{"id":10883,"date":"2017-10-01T17:44:43","date_gmt":"2017-10-01T15:44:43","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=10883"},"modified":"2020-12-20T13:53:51","modified_gmt":"2020-12-20T12:53:51","slug":"kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2\/","title":{"rendered":"Kriegsgefangene in Turkestan: Gespr\u00e4ch mit dem Historiker Peter Felch \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Etwa 200.000 Soldaten der &#xF6;sterreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Landstreitkr&#xE4;fte_&#xD6;sterreich-Ungarns_1867&#x2013;1914\">k.u.k-Armee<\/a>, liegt es nahe, von einem mitteleurop&#xE4;ischen St&#xFC;ck Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der &#xF6;sterreichische Historiker Peter Felch, Gr&#xFC;nder des Vereins &#x201E;<a href=\"http:\/\/www.veni-eurasia.net\/wk_I.html\">VENI<\/a>&#x201C; und Initiator des Projekts &#x201E;<a href=\"http:\/\/www.spurensuche-turkestan.org\/\">Spurensuche Turkestan<\/a>&#x201C;.<br>\n<\/strong><strong>Im <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1\/\">ersten Teil<\/a> des Interviews spricht er mit Novastan.org &#xFC;ber Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Turkestan. Teil 2 des Interviews thematisiert, wie in &#xD6;sterreich und Zentralasien mit der Erinnerung und dem Gedenken an diese historischen Ereignisse umgegangen wurde und gibt einen Ausblick auf kommende Projekte.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Novastan.org: Welche Formen der Erinnerung gibt es im &#xD6;sterreich der 1. Republik bis 1938 an die Kriegsgefangenen in Russisch- Turkestan und wie organisierten sich die jeweiligen Akteure?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Peter Felch: <em>Heute ist wenig Wissen &#xFC;ber Zentralasien in &#xD6;sterreich vorhanden. Die Region war in den 1920er-Jahren sehr pr&#xE4;sent durch die Aktivit&#xE4;ten von Heimkehrer-Organisationen, zumindest die Orte der gro&#xDF;en Lager waren bekannt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In der&#xA0;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geschichte_%C3%96sterreichs#Erste_Republik_und_Austrofaschismus_.281918.E2.80.931938.29\">Ersten Republik<\/a> kam es ab 1919 zu einer regen T&#xE4;tigkeit der Bundesvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, die in verschiedene Sektionen in mehreren Orten aufgeteilt war. In Wien existierten sogar Sektionen, die sich nach den Lagerorten benannt hatten. So zum Beispiel die Sektion der Turkestaner, die Sektion der Taschkenter, die Sektion der Skobelewer. Sie engagierten sich f&#xFC;r die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage von ehemaligen Kriegsgefangenen. Auch organisierten sie Vortr&#xE4;ge, Erinnerungsveranstaltungen und sogar Ballveranstaltungen. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gibt Fotos von ehemaligen Kriegsgefangenen mit ihren Familien, die in turkestanischen und sartischen<\/em> (damals gebr&#xE4;uchlich f&#xFC;r tadschikisch und usbekisch, Anm. d. R.)<em> Kost&#xFC;men vor nachempfundenen Architekturdetails posiert haben. Jedes Jahr fanden die B&#xE4;lle unter einem anderen Thema statt, zum Beispiel &#x201E;Eine Nacht in Turkestan&#x201C;. Auch das ist aus der Erinnerung verschwunden, angeblich gab es noch Treffen bis in die 1950er-Jahre.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Kontinuit&#xE4;ten und Br&#xFC;che lassen sich im Diskurs vor und nach dem 2. Weltkrieg feststellen? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Das ist ein interessantes Thema, die Auswirkungen auf die Zeit des 2. Weltkrieges. Es ist zu bemerken, dass in Memoirenliteratur eine positive Haltung zu den Einheimischen zum Ausdruck kommt. Wenige sehen ihre Kriegsgefangenschaft nur negativ, sondern als &#x201E;positive Erfahrungen in ihrem Leben&#x201C;. Auch bei explizit negativen Erfahrungen mit Lagerkommandanten und Wachmannschaften bleibt die Einstellung zu &#x201E;den Russen&#x201C; zumindest ambivalent. Wie hat sich das auf die Einstellung ihrer Nachkommen im 2. WK ausgewirkt? Hat das eine Rolle in Familien gespielt? Oft waren ja die S&#xF6;hne von ehemaligen Kriegsgefangenen dann die aktuellen Kriegsgefangenen unter ganz anderen Bedingungen. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In der &#xD6;ffentlichkeit hat der 2. Weltkrieg das Thema jedenfalls total &#xFC;berdeckt. Auch in Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg ist das Thema unter den Tisch gefallen. Das hatte sicherlich auch politische Gr&#xFC;nde, da die Kriegsgefangenen unter st&#xE4;ndigem Rechtfertigungsdruck waren, dass sie aufgegeben h&#xE4;tten oder als Kommunisten zur&#xFC;ckgekommen w&#xE4;ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Es scheint &#xFC;berhaupt so, dass Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg stark nationalen Narrativen folgen. Deren Monokausalit&#xE4;t steht im Gegensatz zum Verst&#xE4;ndnis von komplexen historischen Situationen. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Gedenkveranstaltungen bringen f&#xFC;r jedes Land seine eigenen Themen zum Vorschein. Die Flandernschlachten, die Schlacht um Verdun, der Krieg in den Dolomiten, der Vertrag von Trianon, andere Themen hingegen brauchen sehr lange.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es eine eigene zentralasiatische Sicht auf &#xF6;sterreich-ungarische Kriegsgefangene im 1. WK?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In Zeit zwischen Revolution und Repatriierung spielten die Kriegsgefangenen eine gro&#xDF;e Rolle in den L&#xE4;ndern. Sie waren Lehrer, haben Betriebe gegr&#xFC;ndet haben usw. Daher gab es kein gro&#xDF;es Interesse der Machthaber an einer Repatriierung, man hat es hinausgez&#xF6;gert oder sogar versucht, sie anzuwerben, weil die Kriegsgefangenen mittlerweile ein wirtschaftlicher und kultureller Faktor waren. Noch davor waren sie schon ein politisch-milit&#xE4;rischer Faktor. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Deshalb ist diese Geschichte von gro&#xDF;em Interesse f&#xFC;r lokale Historiker. Weil eben die Kriegsgefangenen zu einer Zeit in der Region waren, die entscheidend f&#xFC;r die sp&#xE4;tere Geschichte Zentralasiens war. Dann hat sich entschieden, dass es kein autonomes Turkestan geben wird, die Grenzen sind festgelegt worden, Bolschewisten &#xFC;bernehmen endg&#xFC;ltig die Macht und Zentralasien wird Teil der Sowjetunion.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Und die Kriegsgefangenen und deren Schriften haben f&#xFC;r diese Zeit einen speziellen Quellenwert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Kriegsgefangene waren zum Teil Akteure auf verschiedenen Seiten, aber auch neutrale Beobachter. Die Beschreibungen und Korrespondenzen von Kriegsgefangenen sind deshalb so interessant f&#xFC;r die Lokalgeschichte, weil sie nicht beeinflusst waren vom sowjetischen Narrativ, aber auch weil sie von der sowjetischen, wie &#xF6;sterreichischen Geschichtsschreibung nicht beachtet wurden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Viele zeigen in ihren B&#xFC;chern gro&#xDF;e Sympathien. Beispielsweise im Fall von 90 Kriegsgefangenen, die im April 1919 aus der Stadt Osch ausgezogen waren in Richtung der Eisenbahnanbindung in Andischan, weil sie von dort repatriiert werden sollten und unterwegs von einer einheimischen aufst&#xE4;ndischen Gruppe massakriert wurden. &#xA0;Diese &#x201E;Trag&#xF6;die von Osch&#x201C; wird immer wieder erw&#xE4;hnt, aber die Berichte zeigen Verst&#xE4;ndnis und beschreiben, wie die Bolschewiken mit Einheimischen umgegangen sind. Die Kriegsgefangenen, die dar&#xFC;ber schreiben, sehen also ihre Position im Rahmen der Gesamtgeschehnisse.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was sind historiographische Verschiebungen seit 1991 mit dem Aufkommen einer unabh&#xE4;ngigen Nationalgeschichtsschreibung?<br>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gab &#xF6;sterreichische Internationalisten, die auf sowjetischer Seite gek&#xE4;mpft haben, &#xFC;ber die gab es sowjetische Literatur, die aber sehr gef&#xE4;rbt war. Historiker in diesen L&#xE4;ndern m&#xFC;ssen die eigene Geschichte wieder entwickeln. Speziell der Aufstand 1916 war lange kein Thema. In der sowjetischen Geschichtsschreibung war das ein Aufstand von Banditen, die russ. Siedler massakriert haben und dann die Kokander Autonomie, abermals Banditen und R&#xE4;uber, die Widerstand gegen bolschewistische Macht&#xFC;bernahme geleistet haben. Das wird sicher neubewertet werden. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Ein kasachischer Historiker, der &#xFC;ber die Rolle der Kriegsgefangenen im kasachischen Teil Turkestans geschrieben hat, wurde in sowjetischer Zeit kritisiert, weil er die Rolle der Kriegsgefangenen zu positiv gezeichnet h&#xE4;tte. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gibt eine Umwertung vieler Pers&#xF6;nlichkeiten, die teilweise sehr weit zur&#xFC;ckgehen, ein prominentes Beispiel <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/usbekistan\/teil-1-die-nationale-identitat-usbekistans-2-0-das-erbe-einer-debatte\/\">ist Timur<\/a> (<\/em>Begr&#xFC;nder der Dynastie der Timuriden, strebte eine Wiederherstellung des mongolischen Reiches an. In sowjetischer Geschichtsschreibung standen seine grausamen Eroberungen im Vordergrund, wogegen er im modernen Usbekistan als Manifestationspunkt einer usbekischen Nation gesehen wird, Anm. d. R.<em>). Die Bewertung der Kriegsgefangenen war dazu relativ neutral.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es lokale Forschungst&#xE4;tigkeiten zu dem Thema?<br>\n<\/strong><br>\n<em>Auf meinen Recherchereisen sehe ich, dass es gro&#xDF;es Interesse an Geschichte gibt, jedoch ganz wenig eigenst&#xE4;ndige Forschung.<\/em> <em>Ein tadschikischer Autor, der Historiker Prof. Tschalilow, schreibt &#xFC;ber Kriegsgefangene in Chodschand und deren wirtschaftlichen und kulturellen Rolle in jener Zeit.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Im Fergana-Tal gibt es eine Gruppe lokaler Historiker, die dar&#xFC;ber forscht und eine Publikation vorbereiten. Gro&#xDF;es Interesse gibt es auch von Seiten der Usbekischen Akademie der Wissenschaften. Es w&#xE4;re w&#xFC;nschenswert, wenn das in Kooperation mit &#xF6;sterreichischen Institutionen geschieht, wie so oft ist es ein Problem der Finanzierung. Es w&#xE4;re auch sch&#xF6;n, ein mitteleurop&#xE4;isches Projekt daraus zu machen und mit lokalen Museen und Archiven zu kooperieren. Es gab Kriegsgefangene aus dem heutigen Gebiet von Deutschland, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Slowenien, &#xD6;sterreich, Italien.<\/em><\/p>\n<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/tschechoslowakische-spuren-in-bischkek\/\">Tschechoslowakische Spuren in Bischkek<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Letztes Jahr gab es eine Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum, die sich Vorarlberger Kriegsgefangenen in Turkestan widmete. Wie kam es zu diesem Forschungsschwerpunkt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Vorarlberg war milit&#xE4;risch Tirol zugeordnet. Tiroler Einheiten, darunter Kaiserj&#xE4;ger und Kaisersch&#xFC;tzen, wurden 1914 in die Karpaten verlegt und in der Festung Przemy&#x15B;l stationiert. Durch Zufall sind wir auf eine Liste mit verbliebener Kriegsgefangene 1920 gesto&#xDF;en. Als westlichster Teil der Donaumonarchie ist es interessant, dass besonders von dort proportional viele Kriegsgefangene in Turkestan gelandet sind. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Vorarlberg ist &#xFC;berschaubar. Es ist uns gelungen, eine umfassende Liste mit biographischen Daten von ca. 500 Vorarlberger Kriegsgefangenen zu erstellen, die in Turkestan interniert waren, die demn&#xE4;chst publiziert werden soll. Das war der Anlass f&#xFC;r die Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum vom 16. September bis 20. November 2016. Sie basierte auf Nachl&#xE4;ssen von Vorarlberger Kriegsgefangenen und Interviews mit deren Nachkommen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Von gro&#xDF;em Interesse sind nicht nur materielle Nachl&#xE4;sse, sondern auch, welche Bilder von Turkestan in den Familien weitergegeben worden sind. Das ist schwierig, weil man froh sein muss, wenn man noch Enkel interviewen kann.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10887\" aria-describedby=\"caption-attachment-10887\" style=\"width: 5152px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10887\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min.jpg\" alt=\"\" width=\"5152\" height=\"3864\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min.jpg 5152w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-300x225.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-768x576.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-800x600.jpg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-1300x975.jpg 1300w\" sizes=\"auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-10887\" class=\"wp-caption-text\">Peter Felch mit Hund vor einer Jurte im Vorarlberg Museum<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Genau &#xFC;ber diese familiengeschichtliche Rezeption hat VENI einen 60-min&#xFC;tigen <a href=\"http:\/\/stadtkinowien.at\/film\/1006\/\">Dokumentarfilm <\/a>&#x201E;Es geht mir gut, ich komme bald&#x201C; produziert, der haupts&#xE4;chlich auf Interviews mit &#xF6;sterreichischen Nachkommen von Kriegsgefangenen beruht. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, die Dokumentation von Erinnerungen. Wir waren auch vor Ort in Zentralasien und konnten dort an manchen Schaupl&#xE4;tzen filmen. Interviews mit Nachkommen aus Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan sollen folgen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Im Dokumentarfilm wird auch die j&#xFC;dische Gemeinde in Taschkent erw&#xE4;hnt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Taschkent war die Hauptstadt des Generalgouvernement Turkestans. Es gab dort eine bucharische Gemeinde, wie auch in Buchara oder Samarkand. Durch Zuwanderung gab es in Taschkent auch eine aschkenasische j&#xFC;dische Gemeinde. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Russland hatte bei der Eroberung Galiziens nicht nur Kriegsgefangene verschickt, sondern auch Teile der Zivilbev&#xF6;lkerung, darunter viele Juden und J&#xFC;dinnen, die als besonders &#x201E;kaisertreu&#x201C; galten. Das Thema der Zivilgefangenen und Zivilverschickten ist noch weniger bekannt und untersucht als das der Kriegsgefangenen. Es wird in Memoiren erw&#xE4;hnt, dass gleichzeitig mit den Kriegsgefangenen auch Z&#xFC;ge mit deportierten Zivilisten unterwegs waren. Es gibt Erw&#xE4;hnungen von Juden aus Galizien und der Bukowina, die in Turkestan den Anschluss an die aschkenasische Gemeinde gefunden haben.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10885\" aria-describedby=\"caption-attachment-10885\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10885\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"1536\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen.jpg 1024w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-200x300.jpg 200w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-768x1152.jpg 768w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-683x1024.jpg 683w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-10885\" class=\"wp-caption-text\">F.Praeg- Kriegsgefangen in Asiatischen Steppen<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie ist die Memoirenliteratur allgemein zu bewerten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Die Memoirenliteratur ist gr&#xF6;&#xDF;tenteils von Offizieren verfasst. Viele davon waren sehr deutschnational ausgerichtet. Viele aus heutiger Sicht auch sehr antisemitisch. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gab nat&#xFC;rlich auch Juden unter den Kriegsgefangenen. In der Literatur findet man Neidkomplexe und den Vorwurf, dass sich j&#xFC;dische Kriegsgefangene mit den Russen &#x201E;zusammengetan h&#xE4;tten&#x201C;, weil sie oft den Kontakt mit russischen Beh&#xF6;rden und Bev&#xF6;lkerung &#xFC;bernommen haben. Soldaten aus Gallizien konnten sich sprachlich einfach besser verst&#xE4;ndigen. Das &#xA0;verst&#xE4;rkte vorhandene antisemitische Vorurteile. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Innerhalb der Lager bestanden nat&#xFC;rlich ethnisch- nationale Unterschiede weiter, da hat sich Turkestan aber nicht wesentlich unterschieden von anderen Kriegsgefangenlagern in Russland.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Quellen sind noch f&#xFC;r die zeitgeschichtliche Forschung von Bedeutung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In &#xD6;sterreich ist vor allem das &#xD6;sterreichische Kriegsarchiv zu nennen, das Karteien der einzelnen Kriegsgefangenen besitzt. Auch Listen des Roten Kreuzes. Diplomatische Korrespondenzen lagern im Staatsarchiv. Nat&#xFC;rlich auch jeweilige Landes- und Regionalarchive. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Sehr wichtig sind private Nachl&#xE4;sse, deren Bedeutung von sp&#xE4;teren Generationen oft nicht erkannt wird und sie deswegen verloren gehen. Aus diesem Grund hatten wir in Vorarlberg den Aufruf an Familien gestartet, Nachl&#xE4;sse einzureichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In Zentralasien ist sicher Taschkent das wichtigste Archiv, aber eben auch sehr viele lokale Archive, wo zum Beispiel Polizeiakten lagern.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was ist das bauliche Erbe der Kriegsgefangenen, welche Denkm&#xE4;ler und Strukturen sind vor Ort noch vorhanden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gibt die Hochgebirgsstra&#xDF;e im Isfairam-Tal in S&#xFC;dkirgistan, die von Kriegsgefangen erbaut worden ist und von der Teile erhalten sind. Wir konnten sie besuchen, filmen, fotografieren und mit Einheimischen sprechen. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es ist die Rede von etlichen Geb&#xE4;uden: die <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/bild-des-tages\/tachkent-photo-du-jour-07062013\/\">katholische Kathedrale von Taschkent<\/a> und Samarkand, die beide von Kriegsgefangenen erbaut worden sind. Laut der Historikergruppe in Fergana gibt es eine gro&#xDF;e Anzahl von Geb&#xE4;uden. &#xA0;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10888\" aria-describedby=\"caption-attachment-10888\" style=\"width: 671px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10888\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b.jpg\" alt=\"\" width=\"671\" height=\"665\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b.jpg 671w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-150x150.jpg 150w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-300x297.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-32x32.jpg 32w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-50x50.jpg 50w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-64x64.jpg 64w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-96x96.jpg 96w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/10\/Gedenkstein-Samarkand1b-128x128.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 671px) 100vw, 671px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-10888\" class=\"wp-caption-text\">Gedenkstein in Samarkand<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Dann w&#xE4;ren Gedenksteine auf lokalen Friedh&#xF6;fe zu nennen, gro&#xDF;teils auf Deutsch, aber auch einige, die mehrsprachig sind. In der N&#xE4;he von Chudschand habe ich im Hinterhof eines Privathauses ein Gedenkkreuz auf Deutsch, Russisch, Usbekisch und in arabischer Schrift gefunden. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Kriegsgefangene wurden in Zeiten von Epidemien in Massengr&#xE4;bern begraben. Ab und zu Einzelgr&#xE4;ber, die heute weitgehend verschwunden sind. Teilweise wurden separate Friedh&#xF6;fe errichtet, teilweise wurden orthodoxen Friedh&#xF6;fen benutzt. In der Regel wurden die Gedenksteine durch Offiziere errichtet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Am Kaspischen Meer im Fort Schewtschenko, gibt es einen gut erhaltenen Obelisken und lokale Journalisten interessieren sich daf&#xFC;r. Oft sind es Hobbyhistoriker, die sich lokal f&#xFC;r das Thema einsetzen und Spuren erhalten. Vieles scheitert jedoch an der Finanzierung.<\/em> <em>Ich denke, dass Kriegsgefangene nicht ganz vergessen werden sollten, wenigstens die Namen w&#xE4;ren zu kennzeichnen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein abschlie&#xDF;ender Ausblick: welche Projekte sind in naher Zukunft geplant?<\/strong><\/p>\n<p><em> In Planung sind Spezialreisen, bei denen normale touristische Aspekte Zentralasiens mit Erinnerungen und Spuren an Kriegsgefangene verbunden werden k&#xF6;nnten. Eine Trekking-Tour entlang der Hochgebirgsstra&#xDF;e im S&#xFC;den Kirgistans zum Beispiel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>2018 wollen wir eine zentrale Ausstellung in Wien zu dem Thema organisieren. Wichtig w&#xE4;re es auch, durch Ausstellungen in Zentralasien das Thema in den jeweiligen L&#xE4;ndern ins Gespr&#xE4;ch zu bringen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Ich bedanke mich herzlich f&#xFC;r unser Gespr&#xE4;ch!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Lukas D&#xFC;nser<br>\nChefredakteur Novastan.org<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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