{"id":15192,"date":"2018-10-23T10:11:58","date_gmt":"2018-10-23T08:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=15192"},"modified":"2024-02-04T16:30:18","modified_gmt":"2024-02-04T15:30:18","slug":"das-schwere-erbe-von-schanaosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/das-schwere-erbe-von-schanaosen\/","title":{"rendered":"Das schwere Erbe von Schana\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Ereignisse von <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schanga%C3%B6sen\"><strong>Schana&#xF6;sen<\/strong><\/a><strong>, als im Dezember 2011 die Polizei auf demonstrierende &#xD6;larbeiter schoss, belasten Kasachstan bis heute. Nachdem Maksat Dosmagambetow, einer der Anf&#xFC;hrer des Streiks, k&#xFC;rzlich verstarb, hat sich die Zahl der Todesopfer auf nunmehr 17 erh&#xF6;ht. Das Online-Magazin <\/strong><a href=\"https:\/\/esquire.kz\/eshte-odna-zhizny-i-smerty-zhanaozena\/\"><strong>Esquire<\/strong><\/a><strong> setzt sich damit auseinander, wie in Kasachstan mit dem Massaker umgegangen wird. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maksat Dosmagambetow war der erste, der vor Gericht erkl&#xE4;rte, dass er w&#xE4;hrend des Verh&#xF6;rs gefoltert worden sei. In Polizeigewahrsam hatte man ihm Rippen und Knochen im Gesicht gebrochen. Sechs Monate sp&#xE4;ter bekam er im Gef&#xE4;ngnis unerkl&#xE4;rliche Kopfschmerzen, gegen die man ihm Aspirin gab. Weitere zwei Jahre sp&#xE4;ter, als man seinen schweren Zustand nicht mehr ignorieren konnte, schickte man ihn zur medizinischen Untersuchung, deren Diagnose &#x201E;b&#xF6;sartiges Geschw&#xFC;r im Gesichtsknochen&#x201C; lautete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein siebzehntes Opfer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gehen wir die Chronologie noch einmal durch: 2011 zerschl&#xE4;gt man einem Menschen das Gesicht, sechs Monate sp&#xE4;ter beginnen Schmerzen und weitere zwei Jahre sp&#xE4;ter wird ein b&#xF6;sartiges Geschw&#xFC;r diagnostiziert, das 2018 zum Tode f&#xFC;hrt. Dosmagambetow starb zweifelsohne an den Folgen der Folter. Vor Gericht und sp&#xE4;ter im einzigen Interview nach seiner Haftentlassung erz&#xE4;hlte er bei Nennung der Namen der Ermittler gruselige Details dar&#xFC;ber, was sich nach Aufl&#xF6;sung des Streiks im Polizeirevier von Schana&#xF6;sen ereignete. Die Polizei weist alle Vorw&#xFC;rfe von sich, aber das Opfer bezahlte mit seinem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute wissen wir genau, dass alles so war, wie er es schilderte<em>: &#x201E;In einem abgegrenzten Raum jagten sie mir nadeln unter die N&#xE4;gel und ins Knie, schlugen mich mit der Pistole und dem Schlagstock, tackerten meine Ohren.&#x201C; <\/em>Und journalistische Floskeln wie &#x201E;gem&#xE4;&#xDF; seinen Worten&#x201C; oder &#x201E;Er setzt seine Erkrankung in Verbindung mit der Folter&#x201C;, die den Reporter vom Objekt distanzieren sollen, klingen hier einfach &#xFC;berfl&#xFC;ssig. Womit sonst soll man ein b&#xF6;sartiges Geschw&#xFC;r im Knochen, der einem zerschlagen wurde, verbinden? Diese Verbindung kann man nur bewusst ignorieren, was im &#xDC;brigen auch geschieht. Der Tod des &#xD6;larbeiter, der den Streik ma&#xDF;geblich beeinflusste, fand keinen Wiederhall in den kasachstanischen Medien, abgesehen von &#x201E;Radio Azattyk&#x201C;:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#x201E;Im &#xDC;brigen starb Maksat Dosmagambetow nicht einfach aufgrund der Folter &#x2013; die letzten Jahre verbrachte er in Krankenh&#xE4;usern, konnte nachts nicht schlafen. Man nahm ihm den Himmel und den ungl&#xFC;ckseligen Gesichtsknochen, den ein &#xFC;bereifriger Ermittler ihm zerschlug. Indem er durch die H&#xF6;lle ging, starb er als M&#xE4;rtyrer.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das k&#xFC;nstlich geschaffene Schweigen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ereignisse von Schana&#xF6;sen w&#xFC;rden in Kasachstan viel zu viele am liebsten f&#xFC;r immer vergessen und aus der Geschichte tilgen. Das k&#xFC;nstlich geschaffene Schweigen wurde an der Wurzel getroffen. Ein franz&#xF6;sischer Journalist, der sich entschloss, einen Film &#xFC;ber die Ereignisse von 2011 zu drehen, wurde w&#xE4;hrend eines Interviews festgenommen. Der Ausl&#xE4;nder kam mit einer Geldstrafe und dem Schrecken davon, aber w&#xE4;re die Idee einem kasachstanischen Kollegen gekommen, h&#xE4;tte ihn ein h&#xE4;rteres Los getroffen. Zum Beispiel eine Gef&#xE4;ngnisstrafe wegen &#x201E;Anstachelung zum Hass&#x201C;. Im vergangenen Jahr wurde in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aqtau\">Aktau<\/a> der Hungerstreik von &#xD6;larbeitern zur Unterst&#xFC;tzung der Konf&#xF6;deration unabh&#xE4;ngiger Gewerkschaften sofort beendet und die Organisatoren verhaftet. Die Entschiedenheit und Gewissenlosigkeit mit der gegen Ruhest&#xF6;rer vorgegangen wird, ist sicherlich Folge der Lektion, die aus Schana&#xF6;sen gelernt wurde.<\/p>\n<p><strong>Lest auch auf Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/kasachstan-gericht-stoppt-streik-der-minenarbeiter-von-temirtau\/\"><strong>Gericht stoppt den Streik der Minenarbeiter von Temirtau<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man m&#xF6;chte Schna&#xF6;sen gern vergessen, aber es ist nicht m&#xF6;glich, da die Ereignisse immer wieder auf die eine oder andere Weise ins Ged&#xE4;chtnis gerufen werden. Das Datum verbindet die Aufl&#xF6;sung des &#xD6;larbeiter-Streiks vom 16. Dezember 2011 mit der gewaltsamen Aufl&#xF6;sung der Studenten-Demonstrationen vom 16. Dezember 1986 (der sogenannten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scheltoksan-Unruhen\">Scheltoksan-Unruhen<\/a>, derer in Kasachstan feierlich gedacht wird, Anm. d. &#xDC;.) und geben so jeder Festrede an diesem Tag eine Doppeldeutigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine recht neue humanistische Richtung der Psychotherapie verwendet den Begriff der &#x201E;nicht versteckten Gestalt&#x201C;. Die Menschen verstecken sich feige vor schweren Ersch&#xFC;tterungen des Lebens und finden nicht die Kraft sie anzunehmen, sie bewusst umzudenken und zu durchleben. Als Resultat zerst&#xF6;rt das Vergangene den Menschen, selbst wenn er &#xE4;u&#xDF;erlich gl&#xFC;cklich und stabil wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Informationstabu und seine Folgen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bezug auf die Ereignisse von 2011 herrscht ein Informationstabu. Journalisten recherchieren nicht, um die Wahrheit herauszufinden, Politologen besprechen das Problem nicht auf Konferenzen, Wissenschaftler schreiben keine Dissertationen zu dem Fall, Schriftsteller schreiben keine B&#xFC;cher und Dichter keine Balladen. Es passiert nichts, was der Gesellschaft helfen k&#xF6;nnte zu verstehen, was und warum in Schana&#xF6;sen geschehen ist. Und niemand bekennt sich selbst vor den Verwandten der unschuldigen zuf&#xE4;lligen Opfer, die zum Tag der Unabh&#xE4;ngigkeit zu den Feiern auf den Pl&#xE4;tzen kommen, als schuldig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragen ohne Antwort, eine Trag&#xF6;die ohne Bew&#xE4;ltigung, ein Verbrechen ohne Strafe und viel Platz f&#xFC;r Fantasie. Ich bin immer wieder &#xFC;berrascht, wie verbreitet die Meinung ist, dass es viel mehr Todesopfer gegeben habe, als die Staatsmacht zugibt. Dabei wirkt diese Vorstellung durch offensichtliche Diskrepanzen abwegig: Wo sind die Verwandten der Opfer &#x2013; ihre Frauen, Kinder, Br&#xFC;der und Schwestern? Es gibt keinen einzigen Menschen, der direkt nach den Ereignissen von Schana&#xF6;sen verschwunden w&#xE4;re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch werden aus Ger&#xFC;chten &#xDC;berzeugungen, die selbst in respektablen Kreisen weiterleben und es von Zeit zu Zeit sogar in die ausl&#xE4;ndische Presse schaffen. Scheinbar ist die &#xF6;ffentliche Meinung, dass sechszehn unbewaffnete unschuldige Menschen, die in Friedenszeiten durch Polizeikugeln starben, zu wenig sind. Die emotionale Schwelle fordert mehr. Doch diesmal muss man nichts hinzudichten: In Shana&#xF6;sen sind nicht sechszehn Menschen umgekommen, sondern siebzehn. Ein ganzes Leben mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Gulnara Baschkenowa f&#xFC;r <\/strong><a href=\"https:\/\/esquire.kz\/eshte-odna-zhizny-i-smerty-zhanaozena\/\"><strong>Esquire<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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