{"id":11541,"date":"2017-11-22T14:16:16","date_gmt":"2017-11-22T13:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=11541"},"modified":"2023-08-20T18:30:23","modified_gmt":"2023-08-20T16:30:23","slug":"die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22\/","title":{"rendered":"Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2\/2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network (<a href=\"http:\/\/caa-network.org\/archives\/10400\">CAAN<\/a>), wir &#xFC;bernehmen es in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Russland kursiert der Ger&#xFC;cht, die zentralasiatischen D&#xF6;rfer seien zu Sowjetzeiten im Vergleich zu russischen D&#xF6;rfern bevorzugt worden. Tats&#xE4;chlich investierte die Sowjetunion massiv in die Infrastruktur der l&#xE4;ndlichen Gebiete Zentralasiens, so dass bis heute viele noch so abgelegene D&#xF6;rfer einen Stromanschluss haben. Wie es zu diesen Investitionen kam und wie sich die Migrationsstr&#xF6;me zwischen Zentralasien und Russland erkl&#xE4;ren lassen, erkl&#xE4;rt Abaschin im zweiten Teil des Interviews.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12\/\">Die Sowjetische Geschichte Zentralasiens (1\/2)<\/a><\/strong><em><strong><br>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Rafael Sattarow: Erlauben sie mir eine Frage zu ihrem Buch &#x201E;<\/strong><a href=\"http:\/\/www.nlobooks.ru\/node\/5409\"><strong>Sowjetskij Kischlak<\/strong><\/a><strong>&#x201C;. Von russischen Historikern und Politikern h&#xF6;re ich oft so etwas wie: &#x201E;W&#xE4;hrend die D&#xF6;rfer und die d&#xF6;rfliche Kultur in Russland starben, wurden in den zentralasiatischen Kischlaks (usbekisch f&#xFC;r Dorf, Anm. d. &#xDC;.) Stra&#xDF;en, Fabriken, Strom- und Gasanschl&#xFC;sse gebaut, so dass diese D&#xF6;rfer eine Bl&#xFC;tezeit erlebten&#x201C;. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gab es in der sozialen Entwicklung der russischen und zentralasiatischen D&#xF6;rfer der Sowjetunion?&#xA0;&#xA0; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sergej Abaschin<\/strong>: Die Unterschiede, die Sie erw&#xE4;hnen, sind interessant, haben aber weniger mit Ideologie als mit den Besonderheiten der sowjetischen Modernisierungspolitik zu tun. Die UdSSR war quasi ein beschleunigtes Modernisierungsvorhaben. Es galt, aus einem &#xFC;berwiegend landwirtschaftlichen Raum ein &#xFC;berwiegend industrielles und st&#xE4;dtisches sozialwirtschaftliches Gef&#xFC;ge zu machen. Die Modernisierung erfolgte eben nicht durch offene Grenzen und freie Kapitalfl&#xFC;sse, sondern &#x2013; ganz im Gegenteil &#x2013; &#xFC;ber Isolierung und die maximale Nutzung der eigenen Ressourcen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Kolchosen wurden gegr&#xFC;ndet, um mehr Getreide von den Bauern zu erhalten. Dann kam die westliche Technologie, wodurch wiederum Fabriken entstanden. Mit dem Aufkommen der Industrie stieg schon die Nachfrage nach luxuri&#xF6;seren G&#xFC;tern: Die Bauern wurden zu Arbeitern und Stadtbewohnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei dieser Form der Modernisierung stand Usbekistan und Tadschikistan eine besondere Rolle zu. Diese Republiken produzierten vor allem Baumwolle, also den Grundstoff der sowjetischen Textilindustrie, ein Kernsektor in der sich modernisierenden Wirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Baumwollernte ist eine sehr arbeitsintensive Angelegenheit. Um der Nachfrage gerecht zu werden, musste man also die Arbeitskr&#xE4;fte unbedingt in den Kolchosebetrieben behalten. Deshalb wurden in den D&#xF6;rfern Schulen, Clubs und Stra&#xDF;en gebaut und den Mitarbeitern war es erlaubt, ein wenig eigenes Vieh zu z&#xFC;chten und Fr&#xFC;chte und Gem&#xFC;se zum Verkauf anzubauen. Dank informeller Wirtschaft und Sozialleistungen konnten die Menschen in den D&#xF6;rfern bleiben und das strategisch wichtige Rohmaterial weiter ernten. So war &#x2013; etwas vereinfacht dargestellt &#x2013; die grundlegene Logik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie sich die Wirtschaft in Zentralasien entwickelt h&#xE4;tte, wenn die Sowjetunion weiter bestanden h&#xE4;tte, ist eine andere Frage. Vielleicht h&#xE4;tte sich die UdSSR weiter dem Weltmarkt ge&#xF6;ffnet und in Zentralasien h&#xE4;tte eine gro&#xDF;fl&#xE4;chige Industrialisierung eingesetzt, die die Bev&#xF6;lkerung in die St&#xE4;dte getrieben h&#xE4;tte. Solche Tendenzen waren schon zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>W&#xE4;hrend der Kollektivierung wurde den russischen Bauern lange keine P&#xE4;sse ausgeh&#xE4;ndigt. Sie durften ihren Wohnort nicht verlassen. In Zentralasien war eine solch strenge Politik nicht verbreitet&#x2026; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch in Zentralasien wurden in den Kolchosen lange keine P&#xE4;sse ausgeh&#xE4;ndigt. Aber man brauchte auch Arbeitskr&#xE4;fte, um die Fabriken zu bauen. Deshalb gab es vor&#xFC;bergehende Regelungen, die es erlaubten, in die St&#xE4;dte zu ziehen. Daraus wurden sp&#xE4;ter dann permanente Regelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Trotz Verbots waren Migrationen schon zu Sowjetzeiten sehr verbreitet und das Verh&#xE4;ltnis von st&#xE4;dtischer und l&#xE4;ndlicher Bev&#xF6;lkerung &#xE4;nderte sich schnell, zumindest in Russland. In Zentralasien galt eine andere Politik. Dort wurden die lokalen Einwohner anfangs nicht als industrielle Arbeitskraft gesehen, sondern &#xFC;berwiegend bei der Baumwollernte eingesetzt. An ihrer Stelle wurden Arbeiter und Kader aus den westlichen Teilen der Sowjetunion &#xFC;bergesiedelt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11550\" aria-describedby=\"caption-attachment-11550\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11550\" title=\"Komintern Archiv &#xFC;ber die Sowjetunion Lenin und Stalins\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose.jpg\" alt=\"UdSSR Plakat Aufrug Kolchose\" width=\"450\" height=\"619\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose.jpg 285w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose-218x300.jpg 218w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-11550\" class=\"wp-caption-text\">Aufruf zum Eintritt in die Kolchose<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Reden wir &#xFC;ber die Migrationen. Sie erw&#xE4;hnten die Limitschiki (Arbeitskr&#xE4;fte &#xA0;aus anderen sowjetischen Republiken, die in der russischen &#xA0;Industrie eingesetzt wurden, Anm. d. &#xDC;.), die bereits von den Stadtbewohnern verachtet wurden. Heute sind es die&#xA0; Arbeitsmigranten aus Zentralasien&#x2026; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die postsowjetische Migration hat mit der regionalen Wirtschaft der UdSSR zu tun. Gegen Ende der Sowjetunion wies sie schon neue Tendenzen auf, zum Beispiel ver&#xE4;nderte Migrationsbewegungen. Es wird oft &#xFC;bersehen, dass die Arbeitsmigration aus Zentralasien nach Russland schon vor dem Ende der Sowjetunion anstieg. In den 1980ern wurden Schichtarbeiter aus Zentralasien f&#xFC;r je ein paar Monate in den Moskauer Fabriken eingesetzt. Auch der Dienst im Konstruktionsbataillon der Armee kam einer Arbeitsmigration gleich, da die Milit&#xE4;rdienstleistenden auch zivile Objekte bauten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gab Pl&#xE4;ne, ganze Familien aus Zentralasien nach Zentralrussland und in den weiten Osten umzusiedeln, um den &#xDC;berschuss an Arbeitskraft zu kompensieren. Die heutige Migration, vor allem l&#xE4;ndlicher zentralasiatischer Einwohner, nach Russland f&#xFC;hrt diesen Trend weiter. Sie entspricht einer Folgeepoche auf die Modernisierung der Region bis in die 1960er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Auch in Zentralasien wird &#xFC;ber Arbeitsmigration gesprochen. Manche erinnern an das Jahr 1916, als die Zwangsumsiedelung von Zentralasiaten an industrielle Orte in Russland zu Aufst&#xE4;nden f&#xFC;hrte. Sie sagen, heute w&#xFC;rden die Arbeiter freiwillig dorthin gehen, wo ihre Vorfahren nicht hin wollten. Ist der Vergleich gerechtfertigt?&#xA0;&#xA0;&#xA0;&#xA0; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich w&#xFC;rde die heutige Lage nicht mit 1916 vergleichen. Das sind unterschiedliche Prozesse. 1916 gab es in Zentralasien keine Landflucht und auch kaum St&#xE4;dte, die mit h&#xF6;heren Geh&#xE4;ltern und anderen Lebensbedingungen gelockt h&#xE4;tten. Es war eine au&#xDF;ergew&#xF6;hnliche Mobilisierung zu Kriegszeiten, ein durchaus einmaliges Ereignis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die heutige Migration f&#xFC;hrt eben in die Stadt, in die moderne Wirtschaft und die moderne Megapolis. Zudem ist es vor allem eine transnationale zirkul&#xE4;re Arbeitsmigration, in der die Migranten sich nicht ganz vom Dorf l&#xF6;sen und ihre Familien oft zuhause hinterlassen. Auch das kann man durch die peripher&#xE4;re Entwicklung der UdSSR erkl&#xE4;ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat&#xFC;rlich spielt die massive Migration auch in der nationalen Vorstellung eine wichtige Rolle. &#xDC;blicherweise wird sie negativ empfunden, da die Nation zu ihrem Territorium geh&#xF6;ren soll. Eine solche Mobilit&#xE4;t sprengt den Rahmen und kann eine Gefahr f&#xFC;r die Nation bedeuten. Solange die Menschen, die Regierungen und die Eliten Zentralasiens in nationalstaatlichen Kategorien denken werden, werden sie wohl auch die Massenmigration als ein schmerzhaftes Ph&#xE4;nomen ansehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Inwiefern beeinflusst die Migrationsfrage die russische Politik, insbesondere hinsichtlich der kommenden Pr&#xE4;sidentschaftswahl? &#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Migration ist heutzutage in allen gro&#xDF;en L&#xE4;ndern der Welt ein Thema, nicht nur in Russland. Das ist ein Symptom des neuen Nationalismus, der vor den Globalisierungsprozessen laut um sich wirbt. Auch die russischen Eliten sehen das Land mehr und mehr als einen Nationalstaat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gibt in Russland eine sehr aktive Diskussion dar&#xFC;ber, wer wir sind, eine russische oder russl&#xE4;ndische Nation, was man mit den nationalen Republiken und der Migration machen soll. Die massive Emigration wird f&#xFC;r eine Nation als etwas Negatives empfunden. Dasselbe gilt f&#xFC;r die massive Einwanderung, die als Risiko und Gefahr gesehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn das Thema des nationalen Aufbaus in Russland weiter diskutiert wird, bleibt das Thema der Migration weiter oben auf der&#xA0; politischen Agenda stehen. Dass hei&#xDF;t aber nicht, dass sie zwangsl&#xE4;ufig zum gro&#xDF;en Problem wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Jahr 2013 war die Migrationsdebatte zum Beispiel besonders intensiv. Es lief die Kampagne zur Moskauer Kommunalwahl, bei der alle politischen Kr&#xE4;fte, links, rechts, regierungstreu oder oppositionell, das Bild der &#x201E;fremden&#x201C; Migranten f&#xFC;r sich nutzten. Im Folgejahr kam aber das Thema der Ukraine auf, das f&#xFC;r das Projekt der russischen Nation eine noch gr&#xF6;&#xDF;ere Rolle spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dementsprechend verlor die Migrationsdebatte an Sch&#xE4;rfe und r&#xFC;ckte auf den zweiten Platz, ohne jedoch ganz zu verschwinden. Sie kann nat&#xFC;rlich erneut aufflammen; Das h&#xE4;ngt von vielen Faktoren ab, mitunter auch von der russsisch-ukrainischen Beziehung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8923\" aria-describedby=\"caption-attachment-8923\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8923\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg\" alt=\"Russland Arbeitsmigranten Arbeiter Tadschikistan\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg 1000w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/2859819222_f1cd24bbfe_o-300x200.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/2859819222_f1cd24bbfe_o-768x512.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/05\/2859819222_f1cd24bbfe_o-128x86.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-8923\" class=\"wp-caption-text\">Ein Arbeiter aus Tadschikistan in Russland<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Durch die Arbeitsmigration aus Zentralasien geschieht ein Austausch: Zentralasien kompensiert den russischen Arbeitskr&#xE4;ftemangel und die Migranten erhalten daf&#xFC;r materiellen Wohlstand. Gibt es parallel dazu einen Kulturaustausch oder leben die Menschen unabh&#xE4;ngig voneinander in &#x201E;kulturellen Ghettos&#x201C;? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/Xenophobie\">Xenophobie<\/a> gegen&#xFC;ber Migranten hat vor allem einen politischen und ideologischen Charakter. Sie ist in unterschiedlichen Medien verbreitet, in politischen Erkl&#xE4;rungen, in virtuellen Debatten. Umfragen zeigen, dass die Unbeliebtheit der Migranten steigt, wenn Politiker und Journalisten sich &#xF6;fter schlecht &#xFC;ber sie &#xE4;u&#xDF;ern. So war es auch 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Alltag ist das ganz anders, da interagieren die Stadtbewohner mit der Einwanderern, wenn sie in die Superm&#xE4;rkte gehen, auf Basars oder bestimmte Dienste wie Reparaturarbeiten in Anspruch nehmen. Vielen m&#xF6;gen sich das zum Beispiel so zurechtlegen: &#x201E;nat&#xFC;rlich mag ich die &#x201A;Dahergekommenen&#x2018; nicht, aber ich brauche Arbeiter, die f&#xFC;r einen bezahlbaren Preis arbeiten.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Alltag verl&#xE4;uft nach anderen Regeln als die Politik. Das bedeutet nat&#xFC;rlich nicht, dass es keine allt&#xE4;gliche Fremdenfeindlichkeit gibt. Diese hat aber einen vor&#xFC;bergehenden und meist lokalen Charakter. Die Menschen bem&#xFC;hen sich, sich aus dem Weg zu gehen oder ihr Zusammenleben irgendwie zu organisieren. Die Migration mag einem gefallen oder nicht, aber viele verstehen, dass die lokalen Einwohner und die Migranten einander brauchen, sogar voneinander abh&#xE4;ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sollten jetzt zwei, drei Millionen Migranten Russland auf einmal verlassen, w&#xFC;rde es ohne Zweifel viele Probleme geben: Viele Firmen w&#xFC;rden stillgelegt, die Preise stiegen und die L&#xF6;hne der russischen Staatsb&#xFC;rger s&#xE4;nken. Ich denke, diese gegenseitige Abh&#xE4;ngigkeit wird weiter wachsen, das sollte Politikern, Journalisten und Experten klar sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Viele russische Experten erkl&#xE4;ren, sie seien nicht gegen regionale Integration im postsowjetischen Raum, diese solle sich aber auf L&#xE4;nder beschr&#xE4;nken, die Russland kulturell &#xE4;hnlich sind. Wie die Ukraine, Belarus, Armenien und Georgien. Diese Ansicht gab es auch zu Sowjetzeiten. Was denken Sie dazu, warum h&#xF6;rt man sogar unter ukrainischen Politikern, man solle sich besser der europ&#xE4;ischen Familie zuwenden, statt seine Zukunft an L&#xE4;nder wie Tadschikistan und Kasachstan zu binden?&#xA0;&#xA0; &#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der aktuellen politischen Sprache in der Ukraine als Nationalstaat dient der &#x201E;asiatische Russe&#x201C; als Gegenmodell. Es wird eine rhetorische Grenze gezogen zwischen &#x201E;uns&#x201C;, die fast schon in Europa sind, und &#x201E;ihnen&#x201C;, die fast schon zu Asien geh&#xF6;ren. Dazu geh&#xF6;ren auch die Verweise auf die Arbeitsmigranten und die engen Beziehungen zwischen Russland und Zentralasien. Ich w&#xFC;rde noch hinzuf&#xFC;gen, dass dieses Bild sich infolge der kriegerischen Agression des Kremls in der Ukraine verst&#xE4;rkt hat und bestimmt nicht der Meinung aller ukrainischer B&#xFC;rger entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Warum wurden gerade der &#x201E;Osten&#x201C; und &#x201E;Asien&#x201C; solche Symbole f&#xFC;r das Fremde? Es ist das bekannte orientalistische Modell, das Eduard Said schon beschrieben hat. Dem &#x201E;Osten&#x201C; wird schon lange R&#xFC;ckst&#xE4;ndigkeit, Aggressivit&#xE4;t, Irrationalit&#xE4;t zugeschrieben, was durch die Islamophobie und die Xenophobie gegen&#xFC;ber der Migranten noch verst&#xE4;rkt wird. Es ist eine schon zurechtgelegte Form der Einteilung in das Eigene und das Fremde, die in vielen L&#xE4;ndern genutzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dabei ist die Identit&#xE4;t einer Person nur selten eindeutig. Ein Mensch kann verschiedene Zugeh&#xF6;rigkeitsregister nutzen, die unterschiedliche Grenzen zwischen &#x201E;uns&#x201C; und &#x201E;ihnen&#x201C; ziehen. Die nationale Grenze ist nur eine davon. Im religi&#xF6;sen Register w&#xFC;rden man zum Beispiel die Menschen in Christen, Muslime usw. einteilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nimmt man wiederum die sowjetische Herkunft als Merkmal, dann kann die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und andere sowjetische Ereignisse aktiviert werden, und &#xA0;Einwohner Zentralasiens sind in Russland pl&#xF6;tzlich keine Fremden mehr. Die Register bewegen sich schnell, schalten sich schnell um, so dass sogar ein Nationalist zum sowjetischen oder imperialen Patrioten werden kann, obwohl es eigentlich widerspr&#xFC;chlich scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Granz pragmatisch wird jede russische Regierung, auch die nationalistischste, gute Beziehungen mit den L&#xE4;ndern Zentralasiens unterhalten m&#xFC;ssen. Die gegenseitige Abh&#xE4;ngigkeit bleibt weiter bestehen. Russland braucht sichere Nachbarn und sichere Transitkorridore durch die Nachbarl&#xE4;nder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jeder Nationalist wird verstehen, dass Zentralasien ein wichtiger Faktor f&#xFC;r die Beziehung mit China, Afghanistan und dem Iran ist. Das fordert aktive Verhandlungen und Kompromisse und sogar eine neue Art internationaler integrationeller Koalitionen. Das hei&#xDF;t nicht, dass Nationalisten an der Macht keine Bedrohung darstellen,&#xA0; sie k&#xF6;nnen das Leben vieler ver&#xFC;beln und ernsthafte Katastrophen herbeif&#xFC;hren. Aber ich denke, der Pragmatismus wird auch sie zwingen, mit der Zeit ihre radikalen Positionen anzupassen.<\/p>\n<figure style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/2016-03-19.jpg\" width=\"800\" height=\"800\"\/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Ausreisevisa als Relikt der Sowjetzeit. In den meisten L&#xE4;ndern wurden sie aber abgeschafft.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sie arbeiten an der Europ&#xE4;ischen Universit&#xE4;t in Sankt Petersburg, die gerade der vollen <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/aus-f%C3%BCr-st-petersburger-europa-universit%C3%A4t\/a-38085875\">b&#xFC;rokratischen Willk&#xFC;r ausgesetzt ist<\/a>. Daher eine Frage zum Stand der Geisteswissenschaften: Woher kommen so viele inkompetente Einsch&#xE4;tzungen, unwissenschaftliche Gedankeng&#xE4;nge und Konspirationstheorien? Gibt es Licht am Ende des Tunnels? &#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Probleme in der Wissenschaften und dem Expertenwissen sind keine russische Besonderheit. Auf der ganzen Welt wird Universit&#xE4;ten und Hochschulen das Geld gek&#xFC;rzt, das Prestige von Wissenschaftlern in der Gesellschaft sinkt. Es gibt eine globale Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften, woher auch das von Ihnen erw&#xE4;hnte Problem der Scharlatanerie r&#xFC;gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Woher diese Krise kommt, das ist die gro&#xDF;e Frage. Ein Aspekt ist das Ende des Modernisierungszeitalters, das insbesondere die Bildung der Massen eingef&#xFC;hrt hat. &#xA0;Heutzutage haben viele eine Schul- und Hochschulbildung und einen direkten Zugang zu Informationsquellen wie Wikipedia. In dem Sinne hat sich die Distanz zwischen Professoren und einfachen gebildeten Menschen, die Zugang zum Internet und zur Literatur haben, stark reduziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im postsowjetischen Raum wird diese Krise durch postowjetische Besonderheiten verst&#xE4;rkt. Die starke Wirtschaftskrise in den 1990ern hat zahlreiche wissenschaftliche Schulen und Bewegungen um ihre Existenz gebracht. In der Wissenschaft ist der Nachwuchs sehr wichtig, die jungen Leute gehen aber kaum in die Wissenschaft. Dazu kommt der Zusammenbruch der sowjetischen Ideologie und intellektuellen Tradition, die zu einem Minderwertigkeitsgef&#xFC;hl im Verh&#xE4;ltnis zur amerikanischen und europ&#xE4;ischen Wissenschaft f&#xFC;hrt, wo die Isolierung wie ein Selbstschutz wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Russland wie in Zentralasien gibt es erstklassige Spezialisten. Bei uns an der Europ&#xE4;ischen Universit&#xE4;t, an der Moskauer Hochschule f&#xFC;r Wirtschaft und in anderen Hochschulen gibt es Gemeinschaften qualifizierter Wissenschaftler verschiedener Disziplinen. Es entsteht wohl der Eindruck, dass sie die interessanten Fragen nur unter sich besprechen, da dies im &#xF6;ffentlichen und politischen Raum nicht verlangt wird. Dort werden ganz andere Ans&#xE4;tze gefordert, die Autorit&#xE4;ten sind andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Propaganda und Hysterie haben allzu oft die &#xDC;berhand &#xFC;ber Professionalismus. So f&#xFC;gt sich der globalen Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften eine eigene postsowjetische Krise hinzu. Ehrlich gesagt bin ich angesichts der Lage eher pessimistisch eingestellt, ich sehe f&#xFC;r diese Krise keinen Ausweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Mit Sergej Abaschin sprach <a href=\"http:\/\/caa-network.org\/archives\/author\/rafael-sattarov\">Rafael Sattarow<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/caa-network.org\/archives\/10400\">Central Asian Analytical Network<\/a><br>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">LinkedIn<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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