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	<title>Ungarn Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Ungarn Archives</title>
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		<title>Wahlen in Ungarn: Was bedeutet das Ende der Ära Orbán für Zentralasien?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[bstoeckl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 16:45:11 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#xDC;ber Jahre hat Ungarns Premierminister Viktor Orb&#xE1;n die Beziehungen zu asiatischen Staaten ausgebaut, darunter auch zu den L&#xE4;ndern Zentralasiens. Nach seiner Niederlage bei den ungarischen Parlamentswahlen stellt sich nun die Frage: Welche Folgen wird der Machtwechsel in Budapest f&#xFC;r Ungarns Verh&#xE4;ltnis zu Zentralasien haben? Am Ende lief es &#xFC;berraschend glimpflich ab: Statt mit einer Operation [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über Jahre hat Ungarns Premierminister Viktor Orbán die Beziehungen zu asiatischen Staaten ausgebaut, darunter auch zu den Ländern Zentralasiens. Nach seiner Niederlage bei den ungarischen Parlamentswahlen stellt sich nun die Frage: Welche Folgen wird der Machtwechsel in Budapest für Ungarns Verhältnis zu Zentralasien haben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende lief es überraschend glimpflich ab: Statt mit einer <a href="https://www.fr.de/politik/anschlag-inszenierung-vor-ungarn-wahl-orba-opposition-wittert-panikmache-stimmung-spitzt-sich-zu-zr-94250172.html">Operation unter falscher Flagge</a> oder einer Anfechtung der Resultate endeten die ungarischen Parlamentswahlen am 12. April mit einem einfachen Anruf des amtierenden Premierministers <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Orb%C3%A1n">Viktor Orbán</a>, der seinem Amtsnachfolger in spe, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A9ter_Magyar">Péter Magyar</a>, zum Wahlsieg gratulierte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Erdrutschsieg Magyars und seiner Tisza-Partei, die erst vor 2 Jahren auf die breitere politische Bühne trat und nun über eine Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament verfügt, kam Orbáns 16 Jahre dauernde Herrschaft über das mitteleuropäische Land zu einem krachenden Ende.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Magyar hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Beziehungen des Landes zur EU wiederherzustellen: Unter Orbán hatte sich Ungarn nämlich aufgrund zahlreicher Verstöße gegen das Rechtsstaatlichkeitsprinzip und enger Zusammenarbeit mit autokratischen Herrschern in den letzten Jahren zu einem Paria-Staat innerhalb des Bündnisses verwandelt. Die Zukunft von Ungarns Beziehungen zu den Ländern Zentralasiens, mit denen Magyars Vorgänger während seiner Amtszeit enge Bande geknüpft hatte, ist hingegen ungewiss.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Annäherung und Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ungarns Annäherung an Zentralasien hing eng mit Orbáns Außenhandelspolitik zusammen, die seit 2012 unter der Losung “Öffnung nach Osten” den Handel mit asiatischen Märkten ankurbeln sollte. Neben Ländern wie China und Russland spielten hierbei auch die Türkei und die zentralasiatischen Turkstaaten eine übergeordnete Rolle, die in den Jahren zuvor durch die Gründung der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_der_Turkstaaten">Organisation der Turkstaaten (OTS)</a> ihre Zusammenarbeit vertieft hatten. Orbán hatte dabei vor allem die dortigen Energieressourcen im Visier, mithilfe derer er die Abhängigkeit des Landes von russischen Energieträgern verringern wollte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/magyaren-fluchten-vor-der-krise/">Kasachstan – Ungarn: Bruderliebe aus Kalkül? (1/2)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">2014 <a href="https://timesca.com/hungarys-political-shift-puts-central-asia-partnerships-under-scrutiny/">unterzeichnete Ungarn</a> &#8211; als erstes mitteleuropäisches Land &#8211; eine strategische Partnerschaft mit Kasachstan. Der bilaterale Handel zwischen den zwei Staaten erreichte 2024 ein Volumen von knapp 200 Millionen Euro, und Ungarn investiert stark in verschiedene Sektoren der kasachstanischen Wirtschaft, darunter Landwirtschaft, Industrie und Logistik. In Usbekistan erwarb die ungarische OTP-Bank einen Anteil von 73,71Prozent an der Ipoteka-Bank, dem fünftgrößten Geldinstitut des bevölkerungsreichsten Landes Zentralasiens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Erlangung des Beobachterstatus in der OTS im Jahr 2018 eröffnete sich für Ungarn eine gemeinsame Plattform, auf der die Handelsbeziehungen zu Zentralasien vorangetrieben werden konnten. Ein Jahr später wurde in Budapest ein Vertretungsbüro eröffnet, das als inoffizieller europäischer Außenposten der Organisation dienen sollte.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ungarisch-zentralasiatische Beziehungen nach den Wahlen: Quo vadis, Magyar?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie es mit den ungarisch-zentralasiatischen Beziehungen weitergeht, ist derzeit noch unklar. Das Verhältnis zwischen Orbán und den zentralasiatischen Staatsoberhäuptern war sehr stark von persönlichen Kontakten und gegenseitigem Vertrauen geprägt. Letztere stehen nun vor der Aufgabe, mit Orbáns Nachfolger auf Tuchfühlung zu gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reaktion auf Ungarns Machtwechsel fiel dementsprechend vorsichtig aus. Erst am 15. April &#8211; drei ganze Tage nach der Verkündung der Ergebnisse &#8211; <a href="https://timesca.com/tokayev-congratulates-peter-magyar-on-victory-in-hungarys-parliamentary-elections/">gratulierte</a> Kasachstans Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> Magyar als erstes zentralasiatisches Staatsoberhaupt zum Wahlsieg. Zum Vergleich: Vor vier Jahren erhielt Orbán bereits am Tag nach den Wahlen ein Telegramm vom kasachstanischen Präsidenten. Es wird zuerst abgewartet und geschaut, welche außenpolitische Richtung die neue Regierung in Budapest einschlägt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Experten sind allerdings vorsichtig optimistisch, dass die fruchtvollen Beziehungen zwischen Ungarn und Zentralasien auch unter der Regierung Magyar Bestand haben könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Führung Kasachstans unter Präsident Qasym-Jomart Toqaev ist in der Lage, professionell, diplomatisch und pragmatisch Beziehungen zu den offiziellen Behörden jedes Staates aufzubauen. Für uns spielt es keine Rolle, welche Kräfte ein bestimmter ausländischer Politiker vertritt. Entscheidend ist, dass er legitim ist und vom Volk gewählt wurde“</em>, sagte der kasachstanische Politologe Urazgali Selteev gegenüber dem kasachstanischen Portal <a href="https://cmn.kz/v-vengrii-menyaetsya-vlast-skazhetsya-li-eto-na-eyo-otnosheniyah-s-kazahstanom-034573/">CMN</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>“Magyar ist ein Vertreter der Gegenelite, der aus der etablierten politischen Klasse hervorgegangen ist. Und solche Politiker kennen die Regeln und die Funktionsweise des Systems der internationalen Beziehungen sehr gut. Deshalb wird es keine abrupten und radikalen Schritte geben“</em>, fügte er hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-ungarn-bruderliebe-aus-kalkul-22/">Kasachstan – Ungarn: Bruderliebe aus Kalkül? (2/2)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Statt eines Abebbens der Beziehungen könnte es eher zu einem Umbruch in der Herangehensweise beider Seiten kommen, so der Politologe Anuar Bahithanov. <em>“[D]ie Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und Ungarn geht schon seit langem über die reine persönliche Diplomatie hinaus. Sie stützt sich auf zwischenstaatliche Mechanismen, Wirtschaftsprojekte und das Interesse Budapests an Zentralasien. Daher dürfte es selbst bei einem Führungswechsel eher zu einem Übergang zu einem pragmatischeren und institutionelleren Modell der Zusammenarbeit kommen, ohne abrupte politische Schwankungen,”</em> <a href="https://cmn.kz/v-vengrii-menyaetsya-vlast-skazhetsya-li-eto-na-eyo-otnosheniyah-s-kazahstanom-034573/">meint</a> Bahithanov.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mittlerer Korridor: EU und Ungarn mit gemeinsamen Zielen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Grund, der für eine Fortführung der Beziehungen spricht, ist das gemeinsame Interesse Ungarns und der EU, die Handelsrouten zwischen Europa und China auszubauen und weiterzuentwickeln. Seit dem Ausbruch des Ukrainekriegs im Jahr 2022 hat der sogenannte <em>“Mittlere Korridor”</em>, der China auf dem Landweg mit Europa verbindet, immens an Bedeutung gewonnen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Angesichts geopolitischer Risiken in Osteuropa und im Nahen Osten soll der Mittlere Korridor Europas Zugang zu den asiatischen Volkswirtschaften garantieren. Hierbei spielen vor allem die OTS-Mitgliedstaaten &#8211; Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, die Türkei und Usbekistan &#8211; <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/eu-zentralasien-gipfel-europa-buhlt-in-samarkand-um-rohstoffe/">eine wichtige Rolle</a> als logistische Transitländer.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Ungarns außenpolitischer Vorstoß in die türkische Welt unter Orbán als Abkehr von der EU gedacht war, könnten die institutionellen Verbindungen, die die letzten 15 Jahre kultiviert wurden, Budapest nun dabei helfen, die logistische und energiepolitische Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten voranzutreiben. Da Magyar es sich zum Ziel gesetzt hat, die Wogen mit Brüssel zu glätten, könnte er den zentralasiatischen Vektor der ungarischen Außenpolitik dafür nutzen, Ungarn in der EU wieder in einem besseren Licht dastehen zu lassen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Benedikt Stöckl für Novastan</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Kasachstan &#8211; Ungarn: Bruderliebe aus Kalkül (2/2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[alinakozh]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jan 2015 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kasachstan setzt auf Vitamin B in Europa. Ein geneigter Partner steht in Ungarn bereit.  Zusammen pr&#xE4;sentieren sie sich als Br&#xFC;derv&#xF6;lker am weltpolitischen Parkett, und wirbeln m&#xE4;chtig Staub auf.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong><em>Seit kurzem liegt Kasachstans Tor nach Europa in Budapest. Genauer gesagt in der </em>„<em><strong>A</strong>sztana utca”, einer Straße, die im Sommer dieses Jahres nach der Hauptstadt der zentralasiatischen Republik benannt wurde. Der neue Straßenname ist ein Symbol für die wirtschaftliche und politische Annäherung der letzten Jahre. Warum aber verstärkt Kasachstan seine Beziehungen gerade zu Ungarn? Welche Hoffnungen setzt Kasachstan in das sogenannte Brudervolk? Ein Blick hinter die Beziehung zweier ungleicher Partner. (Zu Teil 1 der Novastan-Reihe: </em></strong><em><strong><a href="https://novastan.org/articles/magyaren-fluchten-vor-der-krise">Magyaren flüchten vor der Krise</a>) </strong></em></p>
<p style="text-align: justify">Aufwirbelnder Staub, hektisches Treiben auf Pferden &#8211; Kokpar wird gespielt. Nicht in der kasachischen Steppe, sondern in der ungarischen, in dem 3000-Seelendorf Bugac, das etwa 160 Kilometer entfernt von Budapest in der südlichen Tiefebene liegt. Hier findet jedes Jahr „Kurultáj“, das „Treffen der Stämme“ statt, wo unter anderem auch Vertreter aus Kasachstan mitmischen, um die „gemeinsame“ Vergangenheit aufleben zu lassen.</p>
<p style="text-align: justify">Kaum ein anderer als der Ungar István Kongur Mándoki widmete sichj intensiver der Erforschung der gemeinsamen historischen Wurzeln Ungarns und Kasachstans. Anders als sein Kollege, <a href="https://novastan.org/articles/magyaren-fluchten-vor-der-krise">Andr</a><a href="https://novastan.org/articles/magyaren-fluchten-vor-der-krise">ás Zsolt Bíró</a> näherte sich Mándoki der Geschichte über die Turkologie. Zahlreiche seiner  Publikationen geben Auskunft darüber, dass die Ungarn aus einem turkischen Reitervolk hervorgegangen seien. An den Ort wo vermeintlich alles begann, kehrte Mándoki am Ende seines Lebens auch zurück. Nach seinem Tod 1982 liegt er in Almaty begraben. Ein Teil seiner umfangreichen Bibliothek, insgesamt 16.000 Exemplare, wurden im vorigen September in die „Internationale Akademie für Turkologie”, in der über 1000 Kilometer entfernten kasachischen Hauptstadt Astana, überführt. Zu diesem Anlass <a style="text-decoration: none" href="http://bnews.kz/en/news/post/230257/"><u>unterstrich</u></a> seine Ehefrau, Onaysha Maksumkyzy: „Er wollte immer, dass die turkischen Völker vereint sind.”</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft &#8211; Rhetorisches Brücken schlagen </strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajew spannt den Bogen von Mándokis Erbe bis in die Gegenwart: „Wir müssen in die Vergangenheit schauen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft vorauszusehen“, lautet ein <a href="http://e-history.kz/ru/contents/view/1316">berühmter Spruch</a> des langjährigen Präsidenten. Die proklamierte „strategische Partnerschaft“ zwischen Ungarn und Kasachstan zeigt, dass Politiker beider Länder gern die kulturelle Nähe auf weitere Ebenen übertragen und somit die Vergangenheit zur Zukunft machen möchten. Denn während diplomatische Beziehungen  bereits seit 1992 bestanden, weitete sich diese mit der Gründung des Ungarisch-Kasachischen Wirtschaftsrates 2012 auf eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit aus. Eine eigens errichtete Kommission widmet sich zusätzlich dem Kampf gegen Terrorismus und Drogenhandel.</p>
<p style="text-align: justify">Zu Beginn des letzten Jahres wurde die strategische Partnerschaft zwischen den beiden Ländern auf ein neues Niveau gehoben. Der Startschuss fiel im Februar 2014 als eine kasachische Delegation, allen voran der kasachische Außenminister Jerlan Ydyryssow, einem multilateralem Forum zur Annäherung zwischen der EU und Kasachstan in Budapest beiwohnte. Auf bilateraler Ebene stattete die Delegationen Kasachstans den ungarischen Ministern für Wirtschaft und Landwirtschaft Besuche ab. Auf konkrete Vereinbarungen legten sich beide Seiten zunächst nicht fest, sondern verblieben mit der Formel, eine engere Kooperation in Bezug auf Wirtschaft, Agrarwirtschaft sowie Bildung forcieren zu wollen.</p>
<p style="text-align: justify">Ideell wurde die Partnerschaft hingegen gestärkt. Der damalige ungarische Außenminister, <a style="text-decoration: none" href="http://www.inform.kz/eng/article/2626149"><u>János Martonyi</u> </a>hob dabei den vermeintlichen Abstammungmythos hervor: „Wir teilen eine gemeinsame Vergangenheit und Wurzeln. Wie in vielen Untersuchungen nachgewiesen wurde, befindet sich das historische Mutterland der Ungarn auf dem Territorium des modernen Kasachstans.” Perspektivisch würde sich Kasachstan für Ungarn als „Brücke in den Osten” erweisen. Ungarn, so Martonyi weiter, wäre im Gegenzug bereit als Kasachstans „Brücke in den Westen” zu fungieren.</p>
<p><strong>Den Seychellen auf den Fersen  &#8211; WTO Beitrittsverhandlungen </strong></p>
<p style="text-align: justify">Der gleiche Tenor wurde im Mai und Juni letzten Jahres bei gegenseitigen Treffen zwischen den Premierministern Orbán und Mässimow in Budapest und Astana angeschlagen. Dort stand vermehrt die wirtschaftliche Kooperation zwischen beiden Ländern im Vordergrund. <span style="color: #000000">Orbán verwies in seiner <a href="http://2010-2014.kormany.hu/en/prime-minister-s-office/the-prime-ministers-speeches/western-integration-and-eastern-opening-can-be-successful-together">Rede </a>darauf</span>, dass Kasachstan, zumindest wirtschaftlich, einer blühenden Zukunft entgegensteure.</p>
<p style="text-align: justify">Damit hat der ungarische Premier wohl auch auf den WTO-Beitritt Kasachstans angespielt. <a style="text-decoration: none" href="http://zentralasien.ahk.de/news/einzelansicht-nachrichten/artikel/kasachstan-nur-noch-zwei-verhandlungen-von-wto-beitritt-entfernt/?cHash=c1346f6908da19edf3cce161936e86a0"><u>Die Beitrittsverhandlungen</u></a> hängen nach zehnjähriger Verhandlungenphase letztlich an den rechtlichen Rahmenbedingungen zum Schutz einheimischer Hersteller und Arbeitskräfte sowie der Tarifharmonisierung. Wenn diese Punkte geklärt sind, könnte Kasachstan noch in diesem Jahr den Seychellen in die WTO folgen.</p>
<p style="text-align: justify">Für Kasachstan ist der Beitritt besonders durch die Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) von großer Bedeutung. Russland, das bereits seit 2012 Mitglied der WTO ist, hat seinen Markt und dadurch automatisch den gemeinsamen Wirtschaftsraum mit Belarus und Kasachstan für Drittstaaten geöffnet. Zwangsläufig fand auch ein Gros der WTO-Standards Eingang in die Vereinbarungen im Rahmen der EAWU, ohne dass Kasachstan jedoch von den institutionellen Vorteilen wie etwa den Streitschlichtungs-Mechanismen profitieren kann.</p>
<p><span style="color: #000000"><strong>Dosen, Mais und Pestizide</strong></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #000000">Kasachstans Reichtum basiert nach wie vor auf dem Export von Rohstoffen, allen voran Erdöl. Hauptabnehmerland in Europa ist seit mehreren Jahren Italien.</span><a title="" href="#_ftn1" name="_ftnref1"><span style="color: #000000">[1]</span></a><span style="color: #000000"> Auch Deutschland kauft hier Erdöl ein &#8211; etwa jede vierte Tonne kommt aus Kasachstan.</span><a title="" href="#_ftn2" name="_ftnref2"><span style="color: #000000">[2]</span></a><span style="color: #000000"> Seit einigen Jahren versucht Kasachstans Regierung sich aus dieser Rohstoffabhängigkeit zu lösen. „Einer der potenziell entwicklungsstarken Wirtschaftssektoren Kasachstans sind die Landwirtschaft und die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte”, hebt eine Analyse der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien hervor.</span></p>
<p><img decoding="async" style="height: 400px;line-height: 1.6em;text-align: justify;width: 600px" src="/de/wp-content/uploads/sites/5/old/img/819/nasa.jpeg" alt="NASA-Aufnahme Kasachstan" /></p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #000000">Es fehlt an langlebigen Geräten, Kühlhäusern und Silos. Die wenigen Fabriken konzentrieren sich zudem auf den Süden des Landes. So kann sich das Land trotz steigender Ernteerträge nicht selbst versorgen. Nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft importiert Kasachstan aktuell etwa 40 Prozent der benötigten Milchprodukte, 29 Prozent Fleisch und etwa 40 Prozent Gemüse und Obst pro Jahr. In einer Marktstudie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) heißt es: „Den Hauptgrund für die desolate wirtschaftliche Lage des Agrarsektors bildet die schlechte Finanzausstattung.”</span><a title="" href="#_ftn3" name="_ftnref3"><span style="color: #000000">[3]</span></a></p>
<p style="text-align: justify">Und hier kommt Ungarn ins Spiel: Denn der Partner im Westen bringt neben Investitionen in die Industrieentwicklung auch den Import von Technologie für den Agar- und Lebensmittelsektor. Dulat Aitzhanov, der Leiter der staatlichen Agrar-Holding &#8222;KazAgro&#8220; <a href="http://kazakh-zerno.kz/index.php?option=com_content&amp;id=93147&amp;Itemid=108%29">hofft</a>, dass die Kooperation mit Ungarn die Lage der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte verbesssern werde. Aitzhanov zeigt sich überzeugt, dass Spezialisten aus Ungarn helfen werden, die Probleme mit Produktionsqualität, zum Beispiel bei Fleisch und Milch, dem Mangel an innovativen Technologien und qualifizierten Arbeitskräften zu lösen. Ungarn ist schon seit der Sowjetunion für seine eigene Obst- und Gemüsekonserve bekannt.</p>
<p style="text-align: justify">Auch Nurbakh Rustemov, Kasachstans Botschafter in Ungarn, unterstreicht in <a style="text-decoration: none" href="http://www.astanatimes.com/2014/07/soft-power-can-unite-nations-ambassador-hungary-says/"><u>einem Interview mit der Astana Times</u></a><span style="color: #000000">,</span> dass man an den Erfahrungswerten bei der Optimierung und Automatisierung landwirtschaftlicher Produkte interessiert sei.</p>
<p><span style="color: #000000"><strong>Aufblühen dank Ungarn? </strong></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #000000">Angesichts der desolaten Landwirtschaft hat die Regierung Kasachstans ein hochgestecktes Ziel. In dem Strategiepapier „Agrobusiness 2020“ plant Kasachstan  80 Prozent des Bedarfs an Lebensmitteln mit eigener Produktion abzudecken. Staatliche Subventionen wie bisher werden hier nicht reichen, also müssen ausländische Investoren gefunden werden. 2003 wurden dafür einige Erleichterungen eingeführt: beispielsweise die Befreiung von Zollgebühren oder Steuerbegünstigungen für juristische Personen. Ende 2014 gründete die ungarische Eximbank mit der staatlichen Holding </span>„<span style="color: #000000">KazAgro“ einen Fond in der Höhe von 40 Millionen Dollar, um gemeinsame Projekte im Agrarsektor zu realisieren.</span><a title="" href="#_ftn4" name="_ftnref4"><span style="color: #000000">[4]</span></a></p>
<p><span style="color: #000000"><span style="background-color: transparent">Ein wichtiger Faktor besteht im ungarischen Saatgut. Ungarn gründete mit FLORA im Jahr 2012 ein eigenes Konsortium für die Belieferung des kasachischen Marktes mit Saatgut aus Ungarn. 25 000 Säcke Maissaatgut exportierte Ungarn im Vorjahr nach Kasachstan. Bald schon sollen es 60.000 werden, <a href="http://www.agrarhirek.hu/agrarvilag/12714.html">kündigte </a>FLORA Ende des Vorjahres an.</span></span><span style="color: #000000"><span style="background-color: transparent"> Geplant seien auch Exporte von Pestiziden. Weiters sollen Studien zu Maissorten auf kasachischem Boden durchgeführt werden.</span></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="background-color: transparent"><img decoding="async" style="height: 400px;width: 600px" src="/de/wp-content/uploads/sites/5/old/img/819/lebensmittelimport.jpeg" alt="Kontainer mit Lebensmitteln in Almaty" /></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="color: #000000"><span style="background-color: transparent">Abseits des Agrarsektors möchte sich Kasachstan für ungarische Banken und Finanzinstitute, aber auch für andere Investoren attraktiv gestalten, so der Botschafter Rustemov. “Kasachstan interessiert sich für wichtige Medizin und medizinisches Equipment aus Ungarn”. In Astana hat bereits ein ungarisches Handelszentrum eröffnet. Unter der Führung von Premier Karim Mässimov wurde diesen Sommer auch ein Vertrag zum Transfer von Technologie und zur Investition im Umfang von 100 Millionen Dollar zwischen Alibi LLP und Tranzit-Ker Zrt unterzeichnet. </span></span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="background-color: transparent"><span style="color: #000000"><a href="http://mno.hu/gazdasag/varga-kazahsztan-strategiai-partnerunk-1230001">Ungarischen Medienberichten zufolge</a> wurde 2014 die Zusammenarbeit der beiden Länder auch im Bildungssektor auf den Weg gebracht. Ein Austauschprogramm schickt künftig Studenten und Lehrende aus Kasachstan an die Corvinus Universität nach Budapest. <a href="http://www.astanatimes.com/2014/07/soft-power-can-unite-nations-ambassador-hungary-says/">Im Interview</a> </span></span><span style="background-color: transparent"><span style="color: #000000">hebt der Botschafter auch die Notwendigkeit einer direkten Flugverbindung zwischen den beiden Hauptstädten hervor (<a href="https://novastan.org/articles/magyaren-fluchten-vor-der-krise">Novastan berichtete</a></span></span><span style="color: #000000"><span style="background-color: transparent">)</span>.</span></p>
<p style="text-align: justify"><span style="background-color: transparent"><span style="color: #000000">Auf Seiten Ungarns zeigt man sich offen für die breite Zusammenarbeit. <a href="http://www.agrarunio.hu/hir/egyuttmukodes-a-magyar-kazah-mezogazdasagi-kapcsolatok-boviteseert-11906.html">In Medienberichten</a> wird die Rolle der zentralasiatischen Republik als Ungarns drittgrößter Handelspartner innerhalb der GUS-Länder betont. Außenhandelsminister Varga begleitet die wirtschaftliche Annäherung mit persönlicher Bewunderung für das selbsternannte Brudervolk auf der <a href="http://www.kunszovetseg.hu/site2.0/index.php/kazah-hirek">Webseite eines Kunen-Vereins</a>, dessen Präsident er ist. Kasachstan sei demnach ein Vorbild für Ungarn. Der Minister bewundere vor allem das Selbstwertgefühl der kasachischen Nation, und hebt schließlich hervor: </span></span><span style="color: #000000">„</span><span style="background-color: transparent"><span style="color: #000000">Öl oder Gas, Steppe oder Puszta, eines dieser Dinge braucht jede Nation.” </span></span></p>
<p style="text-align: right"><strong><span style="background-color: transparent"><span style="color: #000000">Alina Kozhakhmetowa<br />
Antje Lehmann<br />
Daniela Neubacher</span></span></strong></p>
<p style="text-align: justify">
<hr />
<p><a title="" href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a><a href="http://www.gtai.de/GTAI/Content/DE/Trade/Fachdaten/PUB/2012/11/pub2012112680031111_159840.pdf">http://www.gtai.de/GTAI/Content/DE/Trade/Fachdaten/PUB/2012/11/pub2012112680031111_159840.pdf</a></p>
<p><a title="" href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> <a href="http://liportal.giz.de/fileadmin/user_upload/oeffentlich/Kasachstan/30_wirtschaft-entw/KAS_marktstudie-agrar-lebensmittel.pdf">http://liportal.giz.de/fileadmin/user_upload/oeffentlich/Kasachstan/30_wirtschaft-entw/KAS_marktstudie-agrar-lebensmittel.pdf</a></p>
<p><a title="" href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Ebda.</p>
<p><a title="" href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> <a href="http://www.blackseagrain.net/novosti/jsc-kazagro-together-with-hungary2019s-eximbank-is-planning-to-set-up-a-kazakh-hungarian-fund-by-the-end-of-2014-to-make-investments-in-agricultural-projects">http://www.blackseagrain.net/novosti/jsc-kazagro-together-with-hungary2019s-eximbank-is-planning-to-set-up-a-kazakh-hungarian-fund-by-the-end-of-2014-to-make-investments-in-agricultural-projects</a></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kasachstan &#8211; Ungarn: Bruderliebe aus Kalkül? (1/2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[alinakozh]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Dec 2014 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unter dem Motto der &#x201E;Ost&#xF6;ffnung&#x201D; verst&#xE4;rkt Ungarns F&#xFC;hrung zunehmend seine Kontakte nach Zentralasien. Als engster Partner gilt Kasachstan.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die Füße fest im Steigbügel verankert. Das Haupt von breiten Schultern getragen. Der ernste Blick des Fürsten Árpád richtet sich in die Ferne, entlang der Prachtallee Budapests, eintausend Jahre zurück. Als Anführer der Magyaren eroberte und besiedelte er einst das Karpatenbecken und bekam dafür ein Denkmal mitten am Heldenplatz der heutigen Hauptstadt. Der Mythos vom ungarischen Reitervolk, das aus dem fernen Asien stammt, war geboren, und stützt seither die Identität der Nation. Unter dem Motto der </strong>„<strong>Ostöffnung” verstärkt Ungarns Führung zunehmend seine Kontakte nach Zentralasien. Als engster Partner gilt Kasachstan. Mit dem Brückenschlag nach Osten schlägt das EU-Land jedoch eine umstrittene Richtung ein. </strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify">Ein Teil Asiens findet sich schon im Namen: In der Landessprache heißt Ungarn nämlich  „Magyarenland“ (Magyarország), benannt nach jenen Völkern, die ursprünglich aus Gebieten des Urals nach Westen wanderten und sich im 10. Jahrhundert im Karpatenbecken ansiedelten. Seit damals haben zahlreiche Eroberungen und Fremdherrschaften ihre Spuren verwischt – etwa durch den Mongoleneinfall, die Aufnahme verschiedener Turkvölker im Mittelalter, deutsche und slawische Einwanderer oder die Herrschaft der Osmanen. Dennoch behaupten nicht wenige Ungarn, dass heute noch die Verwandtschaft mit den Ethnien aus dem Ural und der zentralasiatischen Steppe nachweisbar sei. Gern wird eine Studie des ungarischen Wissenschafters András Zsolt Bíró zitiert, in der er behauptet eine genetische Verbindung zwischen dem kasachischen Stamm der „Madjar“ mit dem Ungarn  (Magyaren) gefunden zu haben. Bíró bekam dafür 2008 eine Ehrung vom kasachischen Kulturministerium.</p>
<p style="text-align: justify">Mit dem Slogan „Wir sind alle verwandt“ erklärten bisher vor allem Politiker der rechtsradikalen Partei „Jobbik“ den engen Kontakt zum selbsternannten Brudervolk, den Kasachen. Wissenschaftlich sei die genetische Verwandtschaft aber nicht beweisbar, meint eine ungarische Historikerin, die anonym bleiben möchte, im Novastan-Interview. „Das ungarische Volk will daran glauben, dass wir in Europa etwas Wichtiges, Einzigartiges sind, etwas, das man unbedingt vor der westlichen Globalisierung oder vor was auch immer schützen soll.” Der Glaube an die Einzigartigkeit der Ungarn müsse “die wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit und Erfolglosigkeit ausgleichen”.</p>
<p style="text-align: justify"><img decoding="async" style="height: 400px;width: 600px" src="/de/wp-content/uploads/sites/5/old/img/810/neu1.jpeg" alt="Arpáds Reiter - Heldenplatz" /></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ostöffnung unter Orbán</strong></p>
<p style="text-align: justify">Inzwischen ist der Kontakt zu Kasachstan lange kein Projekt des rechtsradikalen Flügels mehr. Der Premierminister Ungarns und Anhänger der national-konservativen Partei (Fidesz), Viktor Orbán, verwendet den Rückbezug auf die alten Verwandtschaften im Osten als Rechtfertigung für das außen- und wirtschaftspolitische Programm der rechts-konservativen Regierung. Hinter dem Motto der „Ostöffnung“ verbirgt sich eine umstrittene Außen- und Wirtschaftspolitik, die politische Nähe zu Ländern wie Russland, Aserbaidschan und die Türkei, bis hin zu China, Kuwait, Saudi Arabien oder dem Iran sucht.</p>
<p style="text-align: justify">Politisch äußert sich die Nähe durch häufige gegenseitige Besuche von diplomatischen Delegationen &#8211; im Herbst dieses Jahres mit Aserbaitschan und im Sommer mit Kasachstan. Letztere scheinen für Ungarn besonders profitabel zu sein. Orbán erklärt das Interesse Ungarns an Kasachstan mit einfachen Worten: <q>Wir kommen aus einem Teil der Welt, in dem es eine Krise gibt und sind in einem Teil der Welt angekommen, in dem es keine gibt.</q> Das <a href="https://www.pism.pl/files/?id_plik=16891">Polnische Institut für Internationale Beziehungen (PISM)</a> sieht vor allem seit dem Regierungsantritt von Orbán im Jahr 2010 eine Wende in der ungarischen Außenpolitik, bei der gegenüber diplomatischen Beziehungen vor allem die Wirtschaft in den Vordergrund rückt. Eine Reihe neuer Wirtschaftsabkommen zwischen Kasachstan und Ungarn unterstützt diese These.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Öl, Stein und Fisch &#8211; kasachische Reize</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben der kasachstanischen Botschaft in Budapest sind aktuell 58 ungarische Unternehmen und Joint Ventures in Kasachstan tätig. Darunter vor allem in der industriellen Produktion, in der Bau- und Agrarwirtschaft, ebenso wie im Energiesektor. Der größte  ungarische Mineralölkonzern, MOL (Magyar Olaj- és Gázipari Részvénytársaság), hält nach offiziellen Angaben Anteile von 25 beziehungsweise 49 Prozent an den Projekten zur Entwicklung der Lagerstätten „Fedorov” sowie „Karpovskiy North“ im Westen Kasachstans. Kasachischer Partner ist dabei KazEnergy, ein Konglomerat aus über 50 verschiedenen Konzernen aus der Mineralöl- und Energiewirtschaft.</p>
<p style="text-align: justify">Bezeichnenderweise veranstalteten 2013 die kooperierenden Energie-Unternehmen MOL und KazEnergy <a style="line-height: 1.6em" href="http://en.tengrinews.kz/people/Hungarian-businessmen-enhancing-historic-ties-with-Magyars-descendants-in-21200/">eine Rally</a>, um nach eigenen Angaben die &#8222;historischen Wurzeln&#8220; der magyarischen Stämme zu verfolgen.</p>
<p style="text-align: justify">Dzhambulat Sarsenov, Vize-Präsident von „KazeEnergy“ <a href="http://oilnews.kz/novosti/novosti-tek-kazaxstana/16862.html">bestätigte kürzlich</a>, dass weitere Kooperationen mit Ungarn im Öl- Gasbereich besprochen worden seien. Im Rahmen der Kooperation würde der Partner im Westen Expertentreffen über die Entwicklungsmöglichkeiten von Ölindustrien veranstalten. Außerdem sei Ungarn bereit Kasachstan als Kandidat für die Durchführung des World Petrolium Congress 2017 in Astana zu unterstützen, so Sarsenov.</p>
<p style="text-align: justify">Sehr attraktiv ist auch die Baubranche für Ungarn. Hier steht die EXPO 2017 im Vordergrund des ungarischen Interesses. Ungarn hätte sich bei der Zuteilung der Austragung für Astana eingesetzt, heißt es von Seiten des kasachstanischen Außenministeriums. Dabei ist das ungarische Engagement im Bau von Objekten bereits Bestandteil von <a href="http://strategy2050.kz/ru/news/14159">Nazerbajews Strategie für 2050</a>. Kasachstans Bauwirtschaft ist in den letzten Jahren rasant angestiegen. Ungarn sieht hier, wie auch andere europäische Staaten, neue Möglichkeiten in Zentralasien. „Kasachstan ist der lebende Beweis, dass es keine Weltwirtschaftskrise gibt. Es gibt Teile der Welt, die eine Krise haben, und Teile, die keine haben.“, sagte Viktor Orbán kurz nach seiner Rückkehr von einem Kurzbesuch in Astana im Jahr 2012. Tatsächlich aber war Kasachstans Bauwirtschaft stark von der Finanz- und Immobilienkrise 2008/2009 betroffen. Eine Analyse des GTI (Germany Trade and Invest) zufolge sei die Bauwirtschaft infolgedessen „nahezu zum Erliegen gekommen“, erholte sich aber schrittweise vor allem durch öffentlich finanzierte und geförderte Projekte. Hier gelten auch die Aufträge für die kommende EXPO als wichtiger<a href="http://www.politics.hu/20140902/kazakhstan-strategic-partner-for-hungary-says-varga/"> Rückenwind für die Branche.</a></p>
<p style="text-align: justify"><img decoding="async" style="height: 432px;width: 640px" src="/de/wp-content/uploads/sites/5/old/img/810/3786607130_2150fa00c9_z.jpeg" alt="Balaton See in Ungarn" /></p>
<p style="text-align: justify">Zudem scheint Ungarn auf den kasachischen Fisch gekommen zu sein. Um das romantische Idyll auf dem größten ungarischen Binnengewässer, dem Balaton, zu bewahren, wurde bereits im Dezember letzten Jahres die gewerbliche Fischerei verboten. Der dadurch entstandene Fischbedarf wird derzeit zu 95 Prozent durch Importe aus Kasachstan und der Türkei gedeckt.</p>
<p style="text-align: justify">Laut <a href="http://kashagan.today/?p=5034">Kashagan Today</a> betrug das ungarische Investment in Kasachstans Wirtschaft zwischen 2005 und 2013 mehr als 60 Millionen Dollar.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein ungarischer Sonderweg?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch wenn die vermeintliche „Ostöffnung” unter einem wirtschaftlichen Primat zu stehen scheint, werden zumindest die politischen Implikationen von der Orbán-Regierung schnell unter den Teppich gekehrt. Die ungarische Außenpolitik sei in erster Linie “ungarnfreundlich”, <a href="http://www.euractiv.com/sections/global-europe/hungarys-orban-well-choose-our-own-path-russia-310185">so die Wortwahl des Premierministers</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Besonders wird die Akzeptanz der Orbán-Regierung gegenüber den herrschenden autokratischen bis diktatorischen Systemen in den jeweiligen Partnerländern kritisiert. Auch auf manch Plakaten der Großdemonstration im November 2014 war zu lesen: „Wir sagen nein zur aktuellen Außenpolitik!“</p>
<p style="text-align: justify">Ungarns Premierminister weist die Vorwürfe mit Entschiedenheit zurück. In offiziellen Statements werden Gemeinsamkeiten und gegenseitige Anerkennung verlautbart: „Auch in der EU denken sie, dass Institutionen selbstständig funktionieren, aber sogar ein Auto funktioniert nicht ohne Chauffeur. Glücklich sind jene Länder, die eine klare Führung haben&#8220;, <a href="http://www.t-online.de/wirtschaft/id_71754020/wirtschaft-ungarn-und-aserbaidschan-planen-gasgeschaeft.html">sagte Orbán</a> bei einem Treffen ungarischer und aserbaidschanischer Geschäftsleute Mitte November. Ähnlicher Auffassung sei man wohl auch beim politischen Stil. So heißt es etwa auf der <a href="http://mfa.gov.kz/index.php/en/foreign-policy/kazakhstan-s-relations/kazakhstan-eu-cooperation/16-materials-english/1102-kazakh-hungarian-relations">Webseite des kasachischen Außenministeriums</a>: „Beide Seiten teilen ähnliche Positionen zu den meisten wichtigen Themen internationaler Politik.“</p>
<p style="text-align: justify">Zusätzlich sorgt Ungarns Verhalten in der Ukraine-Krise in Brüssel und Washington für Argwohn bis hin zum Fundamentalvorwurf der „Russlandfreundlichkeit”. Im Mittelpunkt der Kritik steht der Stopp der Gaslieferungen in die Ukraine mit der Begründung eines gesteigerten Gasbedarfs sowie der Priorität, die eigenen Gasspeicher auffüllen zu wollen. Außerdem zeigte sich Ungarn an einer Kooperation mit Russland für den Bau der South-Stream-Pipeline interessiert. In Kooperation mit dem staatlich kontrollierten Energiekonzern Gazprom sollte durch die Pipeline russisches Gas ohne Abhängigkeit von den Transitländern Weißrussland und der Ukraine nach Zentral- und Westeuropa geliefert werden. Die Pläne <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/southstream-putin-droht-mit-stopp-der-pipeline-nach-suedeuropa-a-1006044.html">scheitern vorerst</a> allerdings an der Blockadehaltung Bulgariens. Zum anderen steht das Engagement der ungarischen Regierung in der Karpatenukraine und der damit einhergehende Anspruch für die dortige ungarische Minderheit als Schutzmacht aufzutreten.</p>
<p style="text-align: justify">Eine solche ungarische Außenpolitik wirkt langfristig als Sand im Getriebe, sowohl in der transatlantischen Partnerschaft als auch bei einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. Inwiefern die propagierte „Ostöffnung” diesen Prozess aber beschleunigt oder nur eine vorübergehendes Krisensymptom ist, bleibt indessen abzuwarten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zu Gast bei Verwandten? </strong></p>
<p style="text-align: justify"><img decoding="async" style="height: 400px;width: 600px" src="/de/wp-content/uploads/sites/5/old/img/810/neu.jpeg" alt="Astana-Straße" /></p>
<p style="text-align: justify">Philipp Karl forscht zu Rechtsradikalismus in Ungarn. Im Novastan-Interview weist er darauf hin, dass die vermeintlichen Abstammungszusammenhänge von Seiten der Politik als legitimatorisches Vehikel genutzt werden: „Nach innen haben sie das klare Ziel die eigene Abstammung beziehungsweise Vergangenheit mythologisch und teils pseudowissenschaftlich zu überhöhen und somit von der wenig rosigen Gegenwart abzulenken. Nach außen stellt es eine Möglichkeit dar, die Annäherung an wenig demokratische beziehungsweise autoritäre Regierungen legitim und natürlich erscheinen zu lassen.” Karl betont zudem, dass sich die Jobbik-Partei explizit in ihren Wahlprogrammen die Ostöffnung im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bereich zur Aufgabe gemacht hat. Jobbik ist bei den Parlamentswahlen 2014 mit einem Anteil von 20 Prozent der Stimmen zur drittstärksten Partei aufgestiegen.</p>
<p style="text-align: justify">Dennoch sei es, Karl zufolge, unwahrscheinlich, dass ein gelebter Turanismus  (also die Ideologie über eine gemeinsame Abstammung der Turkvölker) eine weitreichende Renaissance in Ungarn erleben wird. Dafür sei die Christianisierung unter dem Heiligen Stephan (Szent István), dem ersten ungarischen König, und der damit begründete Anschluss an das „moderne Abendland” zu fest in der kollektiven Identität verankert. Nichtsdestotrotz dienen turanische Elemente „als ideologischer Überbau zu Treffen und Vereinbarungen der ungarischen Regierung insbesondere mit Kasachstan”.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kulturaustausch zwischen Puszta und Steppe</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nicht ganz 4000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der ungarischen und kasachischen Hauptstadt. Wie ungarische Medien im Sommer dieses Jahres berichteten, soll es bald auch Direktflüge zwischen den Ländern geben. Seitens des Budapester Flughafens hätte man von den Plänen gehört, konkrete Informationen darüber gebe es allerdings nicht. Auch die Fluglinie Wizzair, die auch Flüge nach Baku und Dubai anbietet und laut der Kommunikationsabteilung des Flughafens für Direktflüge nach Astana in Frage käme, belässt es auf Anfrage von Novastan bei dem Statement, dass man lediglich von Plänen wisse.</p>
<p style="text-align: justify">Vielleicht können bereits im Sommer 2015 die ersten ungarischen Touristen Kasachstan direkt anfliegen, zeitlich passend zum ungarischen Filmfest, das jährlich in Almaty stattfindet. Im Jahr 2010 wurde das Festival gegründet, und ist ein weiteres Beispiel für den verstärkten Kulturaustausch der beiden Länder. Zudem finden bereits seit 13 Jahren „Tage der Kultur Kasachstans“ in Ungarn und das ungarische Pendent dazu in Kasachstan statt. Die ungarische Akademie der Wissenschaften MTA präsentierte dieses Jahr die ungarische Übersetzung von Präsident Nursultan Nazarbajews Autobiographie &#8211; mit Unterstützung seitens MOL. Und im Sommer erschien der Spielfilm basierend auf dem Buch im ungarischen öffentlich-rechtlichen TV.</p>
<p style="text-align: justify">Zu Árpáds strammen Reitern am Budapester Heldenplatz gesellten sich jüngst auch weitere zentralasiatische Spuren ins Stadtbild. 2013 wurde im angrenzenden Stadtwäldchen eine Straße in „Astana-Straße“ benannt.  Und im Sommer 2014 weihte eine Delegation aus Kasachstan eine Büste des Dichters Abai Qunanbajuly ein. Das vier Meter hohe Denkmal, <a href="http://pusztaranger.wordpress.com/2014/05/26/ostoffnung-kasachischer-diktator-weiht-in-budapest-statue-ein/">so wird  der ehemalige Vize-Bürgermeister Miklós Csomós (Fidesz)</a> zitiert, sei als „Geschenk des kasachischen Volkes“ und Zeichen der „ausgezeichneten ungarisch-kasachischen Beziehungen“ gemeint.</p>
<p style="text-align: right">
<p style="text-align: right"><strong>Alina Kozhakhmetova<br />
Redakteurin für Novastan.org, Kasachstan</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Daniela Neubacher</strong><br />
<strong>Antje Lehmann</strong><br />
<strong>Korrekteurinnen für Novastan.org</strong>
</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/magyaren-fluchten-vor-der-krise/">Kasachstan &#8211; Ungarn: Bruderliebe aus Kalkül? (1/2)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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