{"id":10859,"date":"2017-09-30T20:22:38","date_gmt":"2017-09-30T18:22:38","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=10859"},"modified":"2020-12-20T17:58:22","modified_gmt":"2020-12-20T16:58:22","slug":"kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1\/","title":{"rendered":"Kriegsgefangene in Turkestan: Gespr\u00e4ch mit dem Historiker Peter Felch \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Etwa 200.000 Soldaten der &#xF6;sterreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Landstreitkr&#xE4;fte_&#xD6;sterreich-Ungarns_1867&#x2013;1914\">k.u.k-Armee<\/a>, liegt es nahe, von einem mitteleurop&#xE4;ischen St&#xFC;ck Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der &#xF6;sterreichische Historiker Peter Felch, Gr&#xFC;nder des Vereins &#x201E;<a href=\"http:\/\/www.veni-eurasia.net\/wk_I.html\">VENI<\/a>&#x201C; und Initiator des Projekts &#x201E;<a href=\"http:\/\/www.spurensuche-turkestan.org\/\">Spurensuche Turkestan<\/a>&#x201C;.<br>\nIm ersten Teil des Interviews spricht er mit Novastan.org &#xFC;ber Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Turkestan. <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2\/\">Teil 2 des Interviews<\/a> thematisiert, wie in &#xD6;sterreich und Zentralasien mit der Erinnerung und dem Gedenken an diese historischen Ereignisse umgegangen wurde und gibt einen Ausblick auf kommende Projekte.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Novastan.org: Wie kam es zur Gr&#xFC;ndung des Vereins &#x201E;VENI&#x201C;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Peter Felch: <em>Der Verein Veni (Vienna Eurasia Network Initiative, Anm. d. R.) war eine Initiative von &#xD6;sterreichern, die in Zentralasien und im Kaukasus gearbeitet haben und daran interessiert waren, die Besch&#xE4;ftigung mit Zentralasien zu institutionalisieren. Gegr&#xFC;ndet wurde er schlie&#xDF;lich 2012 in Wien mit dem Ziel, das Bewusstsein &#xFC;ber diese Region durch Veranstaltungen zu f&#xF6;rdern. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Beweggr&#xFC;nde gab es f&#xFC;r das Projekt &#x201E;Spurensuche Turkestan&#x201C;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>&#x201E;Spurensuche Turkestan&#x201C; wurde zwischen 2010 und 2012 gegr&#xFC;ndet. Ich war als Konfliktanalytiker f&#xFC;r die Internationale unabh&#xE4;ngige Untersuchungskommission f&#xFC;r die Ereignisse in S&#xFC;dkirgistan vor Ort. &#xDC;ber das Fergana-Tal wird viel als &#x201E;Pulverfass&#x201C; und potentielle Konfliktzone gesprochen. Seri&#xF6;se Literatur &#xFC;ber die wirtschaftliche, soziale und geopolitische Situation im Fergana-Tal ist jedoch rar. Es schwirren auf allen beteiligten Seiten viele Annahmen herum.<\/em><br>\n<strong><br>\nDas Fergana-Tal nimmt eine besondere Position in Zentralasien ein.<br>\n<\/strong><br>\n<em>Es ist der klimatisch g&#xFC;nstigste und fruchtbarste Teil von ganz Zentralasien und teilt sich in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan auf. <\/em><br>\n<em>Das Fergana-Tal leidet unter einer schwierigen Grenzsituation, es gibt viele Enklaven und Exklaven. Historisch ist es dabei aber ein wirtschaftlicher und sozialer Raum, in dem es sehr viel Austausch zwischen den V&#xF6;lkern gegeben hat. Kirgisen verkauften beispielsweise Vieh aus den Bergen, Usbeken und Tadschiken Handwerksprodukte und Getreide. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-grenzstadt-osch\/\">Die Grenzstadt Osch<br>\n<\/a><\/strong><br>\n<em>Die heutigen Grenzen in Zentralasien wurden in der Stalinzeit gem&#xE4;&#xDF; des Leitsatzes &#x201E;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Divide_et_impera\">Divide et Impera<\/a>&#x201C; (<\/em>Lat. f&#xFC;r &#x201E;Teile und Herrsche&#x201C;, Anm. d. R.<em>) gezogen. Zuvor hatte es n&#xE4;mlich Bestrebungen gegeben, ein Gesamtturkestanisches Autonomes Gebiet zu gr&#xFC;nden. In der Sowjetunion haben Grenzen aber kaum eine Rolle gespielt, sie waren lediglich im Pass angegeben, Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik, Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik und so weiter. <\/em><br>\n<em> Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind aus diesen lediglich administrativen und fiktiven Grenzen reale staatliche Grenzen geworden. Stra&#xDF;en wurden unterbrochen, Handelsbeziehungen gest&#xF6;rt, Familien auseinandergerissen. Das macht das Alltagsleben bis heute schwierig und teuer, weil dauernd Schmiergelder n&#xF6;tig sind.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Und in der Besch&#xE4;ftigung mit dieser Region tat sich Ihnen pl&#xF6;tzlich ein weitgehend unbearbeitetes historisches Thema auf?<br>\n<\/strong><br>\n<em>In den 80er-Jahren hatte ich auf einem Flohmarkt in Wien ein Tagebuch von Fritz Willfort gekauft, der als Kriegsgefangener haupts&#xE4;chlich in Skobelev im Fergana-Tal war und seine Erlebnisse beschreibt. Damals hatte ich es nur &#xFC;berflogen und war fasziniert davon, dass ich in 30 Jahren Reisen und Arbeiten in der Region noch nie davon geh&#xF6;rt hatte, dass es in Zentralasien &#xF6;sterreichische Kriegsgefangene gab. Als gelernter Historiker hat mich das interessiert. Es gibt praktisch keine Sekund&#xE4;rliteratur &#xFC;ber das Thema. In B&#xFC;chern &#xFC;ber deutsche und &#xF6;sterreichische Kriegsgefangene in Russland wird Turkestan nur am Rande erw&#xE4;hnt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em> Als sich dann das 100-Jahr-Gedenken an den 1. Weltkrieg n&#xE4;herte, habe ich das Thema der &#xD6;AW (<\/em>&#xD6;sterreichische Akademie der Wissenschaften, Anm. d. R<em>.) vorgeschlagen, leider ist das bis 2014 nicht zustande gekommen. Im Gedenkjahr waren Kriegsgefangene in keiner der Veranstaltungen wirklich ein Thema. Wenn man bedenkt, dass insgesamt 1,6 bis 2 Millionen &#xF6;sterreichisch-ungarische Soldaten im 1. Weltkrieg Kriegsgefangene in Russland waren, davon 200.000 in Turkestan, ist es erstaunlich, dass eine so gro&#xDF;e Gruppe unter den Tisch gefallen ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>K&#xF6;nnen Sie einen kurzen historischen &#xDC;berblick &#xFC;ber das Generalgouvernement Turkestan allgemein und dortige Kriegsgefangenenschaft im Speziellen geben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Das Generalgouvernement bestand von 1867 bis 1918. Eingerichtet wurde es in Folge der Eroberungen von Turkestan durch die Russen, genauer nach der Eroberung von Taschkent. Hintergrund war, dass die Russen schon seit Peter dem Gro&#xDF;en versucht haben, an warme Meere zu gelangen und auf Widerstand der Britten gesto&#xDF;en sind. Im 19. Jahrhundert wurde diese Konkurrenz dann als <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/erinnerung-ans-great-game-1.18289793\">Great Game<\/a> bezeichnet. Schlussendlich kam es zur Einigung auf die Grenze zwischen Iran, Afghanistan und sp&#xE4;teres Sowjetunion-Gebiet. Das Generalgouvernement Turkestan war eine koloniale Einheit, die im Gegensatz zu den europ&#xE4;ischen Kolonien nicht in &#xDC;bersee lag. Es wurde durch zwei Eisenbahnlinien&#xA0;erschlossen. Die eine von Orenburg im Ural nach Taschkent. Die andere vom Kaspischen Meer entlang der persischen Grenze nach Taschkent. Russland versuchte aktiv, die Region durch russische und ukrainische Siedler wirtschaftlich auszubeuten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Dabei war das Gebiet strukturell relativ heterogen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Es gab zwei Protektorate innerhalb der Grenzen, das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva, die &#xA0;halbautonom und offiziell nicht Teil des Generalgouvernements waren. Insgesamt hatte Turkestan f&#xFC;nf Millionen Einwohner und erfasste ein Gebiet zwischen dem Kaspischen Meer und der chinesischen Grenze, dem Pamir im Osten, der afghanisch-persischen Grenze im S&#xFC;den und dem s&#xFC;dlichen Teil von Kasachstan. Es war also riesig und schwach besiedelt, bestand haupts&#xE4;chlich aus W&#xFC;ste und Steppen, im Westen aus Hochgebirgen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Dann bricht im Sommer 1914 der 1. Weltkrieg aus, eine gro&#xDF;e Anzahl von Soldaten ger&#xE4;t in Gefangenschaft. Wie kam es zu Kriegsgefangenenlager in Turkestan und in welcher Phase des Krieges wurden sie errichtet?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Ein Grund war wohl die Einigung zwischen Gro&#xDF;britannien und Russland, was die Grenzziehung angeht. Dadurch wurden viele Kasernen und milit&#xE4;rische Kapazit&#xE4;ten frei. Ein zweiter Grund war das Klima und die Ern&#xE4;hrungssituation, die relativ g&#xFC;nstig waren. Es gibt zudem Vermutungen, dass man den Verteidigern von Przemy&#x15B;l eine Geste der Wertsch&#xE4;tzung entgegenbringen wollte, indem man sie nicht nach&#xA0;Sibirien sondern nach Turkestan deportierte. Die Festung war am 22. M&#xE4;rz 1915 nach zweimaliger russischer Belagerung durch Kapitulation aufgegeben worden (<\/i>ca. 110.000 Soldaten der &#xF6;sterreichisch-ungarischen Garnison gerieten damit in russische Kriegsgefangenschaft, Anm. d. R.<i>). <\/i><br>\n<em>Die meisten Kriegsgefangenen wurden also im Zeitraum zwischen den Sommern 1914 und 1915 nach Turkestan gebracht. Sp&#xE4;ter wurden sie oftmals wieder wegverlegt, besonders in der Zeit nach 1916, als es zum&#xA0;<a href=\"http:\/\/www.eurasianet.org\/node\/80931\">Aufstand der Einheimischen gegen eine milit&#xE4;rische Mobilisierung der Bev&#xF6;lkerung<\/a> kam.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gibt es seri&#xF6;se Angaben zur Anzahl der Kriegsgefangenen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1948\/11\/elsa-brandstroem-zum-gedenken\">Elsa Brandstr&#xF6;m<\/a>, der &#x201E;Engel von Sibirien&#x201C; (<\/em>sie reiste f&#xFC;r das Schwedische Rote Kreuz mehrmals in Kriegsgefangenenlager, Anm. d. R<em>.) nennt die Zahl von 200.000 Kriegsgefangenen. Nach 1920 waren es ungef&#xE4;hr noch 30.000 die sich noch in Turkestan aufhielten. Zehntausende sind durch Typhus- und Choleraepidemien umgekommen. Nach der Russischen Revolution und einer Missernte kam es zu einer Hungersnot. Ein Teil der Gefangenen wurde verlegt, weil Landarbeiter im europ&#xE4;ischen Teil von Russland ben&#xF6;tigt wurden. Ebenfalls sollte verhindert werden, dass sich Kriegsgefangene auf Seiten der einheimischen Aufst&#xE4;ndischen schlagen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie lang hat eine Deportation nach Turkestan im Durchschnitt gedauert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In der Regel zwei Monate. Die Soldaten sind sehr oft hin- und herverlegt worden, sodass es teils schwer nachzuvollziehen ist. Das hatte logistische Gr&#xFC;nde oder geschah, um Korruption zu vertuschen, wenn Lagerkommandanten Gelder einbehalten haben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie gro&#xDF; waren diese Lager?<br>\n<\/strong><br>\n<em>Es gab 25 gro&#xDF;e Lager mit Au&#xDF;enstellen, wo die Zwangsarbeit haupts&#xE4;chlich stattgefunden hat. Ein <\/em><br>\n<em> gro&#xDF;es Lager hatte zehntausende Insassen. Teilweise lagen diese Lager in St&#xE4;dten und leerstehenden Kasernen, teilweise mussten die Gefangenen sie auf freiem Feld selbst errichten.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10864\" aria-describedby=\"caption-attachment-10864\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10864\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Ziegelei-Steppe.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Ziegelei-Steppe.jpg 650w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Ziegelei-Steppe-300x201.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Ziegelei-Steppe-128x86.jpg 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-10864\" class=\"wp-caption-text\">Ort der Zwangsarbeit: Ziegelei in der Steppe<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Bedingungen herrschten in diesen Lagern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><i>Die Situation unterschied sich stark je nach milit&#xE4;rischem Grad der Gefangenen. So waren Offiziere nach den Vorgaben der Haager Konfession&#xA0;privilegiert und mussten keine Zwangsarbeit leisten, sie bekamen einen Sold und sind sogar teilweise privat untergekommen. <\/i><br>\n<i> Die Situation der Mannschaften war sehr schwierig, sie litten an den Massenunterk&#xFC;nften, am Klima und am Ungeziefer. Die Berichte unterscheiden sich jedoch und die&#xA0;Situation hing stark vom beruflichen Hintergrund, der politischen Situation oder dem Kommandant des jeweiligen Lagers ab.<\/i><br>\n<em> Oft wird die Situation in Lagern als schlimmer als die Arbeitseins&#xE4;tze beschrieben, das Warten war psychologisch schwierig. <\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10865\" aria-describedby=\"caption-attachment-10865\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10865\" src=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"503\" srcset=\"https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent.jpg 800w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent-300x189.jpg 300w, https:\/\/novastan.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2017\/09\/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent-768x483.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-10865\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte vom Kriegsgefangenen Franz Praeg aus Taschkent<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Arten von Zwangsarbeit waren vorherrschend?<br>\n<\/strong><br>\n<em>Vor allem im Bausektor wurden Arbeitskr&#xE4;fte gebraucht, im Stra&#xDF;en- und Kanalbau, aber auch in der Landwirtschaft wurden viele Kriegsgefangene eingesetzt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Als &#xA0;einschneidendes Ereignis kann wohl die Russische Revolution 1917 und der Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 gesehen werden. Wie wirkten sich diese Umw&#xE4;lzungen auf die Kriegsgefangenen aus? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Mit der Februarrevolution 1917 ver&#xE4;nderte sich die Situation. Die Gefangenen wurden als Klassenbr&#xFC;der gesehen und die Hoffnung auf Befreiung war gro&#xDF;. Mit dem Beschluss der provisorischen russischen Regierung unter dem Druck der Alliierten, den Krieg weiterzuf&#xFC;hren, wurden die Gefangenen aber in die Lager zur&#xFC;ckgeholt und die Situation versch&#xE4;rfte sich sogar. <\/em><br>\n<i> Mit der Oktoberrevolution wurden sie&#xA0;letztlich jedoch zu freien, ausl&#xE4;ndischen B&#xFC;rgern. Theoretisch besa&#xDF;en sie also Bewegungsfreiheit, der Gro&#xDF;teil musste aber in den Lagern bleiben, weil sie nirgendwo anders wohnen konnten und sich den Lebensunterhalt selber erwirtschaften <\/i><i>mussten<\/i><i>. So gestaltete sich die soziale und wirtschaftliche Situation je nach Beruf extrem unterschiedlich. <\/i><br>\n<em> Gute Handwerker, Musiker und Techniker waren sehr gefragt. Die Berufsoffiziere, die sonst keine Ausbildung hatten, schlossen sich zum Teil der Roten Armee, zum Teil den einheimischen Aufst&#xE4;ndischen und der Konterrevolution an.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gerade Buchara und Kokhand galten als Zentren des antibolschewistischen Widerstands. Was war die Rolle der &#xF6;sterreichischen Kriegsgefangenen im folgenden B&#xFC;rgerkrieg?<br>\n<\/strong><br>\n<em> Es gab zum Beispiel Kriegsgefangene, die f&#xFC;r den Emir von Buchara in den Bergen Tadschikistans eine Waffenfabrik betrieben haben.<br>\n<\/em><em>Nach der Februarrevolution 1917 sich etablierte sich in Taschkent ein Revolutionsrat, manchmal waren die Bolschewiken an der Macht, dann wieder die Gegenseite. Eine sehr chaotische Situation also. <\/em><br>\n<i> In Kokhand etablierte sich eine Regierung, die ein autonomes Turkestan zumindest innerhalb des sowjetischen Herrschaftsgebiet etablieren wollte, die sogenannte &#x201E;Kokhander Autonomie&#x201C;.&#xA0;Sie wurde blutig niedergeschlagen, auch unter der Beteiligung von Kriegsgefangenen. <\/i><br>\n<em>Auch von Seiten Bucharas gab es Widerst&#xE4;nde. Die K&#xE4;mpfe wurden entlang der Bahnlinien gef&#xFC;hrt. Es gibt einen Bericht eines Grazer Zeitzeugen, der offen &#xFC;ber seine Beteiligung schreibt. Andere erw&#xE4;hnen nur, dass versucht wurde, sie anzuwerben, sie sich aber rausgehalten h&#xE4;tten. Sicher gab es mehr Ungarn, als Deutsch-&#xD6;sterreicher, die gek&#xE4;mpft haben. Teils aus ideologischen Gr&#xFC;nden, teils aus materiellen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Gab es Kontakt zwischen den Kriegsgefangenen und der ans&#xE4;ssigen Bev&#xF6;lkerung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>In erster Linie bestand Kontakt zu russischen Milit&#xE4;rs und der kolonialen Bev&#xF6;lkerung. Im ganzen Gebiet Turkestan gab es neben den traditionellen Stadtteilen russische Stadtteile. Mit der einheimischer Bev&#xF6;lkerung kam Kontakt zum Teil bei Fluchtversuchen zustande. Aber es wird immer wieder von einem gro&#xDF;en kulturellen und religi&#xF6;sen Unterschied gesprochen. Die Region erschien unglaublich exotisch, manche Gefangene interessierte das und sie wollten mehr erfahren. F&#xFC;r andere war die Umgebung nur bedrohlich und fremd. Es hat sicher auch eine Menge von Beziehungen zwischen Kriegsgefangenen und Frauen gegeben. Ich kenne einen Bericht von einer Ehe mit einer autochtonen Einheimischen, die aber sehr schnell an kulturellen Differenzen und der Verwandtschaft gescheitert ist.<br>\n<\/em><em>Sehr wenige haben Ehefrauen nach &#xD6;sterreich mitgebracht, viele haben Familie zur&#xFC;ckgelassen, dem wollen wir noch nachgehen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>In welchem Jahr endet die Spur &#xF6;sterreichischer Kriegsgefangene in Turkestan?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der gr&#xF6;&#xDF;te Teil der Verbliebenen 30.000 sind 1920 und 1921 &#x201E;repatriiert&#x201C; worden. F&#xFC;r die Zeit danach geben vielleicht lokale Quellen Aufschluss. Es gestaltet sich schwierig, weil deutschsprachige Kriegsgefangene in der Stalinzeit als &#x201E;Feindliche Ausl&#xE4;nder&#x201C; betrachtet wurden und oft in Lager deportiert wurden. <\/em><br>\n<em> In &#xD6;sterreich gab es einzelne Berichte &#xFC;ber Sp&#xE4;theimkehrer. F&#xFC;r viele der R&#xFC;ckkehrer war ihre Kriegsgefangenschaft jedoch ein Tabuthema.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Mehr &#xFC;ber die Rolle der R&#xFC;ckkehrer im &#xD6;sterreich der Zwischenkriegszeit und den Umgang mit der Geschichte der Kriegsgefangenen in Turkestan in <a href=\"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2\/\">Teil 2 des Interviews<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Das Interview f&#xFC;hrte Lukas D&#xFC;nser<\/strong><br>\n<strong> Chefredakteur Novastan.org<\/strong><\/p>\n<p>Noch mehr Zentralasien findet Ihr auf unseren Social Media Kan&#xE4;len, schaut mal vorbei bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/novastan_de\">Twitter<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Novastan.org\/\">Facebook<\/a>, <a href=\"https:\/\/telegram.me\/novastan\">Telegram<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company-beta\/5246815\/\">Linkedin<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/novastanorg\/\">Instagram<\/a>. 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