{"id":12558,"date":"2018-02-11T14:34:12","date_gmt":"2018-02-11T13:34:12","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=12558"},"modified":"2018-02-11T14:34:12","modified_gmt":"2018-02-11T13:34:12","slug":"wandel-durch-mobilitat-das-marschrutka-projekt-teil-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/wandel-durch-mobilitat-das-marschrutka-projekt-teil-12\/","title":{"rendered":"Wandel durch Mobilit\u00e4t: Das Marschrutka-Projekt (Teil 1\/2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Marschrutkas, also Minibusse f&#xFC;r den Nah- und Fernverkehr, geh&#xF6;ren in weiten Teilen Zentralasiens zum Alltag. Tonio Weicker und Wladimir Sgibnev <a href=\"http:\/\/marshrutka.net\/#\">untersuchen<\/a> mit ihren Kollegen das System Marschrutka in Russland, dem Kaukasus und Zentralasien. Ihr Ziel: Prozesse des gesellschaftlichen und &#xF6;konomischen Wandels zu begreifen. Das Interview f&#xFC;hrten Therese Bach und Othmara Glas von der <a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/wandel-durch-mobilitaet-das-marschrutka-projekt-teil-12\/\">Deutschen Allgemeinen Zeitung<\/a>. Wir &#xFC;bernehmen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>DAZ: Gibt es Unterschiede zwischen den Marschrutkas in den verschiedenen L&#xE4;ndern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">T: Nicht nur in den L&#xE4;ndern, sondern in jeder einzelnen Stadt. Es gibt fast im kompletten postsowjetischen Raum Marschrutkas. Sie sind fast &#xFC;berall eines der st&#xE4;rksten Nahverkehrsph&#xE4;nomene, gleichzeitig sind sie &#xFC;berall sehr unterschiedlich. Daher haben wir einen qualitativen Forschungsansatz gew&#xE4;hlt. Wir wollen nicht wissen, wie viele Busse es gibt oder wie viele Menschen diese nutzen. Wir wollen Fragen beantworten wie: Was bedeutet es eigentlich f&#xFC;r den Fahrer Marschrutkas zu fahren? Wie geht man mit der k&#xF6;rperlichen N&#xE4;he in einer Marschrutka um?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie wird man eigentlich Marschrutkafahrer?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">T: Das ist ganz unterschiedlich. Das sind wahnsinnig interessante Lebensgeschichten, die dahinterstehen. Es gibt viele noch zu Sowjetzeiten ausgebildete Fahrer, sodass der Weg nicht so weit war. Viele haben fr&#xFC;her f&#xFC;r ein staatliches Busunternehmen gearbeitet und sind dann in den privaten Mobilit&#xE4;tsbereich gewechselt. Andere haben den Quereinstieg gew&#xE4;hlt. In Russland ist es mittlerweile ein h&#xE4;ufiges Ph&#xE4;nomen, dass viele der Fahrer einen Migrationshintergrund aus den zentralasiatischen L&#xE4;ndern haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W: Auch in den zentralasiatischen St&#xE4;dten selbst ist es oft ein Ph&#xE4;nomen, das mit Migration verbunden ist. H&#xE4;ufig sind die Fahrer selbst Binnenmigranten aus l&#xE4;ndlichen Regionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es eigentlich weibliche Marschrutka-Fahrer?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W: Sehr selten. Im Baltikum oder der Ukraine vielleicht. Das ist schon eine sehr m&#xE4;nnliche Dom&#xE4;ne. Wobei es zu Sowjetzeiten relativ viele Bus- und vor allem Trolleybusfahrerinnen gab. Das ist sicher eine Folge des Transformationsprozesses, als sich die Arbeitskollektive aufl&#xF6;sten. In Zentralasien sieht man noch des &#xD6;fteren, dass es neben m&#xE4;nnlichen Fahrern auch Schaffnerinnen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie ist das heutige System Marschrutka entstanden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">T: In den 1990er Jahren fand eine grundlegende Ver&#xE4;nderung des Transportwesens in den St&#xE4;dten statt. Der &#xF6;ffentliche Nahverkehr war in der UdSSR eine Top-Priorit&#xE4;t; es wurden viele Trolleybus- und Stra&#xDF;enbahnsysteme aufgebaut. Danach kam es zu einer massenhaften Schlie&#xDF;ung dieser &#xD6;PNV-Systeme. Die entstandene L&#xFC;cke wurde durch Marschrutkas geschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">W: Die gr&#xF6;&#xDF;ten Schlie&#xDF;ungen fanden in Zentralasien und im Kaukasus statt. Dort hat nur eine Handvoll der Stra&#xDF;enbahn- und Trolleybussysteme &#xFC;berlebt. In Almaty etwa wurde die Stra&#xDF;enbahn kaputtgespart. Das ist typisch f&#xFC;r den postsowjetischen Raum: Es werden massenhaft Stra&#xDF;enbahnsysteme stillgelegt mit dem Versprechen, irgendwann einmal eine U-Bahn zu er&#xF6;ffnen.<\/p>\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/motanja-die-hauptsehenswuerdigkeit-von-stepnogor\/\">Motanja &#x2013; die Hauptsehensw&#xFC;rdigkeit von Stepnogor<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses Denken stammt noch aus der Sowjetzeit: Die Metro ist etwas Tolles, Gro&#xDF;artiges, das eine richtige Millionenstadt braucht. Schaut man sich die Metrosysteme an, dann sind sie immer sehr tief, prunkvoll, sehr aufw&#xE4;ndig &#x2013; und dadurch auch richtig teuer. Die Metro in Almaty hat nur neun Stationen, w&#xE4;hrend das Stra&#xDF;enbahnsystem relativ weit verzweigt war und bei entsprechender Instandhaltung eine &#xE4;hnliche Verkehrsleistung h&#xE4;tte erbringen k&#xF6;nnen. In Astana ist es nicht anders. Da gab es ein funktionierendes Trolleybusnetz. Irgendwann im n&#xE4;chsten Jahrzehnt soll dann eine Metro er&#xF6;ffnet werden &#x2013; wer wei&#xDF;.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-8530\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/03_47_DE.png\" alt=\"U-Bahn Taschkent\" width=\"940\" height=\"788\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/03_47_DE.png 940w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/03_47_DE-300x251.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/04\/03_47_DE-768x644.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Marschrutkas gab es auch schon zu Sowjetzeiten. Es ist keine Erfindung der 90er Jahre. Nur war es ein sehr randst&#xE4;ndiges Ph&#xE4;nomen. Es gab sie nur auf wenigen Strecken, z.B. vom Stadtzentrum zum Flughafen oder vielleicht mal zum Strand. Also nichts, was man allt&#xE4;glich benutzte. Und die waren teurer, daf&#xFC;r aber schneller als normale Verkehrsmittel. Aber es war kein Massenverkehrsmittel. Im Gegensatz zu heute: Es gibt St&#xE4;dte und Agglomerationen mit mehr als einer halben Million Einwohner, in denen der komplette Nahverkehr nur von Marschrutkas bestritten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wenn sie einen so wichtigen Beitrag zur Personenbef&#xF6;rderung leisten, warum werden Marschrutkas dann immer mehr als Problem gesehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">T: Das ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Russland gibt es zwei St&#xE4;dte, die eine Art &#x201C;Vorzeigefunktion&#x201D; haben: Kasan und Moskau. Moskau hat 2016 die Lizenzen f&#xFC;r Marschrutkadienstleistungen auslaufen lassen. Die heutigen Minibusse in Moskau sind entweder in das st&#xE4;dtische Nahverkehrsunternehmen integriert oder informell. In Kasan gibt es bereits seit 2007 keine Marschrutkas mehr im herk&#xF6;mmlichen Sinne. Auch hier ist das &#xF6;ffentliche Nahverkehrsunternehmen vor Ort mit modernisierten Bussen und Minibussen eingesprungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Begr&#xFC;ndung f&#xFC;r die Umstrukturierungen wird immer argumentiert, dass man keine Steuereinnahmen habe und es schwierig sei, das Marschrutkabusiness zu kontrollieren. Generell seien die Marschrutkas in keinem guten Zustand. Viele behaupten, es sei ein Verkehrsph&#xE4;nomen aus der dritten Welt. Dieses Image wollen manche St&#xE4;dte nat&#xFC;rlich loswerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dem gegen&#xFC;ber steht, dass es f&#xFC;r den Staat eine sehr g&#xFC;nstige Variante ist, da Marschrutkas ohne jegliche Subvention auskommen. Das ist beim staatlichen Nahverkehr &#xFC;berhaupt nicht der Fall. Bis heute werden die Busse und Stra&#xDF;enbahnen in Russland stark bezuschusst. Das ist die Konfliktlinie, an der sich der &#xF6;ffentliche Diskurs auch abspielt. Es gibt St&#xE4;dte, die das immer weiter einschr&#xE4;nken wollen. Zum Beispiel ist in Rostow am Don das Stadtzentrum frei von Marschrutkas, aber in den Randbezirken bleiben sie weiter erlaubt. Dort haben sie auch eine wichtige Funktion als Zubringer ins Zentrum. In anderen St&#xE4;dten versucht man gleich ein komplett neues System zu etablieren. Das ist oft sehr, sehr teuer und aufw&#xE4;ndig und funktioniert auch gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Wolgograd hat man im April 2016 mit einem Mal innerhalb von vier Wochen 90 Prozent der Marschrutkas abgeschafft. Und das hat in einem Kollaps geendet. Im Endeffekt sind danach nicht-registrierte Marschrutkas neu aufgekommen und neue Routen wurden gebildet. Diese Marschrutkas bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Sie sind de-facto illegal. Auf die Marschrutka wird &#x201E;bestellt&#x201C; geschrieben und sie f&#xE4;hrt genau die Route, die es vorher auch schon gab. Und wenn sie von der Polizei angehalten wird, behauptet der Fahrer, es handele sich um einen privaten Bus und nicht um eine Marschrutka. Zur Zeit wird das noch toleriert, weil die Stadt sieht, dass sie ohne die Marschrutkas nicht klarkommt. Aber es f&#xFC;hrt nat&#xFC;rlich zu einer weiteren Prekarisierung der Fahrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Therese Bach und Othmara Glas<br>\n<a href=\"http:\/\/daz.asia\/blog\/wandel-durch-mobilitaet-das-marschrutka-projekt-teil-12\/\">Deutsche Allgemeine Zeitung<\/a>, Almaty<br>\n<\/strong><\/p>\n<p>Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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