{"id":1516,"date":"2014-10-10T12:00:00","date_gmt":"2014-10-10T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1516"},"modified":"2016-10-06T07:52:03","modified_gmt":"2016-10-06T05:52:03","slug":"mit-behinderung-auf-der-buhne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/mit-behinderung-auf-der-buhne\/","title":{"rendered":"Mit Behinderung auf der B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;F&#xFC;nf, sechs, sieben. Erhebt euch. Atmet tief in den Brustkorb und konzentriert euch.&#x201C; Mit diesen Worten beginnt jede Probe des Theaters <em>Lizo<\/em> in Taschkent (Usbekistan).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Oksana, blind, kommt in einem Postauto an und betritt den Raum mithilfe eines Langstocks. Eine T&#xFC;r &#xF6;ffnet sich und langsame, entspannende Musik ist zu h&#xF6;ren. 15 Personen liegen dort auf dem gefliesten Fu&#xDF;boden, machen eine &#xDC;bung nach der anderen. &#x201E;Ihr seid Raketen, gro&#xDF;e Raketen&#x201C;, sagt Liliya Pavlovna Sevastyanova dabei zu ihren Schauspielern. Liliya, eine zierliche und fragile Frau von 55 Jahren, ist Gr&#xFC;nderin und Direktion des Theaters. Und es ist kein Theater wie jedes andere. Es ist das erste Theater Zentralasiens, das Menschen mit Behinderungen integriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/764\/1.jpeg\" alt=\"Lizo Usbekistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">1982 gegr&#xFC;ndet, bestand es als Theater f&#xFC;r modernen Tanz bis 2000. Doch f&#xFC;r Liliya Pavlovna blieben in dieser Zeit bestimmte Fragen unbeantwortet. Vor allem eine Erinnerung ging ihr dabei immer wieder durch den Kopf. Sie war f&#xFC;nf oder sechs Jahre alt und ider Gro&#xDF;vater ihrer damals besten Freundin war k&#xF6;rperlich behindert. Er hatte seine Beine im Krieg verloren. Seitdem verlie&#xDF; er das Bett nicht mehr, war immobil, inaktiv, sozusagen erstarrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Wir haben seinen Anblick gemieden und wussten nicht, wie wir mit ihm umgehen sollten&#x201C;, erz&#xE4;hlt Liliya nach der Probe. &#x201E;Au&#xDF;er Verwirrung hat er bei mir nichts ausgel&#xF6;st. Er war vollkommen allein und schrie immer irgendetwas. Er wollte Zigaretten, aber die &#xC4;rzte hatten ihm verboten, zu rauchen. Mir war klar, dass diese Situation in gewisser Weise ungerecht war. Ich wusste, dass es in meiner Stadt Menschen mit Behinderung gab, aber so was blieb verborgen, in Dunkelheit und Trostlosigkeit.&#x201C; Eine in Zentralasien, wo Menschen mit Behinderung meist unsichtbar bleiben, oft geteilte Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein Theater, fast wie jedes andere<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das <em>Lizo<\/em> hat keine eigenen R&#xE4;ume f&#xFC;r die Auff&#xFC;hrungen seiner St&#xFC;cke. Sie finden deshalb im Russischen Dramatischen Theater oder im Theater der Jugend, Ilkhom, statt. Bis vor kurzem musste es sogar noch Miete f&#xFC;r einen Proberaum zahlen. Mittlerweile hat sich das ge&#xE4;ndert und es wurden barrierefreie R&#xE4;ume gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/764\/2.jpeg\" alt=\"Theater Lizo\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heute beginnen hinter den Kulissen die Proben f&#xFC;r ein neues St&#xFC;ck, welches &#x201E;Das eingebildete Portr&#xE4;t&#x201C; hei&#xDF;en wird. Liliya fordert die Schauspieler dazu auf, &#xFC;ber das Thema Liebe nachzudenken. Auf ihren Reflexionen und Improvisationen soll das St&#xFC;ck basieren. In der Zwischenzeit h&#xE4;lt die Direktorin die einzigartigen Erfahrungen der Liz&#xE4;er &#x2013; wie sie sich nennen &#x2013; in ein paar Bildern fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Die Liebe umfasst alles, sie leidet, erduldet und vergibt. Und erstrebt dabei nichts f&#xFC;r sich selbst&#x201C;, zitiert Liliya das Evangelium. &#x201E;Yurochka, sieh in dich hinein, nicht zu deiner Seite, denn in dir existiert etwas sehr spannendes &#x2013; deine Seele.&#x201C; Yurochka gibt sein bestes. Er hat das Downsyndrom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hier arbeitet jeder auf seine Weise. Liliya lobt den einen, tadelt den anderen. Das hat seinen Grund. Sie glaubt, dass Bewegungen nicht erfunden, sondern geboren werden. &#x201E;Wenn jemand vor der Auff&#xFC;hrung ausf&#xE4;llt, k&#xF6;nnen wir ihn nicht ersetzen. Denn wir simulieren das nicht. Wir spielen niemanden, sondern improvisieren jedes Mal.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/764\/3.jpeg\" alt=\"Theater Lizo Usbekistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben ungef&#xE4;hr 40 Schauspielern mit Behinderung helfen um die 20 Freiwillige bei der Umsetzung der&#xA0;St&#xFC;cke: sie k&#xFC;mmern sich um die Requisiten, hei&#xDF;en das Publikum willkommen und assistieren den Schauspielern. Shaknoza Babasadykova bereitet die Kost&#xFC;me f&#xFC;r den Tag der Auff&#xFC;hrung vor. &#x201E;Ich gestehe, ich weine. Ich weine jedes Mal. Es ist schwer zu erkl&#xE4;ren, dass man Leute wie mich nicht leicht zum Weinen bringt.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alexandra Plotnikova hat Erb-Rott-Muskeldystrophie, eine Muskelerkrankung, und ist seit sieben Jahren beim Theater. &#x201E;Ich bin zum Theater gegangen, um an meiner Kondition zu arbeiten und habe gelernt, zu fliegen. Dank unseres Trainings sp&#xFC;re ich meinen K&#xF6;rper besser &#x2013; ich habe ihn erst richtig kennen gelernt. Mehr als einmal habe ich die Behauptung einiger &#xC4;rzte widerlegt, die meinten, man k&#xF6;nne meinen Zustand nicht verbessern.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alexandra studiert an einer Niederlassung der Moskau Staatlichen Universit&#xE4;t in Taschkent. Sie wird Psychologin. Ihre Freundin und Klassenkameradin, Shaknoza Babasdykova, gesteht, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, wie Alexandra fr&#xFC;her war. &#x201E;Ich erinnere mich an das letzte Mal, dass wir Sashka angezogen haben: W&#xE4;hrend meine Freundin sie ausgezogen hat, habe ich ihre Schuhe mit Baumwolle gef&#xFC;llt, da sie ihr zu gro&#xDF; sind. Das ist immer lustig. Sashka [Alexandra] ist wie eine Puppe, sie kann sich nicht bewegen und wenn wir sie loslassen, f&#xE4;llt sie. Die Kulissen sind sehr eng, wirklich schmal, und dort sollte man dann die Per&#xFC;cken wechseln &#x2013; aber dann verliert jemand seinen Hut&#x2026; Das kostet uns eine Menge Energie.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Barrierefreie Geb&#xE4;ude sind in Zentralasien selten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Liliya f&#xE4;hrt fort, die Geschichte der Geburt des Theaters zu erz&#xE4;hlen. In den 1990ern kam sie das erste Mal nach Frankreich. Sie sa&#xDF; auf einer Bank und sah eine Gruppe von Personen vorbeigehen, die an zerebraler Kinderl&#xE4;hmung litten. &#x201E;Der letzte in der Gruppe blieb stehen, kam zu mir und fing an, mit mir zu sprechen. Ich wusste nicht, wie ich mit ihm kommunizieren sollte.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/764\/4.jpeg\" alt=\"Theater Lizo Usbekistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Zentralasien sind Behinderungen noch immer eine sensible Frage, die kaum diskutiert wird. Die <a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/66087\">Menschenrechtsberichte<\/a>&#xA0;f&#xFC;r Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan gehen davon aus, dass 2011 mehre tausend Kinder aufgrund einer k&#xF6;rperlichen Behinderung nicht eingeschult wurden. Einige Initiativen gibt es, wie der Laden &#x201E;KoldoShop&#x201C; in Bischkek, in dem auch Produkte verkauft werden, die speziell f&#xFC;r Menschen mit Behinderung hergestellt wurden. Und vor kurzem wurde, ebenfalls in Bischkek, ein <a href=\"http:\/\/www.24kg.org\/community\/187454-v-bishkeke-rasskazhut-ob-uspexe-pervogo-detskogo.html\">Spielplatz<\/a>&#xA0;f&#xFC;r Kinder mit physischen Beeintr&#xE4;chtigungen er&#xF6;ffnet . Doch dies sind eher Einzelf&#xE4;lle, als die Regel. Seitens des Staates besteht durchaus der Wille, etwas an der Situation zu &#xE4;ndern: es bestehen bereits einige Gesetze, die Menschen mit Behinderung sozialen Schutz gew&#xE4;hren. Doch diese m&#xFC;ssen auch umgesetzt werden. F&#xFC;r die Angeh&#xF6;rigen bleiben Kinder mit Behinderung eine B&#xFC;rde, derer sich viele sch&#xE4;men, solange sich die Mentalit&#xE4;t in der Gesellschaft nicht &#xE4;ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/764\/5.jpeg\" alt=\"Theater Lizo Usbekistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nachdem sie ihnen den Weg von der Entfremdung zur Liebe gezeigt hat, versucht Liliya den Leuten beizubringen, eine Person nicht mit ihrem K&#xF6;rper gleichzusetzen. Der Zuschauer geht diesen Weg, der f&#xFC;r sie so lang war, innerhalb weniger Stunden einer Auff&#xFC;hrung. &#x201E;Ich konzentriere mich sehr oft auf mich selbst, mein Leben und meine Probleme&#x201C;, gibt Ruslan Ergashev zu, Schauspieler des <em>Lizo<\/em> wie auch des Ilkhom. &#x201E;Dies hier ist eine kleine Insel: du kommst und verstehst, dass andere es schwerer haben als du. Und dass sie trotzdem die Kraft haben, zu kommen und ihre Arbeit zu machen.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Dana Oparina<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Franz&#xF6;sichen &#xFC;bersetzt von Luisa Podsadny<\/strong>\n<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Theater Lizo in Taschkent ist eines der ersten in Zentralasien, das Menschen mit Behinderungen integriert. Reportage.<\/p>\n","protected":false},"author":122,"featured_media":1517,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[1301,744,1198,1299,1300,1289],"coauthors":[1225,1246],"class_list":{"0":"post-1516","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","6":"hentry","7":"category-usbekistan","8":"tag-behinderung","9":"tag-kultur","11":"tag-kunst","12":"tag-theater","13":"tag-usbekistan"},"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/122"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1516"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1516\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1517"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1516"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}