{"id":14932,"date":"2018-09-12T16:40:43","date_gmt":"2018-09-12T14:40:43","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=14932"},"modified":"2020-12-20T15:18:09","modified_gmt":"2020-12-20T14:18:09","slug":"wie-usbekistan-zu-zeiten-des-zweiten-weltkriegs-fur-juden-aus-der-udssr-zum-gelobten-land-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/wie-usbekistan-zu-zeiten-des-zweiten-weltkriegs-fur-juden-aus-der-udssr-zum-gelobten-land-wurde\/","title":{"rendered":"Wie Usbekistan zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr Juden aus der UdSSR zum gelobten Land wurde"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>In den USA wurden die Dreharbeiten f&#xFC;r den Dokumentarfilm &#x201C;Der letzte Sommer der Kindheit&#x201D; beendet, in dem es um die Evakuierung von Juden nach Usbekistan w&#xE4;hrend des Zweiten Weltkriegs geht. Wjatscheslaw Schatochin sammelt das Material f&#xFC;r diesen Film schon sein ganzes Leben. Der folgende Artikel erschien im Original auf <a href=\"https:\/\/centre1.com\/uzbekistan\/kak-uzbekistan-stal-dlya-evreev-zemlej-obetovannoj\/\">Center-1<\/a>. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wjatscheslaw Schatochin stammt aus Taschkent: Seine Gro&#xDF;mutter und Mutter verlie&#xDF;en <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Poltawa\">Poltawa<\/a> unter deutschen Bombenangriffen. Schatochin und Filmregisseur Nabi Rasakow zeigen die Evakuierung von Juden nach Usbekistan in den Jahren 1941-1943 ohne zu besch&#xF6;nigen. Die Hauptdarsteller des Films sind Kinder, die vor Konzentrationslagern und dem unvermeidlichen Tod w&#xE4;hrend der Besatzung gerettet wurden. Die Usbeken teilten das letzte St&#xFC;ck Brot mit den Fl&#xFC;chtlingen und kein einziges Kind wurde ins Waisenhaus geschickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-judische-minderheit-in-zentralasien-wie-lebt-sie-heute\/\">Die j&#xFC;dischen Minderheit in Zentralasien &#x2013; Wie lebt sie heute?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Ziel des 56-j&#xE4;hrigen Schatochin ist es, mit den Stimmen von Hunderten noch lebender Zeugen den Usbeken f&#xFC;r das gerettete Leben seiner Mutter und Gro&#xDF;mutter zu danken. Schatochin absolvierte die Rechtsschule in Taschkent und arbeitete bei der Staatsanwaltschaft. Jetzt ist er Polizist in New York. Au&#xDF;erdem schreibt er zusammen mit Leonid Teruschkin, dem Leiter des Archivs des Moskauer Holocaust-Zentrums Moskau, ein Buch &#xFC;ber die Evakuierung seines Volkes w&#xE4;hrend des Krieges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was hat Sie dazu veranlasst, das Thema der Evakuierung von Juden nach Usbekistan anzugehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Geschichte der Familie meiner Mutter,&#xA0; Sofia Nasarowna Chotimljanska (geb. 1930), die noch als Kind nach Usbekistan gebracht wurde. F&#xFC;nf Frauen und ein Mann, die Familie meiner Gro&#xDF;mutter und ihre Schwestern, flohen aus Poltawa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist wichtig zu erw&#xE4;hnen, dass sie zuerst in die Stadt Kamyschlow im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oblast_Swerdlowsk\">Swerdlowsker Gebiet<\/a> evakuiert wurden. Einheimische bewarfen das Geb&#xE4;ude mit Pflastersteinen. Die Familie beschloss deswegen nach Usbekistan zu gehen. Sie kamen zuerst in Taschkent an, sp&#xE4;ter wurden sie nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Farg%CA%BBona\">Fergana<\/a> umverteilt. In Usbekistan war die Einstellung gegen&#xFC;ber Fl&#xFC;chtlingen v&#xF6;llig anders: Die Einwohner teilten das letzte, was sie hatten. Das Schicksal meiner Mutter veranlasste mich Augenzeugenberichte zu sammeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Aus den Erinnerungen von Wjatscheslaw&#x2019;s Mutter:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201C;Meine Mutter, Marija Naumowna Chotimljanskaja, ist wegen der Bombadierungen aus Poltawa mit zwei Kindern geflohen. Alles war verlassen und zerst&#xF6;rt. Sie nahm nur zwei Koffer und Handgep&#xE4;ck mit. Nach einem schwierigen Weg kamen sie in Taschkent an. Mein Vater ging zur Miliz und verteidigte Poltawa. Er wurde get&#xF6;tet und in einem Massengrab begraben. Dar&#xFC;ber steht eine Denkmal-Stele. Meine Mutter erinnerte sich oft an ihren Heimatort. Sie wurde Witwe mit 41 Jahren und heiratete nie wieder. Sie blieb meinem Vater treu bis zum Ende ihrer Tage. Sie arbeitete hart. Sie brach nie. Sie schaffte es, ihre T&#xF6;chter gro&#xDF;zuziehen und ihnen eine bessere Ausbildung und mehr Chancen im Leben zu erm&#xF6;glichen&#x201C;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_14933\" aria-describedby=\"caption-attachment-14933\" style=\"width: 960px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-14933\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/09\/shatohin2.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/09\/shatohin2.jpg 960w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/09\/shatohin2-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/09\/shatohin2-768x512.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/09\/shatohin2-128x86.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-14933\" class=\"wp-caption-text\">Schatochin und seine Mutter Sofia<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie viele Juden wurden insgesamt nach Usbekistan evakuiert? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Jahr 1941 lebten 4,5 Millionen Menschen in Usbekistan, und w&#xE4;hrend der Kriegsjahre nahm die Republik anderthalb Millionen Evakuierte auf, von denen etwa 250.000 aschkenasische Juden aus der Ukraine, Belarus, Russland, Moldawien und Polen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der Familie des ber&#xFC;hmten Schmieds Schaachmed Schamachmudow, der 14 Waisen adoptierte, wuchsen auch zwei j&#xFC;dische Kinder auf. Die meisten Kinder wurden von gro&#xDF;en usbekischen Familien angenommen und kein Adoptivkind wurde sp&#xE4;ter ins Waisenhaus zur&#xFC;ckgebracht. Der Grad der Gastfreundschaft zeigt sich auch daran, dass viele Menschen nach der Evakuierung in Usbekistan blieben, auch die Familie meiner Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie haben Sie Ihre Helden gefunden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Menschen, die die Evakuierung &#xFC;berlebten, sind auf der ganzen Welt verstreut. Ich hatte es sehr eilig, ihre Zeugnisse noch zu Lebzeiten zu bekommen. Aber unser Film hat ein begrenztes Budget, da er aus pers&#xF6;nlichen Ersparnissen finanziert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich gab dem russischen Fernsehen, den Medien in Israel, Deutschland, &#xD6;sterreich und sogar Australien viele Interwiews. Die Helden kamen selbst zu mir, riefen mich an, schickten Erinnerungen und am Ende sammelte ich ein einzigartiges Archiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Rolle spielen die Bucharischen Juden bei der Aufnahme der Evakuierten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bucharische_Juden\">bucharischen Juden<\/a> halfen, wie sie konnten. Sie teilten den Patz auf allen ihren Friedh&#xF6;fen, weil Juden nicht auf muslimischen oder christlichen Friedh&#xF6;fen beerdigt werden durften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber in der Region gibt es quantitativ viel weniger Juden als Usbeken, die letztendlich auch viel Gro&#xDF;z&#xFC;gigkeit und Gnade bewiesen. Es waren genau die Usbeken, die mit den Andersgl&#xE4;ubigen das letzte St&#xFC;ck Brot teilten, R&#xE4;ume in H&#xE4;usern verteilten, versuchten, f&#xFC;r sie Arbeit zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/die-bucharischen-juden-wie-kamen-sie-nach-zentralasien\/\">Die bucharischen Juden &#x2013; Wie kamen sie nach Zentralasien?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kornei_Iwanowitsch_Tschukowski\">Kornei Tschukowski<\/a>, der den Schrecken der Evakuierung genauso erlebte wie zweihundert andere Schriftsteller, K&#xFC;nstler und Regisseure, portr&#xE4;tierte diese Zeit mit Erstaunen. Er arbeitete in der Kommission f&#xFC;r die Unterbringung evakuierter Kinder. Er sagte: <em>&#x201C;Diese gro&#xDF;en Taten der Menschheit , wie die Vertreter einer anderen Religion so einfach und ehrlich halfen, sind einzigartig in der Geschichte. Das ist ein Merkmal des usbekischen Volkes.&#x201D; <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Geschichte ist Ihrer Meinung nach die erstaunlichste? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die von dem bucharischen Juden Sion Chudoidatow, der aus Samarkand stammt. Er k&#xE4;mpfte an den Fronten des Zweiten Weltkriegs, wo er mehrmals verwundet wurde. Nach einer Verletzung wurde Sion in einem Krankenhaus behandelt. Im Gang sah er eine weinende Krankenschwester, die traurig war, da ihre verwaisende Nichte nach Samarkand evakuiert wurde. Die Krankenschwester fragte Chudoidatow, ob er, vorausgesetzt, dass er &#xFC;berlebt, sie finden und ihr helfen k&#xF6;nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er kehrte nach Hause zur&#xFC;ck, wo er zusammen mit seinem Bruder das M&#xE4;dchen fand. Die Nichte der Krankenschwester wurde von einer tadschikiischen Familie angenommen. Sion sah ein M&#xE4;dchen mit 40 Z&#xF6;pfen, das au&#xDF;er Russisch und Jiddisch frei Usbekisch und Tadschikisch sprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er brachte das M&#xE4;dchen zu ihrem Haus und erzog es in der j&#xFC;dischen Tradition. Es bekam eine Ausbildung und heiratete, aber ihr ganzes Leben lang respektierte es ihre j&#xFC;dische Eltern genauso wie die tadschikische.<\/p>\n<p>Diese Geschichte ist f&#xFC;r mich ein Signal aus dem 20. Jahrhundert f&#xFC;r unsere Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong><a href=\"https:\/\/centre1.com\/uzbekistan\/kak-uzbekistan-stal-dlya-evreev-zemlej-obetovannoj\/\">Center-1<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Veronica Snoj<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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