{"id":11491,"date":"2017-11-18T17:25:20","date_gmt":"2017-11-18T16:25:20","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=11491"},"modified":"2023-08-20T18:30:04","modified_gmt":"2023-08-20T16:30:04","slug":"die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12\/","title":{"rendered":"Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1\/2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der <a href=\"http:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/russland-oktoberrevolution-1917\">Oktoberrevolution<\/a> geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme <\/strong><strong>der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim <a href=\"http:\/\/caa-network.org\/archives\/10400\">Central-Asian Analytical Network<\/a>, wir &#xFC;bernehmen es<\/strong><strong> in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/fact\/dabei-sind-viele-grenzen-innerhalb-zentralasien-bis-heute-umstritten\/\">1936<\/a> existieren die zentralasiatischen Staaten in ihren heutigen Grenzen. Nach mehreren Grenzziehungen wurden die f&#xFC;nf sozialistischen Sowjetrepubliken ins Leben gerufen, die heute als unabh&#xE4;ngige Staaten existieren. Seit der zweiten H&#xE4;lfte des 19. Jahrhunderts war die Region in das russische Reich eingebunden. So folgte auf die russische Herrschaft die sowjetische, die neben den Grenzen auch Sprachen und Nationen in der Region pr&#xE4;gte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Rafael Sattarow: <\/strong><strong>Die Grenzziehungen sind derzeit Diskussionsthema in Zentralasien. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die sowjetische Grenzziehung in <\/strong><strong>der Region erfolgreich war<\/strong><strong> oder ein misslungenes Projekt, das interethnische Konflikte und Grenzspannungen f&#xF6;rdert<\/strong><strong>e? &#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sergej Abaschin<\/strong>: Die administrativ-territoriale Grenzziehung in den 20er und 30er Jahren war ein komplexer Vorgang, an dem viele verschiedene politische Kr&#xE4;fte teilnahmen. Nat&#xFC;rlich hatte Moskau dass letzte Wort, schlie&#xDF;lich geh&#xF6;rten die Grenzziehungen schon fr&#xFC;h zu Stalins unmittelbarem Kompetenzbereich (als Komissar f&#xFC;r nationale Angelehgenheiten, Anm. d Red.). Aber Moskau traf l&#xE4;ngst <a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/82376\">nicht alle Entscheidungen <\/a>. Aus der Entfernung konnte die sowjetische F&#xFC;hrung nich alles verstehen bzw. &#xFC;ber die Geschehnisse vor Ort vollst&#xE4;ndig informiert sein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-6203 size-full\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/2016-04-13.jpg\" alt=\"1936\" width=\"940\" height=\"788\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/2016-04-13.jpg 940w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/2016-04-13-300x251.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2016\/11\/2016-04-13-768x644.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus aktuellen Studien geht hervor, dass die lokalen Eliten eine aktive Rolle bei der Grenzziehung spielten. Sie betrieben Lobbyarbeit f&#xFC;r ihre &#x2013; teils konkurrierenden &#x2013; Interessen, und waren oft erfolgreich darin, dem Kreml ihre Sicht der Dinge nahezulegen. Auch in Moskau selbst gab es keinen einheitlichen Plan. Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkskommissar\">Volkskommissariat<\/a> f&#xFC;r Ausw&#xE4;rtiges sah und bewertete zum Beispiel vieles anders, als das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkskommissariat_f%C3%BCr_Nationalit%C3%A4tenfragen\">Volkskommissariat f&#xFC;r Nationalit&#xE4;tenfragen<\/a>. Verschiedene Zentralbeh&#xF6;rden und lokale Kr&#xE4;fte versuchten, ihre Grenzentw&#xFC;rfe hervorzuheben. Viele Entscheidungen waren letztendlich Kompromisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Entgegen einer verbreiteten Vorstellung ging es nicht darum, die Region in Nationalstaaten zu teilen, um sie &#xFC;ber lokale Spannungen zu manipulieren. Moskau war daran interessiert, dass keine offenen Konflikte entstehen. Man stellte sich eine Art optimaler Kooperation vor, die alle zufriedenstellen k&#xF6;nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben dem politischen Faktor spielte auch der wirtschaftliche eine wichtige Rolle. Zentralasien war f&#xFC;r den Kreml eine Quelle wirtschaftlicher und menschlicher Ressourcen. Die Sowjetunion sah sich schon damals als ein gro&#xDF;er Mehrv&#xF6;lkerstaat und plante, ihren Einfluss im Osten zu erweitern. Die neuen, sich modernisierenden Republiken waren ein Instrument f&#xFC;r diese Erweiterung. Dementsprechend gab es auch ein Interesse an der Entwicklung der Infrastruktur, der Transporthubs, der Industrie, usw. So wirkten sich auch wirtschaftliche Faktoren auf die tats&#xE4;chlichen Grenzen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Konzept der Nation und <\/strong><strong>der Nationalit&#xE4;t (im Sinne von Ethnizit&#xE4;t, Anm. d .&#xDC;.) <\/strong><strong>hatte in Zentralasien vor der Sowjetunion kaum eine Tradition. Wie passend war <\/strong><strong>demnach die sowjetische Einteilung der Region in Nationen und die F&#xF6;rderung des nationalen Prinzips? Warum wurde <\/strong><strong>ein nationalstaatliche<\/strong><strong>r Ansatz f&#xFC;r die Region gew&#xE4;hlt? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Solche Ans&#xE4;tze gab es nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im Westen. Man braucht nur zu Betrachten, wie nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen in Osteuropa und im Nahen Osten gezogen wurden. Man muss sich in den Kontext der damaligen Zeit zur&#xFC;ckdenken. Die Regierungen waren der Ansicht, dass alle Staaten Nationalstaaten sein m&#xFC;ssen, dass sie also einer gegebenen Nation oder Ethnie entsprechen sollen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11505\" aria-describedby=\"caption-attachment-11505\" style=\"width: 1556px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11505\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_.png\" alt=\"Sowjetische Karte Zentralasien 1922\" width=\"1556\" height=\"1200\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_.png 1556w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_-300x231.png 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_-768x592.png 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_-1024x790.png 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/SovietCentralAsia1922.svg_-1300x1003.png 1300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1556px) 100vw, 1556px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-11505\" class=\"wp-caption-text\">Die erste sowjetische Einteilung Zentralasiens in 1922<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Das war nicht nur eine bolschewistische, linke Idee. Angeh&#xF6;rige vieler politischer Str&#xF6;mungen waren &#xFC;berzeugt, dass wirtschafliche und soziale Entwicklung nur im Rahmen eines Nationalstaats m&#xF6;glich ist. Der nationale Aufbau war auch im Interesse der Bolschewiki: Ihnen war es wichtig, die &#x201E;<em>muslimische Oppositionsfront<\/em>&#x201C;, die sie als feindlichen und archaischen Gegner sahen, zu beseitigen. Die nationale Teilung Zentralasiens erf&#xFC;llte diesen Zweck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die &#xDC;berzeugung, dass die Nation die einzige fortschrittliche politische Form ist, wurde wurde auch von einem Teil der lokalen Elite &#xFC;bernommen, die zum Beispiel die damaligen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_der_Republik_T%C3%BCrkei\">t&#xFC;rkischen Reformen<\/a> im Namen des nationalen Aufbaus be&#xE4;ugte. So stimmten diese verschiedenen Projekte und Bestrebungen zu einem gewissen Zeitpunkt &#xFC;berein, sie entsprachen einer &#xE4;hnlichen Ideologie. Diese Ideologie bot eine Grundlage f&#xFC;r die Zusammenarbeit zwischen dem Kreml und manchen lokalen Politikern und Intellektuellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sie sprachen an, dass die Bolschewiki in der Religion einen Feind sahen. Im europ&#xE4;ischen Teil Russlands zerst&#xF6;rten sie Kirchen und beschlagnahmten Wertsachen aus Gold, Ikonen und religi&#xF6;se Utensilien. Gegen&#xFC;ber den Muslimen gab es einen sanfteren Ansatz. Alle Erkl&#xE4;rungen der Bolschewiki an die V&#xF6;lker Zentralasiens beginnen mit: &#x201E;<em>Den Muslimischen Genossen von Turkestan<\/em>&#x201C; und es war die Rede von der &#x201E;<em>Befreiung der Muslime Turkestans von der feudalen Unterdr&#xFC;ckung<\/em>&#x201C;. Sie begannen sogar, im Zarenreich konfiszierte kulturelle oder religi&#xF6;se G&#xFC;ter zur&#xFC;ckzugeben. Kann man sagen, dass die Repression gegen des Islam sanfter war als die gegen die Orthodoxie? &#xA0;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anfangs gab es tats&#xE4;chlich eine gewisse M&#xE4;&#xDF;igung in der Beziehung zum Islam. Mehr als das: Im Laufe der 20er Jahre f&#xFC;hrten die Sharia-Gerichte, die muslimischen Schulen, Medresen, selbst die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Waqf\">Waqf<\/a> ihre Arbeit offiziell fort. Viele muslimische Institute wurden erst zum Ende der 1920er und in den 1930er Jahren geschlossen. Das war aber&#xA0; reiner Pragmatismus, kein Vorzug des Islam gegen&#xFC;ber anderer Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F&#xFC;r die Bolschewiki war Zentralasien eine komplizierte Region. Sie konnten ihre Gegner milit&#xE4;risch zwar schlagen, mussten aber danach erst die Loyalit&#xE4;t der Bev&#xF6;lkerung gewinnen. Um in der Lokalbev&#xF6;lkerung und der lokalen Elite Verb&#xFC;ndete zu finden, gingen sie einige Kompromisse ein, auch in religi&#xF6;sen Angelegenheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man k&#xF6;nnte die Logik dieser Politik so zusammenfassen: &#x201E;Wir Bolschewiki haben die sowjetische Macht in einer Region etabliert, in der Millione gl&#xE4;ubiger Muslime leben. Wir ben&#xF6;tigen Zeit, um ausreichend Gerichte und Richter zu etablieren, um dort das sowjetische Recht durchzusetzen. Einen Teil der juristischen Probleme &#x2013; nicht das Strafrecht, sondern Verwaltungsrecht und ein paar Familienangelegenheiten &#x2013; &#xFC;berlassen wir wohl oder &#xFC;bel den traditionellen Gerichten, vor allem den Shariah-Gerichten. Wir k&#xF6;nnen nicht alle mit kommunistischen Schulen versehen, daf&#xFC;r fehlen uns Menschen und Ressourcen. Also lassen wir das etablierte Waqf-System weiter bestehen, um muslimische Schulen und Medresen zu finanzieren, in denen neben religi&#xF6;sen Fragen auch Lesen und Arithmetik gelehrt werden. Es ist einfacher und g&#xFC;nstiger erst einmal ein paar weltliche F&#xE4;cher in der dortigen Bildung einzuf&#xFC;hren, als ein neues Schulssystem von Null an aufzubauen.&#x201C;<\/p>\n<figure id=\"attachment_11506\" aria-describedby=\"caption-attachment-11506\" style=\"width: 1800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11506\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1.jpg\" alt=\"Rawat Abdullachan Medrese in Osch 1928\" width=\"1800\" height=\"942\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1.jpg 1800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1-300x157.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1-768x402.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1-1024x536.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/1428949587_osh-1-1300x680.jpg 1300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-11506\" class=\"wp-caption-text\">In der Rawat Abdullachan Medrese in Osch, 1928<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Bolschewiki verfolgten zwar utopische Ideen, in der realen Staatsf&#xFC;hrung waren sie aber g&#xE4;nzlich Pragmatiker, wenn auch widerwillig. Die Kompromisse waren dann nat&#xFC;rlich nur vor&#xFC;bergehend. Ab ab dem Ende der 1920er wurden all diese religi&#xF6;sen Institutionen geschlossen und in den 1930ern gab es <a href=\"http:\/\/www.dekoder.org\/de\/gnose\/grosser-terror-jeschowschtschina-saeuberungen\">massive Repressionen<\/a> gegen religi&#xF6;se Figuren. Die gest&#xE4;rkte sowjetische Macht befreite sich von den eingegangenen Kompromissen, sobald sie es sich erlauben konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Zu den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dschadidismus\">Dschadiden<\/a> (eine muslimische intellektuelle Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Anm. d. &#xDC;.) gibt es widersp&#xFC;chliche Analysen. Die offizielle Geschichtsschreibung, vor allem in Usbekistan, schildert sie als Unabh&#xE4;ngigkeitsk&#xE4;mpfer, die sich gegen die Kolonisierung und auch die Bolschewiki eingesetzt haben. Andere sehen die Dschadiden eher als einen Teil der russischen Kolonialmacht in Turkestan. Welche dieser Einsch&#xE4;tzungen entspricht eher der Realit&#xE4;t&#xA0;? &#xA0; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Forschung hat in der Studie des intellektuellen Lebens im Zentralasien des fr&#xFC;hen 20. Jahrhunderts erhebliche Fortschritte gemacht. Insgesamt wenden sich die Forscher immer weiter von der dichotomischen Darstellung ab, dernach sich die lokalen Eliten in Dschadidi und Kadimisten (konservative muslimische Bewegung im Russland des sp&#xE4;ten 19. und fr&#xFC;hen 20. Jahrhunderts, Anm. d. Red.) einteilten, also in Reformisten und Antireformisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Dschadiden waren keineswegs eine einheitliche Gruppe, sondern eine Bewegung mit sehr unterschiedlichen Menschen und Ansichten. Darunter sind die sogenannten &#x201E;rechten Dschadiden&#x201C;, die gegen die Bolschewiki waren, und die &#x201E;linken Dschadiden&#x201C;, die sehr schnell den sowjetischen Machtstrukturen beigetreten sind und oft auch selbst zu Kommunisten wurden. Viele waren st&#xE4;ndig auf der Suchen nach Ideen und &#xE4;nderten ihre Vorz&#xFC;ge mit der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die meisten Dschadiden fielen den Repressionen der 1920er und 1930er Jahre zum Opfer. Dasselbe gilt f&#xFC;r die sogenannten Traditionalisten, die auch sehr unterschiedlich waren. Manche f&#xFC;gten sich weder den russischen Kolonialstrukturen, noch den Bolschewiki, andere kooperierten mit beiden. Die geistige Verwaltung der Muslime, die in den 1940ern gegr&#xFC;ndet wurde, wurde &#xFC;brigens nicht mit Dschadiden, sondern mit Traditionalisten besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Beziehungen zwischen der muslimischen Eliten und den russischen oder sowjetischen Machtstrukturen &#xE4;nderten sich auch mit der Zeit. Die Dschadidi mit ihrem Fortschrittsgedanken wurden durch die Russen erst als Nutzen f&#xFC;r die zentralasiatische Gesellschaft gesehen. Sp&#xE4;ter sah man in ihnen gef&#xE4;hrliche Gegner, Revolution&#xE4;re und Feinde des Reichs, w&#xE4;hrend die Kadimisten den russischen Beamten pl&#xF6;tzlich gefielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch die Bolschewiki pflegten eine solche zweideutige Einstellung zu den Dschadidi. Sie wurden als Hilfe beim Aufbau einer modernen Staatlichkeit gesehen, ehe sie zu Staatsfeinden erkl&#xE4;rt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Heutzutage gibt es unter den zentralasiatischen Turksprachen <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden\/\">einen Trend<\/a> hin zur lateinischen Schrift. Oft wird das als Teil einer Modernisierung gesehen. &#xC4;hnelt das nicht der Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Bolschewiki sich bewusst oder unbewusst an die Ideen des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Turanismus#Turanismus_und_Panturkismus\">Panturkismus<\/a> anlehnten? Wann erreichten diese Ideen die Intellektuellen und Politiker Zentralasiens?&#xA0; <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die These einer Zusammenarbeit von Bolschewiki und Panturkisten w&#xFC;rde ich mit Vorsicht betrachten. Zu Beginn sahen die Bolschewiki in den Panturkisten eine revolution&#xE4;re, antiimperiale Kraft, einen Verb&#xFC;ndeten bei der Zersplitterung des oppositionell-religi&#xF6;sen Lagers, dem Kampf gegen die Engl&#xE4;nder und der Modernisierung der Gesellschaft. Die Bolschewiki wollten die Energie des panturkistischen Nationalismus f&#xFC;r sich nutzen, denn sie hatte mit der kommunistischen Bewegung einiges gemein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Allianz war aber bei weitem nicht ohne Br&#xFC;che. Daf&#xFC;r spricht um Beispiel der Fall des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jungt%C3%BCrken\">Jungt&#xFC;rken<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Enver_Pascha\">Enver Pascha<\/a>, mit dem die Bolschewiki anfangs &#xFC;ber eine Allianz verhandelten und der sp&#xE4;ter den Kampf gegen sie in Zentralasien leitete. Es kam schnell heraus, dass sich die Energie des Panturkismus auch gegen die sowjetische Macht richten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese zweideutigkeit sieht man auch in der Beziehung zur lateinischen Schrift. Anfangs h&#xF6;rte man auf die lokalen Reformer, die Moskau davon &#xFC;berzeugten, dass die lateinische Schrift beim Kampf gegen die Religion hilft. Sp&#xE4;ter war der Kreml der Ansicht, dass das Lateinische eine gewisse Distanz und einen alternativen politischen Orientierungspunkt symbolisieren w&#xFC;rde. Daraufhin folgte ein gezwungener &#xDC;bergang von der lateinischen zur kyrillischen Schrift und weiter eine intensive Russifizieung der Bildung und Kultur.<\/p>\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kasachstan\/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden\/\">Pro und Contra &#x2013; soll Kasachisch in Lateinschrift widergegeben werden?<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu den aktuellen Latinisierungsprojekten m&#xF6;chte ich keine Wertung aussprechen. Mir scheint, es ist in Vielem ein unausweichlicher Prozess, denn in den 1920er und 1930er Jahren war die Frage der Sprache und des Alphabets einer der wichtigsten Aspekte des sowjetischen Modernisierungsvorhabens. Schon damals waren die Debatten zum Alphabet, zur nationalen Sprache, ihrer Grammatik, Ausssprache und Wortschatz ein zentraler Teil des nationalen Aufbaus. Die Sprache hatte f&#xFC;r die Machstrukturen, die Regierung, die Mobilit&#xE4;t und den Zugang zu Ressourcen eine au&#xDF;ergew&#xF6;hnlich wichtige Bedeutung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11507\" aria-describedby=\"caption-attachment-11507\" style=\"width: 960px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11507\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/3.jpg\" alt=\"Zeitung Kyzyl Kirgistan Kirgisisch lateinische Schrift\" width=\"960\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/3.jpg 960w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/3-300x225.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/3-768x576.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/11\/3-800x600.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-11507\" class=\"wp-caption-text\">Erste Seite einer Ausgabe der Zeitung &#x201E;Kyzyl Kyrgyzstan&#x201C; (rotes Kirgistan), in der kirgisisch in lateinischer Schrift geschrieben ist, 1935<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">&#xC4;nhlich w&#xE4;hrend der sp&#xE4;tzsowjetischen Perestrojka: Nicht die Forderung nach einer vollen und sofortigen Unabh&#xE4;ngigkeit war im Vordergrund, sondern die Forderung, den lokalen Sprachen durch einen offiziellen Status mehr Rechte anzuerkennen. Die Frage der Sprachpolitik ist bis heute ein sensibles Thema und wird im postsowjetischen Raum auch oft zum Inhalt emotionaler Diskussionen oder gar Konflikten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eben durch das Thema der Sprache wird das Gespr&#xE4;ch &#xFC;ber die Zukunft des Landes gef&#xFC;hrt, &#xFC;ber die Mehrheiten und Minderheiten, dar&#xFC;ber, wer zur Elite geh&#xF6;ren kann und &#xFC;ber die Beziehung zur russischen F&#xF6;deration. Das Thema der Sprache geh&#xF6;rt unmittelbar zum nationalen Aufbau. Das hei&#xDF;t, dass die Frage so lange ein Politikum bleiben wird,&#xA0;wie die zentralasiatischen Regierungen sich als Nationalstaaten sehen und ihre Nationen weiter aufbauen wollen.<\/p>\n<p><strong>Hier geht&#x2019;s weiter zum zweiten Teil: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22\/\">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2\/2)<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Mit Sergej Abaschin sprach Rafael Sattarow<br>\n<a href=\"http:\/\/caa-network.org\/archives\/10400\">CAA-Network<\/a><br>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei&#xA0;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>,&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">LinkedIn<\/a>&#xA0;oder&#xA0;<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. F&#xFC;r Zentralasien direkt in eurer Mailbox k&#xF6;nnt ihr euch auch zu unserem&#xA0;<a href=\"http:\/\/eepurl.com\/O0Qub\">w&#xF6;chentlichen Newsletter anmelden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network, wir &#xFC;bernehmen es [&#x2026;]<\/p>\n","protected":false},"author":459,"featured_media":11493,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4,3,6,5],"tags":[1413,1648,2399,2427,1233,1211],"coauthors":[2430],"class_list":["post-11491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kasachstan","category-kirgistan","category-tadschikistan","category-usbekistan","tag-geschichte","tag-interview","tag-oktoberrevolution","tag-sergej-abaschin","tag-sowjetunion","tag-zentralasien"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/459"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11491"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34157,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11491\/revisions\/34157"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11493"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11491"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=11491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}