{"id":15223,"date":"2018-10-19T10:34:03","date_gmt":"2018-10-19T08:34:03","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=15223"},"modified":"2018-10-19T18:49:09","modified_gmt":"2018-10-19T16:49:09","slug":"der-moskauer-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/der-moskauer-traum\/","title":{"rendered":"Der Moskauer Traum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>In Russland sind Tadschiken, Usbeken und Kirgisen als billige Arbeitskr&#xE4;fte bekannt: auf Baustellen, M&#xE4;rkten oder bei der Stadtreinigung. Selbst wenn sie bei der Moskauer Stadtverwaltung, Vermieter und T&#xFC;rsteher und sonst im Alltag nicht beliebt sind, machen Sie weiter. Sie rackern f&#xFC;r die Heimat &#x2013; und f&#xFC;r ihre Tr&#xE4;ume. Folgender Artikel erschien zuerst bei der <a href=\"https:\/\/www.moz.de\/\">MOZ<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Safar Dschurajew &#x2013; Lederjacke, schwarze Augen und Herrenhandtasche &#x2013; wartet am Kiewer Bahnhof auf die Marschrutka. Die soll ihn zum Vorort Nemtschinowa kutschieren, zu seinem Bruder. Der 27-J&#xE4;hrige Tadschike ist vor wenigen Stunden in Moskau gelandet. Mit sich tr&#xE4;gt er eine kleine Sporttasche, mehr braucht der junge Mann nicht f&#xFC;r die neun Monate auf dem Bau. Dort hat ihm sein Bruder Arbeit versprochen, f&#xFC;r bis zu 35&#x2005;000 Rubel monatlich, umgerechnet knapp 450 Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gutes Geld f&#xFC;r einen wie Dschurajew, der in Tadschikistan f&#xFC;r die gleiche T&#xE4;tigkeit nur einen Bruchteil verdient. Daf&#xFC;r muss er nur Luxus-Villen bauen, Fu&#xDF;ball-Stadien sanieren oder neue Mikrorajony hochziehen, wie die riesigen Wohnviertel hei&#xDF;en, die wie Pilze aus dem Speckg&#xFC;rtel der Metropolen schie&#xDF;en. Das Ersparte geht zur&#xFC;ck an Frau und Kind, die zu Hause geblieben sind. Das ist billiger. Und dann w&#xE4;re da noch die Hochzeit, auf die seine Frau seit zwei Jahren wartet. Dschurajew ist der typische Gastarbeiter. Obwohl er mittlerweile in der Fremde weilt, bleibt er in Gedanken in seiner Heimat Tadschikistan.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15226\" aria-describedby=\"caption-attachment-15226\" style=\"width: 1040px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15226\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/2.jpg\" alt=\"Marktverk&#xE4;ufer in Moskau\" width=\"1040\" height=\"884\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/2.jpg 1040w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/2-300x255.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/2-768x653.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/2-1024x870.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1040px) 100vw, 1040px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-15226\" class=\"wp-caption-text\">Verkauft Obst und Trockenfr&#xFC;chte: Inom Kajumow (21) vor seinem Stand auf dem Danilowskij-Markt, den er mit seinen Br&#xFC;dern betreibt<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach Angaben der Weltbank arbeiten rund 40 Prozent aller U-30-Tadschiken im Ausland, der Gro&#xDF;teil in Russland, wie zu Sowjetzeiten. Eine knappe Million war laut Migrationsdienst Anfang des vergangen Jahres in Russland gemeldet, das ist ein Achtel Tadschikistans. Sie arbeiten in Russland und &#xFC;berweisen den Gro&#xDF;teil ihres Gehaltes an die Familie in der Heimat. Diese Heimat&#xFC;berweisungen beliefen sich der russischen Zentralbank zufolge im vergangenen Jahr auf umgerechnet 2,2&#x2005;Milliarden&#x2005;Euro. Das entspricht etwas mehr als einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes Tadschikistans, eines der &#xE4;rmsten L&#xE4;nder der ehemaligen Sowjetunion. Das dortige monatliche Durchschnittsgehalt liegt nach Angaben der Weltbank bei zirka 165&#x2005;Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/tadschikistan\/die-tadschiken-aussatzige-in-russland\/\">Die Tadschiken, Auss&#xE4;tzige in Russland<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mittagspause in einem Moskauer B&#xFC;rogeb&#xE4;ude, Manutschechr Jabukow ist im Kundengespr&#xE4;ch. Gefragt wird nach Plow, dem auf Reis basierenden Nationalgericht Zentralasiens. Vor ungef&#xE4;hr drei Jahren kam der 26-J&#xE4;hrige aus Istarafschan, Tadschikistan, nach Moskau. Dort arbeitet Jabukow bei Plov.com, einem Start-up und Lieferservice f&#xFC;r Plow und andere Speisen aus Zentralasien. Jabukow ist genau genommen kein typischer Arbeitsmigrant. Seine Eltern haben ihn schlie&#xDF;lich zum Studieren nach Moskau geschickt, nicht zum Geldverdienen. Vor seiner Ankunft hatte er bereits einen Master einer Filiale der Moskauer Staatlichen Universit&#xE4;t in Duschanbe in der Tasche, sein Russisch war perfekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei seinen Landsleuten l&#xE4;uft das normalerweise anders. Sie machen nach der Schule keine Ausbildung. Sie gehen direkt nach Russland, um sich als Ungelernte zu verdingen: auf Baustellen, M&#xE4;rkten oder bei der Stadtreinigung. Dabei machen sie im Schnitt 30&#x2005;000 Rubel im Monat (umgerechnet knapp 400 Euro), das ist doppelt so viel wie in ihrer Heimat. Gastarbeiter schuften, 50, 60 Stunden die Woche. Sie teilen sich eine Wohnung, gehen nicht aus, leisten sich nur das Allern&#xF6;tigste. Der Gro&#xDF;teil des Lohnes geht in die Heimat, daf&#xFC;r stehen sie am Wochenende Schlange bei Western Union. Ihr Wochenende hat, wenn sie Gl&#xFC;ck haben, einen Tag: Sonntag. Und dann wird auch noch gespart: f&#xFC;r ein eigenes Haus in Tadschikistan, f&#xFC;r Medizin, f&#xFC;r die Hochzeit. Reich werden sie in Moskau jedenfalls nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F&#xFC;r die Reinigung des B&#xFC;rgersteiges vor dem Einkaufszentrum &#x201E;Jewropejskij&#x201C; am Kiewer Bahnhof erh&#xE4;lt Alischer Kosimow monatlich gerade mal 25&#x2005;000 Rubel (etwa 400 Euro). Daf&#xFC;r wohnt der 48-j&#xE4;hrige Usbeke kostenlos im Untergeschoss des gigantischen Shoppingcenters, zusammen mit 30 weiteren M&#xE4;nnern aus Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan. Vor gerade mal zwei Monaten kam Kosimow aus der usbekischen Grenzstadt Andischan im Ferghana-Tal. Auch er sendet Geld an seine Frau und die drei Kinder in die Heimat.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Rund 40 Prozent aller &#xFC;ber 30-j&#xE4;hrigen Tadschiken arbeiten im Ausland, der Gro&#xDF;teil davon in Russland&#x201C;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\">Dschurajew, Jabukow und Kosimow werden in Moskau &#x201E;Gastarbeiter&#x201C; genannt. Das Wort wurde zu Sowjetzeiten oder noch fr&#xFC;her aus dem Deutschen entlehnt. Die Gastarbeiter zahlen zus&#xE4;tzlich Steuern, werden &#xF6;ffentlich belehrt, und auch bei Vermietern und T&#xFC;rstehern sind sie unerw&#xFC;nscht. Arbeitsmigranten gab es schon zu Sowjetzeiten, sie wurden akzeptiert. Heute, mehr als 27&#x2005;Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, ist das anders. Pass, Migrationskarte, Registrierung und Arbeitserlaubnis &#x2013; es ist immer dasselbe Spiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durch ihr &#xC4;u&#xDF;eres auffallende Ausl&#xE4;nder werden h&#xE4;ufiger von der Polizei angehalten und gebeten, sich auszuweisen. Normalerweise k&#xF6;nnen sie gehen, wenn alles in Ordnung ist. Doch Manutschechr Jabukow musste mit aufs Revier, auch wenn seine Papiere sauber waren. Am Ende stellte sich heraus, dass man ihm nur Geld aus der Tasche ziehen wollte. &#x201E;Als die Polizisten begriffen, dass bei mir nichts zu holen war, hatte sich die Sache schnell erledigt&#x201C;, sagt Jabukow.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/russland-zentralasiatische-migranten-als-pruegelknaben\/\">Russland: Zentralasiatische Migranten als Pr&#xFC;gelknaben<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Gastarbeiter zahlen jeden Monat f&#xFC;r ein sogenanntes Patent, also eine Arbeitserlaubnis. Der Preis variiert je nach Region, in Moskau kostet sie 4200&#x2005;Rubel (54&#x2005;Euro). Dazu kommen 13&#x2005;Prozent Einkommenssteuer. Die wurde bisher oft umgangen, ein neues Banken-Gesetz verhindert das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Vermieter m&#xF6;gen keine Gastarbeiter. In jeder zweiten Wohnungsanzeige steht &#x201E;Nur f&#xFC;r Slawen&#x201C; oder &#x201E;Nur f&#xFC;r russische Staatsb&#xFC;rger&#x201C;. Selbst der Eintritt zu Moskaus Nachtklubs bleibt Gastarbeitern wie Jakubow oft verwehrt, sogar in Begleitung von russischen oder europ&#xE4;ischen Freunden. Nach seiner Herkunft gefragt, habe sich Jakubow deshalb vor den T&#xFC;rstehern sogar schon ein paar Mal als S&#xFC;dkoreaner ausgegeben. &#x201E;Ein bisschen &#xC4;hnlichkeit gibt es schon, oder?&#x201C;, witzelt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nun hat die Stadt Moskau ein Handbuch f&#xFC;r seine 455 000 offiziell registrierten G&#xE4;ste aus dem &#x201E;nahen Ausland&#x201C; herausgegeben. Auf knapp 100 Seiten des Russland-Knigges finden sich allerlei Hinweise, Adressen und Telefonnummern f&#xFC;r die Arbeitssuche.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15228\" aria-describedby=\"caption-attachment-15228\" style=\"width: 471px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15228\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/8.jpg\" alt=\"Habdbuch f&#xFC;r Migranten Moskau\" width=\"471\" height=\"681\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/8.jpg 471w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/8-207x300.jpg 207w\" sizes=\"auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-15228\" class=\"wp-caption-text\">Ein Handbuch der Stadt Moskau definiert Verhaltensregeln f&#xFC;r die Arbeitsmigranten<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben dem hilfreichen Teil irritieren einige Passagen. Russische M&#xE4;rchenfiguren erkl&#xE4;ren lokale Gepflogenheiten. Und insgesamt der Ton, in dem die Texte verfasst wurden. Der erweckt den Eindruck, sich nicht an Erwachsene zu richten &#x2013; sondern an Kinder. &#x201E;Man isst nicht drau&#xDF;en. Wenn Sie hungrig sind, gehen Sie in ein Restaurant oder einen Imbiss&#x201C;, hei&#xDF;t es. Es wird auch davor gewarnt, weiblichen Passanten nachzusehen, zu verstrickte Ausk&#xFC;nfte zu geben oder zu laut in der Metro zu reden.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\">&#xA0;&#x201E;Ein neues Handbuch warnt sie davor, Frauen nachzusehen und laut in der Metro zu reden&#x201C;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass man sich von Moskau nicht unterkriegen lassen darf, das wei&#xDF; Bachodur Muminow, geb&#xFC;rtig aus Samarkand, Usbekistan: &#x201E;In Moskau gibt es kein Willkommen mehr &#x2013; das war in der Sowjetunion anders&#x201C;. Er muss es wissen, seit 20 Jahren f&#xE4;hrt er Taxi in Moskau. Damit macht er ein bisschen mehr Geld, rund 60&#x2005;000 Rubel monatlich (etwa 780 Euro), wie er sagt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15225\" aria-describedby=\"caption-attachment-15225\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15225\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/1.jpg\" alt=\"Usbekisches Taxi in Moskau\" width=\"840\" height=\"489\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/1.jpg 840w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/1-300x175.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/10\/1-768x447.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-15225\" class=\"wp-caption-text\">Usbekisches Taxi in Moskau: Bachodur Muminow l&#xE4;sst sich nicht unterkriegen<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf dem Danilewskij-Basar im S&#xFC;den der Stadt sitzt Inom Kajumow vor einem Stand, an dem er Obst und Trockenfr&#xFC;chte verkauft. &#x201E;Nachts ist es schon mal vorgekommen, dass mir ein paar Besoffene Beleidigungen hinterherriefen. Aber solche Idioten gibt es doch &#xFC;berall&#x201C;, sagt der 21-J&#xE4;hrige aus Chudschand, Tadschikistan. Die Arbeit auf dem Markt ist f&#xFC;r ihn nur eine &#xDC;bergangsl&#xF6;sung. Sein Russisch ist flie&#xDF;end. Er spart auf ein Wirtschaftsstudium, eine Art Gesch&#xE4;ftsmann sei er ja jetzt schon. Ihm halfen vor einem Jahr vor allem seine beiden Br&#xFC;der, nach Moskau zu kommen, bei denen er wohnt und arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch Manutschechr Jakubow tr&#xE4;umt. Er w&#xFC;rde irgendwann gern sein eigenes Gewerbe gr&#xFC;nden. In Moskau sei das ja schon mit wenig Geld m&#xF6;glich. Zur&#xFC;ck nach Tadschikistan will er nicht mehr &#x2013; Moskau ist sein neues Zuhause. Auch wenn er sich dort an Freitagabenden als S&#xFC;dkoreaner ausgeben muss, um in den Klub zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Christopher Braemer<\/strong><\/p>\n<p>Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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