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	<title>Tadschikischer Bürgerkrieg Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Tadschikischer Bürgerkrieg Archives</title>
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		<title>Ein Paar Ohrringe für eine Wohnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gisela Zeindlinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Dec 2020 17:56:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
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		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf Fergana. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Durch den Zerfall der Sowjetunion und den beginnenden B&#xFC;rgerkrieg in Tadschikistan (1992-1997) waren viele [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf <a href="https://fergana.site/articles/120376/">Fergana</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zerfall_der_Sowjetunion">Zerfall der Sowjetunion</a> und den beginnenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg in Tadschikistan</a> (1992-1997) waren viele russischsprachige Einwohner der Republik gezwungen, diese zu verlassen. Die Angst um die eigene Sicherheit sowie um die Zukunft der Kinder veranlasste viele Leute dazu, ins Blaue aufzubrechen und ihre gut ausgestatteten Wohnungen zurückzulassen. Auch ein großer Teil der ursprünglich ansässigen Bevölkerung floh in diesen unsicheren Jahren aus der Republik. Während des Krieges war es praktisch unmöglich, die eigene Wohnung zu verkaufen. Flüchtlinge und Emigranten hinterließen ihr Zuhause für bessere Zeiten. Wenn sie dann nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehrten, fanden sie in ihren Wohnungen Leute vor, die sich eigenmächtig zu neuen BewohnerInnen gemacht hatten.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Solche Fälle gab es zu Hunderten, und die tatsächlichen EigentümerInnen mussten vor Gericht gehen, um ihre Immobilie zurückzubekommen. Aber es gab auch jene AussiedlerInnen, die ihr Zuhause einfach aufgaben oder es für einen Spottpreis verkauften. Zu diesen gehörten auch die Familien der zwei Freundinnen Tatjana Berger und Natalja Schunenkowa. Sie erzählten „Fergana“ wie sie aus Tadschikistan weggefahren und nach 26 Jahren wieder in die Heimat zurückgekommen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unfreiwillige Ausreise</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1970er Jahren wurden die Eltern von Tatjana und Natalja nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Istiqlol">Taboschar</a> (heute Istiqlol), eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Stadt">geschlossene</a> Kleinstadt im Norden Tadschikistans, entsandt, um dort als JungabsolventInnen in einem Unternehmen zu arbeiten. Das Unternehmen „Sarja Wostoka“, das in der Rüstungsindustrie tätig war und Raketenteile produzierte, benötigte damals dringend MitarbeiterInnen und stellte den ExpertInnen alles Notwendige zur Verfügung: komfortable Wohnungen, Kindergarten- und Schulplätze, Urlaubsreisen an Erholungsorte. Über die Tätigkeit der Firma wusste kaum jemand Bescheid. <em>„Wir produzieren Souvenirs.“</em> So empfahl die Unternehmensleitung von „Sarja Wostoka“ ihren MitarbeiterInnen auf die neugierigen Fragen Einheimischer zu antworten.</p>



<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter" data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img fetchpriority="high" decoding="async" width="920" height="644" alt="Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24546" data-id="24546" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img decoding="async" width="920" height="644" alt="Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24547" data-id="24547" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li></ul><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-prev swiper-button-prev swiper-button-white" role="button"></a><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-next swiper-button-next swiper-button-white" role="button"></a><a aria-label="Pause Slideshow" class="wp-block-jetpack-slideshow_button-pause" role="button"></a><div class="wp-block-jetpack-slideshow_pagination swiper-pagination swiper-pagination-white"></div></div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals, in der Nachkriegszeit, wurden Deutsche, die aus Polen und der Ukraine vertrieben wurden, nach Taboschar geschickt, um Uran abzubauen. Mein Großvater war einer von ihnen“</em>, erzählt Tatjana Berger. <em>„Meine Mutter ist nach Abschluss ihres Studiums in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kemerowo">Kemerowo</a> als junge Expertin hierhergekommen und lernte bei der Arbeit in der Fabrik ihren zukünftigen Ehemann, meinen Vater, kennen. Mein Vater ist ein ortsansässiger Einwohner Taboschars. Als meine Eltern heirateten, bekamen sie zunächst ein Zimmer im Wohnheim und als ich – ihr erstes Kind – zur Welt kam, wurde ihnen eine Zweizimmerwohnung zugeteilt. Nachdem 1982 dann mein Bruder geboren wurde, bekamen wir eine geräumige Dreizimmerwohnung, in der wir bis zu unserer Ausreise wohnten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: “Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann” (1/3)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatjanas Worten zufolge lebten bis zu Beginn der 90er Jahre hunderte solcher Familien in Taboschar. Sie arbeiteten, heirateten, schmiedeten Pläne für die kommenden Jahre und ihr zukünftiges Leben in ihrer geliebten Stadt, die für viele zur zweiten Heimat geworden war.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir dachten überhaupt nicht daran wegzufahren, es ging uns gut in Tadschikistan. Wir führten ein, so schien es uns, geglücktes Leben: sichere und hochdotierte Arbeit, gut ausgestattete Wohnungen, zufriedenstellende Lebensbedingungen. Ich war dabei die Schule abzuschließen und dachte über meine Studienpläne nach. Aber der Krieg änderte alles. Alle begannen auszureisen – nach Russland, Deutschland, Israel. Meine Eltern machten sich Sorgen, dass es gefährlich werden könne, und ihr Schutzinstinkt brachte sie dazu, sich für einen baldigen Umzug zu entscheiden. Ich kann mich noch sehr gut an diese allgemeine Panik erinnern: die Leute waren in Hektik, man musste schnell entscheiden, wohin. Man begann sich an Verwandte, auch weit entfernte, zu erinnern, um nur irgendwie wegfahren zu können. Hauptsache weit weg vom Chaos dieser Zeit“</em>, erinnert sich Berger.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="800" height="500" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg" alt="Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24549" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-300x188.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-768x480.jpeg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wie tausende andere flüchtete Tatjanas Familie ins Unbekannte. An nur einem Tag luden die Bergers alle Möbel in einen LKW-Container. Vieles mussten sie zurücklassen, da ihnen statt eines Containers mit zehn Tonnen lediglich einer mit fünf Tonnen Kapazität zur Verfügung stand. Tatjana erinnert sich, wie sie in der möblierten Wohnung einschlief und die Wohnung beim Aufwachen bereits halb leer war. Traurig fuhr die Familie los. In Tadschikistan ließ sie ein Stück von sich zurück, die Liebe und Verbindung zu den Orten der Heimat. Das Leben teilte sich in ein „davor“ und „danach“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1992 machte sich Tatjana mit ihrem Vater auf den Weg nach Kemerowo. Dort sollte nach zwei Wochen auch der Container mit ihren Möbeln und anderen Sachen ankommen. Die Familie sollte bei der Großmutter wohnen, der einzigen Verwandten, die Tatjanas Mutter noch in Russland hatte. Sie hatte nur eine kleine Zweizimmerwohnung, weshalb die Familie beschloss, nicht sofort gemeinsam zu kommen. Und die Mutter musste mit ihrem Unternehmenohnehin noch die Frage der Kündigung klären. Deshalb blieb sie mit Tatjanas kleinem Bruder noch einige Zeit in Taboschar. Kurze Zeit später, im Februar 1993, wurde die Familie wieder vereint und begann sich am neuen Wohnort einzuleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aufgeben</strong><strong> </strong><strong>oder</strong><strong> </strong><strong>für</strong><strong> </strong><strong>einen</strong><strong> </strong><strong>Spottpreis hergeben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem Jahr fuhren Tatjanas Eltern während ihres Urlaubs nach Taboschar, um die Wohnung, die sie privatisieren lassen hatten und die sich noch in ihrem Eigentum befand, zu verkaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Gleich nach ihrer Ankunft hatten sie ein unerwartetes Erlebnis. Sie fanden die Eingangstür unserer Wohnung an einer Wohnung in einem anderen Stock vor. Nachdem sie die Bewohner nach dem Grund dafür gefragt hatten, hörten sie folgende Erklärung: „Sie sind ja weggefahren und haben die Wohnung zurückgelassen. Wozu brauchen Sie dann eine gute Tür? Unsere Tür ist schon sehr alt und so haben wir sie ausgetauscht.“ Meine Eltern wussten nicht, was sie sagen sollten“</em>, erzählt Tatjana.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg" alt="So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24551" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption> So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Plünderungen und Diebstähle in den zurückgelassenen Wohnungen waren in dieser Zeit eine alltägliche Erscheinung. Viele Leute bekamen ihre Wohnungen von den Unternehmen, für die sie arbeiteten, gestellt, sie galten also als Dienstwohnungen. Nicht alle hatten die Möglichkeit noch einmal zurückzukehren, um die Wohnung privatisieren zu lassen und zu verkaufen. Allerdings gab es ohnehin kaum potenzielle KäuferInnen; aufgrund des Krieges und der Wirtschaftskrise kam es zur Massenarbeitslosigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Urlaub ging dem Ende zu und es blieben nur zwei Lösungen: Die Wohnung zurücklassen oder sie für einen Spottpreis hergeben. Da es unmöglich schien, später noch einmal nach Taboschar zu kommen, blieb nichts anderes übrig, als das Angebot des zu diesem Zeitpunkt einzigen aufgetauchten Interessenten anzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wohnung wurde gegen ein Paar goldene Ohrringe und ein bisschen Bargeld als Aufzahlung eingetauscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Geld reichte genau dafür aus, um die Ausgaben für die Rückfahrt zu decken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese Ohrringe mit gelbem Bernstein haben wir bis heute noch. Wir tragen sie nicht und werden das wahrscheinlich auch nie tun. Sie sind ziemlich altmodisch</em>“, lächelt Tatjana. <em>„Ich denke, diese Reliquie wird von Generation zu Generation weitergegeben werden – gemeinsam mit der Erzählung ihrer Geschichte. Meine Tochter liebt die Geschichten meiner Mutter über diese unvergessenen Zeiten ihres Lebens in Taboschar. Nicht eine Zusammenkunft vergeht bei uns ohne eine dieser Erinnerungen. Das war eine einzigartige, glückliche Zeit und Taboschar ist für immer in unseren Herzen.&#8220;</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="369" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg" alt="Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24552" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5-300x223.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Berger erinnert sich daran, dass ihr geliebtes Klavier keinen Platz im Container fand. Da das Musizieren ihre Lieblingsbeschäftigung war, machte sie sich deshalb viele Gedanken. Als sie sich schon damit abgefunden hatte, dass das ihr so teure Instrument die neuen Wohnungsbesitzer bekommen würden, nahm das Schicksal des Klaviers – im Gegensatz zur Wohnung – doch noch eine bessere Wendung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Klaviere der Marke ‚Lyrika‘ hatten einen guten Ruf unter Musikern und waren für ihren angenehmen Klang bekannt. Das Klavier wurde von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche">Deutschen</a> gekauft, die von Taboschar nach Deutschland emigrierten. Ich bin sehr froh, dass das Instrument in seiner tatsächlichen Bestimmung zum Einsatz kam. Schlimmstenfalls wäre sein Los gewesen, als Brennholz verkauft zu werden oder als unnützes Zeug herumzustehen“</em>, sagt Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Familie Schunenkow gibt es auch eine Geschichte in Zusammenhang mit dem Verkauf ihrer Wohnung. Der eilige Umzug aus dem sonnigen Tadschikistan nach Sibirien hatte Einfluss auf das Ergebnis dieses Geschäfts. Natalja – damals ein junges Mädchen – hatte keine warme Jacke. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Eltern tauschten die Wohnung gegen einen Pelzmantel ein, in dem Natalja nach Russland fuhr.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg" alt="Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24553" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Pelzmantel war der einzige ‚wertvolle‘ Gegenstand, der uns von den Käufern für unsere Wohnung in Taboschar angeboten wurde. Es stellte sich allerdings heraus, dass dieser Mantel aus irgendeinem undefinierbaren Tierfell war. Später sagte uns jemand, es wäre Hundefell. Ich erinnere mich, dass wir im Zug saßen und mich ständig irgendetwas gebissen hat. Das waren Flöhe. Später habe ich einen neuen Mantel bekommen, und von dem alten haben wir uns erfolgreich getrennt. In dieser Hinsicht hatte Tanja mehr Glück: Immerhin ist ihr irgendein Erinnerungsstück an die alte Wohnung geblieben</em>“, lacht Natalja.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wiedersehen mit der Stadt der Kindheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute erzählen Tatjana und Natalja diese Geschichten mit einem Lächeln, aber damals, Anfang der 1990er, war alles viel dramatischer. Familien verloren einen Teil ihres erwirtschafteten Vermögens und standen praktisch ohne ein Dach über dem Kopf da. Kränkungen gebe es keine, sagen die Frauen: Damals waren alle in einer schwierigen Lage. Auch viele tadschikische Familien mussten ihre Heimat verlassen und ihren gesamten Besitz zurücklassen. Darüber hinaus wollten die Freundinnen all diese Jahre über nach Tadschikistan fahren und die Orte besuchen, wo sie die besten Momente ihrer Kindheit erlebten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-breschnew-millionen-in-nurek-staudamm-in-tadschikistan-investierte/">Warum Breschnew Millionen in den Nurek-Staudamm in Tadschikistan investierte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reise nach Taboschar war bei den Frauen oft Gesprächsthema. Von jeder Gehaltszahlung legten sie eine kleine Summe in eine Schachtel mit der Aufschrift „Für Taboschar“. Die Freundinnen reisten in Gedanken oft in jene Zeit zurück. Sie versuchten sich vorzustellen, wie die Stadt jetzt aussah, wer in ihren damaligen Wohnungen lebte, oder ob jemand von den Alteingesessenen geblieben ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich, nach 26 Jahren, erfüllten sich Tatjana und Natalja, die nun im Oblast Kemerowo leben, ihren Traum und fuhren nach Taboschar.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg" alt="Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24554" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es war ein sehr bewegender Moment, als wir über die Treppe vom Flugzeug hinuntergingen und auf tadschikischen Boden stiegen. Wir atmeten die frische Luft ein, diese unglaubliche Luft, vermischt mit dem Duft aller möglichen Blumen und dem Geruch des in der Sonne glühenden Asphalts. Wir waren überglücklich. Am liebsten hätten wir den Boden der Heimat geküsst. Dieses einzigartige Gefühl, als ob du das ganze Leben lang nur für diesen Moment gelebt hättest. Jenen, die keine Trennung von ihrer Heimat erleben mussten, wird es schwerfallen, diese Gefühle zu verstehen“</em>, erinnert sich Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen erzählen, wie sie auf dem Weg nach Taboschar versuchten, jeden Moment einzufangen und ganz unbeabsichtigt ihre Kindheitserinnerungen mit den aktuellen Gegebenheiten verglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die gleichen Bäume entlang des Straßenrands, die gleichen grünen Wiesen mit gelbem Löwenzahn, die gleichen plätschernden Bächlein. Aber an der Stadteinfahrt stach uns gleich das Schild ins Auge, auf dem schon der neue Name stand: „Willkommen in Istiqlol“. Auch der Hauptplatz hatte sich verändert. Statt der Leninstatue steht da nun ein schönes Denkmal mit dem Wappen“</em>, erzählt Natalja.<em> „Die Stadt ist nach wie vor eine grüne Stadt geblieben. Wir waren erfreut, dass es überall wunderbar nach Blumen duftet. Die bekannten deutschen Steinhäuser erhielten das einzigartige Erscheinungsbild der Stadt.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg" alt="Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24555" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unser Traum wurde wahr! Zuerst fuhren wir gleich in unseren Stadtteil. Tanjas und mein Haus waren in der Nachbarschaft. Wir erkannten die Häuser nicht gleich. Es war so ein Gefühl, als ob sie niedriger geworden wären. Die Innenhöfe waren leer. Dabei war unser Hof ständig voll mit Kindern bei den Schaukeln, Sandkisten und Rutschen. Jetzt gibt es nichts mehr davon. Mich überkam sofort ein tiefes Gefühl der Traurigkeit und Nostalgie nach diesen glücklichen Zeiten. Gleichzeitig empfand ich eine große Freude darüber, dass ich unser Haus wiedersehen konnte, welches wir auf der Suche nach einem besseren Leben zurücklassen mussten. Unsere Wohnungen stehen zum Glück nicht leer, davon zeugten die Vorhänge hinter den Fenstern“</em>, fährt Natalja fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Freundinnen blieben drei Tage in Taboschar. Sie übernachteten bei einem Schulkollegen von Nataljas jüngerem Bruder, der sie die ganze Zeit über begleitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir sind fast die ganze Stadt abgegangen. Wir spazierten die bekannten Straßen entlang und besuchten für uns persönlich wichtige Orte: das Haus meiner Oma, das Stadion, den See, das Kulturhaus, den Park, den Markt“</em>, erzählt Tatjana. <em>„Von der europäischen Bevölkerung ist praktisch niemand übriggeblieben. Aber es ist erfreulich, dass fast alle Einwohner fließend Russisch sprechen und wir überhaupt keine Sprachbarriere fühlten. Die Stadt lebt weiterhin ihr Leben, wenn auch nicht so ein aktives wie früher. Als wir schon auf dem Rückweg waren, saß ich im Flugzeug und dachte über unsere Reise nach, die schlussendlich zustande gekommen ist. Und plötzlich erkannte ich, dass ich in mir so ein Gefühl der Unvollständigkeit trug. Als ob ich irgendetwas nicht vollendet hätte, also ob es notwendig gewesen wäre, noch länger in Taboschar zu bleiben. Aber dieses Mal erlaubten das die Umstände nicht. Ich denke, dass wir unsere Reise in die Heimat irgendwann für einen längeren Zeitraum wiederholen werden, damit wir diese Zeit und unsere Erinnerungen in vollen Zügen genießen können.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Alija Chamidullina für <a href="https://fergana.site/">Fergana</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Gisela Zeindlinger</strong></p>


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		<title>Über den „Schwarzen Februar“ 1990 in Tadschikistan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2020 12:25:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Aufstände]]></category>
		<category><![CDATA[Duschanbe]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarzer Februar]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es nach dem sogenannten Schwarzen Januar in Aserbaidschan auch zu einer Eskalation politischer Spannungen in Tadschikistan. Im Februar 1990 wurde der Grundstein f&#xFC;r die Entwicklung hin zur Unabh&#xE4;ngigkeit des Landes und zum B&#xFC;rgerkrieg gelegt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es nach dem sogenannten </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Januar"><strong>Schwarzen Januar</strong></a><strong> in Aserbaidschan auch zu einer Eskalation politischer Spannungen in Tadschikistan. Im Februar 1990 wurde der Grundstein für die Entwicklung hin zur Unabhängigkeit des Landes und zum Bürgerkrieg gelegt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://fergana.news/articles/114991/?fbclid=IwAR3BoXnR-Z6bCffMeS15NBW1Ev69Vr34IzzVNTeE9BchXZFrHnHFTlJjQss"><strong>Fergana News</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
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<p style="text-align: justify">Am 12. Februar jährte sich der 30. Jahrestag der tragischen Ereignisse des Jahres 1990 in Duschanbe, die zu den Vorläufern des Bürgerkriegs von 1992-1997 wurden. An diesem Tag starben bei der Niederschlagung der Demonstranten und der Unterdrückung der Unruhen, die in der tadschikischen Hauptstadt begannen, 25 Menschen, und Hunderte weitere wurden verletzt. Die Chronologie dieser Februartage wird von zahlreichen Zeugen ausführlich beschrieben. Diese Beschreibungen sind unterschiedlich, daher ist es wichtig, so viele Augenzeugenaussagen wie möglich zu sammeln, um eine zuverlässige Untersuchung der Ereignisse von 1990 zu ermöglichen.</p>
<p style="text-align: justify">Der russische Journalist und politische Beobachter Andrej Sachwatow war ein direkter Beteiligter an diesen Ereignissen. Er teilt im Folgenden seine Gedanken und einige wenig bekannte Fakten über die Ereignisse jenes Februars mit.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Chronik des Geschehens</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die großangelegten Unruhen in Duschanbe im Februar 1990 begannen, nachdem sich Gerüchte über die Zuteilung von Wohnungen an armenische Flüchtlinge durch unbekannte Personen verstärkt verbreiteten. Auf diese Gerüchte hin veranstalteten am 11. Februar mehrere hundert Jugendliche, die zum Teil aus den umliegenden Dörfern hergebracht wurden, vor dem Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans auf dem Lenin-Platz eine Kundgebung, in der sie die Vertreibung der Armenier forderten. Tatsächlich wurden den Flüchtlingen keine Wohnungen zugewiesen, und die Zahl der Armenier, die in Duschanbe ankamen und bei Verwandten und Bekannten untergebracht wurden, betrug nicht mehr als einige Dutzend. Sie erhielten nur eine geringe finanzielle Unterstützung, mehr nicht.</p>
<p style="text-align: justify">Am nächsten Tag versammelten sich die Demonstranten wieder und nach den Aufrufen zur Abschiebung der Flüchtlinge wurden Forderungen nach dem Rücktritt der Führung der Republik laut. Harte Auseinandersetzungen begannen zwischen den Demonstranten und der Polizei sowie dem Militär, die das Gebäude des Zentralkomitees bewachten. Es ist immer noch unklar, auf wessen Befehl hin die Schüsse aus diesem Gebäude abgegeben wurden: Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Militär &#8211; als Reaktion auf den Durchbruch der Menge ins Gebäudeinnere &#8211; eigenmächtig Waffen eingesetzt hat.</p>
<p style="text-align: justify">Die Reaktion der Protestierenden auf die bewaffnete Reaktion war unerwartet: Große Gruppen von Protestierenden und teilweise Kriminellen schlossen sich ihnen an, um das Zentrum der Stadt zu zerstören und dann, mit Unterstützung von Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern, auch am Stadtrand zu wüten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/extremismus-in-tadschikistan-diese-regionen-sind-am-meisten-betroffen/"><strong>Extremismus in Tadschikistan: Diese Regionen sind am meisten betroffen</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">In den ersten drei Tagen der Ereignisse, während die Unruhen in der Stadt weitergingen, starben nach verschiedenen Schätzungen 24-26 Menschen, darunter fünf Russen, zwei Usbeken, zwei Tataren und der Rest &#8211; Tadschiken. Über 550 Mitglieder vieler Nationalitäten wurden verletzt. Nach offiziellen Angaben erlitt auch die Hauptstadt während mehrtägiger Pogrome Schäden in Höhe von 17,2 Millionen Rubel. Der an das Gebäude des Zentralkomitees angrenzende Flügel des Ministeriums für Wasserressourcen wurde demoliert und teilweise geplündert. Die aufgebrachte Menge zerstörte den Barakat-Markt, einige Unternehmen und Geschäfte des Handelsministeriums und der tadschikischen Verbraucherunion, wobei der größte Schaden &#8211; 1,36 Millionen Rubel &#8211; dem tadschikischen Juwelierhandel entstand.</p>
<p style="text-align: justify">Im Stadtzentrum wurden mehrere Zeitungskioske verwüstet, etwa 300 öffentliche Telefonzellen zerstört und 34 Krankenwagen außer Dienst gestellt. Mehrere Abteilungen des Republikanischen Klinischen Krankenhauses wurden beschädigt. Ein medizinischer Mitarbeiter starb und sieben wurden verletzt. Am Abend des 12. und am Morgen des 13. Februar breiteten sich Pogrome und Prügeleien in der ganzen Stadt aus. Angst lag über Duschanbe. Erst am Abend des 13. Februar trafen Truppen und Panzer in Duschanbe ein, und die Unruhen wurden am 14. Februar beendet.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ursache, Gründe und Ursprünge</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bei der Beurteilung der Geschehnisse nennen Historiker Gerüchte und Appelle zur Vertreibung der Armenier nur einen von vielen Gründen für den Beginn der Pogrome. Nach der Einschätzung der tadschikischen Opposition, die 1992 in einen offenen bewaffneten Kampf um die Macht eingetreten war, war der Hauptgrund für die Ereignisse im Februar die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Aktivitäten der damaligen kommunistischen Regierung. Es gab Spekulationen über die Beteiligung von Abgesandten ausländischer Geheimdienste und sogar afghanischer Mudschaheddin an den Ausschreitungen.</p>
<p style="text-align: justify">In einer Reihe von Veröffentlichungen der letzten 10-15 Jahre werden die Beteiligung des Innenministeriums der Union, des KGB und der Streitkräfte der UdSSR an der Provokation und der vorgeplanten gewaltsamen Unterdrückung der Kundgebung als Fortsetzung der tragischen Ereignisse beschrieben, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Tiflis und Baku ereigneten, beschrieben. Solche Aussagen enthalten jedoch keine Beweise und entbehren jeglicher Vernunft. Als Zeuge dieser Ereignisse kann ich ein Beispiel nennen, um meine Überzeugung zu untermauern.</p>
<p style="text-align: justify">Als Reaktion auf die daraus resultierende Gesetzlosigkeit und der Pogrome wurden buchstäblich in jedem Bezirk von Duschanbe spontan Selbstverteidigungskommandos eingerichtet. Dieser einzigartige Prozess der Selbstorganisation der Bürger, den es bis dahin in keiner Unionsrepublik gab, ging schnell voran &#8211; vor allem nachdem der erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Qahhor Mahkamow, im Fernsehen die Bürger dazu aufgerufen hatte, sich zu bewaffnen und ihre Häuser und ihre Stadt zu verteidigen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/"><strong>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: „Die Kugeln fliegen schneller als man rennen kann“ (1/3)</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">In der Nachbarschaft &#8222;Giprozemgorodok&#8220;, in der meine Familie wohnte, wurden am Morgen des 13. Februar buchstäblich innerhalb von ein oder zwei Stunden 10 gut ausgestattete Einheiten gebildet, insgesamt etwa 250 Personen. Die Abteilungen vereinigten Bewohner verschiedener Nationalitäten, Tadschiken und Usbeken machten etwa die Hälfte aus. Nur eine halbe Stunde nach der Gründung unserer Abteilung traf eine Menge von mehreren hundert aggressiven jungen Leuten, die sich in die Nachbarschaft begeben hatten, auf unsere Organisierung und lösten sie auf.</p>
<p style="text-align: justify">Nach einem kurzen Treffen der Kommandeure der Divisionen wurde beschlossen, mich und den stellvertretenden Direktor des Instituts &#8222;Tadschikgiprozem&#8220;, Lewan Kokorischwili, in die 201. Motorisierte Gewehr-Division neben &#8222;Giprozemgorodok&#8220; zu entsenden, um im Falle einer Verschärfung der Situation das Zusammenwirken unserer Divisionen mit dem Militär zu koordinieren.</p>
<p style="text-align: justify">Der Eingang zur Divisionsabteilung wurde von einem gepanzerten Mannschaftswagen und einem Zug bewaffneter Soldaten unter dem Kommando eines Majors bewacht. Auf unsere Frage nach den Aufgaben der Division in der geschaffenen Situation, antwortete der Major, dass von Moskau aus dem Militär befohlen wurde, das Territorium der Division und die Lager mit Waffen und Munition zu schützen und sich nicht &#8222;in einen zivilen Konflikt&#8220; einzumischen. Der Offizier sagte auch, dass Frauen und Kinder aus unserer Nachbarschaft vorübergehend &#8211; bis sich die Situation normalisiere &#8211; in Baracken untergebracht werden können, wo sie verpflegt werden. Unser Vorschlag, sich mit dem Militär zu verbünden, hat jedoch Wirkung gezeigt: Der Major scheint dem Divisionskommandeur Bericht erstattet zu haben, und die APCs haben mit regelmäßigen Patrouillen in unserer Nachbarschaft begonnen, wodurch es für uns viel einfacher war, unser Gebiet zu sichern, insbesondere nachts.</p>
<p><figure id="attachment_20549" aria-describedby="caption-attachment-20549" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-20549" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-300x198.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-768x507.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-20549" class="wp-caption-text">Soldaten im Gebäude des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei Tadschikistan (02/1990)</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Bevölkerungswachstum als Unzufriedenheitsfaktor</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nicht nur ich, sondern auch eine Reihe meiner Journalistenkollegen und Experten sind überzeugt, dass die Hauptgründe für den &#8222;schwarzen Februar&#8220; viel tiefer liegen, als man vor 30 Jahren vielleicht gedacht hätte. Ich halte das hohe Bevölkerungswachstum in den zentralasiatischen Republiken, insbesondere in Tadschikistan, für einen der beiden Hauptgründe, die günstige Bedingungen für den Ausbruch von öffentlicher Unzufriedenheit mit den Behörden geschaffen haben. Das war der Grund.</p>
<p style="text-align: justify">Bis Ende der 1980er Jahre hatte sich das Problem der Landverteilung für den Wohnungsbau in ländlichen Gebieten mit wachsender Bevölkerung in der Republik verschärft. Nur wenige Menschen wissen, dass Ende 1989 das Oktjabrski-Bezirkskomitee der Kommunistischen Partei einen Brief von Bewohnern von Dörfern in den Vororten von Duschanbe, in der Warsob-Schlucht, die verwaltungsmäßig zum Stadtbezirk gehörten, erhielt und als klassifiziert eingestuft hat.</p>
<p style="text-align: justify">Die Menschen waren empört über das Anwachsen der Gebiete, die für den Bau von Erholungsgebieten für Arbeiter von Unternehmen und Organisationen aus der Hauptstadt vorgesehen waren, die am Wochenende aus ihren Stadtwohnungen dorthin kamen und die im muslimischen Land bestehenden Verhaltensnormen verletzen, indem sie Alkohol tranken und sich in Badeanzügen zeigten. Vor allem aber beschwerten sich die Verfasser des Briefes über den Mangel an bewohnbarem Land.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gesteigertes nationales Bewusstsein</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der zweite Grund, der zur Unzufriedenheit der Bevölkerung und zur Aktivierung der Opposition beitrug, ist das gewachsene Nationalbewusstsein, das durch Gorbatschows Perestroika entstanden ist und das von verschiedenen politischen Kräften mehrdeutig interpretiert wurde. In den späten 1980er Jahren entstand in Tadschikistan die Oppositionsbewegung „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rastokhez">Rastoches</a>“ (dt. „Wiedergeburt“, „Auferstehung“ – politische Partei in Tadschikistan aktiv während des Bürgerkrieges – Anm. d. Red.), die das Tadschikische offen zur Staatssprache erklärte und mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Partei_der_Wiedergeburt_Tadschikistans">Islamischen Partei der Wiedergeburt</a> (HNIT bzw. IPWT) zusammenarbeitete, die keinen offiziellen Status hatte und in der Republik verboten war.</p>
<p style="text-align: justify">Die für einfache Menschen verständliche und weitgehend gerechtfertigte Diskussion über die Bewahrung der Sprache, der nationalen Identität und Kultur und die Probleme des Zugangs zu Land ging schnell von Küchengesprächen zu offenen Reden von den Ständen der kommunistischen Parteitreffen und Konferenzen über. So hielt im Herbst 1989 auf der Berichts- und Wahlkonferenz des Oktjabrski-Bezirks im Lahuti-Theater (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abolqasem_Lahuti">Abolqasem Lahuti</a> – politischer Dichter und Aktivist – Anm. d. Red.) von Duschanbe einer der Führer der tadschikischen Intelligenzija eine für die damaligen Delegierten undenkbare Rede: <em>&#8222;Genossen Abgeordnete, sehen Sie sich Ihre Beglaubigungsschreiben an: Die Texte auf Russisch und auf Tadschikisch unterscheiden sich fast nicht. Wir Tadschiken vergessen unsere Sprache, unsere nationale Kultur&#8230;&#8220;</em></p>
<p style="text-align: justify">So wurden bis Februar 1990 in der Hauptstadt der Republik alle Voraussetzungen für die lautstarke Erklärung der Machtansprüche der Opposition in Tadschikistan geschaffen &#8211; in einer Atmosphäre allgemeiner positiver Einstellung gegenüber Verhandlungen mit den offiziellen Behörden in Duschanbe wurde das &#8222;Komitee-17&#8220; gegründet, dem Mitglieder von Rastoches eine Reihe hoher Beamter, Wissenschaftler und Kulturschaffender der Republik und Vertreter der Protestierenden angehörten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der „Genozid“, den es nicht gab</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Ereignisse dieser wenigen Februartage in Duschanbe schockierten die ganze Republik, aber es konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, für wen es profitabel war, die Menschen zum Gebäude des Zentralkomitees zu führen. Ab dem 12. Februar wurden antiarmenische Parolen durch regierungsfeindliche Parolen ersetzt und Schießereien und Pogrome provoziert, trotz der Beteiligung von Dutzenden von Ermittlern des Innenministeriums, des KGB und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR und der Tadschikischen Sowjetrepublik.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus brachte das zentrale Fernsehen in Moskau alarmierende Informationen zum Schweigen. In einer solchen Situation wird das Informationsvakuum sofort mit Gerüchten, verschiedenen Versionen und Fiktion gefüllt. So wurden die Ereignisse vom Februar viele Jahre in einem verzerrten Licht von &#8222;Details von Augenzeugen&#8220;, sowie Einschätzungen von Pseudoanalytikern und politischen Persönlichkeiten dargestellt.</p>
<p style="text-align: justify">Der berühmteste Fall der Veröffentlichung von Fehlinformationen über die Tage des &#8222;schwarzen Februars&#8220; ist ein Fragment des 2008 erschienenen Buches „Feind des Volkes“ des bekannten russischen Politikers Dmitrij Rogosin, der schrieb: „<em>Es ist charakteristisch, dass die ersten Opfer der wütenden Separatisten russische Zivilisten waren. Zum Beispiel das innertadschikische Massaker zwischen &#8222;Wowtschiki&#8220; und &#8222;Jurtschiki&#8220; (wie die Leute die Vertreter der Seiten der zivilen Konfrontation nannten). Mitte Februar 1990 töteten die National-Islamisten in Duschanbe buchstäblich anderthalbtausend russische Männer und Frauen. Die Frauen wurden gezwungen, sich unter dem Lärm der Maschinenpistolen und dem Gelächter der Vergewaltiger auszuziehen und auf dem Bahnhofsplatz im Kreis zu laufen.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/"><strong>Tadschikistan: der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Es ist schwer zu sagen, woher der russische Politiker „Informationen“ über den „Völkermord“ an den Russen hatte, die weder 1990 noch in den folgenden Kriegsjahren kursierten. Als direkter Teilnehmer an den Ereignissen kann ich bezeugen: Ja, es gab Russen, aber auch Menschen anderer Nationalitäten, die in diesen Tagen starben, mehrere hundert wurden verprügelt (die gleiche Anzahl von Vertretern der Titularnation wurde geschlagen), aber es gab keine Massaker und anderthalbtausend &#8222;„zerrissene“ Russen.</p>
<p style="text-align: justify">Die genaueste Einschätzung der Ereignisse vom Februar gab meiner Meinung nach der tadschikische Historiker Ibrohim Usmonow: <em>&#8222;Die jungen Menschen Tadschikistans nahmen damals die Demokratie als eine Möglichkeit wahr, zu tun, was sie wollten. Ich glaube nicht, dass wir durch die Zerschlagung des Platzes den Frieden in der Republik herstellen könnten. Die Ereignisse vom Februar 1990 in Tadschikistan richteten sich nicht gegen irgendeine Nation. Es hätte vielleicht keinen Bürgerkrieg in Tadschikistan gegeben, wenn wir zu gegebener Zeit eine Lehre aus der Situation mit Berg-Karabach gezogen hätten&#8220;.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Team ist angekommen: Die Truppen auflösen!</strong></p>
<p style="text-align: justify">Weniger als einen Tag nach Beginn der Pogrome in Duschanbe wurde eine Ausgangssperre verhängt, und mehrere hundert Truppen wurden aus Russland verlegt und übernahmen die Kontrolle über wichtige Einrichtungen der Stadt. Die tatsächliche Kontrolle über die Hauptstadt (vor allem nachts) wurde jedoch von den Kommandanten der Selbstverteidigungseinheiten übernommen. Sie wehrten die Willkür der zügellosen jungen Männer ab. Am Vormittag des 16. Februar trafen etwa 20 Kommandeure von Kommandotruppen, die bereits eine Interaktion untereinander aufgebaut hatten, beim Exekutivausschuss des Stadtrats für die nächste Sitzung ein, der vorschlug, die Einrichtung eines Rates der Kommandeure von Kommandotruppen zu prüfen.</p>
<p style="text-align: justify">Dieses informelle paramilitärische lokale Regierungsorgan, das von der Zivilgesellschaft eingerichtet wurde, könnte einen erheblichen Einfluss auf die nachfolgenden Entwicklungen gehabt haben. Am selben Tag fand jedoch in Duschanbe ein außerordentliches Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans statt, auf dem des aus Moskau angereisten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Karlowitsch_Pugo">Boris Pugo</a>, Vorsitzender des Parteikontrollkomitees des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans, sprach und die Ereignisse spielten sich nach einem von Moskau diktierten Szenario ab.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kein Wort des Dankes</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die in den Zeitungen veröffentlichte Rede des späteren Generaloberst und Innenmnisters Pugos, der sich unmittelbar nach dem August-Putsch von 1991 umbrachte, enthielt nur pompöse Aussagen über die Größe der Kommunistischen Partei, aber sie enthielt kein einziges Wort des Dankes an die Bürger, die auf die Straßen gegangen waren und die Stadt vor Banditen verteidigt hatten. Die verängstigten örtlichen Behörden waren der Meinung, dass die Bedrohung ihrer Vorsitzenden vorbei sei, und bestanden auf der Auflösung der Selbstverteidigungskommandos. In der Stadt begann eine freiwillige Abgabe von Jagdwaffen, aber die Einheiten schützten ihr Territorium noch eine weitere Woche lang. Die Menschen waren empört über die Rückgratlosigkeit der Behörden, aber die Stadtbewohner wurden nur dadurch beruhigt, dass kein einziges Strafverfahren gegen die Kommandeure und Mitglieder der Kommandotruppen eingeleitet wurde, obwohl sie formell gegen das Gesetz verstießen und die Kriegsparteien zum Teil schwer verletzten.</p>
<p style="text-align: justify">In den 1990er Jahren änderte sich die nationale Zusammensetzung des kürzlich unabhängigen Tadschikistans erheblich. Viele Teilnehmer an den Ereignissen des „Schwarzen Februars“ verließen Tadschikistan, und einige dokumentierende Beweise dieser Tage wurden während des Bürgerkriegs in der Republik verbrannt oder gingen aus den Archiven verloren.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>„Die Untersuchung ist vorbei, vergessen Sie das Ganze“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Einigen Quellen zufolge gab der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow zu, dass er nicht wisse, wer die Erschießung der Demonstranten befohlen oder den Amoklauf in der Stadt angeführt habe. Es ist wahrscheinlich, dass diese Fragen unbeantwortet bleiben werden. In den vergangenen 30 Jahren hat sich keiner der Teilnehmer an den Ereignissen im Februar zu den getroffenen Entscheidungen bekannt, mit Ausnahme von Qahhor Mahkamow &#8211; einige Zeugen jener Tage glauben, dass viele Leben dank seines Fernsehaufrufs zur Verteidigung gerettet wurden. Die meisten hochrangigen sowjetischen Minister und Generäle in Moskau und Duschanbe, die an den Ereignissen vom Februar beteiligt waren, sind inzwischen verstorben.</p>
<p style="text-align: justify">Die derzeitige Regierung hat den Bewohnern von Duschanbe nie für ihre Widerstandsfähigkeit während der Ereignisse im Februar gedankt, noch erinnert sie sich an die Rolle der Zivilbevölkerung der Stadt bei der Konfrontation mit den Kriegsparteien. Alles ist wie in dem Kriminaldrama des italienischen Regisseurs Damiano Damiani: „Die Untersuchung ist vorbei, vergessen Sie das Ganze.“ Und wenn die selbstorganisierte Volksmiliz nicht gewesen wäre, hätte das Ergebnis dieser Ereignisse viel tragischer sein können.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Andrej Schwatow für </strong><a href="https://fergana.news/articles/114991/?fbclid=IwAR3BoXnR-Z6bCffMeS15NBW1Ev69Vr34IzzVNTeE9BchXZFrHnHFTlJjQss"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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		<title>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: „Das Leben geht weiter, so oder so&#8230;“  (3/3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jun 2017 10:26:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Biographie]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das&#xA0;tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir &#xFC;bersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Infolge umstrittener Pr&#xE4;sidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen&#xA0;B&#xFC;rgerkrieg&#xA0;eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegen&#xFC;ber: auf der einen Seite die [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><strong>Das </strong></em><strong><em><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus</a></em></strong><em><strong> hat Erzählungen aus dem Alltag der Tadschiken während des Bürgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Infolge umstrittener Präsidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg</a> eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterstützt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angeführt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/">Tadschikistan  &#8211; Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</a> </strong></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Die Oppositionskoalition bestand hauptsächlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der ursprünglich politische Konflikt bekommt so darüber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensverträge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden, sahen eine Quote von 30 Prozent innerhalb der Regierung für die Opposition vor. Noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von während des Bürgerkriegs gegründeten Milizen und Mafias kontrolliert. Der tadschikische Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Zwanzig Jahre nach den Friedensverträgen veröffentlicht Asia Plus Erzählungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erzählungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realität des Krieges.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>In zwei weiteren Teilen erinnerten sich die <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Redakteurinnen Sebo Tadschibajewa</a> und <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-tadschikischen-burgerkrieg-der-krieg-begann-mit-den-containern-23/">Lilija Gajsina</a>.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Korrespondentin Manischa Kurbanowa </strong></p>
<p style="text-align: justify">&#8222;Ich beendete gerade mein Studium, als der Krieg begann. Lange suchte ich eine Arbeit in einer Redaktion, aber niemand wollte mich einstellen: Viele Zeitungen erschienen nicht mehr. Schließlich wurde ich Sekretärin im staatlichen Arbeitsamt.</p>
<p><figure id="attachment_9554" aria-describedby="caption-attachment-9554" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-9554" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-1024x685.jpg" alt="Demonstrationen Tadschikistan Bürgerkrieg" width="1024" height="685" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-300x201.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-768x514.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-9554" class="wp-caption-text">Demonstrationen in Duschanbe in Mai 1992</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Ende November trafen die Kämpfer von Sangak Safarow in die Stadt ein. In der Vorstadt kämpften die Divisionen von Safarali Kendschajew. Eines morgens kam mir eine Gruppe Männer aus der Nachbarschaft entgegen, als ich gerade aus meiner Wohnung herauskam. Sie waren verwundert, fragten mich, wo ich hinginge. „Zur Arbeit“, antwortete ich gelassen. Plötzlich schrie der Älteste der Gruppe: „Bist du verrückt geworden, oder was?! Schaust du kein Fernsehen? Hörst du nicht, wie dort geschossen wird?“ Ich ärgerte mich darüber sehr, denn ich durfte auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie in einem Film</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der städtische Nahverkehr funktionierte nur unregelmäßig und ich ging zu Fuß zur Arbeit, über Schleichwege durch die Vorstadtviertel.</p>
<p style="text-align: justify">In der Nähe von dort, wo ich wohnte, im Safarschon-Viertel, wurden Wohnungen mit Granatenwerfern zerstört. Die Jungs unseres Innenhofs stiegen auf die Dächer, um das Geschehen gut zu beobachten und uns genau erläutern zu können. Wir gewöhnten uns irgendwie an den ganzen Lärm.</p>
<p style="text-align: justify">Einmal beobachtete ich selbst aus dem Fenster in der siebten Etage einen Kampf: Ein Uniformierter rannte vor zwei Kämpfern weg, alle schossen. Die Realität kam uns nicht echt vor, als würden wir uns einen Film anschauen. Selbst als ich bei den Mülleimern beim Haus die Leiche eines Mannes sah, in eine Decke gewickelt und in Telefonkabeln gebunden, konnte ich nicht glauben, dass es echt war.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Mein Viertel „dem Erdboden gleich gemacht“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Einmal ging ich von der Arbeit zur Karabolo-Haltestelle, der Bus fuhr aber nicht. Eine Menschengruppe ging zu Fuß los und ich mit ihnen. Plötzlich sagte einer: „Der Bus 25 fährt auch nicht, heute wurde das Viertel in der Richtung zerbombt und dem Erdboden gleichgemacht.“</p>
<p style="text-align: justify">Sie hatten also mein Viertel „dem Erdboden gleichgemacht“. Und mein Mann, der zu der Zeit Doktorand war, war zuhause. Vom Münztelefon aus konnte ich ihn nicht erreichen. Ich lief die Straße entlang und schrie laut. Zum Glück haben sich meine schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt.</p>
<p style="text-align: justify">Noch eine Geschichte: Die Großmutter meines Mannes und zwei seiner Cousinen lebten für eine gewisse Zeit lang bei uns. Kaum fingen die Schießereien an, stürzte sie sich auf ein Bündel mit ihren Klamotten anstatt, dass sie ihre Enkel beschützte. Das hat mich damals sehr überrascht. Als unser Haus ein weiteres Mal von zwei Seiten beschossen wurde, stiegen wir mit der Oma und den Mädchen aus der siebten Etage herunter und gingen zu Fuß zum Haus an der Perwyj Sowjetskij-Straße zu unseren Verwandten.</p>
<p style="text-align: justify">Der Weg war lang. Irgendwo beim Busbahnhof, als sogar ein Vorbeifahrender Traktor mit Anhänger keinen Halt machte, um uns aufzunehmen, blieb unsere Oma stehen. Sie konnte ihre Tasche nicht weiter tragen. Ich schimpfte laut, man müsse jetzt ans Leben denken und nicht  irgendein Zeug herumtragen. Die Oma antwortete mir unter Tränen: „<em>Doch das sind nicht irgendwelche Klamotten. Das ist mein Leichentuch, sollte ich plötzlich auf dem Weg sterben.</em>“ Bis heute schäme ich mich vor dieser Frau, die schon nicht mehr von dieser Welt ist.</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe so viele Erinnerungen an den Krieg, dass sich die Bilder in meinem Kopf so aneinanderreihen. Das schrecklichste dabei ist, wie die Ereignisse des Krieges sich auf die Psyche eines Menschen einwirken, wie sie ihn verändern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gefühllos und Herzlos</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ende 1992, als Mengen an Flüchtlingen aus dem Süden des Landes in die Hauptstadt flohen, wurde im Arbeitsministerium eine Zentralverwaltung für Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelte gegründet. Ich arbeitete dort im Sekretariat des Direktoren Chimat Dawlatow, schrieb und verteilte Bescheinigungen, die Dutzenden Angehörigen ethnischer Minderheiten, also Russen, Tataren, Deutschen, dabei halfen, das Land zu verlassen und einen Flüchtlingsstatus zu erhalten.</p>
<p style="text-align: justify">Es kamen Lastwagen voll mit Flüchtlingen zur neuen Zentrale. Überall Tränen, Gebrüll, Geschiebe… und schreckliche Geschichten. Frauen erzählten, wie sie ihre Kinder in den Fluss schmissen, weil sie keine Kraft mehr hatten, sie zu tragen, und nichts, um sie zu ernähren. Diese Frauen waren vom Krieg zerstört, sie kamen mit herzlosen, gefühllosen Gesichtern zu uns, konnten weder lachen noch weinen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Ich sah zum ersten Mal, wie Männer weinen können“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Irgendwann kamen sechs junge Kinder zu uns, deren Schicksal die ganze Zentrale beschäftigte. Ihre Mutter war auf dem Weg gestorben und ihr Vater schon davor verschwunden. Die Kinder wurden aufgeteilt: Manche wurden von Verwandten aufgenommen, andere ins Waisenhaus geschickt. Nur die Jüngste, ein sechs Monate altes Mädchen, wollte niemand aufnehmen. Eine aserbaidschanische Mitarbeiterin wollte sie unbedingt adoptieren.</p>
<p style="text-align: justify">Während die nötigen Dokumente ausgefüllt wurden, tauchte der Vater wieder auf. Man hatte ihn fast ein halbes Jahr lang in irgendeiner zerstörten Fabrik festgehalten. Er konnte nur durch ein Wunder fliehen und kam auf der Suche nach seiner Familie nach Duschanbe. Er war am Boden zerstört, als er vom Schicksal seiner Frau und seiner Kinder erfuhr. Ich sah dort vielleicht zum ersten Mal, wie Männer weinen können: Als man ihm seine Kinder brachte, darunter das jüngste Töchterchen, brüllte er wie ein verwundetes Tier, umarmte und küsste jedes einzelne.</p>
<p><figure id="attachment_9555" aria-describedby="caption-attachment-9555" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-9555" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-1024x689.jpg" alt="Frauen Demonstrarion Duschanbe 1992" width="1024" height="689" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-300x202.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-768x517.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-9555" class="wp-caption-text">Demonstration auf dem Ozodi-Platz in Duschanbe am 3. Mai 1992</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Der tägliche Kontakt mit der menschlichen Trauer ging auch an mir nicht spurlos vorbei. Auch ich wurde herz- und gefühllos. Als immer neue Flüchtlinge mit ihren tonnenschweren Geschichten kamen, reagierte ich gar nicht mehr. Ich führte meine Arbeit ganz mechanisch aus. Und mein guter und barmherziger Chef Chimmat Dawlatowitsch versuchte, jedem wenigstens mit Geld oder Essen zu helfen, während er selbst in einer kleinen Wohnung lebte und eigentlich auch selbst geflüchtet war.</p>
<p style="text-align: justify">Als Chimmat mich eines Tages wegen meiner Herzlosigkeit ausschimpfte, entgegnete ich, dass ich früher auch eine Andere war. Er gab mir recht: „Du hast recht, meine Kleine. Ich bin auch vor Trauer und Tränen erschöpft. Mir tut auch niemand mehr leid.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Flämmchen Hoffnung</strong></p>
<p style="text-align: justify">…Noch eine letzte Zeile. Ende 1992 erfuhr ich, dass ich ein Kind erwarte. Ich hatte eine unheimliche Begierde nach etwas, das es nicht gab: frische Tomaten. Mein Mann ging durch die Geschäfte, konnte aber nirgends welche finden. Die ganze Wohnung war voll mit eingelegten Tomaten, aber ich wollte unbedingt frische.</p>
<p style="text-align: justify">Im Folgejahr ließen die Menschen im brechend vollen Bus mir mit meinem Bauch ihren Platz frei und mir war das unangenehm. Erst jetzt verstehe ich, dass in den Blicken der Menschen dieser unsteten Zeit, die bei meinem Anblick von ihrem Platz aufsprangen, ein Flämmchen Hoffnung lag: Das Leben geht weiter, so oder so&#8230;&#8220;</p>
<p style="text-align: right"><strong>Manischa Kurbanowa<br />
<a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">Asia Plus</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong></p>
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		<title>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: &#8222;Der Krieg begann mit den Containern&#8220; (2/3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jun 2017 11:40:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie freuten sich &#xFC;ber den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, w&#xE4;hrend sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Au&#xDF;erdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das&#xA0;tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir &#xFC;bersetzen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><b>Sie freuten sich über den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, während sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Außerdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das </b><strong><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus</a></strong><b> hat Erzählungen aus dem Alltag der Tadschiken während des Bürgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</b></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Infolge umstrittener Präsidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg</a> eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterstützt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angeführt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Die Oppositionskoalition bestand hauptsächlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der ursprünglich politische Konflikt bekommt so darüber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensverträge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden sahen eine Quote von 30% innerhalb der Regierung für die Opposition vor, doch noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von während des Bürgerkriegs gegründeten Milizen und Mafias kontrolliert. Der tadschikische Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Zwanzig Jahre nach den Friedensverträgen veröffentlicht Asia Plus Erzählungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erzählungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realität des Krieges.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Im ersten Teil der Erzählungen erinnerte sich die <b><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Redakteurin Sebo Tadschibajewa</a>. </b></em></p>
<p style="text-align: justify"><b>Die Korrespondentin Lilija Gajsina </b></p>
<p style="text-align: justify">Für mich begann der Krieg mit den Containern. Genauer gesagt, als ich verstand, was diese verdammten Container mit den blutigen Ereignissen zu tun hatten. Obwohl mir nicht genau einleuchtete, was es mit den Ereignissen auf sich hatte, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Mal brachte ein Nachbar, mal ein anderer, mal mehrere auf einmal diese metallischen Behältnisse in unseren Innenhof und füllten sie mit allem, was aus ihrer Wohnung dort hineinpasste.</p>
<p style="text-align: justify">Wir halfen eifrig, standen uns gegenseitig auf den Füßen, regten uns tierisch über diese Container auf. Dann schlossen sich die metallischen Türen mit einem Knirschen und eine meiner Freundinnen wurde ganz verwirrt von ihren Eltern aus dem Innenhof geführt und mit Koffern, Papagei- und Hamsterkäfigen, mit Hunden und Katzen weggebracht.</p>
<p style="text-align: justify">Erst ging eine Freundin auf diese Art, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte. Von den ganzen Mädchen mit ewig wunden, grünen Knien, mit denen wir Puppen spielten und den Jungs, die uns immer ärgerten, die man uns aber als zukünftige Ehemänner vorstellte, blieben zum Anfang des Krieges nur zwei: Galjka und ich. Wir teilten uns ein paar laute Roller, mit denen wir über die Sträßchen zwischen den Häusern donnerten. Um unsere Ärmel waren Bänder gewickelt: Mal weiße, mal hellblaue, mal rote. Die Erwachsenen trugen sie so, und wir auch.</p>
<p style="text-align: justify">Mit dem Essen wurde es immer schwerer. Ich ärgerte mich, als mein Lieblingsbrot aus den Rationen verschwand. Anfangs schlürfte ich Kefir (wie dumm ich war!) und verzichtete auf Suppe (Idiotin!), verlangte einen zweiten Kefir. Den gab es schon nicht mehr und bald gab es auch keine Suppen mehr. Meine Launen hörten auf. Ich weiß noch, wie meine Mutter mit anerkennender Stimme meine Oma in der Küche sagte, Liljka sei ganz hungrig zu Bett gegangen und hätte nichts gesagt. Ich war unglaublich stolz auf mich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/">Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</a> </strong></p>
<p style="text-align: justify">Galjka und ich erfanden ein neues Spiel: Wir setzten uns mit dem „Buch über leckeres und gesundes Essen“ an den Hauseingang, blätterten darin und zeigten dabei auf die Seiten – „das ist meins“, „und das ist meins“. Auf den Seiten waren Würste mit grünen Erbsen abgebildet, Dosen mit rotem und schwarzem Kaviar, Schinken, Torten, Kuchen. Mama trat aus der Wohnung und sagte ganz beschämt: „Lilj, es reicht, auf ins Geschäft!“ Ich sprang schnell nach Hause, nahm mein Sprungseil mit und stapfte zum „Selbsbedienungsgeschäft“, also in den Hintereingang eines leeren Ladens. Dort standen Leute schon Schlange, am Abend wurde eine Brotlieferung aus „Chlebobulka“ erwartet. Einst (vor sehr langer Zeit, wie es schien) wurden dort die leckeren „Ogonjok“ Torten und krosse Baguettes gebacken. Zu der Zeit kamen von dort nur angebackene, unförmige „Batons“. Aber eines von ihnen zu ergattern war nun schon ein Glück. Für dieses „Glück“ standen wir lange Stunden in der Schlange. Zuerst spielten wir  Seilspringen, dann setzten wir uns auf einen Baum. Bei der Dämmerung spielten wir verstecken. Das Brot kam und kam nicht.</p>
<p style="text-align: justify">„Mama, ich will nach Hause, darf ich?“, stöhnte Galjka. Sie war etwas jünger, als ich.</p>
<p style="text-align: justify">„Wie, nach Hause? Dann bekommen wir weniger Brot“, bekam sie als Antwort.</p>
<p style="text-align: justify">Ehrlich gesagt, hatten wir es damals satt, draußen zu stehen. Noch ein paar Monate zuvor gingen wir wie getriebene raus, später wollten wir nur noch nach Hause oder wenigstens in die Schule. Anfangs freuten wir uns laut über die ausgefallenen Schulstunden, danach trauerten wir ihnen nach. Wir hatten die Abenteuer satt, wollten essen und leben, wie früher.</p>
<p><figure style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cd/RIAN_archive_699865_Dushanbe_riots%2C_February_1990.jpg" alt="Bürgerkrieg Tadschikistan Duschanbe Erzählungen" width="1024" height="697" /><figcaption class="wp-caption-text">Die Hauptstadt Duschanbe während des Bürgerkrieges</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Wie früher, das ging nicht mehr. Bald musste ich nicht einmal mehr den Müll heraustragen.  Die Müllcontainer waren nur ein paar Schritte weit weg, aber Oma ging selbst. Ich protestierte, wollte diese einst gehasste Aufgabe unbedingt weiter durchführen, wie früher. Es wurde mir nicht erlaubt. Oma ging schnell mit den Mülleimern über die leere Straße und ich schaute ihr aus dem Fenster dabei zu.</p>
<p style="text-align: justify">Einmal machte sie plötzlich halt. Ich beobachtete, dass sie neben einem Typen stand, der aus irgendeinem Grund auf dem Boden lag. Sie tastete ihn an und ging weiter. Als sie mit leeren Mülleimern zurückkam, nahm sie ein sauberes weißes Bettlacken aus dem Schrank und kehrte zurück Richtung Straße. Meiner Frage, wo sie denn hin wolle, wich sie aus. Sie ging zu dem Mann auf dem Boden und bedeckte ihn vom Kopf ab mit dem Laken, ich beobachtete das aus dem Fenster. Warum, erzählte sie mir nicht. Aber ich verstand es trotzdem. Noch lange danach fürchtete ich mich davor, an diesem Ort vorbeizugehen.</p>
<p style="text-align: justify">Oma respektierte meine Angst. Als wir mit schweren Taschen voller Kristallwaren und Zeitschriften zu Verkaufen zum Basar gingen, umgingen wir den Ort immer, auch wenn das einen Umweg bedeutete. Die Taschen waren so schwer, dass sie sich bis zum Blut in die Handfläche schnitten. Leicht zu verkaufende Güter wie Gold, Silberbesteck, Seidenlaken und gestickten Tischdecken (die als meine Mitgift vorgesehen waren) hatten wir schon lange zuvor teuer verkauft. Es blieb nur das Kristall und die Bücher. Oma sorgte sich mehr um die Bücher. Zuerst nahm sie die, von denen wir verschiedene Ausgaben hatten, dann die, die nicht so interessant waren, dann die, die sie schon zehn mal gelesen hatte. Doch der Krieg ging immer weiter und auch alle anderen Bücher mussten weg.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Erinnerungen an den Tadschikischen Bürgerkrieg &#8222;Die Kugeln fliegen schneller als man rennen kann&#8220; Teil 1/3</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eines Abends nahm sie zehn neuere Bücher einer Buchreihe mit rotem Buchband aus dem Regal: „Die Abenteuer von Tomek im Land der Kangoroos“, „Die Abenteuer von Tomek auf dem schwarzen Kontinent“, „Tomek sucht den Yeti“, „Tomek am Amazonas“ usw. Von Alfred Schkljarskij. Sie stellte alle Bücher vor mich:</p>
<p style="text-align: justify">„Lil’ka, lies! Wir müssen sie auch verkaufen, sonst bleibt uns nichts mehr.“</p>
<p style="text-align: justify">Ich fing an zu lesen. Die Abenteuer von Tomek aus Polen raubten mir den Atem! Ich las voller Gier und hätte am liebsten jede Seite mehrmals gelesen. Oma rief mich zur Eile und fragte jeden Tag, wie weit ich gekommen war. Schließlich hatte ich das letzte Buch, «Tomek bei Grand-Tschako» zu Ende gelesen und gab alle Bücher weg.</p>
<p style="text-align: justify">Oma legte sie in eine Tasche und wir brachten sie zum Basar. Normalerweise trug ich schwere Taschen hin und betete, dass sie auf den Rückweg leichter sein mögen. Normalerweise wurden meine Gebete nicht erhört. Diesmal jedoch bat ich um nichts, und es funktionierte. Wir haben alle Bücher der Tomek-Reihe auf einmal verkauft. Ich habe nie mehr von seinen Abenteuern gelesen.</p>
<p style="text-align: justify">Ich war 15 als der Krieg endlich zu Ende ging. Ich hatte solche Erfahrungen hinter mir, dass «Tomek unter den Menschenjägern» mich nicht mehr beeindruckte.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Im russischen Original auf <a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">Asia Plus </a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen übersetzt von Florian Coppenrath</strong></p>
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		<title>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: &#8222;Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann&#8220; (1/3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jun 2017 12:00:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Emomali Rahmon]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie freuten sich &#xFC;ber den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, w&#xE4;hrend sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Au&#xDF;erdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><b>Sie freuten sich über den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, während sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Außerdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das </b><strong><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus</a></strong><b> hat Erzählungen aus dem Alltag der Tadschiken während des Bürgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</b></em></p>
<p style="text-align: justify">Affolge umstrittener Präsidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_Bürgerkrieg">Bürgerkrieg</a> eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterstützt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angeführt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.</p>
<p style="text-align: justify">Die Oppositionskoalition bestand hauptsächlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der ursprünglich politische Konflikt bekommt so darüber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensverträge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden sahen eine Quote von 30% innerhalb der Regierung für die Opposition vor, doch noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von während des Bürgerkriegs gegründeten Milizen und Mafias kontrolliert. Der tadschikische Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.</p>
<p style="text-align: justify">Zwanzig Jahre nach den Friedensverträgen veröffentlicht Asia Plus Erzählungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erzählungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realität des Krieges.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Die Erzählung der Redakteurin Sebo Tadschibajewa:<br />
</b></p>
<p style="text-align: justify">„Im Jahr 1992 war ich 14 Jahre alt. Ich habe erst später verstanden, was für ein Unglück über uns eingebrochen war. Anfangs beobachteten wir von unseren Bänken aus, wie Menschen mit weißen Armbändern und Stöcken durch unseren Hof liefen. Später liefen da Leute mit roten Bändern. Sogar als wir die ersten Schüsse hörten, verstanden wir noch nicht, dass der Tod ganz in der Nähe war.</p>
<p style="text-align: justify">Meine Kindheit fand ein jähes Ende, als sie den Sarg eines Nachbarjungen in den Hof trugen. Er war nur ein Jahr älter als ich. Wir verstanden nur nicht recht, warum man ihn mehrere Tage lang in Gewahrsam gehalten hatte. Aber alle näherten sich dem Sarg und konnten die Zigarettenspuren an seinem Körper sehen. Die ganze Nachbarschaft versammelte sich zu Mischkas Beerdigung.</p>
<p style="text-align: justify"><em><strong>&#8222;Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann&#8220;</strong></em></p>
<p style="text-align: justify">Meine Eltern gingen weiter zur Arbeit, auch als es keinen öffentlichen Nahverkehr gab. Ich erinnere mich, wie mein kleiner Bruder und ich mit Schrecken aus dem Fenster beobachteten, wie unsere Mutter in aller Ruhe das Geschäft verließ, während in der Nähe geschossen wurde. Ich fragte sie später, warum sie nicht gerannt war, worauf sie ruhig antwortete: „Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann.“</p>
<p style="text-align: justify">Die schlimmste Erinnerung aus der Zeit waren die Erlebnisse von Verwandten meines Vaters, die aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wachsch_(Siedlung)">Wachsch</a> geflohen waren. Sie erzählten, wie ihre Nachbarn getötet wurden, wie unser Onkel mit Frau und Kindern aus dem Haus geflohen war und zu Fuß die 100 Kilometer bis Duschanbe zurücklegt hatte. Niemand schloss meinen Bruder und mich von diesen Gesprächen aus. Es war unmöglich, dem Horror zu entkommen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/">Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs </a></strong></p>
<p style="text-align: justify">An dem Abend wurde direkt in unserem Innenhof geschossen. Soldaten der Russischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SOBR">Spezialeinheit</a> griffen irgendwelche Kämpfer aus der fünften Etage des Nachbarhauses an. Am nächsten morgen sahen wir das Blut aus dem Asphalt. Einer der Kämpfer hatte versucht, an der Außenwand von der vierten in die fünfte Etage zu gelangen, stürzte aber ab.</p>
<p style="text-align: justify">Die nächste Schießerei ein paar Tage später erschreckte uns nicht einmal mehr. Erst als wir die Feuerwehr hörten, schauten wir aus dem Fenster: Eine Wohnung über dem nächsten Hauseingang war in Brand gesteckt worden; man hatte sie mit Granaten beworfen. Unsere Nachbarn aus dem Pamir konnten am Morgen aus der Wohnung fliehen.</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-9511" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Люди-войны-3.jpg" alt="" width="799" height="600" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Люди-войны-3.jpg 799w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Люди-войны-3-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Люди-войны-3-768x577.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 799px) 100vw, 799px" /></p>
<p style="text-align: justify">Der Schulunterricht fand unregelmäßig statt. Ich weiss nicht mehr ganz, in welcher Reihenfolge sich die Ereignisse im Jahr 1993 abspielten: Vielleicht kamen zuerst zwei Männer auf uns Mädchen zu, während wir auf der Straße plauderten. Sie fragten, ob in unserem Haus Leute aus Gharm oder aus dem Pamir wohnen. Mein Vater war aus Gharm, also war sein Leben bedroht. Ich erinnerte mich daran, wie man eine Lehrerin und ihren Sohn aus dem Nachbarhaus mitnahm, während sie im Hof Teppiche klopften. Am nächsten Morgen wurden ihre Leichen dort abgeladen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Flucht nach Russland</strong></p>
<p style="text-align: justify">Vielleicht griffen mich zuerst lokale Rowdys in der Schule mit einem Messer an. Jedenfalls entschieden sich meine Eltern nach diesen zwei Ereignissen, meinen Bruder und mich nach Russland zu unserer Tante zu schicken.</p>
<p style="text-align: justify">Mama blieb nicht bei uns, sie kehrte zum Vater nach Tadschikistan zurück. Aber wir wollten nicht getrennt von unseren Eltern leben und flogen selbst zum Beginn des Schuljahres zurück.</p>
<p style="text-align: justify">Unsere Mutter erzählte uns später, wie unser Vater während unserer Abwesenheit eine ganze Nacht im Eingang irgendeines Hauses im Wohnbezirk „Giprosem“ festsaß. Am nächsten Morgen wurde er mit ein paar anderen Männern „an die Wand“ geführt. Unseren Vater rettete allein der Umstand, dass er vor dem Krieg zusammen mit dem Bandenführer, in dessen Hände er gefallen war, in einer Textilfabrik arbeitete.</p>
<p style="text-align: justify">Danach kam der Hunger. Ende 1994 erlitt mein Bruder eine Appendizitis. Der Notdienst kam nicht, also fuhr unser Vater ihn selbst ins Krankenhaus. Er wurde ohne Vollnarkose operiert, dafür gab es im Krankenhaus keine Mittel. Einen Monat später stand ich in einer riesigen Schlange, um Brot zu bekommen. Ich musste meinen Bruder mitnehmen, da jeder nur ein vorgekochtes Brötchen bekam. In der Menge riss seine Naht, die Operationswunde musste neu genäht werden. Zu unserem Segen arbeiteten die Ärzte damals ungeachtet der Umstände, auch ganz ohne Gehalt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Trotz Friedensvertrag: Auf den Straßen herrscht der Krieg</strong></p>
<p style="text-align: justify">Als 1997 der Friedensvertrag unterschrieben wurde, sagte uns das erst mal wenig. Auf den Straßen regierten nach wie vor die Kämpfer.</p>
<p style="text-align: justify">Ich erinnere mich gut an die Unordnung auf den Straßen, als Mädchen, manchmal vor den Augen ihrer Eltern, in Autos gezerrt wurden. Mich retteten jedes Mal meine Beine und mein Schutzengel. Einmal floh ich vor einem Wagen, in dem bärtige Männer in Militärkleidung saßen. Ein Busfahrer bemerkte mich und öffnete beim Vorbeifahren die Hintertür, durch die ich entkommen konnte. Vor Mitleid nahm er das Risiko auf sich. Vor lauter Schreck habe ich das Gesicht meines Retters noch nicht einmal gesehen.</p>
<p><figure style="width: 1752px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/72/BelAZ_dump_trucks_burned_during_the_Civil_War_in_Tajikistan_2.jpg" alt="Bürgerkrieg Tadschikistan LKW " width="1752" height="1176" /><figcaption class="wp-caption-text">Abgebrannte LKW während des Bürgerkriegs</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">In den Jahren 1997 un 98 arbeitet ich als noch junges Mädchen in einer Militärstruktur. Dort erfuhr ich von allen jener Zeit führenden Kommandanten, lernte alle Militäreinheiten kennen und konnte die Soldaten verschiedener Einheiten an der Uniform erkennen.</p>
<p style="text-align: justify">Ich erinnere mich, wie die Schutzmänner des Oberst Tagojew mir einmal ihr ganzes Arsenal zeigten. Der Oberst war einen Kopf kleiner als ich; aber niemand betrachtete ihn herablassend. Mustafo (er wurde oft mit seinem Vornamen genannt) machte kurzen Prozess. Mein damaliger Chef deutete mir mit den Augen, zu gehen. Er konnte nicht für meine Sicherheit garantieren.</p>
<p style="text-align: right"><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e"><strong>Asia Plus</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen übersetzt von Florian Coppenrath </strong></p>
<p><em>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>.</em></p>
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