{"id":1251,"date":"2015-04-19T12:00:00","date_gmt":"2015-04-19T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1251"},"modified":"2016-10-06T18:30:07","modified_gmt":"2016-10-06T16:30:07","slug":"das-chatkal-tal-ein-kirgisisches-klondike-uber-bergbau-isolation-und-korruption","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/das-chatkal-tal-ein-kirgisisches-klondike-uber-bergbau-isolation-und-korruption\/","title":{"rendered":"Das Chatkal-Tal &#8211; ein \u201ekirgisisches Klondike\u201c: \u00fcber Bergbau, Isolation und Korruption"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Isoliert im Westen Kirgistans erlebte das Chatkal-Tal einen wahren Goldrausch. Und wie im amerikanischen Klondike des&#xA0;19<\/strong><\/em><em><strong>. Jahrhunderts gilt das Gesetz<\/strong><\/em><em><strong>:<\/strong><\/em><em><strong>&#xA0;der St&#xE4;rkere gewinnt. Die Armut und Isolation dieses Tals, das teilweise mehrere Wochen im Jahr vom Rest der Welt getrennt ist, verschlimmern die Situation.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Tal erstreckt sich lang, verbreitert sich in der Mitte, um sich an den Enden wieder zu verengen. Hohe Berge umzingeln einige sp&#xE4;rlich verteilte D&#xF6;rfer, die miteinander durch asphaltierte und Schotterstra&#xDF;en verbunden sind. In der Mitte des Tals liegt eine heilige Quelle aus den Zeiten der Seidenstrasse, zu der selten Pilger ziehen. Die &#xDC;berreste der St&#xE4;tte sind verfallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Tal verbirgt jedoch Reicht&#xFC;mer wie Kupfer, Gold, Eisen und Antimon unter der Erde. Weit entfernt von der Hauptstadt und allen Beh&#xF6;rden lassen sich hier chinesische, kasachische, britische und lokale Firmen, einige von ihnen f&#xFC;r ein oder zwei Jahre, andere auch f&#xFC;r l&#xE4;nger Zeitr&#xE4;ume mit grossen Investitionen verbunden, nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/881\/img_6698.jpeg\" alt=\"Das Chatkal-Tal in Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In diesem &#x201E;Kirgisischem Klondike&#x201C;, wie es die Zeitung Komsomolskaia Pravda nennt, sind illegale Goldw&#xE4;sche und gef&#xE4;hrliche aber profitable F&#xF6;rderung eine M&#xF6;glichkeit der extremen Armut der umliegenden D&#xF6;rfer zu entfliehen. Daran erinnerte der Tod dreier M&#xE4;nner am 14. Februar diesen Jahres in einer verlassenen Mine im Dorf Terek-Say. Dies wird auch vom Minister f&#xFC;r Ausnahmesituationen des Chatkal-Tals, Altynbek Souleimanov, auf Sputnik.kg verurteilt. Eine Studie der Weltbank auf Landesebene belegt, dass einige tausende Menschen &#xFC;ber 5500 illegale F&#xF6;rderungen betreiben, um sich einen Teil kirgisischen Reichtums zu sichern. Das Chatkal-Tal im Westen des Landes ist einer der Hauporte dieser Aktivit&#xE4;ten. Durch den Fall des Rohstoffwechselkurses auf dem Weltmarkt und dem schwierigen Gesch&#xE4;ftsklima in Kirgistan scheint dieser Goldrausch nun jedoch zu verebben. Die Investitionen in den Bergbausektor sind zwischen 2013 und 2014 von 26,7 Millionen auf 1,7 Millionen Dollar um &#xFC;ber 90% gesunken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Die entt&#xE4;uschten Hoffnungen der Bergbauentwicklung in Chatkal<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu Beginn trug dieser Goldrausch viel Hoffnung in die abgeschiedene und isolierte Region, die sich schon als kirgisisches Eldorado sah. Bei einer Bev&#xF6;lkerung, die haupts&#xE4;chlich von Landwirtschaft und Viehhaltung lebt, und stark von Arbeitslosigkeit und saisonaler Migration betroffen ist, schien das Gold die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/881\/9_1.jpeg\" alt=\"Das Chatkal-Tal in Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit knappen 25 000 Menschen, f&#xE4;llt es der Chatkal-Region schwer, einen Platz in den &#xF6;ffentlichen Debatten zu diesem Thema zu finden. Haupts&#xE4;chlich drehen sich diese um die grosse Kumtor-Mine (dessen Ertr&#xE4;ge in manchen Jahren 15% des BIP Kirgistans darstellen) in der Issyk-Kul Region.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Gold ist noch immer da, dennoch ist das Tal von Geisterst&#xE4;dten &#xFC;bers&#xE4;t, nur von Greisen, Kleinkindern und einigen Frauen belebt. Der Hauptgrund f&#xFC;r diese sp&#xE4;rliche Bev&#xF6;lkerung ist die Abgeschiedenheit des Chatkal-Tals, das von zwei P&#xE4;ssen, dem Tchaptchima (2850m) und dem Kara-Buura Pass (3460m) vom Rest des Landes getrennt ist. Die Frauen und M&#xE4;nner im arbeitsf&#xE4;higem Alter versuchen in der Hauptstadt Bischkek oder in Russland Arbeit und eine bessere Zukunft zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Chaarat Gold, eine am London Stock Exchange aufgef&#xFC;hrte und von gestandenen internationalen Unternehmern geleitete Firma, hat ebenso Schwierigkeiten, ihr Bergwerk zu erreichen. Ein Hubschrauber, eine brandneue Strasse und ein Hochspannungsleitung, die eigens dem Zugang des Bergwerks dienen, reichen nicht aus, um dem Schnee des Tien Shan zu trotzen. Die ertragreichste Firma der Region ist gezwungen ihre Aktivit&#xE4;t im Winter einzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei starkem Schneefall ist das ganze Tal mit seinen 25 000 Einwohnern isoliert. Chaarat Gold ist im &#xDC;brigen nicht die einzige Bergbaufirma die ihren Betrieb Ende Dezember 2014 wegen Schneefall und K&#xE4;lte einstellen musste. Schuld daran ist eine unzureichende und nicht instand gehaltene Infrastruktur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Erhebliche Umweltprobleme<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben den zerbrochenen Tr&#xE4;umen wird der Bergbau oft im Unwissen der lokalen Bev&#xF6;lkerung betrieben und f&#xFC;hrt zu schwerwiegenden Umweltproblemen, ohne dass die Einwohner auch nur einen Blick auf das Gold werfen konnten. Eine chinesische Firma hat zum Beispiel das ganze Flussbett des Kasan-Sai umgegraben, um Gold zu bef&#xF6;rdern und dabei Zyanid versch&#xFC;ttet. Dieses Gift hat verheerende Auswirkungen auf die B&#xE4;ume am Flussufer. Die gleiche Firma hat es anscheinend auch vers&#xE4;umt, 600kg Gold zu deklarieren, die daraufhin in den chinesischen Schwarzmarkt flossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die zahlreichen Gegenaktionen in Form von Beschwerden und Demonstrationen der Bewohner oder die Mahnungen der kirgisischen Regierung bleiben unwirksam. Der Abbau im Flussbett des Kasan-Sai wird weiterhin betrieben. Die versprochenen Wohltaten der Bergbauindustrie scheinen nur ein Traum mit teilweise schwerwiegenden Folgen gewesen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/881\/6_1.jpeg\" alt=\"Das Chatkal-Tal in Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie es der Bericht &#x201E;Mining in the Chatkal valley&#x201C; der University of Eastern Finland bezeugt, ist die Realit&#xE4;t weit davon entfernt, rosig zu sein. Die Demonstrationen gegen die Bergwerke haben sich seit 2011 mehr und mehr radikalisiert. Die Dorfbewohner beschuldigen die Bergbauarbeiter zu Recht oder Unrecht das Wasser zu verschmutzen und die Ertr&#xE4;ge nicht zu verteilen. Um dieser Unzufriedenheit entgegenzuwirken haben die Bergbaufirmen eine Reihe sozialer Projekte begonnen und, zum Beispiel, neue Strassen, Schulen und Administrationsgeb&#xE4;ude gebaut. Es wurde sogar ein Entwicklungsfond in Chatkal angelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber diese Ans&#xE4;tze der chinesischen und britischen Firmen werden schnell von der Korruption der kirgisischen Administration getr&#xFC;bt. Die kirgisische Tageszeitung Vechernii Bichkek hat im Januar den Raub von 8 Millionen Som (115.000 Euro) aus dem Haushalt von Kanych-Kya, dem administrativem Zentrum des Tals best&#xE4;tigt. Im Oktober 2014, hat der Verwalter des Entwicklungsfond von Chatkal (dessen fr&#xFC;herer Verwalter 2013 festgenommen wurde) 2 Millionen Som (30.000 Euro) abgezweigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Isolation &#x2013; nichts Neues<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Bewohner von Chatkal befinden sich weit entfernt von den Sorgen in der Hauptstadt, best&#xE4;tigt Azat, der in Kanych-Kya lebt. W&#xE4;hrend der Revolution im April 2010 hat die Nachricht des Falls von Pr&#xE4;sident Bakiev eine Woche gebraucht, um die Bewohner zu erreichen. Der B&#xFC;rgermeister von Ak-Tach hat Vechernii Bichkek erkl&#xE4;rt, dass sie mehrmals 10 bis 15 Tage am St&#xFC;ck im Winter vollkommen von der Zivilisation abgeschnitten sind. Kranke im Dorf befinden sich zu dieser Zeit in Lebensgefahr, mangels eines Krankenhauses im Tal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;line-height: 1.6em;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/881\/chatkal_frtitelbild.jpeg\" alt=\"Das Chatkal-Tal in Kirgistan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dennoch gibt es noch Hoffnung. Eine chinesische Firma, die das Kuru-Tegerek Bergwerk im Norden des Tals betreibt, hat eine Strasse im Zentrum von Kanych-Kya wiederhergestellt und besch&#xE4;ftigt Menschen aus dem Dorf. Azat, ein Hirte, freut sich &#xFC;ber die Entwicklung der Bergbauindustrie. Trotz der fr&#xFC;heren Fehler verbessert sich die Lage. Dennoch ist man noch weit von einem angemessenem Zustand entfernt. Vielleicht wird Azat diesen Fr&#xFC;hling ein weiteres mal nach Russland gehen, um dort Geld zu verdienen, obwohl dies mit dem sinkenden Rubelwert weniger interessant geworden ist. Denn wie f&#xFC;r viele andere Bewohner des kirgisischen S&#xFC;dens, gibt es f&#xFC;r ihn neben dem Goldgraben und dem Aufbruch nach Russland nicht viele M&#xF6;glichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/p><p style=\"text-align: right\"><strong>Anatole Douaud<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Franz&#xF6;sischen &#xFC;bersetzt von Sarah Buss<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst ein kirgisisches El Dorado, erinnert das Chatkal-Tal heute immer mehr an die Phantom-St&#xE4;dte des Wilden Westens. Eine Reportage<\/p>\n","protected":false},"author":82,"featured_media":1252,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1467,690,1371],"coauthors":[1224,1394],"class_list":["post-1251","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirgistan","tag-gold","tag-kirgistan","tag-umwelt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/82"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1251"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1251\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1251"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=1251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}