{"id":1000,"date":"2015-10-15T12:00:00","date_gmt":"2015-10-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/novastan.org\/de\/?p=1000"},"modified":"2023-09-06T12:43:48","modified_gmt":"2023-09-06T10:43:48","slug":"die-unsichtbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/novastan.org\/de\/kirgistan\/die-unsichtbaren\/","title":{"rendered":"Die Unsichtbaren Kirgistans"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Unsichtbare Menschen&#xA0;<\/strong><\/em><em><strong>sind Menschen ohne Pass. Sie erhalten keine Arbeitspl&#xE4;tze, m&#xFC;ssen schwarz arbeiten oder auf andere Weise ihren Lebensunterhalt verdienen. Ihre Kinder k&#xF6;nnen weder Kinderg&#xE4;rten noch Schulen<\/strong><\/em><em><strong>&#xA0;besuchen. Sie wohnen in nicht registrierten H&#xE4;usern. Sie existieren nicht.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weltweit gibt es Menschen ohne Papiere, auch in Kirgistan. Manche haben ihre Ausweise verloren oder verbrannt, manche haben nie einen bekommen. Manche sind Fl&#xFC;chtlinge und haben aus diesem Grund keinen Pass. Doch die Geschichte von Taazims* Familie aus At Bashi, im Naryn Gebiet,&#xA0;ist anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>17 Jahre ohne Existenz<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Taazim ist 1985 geboren und seit 17 Jahren unsichtbar f&#xFC;r ihr Heimatland. Sie ist das dritte von sechs Kindern ihrer Familie. Sie hatte eine Geburtsurkunde. Doch ihre Eltern wurden fr&#xFC;h geschieden und die Kinder blieben bei der Mutter. Ihre alkoholabh&#xE4;ngige Mutter konnte sich nicht um die Kinder k&#xFC;mmern. Taazims Kindheit war nicht gl&#xFC;cklich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ihre Geburtsurkunde sah sie das letzte Mal, als sie 13 Jahre alt war. Nach der 8. Klasse verlie&#xDF; sie die Schule und ging zu ihrem Onkel, der als Viehhirte f&#xFC;r einen wohlhabenden Mann arbeitete. Dort half sie mit den Tieren, molk K&#xFC;he und verkaufte die Milch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit 20 heiratete Taazim. Ihr Mann Esenkul*&#xA0;hatte im Unterschied zu ihr eine Geburtsurkunde, aber dennoch keinen Pass. Nach der Heirat bekamen sie keinen &#x201E;Sakz&#x201C;, das Ehedokument, wodurch auch ihre zwei Kinder keine Geburtsurkunden erhielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Taazims Familie wohnt heute in einem kleinen Haus, das sie von Esenkuls Vater geerbt haben, ungef&#xE4;hr 2,5km entfernt vom Dorf. Neben dem Haus steht ein langer Stall f&#xFC;r das Vieh. Die beiden haben nie als Angestellte gearbeitet, sie erhalten Geld daf&#xFC;r, dass sie auf das Vieh der Dorfbewohner aufpassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Alles war nicht so schlimm, bis unser erstes Kind in die Schule kam. F&#xFC;r die Schule braucht es eine Geburtsurkunde, ohne die darf es die Schule nicht besuchen. Erst da haben wir uns Gedanken &#xFC;ber unsere Unterlagen gemacht&#x201C;, erz&#xE4;hlt Taazim halb l&#xE4;chelnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nur mit Hilfe von Esenkuls Bruder hat die ganze Familie schlie&#xDF;lich erstaunlich schnell alle Unterlagen erhalten. Sie sind nun offiziell B&#xFC;rger Kirgistans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Hilfe f&#xFC;r die Unsichtbaren<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im M&#xE4;rz 2014 hatte die d&#xE4;nische Organisation <u><a href=\"http:\/\/www.danchurchaid.org\/\">DCA Central Asia<\/a><\/u> in Partnerschaft mit der Juristischen Klinik <u><a href=\"http:\/\/www.adilet.kg\/\">Adilet<\/a><\/u> und der &#xD6;ffentlichen Vereinigung <u><a href=\"http:\/\/aryshkg.kloop.kg\/\">Arysh<\/a><\/u> ein zweij&#xE4;hriges von der <a href=\"http:\/\/eeas.europa.eu\/delegations\/kyrgyzstan\/press_corner\/all_news\/news\/2014\/news03042014_en.htm\">Europ&#xE4;ischen Union <\/a>finanziertes&#xA0;Projekt in Bischkek gestartet. Sie konzentrieren sich auf die Wohnsiedlungen in der N&#xE4;he der&#xA0;kirgisischen Hauptstadt sowie&#xA0;der Stadt Osch im S&#xFC;den des Landes. Im Rahmen des Projekts helfen sie Binnenmigranten und den unsichtbaren Menschen. Als unsichtbar im Sinne des Projekts gilt allerdings nur, wer nie Dokumente hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 450px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1007\/11002650_614130378720163_2553188145676707604_n.jpeg\" alt=\"EU Civil registration Kyrgyzstan\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie sieht die Arbeit der Helfer aus? Sie erkl&#xE4;ren den Betroffenen ihre sozialen und politischen Rechte, vereinfachen den Prozess der Registrierung, f&#xF6;rdern die Teilnahme von Binnenmigranten und unsichtbaren B&#xFC;rgern an den Entscheidungs- und Wahlprozessen. Kurz: sie bem&#xFC;hen sich, die <a href=\"https:\/\/www.danchurchaid.org\/news\/news\/invisible-in-broad-daylight\">Unsichtbaren sichtbar zu machen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Wir geben ihnen juristische Unterst&#xFC;tzung und gehen mit ihnen die Prozedur durch, um Dokumente zu erlangen. F&#xFC;r eine Geburtsurkunde braucht man schon einen Haufen Dokumente&#x201C;, sagt Gairat Atavaliev, Hauptjurist bei Adilet. Im Gegensatz zu Taazim ist er gar nicht froh &#xFC;ber ihre Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Es kann sein, dass sie sich mit den Beh&#xF6;rden arrangiert haben, wenn sie ihre Papiere so schnell erhalten haben. Um so eine Geburtsurkunde zu erhalten, braucht es normalerweise mindestens ein halbes Jahr. Wir betreuen zum Beispiel eine Familie, in der &#xFC;ber drei Generationen hinweg etwa 20 Personen keine Dokumente hatten. Es braucht ein halbes Jahr, um die Dokumente des Gro&#xDF;vaters zu erstellen, und dann muss der Prozess mit der n&#xE4;chsten Generation wiederholt werden. Insgesamt kann das also 1,5 bis 2 Jahre dauern&#x201C;, betont der Jurist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Geburt ohne Dokumente<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In den meisten F&#xE4;llen sind es Kinder, die nach der Geburt gar nicht erst Dokumente erhalten. Laut internationalem Recht sind die Kliniken und Geburtsh&#xE4;user verpflichtet, bei jeder Geburt wenigstens eine medizinische Geburtsurkunde auszustellen. Doch oft geschieht das nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Au&#xDF;erdem wird die Urkunde ohne die Dokumente der Eltern nur &#x201E;dem Worte der Mutter&#xA0;nach&#x201C; ausgestellt, was meist nicht reicht, um Zugang zur Staatsb&#xFC;rgerschaft zu haben. &#x201E;Im Moment arbeitet im Ministerium f&#xFC;r soziale Entwicklung eine Arbeitsgruppe an der Verbesserung dieses Verfahrens, doch wir wissen nicht, wie dort der aktuelle Stand ist&#x201C;, erkl&#xE4;rt Gairat Atavaliev.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Zahl der Unsichtbaren in Kirgistan ist immer noch nicht klar. &#x201E;Zahlen gibt es nur im Rahmen der Projekte, es gibt keine Einsch&#xE4;tzung der allgemeinen Zahl nicht registrierter Einwohner. Das Problem ist ohne Zahlen f&#xFC;r den Staat auch weniger sichtbar&#x201C;, stellt Nurya Temirova von Arysh fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Internationale Erfahrungen<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Problematik betrifft nicht nur Kirgisistan, sondern auch andere postsowjetische L&#xE4;nder. Gairat Atavaliev von Adilet berichtet von internationalen Erfahrungen mit Unsichtbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Tadschikistan hat dasselbe Problem, und wei&#xDF; im Moment auch nicht, wie es das handhaben soll. In manchen Subjekten der Russischen F&#xF6;deration hat es auch schon Konferenzen und Aktionen zur Registrierung von Roma gegeben. Dort, wie auch in Georgien, gibt es eine vereinfachte Prozedur: die Dokumente einer Person k&#xF6;nnen nach dem beglaubigten Wort zweier Nachbarn erstellt werden. Das Wort dieser Nachbarn steht dann allerdings unter strafrechtlicher Garantie &#x2013; sie k&#xF6;nnen strafrechtlich belangt werden, wenn sich herausstellt, dass sie gelogen haben&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Das Problem ist nicht neu, aber aktueller denn je<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Frage war in Kirgistan immer aktuell, aber 2014, als Kirgistan begann, die biometrischen Daten m&#xF6;glichst aller B&#xFC;rgern zu sammeln, ist es besonders aktuell geworden. Im Prozess der biometrische Registrierung wurde <u><a href=\"http:\/\/aryshkg.kloop.kg\/2015\/02\/16\/ajgul-ryskulova-sbor-biometricheskih-dannyh-v-bishkeke-pokazal-bolshoe-kolichestvo-grazhdan-bez-dokumentov\/\">festgestellt<\/a><\/u>, dass allein in Bischkek ungef&#xE4;hr 20.000 Menschen keine Staatsangeh&#xF6;rigkeit haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><img decoding=\"async\" style=\"height: 400px;width: 600px\" src=\"\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/old\/img\/1007\/11705277_10153410476984054_3846871692961527146_n.jpeg\" alt=\"At Bashi\"\/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201C;Wir arbeiten seit 2009 daran, nachdem das Problem im gro&#xDF;en Stil ans Licht gekommen war. 2013 haben wir eine Forschung dazu begonnen, wie viele Betroffene es gibt, die sich erst mal nur auf die Wohnsiedlungen um Bischkek erstreckte&#x201C;, erkl&#xE4;rt Nurya Temirova.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#x201E;Das Problem zieht sich &#xFC;ber die Generationen und wird so immer gr&#xF6;&#xDF;er. Aktuell l&#xE4;uft die Kampagne f&#xFC;r die Sammlung biometrischer Daten und ohne Dokumente kann man sich nicht registrieren und wird so auch nicht w&#xE4;hlen k&#xF6;nnen. Menschen ohne Registrierung haben keinen Zugang zu ihren politischen und sozialen Rechten.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Emil Kalmatov von DCA sieht die gestiegene Bedeutung einer Registrierung aller Unsichtbaren in den verbesserten staatlichen Dienstleistungen: &#x201E;Die Thematik ist auch aktuell, da der Zugang zu &#xF6;ffentlichen Dienstleistungen sich generell verbessert hat, Menschen ohne Dokumenten jedoch verwehrt bleibt. Im Prinzip war es immer ein aktuelles Thema. Im Moment wird das &#x201E;Edinii Reestr Naselenia&#x201C; (Einheitliches Bev&#xF6;lkerungsregister) erschaffen, das eine Garantie f&#xFC;r bessere Dienstleistungen sein soll. Dadurch wird auch das Problem der Unsichtbaren sichtbar.&#x201C;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><strong>Kampf gegen die Korruption<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">&#xC4;hnlich bewertet Gairat Atavaliev die Situation. &#x201E;Das Problem wird gerade jetzt besonders behandelt, da es mit der Zeit immer weiter w&#xE4;chst, und schnell riesige Ausma&#xDF;e annehmen k&#xF6;nnten. Denn die Kinder von Unsichtbaren werden auch ohne Dokumente geboren, usw. Jetzt muss der Registrierungsprozess ge&#xE4;ndert werden. Und viele Menschen haben keinen Zugang zu den Informationen bez&#xFC;glich der Registrierung. Au&#xDF;erdem f&#xF6;rdert dieses Problem auch die Korruption im Land, da man statt mit Dokumenten auch &#xFC;ber Bestechung Zugang zu vielen Dienstleistungen erh&#xE4;lt&#x201C;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass f&#xFC;r die Unsichtbaren oft Korruption und Bestechung die einfachste L&#xF6;sung sind, zeigt auch die Geschichte von Taazim. Sie ist eines von vielen Beispielen. Organisationen wie DCA, Arysh und Adilet setzen sich daf&#xFC;r ein, dass sie und andere Unsichtbare ihre Rechte in Zukunft auf legalem Weg wahrnehmen k&#xF6;nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Nuriipa Abdumalik Kyzy<br>\nAutorin f&#xFC;r Novastan.org, Bischkek<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>Redigiert von Luisa Podsadny<\/strong><\/p>\n<p>*Die Namen wurden ge&#xE4;ndert<\/p>\n<p><!-- Begin MailChimp Signup Form --><\/p>\n<p><!--End mc_embed_signup--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen ohne Papiere f&#xFC;hren in Kirgistan ein Leben in der Illegalit&#xE4;t. 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