrie gesucht werden. Ein Gehalt von 400 Euro im Monat wurde ihnen versprochen. Hier in der &#xF6;rtlichen Fabrik verdiente er nur 8000 kirgisische Som (etwa 100 Euro).&#x201C; Iwans Frau starb vor 3 Jahren, er muss sich alleine um seine zwei T&#xF6;chter k&#xFC;mmern. &#x201E;Bevor er sich nach Russland aufmachte, &#xFC;berpr&#xFC;fte er die Angaben im Internet&#x201C;, berichtet seine Mutter. &#x201E;Alles schien seine Richtigkeit zu haben.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Russland, und die Hoffnung auf Arbeit&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie so viele andere B&#xFC;rger der zentralasiatischen Republiken Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan zog es Iwan nach Russland, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden und f&#xFC;r den Unterhalt seiner Familie sorgen zu k&#xF6;nnen. 4 Millionen sind es laut Angaben der russischen Beh&#xF6;rden inzwischen, der Gro&#xDF;teil von ihnen junge M&#xE4;nner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doch die Dunkelziffer liegt wesentlich h&#xF6;her. Kirgisen, Usbeken und Tadschiken ben&#xF6;tigen kein Visum, um nach Russland einzureisen. Arbeit ist h&#xE4;ufig schnell gefunden, in der boomenden russischen Bauindustrie sind auch ungelernte Arbeitskr&#xE4;fte st&#xE4;ndig gefragt. F&#xFC;r viele entpuppt sich der Traum von leicht verdientem Geld aber schnell als Alptraum aus Ausbeutung und Entrechtung. Mangels offiziellem Arbeitsvertrag sind viele der Willk&#xFC;r ihrer Arbeitgeber ausgeliefert, in den letzten Jahren h&#xE4;ufen sich F&#xE4;lle von Zwangsarbeit und Menschenhandel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/722\/photo_3.jpeg\" alt=\"Kara Balta\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch f&#xFC;r Iwan lief alles anders als geplant. &#x201E;Erst wurde ihm und seinen Mitarbeitern der Lohn vorenthalten. Als sie sich beschwerten, fing man an, sie zu schlagen&#x201C;, berichtet Alexandra. &#x201E;Am Telefon erz&#xE4;hlt er immer, dass alles gut ist. Doch von seinen Kollegen habe ich f&#xFC;rchterliche Geschichten geh&#xF6;rt. Einer von ihnen sagte mir, dass mein Sohn so heftig geschlagen wurde, dass ihm ein Zahn ausfiel.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Au&#xDF;er Iwan arbeiten 11 weitere M&#xE4;nner aus Kara-Balta auf der Baustelle in Woronesch. Vier von ihnen hielten die st&#xE4;ndigen Androhungen und die Gewalt nicht mehr aus und entschieden sich, zu fliehen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, verlie&#xDF;en sie in Arbeitskleidung das Gel&#xE4;nde. Sie machten sich auf den Weg zur kirgisischen Botschaft im 500 Kilometer entfernten Moskau. Mangels Geld und aus Angst vor der Polizei legten sie die Strecke zu Fu&#xDF; zur&#xFC;ck, vier Tage und vier N&#xE4;chte dauerte es, bis sie die russische Hauptstadt erreichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Botschaft angekommen, erz&#xE4;hlten sie ihre furchtbare Geschichte: &#x201E;St&#xE4;ndig schlug man uns und machte sich &#xFC;ber uns lustig. Unsere Dokumente wurden einbehalten, und f&#xFC;r vier Tage Arbeit bekamen wir lausige 300 Rubel (etwa 6&#x20AC;) Gehalt. Als wir unsere Arbeitgeber aufforderten, uns nach Hause zu lassen, verspotteten sie uns und sagten, dass wir in Russland Niemande seien, Obdachlose.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit Hilfe der kirgischen Botschaft schafften es die Vier zur&#xFC;ck nach Bischkek, wo sich das Zentrum &#x201E;Sezim&#x201C; ihrer annimmt, das seit vielen Jahren mit Opfern von Menschenhandel arbeitet. Laut dem Direktor des Zentrums hat sich die Situation innerhalb der letzten zehn Jahre verschlimmert. Immer mehr vorwiegend junge Leute verlassen Kirgistan auf der Suche nach Arbeit, und die F&#xE4;lle von Menschenhandel h&#xE4;ufen sich. Allein in diesem Zentrum gibt es pro Jahr durchschnittlich 35 neue F&#xE4;lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ma&#xDF;nahmen gegen den Menschenhandel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie kommt es dazu, dass immer mehr Leute in die F&#xE4;nge von Menschenh&#xE4;ndlern gelangen? Ulana Dschanbajewa vom kirgisischen Innenministerium sieht den Hauptgrund in der mangelnden Kenntnis &#xFC;ber die Gefahren von Arbeitsmigration. &#x201E;Viele sehen, wie ihre Nachbarn und Freunde mit viel Geld aus dem Ausland zur&#xFC;ckkommen, und wollen es ihnen gleichtun. Doch sie &#xFC;bersehen dabei, dass man schnell das Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel werden kann.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die weit verbreitete mangelnde Rechtskenntnis zeigt sich auch in den sp&#xE4;teren Strafverfahren, wie Gulsina Asanaliewa vom dem B&#xFC;ro des Menschenrechtsbeauftragten der Kirgisischen Republik berichtet. &#x201E;Die Opfer k&#xF6;nnen h&#xE4;ufig keine Namen von den Menschenh&#xE4;ndlern oder Organisationen nennen, die f&#xFC;r ihre Ausbeutung verantwortlich sind. Viele Verfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 500px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/722\/photo_5.jpeg\" alt=\"Zug Bischkek Moskau\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im vergangenen Jahr startete die Regierung Kirgistans ein Programm, das den Menschenhandel unterbinden soll. Spezielle Abkommen wurden mit den Hauptziell&#xE4;ndern Russland, S&#xFC;dkorea und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterzeichnet. &#x201E;In den letzten Jahren ist der Menschenhandel in Kirgisien auf dem R&#xFC;ckzug&#x201C;, ist sich Gulsina Asanaliewa sicher. &#x201E;Seit 2010 erreichten uns keine Beschwerden mehr. Von dem Fall aus Kara-Balta haben wir nichts geh&#xF6;rt.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Drei Uhr nachmittags am Bischkeker Bahnhof. Der Zug nach Moskau f&#xE4;hrt ein, und in der Luft liegt ein Hauch von Aufregung und Angst vor dem Unbekannten. Die Gesichter der Passagiere sind ernst, viele der mit schweren Koffern bepackten Reisenden wirken besorgt und zugleich verloren. Ihr Schicksal ist jedes Mal aufs Neue ungewiss. Wen von ihnen bringt der Zug in eine bessere Zukunft, und wer wird den Weg nach Hause zu Fu&#xDF; finden m&#xFC;ssen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Djamilia Dandybaeva<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Aus dem Russischen &#xFC;bersetzt von<br>\nAlexander Maier<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrere Millionen Zentralasiaten zieht es jedes Jahr nach Russland, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Eine Begegnung am Bahnhof in Kara-Balta (Kirgistan).<\/p>\n","protected":false},"author":250,"featured_media":1606,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1304,690,1303,1253],"coauthors":[1437],"class_list":["post-1605","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-gastarbeiter","tag-kirgistan","tag-migration","tag-russland"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/250"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1605"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1605\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34837,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1605\/revisions\/34837"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1605"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}