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	<title>Zeitgeschichte Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Zeitgeschichte Archives</title>
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		<title>Die „Baumwollaffäre“ &#8211; Wie der staatliche Plan zur Steigerung der Baumwollproduktion zu einer landesweiten Korruptionsaffäre führte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Berenika Zeller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Dec 2022 20:07:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Baumwolle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Usbekische Sowjetrepublik galt zu ihrer Zeit als wichtigste Produktionsst&#xE4;tte des &#x201E;wei&#xDF;en Goldes&#x201C; &#x2013; der Baumwolle. Der staatliche F&#xFC;nfjahresplan zur Steigerung der Baumwollproduktion stellte die Republik allerdings vor eine unerf&#xFC;llbare Herausforderung, die in einer fl&#xE4;chendeckenden Korruptionsaff&#xE4;re resultierte. Breschnews Nachfolger Juri Andropow erhoffte sich mit der gro&#xDF;fl&#xE4;chigen Ermittlung der &#x201E;Baumwollaff&#xE4;re&#x201C; seine politischen Gegner auszuschalten. Der folgende [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Usbekische Sowjetrepublik galt zu ihrer Zeit als wichtigste Produktionsstätte des „weißen Goldes&#8220; – der Baumwolle. Der staatliche Fünfjahresplan zur Steigerung der Baumwollproduktion stellte die Republik allerdings vor eine unerfüllbare Herausforderung, die in einer flächendeckenden Korruptionsaffäre resultierte. Breschnews Nachfolger Juri Andropow erhoffte sich mit der großflächigen Ermittlung der „Baumwollaffäre“ seine politischen Gegner auszuschalten. </strong><strong>Der folgende Artikel erschien im November 2022 bei </strong><a href="https://sarpa.media/cotton-case"><strong>sarpa.</strong></a><strong> Wir übersetzen </strong><strong>ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. </strong>

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Usbekistan zur wichtigsten Produktionsstätte von Baumwolle innerhalb der UdSSR und versorgte damit die Leichtindustrie in allen Sowjetrepubliken. Der staatliche Plan für den Anbau des sogenannten „weißen Goldes&#8220; wurde von Jahr zu Jahr ausgeweitet. In den 1980er Jahren war fast die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche Usbekistans für den Anbau von Baumwolle bestimmt.

Die große Nachfrage nach dem Rohstoff war nicht nur auf die Textilindustrie zurückzuführen. Baumwolle war auch ein wesentlicher Bestandteil bei der Herstellung von Nitrocellulose, einer brennbaren Substanz, aus der rauchloses Schießpulver gewonnen wurde. Dabei wurde Baumwolle nicht nur für Schusswaffen benötigt. Sie war ebenso eine der wichtigsten Komponenten bei der Herstellung von Raketentreibstoff.

</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Der Gosplan der UdSSR (die auf fünf Jahre ausgelegten Wirtschaftspläne des Landes) erhöhte die Pläne für die Lieferung von Baumwolle stetig im Abstand von fünf Jahren. Bis zum Jahr 1983 sollte die Usbekische SSR so auf eine Produktion von sechs Millionen Tonnen Baumwolle pro Jahr kommen. (Zum Vergleich: Usbekistan produzierte im Jahr 2020 etwas mehr als drei Millionen Tonnen).

Um diese Herausforderung anzugehen, wurden verschiedene Methoden eingesetzt, darunter der Einsatz von Düngemitteln und der Bau neuer Bewässerungskanäle. Letztere sind für die Austrocknung des Aralsees verantwortlich. Jeden Herbst wurden Ärzte, Lehrpersonen, Schüler:innen und Studierende auf die Felder geschickt, um Baumwolle zu lesen. Dennoch erfüllte die Usbekische Sowjetrepublik den staatlichen Plan nicht einmal annährend.

<strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/baumwolle-in-usbekistan-vom-sezessionskrieg-bis-heute/">Baumwolle in Usbekistan vom Sezessionskrieg bis heute</a></strong>

An der Verschleierung der Defizite beteiligten sich alle möglichen Personen – von den Baumwollpflückern bis zu den Parteikomitees der Oblaste und auch die oberste Führung waren alle an der Schaffung und Lieferung von nicht vorhandener Baumwolle beteiligt. Damit die Kontrollinstanzen nichts bemerkten, wurde die nicht vorhandene Baumwolle in geschlossenen Wagons „transportiert“, so als ob sie existieren würde. Ebenso wurde die fiktiv existierende Baumwolle in Fabriken der gesamten UdSSR „angenommen“ und in Lieferscheinen und Tabellen eingetragen. In den Produktionsbetrieben ging die Baumwolle auf unerklärliche Weise „verloren“ oder „verbrannte“ unglücklicherweise. In diesem Fall sprach man von „natürlichem Produktionsverlust“.

Bei jeder dieser Etappen flossen Bestechungsgelder. Konzessionäre, Bezirkskomitees, Regionalausschüsse, Fabrikdirektoren, Eisenbahnbetreiber, Minister der Republiken und Köpfe der Gewerkschaftsabteilungen – alle bereicherten sich daran.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Und dann ging’s los</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
Nach Breschnews Tod im Jahre 1982 übernahm KGB-Chef Juri Andropow die Funktion des Generalsekretärs der UdSSR. Während seiner 15-jährigen Amtszeit hatte er die verlässlichsten Informationen über den Stand der Baumwollproduktion in der UdSSR erhalten. Nachdem er dem KGB in einem großangelegten Kampf gegen die Korruption die Fesseln genommen hatte, hoffte er, gegen seine Kollegen starke Argumente im gefährlichen politischen Geschäft zu erhalten. Sein Ziel war die Festigung der eigenen Macht, indem er seine politischen Gegner ausschaltete.

Usbekistan wurde dabei nicht zufällig als Zielland der Korruptionsbekämpfung ausgewählt:
</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Die Missstände innerhalb der Republik waren derart ausgeprägt, dass sie kaum kaschiert werden konnten. Außerdem häuften sich in Moskau Beschwerden über den Reichtum der Parteiführer</li>



<li>Andropow benötigte bestätigte Fälle von mangelhafter oder offenkundig rechtswidriger Arbeit des Innenministeriums. Dieses wurde von seinem politischen Hauptkonkurrenten, Breschnews Schwiegersohn Juri Tschurbanow, geführt.</li>



<li>Der neue Generalsekretär Andropow hegte eine persönliche Abneigung gegen den Chef der Usbekischen SSR, Scharaf Raschidow, der über Jahre hinweg Breschnews Vertrauen genossen hatte, was ihm zu Lebzeiten Immunität vor Ermittlungen verschaffte.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">
Im Februar 1983 wurde eine Ermittlungskommission eingesetzt, um die von den Behörden der usbekischen SSR begangenen Missbräuche zu untersuchen. Am 25. April desselben Jahres traf die Kommission in Taschkent ein. Formal war dies der offizielle Beginn der Baumwollaffäre.

<strong>Lest auch auf Novastan:&nbsp;<a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tiefgreifende-reformen-in-usbekistans-baumwollproduktion/">Tiefgreifende Reformen in Usbekistans Baumwollproduktion</a></strong>

Es war von Anfang an klar, welches Ausmaß die Untersuchung haben würde. Deshalb untersuchten rund 200 Ermittler aus der gesamten UdSSR die „Baumwollaffäre“. Darüber hinaus waren an den Ermittlungen mehr als 3.000 Einsatzkräfte von Polizei und KGB sowie 700 Ökonomen beteiligt. Der gesamten Untersuchungskommission gehörten somit rund 5.000 Mitglieder an. Federführend bei den Ermittlungen waren zwei Mitglieder der Generalstaatsanwaltschaft für Sonderverfahren, Telman Gdlyan und Nikolaj Iwanow.

Die Ereignisse überschlugen sich, als Achat Musafarow, Leiter der Abteilung gegen Veruntreuung von sozialistischem Eigentum (kurz: OBKhSS) von Buchara, festgenommen wurde. Dieser wurde beim Versuch erwischt, Bestechungsgelder im Wert von 1000 Rubel (heute wären dies rund 1.850 Dollar) zu zahlen. Bei einer Durchsuchung seines Hauses wurden 1 Million Rubel und weitere 1,5 Millionen Rubel in zaristischen Goldmünzen gefunden (bei einem Durchschnittsgehalt von rund 150 Rubel). Infolgedessen machte er eine Zeugenaussage.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Die Ermittler wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Die erste Gruppe war vor Ort tätig und überprüfte alle baumwollverarbeitenden Betriebe und Fabriken, während sich die zweite Gruppe mit hochrangigen Partei- und Staatsbeamten befasste.

Bald wurden der Leiter des Regionalkomitees von Buchara, Karimow, und der Innenminister Ergashev Verhören, Durchsuchungen und Verhaftungen unterzogen. Als Ergashev von seiner Verhaftung erfuhr, erschoss er sich; sein Stellvertreter tat es ihm gleich.

Gleichzeitig wurden kompromittierende Beweise gegen Rashidow gesammelt. Ziel war es, ihn seines Amtes zu entheben. Im September 1983 gab der erste Sekretär des regionalen Parteikomitees von Choresm zu, Raschidow 1,5 Millionen Rubel für den Titel des „Helden der sozialistischen Arbeit“ gegeben zu haben. Die Tatsache wurde vermerkt, jedoch starb Raschidow unerwarteter Weise am 31. Oktober desselben Jahres.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Resultate der „Baumwollaffäre“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Untersuchung der „Baumwollaffäre“ zog sich noch weitere 6 Jahre bis ins Jahr 1989, obschon ihr Initiator Andropow bereits im Jahr 1984 verstarb. Während der gesamten Untersuchung wurden rund 20.000 Leute befragt und um die 800 Strafverfahren eingeleitet. Etwa 4.000 Personen wurden verurteilt, darunter 600 Personen in leitenden Funktionen sowie zehn „Helden der sozialistischen Arbeit“. Bei den Verurteilten wurden Geld und unrechtmäßig erlangte Wertgegenstände im Wert von 100 Millionen Rubel beschlagnahmt. Unter dem Vorwurf der Korruption wurden insgesamt 29 leitende Persönlichkeiten des Innenministeriums Usbekistans und der UdSSR, vier Sekretäre des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Usbekistans und acht regionale Parteisekretäre festgenommen und verurteilt. Der Minister der Baumwollindustrie Usmanow sowie Musafarow vom OBKhSS wurden erschossen. Infolgedessen konnte nachgewiesen werden, dass die UdSSR allein in den 70er und 80er Jahren aufgrund der Verfälschungen der Baumwollernteindikatoren 3 Milliarden Rubel verloren hatte. Allein 1983 wurden Usbekistan 981.000 Tonnen ungeerntete, also nicht vorhandene Baumwolle zugeschrieben. Hierfür wurden 757 Millionen Rubel an die Republik gezahlt, wovon 286 Millionen verschwanden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von Gorbatschow 1985 eingeleitete „Glasnost“-Politik erforderte die Offenlegung der Untersuchungsergebnisse. Im Januar 1988 veröffentlichte die Zeitung „Prawda“ die Materialien des Falles &#8211; Vertreter der höchsten Staatsmacht und Parteifunktionäre waren in die Korruptionsaffäre verstrickt. <strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-mehr-als-zehn-jahren-boykott-usbekischer-baumwolle-aufgehoben/">Nach mehr als zehn Jahren: Boykott usbekischer Baumwolle aufgehoben</a></strong> Die Veröffentlichung des kritischen Materials ermutigte nicht nur die sowjetische Medienlandschaft dazu, über Korruption zu schreiben. Die Schwächung der Zentralregierung im Zusammenhang mit der Perestroika machte von diesem Zeitpunkt an auch Ermittlungen von Korruptionsvorfällen einfacher. So wurden im folgenden Jahr der ehemalige Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Usbekischen SSR, der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der Usbekischen SSR und die Sekretäre der regionalen Parteikomitees von Taschkent, Ferghana, Namangan und Karakalpakstan verhaftet. Spuren führten nach Moskau. Im März 1989 wurden eine Kommission des Zentralkomitees der KPdSU und eine Kommission des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR eingesetzt, um Rechtsverstöße bei den Ermittlungen zu überprüfen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Kommissionen bestätigten Verstöße – Folter, Erpressung, Drohungen, um Geständnisse zu erzielen. Infolgedessen wurde im Mai 1989 ein Strafverfahren gegen Gdlyan und Iwanow eröffnet. Die beiden, die die damaligen Ermittlungen geleitet hatten. Am 25. Dezember 1991 (einen Tag vor der rechtlichen Auflösung der UdSSR) begnadigte Präsident Karimow alle in der „Baumwollaffäre“ verurteilten Personen, die die auf dem Territorium der Republik ihre Strafen verbüßten. Vertreter:innen der „offiziellen“ usbekischen Geschichtswissenschaft bewerteten die Ereignisse der 1980er Jahre aus folgendem Blickwinkel: <em>„Schuld an all dem Unglück, das der Bevölkerung der Republik im Zusammenhang mit den Machenschaften der von Moskau entsandten ‚Korruptions-Bekämpfer‘ widerfahren ist, tragen das Gewerkschaftszentrum und die Führung der Kommunistischen Partei Usbekistans.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Wlad Awdeew, Sarpa</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://sarpa.media/cotton-case">Russischen</a> von Berenika Zeller</strong></p>


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		<title>Autoritarismus, politische Morde und Vetternwirtschaft: Die Präsidentschaft Kurmanbek Bakijews</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/autoritarismus-politische-morde-und-vetternwirtschaft-die-praesidentschaft-kurmanbek-bakijews/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Apr 2022 17:37:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Aprilrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kurmanbek Bakijew]]></category>
		<category><![CDATA[Tulpenrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kurmanbek Bakijew war von 2005 bis 2010 Pr&#xE4;sident Kirgistans. Seine Herrschaft, die mit der Aprilrevolution von 2010 ein Ende fand, war von Autoritarismus, politischen Morden und Vetternwirtschaft gepr&#xE4;gt. Der folgende Artikel erschien am 7. April 2022 auf Kloop. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Kurmanbek Bakijew ist der zweite Pr&#xE4;sident in der Geschichte [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kurmanbek Bakijew war von 2005 bis 2010 Präsident Kirgistans. Seine Herrschaft, die mit der Aprilrevolution von 2010 ein Ende fand, war von Autoritarismus, politischen Morden und Vetternwirtschaft geprägt. Der folgende Artikel erschien am 7. April 2022 auf </strong><a href="https://kloop.kg/blog/2022/04/07/avtoritarizm-politicheskie-ubijstva-i-klanovost-kak-pravil-kurmanbek-bakiev-i-pochemu-ego-svergli/"><strong>Kloop</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurmanbek_Bakijew">Kurmanbek Bakijew</a> ist der zweite Präsident in der Geschichte des unabhängigen Kirgistans. Bei seiner Amtseinführung im August 2005 <a href="https://kg.akipress.org/news:1417505">schwor er</a>, die Verfassung und Gesetze der Republik, ihre Unabhängigkeit und Souveränität <em>„heilig zu wahren und zu verteidigen“</em> und <em>„die Rechte und Freiheiten aller Bürger des Landes zu achten und zu sichern“. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph">An die fast fünfjährige Herrschaft Bakijews erinnerte man sich jedoch wegen politischer Morde, Verfolgung der Opposition, Korruption, etabliertem Autoritarismus und Clanherrschaft. Am 7. April 2010 wurde Bakijew entmachtet. Damals fand die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Regierungswechsel_in_Kirgisistan_2010">Aprilrevolution</a> statt, die an diesem Tag 87 Todesopfer forderte. Kloop hat die wichtigsten Ereignisse der Präsidentschaft Kurmanbek Bakijews und die Gründe für seinen Sturz zusammengestellt. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Wie Bakijew an die Macht kam</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Kurmanbek Bakijew verfügte über einen reichen Erfahrungsschatz im Staatsdienst – er war Stellvertreter des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschogorku_Kengesch">Dschogorku Kengesch</a> und Premierminister. 2004 war er der Anführer der oppositionellen „Vereinigten Volksbewegung“. Nachdem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Askar_Akajew">Askar Akajew</a> infolge der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tulpenrevolution">Tulpenrevolution</a> gestürzt worden war, wurde Bakijew <a href="https://rus.azattyk.org/a/2423691.html">Interimspräsident</a> und später <a href="https://rus.azattyk.org/a/2423811.html">Premierminister</a> des Landes. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Revolution in Kirgistan wurde weder von Russland noch von Amerika vorbereitet. Sowohl der Form als auch dem Inhalt nach ist es eine nationale Revolution. Sie ist das Ergebnis dessen, was in den letzten Jahren im Staat passiert ist. Zu so etwas führt es, wenn die Behörden nicht auf ihr Volk hören“</em>, <a href="https://rus.azattyk.org/a/2425580.html">kommentierte</a> Bakijew den Sturz Akajews im Mai 2005. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Am 10. Juni fanden im Land Präsidentschaftswahlen statt, bei denen Kurmanbek Bakijew als unangefochtener Favorit galt. Einen Wahlkampf gab es kaum, Bakijews Hauptkonkurrent <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Kulow">Felix Kulow</a> tat sich mit ihm <a href="https://rus.azattyk.org/a/2425795.html">zusammen</a>, nachdem ihm der Posten des Premierministers versprochen worden war. Infolgedessen <a href="https://kg.akipress.org/news:630478">gewann</a> Bakijew die Wahl mit fast 89 Prozent der Stimmen. Tursunbaj Bakir-uulu folgte mit 3,93 Prozent der Stimmen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">2009 wurde Bakijew wiedergewählt und erhielt mehr als 76 Prozent der Stimmen. Seine Gegner <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almasbek_Atambajew">Almasbek Atambajew</a> und Dschenischbek Nasaralijew sprachen jedoch von massiven Verstößen während der Vorbereitung und Durchführung der Wahl. Atambajew erklärte sogar, dass seiner Familie mit körperlicher Gewalt gedroht wurde, weshalb sie ins Ausland übersiedeln musste. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Usurpation der Macht</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Eine der Forderungen der Tulpenrevolution war die nach einer Verfassungsreform. Bakijew hatte es jedoch nicht eilig, sie zu ändern. Er war zufrieden mit der „superpräsidentiellen&#8220; Verfassung und – wie <a href="https://rus.azattyk.org/a/kyrgyzstan_politics_constitution_day/24977709.html">Radio Azattyk</a> anmerkte – <em>„nachdem er seine Macht gestärkt hatte, schrieb er das Grundgesetz auf seine eigene Weise um&#8220;.</em> Im November und Dezember 2006 bereitete eine Gruppe oppositioneller Abgeordneter eine Verfassungsänderung vor, die anschließend angenommen wurde. Aber am 14. September 2007 annullierte das Verfassungsgericht deren Gültigkeit und die unter Akajew beschlossene Verfassung von 2003 trat wieder in Kraft. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 2007 fand ein Referendum statt, bei dem eine Neufassung der Verfassung angenommen wurde. Gemäß den <a href="https://24.kg/vlast/188345_neopyat_asnova_kajdaya_novaya_vlast_stranyi_perepisyivaet_konstitutsiyu/">Änderungen</a> wurde die Zahl der Abgeordneten auf 90 reduziert und ein Verhältniswahlsystem für die Wahl des Parlaments eingeführt. Dem Parlament wurden Kontrollfunktionen übertragen, aber darüber hinaus bekam es keine besonderen weitreichenden Befugnisse. Der Präsident behielt sich das Recht vor, das Ministerkabinett und den Premierminister auf Antrag zu entlassen. Darüber hinaus konnte er Gesetzentwürfe selbst initiieren. Er verfügte über ein Vetorecht und bestimmte die Außenpolitik. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Das Land in den Händen der Familie</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Laut dem Politologen Mars Sarijew schuf Bakijew ein autoritäres Regime, in dem seine Verwandten an der Spitze standen. Während Bakijews Herrschaft diente sein ältester Sohn Marat als stellvertretender Vorsitzender des Geheimdienstes, während sein jüngerer Sohn Maxim und sein Bruder Dschanysch Bakijew die mächtigsten Menschen des Landes wurden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Maxim Bakijew leitete die Zentralagentur für Entwicklung, Innovation und Investitionen und Dschanysch Bakijew den Staatssicherheitsdienst. Maxim Bakijew wurde beschuldigt, das gesamte Wirtschaft im Land übernommen zu haben. Große Aktienpakete an 13 führenden Unternehmen der Republik – wie dem internationalen Flughafen Manas, Kyrgyztelecom, Severelectro, Kyrgyzgaz – landeten in der Treuhandverwaltung der kirgisischen Holding „MGN Group“. Generaldirektor der Holding war der US-Bürger Yevgeny Gurevich, ein enger Geschäftspartner von Maxim Bakijew. Diese Holding wurde zum wichtigsten Partner von Kirgistans Entwicklungsfonds (dem Hauptaktionär der führenden Unternehmen des Landes), der wiederum der Zentralagentur für Entwicklung, Innovation und Investitionen und damit Maxim Bakijew unterstand. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/korruption-zentralasien-im-weltweiten-vergleich-weiterhin-abgeschlagen/"><strong>Korruption: Zentralasien im weltweiten Vergleich weiterhin abgeschlagen </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Journalist Turat Akimow stellte fest, dass die Bakijews alle Bereiche des Landes kontrollierten, einschließlich der Kriminalität. <em>„Nur sein Bruder Dschanysch Bakijew war für eine solche Rolle [der Kontrolle von Kriminellen] geeignet. Gleichzeitig blieb die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes wichtig. Diese vertraute Kurmanbek Bakijew seinem Sohn an. Kirgistan wurde also von seiner „rechten Hand“ Dschanysch und seiner „linken Hand“ Maxim regiert“</em>, erklärte er in einem Interview mit <a href="https://ru.sputnik.kg/20210814/kurmanbek-bakiev-oshibka-politika-klan-kriminal-rodstvenniki-maksim-1053479916.html">Sputnik.kg</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Umverteilung des Eigentums nach der Machtübernahme, die Verschwendung von Wasser- und Energieressourcen, der Missbrauch von Krediten, die Moskau für andere Zwecke gewährt hat, der ungünstige </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kumtor-Mine"><em>Kumtor</em></a><em>-Deal, die Wäsche von „schmutzigem“ Geld aus aller Welt durch Maxim und die internationale Finanzgruppe, […]  – dies ist eine unvollständige Liste der Verdienste des Clans. Das heißt, er hat fast das ganze Land unter sich zermalmt. Man muss auch die Spiele rund um den Luftwaffenstützpunkt Gansi erwähnen – und den Versuch, zwischen den beiden Weltmächten Russland und den Vereinigten Staaten zu manövrieren. All dies führte zum Sturz Bakijews, der das Blut der Bürger vergoss, weil er die Macht nicht aufgeben wollte“</em>, so Sarijew weiter. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Mord</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Wie <a href="https://rus.azattyk.org/a/30533939.html">Radio Azattyk</a> feststellte, gab es während Bakijews Herrschaft auch eine Reihe Morde an berühmten Persönlichkeiten. So wurden der Abgeordnete Dschyrgalbek Surabaldijew, der Stuntman Usen Kudaibergenow, der Abgeordnete Bajaman Erkinbajew, der Sportler Raatbek Sanatbajew, die Abgeordneten Sandschar Kadyralijew und Tyntschtykbek Akmatbajew sowie der Gangsterboss Rysbek Akmatbajew getötet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer der aufsehenerregendsten Morde war der an dem Journalisten Gennadij Pawljuk. Er wurde 2009 aus dem 6. Stock eines Wohnhauses in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> geschleudert. Seine Beine und Arme waren mit Klebeband verbunden. Sechs Tage lag der Journalist im Koma und erlangte nie wieder das Bewusstsein. Verwandte und Mitarbeiter von Pawljuk brachten den Mord mit seiner beruflichen Tätigkeit in Verbindung und vermuteten politische Gründe dahinter. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Frühjahr sagten die Politiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ömürbek_Tekebajew">Ömürbek Tekebajew</a> und Almasbek Atambajew offen, dass der kirgisische Geheimdienst hinter dem Mord an Pawljuk stecken würde. <em>„Im Laufe von Bakijews Herrschaft, insbesondere in den letzten Jahren, wurden einige Strafverfolgungsbehörden tatsächlich in halbkriminelle Strukturen umgewandelt. Es wurden sogar Einheiten geschaffen, die sich mit der physischen Beseitigung und Einschüchterung unerwünschter Personen befassten. Wir wissen, dass der Journalist Pawljuk in Almaty von unseren Diensten, von einer solchen kriminellen Einheit, getötet wurde“</em>, <a href="https://rus.azattyk.org/a/3205730.html">sagte</a> Atambajew im Juni 2010. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Jahr 2010 wurde der ehemalige Geheimdienst-Offizier Aldajar Ismankulow von kasachstanischen Strafverfolgungsbehörden wegen dem Mord an Pawljuk <a href="https://rus.azattyk.org/a/3436215.html">festgenommen</a>. Später verurteilte ihn ein Gericht als Organisator der Entführung und Ermordung Pawljuks zu 17 Jahren Gefängnis. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der ehemalige Leiter der Präsidialverwaltung, Medet Sadyrkulow, und der ehemalige Leiter des Internationalen Instituts für Strategische Studien, Sergej Sleptschenko, gelten als Opfer des Bakijew-Regimes. Beide wurden am 13. März 2009 getötet. Laut der damals von den Behörden veröffentlichten Version krachte ein weißer Audi-100 in Sadyrkulows Geländewagen, woraufhin der SUV abbrannte. Sadyrkulow, Sleptschenko und der Fahrer Kubat Sulaimanow kamen ums Leben. Ömürbek Osmonow, ein Arbeitsloser aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Osch">Gebiet Osch</a>, wurde wegen des tödlichen Autounfalls angeklagt. Das Gericht verurteilte ihn zu 12 Jahren Gefängnis in einer Strafkolonie. Nach den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unruhen_in_S%C3%BCdkirgisistan_2010">Ereignissen im April 2010</a> wurde Osmonow getötet. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/nach-zehn-jahren-neun-fragen-zu-den-unruhen-in-osch/">Nach zehn Jahren – neun Fragen zu den Unruhen in Osch</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der brutale Mord an Sadyrkulow wurde erst nach dem Sturz des Bakijew-Clans im April 2010 aufgedeckt. Die Brüder Bakijew wurden beschuldigt, den Mord an Sadyrkulow organisiert zu haben, da er ihren Sturz vorbereitet hatte. Dschanysch Bakijew wurde in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach Angaben der Ermittler wurde Sadyrkulows Auto von Polizisten und Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes angehalten. Der Politiker wurde auf eine Datscha gebracht und dort gefoltert und getötet. Danach inszenierten sie den Unfall. Den Ermittlungen zufolge wurde der Befehl zur Ermordung Sadyrkulows persönlich von Dschanysch Bakijew erteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> <em>„Nachdem Sadyrkulow und Sleptschenko verprügelt worden waren, gab [Dschanysch] den Befehl, Sadyrkulow, Sleptschenko und Sulaimanow zu töten. Er verwendete den Ausdruck Auslöschen,“</em> heißt es in einer Erklärung der Generalstaatsanwaltschaft. Zehn Tage vor dem Mord an Sadyrkulow gab es ein Attentat auf den Journalisten Syrgak Abdyldajew. Die Zeitung „Reporter Bischkek“, in der der Journalist arbeitete, galt als oppositionell. Unbekannte fügten ihm mehrere Dutzend Stichwunden zu, außerdem hatte er gebrochene Arme und Beine. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Schüsse auf Demonstrierende </strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Im Jahr 2002 demonstrierten Einwohner des Dorfes Bospiek im Bezirk Aksy (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Dschalalabat">Gebiet Dschalalabad</a>) gegen die Übertragung eines Teils des kirgisischen Territoriums an China. Die Polizei setzte Waffen gegen die Demonstrierenden ein und tötete sechs Menschen. In der Geschichte des unabhängigen Kirgistans war es der erste Fall, in dem die Behörden Feuer gegen unbewaffnete Bürger:innen einsetzten. Der unmittelbare Grund für die Unruhen war die Festnahme eines Bewohners des Bezirks Aksy, des Abgeordneten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Asimbek_Beknasarow">Asimbek Beknasarow</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuvor hatte er Präsident Akajew für eine Einigung mit China über die Festlegung der Staatsgrenze kritisiert. Bislang ist nicht geklärt, wer den Polizisten den Befehl gegeben hat, auf Bürger:innen zu schießen. Zu dieser Zeit war Akajew <a href="https://kloop.kg/blog/2021/04/28/zhaleyu-chto-v-2005-godu-ne-peredal-vlast-mirnym-putyom-intervyu-askara-akaeva-o-svoyom-prezidentstve-i-tyulpanovoj-revolyutsii/">laut eigenen Angaben</a> im Ausland. Während seiner Herrschaft wurde die Schuld für die Hinrichtung der Demonstrierenden den örtlichen Behörden zugeschoben. Später tauchten Informationen auf, dass der damalige Leiter der Präsidialverwaltung, Amanbek Karypkulow, per Telefon der Polizei <a href="https://rus.azattyq.org/a/court_aksy_kyrgyzstan_/2288628.html">befohlen hatte</a>, zu schießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> <strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/diktatoren-ohne-grenzen/"><strong>Diktatoren ohne Grenzen </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber laut Asimbek Beknasarow, der nach der Revolution von 2005 Generalstaatsanwalt wurde, wurden Dokumente zu den Operationen „Taifun“ (Lokalisierung von Unruhen) und „Buran“ (Schutz von Verwaltungsgebäuden) vom damaligen Ministerpräsidenten Kurmanbek Bakijew unterzeichnet. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Dokumente wurden 2005 entdeckt, als ich als Generalstaatsanwalt die Untersuchung der Vorfälle im Bezirk Aksy wieder aufnahm. Wir haben sie fast nicht bekommen, da sie als „geheim“ eingestuft waren. Ich sagte zu Bakijew: „Sie haben diese Dokumente unterschrieben, also müssen Sie zum Verhör erscheinen.“ Und er versprach immer wieder zum Verhör zu kommen. Er spielte auf Zeit und entließ mich fünf Monate später vom Posten des Generalstaatsanwalts. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Aber Bakijew blieb nicht ungestraft. 2010, als ich Mitglied der Provisorischen Regierung war, habe ich den Fall wieder aufgenommen und Anklage gegen ihn erhoben. Er wurde in Abwesenheit verurteilt“</em>, sagte Beknasarow in einem Interview mit <a href="https://rus.azattyk.org/a/aksyyskie-sobytiya-19-let/31156107.html">Radio Azattyk</a>. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Aprilrevolution</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Während Bakijews Herrschaft wurde die Opposition von den Behörden verfolgt. Seit Ende 2008 gab es einen Oppositionsblock, die „Vereinigte Volksbewegung“. Deren Ziel war es, Bakijew aus dem Amt zu entfernen, eine Übergangsregierung zu bilden und eine neue Verfassung zu verabschieden. Zu den Anführern der Bewegung gehörten Almasbek Atambajew, Asimbek Beknasarow, Ömürbek Tekebajew, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Temir_Sarijew">Temir Sarijew</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Otunbajewa">Rosa Otunbajewa</a> und Ismail Isakow. Die Mitglieder der Bewegung wurden jedoch festgenommen. 2009 wurde Alikbek Dschekschenkulow, Vorsitzender der Partei „Für Gerechtigkeit“, verhaftet. Ismail Isakow wurde wegen „Machtmissbrauchs“ verurteilt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 17. März 2010 wurde der „Volks-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurultai">Kurultai</a>“ der Vereinigten Volksbewegung in Bischkek abgehalten. Später wurden Kurultais auch für anderen Regionen des Landes geplant, aber die Behörden legten Steine ​​in den Weg. In <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Talas_(Kirgisistan)">Talas</a> sollte der Kurultai am 6. April stattfinden. Kurz zuvor trafen die damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Iskender Aidaralijew und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Akylbek_Dschaparow">Akylbek Dschaparow</a> sowie Innenminister <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moldomussa_Kongantijew">Moldomusa Kongantijew</a> mit zusätzlichen Polizeikräften in der Region ein. Dies erhöhte die Spannung. Die Demonstrierenden begannen, Steine ​​auf die Polizei zu werfen, und es kam zu Zusammenstößen. Daraufhin brannten die Demonstrierenden das Gebäude der Regionalverwaltung nieder, setzten Kongantijew fest und verprügelten ihn brutal. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><iframe title="Бывший министр внутренних дел Киргизии" width="500" height="375" src="https://www.youtube.com/embed/j1OPW8Z03Xc?start=19&#038;feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe> </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die lokalen Behörden wandten Gewalt und Tränengas gegen die Menschen an, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten – dies verstärkte den Widerstand der Menschen, die Bewohner der umliegenden Dörfer kamen in die Stadt. Die Proteste gegen Bakijew begannen in Talas“</em>, <a href="https://rus.azattyk.org/a/31191069.html">erinnert sich</a> der Abgeordnete Dschanar Akajew, der damals Journalist war und über die Ereignisse berichtete. In der Nacht vom 6. auf den 7. April verhafteten in Bischkek Sondereinheiten die meisten Oppositionsführer wegen des Verdachts, Massenaufstände organisiert zu haben – unter anderem Atambajew, Sarijew und Tekebajew. Rosa Otunbajewa blieb auf freiem Fuß, da ihr Aufenthaltsort unbekannt war. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Morgen des 7. April gab der damalige Premierminister Danijar Usenow eine <a href="https://24.kg/archive/ru/politic/71371-daniyar-usenov-v-gorode-talase-kyrgyzstan-byla.html/">Pressekonferenz</a>, in der er die Ereignisse in Talas als „geplante Aktion“ und die Demonstrierenden als „Banditen“ bezeichnete. Anschließend versicherte er, dass sich die Situation normalisieren werde. Aber Vertreter:innen der Opposition hatten bereits damit begonnen, sich in Bischkek der Nähe des „Medienforums“ zu versammeln. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Demonstrierenden auseinanderzutreiben. Als Reaktion darauf begannen diese, Steine ​​auf die Polizei zu werfen. Gegen 13 Uhr stürmten Demonstrierende das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Weißes_Haus_(Bischkek)">Weiße Haus</a>. Auf dem Platz waren Schüsse zu hören. Die Polizei setzten Tränengas, Blendgranaten und Rauchbomben ein. Es kam zu Zusammenstößen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Nachdem sie die Polizei zerstreut hatten, näherten sich die Demonstrierenden dem Weißen Haus und rüttelten an den Toren. Ungefähr 10-15 Leute mit Flaggen gingen durch ein Loch – buchstäblich in wenigen Sekunden wurden sie von Scharfschützen erschossen. Sie waren die ersten, die getötet wurden. Dann begann das Massaker. Scharfschützen schossen zunächst auf alle, die den Umkreis des Weißen Hauses betraten. Aber als sie sahen, dass die Menschen nicht auseinander gingen, schossen sie auf Schaulustige, die hinter dem Zaun standen “</em>, schrieb <a href="https://kg.akipress.org/news:633118">AKIpress</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><iframe title="Революция 2010 года в Кыргызстане - полный видеоархив от Kloop.kg" width="500" height="375" src="https://www.youtube.com/embed/m7mBxxgiVqA?start=39&#038;feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen 14 Uhr stürmten Demonstrierende das Gebäude des Staatssicherheitsdienstes und ließen die festgenommenen Oppositionellen frei. Zwischen 16 und 18 Uhr plünderten sie das Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft und setzten es in Brand. Anschließend stürmten sie das Parlament. Kurmanbek Bakijew verließ gegen 20 Uhr das Weiße Haus und begab sich in den Süden des Landes. Dies war ein Wendepunkt – danach begannen die restlichen Mitarbeiter wegzulaufen, stellte <a href="https://kg.akipress.org/news:633118">AKIpress</a> fest. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bischkek begannen Plünderungen. Am 8. April ging die Macht im Land tatsächlich in die Hände der Opposition über: Es übernahm die Provisorische Regierung. Rosa Otunbajewa wurde Vorsitzende und Almasbek Atambajew ihr Stellvertreter. Asimbek Beknasarow leitete die Justiz, Ömürbek Tekebajew war für die Verfassungsreform und Gesetze zuständig, Temir Sarijew für die Finanzen. Ismail Isakow fungierte als Verteidigungsminister, Bolot Scher wurde Innenminister. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/rosa-otunbajewa-eine-ausnahmefrau/"><strong>Rosa Otunbajewa: eine Ausnahmefrau </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Per Dekret der Provisorischen Regierung vom 19. März wurde Rosa Otunbajewa zur Präsidentin der Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2011 ernannt. Ihre Ernennung wurde in einem Referendum zur Verfassungsänderung am 27. Juni unterstützt. Im April 2012 wurde auf dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ala-Too-Platz">Ala-Too-Platz</a> ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Ereignisse im Bezirk Aksy und der Aprilrevolution eröffnet. Das schwarz-weiße Denkmal symbolisiert den Sieg des Guten über das Böse. Auf dem weißen Teil des Denkmals befindet sich eine goldene Inschrift: <em>„Gesegnete Erinnerung an diejenigen, die 2002 in Aksy und im April 2010 für die Freiheit des Volkes gestorben sind. Für diejenigen, die ihr Leben für die Freiheit des Volkes gelassen haben, die sich mit ihrer Leistung verewigt haben, die für die Zukunft des Landes gestorben sind.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Strafverfahren gegen Bakijew</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Kurmanbek Bakijew floh mit seiner Familie nach Belarus, wo er bis heute lebt. In Kirgistan wurden Strafverfahren gegen ihn und Mitglieder seines Clans eingeleitet. Er wurde in Abwesenheit zu 30 Jahren Haft verurteilt, davon 25 Jahre in einer Strafkolonie. Kirgistan versucht seit zehn Jahren vergeblich, den ehemaligen Präsidenten und Mitglieder seines Clans ausgeliefert zu bekommen.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Generalstaatsanwaltschaft hat eine Afrage geschickt. Aber Belarus weigert sich, daher gibt es derzeit keine Möglichkeit, sie in das Land zurückzubringen“</em>, erklärte Generalstaatsanwalt Kurmankul Suluschew am 6. April 2022 vor dem Parlament.

Der amtierende Präsident <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sadyr-dschaparow-der-volksfluesterer/">Sadyr Dschaparow</a> stellte in seiner Ansprache anlässlich der Aprilrevolution fest, dass am 7. April <em>„mutige Landsleute die korrupte Regierung gestürzt haben“</em>. <em>„Indem wir die Ereignisse von Aksy und die Volksrevolutionen im März und April eingehend analysieren und Lehren daraus ziehen, werden wir keine Versuche zulassen, in den Willen des Volkes einzugreifen“</em>, erklärte er am 7. April 2022.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Mundusbek Kalykow für Kloop</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://kloop.kg/blog/2022/04/07/avtoritarizm-politicheskie-ubijstva-i-klanovost-kak-pravil-kurmanbek-bakiev-i-pochemu-ego-svergli/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong>
<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/autoritarismus-politische-morde-und-vetternwirtschaft-die-praesidentschaft-kurmanbek-bakijews/">Autoritarismus, politische Morde und Vetternwirtschaft: Die Präsidentschaft Kurmanbek Bakijews</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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