{"id":14115,"date":"2018-06-19T16:52:36","date_gmt":"2018-06-19T14:52:36","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=14115"},"modified":"2018-06-20T10:55:15","modified_gmt":"2018-06-20T08:55:15","slug":"kirgistan-wie-die-frauen-das-fliesende-wasser-zuruck-nach-an-oston-brachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kirgistan-wie-die-frauen-das-fliesende-wasser-zuruck-nach-an-oston-brachten\/","title":{"rendered":"Kirgistan: Wie die Frauen das flie\u00dfende Wasser zur\u00fcck nach An Oston brachten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Ein Leben ohne flie&#xDF;endes Wasser ist f&#xFC;r viele kaum vorstellbar. Doch genau das war viele Jahre lang f&#xFC;r die Einwohner des kirgisischen Dorfs An Oston harte Realit&#xE4;t. Schlie&#xDF;lich waren es die Frauen, die sich zusammenschlossen, um die Dinge zu ver&#xE4;ndern. Eine Reportage &#xFC;ber das Dorf in der Region Yssykk&#xF6;l und eines der gr&#xF6;&#xDF;ten Probleme der l&#xE4;ndlichen Regionen Zentralasiens: der Zugang zu Trinkwasser.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bis 2013 hatte die Dorfschaft An Oston, in der Region <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yssykk%C3%B6l\">Yssykk&#xF6;l<\/a> und an den Zufl&#xFC;ssen des gleichnamigen Flusses im Osten Kirgistans gelegen, ein gro&#xDF;es Problem: Seine 1750 Einwohner hatten gerade einmal zwei Stunden pro Tag Zugang zu flie&#xDF;endem Wasser. Grund daf&#xFC;r war ein Wasserverteilungssystem aus der Sowjetzeit, das mit der Zeit marode geworden war. Dabei liegt das Dorf in der weiten, fruchtbaren Ebene von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karakol\">Karakol<\/a> und am Fu&#xDF; des Hochgebirges <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tian_Shan\">Tian Shan<\/a>, also in einer Region, die aufgrund der zahlreichen Seen, Fl&#xFC;sse und Gletscher sehr wasserreich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F&#xFC;r Gulay, eine der Frauen des Dorfes, war das Leben in dieser Zeit alles andere als einfach. <em>&#x201E;Es war sehr schwer f&#xFC;r die Dorfgemeinschaft, denn einige hatten keine Zeit, das Wasser w&#xE4;hrend der zwei Stunden, in denen es verf&#xFC;gbar war, zu nutzen&#x201C;<\/em>, sagt sie, w&#xE4;hrend sie im Obstgarten hinter ihrem Haus sitzt. <em>&#x201E;Insbesondere f&#xFC;r die Frauen war es schwierig, die ganze Hausarbeit zu erledigen, zu putzen, waschen und kochen. Auch Kindern machte die Situation zu schaffen, ihre Hygiene litt und sie verbrachten den Tag damit, Wasser zu finden, anstatt zu spielen und zu lernen&#x201C;<\/em>, sagt sie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14119\" aria-describedby=\"caption-attachment-14119\" style=\"width: 1163px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14119 size-full\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir-.jpg\" alt=\"Wassertank Kirgistan\" width=\"1163\" height=\"773\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir-.jpg 1163w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir--300x199.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir--768x510.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir--1024x681.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Caputre-d&#xE9;cran-r&#xE9;servoir--128x86.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 1163px) 100vw, 1163px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-14119\" class=\"wp-caption-text\">Ein alter Wassertank<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Wir, die Frauen des Dorfes, waren vom Wassermangel am meisten betroffen. Die M&#xE4;nner verlassen morgens das Haus und kehren erst abends zur&#xFC;ck. 2014 haben wir uns entschieden, ein Kollektiv zu gr&#xFC;nden, um eine L&#xF6;sung zu finden. Ich wurde von meinen Kollegen als Kollektivleitung nominiert, und wir begannen, nach Leuten zu suchen, die uns helfen k&#xF6;nnten&#x201C;<\/em>, sagt Gulay mit einem gewissen Stolz in der Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Frauen als Heldinnen des Dorfes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit 2014 ist Gulay Vorsteherin des Kollektivs und des Wasserdienstes des Dorfes. Gemeinsam mit den anderen Frauen hatte sie erfolgreich nach L&#xF6;sungen gesucht. <em>&#x201E;Als wir den M&#xE4;nnern unser Projekt erkl&#xE4;rten, glaubten uns 80&#xA0;% von ihnen nicht. Sie waren &#xFC;berzeugt, dass wir spinnen&#x201C;<\/em>, erkl&#xE4;rt sie. <em>&#x201E;Ich nahm zun&#xE4;chst Kontakt zu Ainura auf, einer Frau aus dem Nachbardorf Mundus. Sie brachte mich mit Dschangul in Verbindung, die mich wiederum an Anara Choitonbayeva, Direktorin der NGO Kyrgyz Alliance for Water and Sanitation (<\/em><a href=\"http:\/\/www.wecf.eu\/english\/articles\/2017\/01\/wwd-stomer.php\">KAWS<\/a><em>) vermittelte. Diese hat uns schlie&#xDF;lich enorm geholfen.&#x201C;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <\/strong><a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-funf-wichtigsten-wasserkonflikte-in-zentralasien\/\"><strong>Die f&#xFC;nf wichtigsten Wasserkonflikte in Zentralasien<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die KAWS ist eine auf Hygiene und Wasserfragen spezialisierte NGO in Kirgistan. In Kollaboration mit der Community Drinking Water Users Union (CDWUU), einer Gesellschaft, die sich um D&#xF6;rfer mit Trinkwasserproblemen k&#xFC;mmert, arbeitet sie bereits mit vielen D&#xF6;rfern der Region zusammen. Als Reaktion auf die Initiative der Dorffrauen haben die KAWS und ihre Partnerorganisation <a href=\"http:\/\/www.wecf.eu\/german\/\">Women Engage for a Common Future<\/a> (WECF), eine auf Gender- und Wasserfragen spezialisierte NGO, ein Projekt zur Erneuerung der Kanalisation entwickelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Beide NGOs finden haupts&#xE4;chlich in Europa finanzielle und technische Unterst&#xFC;tzung f&#xFC;r das Projekt. So investierten die franz&#xF6;sische Stadt Saint-Omer und die Wasseragentur Artois-Picardie bereits 60 000 Euro. Know-how und technische Unterst&#xFC;tzung wurden in Deutschland an der Technischen Universit&#xE4;t Hamburg-Harburg und an der Bremer <a href=\"https:\/\/www.borda.de\/\">Overseas Research and Development Association<\/a> (BORDA) gefunden. Zweck dieser Arbeitsgemeinschaft ist es, die Lebensbedingungen benachteiligter Gemeinschaften zu verbessern und gleichzeitig den Schutz der Umwelt zu gew&#xE4;hrleisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Im November 2017 brachte das Projekt Trinkwasser f&#xFC;r 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche in 191 der 210 H&#xE4;user zum Laufen&#x201C;<\/em>, sagt Anara Choitonbaeva. <em>&#x201E;Vor der Sanierung der Leitungen musste jedoch die Bev&#xF6;lkerung f&#xFC;r die Zahlung einer w&#xF6;chentlichen Geb&#xFC;hr vorbereitet werden, um den Zugang zu flie&#xDF;ende Wasser finanzieren zu k&#xF6;nnen. Ein wichtiger Teil des Projekts besteht darin, lokale Strukturen f&#xFC;r ein autonomes und nachhaltiges Ressourcenmanagement zu unterst&#xFC;tzen, um die Nachhaltigkeit des Wasserversorgungssystems gew&#xE4;hrleisten zu k&#xF6;nnen. Das beinhaltet die Durchf&#xFC;hrung verschiedener Workshops zur Sensibilisierung&#x201C;<\/em>, erkl&#xE4;rt sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ein Erfolg<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ganz offensichtlich hat die Initiative der Dorffrauen in allen angestrebten Aspekten Erfolg. Alle 210 Haushalte im Dorf werden 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche mit flie&#xDF;endem Wasser versorgt. Viele Dorfbewohner haben sich bereits halb automatische Waschmaschinen und Sp&#xFC;ltoiletten in ihre H&#xE4;user eingebaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Laut einem Bericht der KAWS hatte die Sanierung der Wasserleitungen sehr positive soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf das Dorf. Die Zahl der Infektionskrankheiten ist stark zur&#xFC;ckgegangen und die Initiative der Frauen hat es ihnen erm&#xF6;glicht, aktiv am Dorfleben teilzunehmen und somit die Gleichstellung von M&#xE4;nnern und Frauen gef&#xF6;rdert. <em>&#x201E;Die M&#xE4;nner danken uns nun jeden Tag und entschuldigen sich daf&#xFC;r, dass sie an uns gezweifelt haben. Sie sind voll in die Verwirklichung neuer Projekte und in die Entwicklung des Dorfes involviert&#x201C;<\/em>, freut sich Gulay.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Abwasserproblem<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die R&#xFC;ckkehr des flie&#xDF;enden Wassers bedeutet jedoch keineswegs das Ende aller Probleme. Tats&#xE4;chlich wirft der Zugang zu flie&#xDF;endem Wasser eine neue Schwierigkeit auf: das Auffangen, Speichern und Kl&#xE4;ren des Abwassers. Die Partner-NGOs organisierten daher Anfang Mai 2018 zwei Wochen lang Workshops, um die Bewohner &#xFC;ber Abwassermanagement und die N&#xFC;tzlichkeit von Kl&#xE4;rgruben zu informieren. Dieser fand in den R&#xE4;umen der Dorfschule statt, wo M&#xE4;nner und Frauen aus An Oston wieder hinter die Schulb&#xE4;nke zur&#xFC;ckkehrten, um das Leben in ihrer Gemeinde zu verbessern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14121\" aria-describedby=\"caption-attachment-14121\" style=\"width: 1161px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14121 size-full\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole-.jpg\" alt=\"Workshop Kirgistan Wasser\" width=\"1161\" height=\"774\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole-.jpg 1161w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole--300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole--768x512.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole--1024x683.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Atelier-&#xE9;cole--128x86.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 1161px) 100vw, 1161px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-14121\" class=\"wp-caption-text\">Dorfbewohner nehmen am Workshop zum Abwassermanagement teil, das von der NGO Borda in den R&#xE4;umen der &#xF6;rtlichen Schule organisiert wurde<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Bisher wurden seit der Sanierung des Flie&#xDF;wassersystems unbehandelte Abw&#xE4;sser direkt in die Natur eingeleitet, was ein gro&#xDF;es Umweltproblem darstellt&#x201C;<\/em>, sagt <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/profile\/Stefan_Deegener\">Stephan Deegener<\/a>, Ingenieur an der Technischen Universit&#xE4;t Hamburg-Harburg und technischer Experte f&#xFC;r Abwasserbehandlungsmethoden. <em>&#x201E;Einige Abw&#xE4;sser sind gut f&#xFC;r die Landwirtschaft, aber andere sind sehr sch&#xE4;dlich f&#xFC;r die Umwelt&#x201C;<\/em>, erkl&#xE4;rt er.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14122\" aria-describedby=\"caption-attachment-14122\" style=\"width: 1165px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14122 size-full\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Fosse-sceptique-.jpg\" alt=\"Abwassergrube Kirgistan\" width=\"1165\" height=\"748\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Fosse-sceptique-.jpg 1165w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Fosse-sceptique--300x193.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Fosse-sceptique--768x493.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2018\/06\/Fosse-sceptique--1024x657.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1165px) 100vw, 1165px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-14122\" class=\"wp-caption-text\">Eine der zahlreichen Abwassergruben<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Fr&#xFC;hjahr 2018 begannen die Dorfbewohner unter Aufsicht des Hamburger Ingenieurs, f&#xFC;r jedes Haus Kl&#xE4;rgruben zu bauen. F&#xFC;r Gulay haben sich die Dinge im Dorf dank ihrer Initiative und der Hilfe der verschiedenen NGOs wirklich ver&#xE4;ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Es war f&#xFC;r alle eine gro&#xDF;e Ver&#xE4;nderung. Manche k&#xF6;nnen sich bereits jetzt gar nicht mehr an ihr Leben im Dorf erinnern, bevor das Flie&#xDF;wasser kam. Das Dorf lebt erneut auf, die Bedingungen haben sich f&#xFC;r alle verbessert und die Kinder verbringen ihre Zeit damit, zu lernen und Spa&#xDF; zu haben, anstatt den ganzen Tag nach Wasser zu suchen&#x201C;<\/em>, sagt sie.<\/p>\n<p>&#xA0;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Augustin Forissier<br>\n<\/strong><strong>Redakteur in Bischkek<\/strong><strong>&#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen von Elisabeth Rudolph<\/strong><\/p>\n<p>Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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