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	<title>Sprache Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Sprache Archives</title>
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		<title>Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 18:33:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Turksprachen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des popul&#xE4;rwissenschaftlichen Projekts &#x201E;Qazaq Bubble&#x201C; Bibarys Se&#x131;tak erkl&#xE4;rt, warum viele verbreitete Vorstellungen &#xFC;ber Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist. Viele [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des populärwissenschaftlichen Projekts „Qazaq Bubble“ Bibarys Seıtak erklärt, warum viele verbreitete Vorstellungen über Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist.</strong> <strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen teilen Sprachen in „harte“ und „weiche“ ein. Laut Seıtak, handelt es sich dabei jedoch um reine individuelle Wahrnehmung, die von Geschichte und Kultur geprägt wird. Französisch gilt oft als weich und melodisch, weil es lange Zeit die Sprache der Diplomatie und der Eliten war. Die deutsche Sprache hingegen klingt rau – nicht wegen ihrer Laute, sondern wegen historischer Assoziationen mit Kriegen und dem Bild des Feindes in der Populärkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Mythen gibt es auch rund um die Turksprachen. Kasachisch wird manchmal wegen des Lautes [sch] als hart bezeichnet, im Gegensatz zu Usbekisch mit [j]. Doch dies entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Solche Laute kommen in vielen Sprachen vor, und ihre Härte ist eine Frage der Wahrnehmung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ist Kasachisch wirklich schwer zu lernen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorstellung, dass manche Sprachen grundsätzlich schwieriger seien als andere, weist Seıtak zurück. Jede Sprache hat ihre eigenen Schwierigkeiten. Englisch gilt für viele als einfach und Chinesisch hingegen wird als schwierige Sprache beschrieben. Natürlich ist die Schrift des Chinesischen ziemlich eigenartig, aber Milliarden von Menschen kommen mit der chinesischen Schrift zurecht, und sie unterscheiden sich in nichts vom Rest der Menschheit. Daher hängt die Schwierigkeit einer Sprache vor allem von den Vorkenntnissen, dem Umfeld und der Gewöhnung ab.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „kiyu“ und „tağu“ in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Besonderheit des Kasachischen ist die Verwendung unterschiedlicher Verben für Kleidung und Accessoires. Für Kleidungsstücke wird das Verb&nbsp;„<em>kiıu</em><em>“</em>&nbsp;verwendet, für Accessoires wie Uhren, Schals oder Schmuck dagegen&nbsp;„<em>tağu</em><em>“</em>. Auch im Türkischen, Persischen oder Ukrainischen werden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Kleidungsstücke wie Kleider, Jacken, traditionelle Mäntel (şapan), Pelzmäntel, Mäntel oder Hosen wird das Verb „kiıu“ verwendet. Wenn es sich hingegen um Accessoires wie Uhren, Krawatten, Tücher, Schals, Armbänder oder Ringe handelt, wird „tağu“ verwendet. Besonders sichtbar wurde dies während der Corona-Pandemie. Damals diskutierten viele Kasachstaner darüber, welches Verb für das Tragen einer Maske verwendet werden sollte. Nach Ansicht von Linguisten sind jedoch beide Varianten sprachlich nachvollziehbar. Die Debatte verdeutlicht, wie präzise das Kasachische bestimmte Handlungen beschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise unterscheiden sich Kasachisch und Türkisch in einem kleinen, aber aufschlussreichen Detail. Beide Sprachen verwenden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires. Bei Kopfbedeckungen jedoch gibt es Unterschiede: Während Kasachen Mützen, Pelzkappen oder traditionelle Kopfbedeckungen als Teil der Kleidung betrachten, werden sie im Türkischen eher wie Accessoires behandelt. Linguisten vermuten, dass möglicherweise dies mit dem Klima zusammenhängt: Für die Nomaden der Steppe war die Kopfbedeckung nicht nur ein Accessoire, sondern eine lebensnotwendige Notwendigkeit.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dialekte in der kasachischen Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der großen geografischen Verbreitung gilt Kasachisch als vergleichsweise einheitliche Sprache, was bereits von den Sprachforschern im 19. Jahrhundert festgestellt wurde. Eine Erklärung allein durch die nomadische Lebensweise ist nicht stichhaltig; denn bei anderen Nomadenvölkern Zentralasiens, etwa den Turkmenen, haben sich deutlich stärkere Dialekte entwickelt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Als möglicher Grund gilt die traditionelle Exogamie der Kasachen, also die Heirat außerhalb der eigenen Sippe. Dieser regelmäßige Austausch zwischen verschiedenen Gruppen könnte dazu beigetragen haben, sprachliche Unterschiede zu verringern. Dennoch existieren regionale Besonderheiten, vor allem im Westen Kasachstans, wo benachbarte Sprachen und historische Kontakte den Wortschatz beeinflusst haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über „Täte“ und „Köke“ </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Regionale Unterschiede im Kasachischen zeigen sich vor allem im Wortschatz. So haben Kasachen in China chinesische Lehnwörter übernommen, während bei den Kasachen in der Mongolei mongolische Einflüsse erkennbar sind. Besonders interessant sind Wörter, deren Bedeutung je nach Region variiert. Das Wort „Täte“ bezeichnet im Norden Kasachstans eine Frau, im Westen dagegen einen Mann. Ähnlich verhält es sich mit „Köke“: Während viele darunter einen Onkel verstehen, wird der Begriff in manchen Regionen auch für Frauen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachisch-als-fremdsprache-lernen/">Kasachisch als Fremdsprache lernen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Verschiebungen sind für türkische Sprachen recht typisch. Auch die Geschichte des Wortes „äje“ (әже) zeigt, wie sich Sprache über Jahrhunderte verändert. In der alten türkischen Sprache bezeichnete es ursprünglich einen Vater oder älteren Bruder. Erst später erhielt das Wort eine weibliche Bedeutung und entwickelte sich schließlich zu seiner heutigen Bedeutung als Großmutter oder ältere Frau.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über den „richtigsten“ Dialekt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn von einem „richtigen“ oder „reinsten“ kasachischen Dialekt die Rede ist, wird meist die Sprachvariante der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachensteppe">Kasachensteppe</a> im Nordosten Kasachstans genannt. Tatsächlich bildet sie die Grundlage der modernen kasachischen Schriftsprache. Dies hängt eng mit der Geschichte Kasachstans zusammen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Region zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai">Qostanaı</a> zu einem wichtigen Zentrum der kasachischen Intelligenz. In dieser Zeit entstanden die Grundlagen der modernen kasachischen Literatur und Standardsprache – ähnlich wie in vielen anderen Ländern, die damals nationale Identitäten und einheitliche Schriftsysteme entwickelten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Bedeutung von Dialekten in der Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Für Bibarys Seıtak sind Dialekte kein Problem, sondern ein Ausdruck sprachlicher Vielfalt. Sie gehören zum kulturellen Erbe und bereichern die Sprache um regionale Besonderheiten und Nuancen. Zwar seien Rechtschreibung und Aussprache für die Standardsprache wichtig, doch die Abwertung regionaler Sprachvarianten könne er nicht nachvollziehen. Letztlich handele es sich um dieselbe Sprache mit unterschiedlichen Wörtern und Ausdrucksweisen. Gerade diese Vielfalt mache das Kasachische lebendig und interessant.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Globalisierung und die kasachische Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Globalisierung beeinflusst die kasachische Sprache nicht nur durch die Übernahme englischer Begriffe. Umgekehrt verbreitet sich auch das Kasachische zunehmend über kulturelle Produkte wie Musik, Filme, Serien und soziale Medien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ne-kyltan-wie-digitalisierung-die-kirgisische-sprache-veraendert/">“Ne kyltan?” – Wie Digitalisierung die kirgisische Sprache verändert</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dadurch gewinnt die Sprache auch außerhalb Kasachstans an Sichtbarkeit und ist vielen Nachbarvölkern – etwa Karakalpaken, Kirgisen, Usbeken oder Tataren – vertraut. Nach Ansicht von Seıtak wird bei Diskussionen über die internationale Verbreitung der kasachischen Kultur oft vor allem an den Westen gedacht. Dabei werde häufig übersehen, dass bereits die Nachbarländer ein großes und wichtiges Publikum darstellen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die überraschendste Erkenntnis</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der überraschendsten Erkenntnisse aus Seıtaks Projekt „Qazaq Bubble“ ist das große Interesse an populärwissenschaftlichen Inhalten in Kasachstan. Nach seiner Erfahrung spielt dabei die Sprache eine geringere Rolle als oft angenommen: Wissenschaftliche Themen können sowohl auf Kasachisch als auch auf Russisch ein breites Publikum erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend sei vielmehr die Art der Vermittlung. Werden wissenschaftliche Inhalte verständlich, kreativ und ansprechend präsentiert, stoßen sie auf großes Interesse. Das Projekt zeige, dass sich die kasachische Sprache hervorragend eignet, um komplexe Themen lebendig, spannend und sogar unterhaltsam zu erklären.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zu den Besonderheiten der kasachischen Sprache </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht weist das Kasachische einige Besonderheiten auf. Bestimmte Laute haben sich im Laufe der Zeit anders entwickelt als in vielen anderen Turksprachen. Dadurch können verwandte Wörter im Kasachischen anders klingen als etwa im Kirgisischen, Usbekischen oder Tatarischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/gemeinsames-lateinisches-alphabet-fuer-alle-turksprachen/">Gemeinsames lateinisches Alphabet für alle Turksprachen?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Lautveränderungen führen dazu, dass im Kasachischen vergleichsweise viele Homonyme vorkommen – also Wörter, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Zudem verfügt die Sprache über einen eigenen Wortschatz mit Begriffen, die in anderen Turksprachen nicht vorkommen. Ein Beispiel ist das Wort „sausaq“ für „Finger“, das als typisch kasachisch gilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über vergessene Wörter und Ausdrücke </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jede lebendige Sprache verändert sich auch das Kasachische ständig. Neue Wörter entstehen, andere geraten in Vergessenheit. Seıtak beobachtet jedoch mit Bedauern, dass manche traditionelle Begriffe von jüngeren Generationen kaum noch verstanden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Beispiel nennt er Wörter für Körperhaltungen oder Naturphänomene, die zunehmend durch modernere oder aus anderen Sprachen übernommene Ausdrücke ersetzt werden. Für den Linguisten ist das ein natürlicher Sprachwandel. Als Muttersprachler bedauert er jedoch, dass mit solchen Wörtern oft auch ein Stück kulturelles Wissen und Alltagserfahrung verloren geht.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Abstammung der türkischen Sprachen untereinander</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seıtak weist auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin: In der Sprachwissenschaft wird nicht gefragt, welche Turksprache von welcher abstammt. Alle heute gesprochenen Turksprachen gelten als gleich alt und haben sich über Jahrhunderte parallel entwickelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrung entsteht häufig dadurch, dass historische Volks- oder Sprachbezeichnungen unterschiedlich früh in schriftlichen Quellen auftauchen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine Sprache älter oder jünger ist als eine andere. Allerdings können einzelne Sprachen bestimmte archaische Merkmale bewahren, die in verwandten Sprachen bereits verschwunden sind. Solche Unterschiede sagen jedoch etwas über die Entwicklung einer Sprache aus – nicht über ihr Alter.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zur Feststellung der Sprachverwandtschaft</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Frage nach einer möglichen Verwandtschaft zwischen türkischen und mongolischen Sprachen beschäftigt die Sprachwissenschaft seit Langem. Die sogenannte Altaı-Hypothese geht von einem gemeinsamen Ursprung aus, bislang fehlen jedoch überzeugende Beweise dafür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Wörter in beiden Sprachfamilien lassen sich häufig durch historischen Sprachkontakt und gegenseitige Entlehnungen erklären. Um Sprachverwandtschaft nachzuweisen, untersuchen Linguisten vor allem den Grundwortschatz einer Sprache. Während die Turksprachen hierbei viele Gemeinsamkeiten aufweisen, fehlen solche systematischen Übereinstimmungen mit den mongolischen Sprachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch grammatische Ähnlichkeiten gelten nicht automatisch als Beweis für eine gemeinsame Herkunft. Bestimmte Sprachstrukturen können unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen der Welt entstehen. Deshalb unterscheiden Linguisten klar zwischen echter Sprachverwandtschaft, übernommenen Wörtern und bloßen strukturellen Ähnlichkeiten.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen Sara Derbishova</strong></p>



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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Die Entwicklung der usbekischen Gebärdensprache</title>
		<link>https://novastan.org/de/usbekistan/die-entwicklung-der-usbekischen-gebaerdensprache/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2025 22:11:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Behindertenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Behinderung]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Menschen mit Behinderungen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr als 20.000 geh&#xF6;rlose und schwerh&#xF6;rige B&#xFC;rger*innen z&#xE4;hlte der Geh&#xF6;rlosenverband Usbekistans im Jahr 2022. Leider war die Geb&#xE4;rdensprache lange Zeit in der &#xD6;ffentlichkeit wenig bekannt, und die M&#xF6;glichkeiten f&#xFC;r Geh&#xF6;rlose waren begrenzt. HOOK erz&#xE4;hlt die Entstehungsgeschichte der usbekischen Geb&#xE4;rdensprache, ihren aktuellen Stand, ihre Unterschiede zu anderen Geb&#xE4;rdensprachen sowie die Probleme und Erfolge in der Barrierefreiheit. [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Mehr als 20.000 gehörlose und schwerhörige Bürger*innen zählte der Gehörlosenverband Usbekistans im Jahr 2022. Leider war die Gebärdensprache lange Zeit in der Öffentlichkeit wenig bekannt, und die Möglichkeiten für Gehörlose waren begrenzt. HOOK erzählt die Entstehungsgeschichte der usbekischen Gebärdensprache, ihren aktuellen Stand, ihre Unterschiede zu anderen Gebärdensprachen sowie die Probleme und Erfolge in der Barrierefreiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die usbekische Gebärdensprache (UGS) entstand auf der Grundlage der russischen Gebärdensprache, die während der Sowjetzeit in usbekischen Internaten unterrichtet wurde. Lange Zeit war sie darum ein Dialekt der russischen Sprache, ergänzt durch Gebärden, in denen sich die usbekische Kultur widerspiegelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 20. Jahrhundert erfolgte der Unterricht in speziellen Schulen, in denen häufig Lehrer aus anderen Republiken tätig waren. Mit der Zeit entstanden in der Gehörlosengemeinschaft eigene Gebärden, um lokale Gegebenheiten zu bezeichnen. So begann die UGS, eigenständige Merkmale anzunehmen, obwohl sie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts keinen offiziellen Status hatte.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach der Unabhängigkeit 1991 begann Usbekistan, das kyrillische&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fingeralphabet">Fingeralphabet</a>&nbsp;durch ein lateinisches zu ersetzen. Als die Schulen 1997 mit dem Unterricht des neuen Alphabets begonnen, hatte die ältere Generation Schwierigkeiten, sich der neuen Praxis anzupassen. Dies führte zu einer Kluft zwischen den Generationen der Gehörlosen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Lage verbessert sich</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Heute erhalten Menschen mit Behinderungen, darunter auch Gehörlose, in Usbekistan mehr Aufmerksamkeit. Nach der&nbsp;<a href="https://www.esf.de/portal/DE/ESF-Plus-2021-2027/Behindertenrechtskonvention/inhalt.html">Ratifizierung</a>&nbsp;der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Jahr 2021 hat der Staat die Gebärdensprache als offizielles Kommunikationsmittel anerkannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2022 verabschiedete der Präsident einen Beschluss zur Entwicklung der usbekischen Gebärdensprache und der Brailleschrift. Das für Juni 2024 gesetzte Ziel lautete: die Aufwertung des Status der usbekischen Gebärdensprache sowie die Entwicklung eines Wörterbuchs, von Lehrbüchern und Didaktik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit 2023 bieten Schulen und Weiterbildungszentren Kurse in UGS und Braille-Schrift für Gehörlose, aber auch ihre Angehörige, Lehrer und Sozialarbeiter an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings bestehen weiterhin ernsthafte Probleme, allen voran ein akuter Mangel an qualifizierten Gebärdensprachdolmetschern. In Taschkent und Umgebung kommen auf 5000 Gehörlose lediglich zehn Dolmetscher, in anderen Regionen ist die Situation ähnlich. Zudem treffen Gehörlose bei der Arbeitssuche auf Vorurteile:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ihre Gemeinschaft ist ziemlich isoliert. Viele glauben, Menschen mit Hörbeeinträchtigungen seien lern- oder arbeitsunfähig. Das ist ein Klischee. In unserem Hub dagegen sind sie willkommen– sie tragen Implantate und unterscheiden sich in keiner Weise von den anderen. Es ist eine Frage der Aufklärung“,</em>&nbsp;erklärt Tatjana An, Projektmanagerin für Inklusion und Sozialschutz beim usbekischen Präsidenten.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die internationale Gebärdensprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die UGS ist der russischen Gebärdensprache (RGS) weiterhin sehr ähnlich: Viele Gebärden sind identisch, und die Unterschiede betreffen hauptsächlich kulturelle Begriffe, zum Beispiel die Namen nationaler Gerichte oder Personennamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Alltag verwendet die UGS ein zweihändiges Fingeralphabet auf der Grundlage des kyrillischen Alphabets, das mit dem in der RGS verwendeten identisch ist. In den 1950er bis 1970er Jahren sorgte das Projekt <em>Gestuno</em> des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Weltverband_der_Geh%C3%B6rlosen">Weltverbands der Gehörlosen</a> für Aufsehen: Sie versuchten, eine universelle Gebärdensprache zu entwickeln. Der Versuch scheiterte, doch überblieb ein vereinfachtes Kommunikationssystem für Gehörlose – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/International_Sign">International Sign</a> (IS) – ein heute viel genutztes Instrument bei internationalen Veranstaltungen. Tatjana An berichtet darüber:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die internationale Gebärdensprache unterscheidet sich stark von der lokalen. Obwohl sie nicht streng auf der englischen Gebärdensprache basiert, sind viele Gebärden aus dieser entlehnt. Die Hauptvoraussetzung für unseren Kurs ist die Kenntnis einer beliebigen Gebärdensprache und Grundkenntnisse in Englisch, aber das ist nicht zwingend erforderlich. Die Schüler sind mit ihren Fortschritten zufrieden: Sie lernen, wie eine Geste in der lokalen und in der internationalen Sprache aussieht. Kürzlich gab es ein Treffen mit einer Delegation aus Südkorea. Dort haben wir gesehen, wie gehörlose Menschen über einen Dolmetscher für internationale Gebärdensprache miteinander kommuniziert haben.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die heutige IS ist eine lebendige Mischung aus Pantomime, ikonischen Gebärden und Entlehnungen mit einem begrenzten Wortschatz und einer einfachen Grammatik. Im Gegensatz zur usbekischen Gebärdensprache findet die IS im Alltag keine Anwendung, hat keine Muttersprachler und ist frei nationaler Kulturspezifika. Es ist ein Hilfsmittel – eine Art&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Esperanto">Esperanto</a>&nbsp;der Gebärdenwelt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Nationale Besonderheiten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Weltweit existieren etwa 300 Gebärdensprachen, von denen jede auf natürliche Weise in einer bestimmten Gemeinschaft von Gehörlosen entstanden ist, oft unabhängig von anderen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gebärdensprachen sind keine visuellen Versionen von gesprochenen Sprachen. Viel mehr stellen sie eigenständige linguistische Systeme dar, die durch generationsübergreifende Weitergabe, kulturelle Einflüsse und kommunikative Bedürfnisse entstehen. In einem Land kann es mehrere Gebärdensprachen geben, und in verschiedenen Ländern können völlig unterschiedliche Systeme existieren, selbst wenn sie eine gemeinsame gesprochene Sprache haben. In&nbsp;<a href="https://youtu.be/rkFyC3fgCN8">Deutschland</a>&nbsp;und&nbsp;<a href="https://youtu.be/yAzZpv3iOqk">Österreich</a>&nbsp;spricht man beispielsweise Deutsch, die Gebärdensprachen sind jedoch unterschiedlich. Südafrika hingegen zählt 11 gesprochene Sprachen, jedoch nur eine einzige Gebärdensprache.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kontakte zwischen Gebärdensprachen sind oft geschichtlich bedingt. In postsowjetischen Ländern wie Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan ähneln sich die Gebärdensprachen allesamt aufgrund des gemeinsamen russischen Erbes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Zentralasiaten verstehen sich untereinander sehr gut. Der einzige Unterschied besteht in der Satzstruktur. Das Usbekische stellt das Subjekt wie in der gesprochenen Sprache an den Anfang, während das Russische dies freier handhabt“,</em>&nbsp;so Tatjana An.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innerhalb eines Landes kann es auch regionale Dialekte geben. Diese sprachliche Autonomie lässt sich durch die historische Isolation der Gehörlosengemeinschaften erklären: Vor dem Internet und globalen Verbindungen hatten sie selten Kontakt miteinander. Jede Gebärdensprache entwickelte sich als Antwort auf die Bedürfnisse einer bestimmten Gemeinschaft und wurde zum Ausdruck ihrer kulturellen Identität. Deshalb sind Gehörlose auf der ganzen Welt stolz auf ihre Sprache(n).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ausbildung von Gebärdensprachdolmetschern</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Usbekistan gewinnt der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers allmählich an Status und Unterstützung. Lange Zeit übernahmen Kinder gehörloser Eltern (<a href="https://www.geco-koeln.de/coda-koda">CODA</a>) oder Lehrer an Sonderschulen die Rolle des Dolmetschers, teils auch passionierte Gebärdensprachenlerner. Ein Ausbildungssystem für Dolmetscher fehlte jedoch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„An einigen Hochschulen gibt es Studiengänge mit Inhalten zu Gehörlosenpädagogik und Gebärdensprachdolmetschen, insbesondere am Außenstandort der russischen&nbsp;</em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatliche_P%C3%A4dagogische_Herzen-Universit%C3%A4t_St._Petersburg"><em>Herzen-Universität</em></a><em>&nbsp;in Taschkent. In unserem Internationalen Inklusionszentrum haben wir einen Jahrgang für internationale Gebärdensprache – den ersten in Usbekistan. Wir erhielten 52 Bewerbungen für den Kurs, obwohl nur 12 Plätze verfügbar waren. Dort werden sowohl Menschen mit Hörbehinderung ausgebildet als auch Dolmetscher, die die lokale Gebärdensprache beherrschen,“&nbsp;</em>berichtet Tatjana An.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber bieten Weiterbildungszentren sowie der Gehörlosenverband Usbekistans Kurse der lokalen Gespräche für Hörende an, darunter auch zur Ausbildung von Dolmetschern – nicht nur in der Hauptstadt, auch in anderen Regionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar sind die Grundlagen des Gebärdensprachdolmetschens in den Lehrplänen der Fachbereiche für Sonderpädagogik an pädagogischen Hochschulen enthalten. Angehende Gehörlosenpädagogen lernen dort Gebärdensprache, Unterrichtsmethoden und psychologische Besonderheiten und einige Absolventen werden auch Dolmetscher. Ein speziell auf die Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher zugeschnittenes universitäres Programm gibt es allerdings noch nicht – im Gegensatz zu Ländern wie Russland, den USA oder Europa, wo es vollwertige Ausbildungen zum Gebärdensprachdolmetscher bestehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der besagte Beschluss von 2022 verpflichtet Mitarbeiter, die in staatlichen Behörden mit Bürgeranfragen befasst sind, Kurse in Gebärdensprache zu absolvieren. Jedes Ministerium und jede Behörde hat den Auftrag, mindestens einen Mitarbeiter in Gebärdensprache zu schulen, um Besuchern mit Hörbehinderung zur Seite zu stehen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatjana An sieht den Westen in diesem Feld als Vorbild: <em>„Warum sind Gebärdensprachdolmetscher bei uns nicht so gut ausgebildet wie Ländern, wo sie sogar Konzerte verdolmetschen? Zum einen fehlt es an einem Bewusstsein dafür: Bei uns hält man es oft für Geldverschwendung oder schlicht nicht für nötig, Gebärdensprachdolmetscher einzuladen. Zum anderen geizen wir zu sehr mit Emotionen: Unsere Dolmetscher zeigen Gebärden in der Regel nur formal. Eine junge Frau, die bei einem Konzert von Ariana Grande dolmetschte, tat dies mit Emotionen, was sehr wichtig ist. Internationale Dolmetscher sind meist viel ausdrucksstärker.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://hook.report/2025/07/sign-language/">Russischen</a> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Besser spät als nie – drei Kasachstanerinnen lernen Kasachisch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[thevillage]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jan 2025 19:01:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch lernen]]></category>
		<category><![CDATA[kasachische Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit einigen Jahren, sp&#xE4;testens jedoch seit dem 24. Februar 2022, interessieren sich vielerorts immer mehr Kasachstaner:innen f&#xFC;r ihre offizielle Staatssprache, dessen gesellschaftlicher Status noch immer vor dem des Russischen zur&#xFC;cktritt. Drei junge Frauen haben &#x201E;The Village&#x201C; von ihren Lernerfahrungen erz&#xE4;hlt. Nicht jeder beherrscht Kasachisch nach der Schulzeit, viele besch&#xE4;ftigen sich erst als Erwachsene tiefergehend mit [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit einigen Jahren, spätestens jedoch seit dem 24. Februar 2022, interessieren sich vielerorts immer mehr Kasachstaner:innen für ihre offizielle Staatssprache, dessen gesellschaftlicher Status noch immer vor dem des Russischen zurücktritt. Drei junge Frauen haben „The Village“ von ihren Lernerfahrungen erzählt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht jeder beherrscht Kasachisch nach der Schulzeit, viele beschäftigen sich erst als Erwachsene tiefergehend mit der Sprache. Wir haben mit drei Kasachischlernerinnen gesprochen, die uns von ihren Motivationen und Erfolgen berichten und ihre persönlichen Lernstrategien mit uns teilen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Olga, 32, Fachberaterin</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Meine Motivation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachisch wollte ich schon lernen, da habe ich noch die Schulbank gedrückt. Ich wollte Teil der kasachischsprachigen Sphäre sein. Außerdem sind für mich Patriotismus und der Respekt gegenüber dem kasachischen Volk untrennbar mit der Kenntnis der Staatssprache (in Kasachstan verwendeter Begriff, in Abgrenzung zum Russischen, der „offiziellen Sprache“; Anm. d. Ü.) verbunden, und da ich unser Land liebe, hat mich das zusätzlich motiviert. In der Schule habe ich damals die Basics gelernt, erst später bin ich richtig tief in die Sprache eingestiegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An erster Stelle stand für mich das Verständnis des gesprochenen Kasachisch. Die Grammatik bereitete mir kaum Probleme, da profitiere ich als studierte Sprachwissenschaftlerin von meinem Vorwissen über den Aufbau von Sprachen. Wichtige Dokumente konnte ich schon bald allein aufsetzen, hier und da auch mal mithilfe eines Online-Übersetzers.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Anfangs fiel es mir nicht nur schwer, alles korrekt zu verstehen, sondern auch mich selbst auszudrücken. Da tragen die drei Sprachschulen, die ich besucht habe, auch ihre Mitschuld: Sie setzen die Grammatik in den Mittelpunkt, das Sprechen vernachlässigten sie leider komplett. Mein Niveau liegt zwar noch immer unter dem Durchschnitt, aber ich habe wahnsinnige Fortschritte gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Meine Herangehensweise</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Lehrerin gibt uns tolle Methoden an die Hand, aber das genügt mir nicht, darum schaue ich zusätzlich kasachische Serien. Seitdem ich weiß, was für fantastischen Content unser Land da zu bieten hat, komme ich davon nicht mehr los, auch wenn ich nur etwa 80 Prozent des Gesagten verstehe. Außerdem habe ich mir vor Kurzem einen Traum erfüllt und habe mir ein Theaterstück auf Kasachisch angesehen, eine Adaptation des Kinderbuchklassikers <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9C%D0%B5%D0%BD%D1%8F_%D0%B7%D0%BE%D0%B2%D1%83%D1%82_%D0%9A%D0%BE%D0%B6%D0%B0"><em>Mein Name ist Koscha</em></a>. Ach ja, und in meiner Playlist wimmelt es nur so von großartigen kasachischsprachigen Interpret:innen!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Erfolge</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Jahr habe ich an mehreren Sprachwettbewerben teilgenommen, eine ganz neue Erfahrung für mich. Bei „Unsere Staatssprache – Zeichen der Unabhängigkeit“ belegte ich sogar den ersten Platz des ganzen Oblasts [größere Verwaltungseinheit, ähnlich einem Bundesland, Anm. d Red.] und qualifizierte mich für die Runde auf Landesebene. On top bedankte sich Staat mit einem Schreiben für mein sprachliches Engagement – da war ich völlig aus dem Häusschen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders stolz war ich nach einem Live-Gespräch beim regionalen Radiosender. 45 Minuten habe ich durchgehalten, 45 Minuten nur auf Kasachisch! Da war Improvisation gefragt und das ist eigentlich gar nicht meins.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tipps und Tricks</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir hilft es wahnsinnig, die eigenen Fortschritte zu beobachten und mir hin und wieder selbst auf die Schulter zu klopfen. Wenn ich das mal vergesse, sind da meine Liebsten zur Stelle und strahlen vor Stolz über meine Lernerfolge. So etwas wie einen Trick 17 gibt es meiner Meinung nach nicht, da können mir noch so viele Werbeanzeigen verklickern: „Mit uns sprichst du in zwei Monaten fließend!“ Sprache erfordert zwei Dinge: Disziplin, denn du musst dich regelmäßig dahinterklemmen, und Motivation, ohne die geht nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erfolge kommen nicht auf Knopfdruck, eine Sprache lernt man nie aus. Wir müssen geduldig mit uns selbst sein und dürfen Fehler nicht scheuen. Eine meiner Anti-Angst-Strategien ist es, Instagram-Stories hochzuladen, in denen ich von vorne bis hinten auf Kasachisch spreche.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Alexandra, 26 Logistikerin und Übersetzerin</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Meine Motivation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">So richtig angefangen habe ich erst vor zwei Jahren. Doch der Wunsch, Kasachisch zu sprechen, schlummerte schon immer in mir. Früher habe ich immer meine kasachischsprachigen Freund:innen angehauen <em>„Kannst du das hier mal übersetzen?“</em>, wenn ich mal wieder auf kasachischsprachigen Instagram-Accounts unterwegs war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebendiese Freunde waren einer der Stimuli, die mich zum Kasachischen brachten. Ihr Russisch wimmelte nur so von kasachischen Wörtern und ich hakte jedes Mal nach: <em>„Warum hast du das jetzt so gesagt? Und warum nicht so?“</em> Da hat sich nun einiges getan, obwohl ich gerne noch mehr Kasachisch sprechen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Background und Fortschritte</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin ausgebildete Übersetzerin für Koreanisch und Englisch. In der Schule hatte ich auch Kasachisch-Uunterricht, doch von damals ist leider wenig hängengeblieben. Dank der Sprachkurse habe ich meine Kenntnisse aufgefrischt und spreche halbwegs frei, wenn auch langsam, obwohl wir im Kurs tatsächlich viel Sprechen üben. Das kommt mir zugute, denn ich lerne gut übers Zuhören, weshalb ich den Gesprächen im Bus immer ganz Ohr bin. Nichtsdestotrotz fehlt es mir an Praxis.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tipps und Tricks</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz egal ob Kasachisch, Koreanisch oder Englisch – um die Selbstdisziplin kommt niemand drumherum. Heutzutage sind wir alle ständig auf Achse. Wer eine Sprache lernen will, kommt aber nicht umhin, ihr täglich ein Stündchen seiner Aufmerksamkeit zu widmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein persönlicher Lerntipp: Sei neugierig, wenn dir Kasachisch im Alltag begegnet, auch an vermeintlich langweiligen Orten! Versuch Werbetafeln zu verstehen, klick die Youtube-Werbung ausnahmsweise mal nicht weg und hör mal genau hin, wenn diese Stimme in der Metro den nächsten Halt durchsagt. Beim Koreanischen hat mir diese Strategie geholfen. Oh, und das Allerwichtigste: unbekannte Wörter gleich nachschlagen! Ich habe mir schon ganze Apps auf Kasachisch übersetzt!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Meine Pläne</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich will mehr Podcasts auf Kasachisch hören, um so mein Ohr zu schulen. Kasachische Musik höre ich schon regelmäßig, am liebsten von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=DdO7km4KC_Q">Miras Jugunusov</a> und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=QQgH4IRbMSs">Moldanazar</a>, bei dem war ich sogar auf einem Konzert. In den Texten moderner kasachischsprachiger Interpret:innen entdecke ich ständig unbekannte Wörter und schöne Ausdrücke.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/souveraenitaet-angesichts-des-kriegs-die-ungewisse-zukunft-der-russischen-sprache-in-kasachstan/">Souveränität angesichts des Kriegs: Die ungewisse Zukunft der russischen Sprache in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Instagram folge ich außerdem ein paar Seiten, die die Grammatik verschiedener Fremdsprachen erklären – auf Kasachisch! So nutze ich meine allgemeine Neugierde für Sprachen, um gleichzeitig mein Allgemeinwissen und mein Kasachisch zu verbessern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So manche Lernmomente bleiben mir sicher noch lange im Gedächtnis. Eine ganze Zeit lang habe ich die Wörter Stau (<em>Keptelis</em>) und Taube (<em>Kepter</em>) verwechselt. Das war immer wieder lustig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Tipps und Tricks</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur keine falsche Scheu, Fehler sind unabdingbar, wenn du Fortschritte machen willst. Außerdem sind unsere Sprachkenntnisse nicht gleich Null, nur weil wir einmal eine grammatische Regel falsch anwenden. Hab Geduld, sei hartnäckig, eine Sprache lernst du ein ganzes Leben lang und deine Sprachkenntnisse fütterst du nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Erfahrung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lern mit den Inhalten, die DIR Spaß machen. Du schaust gerne lustige Youtube-Videos? Such dir eine:n lustige:n kasachische:n Youtuber:in! Du informierst dich gerne über das Weltgeschehen? Es gibt eine Reihe kasachischsprachiger Nachrichtenseiten! Ob du dich für Geschichte, Kultur oder sonst etwas interessierst, mach es dir beim Lernen zunutze!</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Anna, 34</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Meine Motivation</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte Kasachisch zwar schon in der Schule gehabt, tiefer eingestiegen bin ich allerdings erst, seit meine Tochter auf der Welt ist. Wenn nicht ich ihr diese Sprache beibringe, wer dann?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wand mich also an einige Nachhilfelehrer:innen. Doch die tischten mir genau die Methoden auf, die ich noch aus der Schulzeit kannte. Auf Instagram fand ich schließlich Lehrer:innen, die meine Erwartungen erfüllten. Ihre Stunden waren zwar teurer und ich zum gegebenen Zeitpunkt alles andere als flüssig, doch das war mir lieber als billigere Kurse, die mich nicht voranbrachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Erfolge</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich anfing, kannte ich allerlei Wörter, konnte sie aber kaum zu einem gerade Satz zusammenfügen. Dafür wusste ich, wie der kasachische Dativ und die Regeln der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vokalharmonie">Vokalharmonie</a> funktionieren, jedenfalls in der Theorie. Nach nun bald drei Jahren verstehe ich die gesprochene Sprache besser und auch Gespräche gehen mir leichter von der Hand. Nach dem bestandenen A2-Test bereite ich mich nun auf den B1-Test vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lernen mit meiner Tochter</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Tochter ist mittlerweile sieben Jahre alt und besucht die Kasachischkurse mit mir seit etwa fünf Monaten. Ich lege viel Wert darauf, dass sie mit Muttersprachlern lernt. Wenn ich mit ihr rede, streue ich hier und da kasachische Wörter ein, wie <em>qyzyl (</em>rot)oder <em>jasyl </em>(grün).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs sträubte sie sich oft dagegen. Doch ich gab nicht auf und suchte für sie Bücher auf Kasachisch, über die wir uns dann unterhielten. Mittlerweile hat sie ein echtes Sprachgefühl entwickelt, auch wenn sich hier und da Fehler einschleichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich geht sie nicht mit so großen Schritten voran wie Muttersprachler. Doch wenn sie mir beispielsweise sagt<em> „ich gehe in dER Schule“, </em>muss ich sie nur auf ihren Fehler hinweisen, schon verbessert sie sich selbst. Regelmäßige Wiederholung ein und derselben Sätzchen helfen uns beiden sehr. Wenn ich sehe, wie sie intuitiv richtig dekliniert, ganz ohne Lehrbuch, strahle ich übers ganze Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ohne Spaß geht nichts</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Steckenpferd ist die Grammatik, die ist super logisch und fast frei von Ausnahmen. Schwerer fällt mir das Schreiben und Hören, denn die Syntax ist komplex, besonders in verschachtelten Sätzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier und da entstehen auf Kasachisch ganz andere Sprachbilder als auf Russisch. <em>Ajaq astynan, </em>wortwörtlich „unter den Füßen hervor“ bedeutet „plötzlich“ (keine besonders bildliche Sprache an dieser Stelle auf Russisch; Anm. d. Ü.) Wer diesen Ausdruck nicht kennt, kann lange nach einer Übersetzung suchen! Oder die Redewendung <em>jygerim ūşyp ketti, </em>wortwörtlich „mein Herz ist weggeflogen“ heißt „mir ist das Herz in die Hose gerutscht“ (auf Russisch wortwörtlich „meine Seele ist mir in die Hacken gerutscht“.)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden/">Kasachstans Dilemma: Wie können ethnische und staatsbürgerliche Identitätsmodelle in Einklang gebracht werden?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lerne gerne mit Podcasts. Außerdem profitiere ich sehr von verständnisvollen Lehrer:innen und einer wohlwollenden Kursatmosphäre. Das Allerwichtigste ist, dass wir uns nicht an Fehlern aufhängen, sondern sie als Teil des Lernens ansehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zwischenbilanz</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fortschritte meiner Tochter, die nun schon akzentfrei spricht, zeigen mir, dass all die Mühe nicht vergebens war und wir auf einem guten Weg sind. Meine Mission habe ich schon erfüllt, selbst wenn wir in Zukunft nicht weiterhin größtenteils auf Russisch miteinander sprechen werden. Denn sie lernt auch weiterhin, anders über Dinge nachzudenken, auch was unsere Kultur betrifft. Je besser wir eine Sprache beherrschen, desto besser verstehen wir Witze, Wortspiele und so weiter. Wir sind alle Teil des kasachstanischen Volks und es ist gut, dass wir eine gemeinsame kasachische Sprache haben.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://www.the-village-kz.com/village/people/experience/38481-glavnoe-ne-boyatsya-oshibok-istorii-lyudey-kotorye-izuchayut-kazahskiy">Russischen</a> und überarbeitet von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wie russische Propaganda kasachischsprachige Medien beeinflusst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2024 15:15:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Demoscope]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Presse]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Russischer Einfluss]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Kasachstan breitet sich russische Propaganda &#xFC;ber die Grenzen russischsprachiger Zielgruppen hinaus aus &#x2013; vor allem &#xFC;ber den Krieg in der Ukraine. Expert:innen halten das f&#xFC;r ein alarmierendes Zeichen. Laut dem Politologen &#x15E;alkar Nurseit haben sich in den vergangenen f&#xFC;nf Jahren drei Hauptthemen russischer Propaganda entwickelt: Mythen &#xFC;ber Covid und Impfstoffe, Mythen und Verschw&#xF6;rungstheorien &#xFC;ber [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Kasachstan breitet sich russische Propaganda über die Grenzen russischsprachiger Zielgruppen hinaus aus – vor allem über den Krieg in der Ukraine. Expert:innen halten das für ein alarmierendes Zeichen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut dem Politologen Şalkar Nurseit haben sich in den vergangenen fünf Jahren drei Hauptthemen russischer Propaganda entwickelt: Mythen über Covid und Impfstoffe, Mythen und Verschwörungstheorien über den Krieg in der Ukraine; zum Beispiel Desinformation darüber, dass Selenskyj drogenabhängig sei; und Mythen über den Westen wie Fragen der Demokratie, Menschenrechte, die sogenannte Weltregierung, Freimaurer und so weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Mythen können „<em>auf fruchtbaren Boden fallen</em>“, weil ein bedeutender Teil der Kasachstaner:innen Fake News und Desinformation ausgesetzt ist. Dies zeigen Ergebnisse einer Umfrage, die das Sozial- und Marktforschungsinstitut Demoscope Ende 2022 durchgeführt hat. Es stellte sich heraus, dass es der Hälfte der Befragten schwerfiel, irreführende Informationen zu erkennen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie zeigt sich Propaganda des Kremls in der kasachischen Sprache?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Medet Esimhanov geht davon aus, dass praktisch alle Narrative, die als Rechtfertigung der Vollinvasion in der Ukraine genutzt werden, zur russischen Propaganda gezählt werden können. Esimhanov ist Chefredakteur der russischsprachigen Version des Projekts Factcheck.kz, das sich mit der Dekonstruktion von Propaganda befasst. Beispiele sind die Behauptung über einen Krieg mit der Nato, ein angebliches Aufblühen des Nationalsozialismus in der Ukraine oder eine angeblicher „<em>Genozid</em>“ im Donbass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demoscope untersuchte die Haltung zum Konflikt im März 2022. Sie stellten fest, dass die Sprache, auf der geantwortet wurde, die Wahrnehmung des Kriegs beeinflusst. „<em>Die Bezeichnung ‚militärische Spezialoperation‘ bevorzugten 39 Prozent der russischsprachigen Befragten und 27 Prozent der Kasachischsprachigen</em>“, heißt es in einer Pressemitteilung von Demoscope.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das kann so gedeutet werden, dass es auch im kasachischsprachigen Medienraum Narrative russischer Propaganda gibt. Als Beweis dafür kann die bekannte öffentliche Informationsseite Nege.kz herangeführt werden, die im März 2022 die Erklärung des russischen Präsidenten Putin verbreitete, dass „<em>russische Soldaten und Offiziere handeln wie echte Helden</em>“ im Krieg mit der Ukraine. Im Artikel nennt die Redaktion keine anderen Details und Informationen zum Krieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/aktuelle-debatte-um-lgbt-propaganda-in-kasachstan/">Aktuelle Debatte um „LGBT-Propaganda“ in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Medienexperte Joldas Orisbaı wies darauf hin, dass die Seite sputnik.kz bis jetzt den Begriff „<em>militärische Spezialoperation</em>“ statt „<em>Krieg</em>“ verwende und erklärte den Euphemismus so: „<em>Das vorliegende Medium ist ein Kremlmedium. Es benutzt ‚die Strategie der sanften Bewegung‘ (the gradual strategy [eine Manipulationsstrategie nach Noam Chomsky Anm. d. Ü.]). Dieses Medium versucht, mithilfe der Wiederholung des Narrativs der „militärischen Spezialoperation“ die Wahrnehmung der Kasachstaner zu verändern.</em>“ Es ist anzumerken, dass sputnik.kz den Begriff „<em>militärische Spezialoperation</em>“ nicht nur in Beiträgen auf Russisch, sondern auch auf Kasachisch verwendet. Dasselbe tut zum Beispiel die in Kasachstan populäre Seite tengrinews.kz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kremlnahe Medien versuchen, den Westen zu diskreditieren, indem sie „<em>traditionelle</em>“ und „<em>westliche</em>“ Werte gegeneinanderstellen und eine Anti-LGBT-Rhetorik verwenden. Diese Narrative sind auch im kasachischsprachigen Raum auffällig. Schon 2020 veröffentlichte die sozio-politische Medienplattform 365info.kz auf der kasachischen Sprache die Information, dass in Kyjiw „<em>Homosexuelle die LGBT-Flagge an das Mutter-Heimat-Denkmal gehisst haben</em>“. Und caravan.kz schrieb, dass LGBT+-Angehörige die Familie zerstören würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/in-zentralasien-werden-zukuenftig-wenig-menschen-russisch-sprechen/">In Zentralasien werden zukünftig wenig Menschen Russisch sprechen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nege.kz hat eine Publikation darüber gemacht, dass in Kasachstan „<em>LGBTQ stärker wird</em>“. Der Autor stellte die Frage: „<em>Soll man Handlungen verbieten, die den Traditionen unserer Vorfahren zuwiderlaufen oder soll man den Belangen des Globalisierungsprozesses nachgeben,</em> <em>es ausleben wie im Westen?</em>“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Worin besteht die Gefahr der Kremlpropaganda für Kasachstan?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Joldas Orisbaı gibt an, dass Russland darauf abzielt, seinen Einfluss in Kasachstan durch wirtschaftliche und politische Mittel zu verstärken. „<em>Deswegen versuchen russische Behörden ihren Einfluss auf Ak-Orda (Anmerkung der Redaktion: Residenz des Präsidenten Kasachstans) zu demonstrieren, wenn kasachstanische Behörden sich mit amerikanischen, europäischen und chinesischen Politikern treffen</em>“, sagt der Medienexperte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Beispiel führte er die Worte der russischen Fernsehmoderatorin Tina Kandelaki darüber an, dass sie in Kasachstan „<em>langsam, aber sicher fortfahren, die russische Sprache auf der staatlichen Ebene zu verdrängen</em>“. Diese Erklärung gab sie am 16. Januar 2024 und am 18. Januar 2024 machte der Präsident der Republik Kasachstan einen offiziellen Besuch in Italien. „<em>Das kann ein Zufall sein</em>“, schließt Orisbaı nicht aus. „<em>Aber sehr wahrscheinlich ist, dass das eine Propaganda-Methode war, mit der der Kreml seine Abneigung ausdrückte, dass Kasachstan mit dem Westen zusammenarbeitet.</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/loest-sich-zentralasien-von-russland/">Löst sich Zentralasien von Russland?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Duman Smakov, Chefredakteur der kasachischsprachigen Version von Factcheck.kz, warnt davor, dass Kreml-Propaganda schnell Massenunruhen in der Bevölkerung provozieren und separatistische und extremistische Stimmungen schüren könnte, die die Stabilität Kasachstans bedrohen. Ähnliche Methoden wurden in der Ukraine und in Moldau angewandt. Seiner Meinung nach sollte russische Propaganda als grundlegende Informationsbedrohung betrachtet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Russische Propaganda zielt darauf ab, Spaltung in der kasachstanischen Gesellschaft zu schaffen, während sie Aufmerksamkeit auf die Nutzung der russischen Sprache betont und Zweifel in den Prozess der Dekolonialisierung aufrechthält. Das kann zu einem Wachstum des Einflusses der Propaganda und der kremlfreundlichen Stimmung in der Bevölkerung führen</em>“, fügt Joldas Orisbaı hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Şalkar Nurseit stimmt zu, dass Propaganda darauf abzielt, die Gesellschaft zu polarisieren: „<em>Ich will anmerken, dass Polarisierung ein integraler Teil der Entwicklung der heutigen Gesellschaft ist. Nichtsdestotrotz wird Propaganda diesen Prozess verstärken und ein Hindernis für die sozio-politische Stabilität Kasachstans werden.</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Bedrohung, über die Şalkar Nurseit spricht, ist die Stigmatisierung der Frage der Menschenrechte und die Ideen des Liberalismus in Kasachstan. „R<em>ussische Propaganda hat in diesem Fall auch Einfluss, weil viele kasachischsprachige Menschen russische Propagandaideen in die kasachische Sprache übertragen. Viele Kasachischsprachige, die bilingual sind (und auch die russische Sprache können – Red.), werden Opfer dieser Propaganda, und tragen zu Stigmatisierung des Liberalismus und der Menschenrechte bei</em>“, bedauert Nurseit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/pressefreiheit-in-zentralasiatischen-laendern-verschlechtert-sich/">Pressefreiheit in zentralasiatischen Ländern verschlechtert sich</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Experte gibt an, dass Kreml-Propaganda langfristig Einfluss auf die Selbstbestimmung der Bevölkerung Kasachstans nehmen kann. „<em>In den strategischen Dokumenten des Kremls wird die russische Welt neuerdings als Zivilisation definiert, was den Einsatz der russischen Sprache und Kultur als politisches Instrument im postsowjetischen Raum impliziert. Dies wird sich direkt auf unser Land auswirken und sich negativ auf die Stärkung des Selbstbewusstseins der Kasachstaner auswirken</em>“, ist sich der Politologe sicher. Seiner Meinung nach bedeutet dies auch, dass die russische Propaganda die Etablierung der kasachischen Sprache als Staatssprache und den Übergang des kasachischen Alphabets vom kyrillischen zum lateinischen Alphabet weiter entgegenstehen wird. „<em>Das bedeutet, es wird nicht leicht, einen einheitlichen Informations- und Ideologieraum auf Grundlage einer kasachischen Staatssprache zu schaffen</em>“, sagt Nurseit.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie kann die Kreml-Propaganda bekämpft werden?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Joldas Orisbaı befürchtet, dass die Rhetorik des Kremls schon in naher Zukunft direkt auf der kasachischen Sprache verbreitet werden könnte. Duman Smakov warnt davor, dass dies Generationen genauso stark beeinflussen werde wie die sowjetische Propaganda und davor die Propaganda des Russischen Reiches. Deswegen ist es laut Duman Smakov im Kampf gegen Propaganda wichtig, konkrete Maßnahmen zum Verbot von Kriegspropaganda anzuwenden, die formell auch durch die Verfassung verboten sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Unabhängige Medien müssen Prebunking betreiben, das heißt präventiv Propagandanarrative Russlands dekonstruieren. Es ist nötig, die Qualität kasachischsprachiger Informationen zu steigern, und auch das kasachischsprachige Publikum zu vergrößern. Es ist nötig, nicht nur leichte, humorvolle Inhalte anzustoßen, sondern auch politische</em>“, schlägt Smakov vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Joldas Orisbaı betont, dass die Fähigkeit kasachischsprachiger Journalist:innen zur Überprüfung von Fakten verbessert werden müsse. „<em>Auf dem Markt Kasachstans gibt es sehr wenige Ressourcen für die Überprüfung von Fakten. Wenn jede Redaktion unabhängige Spezialisten aufstellen könnte, die sich mit Faktenchecks befassen würden, würde der Medienmarkt profitieren</em>“, sagt Joldas Orisbaı. Aber nach Ansicht des Experten ist der Raum für Faktenchecks für viele Journalist:innen eingeschränkt, weil sie außer Russisch als Zweitsprache keine anderen Sprachen beherrschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kein-herz-fuer-russische-kuenstler/">Kein Herz für russische Künstler</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jalkar Nurseit schätzt, dass für die Lösung des Problems ein komplexer Ansatz nötig sei. „<em>An erster Stelle steht die Liberalisierung des politischen Systems, die politischen Wettbewerb und Meinungsfreiheit gewährt. Ohne diese ist es nicht möglich, Propaganda zu bekämpfen – weder in kasachischsprachigen noch in russischsprachigen Medien. Zweitens muss besonders einer Erhöhung der Qualifizierung von Journalisten Aufmerksamkeit geschenkt und ein Akzent auf die Einhaltung journalistischer Standards gesetzt werden. Da hinken wir hinterher</em>“, merkt Nurseit an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seiner Meinung nach brauchen Medien auch stabile Finanzierungsmodelle. „<em>Jetzt hängen viele Medien von staatlichen Informationsaufträgen ab, das beeinflusst stark die Qualität ihrer Beiträge</em>“, bedauert der Politologe. „<em>Diese Medien dienen als Propaganda-Sprachrohr des autoritären Regimes.</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Komponenten, an denen gearbeitet werden müsse, sein die Steigerung der Medienkompetenz und die Entwicklung kritischen Denkens beim kasachstanischen Publikum.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Moldir Utegenova und Duman Terlikbaev für CABAR</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von der Novastan-Redaktion</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>„Meine Sprache ist mein Feind“: Separatismus in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Fergana News]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Aug 2024 14:29:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Kasachstan werden regelm&#xE4;&#xDF;ig Urteile wegen &#x201E;separatistischen Aktivit&#xE4;ten&#x201C; verh&#xE4;ngt. Dabei handelt es sich um ein schweres Vergehen, das mit einer Freiheitsstrafe geahndet wird. In der &#xFC;berwiegenden Mehrheit der F&#xE4;lle handelt es sich jedoch um &#x201E;Online-Separatisten&#x201C; &#x2013; Menschen, die sich, weit entfernt von Politik und Aktivismus, strafbar im Internet &#xE4;u&#xDF;ern. Wer sie sind und warum der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Kasachstan werden regelmäßig Urteile wegen „separatistischen Aktivitäten“ verhängt. Dabei handelt es sich um ein schweres Vergehen, das mit einer Freiheitsstrafe geahndet wird. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle handelt es sich jedoch um „Online-Separatisten“ – Menschen, die sich, weit entfernt von Politik und Aktivismus, strafbar im Internet äußern. Wer sie sind und warum der Staat sie als Bedrohung betrachtet, lest ihr hier.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gericht der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96skemen">Öskemen</a> (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostkasachstan">Gebiet Ostkasachstan</a>) hat vor kurzem zwei Anwohner:innen wegen Separatismus zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Den Ermittlungen zufolge hatten die Verurteilten im Februar dieses Jahres in einem Online-Chat über die Notwendigkeit eines Referendums zur Abtrennung des Gebiets Ostkasachstan von Kasachstan diskutiert und für den Fall eines Scheiterns zur gewaltsamen Inbesitznahme des Gebiets aufgerufen. Das Urteil wurde von der Generalstaatsanwaltschaft der Republik bekannt gegeben, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Woche zuvor, am 6. Juni, wurde Andrej Astachow in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qonajew">Qonaev</a> (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty_(Gebiet)">Gebiet Almaty</a>) zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, weil er in einem Video den russischen Präsidenten Wladimir Putin um Hilfe gebeten hatte, da er mit der Lage in Kasachstan unzufrieden war. Darüber hinaus bedrohte er kasachstanische Beamte und den Präsidenten. <em>„Wladimir Wladimirowitsch [Putin], helfen Sie uns, retten Sie uns. Ich denke, Sie werden uns hören“</em>, schloss Astachow sein Video. Er wurde wegen „Anstiftung zu sozialem Unfrieden“ verurteilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vor und nach den Ereignissen auf der Krim</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Pro-russische Stimmungen im Norden Kasachstans, in unmittelbarer Nähe zum „großen Nachbarn“ Russland, sind kein neues Phänomen. Seit der Unabhängigkeit gab es immer wieder Kräfte, die unter Berufung auf Geschichte, Sprache und andere Faktoren einen Teil des kasachstanischen Territoriums abtreten wollten. Diese Versuche fanden jedoch keine breite Unterstützung in der Bevölkerung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stand die Kosakenbewegung an der Spitze der prorussischen Bewegung im Norden und Osten Kasachstans, die jedoch im Laufe der Zeit an Kraft verlor und in viele sich widerstreitende Organisationen zersplitterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ataman Viktor Antoschko war einer der Vertretenden der Kosaken, der in Kasachstan als <em>„abscheulicher Separatist“</em> bezeichnet wird den prorussischen Aufstand in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6kschetau">Kökşetau</a> 1996 organisierte. Es wurde berichtet, dass er nach einem gescheiterten Aufstandsversuch nach Russland geflohen war. Bis vor kurzem war sein Schicksal unbekannt, doch dann wandte sich ein russisches Medium im Namen des „Rates der Atamanen des Kosakenvolkes“ in einem offenen Brief an den russischen Präsidenten, in dem Putin gebeten wurde, Viktor Antoschko in einem vereinfachten Verfahren die russische Staatsbürgerschaft zu verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/russlands-einfluss-in-kasachstan-die-illusion-der-schwaechung/"><strong>Russlands Einfluss in Kasachstan: Die Illusion der Schwächung</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Botschaft hieß es, Antoschko habe sich lediglich für die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung Kasachstans eingesetzt, woraufhin die Behörden der Republik begonnen hätten, ihn und seine Familienmitglieder zu verfolgen, und sie gezwungen hätten, das Land zu verlassen. <em>„Die ganze Zeit über lebte er illegal auf russischem Gebiet. Erst im April 2014 reiste er in den Donbass, um als stellvertretender Kommandeur der 6. Kompanie der Brigade „Wostok“ an der Verteidigung von Donezk teilzunehmen“</em>, erklärten die Verfassenden des Schreibens und baten den russischen Präsidenten, ihm für seine besonderen Verdienste für das Vaterland die Staatsbürgerschaft zu verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere <em>„russische Meuterei“</em> wurde 1999 von kasachstanischen Sicherheitsbeamten vereitelt. Das Nationale Sicherheitskomitee meldete damals die Verhaftung von 22 Mitgliedern der Organisation Rus (zwölf davon russische Staatsbürger), die sich darauf vorbereiteten, die Macht in Öskemen zu übernehmen und dort eine <em>„russische Republik“</em> auszurufen. Gleichzeitig leugneten lokale russische Organisationen den versuchten Aufstand, ebenso wie der Anführer des Aufstandes, Viktor Kasimirtschuk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verschwörer wurden verhaftet und der Skandal war plötzlich vorbei. Die gescheiterten Rebellen wurden zu unterschiedlichen Strafen verurteilt. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten verstummten die Diskussionen über die „nördlichen Gebiete“ Kasachstans, doch die Ereignisse von 2014 sollten alles ändern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Juristischer Kampf gegen Separatismus</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan empfand und empfindet keine Angst im Zusammenhang mit den Ereignissen auf der Krim, erklärte Kasachstans Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Toqaev</a> in einem Interview mit deutschen Medien im Jahr 2019. Dennoch beschloss Kasachstan im April 2014, weniger als einen Monat nach der <em>„Rückkehr der Krim in ihren Heimathafen“</em>, die Strafe für Aufrufe zum Separatismus zu verschärfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Verabschiedung des neuen Strafgesetzbuchs konnten die Behörden jegliche Agitation zugunsten des Separatismus unter Strafe stellen, auch die friedliche Agitation, wovon sie nun aktiv Gebrauch machen. <em>„Meiner Meinung nach ist es zutreffender, von der Einführung einer strafrechtlichen Verantwortlichkeit für Separatismus zu sprechen, als von deren Verschärfung“</em>, so Rechtsanwalt Johar Utebekov.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 24. August 2014 erklärte der damalige Regierungschef <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaev</a> in einem Interview offen, dass Kasachstan zu einer <em>„zweiten Ukraine“</em> werden könnte, wenn alle Sprachen außer der Staatssprache gesetzlich verboten würden. Wenige Tage später gab der russische Präsident Wladimir Putin eine Erklärung ab, die die Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen Übertragung des ukrainischen Szenarios auf Kasachstan noch verstärkte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Absprache einer kasachstanischen Eigenstaatlichkeit?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Verschiedene Äußerungen russischer Politiker:innen gingen ebenfalls in diese Richtung; so etwa sprachen sie Kasachstan eine richtige Staatlichkeit ab und behaupteten, dass das kasachstanische Territorium <em>„ein großes Geschenk Russlands und der Sowjetunion“</em> sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl der Kreml die Privatmeinungen der Abgeordneten jeweils mit einem Achselzucken abtat und versicherte, dass Russland keine territorialen Ansprüche auf seine Nachbarn erhebe, reagierten die kasachstanischen Behörden äußerst nervös auf jeden derartigen Angriff auf ihr eigenes Territorium und unterdrückten derartige Diskussionen auf ihrem Territorium mit aller Härte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Medien beider Staaten wechselten sich Äußerungen russischer Politiker:innen über die <em>„nördlichen Gebiete“</em> mit Verurteilungen derjenigen kasachstanischen Staatsbürger:innen ab, die sie unterstützten. Diese Verfahren lösten neue Ausbrüche russischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus, und die gegenseitigen Forderungen erreichten einen neuen Höhepunkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So erschien beispielsweise im August 2022 auf der Seite <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vk.com">vk.com</a> (russische Version von Facebook, Anm. d. Red.) ein Post von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dmitri_Anatoljewitsch_Medwedew">Dmitri Medwedew</a>, dem stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats, in dem er Kasachstan als <em>„künstlichen Staat“ </em>bezeichnete. Der Beitrag wurde wenige Minuten später gelöscht und Medwedew behauptete, seine Seite sei gehackt worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am darauffolgenden Tag beschloss das Stadtgericht <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Petropawl">Petropawl</a>, Einzelheiten zum Fall eines wegen Separatismus verurteilten Ehepaars bekannt zu geben, obwohl die Verhandlung selbst schon einige Monate zurücklag. Die Ehefrau arbeitete als Buchhalterin, ihr Mann als Elektriker. Im Dezember 2021 chatteten sie mit einem Einwohner der Ukraine und äußerten die Auffassung, dass die Region Nordkasachstan an Russland gehen sollte. Vor Gericht beteuerten die Eheleute ihre Unschuld und erklärten, sie seien provoziert worden. Sie wurden wegen Separatismus zu je fünf Jahren Gefängnis verurteilt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Sowjet-Nostalgie mit Folgen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Beginn der Unabhängigkeit von der Sowjetunion lag der Anteil an Kasach:innen in der Republik bei etwa 40 Prozent und damit etwa gleich hoch wie der der Russen. Inzwischen liegt der Anteil der kasachischen Titularethnie bei über 70 Prozent und wächst weiter. Das bedeutet, dass die Kasach:innen das Klima im Lande bestimmen und alle gesellschaftlichen Prozesse, einschließlich der interethnischen Beziehungen, beeinflussen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig werden einige Schritte der kasachischen Führung, z. B. die Umbenennung sowjetischer Städte- und Straßennamen in kasachische Namen, von den Russen schmerzlich zur Kenntnis genommen. Zwar sind sie in der Minderheit, machen aber immer noch einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus, vor allem im Norden und Nordosten des Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weniger schmerzhaft werden Versuche wahrgenommen, die jüngste sowjetische Vergangenheit neu zu interpretieren. In diesem Jahr wird ein neues siebenbändiges Buch über die Geschichte Kasachstans vorbereitet, in dem „den negativen Erscheinungen der Sowjetzeit Aufmerksamkeit“ geschenkt werden soll. Dieses Werk wird nach Anweisung von Präsident Toqaev die Grundlage für alle Geschichtslehrbücher der Republik bilden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/oppositioneller-journalist-aus-kasachstan-in-kyiv-ermordet/"><strong>Oppositioneller Journalist aus Kasachstan in Kyiv ermordet</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Nostalgie für die sowjetische Vergangenheit ein gemeinsames Merkmal der pro-russischen Separatisten in Kasachstan. Im Dezember 2023 wurde eine Einwohnerin der Republik zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, da sie den Wunsch äußerte, die Sowjetunion wiederherzustellen. Sie hatte einen Post auf Instagram kommentiert, in der der Abriss eines Lenin-Denkmals in der Region Altai-Ostkasachstan dargestellt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Früher oder später wird sich Ostkasachstan Russland anschließen (&#8230;), und dann werden wir sehen, was mit anderen Denkmälern passiert. Sie waren es nicht, die Lenin aufgestellt haben, und es steht Ihnen nicht zu, ihn zu entfernen, schon gar nicht auf diese Weise“</em>, schrieb die Angeklagte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau wurde wegen Separatismus angeklagt. Sie räumte ihre Schuld in vollem Umfang ein, drückte ihr Bedauern aus und sagte, dass sie Kasachstan liebe. Das Gericht verhängte eine fünfjährige Bewährungsstrafe gegen die Frau, da sie zwei Kinder im Alter von 13 und 7 Jahren allein erziehe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der aufsehenerregendste Prozess der letzten Jahre war schließlich der Prozess gegen die Teilnehmenden des so genannten „Volksrats der Arbeiter“. In dieser Organisation hatten sich 19 Einwohner:innen von Petropawl zusammengeschlossen und sich selbst zu „Erben der UdSSR“ erklärt. Im März 2023 hielten sie eine Versammlung ab, auf der sie erklärten, dass sie das moderne Kasachstan nicht anerkennen und den Behörden der Republik nicht gehorchen. Das Filmmaterial des Treffens gelangte ins Internet, woraufhin sie von den Strafverfolgungsbehörden entdeckt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Experten sahen in den Handlungen der Teilnehmer des „Rates“ Anzeichen für Separatismus und Propaganda zur Untergrabung der Sicherheit des Staates. Im November wurden die „Erben der UdSSR“ verurteilt: Der Organisator – der 48-jährige Automechaniker Wjatscheslaw Suderman – wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, seine Mitstreitenden erhielten jeweils sieben Jahre Haft.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Anna Kozyreva für Fergana News</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://fergana.news/articles/134147/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Michèle Häfliger</strong></p>



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		<title>Souveränität angesichts des Kriegs: Die ungewisse Zukunft der russischen Sprache in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hgardezi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 May 2024 19:08:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Beginn des v&#xF6;lkerrechtswidrigen Angriffskriegs auf die Ukraine befinden sich kasachstanische und russische Beamt:innen und Aktivist:innen in einem sich ausweitenden Konflikt &#xFC;ber die Zukunft der russischen Sprache in Kasachstan. Die zunehmenden Spannungen erfordern eine genaue Analyse. In einem im M&#xE4;rz ver&#xF6;ffentlichten Film, der von dem russischen Abgeordneten Andrej Lugowoi produziert wurde, wird die Ukraine [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach dem Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs auf die Ukraine befinden sich kasachstanische und russische Beamt:innen und Aktivist:innen in einem sich ausweitenden Konflikt über die Zukunft der russischen Sprache in Kasachstan. Die zunehmenden Spannungen erfordern eine genaue Analyse.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem im März veröffentlichten Film, der von dem russischen Abgeordneten Andrej Lugowoi produziert wurde, wird die Ukraine mit Kasachstan verglichen. Wie <a href="https://rus.azattyq.org/a/deputat-gosdumy-lugovoy-vypustil-film-o-rusofobii-kazahstana-nazvav-ego-marionetkoy-anglosaksov-kak-reagiruyut-v-astane-/32895669.html">Radio Azattyq, der kasachstanische Dienst von Radio Free Europe</a>, berichtete, wird Kasachstan darin als <em>&#8222;zunehmende russophobes Land&#8220;</em> bezeichnet. Es ist nicht das erste Mal, dass solche Äußerungen zu hören sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem Gastauftritt in der Politsendung des kremlnahen Moderators <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Rudolfowitsch_Solowjow">Wladimir Solowjow</a>, erklärte der russische Politologe <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%94%D1%80%D0%BE%D0%B1%D0%BD%D0%B8%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9,_%D0%94%D0%BC%D0%B8%D1%82%D1%80%D0%B8%D0%B9_%D0%9E%D0%BB%D0%B5%D0%B3%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87">Dmitrij Drobnitskij</a> im <a href="https://x.com/Gerashchenko_en/status/1595041154202058752">November 2022</a>: <em>&#8222;Wir sollten darauf achten, dass Kasachstan nicht zum nächsten Problemfall wird, da dort die gleichen Nazi-Entwicklungen wie in der Ukraine beginnen könnten. Und es leben viele Russen dort&#8220;</em>.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Drobnitskij spricht eine klare Drohung aus, die, obschon sie nicht von offizieller Seite stammt, trotzdem dazu beiträgt, ein Klima der Spannung zwischen den beiden Ländern in der Frage der russischen Sprache in Kasachstan zu schaffen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gute Beziehungen in Kriegszeiten – eine Gratwanderung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese zunehmende Schärfe im Tonfall kommt nur wenig überraschend. Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine versucht Kasachstan die Beziehungen zu all seinen Partnern aufrechtzuerhalten – von Russland bis hin zu den westlichen Ländern, <a href="https://www-eeas-europa-eu.translate.goog/kazakhstan/european-union-and-kazakhstan_en?s=222&amp;_x_tr_sl=en&amp;_x_tr_tl=fr&amp;_x_tr_hl=fr&amp;_x_tr_pto=sc">inklusive der Europäischen Union</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies lässt sich gut am Besuch des französischen Präsidenten <a href="https://de.euronews.com/2023/11/01/macron-in-kasachstan-tiefgehende-ubereinstimmungen">Emmanuel Macron</a> in Astana im Jahr 2023 veranschaulichen, der das Land kurz nach dem russischen Präsidenten <a href="https://www.rnd.de/politik/russlands-staatsprasident-wladimir-putin-besucht-kasachstan-bbd6c6f0-389c-4693-a04f-b9e7b974acf4.html">Wladimir Putin</a> bereiste. Und auch die Passivität Kasachstans im Zusammenhang mit der Unterstützung Russlands bei den Kriegshandlungen in der Ukraine trägt sicherlich zu den harschen Worten in den russischen Talkshows bei.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Im Widerspruch mit der kasachstanischen Souveränität?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Konflikt in der Ukraine scheint noch weitere Probleme aufzuzeigen, vor allem im Zusammenhang mit der Selbstwahrnehmung des zentralasiatischen Landes. Indem Dmitrij Drobnitskij die Präsenz einer zahlenmäßig <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wie-der-krieg-in-der-ukraine-die-auswanderung-von-russinnen-aus-kasachstan-nach-russland-beeinflusst/?noredirect=de-DE">großen russischen Bevölkerung</a> in Kasachstan betont, öffnet er die Tür zu einer generellen Reflexion über die Zukunft der russischen Sprache und Kultur in Kasachstan. Dies wiederum ist ein wichtiges Anliegen für die kasachstanische Souveränität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Schauplatz zahlreicher Debatten, Reformen und Kurskorrekturen folgt Kasachstan einem klassischen Muster der Unsicherheit zwischen einer <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/?noredirect=de-DE">definitiven Rückkehr</a> zu seiner ethnischen Turksprache, welche über lange Zeit vernachlässigt wurde, und der <a href="https://taz.de/Sprachproblem-Kasachisch-versus-Russisch/!5934758/">fortschreitenden Verwendung des Russischen</a> zur Erleichterung der interethnischen und regionalen Verständigung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/?noredirect=de-DE">Der Krieg in der Ukraine verleiht der kasachischen Sprache Auftrieb</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die beiden Amtssprachen sind in Kasachstan weder gesellschaftlich noch symbolisch gleichgestellt. Russisch ist nach wie vor die <em>lingua franca</em> Zentralasiens und wird von fast der gesamten kasachstanischen Bevölkerung verstanden und gesprochen. <a href="https://www.asianews.it/news-en/The-'de-colonisation'-of-young-Kazakhs-58453.html">Im Gegenzug</a> geben nur 40 Prozent der 18- bis 29-jährigen an, Kasachisch im Alltag zu verwenden, bei den über 60-jährigen sind es sogar nur 25 Prozent.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Russisch ist noch immer weit verbreitet</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://365info.kz/2023/10/vlasti-nakonets-opredelilis-kogda-kazahstan-perejdet-na-latinitsu">zahlreichen</a> und <a href="https://www.researchgate.net/publication/340124510_Features_and_problems_of_implementation_of_trilingual_system_in_the_secondary_school_in_Kazakhstan">ehrgeizigen</a> Reformen, die die kasachstanische Regierung vorantreibt, um das Erlernen der kasachischen Sprache zu fördern, machen deutlich, wie viel noch zu tun ist. Von der Intensivierung des Kasachisch-Unterrichts in den Schulen bis hin zu der Idee, statt dem <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kasachstans-langsamer-aber-bestimmter-weg-zum-lateinischen-alphabet/?noredirect=de-DE">kyrillischen das lateinische Alphabet</a> zu nutzen: Die Regierung Kasachstans hat sich das Ziel gesetzt, die Sprachlandschaft mittel- bis langfristig stark umzugestalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die <a href="https://countrymeters.info/en/Kazakhstan">19.9 Millionen Einwohner:innen</a>, von denen <a href="https://minorityrights.org/country/kazakhstan/">sich circa 15 Prozent zu der russischen Minderheit zählen</a>, steht jedoch viel auf dem Spiel. Schätzungen zufolge sind nach der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 zehntausende <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-folgen-der-russischen-mobilmachung-fuer-zentralasien/">russische Staatsbürger:innen hinzugekommen</a>, die vor dem Regime in Moskau geflohen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da seit Kriegsausbruch ein größer Teil der Bevölkerung, inklusive der russischen Minderheit Kasachisch lernen möchte, vermutet <a href="https://www.rferl.org/a/kazakhstan-language-club-russia-ukraine-invasion/32105411.html">Radio Free Europe</a>, dass das Interesse an der kasachischen Sprache eng mit dem Wunsch nach größerer Unabhängigkeit und Souveränität verwoben ist. Sich von der russischen Sprache zu distanzieren wird so zu einem Mittel, sich von dem politischen und kulturellen Einfluss Russlands zu emanzipieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kontroverse Aussagen von Entscheidungsträgern</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf diese Dynamik hat das Kreml-Regime bereits mehrfach reagiert und die sprachlichen und kulturellen Entwicklungen in Kasachstan kritisiert. Vor allem die Äußerungen von Außenminister<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sergei_Wiktorowitsch_Lawrow"> Sergej Lawrow</a> im November 2021 lösten dabei öffentlichen Unmut aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Artikel mit dem Titel &#8222;Russland und Kasachstan: Zusammenarbeit ohne Grenzen&#8220; <a href="https://mid.ru/en/nota-bene/1785538/">erklärte Lawrow</a>: &#8222;<em>Leider wurden wir in letzter Zeit Zeugen einer Reihe von medienwirksamen fremdenfeindlichen Handlungen gegen russischsprachige Bürger Kasachstans, die größtenteils auf das Konto externer Akteure gehen und die spezielle Informationsmethoden verwenden, welche darauf ausgelegt sind, Lokalpatriotismus anzustacheln und die Zusammenarbeit mit Russland zu diskreditieren</em>.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kasachstans-langsamer-aber-bestimmter-weg-zum-lateinischen-alphabet/?noredirect=de-DE">Kasachstans langsamer, aber bestimmter Weg zum lateinischen Alphabet</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn Sergej Lawrow seither einen milderen Ton gegenüber Kasachstan und dessen Regierung anschlägt, ist er bei weitem nicht der einzige russische Politiker, der sich zu diesem Thema geäußert hat. So berichtet etwa <a href="https://www.themoscowtimes.com/2023/08/28/moscows-consul-in-kazakhstan-dismissed-after-criticizing-decline-of-russian-language-teaching-a82272">The Moscow Times</a>, dass der russische Generalskonsul in Kasachstan, Jewgeni Bobrow, 2023 das Land verlassen musste, nachdem er den kasachstanischen Staat und das Bildungsministerium beschuldigt hatte, russischsprachige Schulen zu diskriminieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aktivistische Bestrebungen auf beiden Seiten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der russischen Kritik an den gegenwärtigen und zukünftigen Bemühungen in Kasachstan ist der Wunsch der Aktivist:innen im Land, die Bedeutung der kasachischen Kultur zu stärken, unvermindert geblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele junge kasachische Aktivist:innen, die in <a href="https://astanatimes.com/2022/08/kazakh-language-is-gaining-increasing-popularity-but-needs-greater-support-to-sustain-interest-says-expert/">traditionellen Nachrichtenmedien</a> und <a href="https://www.tiktok.com/@melodieospan/video/7346210695417023749">sozialen Netzwerken</a> aktiv sind, fordern zunehmend eine Rückbesinnung auf die „traditionelle“ kasachische Kultur und brechen dabei mitunter Gesetze: <a href="https://www.rferl.org/a/kazakhstan-language-activist-flees/31436983.html">Radio Free Europe</a> berichtete 2021 über Quat Ahmetov, der aus Kasachstan in die Ukraine geflohen war, weil gegen ihn wegen Volksverhetzung ermittelt wurde. Er hatte sich gefilmt, wie er russischsprachige Kasach:innen aufforderte, ihm auf Kasachisch zu antworten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umgekehrt schrecken auch die Verteidiger der russischen Sprache nicht vor harschen Zurechtweisungen zurück. So empörte sich <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%B0%D0%BD%D0%B4%D0%B5%D0%BB%D0%B0%D0%BA%D0%B8,_%D0%A2%D0%B8%D0%BD%D0%B0">Tina Kandelaki</a>, die wie Solowjow als Fernsehmoderatorin arbeitet, im Januar 2024 in den sozialen Medien über die Entscheidung Bahnhöfe in Kasachstan nunmehr nur noch auf Kasachisch anzuschreiben. Laut Kandelaki sei dies ein erste Schritt zur Ausgrenzung der Russen aus dem öffentlichen Leben in Kasachstan, so <a href="https://eurasianet.org/kazakhstan-faces-new-wave-of-provocative-statements-from-russia">Eurasianet</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mögliche Szenarien eines sich anbahnenden Konflikts</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan gab es seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 keine größeren ethnischen Konflikte, doch das Szenario einer Auseinandersetzung mit Russland darf – obschon noch weit von der Realität entfernt – nicht völlig ignoriert werden. So wies das <a href="https://quincyinst.org/research/ethnic-divisions-and-ensuring-stability-in-kazakhstan-a-guide-for-u-s-policy/">Quincy Institute</a> 2023 auf den sich ausbreitenden Nationalismus in der kasachischen Bevölkerung und Kultur hin und empfahl den USA sich auf eine mögliche Destabilisierung des Landes vorzubereiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angesichts der großen Herausforderung, den Frieden zu bewahren, muss Kasachstan versuchen, die Gratwanderung zwischen einer Zurückweisung des russischen Imperialismus und einer sprachlichen Inklusion des Russischen zu meistern.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Helmand Gardezi für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Übersetzt aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/spectre-ukraine-souverainete-kazakhe-lavenir-incertain-russe/">Französischen</a> von Maximilian Rau</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/souveraenitaet-angesichts-des-kriegs-die-ungewisse-zukunft-der-russischen-sprache-in-kasachstan/">Souveränität angesichts des Kriegs: Die ungewisse Zukunft der russischen Sprache in Kasachstan</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>In Zentralasien werden zukünftig wenig Menschen Russisch sprechen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kloop]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Feb 2024 14:25:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zentralasien ist eine der wenigen Regionen der Welt, in der Russland immer noch versucht, die Sprachpolitik der L&#xE4;nder zu kontrollieren. Seit Februar 2022 beschreiten jedoch immer mehr Staaten des postsowjetischen Raums den Weg der Entwicklung von Nationalsprachen. Wie l&#xE4;uft der Prozess heute in den L&#xE4;ndern Zentralasiens ab? Ein Gemeinschaftsprojekt von Factchek.kz, Respublika.kz, Kloop und Your.tj, [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zentralasien ist eine der wenigen Regionen der Welt, in der Russland immer noch versucht, die Sprachpolitik der Länder zu kontrollieren. Seit Februar 2022 beschreiten jedoch immer mehr Staaten des postsowjetischen Raums den Weg der Entwicklung von Nationalsprachen. Wie läuft der Prozess heute in den Ländern Zentralasiens ab? Ein Gemeinschaftsprojekt von </strong><a href="https://factcheck.kz/glavnoe/yazykovaya-dekolonizatsiya-stsenarii-buduschego-dlya-tsentralnoy-azii/"><strong>Factchek.kz</strong></a><strong>, </strong><a href="https://respublika.kz.media/archives/107955"><strong>Respublika.kz</strong></a><strong>, </strong><a href="https://kloop.kg/blog/2024/01/31/v-tsentralnoy-aziii-na-russkom-yazyke-budet-razgovarivat-malo-lyudej/"><strong>Kloop</strong></a><strong> und Your.tj, mit Unterstützung von Mediaset.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tadschikistan: Russisch hat noch Perspektive</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die russische Sprache in Tadschikistan gilt als Schlüssel für eine erfolgreiche Karriere und den Zugang zu moderner Literatur und Technologie. Und obwohl Englisch um einiges vielversprechender ist, ist Russisch für ein Studium in Tadschikistan leichter zugänglich. Darüber hinaus gehen viele Familien davon aus, dass ihre Kinder nach der Schule an russischen Universitäten studieren oder nach einer Weile nach Russland gehen werden, um dort zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Schulunterricht können die Absolvent:innen, mit Ausnahme einiger weniger Kinder, nicht fließend Tadschikisch sprechen. Auch das selbstständige Erlernen der Sprache ist schwierig. Im Jahr 2023 kann man Tadschikisch-Sprachkurse an einer Hand abzählen und eine Unterrichtsstunde kostet fast 20 US-Dollar. Ein Sprachlehrsystem hat sich nicht herausgebildet. Darüber hinaus unterrichtet man in Schulen und Kursen ein literarisches Tadschikisch, das sich stark von der modernen gesprochenen Sprache unterscheidet.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kirgistan: Versuche, aus dem Schatten Russlands zu treten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ende 2023 verabschiedete Kirgistan ein Gesetz zur Staatssprache, das Beamte, Abgeordnete, Lehrende und medizinisches Personal verpflichtet, Kirgisisch zu sprechen. Andernfalls könnten sie sogar entlassen werden. Russische Beamte und Propagandamedien haben bereits erklärt, dass dieses Gesetz „undemokratisch“ sei und die russische Sprache in Kirgistan unterdrücke.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kirgistan-diskussion-um-latinisierung-des-alphabets/"><strong>Kirgistan: Diskussion um Latinisierung des Alphabets</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Beamten beherrschen das Kirgisische immer noch nicht gut. Dies zeigen Sprachtests, die sie seit drei Jahren absolvieren müssen. <em>„Es gibt nur sehr wenige, die die Niveaustufen A1, A2, B1 und B2 bestanden haben. Es waren insbesondere unsere Kirgisen, die nicht bestanden haben. Weil sie sich von Anfang an [in ihrer Arbeit] auf die russische Sprache konzentrierten“</em>, <a href="https://kloop.kg/blog/2023/12/25/zakon-o-gosyazyke-kak-kyrgyzstan-pytaetsya-usilit-rodnoj-yazyk-nesmotrya-na-davlenie-rossii/">sagt</a> Kanybek Osmonalijew, Leiter der Nationalen Kommission für staatliche Sprache und Sprachpolitik. Er schlägt vor, den Beamten Zeit zu geben, ihre Kirgisisch-Kenntnisse zu verbessern, andernfalls müssten sie nach den Regeln des neuen Gesetzes sofort entlassen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Volkszählung von 2022 sprechen in Kirgistan bei einer Bevölkerung von fast 6,7 Millionen Menschen etwa 4,4 Millionen Kirgisisch. Allerdings gibt es immer mehr Menschen, die die Sprache lernen möchten. Aktivist:innen tragen in erster Linie dazu bei, die Sprache zu entwickeln und Liebe für sie zu wecken.</p>



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<iframe title="Не надо стесняться! Как кыргызстанцы вводят моду на родной язык" width="500" height="281" src="https://www.youtube.com/embed/ZuMoBLhYuEk?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph">Seit 2013 gibt es in Kirgistan das Projekt Balastan, das Kinderbücher auf Kirgisisch veröffentlicht. Und seit 2017 publiziert Bugupress Weltbestseller in kirgisischer Übersetzung: Bücher über Wissenschaft und Wirtschaft sowie Belletristik.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ayban-ferma-george-orwell-ins-kirgisische-uebersetzt/"><strong>„Ayban Ferma“: George Orwell ins Kirgisische übersetzt</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das Studio REC 55 ist im Land vertreten – ein Team von Enthusiast:innen, das Filme und Fernsehserien auf Kirgisisch synchronisiert. Darüber hinaus gibt es die IT-Community DevKurultai, wo man Programmieren auf Kirgisisch lernen kann.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kasachstan: Aktivist:innen entwickeln die Sprache</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan wiederum ist die Sprache einer der konfliktträchtigsten Faktoren der Gesellschaft. Immer wieder kommt es im Land zu sprachbezogenen Skandalen; die Sprache ist zum Hauptbestandteil der Rhetorik von Politiker:innen mit einer nationalpatriotischen Agenda geworden. Diskussionen über die Stärkung der kasachischen Sprache werden immer härter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mittlerweile liegt das Hauptproblem auf der Hand: Keine einzige Person aus Regierungskreisen konnte in den Jahrzehnten der Unabhängigkeit die Herausforderung lösen: Wie kann man der Gesellschaft, sowohl Schulkindern als auch Erwachsenen, die kasachische Sprache beibringen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/"><strong>Der Krieg in der Ukraine verleiht der kasachischen Sprache Auftrieb</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind vor allem Aktivist:innen und Enthusiast:innen, die versuchen, die Situation im Land zu ändern. So entwickelte der Schriftsteller Kanat Tasibekov seine eigene Methode zum Erlernen der Sprache. Darüber hinaus schrieb er das Buch „Situatives Kasachisch“ und gründete den kasachischen Sprachclub „Mämile“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei begann Tasibekov selbst erst im Alter von 50 Jahren, Kasachisch zu lernen. <em>„Ich schämte mich, dass ich Kasache war und kein Kasachisch sprach. Ein Doktor der Philologie fragt: Hatten Sie vor Ihrem 50. Lebensjahr keine Scham? Ich antworte: Bevor ich 50 war, hatte ich andere Prioritäten, ich musste Geld verdienen, meinen Kindern auf die Beine helfen, meine Tochter und meinen Sohn verheiraten“</em>, erklärt er gegenüber <a href="https://respublika.kz.media/archives/107955">Respublika.kz</a>. <em>„Eine Sprache zu lernen ist eine Menge intellektueller Arbeit. Man braucht sowohl Zeit als auch Ressourcen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Turkmenistan: Erfolgreiche Sprachtrennung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Turkmenistan ist bei der Förderung der Landessprache weiter fortgeschritten als die anderen zentralasiatischen Länder: Im Jahr 2020 sprachen nur 18 Prozent der Einwohner:innen des Landes in dem einen oder anderen Grad Russisch. Dazu trugen sehr radikale Reformen bei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie <a href="https://factcheck.kz/glavnoe/yazykovaya-dekolonizatsiya-stsenarii-buduschego-dlya-tsentralnoy-azii/">Factcheck.kz</a> feststellt, führte einerseits die Politik des ersten Staatschefs Turkmenistans, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saparmyrat_Nyýazow">Saparmyrat Nyýazow</a> (er leitete das Land von 1985 bis 2006), zusammen mit der schwierigen sozioökonomischen Lage im Land zu einer massiven Abwanderung ethnischer Russ:innen und anderer russischsprachiger Bevölkerung. Andererseits habe die radikale Sprachpolitik funktioniert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/turkmenistan/die-turkmenische-sprache-von-etrap-zu-dikucar/"><strong>Die turkmenische Sprache: von „etrap“ zu „dikuçar“</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der entscheidende Punkt war der Übergang von der kyrillischen zur lateinischen Schrift. Der Prozess wurde von Massenpropaganda in den Medien begleitet. Apropos Medien: Im Land gibt es nur noch eine Zeitung in russischer Sprache.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reform wirkte sich auch auf das Bildungswesen aus: Trotz der erklärten Politik des dreisprachigen Unterrichts (Turkmenisch, Russisch, Englisch) wurden russischsprachige Schulen und Universitätslehrpläne liquidiert.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Usbekistan: Einen Schritt vor und zwei zurück</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Usbekistan ist ein weiteres Land in der Region, welches die Umstellung vom kyrillischen auf das lateinische Alphabet durchführt. Der Prozess begann im Jahr 1993. Aber während im benachbarten Turkmenistan alles geklappt hat, haben die Behörden Usbekistans die Fristen ständig verschoben: von 2000 auf 2003, dann auf 2010 und zuletzt auf 2023.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Einige Schulbücher konnten ins Lateinische übersetzt werden. Aber es gibt eine Nuance: Junge Menschen, die nicht die kyrillische Version des usbekischen Alphabets beherrschen, sind tatsächlich vom literarischen Welterbe abgeschnitten. Wie <a href="https://factcheck.kz/glavnoe/yazykovaya-dekolonizatsiya-stsenarii-buduschego-dlya-tsentralnoy-azii/">Factchek.kz</a> feststellt, wurde bisher nur ein sehr kleiner Teil der Belletristik, darunter klassische Werke usbekischer Autoren, in das lateinische Alphabet übernommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Russisch keine Amtssprache in Usbekistan ist, ist es in den Großstädten immer noch vorherrschend und behält seine Stellung in Wirtschaft und Wissenschaft. In der Gesellschaft hat sich das Klischee verstärkt, dass Bildung auf Russisch von besserer Qualität sei als auf Usbekisch.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie können sich Nationalsprachen in den Ländern Zentralasiens entwickeln?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aussichten für das Russische und die Nationalsprachen in den Ländern Zentralasiens sind schwer vorherzusagen, aber Factcheck.kz zeigt mehrere mögliche Szenarien auf:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Weg des Wartens</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zahl der Russischsprachigen in Zentralasien ist in den letzten 30 Jahren stetig zurückgegangen – und das ist ein natürlicher Prozess. <em>„Wir gehen in die Zukunft, in der nur noch sehr wenige Menschen Russisch sprechen werden. Sie werden sich hauptsächlich in den größten Städten konzentrieren – in Almaty oder Bischkek. Der Rest der Städte wird Landessprachen sprechen, und das ist normal, das ist natürlich“</em>, sagt <a href="https://carnegieendowment.org/experts/1738">Temur Umarov</a>, Experte am Carnegie Center, gegenüber <a href="https://kloop.kg/blog/2023/12/25/zakon-o-gosyazyke-kak-kyrgyzstan-pytaetsya-usilit-rodnoj-yazyk-nesmotrya-na-davlenie-rossii/">Kloop</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sind ethnische Russ:innen in Zentralasien eine alternde Gruppe, deren Durchschnittsalter 38-40 Jahre beträgt. Die Logik dieses Szenarios besteht also darin, dass der Einfluss der russischen Sprache zusammen mit den Träger:innen der russischen Identität und Kultur verschwinden wird. In der Praxis ist die Abhängigkeit der Stellung der russischen Sprache von der Zahl der ethnischen Russ:innen jedoch <a href="https://factcheck.kz/glavnoe/yazykovaya-dekolonizatsiya-stsenarii-buduschego-dlya-tsentralnoy-azii/">nicht so direkt</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Weg der Verbote</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Factcheck.kz stellt weiter fest, dass in Turkmenistan und Lettland eine Politik strenger Beschränkungen des Gebrauchs der russischen Sprache funktioniert hat. Somit sind in diesen Ländern die Amtssprachen bereits die einzigen Unterrichtssprachen (vom Kindergarten bis zum Gymnasium) oder werden es bald sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kasachstans-langsamer-aber-bestimmter-weg-zum-lateinischen-alphabet/"><strong>Kasachstans langsamer, aber bestimmter Weg zum lateinischen Alphabet</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch diesen Ansatz entsteht ein sogenanntes „Sprachnest“ – eine Umgebung, in der alle Erwachsenen schon in jungen Jahren mit Kindern in der Zielsprache sprechen. Wenn die Sprache anschließend in Universitäten und am Arbeitsplatz verwendet wird, gelangt die Sprache aus dem alltäglichen Gebrauch in den beruflichen Bereich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Weg der Kompromisse</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Fall werden die Länder einerseits viele staatliche Programme zur Sprachentwicklung umsetzen und andererseits die russische Sprache auf verschiedene Weise unterstützen, um gutnachbarschaftliche Beziehungen zu Russland als einem der wichtigsten Wirtschaftspartner aufrechtzuerhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Weg der Zusammenarbeit</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Erfolg bei der Förderung der Sprache basiert auf einer produktiven Interaktion zwischen Behörden, Expert:innen und zivilen Initiativen, stellt Factcheck.kz fest. Der Staat stellt den gesetzlichen Rahmen und die Finanzierung bereit, Expert:innen und Aktivist:innen beurteilen die Bedürfnisse der Gesellschaft und den Grad der Bereitschaft zu bestimmten Reformen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung einer Sprache liegt darin, eine positive Motivation für das Erlernen und Verwenden der Sprache zu schaffen. Die Sprache muss notwendig, nützlich und prestigeträchtig gemacht werden. Eine effektive Sprachplanung ist in der Regel weder schnell noch bei allen Bevölkerungsgruppen beliebt. Darüber hinaus werden diese Maßnahmen ihren Initiator:innen keine einfachen politischen Vorteile bringen, stellt Factcheck.kz fest. Veränderungen werden langsam erfolgen, daher ist es viel einfacher, das Sprachproblem zu nutzen und mit den populistischen Gefühlen der Bürger:innen zu spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die vollständigen Ergebnisse von Factcheck.kz könnt ihr <a href="https://factcheck.kz/glavnoe/yazykovaya-dekolonizatsiya-stsenarii-buduschego-dlya-tsentralnoy-azii/">hier</a> einsehen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Kloop</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://kloop.kg/blog/2024/01/31/v-tsentralnoy-aziii-na-russkom-yazyke-budet-razgovarivat-malo-lyudej/"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Kirgisische Grammatik – auf Deutsch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Niedobitek]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Jul 2023 09:58:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Grammatik]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisisch]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Wissenschaftlerin und &#xDC;bersetzerin Mahabat Sadyrbek hat k&#xFC;rzlich das erste deutschsprachige Nachschlagewerk zur kirgisischen Grammatik ver&#xF6;ffentlicht. Novastan hat mit ihr gesprochen. Ende Mai dieses Jahres erschien im Dr. Reichert Verlag die &#x201E;Kirgisische Grammatik&#x201C; von Dr.&#xA0;Mahabat Sadyrbek, assoziierte Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut f&#xFC;r ethnologische Forschung in Halle an der Saale und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des deutsch-kirgisischen Kulturvereins. Sie [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Wissenschaftlerin und Übersetzerin Mahabat Sadyrbek hat kürzlich das erste deutschsprachige Nachschlagewerk zur kirgisischen Grammatik veröffentlicht. Novastan hat mit ihr gesprochen.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ende Mai dieses Jahres erschien im Dr. Reichert Verlag die <a href="https://reichert-verlag.de/schlagworte/kirgisisch_schlagwort/9783752006827_kirgisische_grammatik-detail">„Kirgisische Grammatik“</a> von Dr. Mahabat Sadyrbek, assoziierte Wissenschaftlerin am <a href="https://www.eth.mpg.de/sadyrbek">Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung</a> in Halle an der Saale und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des <a href="https://dkk-verein.com/">deutsch-kirgisischen Kulturvereins</a>. Sie ist darüber hinaus als <a href="https://kg-de-ru.com/">Überse</a><a href="https://kirgisisch-translation.com/profil/">tzerin</a>, u.a. aus dem Kirgisischen ins Deutsche, tätig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch umfasst über 300 Seiten und ist laut Verlag eine „Mischung aus normativer, wissenschaftlicher und vergleichender Grammatik des Kirgisischen, die in einer westeuropäischen Sprache in dieser Form bisher nicht existierte.“ <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/rosa-otunbajewa-eine-ausnahmefrau/">Rosa Otunbajewa</a>, die ehemalige Präsidentin der Kirgisischen Republik, würdigte dieses Werk mit einem persönlichen Vorwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Novastan hat sich mit der Autorin über die Entstehungsgeschichte des Buches, die Eigenheiten der kirgisischen Sprache und ihr nächstes großes Projekt unterhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan.org: Liebe Mahabat, herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung des Buches. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden und wie lange hat es von der ersten Idee bis zur endgültigen Umsetzung gedauert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mahabat Sadyrbek: Die Inspiration für dieses Buch entsprang vor vielen Jahren, als ich nach Berlin zog, um hier zu promovieren. Zu dieser Zeit erhielt ich vom Auswärtigen Amt den spannenden Auftrag, einem Diplomaten Kirgisisch beizubringen, der ein halbes Jahr später zur deutschen Botschaft in Bischkek versetzt werden sollte. Es wurde schnell deutlich, dass die vorhandenen Lehrmaterialien seinen Anforderungen nicht gerecht wurden, da er bereits mehrere äußerst unterschiedliche Fremdsprachen beherrschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich entschied mich also dafür, ein umfassendes Lehrbuch zu verfassen, welches alle Aspekte der kirgisischen Sprache umfänglich behandelt. Im Jahr 2011 entstanden die ersten Skizzen und Entwürfe für dieses Buch, die schließlich ihre Form in einem Werk fanden, das die Essenz und Vielfalt der kirgisischen Sprache in ihrer ganzen Pracht einfängt und hoffentlich vielen Lernenden und Sprachbegeisterten von Nutzen sein wird.</p>



<p class="has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängige</a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#8211; und von eurer Unterstützung! Durch jede noch so kleine <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem meine Mission mit Sprachvermittlung im Auswärtigen Amt endete, nutzte ich meine Freizeit neben meiner Dissertation und späteren wissenschaftlichen Tätigkeit für die Weiterentwicklung des Lehrbuches. Es war ein langer und manchmal mühsamer Prozess, der diesem endgültigen Manuskript mündete, das stolze 350 Seiten umfasst. Die Bearbeitung im Verlag nahm ein ganzes Jahr in Anspruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das klingt nach einer Menge Arbeit und vielen schlaflosen Nächten. An wen richtet sich das Buch denn?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es richtet sich hauptsächlich an Wissenschaftler und andere Fachleute, die sich für die kirgisische Sprache interessieren. Es ist keine leichte Lektüre und dürfte für Kinder und Jugendliche eher eine Herausforderung darstellen. Aber auch allgemein Interessierte, die eine gründliche und fundierte Kenntnis der Sprache anstreben, können von der Lektüre profitieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein vorrangiges Ziel war es, eine solide Grundlage zu schaffen, auf der weitere Lehrmaterialien und Forschungen aufbauen können. Insofern kann man sagen, dass es in Deutschland eine Leerstelle füllt und einen Beitrag zur Vertiefung des Verständnisses der kirgisischen Sprache und Kultur leistet. Das Buch ist allerdings auch für die Kirgisen selbst interessant, die in Deutschland leben und versuchen, die kirgisische Sprache als kulturelles Erbe an ihre Kinder weiterzugeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ne-kyltan-wie-digitalisierung-die-kirgisische-sprache-veraendert/">„Ne kyltan?“ – Wie Digitalisierung die kirgisische Sprache verändert</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Arbeit am Buch konnte ich übrigens feststellen, dass es neben den vielfältigen Unterschieden zwischen der kirgisischen und der deutschen Sprache auch interessante Gemeinsamkeiten gibt. Am Ende gibt es auch einen praktischen Übungsteil mit Audioaufnahmen, der den Lernprozess bereichert und lebendig gestaltet. Das Buch ist nicht nur ein Lehrwerk, sondern fungiert auch als Nachschlagewerk, das es den Lesenden ermöglicht, gezielt spezifische Inhalte zu nutzen, ohne es von vorne bis hinten durcharbeiten zu müssen. Es gibt kein vergleichbares Buch zur kirgisischen Grammatik in irgendeiner anderen europäischen Sprache, mit Ausnahme des Russischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Du hast gerade Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und der kirgisischen Sprache erwähnt. Könntest du uns ein paar nennen, die du für besonders wichtig hältst?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kirgisisch und Deutsch unterscheiden sich vor allem durch das Agglutinationsprinzip, das auch in anderen Turksprachen verbreitet ist. Im Kirgisischen werden Endungen für Singular und Plural, verschiedene Fälle usw. an ein Wort angefügt, wobei sich diese Endungen je nach Vokalharmonie ändern. Im Vergleich zu anderen Turksprachen gibt es im Kirgisischen jedoch zwölf Pluralendungen, was es zwar anspruchsvoller macht, aber auch seine melodische Schönheit betont. Interessanterweise gibt es auch Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen in Bezug auf Reziprozität und Reflexivpronomen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Du bist vor über 20 Jahren mit einem DAAD-Stipendium zum Studium nach Deutschland gekommen und lebst seitdem mit kleinen Unterbrechungen in Deutschland. Haben die Distanz zur Heimat, die Alltäglichkeit der deutschen Sprache und auch die Erfahrungen mit anderen Kulturen und Sprachen deinen Blick auf die kirgisische Sprache beeinflusst?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf jeden Fall. Die kirgisische Sprache hatte damals einen sehr niedrigen Status, und ich war schon vor meiner Zeit in Deutschland stark daran interessiert, Fremdsprachen zu lernen. Ich hatte das Gefühl, dass die kirgisische Sprache in gewisser Weise defizitär ist und dass es damit schwer sein könnte, eine höhere Bildung und Fachwissen zu erlangen. Aber je mehr ich mich mit anderen Sprachen und Kulturen beschäftigte, desto mehr wuchs meine Wertschätzung für das Kirgisische. Ich erkannte die Schönheit und Komplexität der kirgisischen Sprache und änderte nach und nach meine Einstellung zu meiner Muttersprache.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erfahrung mit anderen Sprachen und Kulturen haben dazu beigetragen, das Verständnis und die Perspektive auf die Muttersprache zu erweitern und zu vertiefen. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache habe ich gelernt, komplexe Themen, Begriffe und Sachverhalte auch auf Kirgisisch zu erklären und sie verständlich zu machen. Aus diesem Grund bin ich inzwischen auch als Übersetzerin tätig.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was waren die größten Schwierigkeiten beim Verfassen einer derartigen Enzyklopädie?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Inhalt des Buches ist in einer systematischen Reihenfolge der grammatischen Kategorien wie Substantive, Pronomen, Verben, Adjektive, Adverbien, Postpositionen, Partikel, Modi und Konjunktionen aufgebaut. Die größte Herausforderung bestand darin, die grammatischen Regeln zu entwickeln und sie verständlich sowie nachvollziehbar zu erklären. Es erforderte aufwendige Recherchearbeit und Diskussionen mit Sprachwissenschaftlern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal verbrachte ich mehrere Tage, Wochen oder sogar Monate mit der Bearbeitung eines einzelnen Absatzes. Darüber hinaus gibt es wenig Materialien oder vergleichende Grammatikbücher. Für die allgemeine Struktur haben mir die Werke zum Türkischen geholfen, aber die detaillierten Darstellungen musste ich selbst ausarbeiten, da es auch unter den Turksprachen keine vergleichbaren Werke zu meinem Buch gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es Personen oder Institutionen, die dich beim Erstellen des Buches unterstützt haben, oder warst du weitestgehend auf dich allein gestellt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem langen Zeitraum musste ich aufgrund gesundheitlicher oder zeitlicher Einschränkungen gelegentlich Hilfskräfte engagieren, um das Projekt voranzubringen. Die Erstellung zahlreicher Tabellen und ständige Schriftwechsel machten das Formatieren ebenfalls zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Zudem war es von großer Bedeutung, dass das Buch mehrfach von verschiedenen Personen gegenlesen, geprüft und getestet wurde, wofür sie eine angemessene Aufwandsentschädigung erhielten. Allerdings hatte ich auch das Glück, viele liebenswerte Freunde und Kollegen in meinem Umfeld zu haben, die mich uneigennützig und tatkräftig unterstützten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der deutsch-kirgisische Kulturverein, bei dem ich selbst seit 14 Jahren engagiert bin, leistete finanzielle Unterstützung für die Audio-Aufnahmen. Das Buch hat für mich einen besonderen Stellenwert in meinem akademischen und ehrenamtlichen Leben, da es meinen Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung meiner Muttersprache darstellt. Deshalb war es für mich selbstverständlich, eine gewisse finanzielle Eigenleistung zu erbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Du arbeitest derzeit auch an einem weiteren Buch, das sich an diejenigen wendet, deren Muttersprache Kirgisisch ist und die die deutsche Sprache lernen wollen. Könntest du uns etwas über das Projekt erzählen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während meiner Arbeit an der „Kirgisischen Grammatik“ haben mir viele Freunde und Bekannte gesagt, dass ein Buch mit dem Titel „Deutsch für Kirgisischsprechende“ tatsächlich sinnvoller sein könnte, da es eine größere Anzahl von Kirgisen gibt, die Deutsch lernen möchten, als umgekehrt. Das Interesse ist aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage und der <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/warum-es-fuer-kirgisische-staatsangehoerige-schwierig-ist-im-ausland-arbeit-zu-finden/">Zuwanderung von Fachkräften</a> enorm gestiegen. Obwohl es mittlerweile gute Lehrbücher für Kirgisischsprechende gibt, die Englisch lernen möchten, besteht immer noch ein Mangel an entsprechenden Materialien für Deutschlernende.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/i-am-from-kyrgyzstan-zeugnisse-einer-kirgisin-im-ausland/">„I am from Kyrgyzstan“ – Zeugnisse einer Kirgisin im Ausland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch an den germanistischen Fakultäten wird immer noch, wie zu meiner Studienzeit, mit russischen Lehrbüchern gearbeitet. Aus diesem Grund halte ich ein umfangreiches Lehr- und Lernbuch wie „Deutsch für Kirgisischsprechende“ für absolut notwendig und werde mich in den kommenden Jahren nebenbei damit beschäftigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie du in der Einführung deines Buches erwähnst, ist Russisch in Kirgistan, im Unterschied zu den allermeisten anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, immer noch Amtssprache. So besteht in Kasachstan zunehmend der Wunsch, sich vom <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/">Russischen loszulösen</a>, die <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/kasachstans-langsamer-aber-bestimmter-weg-zum-lateinischen-alphabet/">Schriftsprache zu latinisieren</a> und die eigene Nationalsprache stärker zu fördern. Stellst du ähnliche Entwicklungen auch in Kirgistan fest?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wunsch nach einer Latinisierung der kirgisischen Sprache besteht durchaus in einigen Teilen der Gesellschaft und ist mit der Frage der Emanzipation von Russland verbunden. Eine solche Umstellung könnte auch dazu führen, dass junge Kirgisen einen leichteren Zugang zur englischen oder deutschen Sprache hätten, da sie das Alphabet nicht zusätzlich erlernen müssten. Dennoch fehlt es in Kirgistan sowohl am politischen Willen als auch an den finanziellen Ressourcen für eine umfassende Latinisierung. Die Mehrheit der kirgisischen Gesellschaft steht dem Russischen eher neutral oder sogar positiv gegenüber, da Russischkenntnisse den Zugang zu einer breiten Informationslandschaft ermöglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ayban-ferma-george-orwell-ins-kirgisische-uebersetzt/">„Ayban Ferma“: George Orwell ins Kirgisische übersetzt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meiner Meinung nach liegt das Hauptproblem bei der Weiterentwicklung der kirgisischen Sprache nicht daran, dass Russisch die Amtssprache ist, sondern eher an einem Mangel an Ressourcen, um Kirgisisch in Schulen, Universitäten, Verwaltung, Justiz, IT-Unternehmen usw. zu etablieren. Es ist entscheidend, dass wir die notwendigen finanziellen und infrastrukturellen Unterstützungen bereitstellen, um die Verwendung und Förderung der kirgisischen Sprache in verschiedenen Bereichen zu ermöglichen. Auf diese Weise können wir das Bewusstsein für die Sprache stärken und ihre Entwicklung vorantreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Möchtest du den Leserinnen und Lesern von Novastan zum Abschluss noch etwas mitgeben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es würde mich außerordentlich freuen, wenn viele Zentralasieninteressierte und Novastan-Leser mein Buch erwerben würden. Sollte sich dieses Lehrbuch als geeignet erweisen, das Lernen der kirgisischen Sprache innerhalb Deutschlands und möglicherweise darüber hinaus zu fördern, würde ich solche Projekte weiterverfolgen. Deshalb bin ich offen für kritische Anmerkungen und Vorschläge zur Verbesserung der grammatischen Regeln und freue mich über jede Unterstützung. Darüber hinaus würden sie mit dem Kauf dieses Buches einen entscheidenden Beitrag zu meinem nächsten Werk „Deutsche Sprache“ (<em>Немис тилинин грамматикасы</em> – so auch der Arbeitstitel) leisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Mahabat Sadyrbek sprach Markus Niedobitek<br>Redakteur für Novastan.org</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ramona Bleimhofer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Feb 2023 17:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnographie]]></category>
		<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Zerfall der Sowjetunion f&#xFC;hrte 1991 zur Unabh&#xE4;ngigkeit der zentralasiatischen Staaten und stie&#xDF; einen Abl&#xF6;sungsprozess von der Kolonialmacht Russland an. Trotzdem ist Russisch weiterhin die zweite Amtssprache in Kasachstan und gro&#xDF;e Teile der Bev&#xF6;lkerung sprechen sie besser als Kasachisch, unter anderem, weil sie sozialen Aufstieg und bessere Karrierem&#xF6;glichkeiten verspricht. Elmira Kakabaeeva ist eine kasachische Autorin [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Zerfall der Sowjetunion führte 1991 zur Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten und stieß einen Ablösungsprozess von der Kolonialmacht Russland an. Trotzdem ist Russisch weiterhin die zweite Amtssprache in Kasachstan und große Teile der Bevölkerung sprechen sie besser als Kasachisch, unter anderem, weil sie sozialen Aufstieg und bessere Karrieremöglichkeiten verspricht. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Elmira Kakabaeeva ist eine kasachische Autorin und Gründerin des Frauenkurses „Family Ethnography, or How to Decolonize Your Writing“. Im Dezember trat Elmira in der Hauptstadt bei TEDxAstana auf und sprach darüber, wie die eigene Sprache durch das Niederschreiben von Familiengeschichten entkolonialisiert werden kann. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Speziell für Masa Media erzählte die Autorin, was <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dekolonisation">Dekolonisierung</a> ist, warum ihr dieses Thema wichtig ist und ob die kasachstanischen Behörden bei der Dekolonisierung helfen können. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Begriffsklärung: Was ist Dekolonisation?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die dekoloniale Perspektive bietet Menschen die Möglichkeit, die Art und Weise zu wählen, wie sie die Gesellschaft betrachten möchten. Die Macht des Wissens in der Dekolonisation liegt in der Weitergabe und Wiedererzählung von Erfahrungen. So können zum Beispiel unsere Großeltern Zeuge bestimmter Ereignisse gewesen sein. Auf dieser Grundlage können sie eine kreative Geschichte oder Kurzgeschichte schreiben. Indem wir ihren Erinnerungen und Gefühlen mehr Aufmerksamkeit schenken, dekolonisieren wir unsere Herangehensweise an das Schreiben. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-weg-in-die-unabhangigkeit/">Kasachstans Weg in die Unabhängigkeit</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im dekolonialen Ansatz versuchen wir Vergleiche mit anderen Völkern zu vermeiden und berücksichtigen stattdessen den historischen Kontext und das lokale Wissen. In der kasachischen Kultur zum Beispiel wurde das Wissen hauptsächlich mündlich überliefert: Aitys (ein improvisierte Poesie-Wettbewerbe, Anm. der Redaktion), Epen, Zhyrs (epische Lieder, Anm. der Redaktion) und Lieder waren natürliche Formen der Wissensweitergabe; das Schreiben von Büchern war dagegen eher eine privilegierte Praxis. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir können unser Schreiben dekolonisieren, indem wir eine lokale Quelle dem Buch eines russischen Ethnographen vorziehen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Akzeptanz von Quellen: ein schriftlicher Text kann als wissenschaftlich glaubwürdiger angesehen werden als eine Geschichte, ein Mythos oder ein Lied. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Worin liegt der Unterschied zum Postkolonialismus?</h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Im Gegensatz zur Dekolonisation baut die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Postkolonialismus">postkoloniale Theorie</a> auf den westlichen Theorien und Ansätzen zum Verständnis der Gesellschaft auf. Dies ist beispielsweise an der Untergruppe der Subaltern Studies (Studien über die Unterdrückten) erkennbar, einer Gruppe südostasiatischer Wissenschaftler:innen, die den indischen Kontext untersuchten. Problematisch daran ist, dass sie in Oxford und Cambridge studiert hatten und ihre eigene Gesellschaft in Indien mit den Augen westlicher TheoretikerInnen betrachteten. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Daneben gibt es den peruanischen Soziologen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aníbal_Quijano">Aníbal Quijano</a>, der unter anderem die Dependenztheorie und die Kolonialität der Macht beschrieb. Er gründete seine Theorie auf den Schriften lokaler lateinamerikanischer Gelehrter und definierte als erster den Begriff der <em>Kolonialität</em>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dekoloniale WissenschaftlerInnen verweisen außerdem auf die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zapatistas">Zapatisten</a>, eine anarchistische Bewegung in Mexiko, die mit der derzeitigen Regierung für die Rechte der indigenen Bevölkerung auf ihr Land kämpft. Daher ist die Dekolonisation in erster Linie ein rechtlicher Prozess zur rechtmäßigen Rückgabe von Rechten an Land, Ressourcen, Sprache und Kultur. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie Elmira begann, sich für ihre eigene Geschichte zu interessieren</h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Vor vier Jahren begann ich mich für die Geschichte meines Großvaters, Smagul Kakabaev, zu interessieren. Im Jahr 1931, während er in Samara studierte, erhielt er einen Brief von seinem Vater, der ihn bat, nach Hause zurückzukehren. Als mein Großvater in seine Heimatstadt Bayanaul ankam, erkannte er, dass eine Hungersnot ausgebrochen war und sie fliehen mussten. Zusammen mit den Familien seiner Brüder (etwa 25 Personen) verkauften sie ihren Besitz und flohen zuerst nach Sibirien und dann weiter nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kamtschatka">Kamtschatka</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese und andere Geschichten wurden mir in meiner Familie erzählt, und ich war im Misstrauen gegenüber diesen Geschichten gefangen. Ich hatte das Glück, dass mein Großonkel der Ethnograph Halel Argynbaev ist. Er war noch ein Kind als sie fliehen mussten und als er später ein Gelehrter wurde, beschrieb er diese Erfahrung. Zum Beispiel schilderte er, wie die Familie mehrere Tage hintereinander in einem Zug reiste, wie sie zum ersten Mal Hering und Walfleisch aß und wie sie gemeinsam auf einem Schiff zur Halbinsel (Kamtschatka) segelte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-almaty-und-nicht-alma-ata/">Warum Almaty und nicht Alma-Ata?</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe eine Zeit lang in Moskau, Wien und Tel Aviv gelebt. Fremd in einem Land und einer Kultur zu sein hat in mir den Wunsch geweckt, mich selbst und meine eigenen Wurzeln besser kennen zu lernen. Während meines Studiums der Sozialanthropologie an der Central European University entwickelte ich ein klares Verständnis von meiner eigenen Perspektive auf Kasachstan. Ich verstand, dass die Dekolonisation das Potenzial hat, einen geeigneten Blickwinkel zu finden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die Prozesse zu erklären, die in Kasachstan stattfinden, muss man keine Theorie aufstellen, die beispielsweise von französischen SoziologInnen stammt. Es ist durchaus möglich, eine neue, für unsere Region geeignete Theorie zu entwickeln. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Frauen sind in der Geschichte unsichtbar</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Erzählen von Geschichten ist tief in der kasachischen Kultur verankert, auch unsere Familienstammbäume (kasachsisch: Shezhire) sind darauf aufgebaut. Als ich 17 Jahre alt war, brachte mein Vater mir unseren Shehzire &#8211; ein großes, goldgeprägtes Buch mit schönem Raschelpapier. Er hatte schon oft davon gesprochen und ich war sehr gespannt. Eifrig blätterte ich durch die Seiten über unsere Familie. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fand den Namen meines Großvaters und fuhr mit dem Finger über die Namen meines Vaters, seiner Brüder, meiner Brüder, meiner Cousins. Nur meinen eigenen Namen konnte ich nicht finden. Niemand hatte mich davor gewarnt, dass nur die männlichen Vorfahren aufgezählt werden und Frauen im Shehzire keine Erwähnung finden. Damals wurde mir bewusst, dass ich in der Familiengeschichte keine Rolle spiele, genauso wie meine apa und aje (Großmütter), meine Mutter, meine Tanten und Schwestern keine Rolle spielen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wer ist es, der die dort genannten Nachfolger auf die Welt bringt? Sie sind ja nicht einfach aus dem Nichts aufgetaucht! Ich war sehr, sehr wütend. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/was-laeuft-falsch-in-kasachstans-gleichstellungspolitik/">Was läuft falsch in Kasachstans Gleichstellungspolitik?</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus diesem Grund biete ich meinem Kurs „Familienethnographie oder Wie man sein Schreiben dekolonisiert“ nur für Frauen an. Ich möchte jede dazu ermutigen, mit der eigenen Großmutter zu sprechen, ihre Geschichte sowie die Geschichte ihrer Mutter und Großmutter zu erfahren. Sie sollen ihre Namen kennen und sowohl sie als auch sich selbst in die Familiengeschichte eintragen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte zeigen, dass Traditionen durchaus verändert werden können. Es ist der Wunsch und der Wille der Person, die den Stammbaum erstellt. Zwei Teilnehmerinnen erzählten in meinem Kurs, dass in ihren Stammbäumen auch Frauen verzeichnet waren. So sind sie aufgewachsen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Auswirkungen des Krieges in der Ukraine</h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Ich biete meinen Kurs für Frauen in Kasachstan an, aber ich bin auch Teil einer Gemeinschaft von SchriftstellerInnen in Russland, für die ich ebenfalls Kurse gebe. Dort gibt es eine 50%ige Quote für Frauen aus Sibirien, der Wolga, dem Ural und den nationalen Republiken. Seit Kriegsbeginn beobachte ich eine gesteigerte Nachfrage nach Kursen zum Thema Selbstfindung und Identitätssuche zu beobachten. Ein Mädchen erzählte mir: &#8222;Ich wusste, dass ich tatarische Wurzeln habe, aber ich habe mich noch nie so sehr dafür interessiert.&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ueber-die-sprache-der-vorherrschaft-ein-gespraech-mit-medina-bazargali/">Über die Sprache der Vorherrschaft – ein Gespräch mit Medina Bazargali</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die russischen Behörden behaupten, den Nationalsozialismus zu bekämpfen und dadurch wird das Verständnis ihrer eigenen Geschichte für die KursteilnehmerInnen relevant. Viele Teilnehmerinnen möchten herausfinden, wie ihre Vorfahren in Russland oder unter der Sowjetherrschaft gelebt haben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Anfragen kommen von Vertreter:innen der einheimischen Bevölkerung Sibiriens und des Fernen Ostens, also aus den Republiken <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sacha">Sacha</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Burjatien">Burjatien</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tuwa">Tuwa</a>. Für sie wird dieses Thema zu einer politischen Frage, denn viele der im Krieg mobilisierten Soldaten kommen aus diesen Republiken. Dort haben sich Antikriegsbewegungen gebildet, weil Russland gegen den „Nazismus“ der asiatischen Minderheiten kämpft. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die Republiken der Russischen Föderation ist die Geschichte der Entkolonialisierung ein sehr aktuelles und komplexes Thema. Kasachstan ist ein unabhängiger und souveräner Staat mit eigener Verfassung und Staatssprache. Die Volksrepubliken dagegen sind immer noch Teil der Russischen Föderation und sie sind immer noch Kolonien. Das macht es ihnen schwer ihre Geschichte zu finden und sich von der Geschichte des Russischen Reiches zu trennen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Macht der Sprache</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kolonialismus ist auch ein mentaler Zustand. Das Imperium verschwindet, die Kolonie erlangt die Unabhängigkeit, bleibt aber mit einem kolonialen Bewusstsein und einer kolonialen Mentalität zurück. In Kasachstan sprechen wir aufgrund unserer Geschichte immer noch besser Russisch als Kasachisch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachische Staatsangehörige mit Russischkenntnissen haben zum Beispiel bessere Chancen, auf der sozialen Leiter aufzusteigen und Karriere zu machen. Die kasachische Muttersprache kann ein Werkzeug sein, das uns die Kraft und Energie gibt, wir selbst zu sein. </p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Ich denke, es ist nützlich, Sprachen zu mischen und mit ihnen zu spielen. Der jamaikanische Schriftsteller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marlon_James">Marlon James</a> zum Beispiel schreibt ein afrikanisches Pendant zur Serie „Game of Thrones“, ein Fantasy-Epos voller Monster, Sex und Gewalt im mittelalterlichen Afrika. Die Figuren in seinem Buch sprechen eine Mischsprache aus Kreolisch, Englisch und Afrikanisch. Es steht uns ebenfalls frei, drei Sprachen in den Texten zu verwenden, auch damit können wir unser Schreiben und unsere Sprache dekolonisieren.
</p>



<h2 class="wp-block-heading">Können die kasachischen Behörden den Prozess der Entkolonialisierung unterstützen?</h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Sobald sich der Staat an diesem Diskurs beteiligt, wird es schnell auf internationaler Ebene politisch. Plötzlich stellen sich Fragen wie <em>„Wer ist dein Nachbar? Wer hat mehr Atomwaffen? Ist dieses Land eher mit den USA, China oder Russland befreundet?&#8220;</em>. Kasachstan versucht aktuell mehrere Partnerschaften aufrechtzuerhalten. Ich denke wir könnten etwas mutiger sein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Beispiel müsste sich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> nach seinem Wahlsieg nicht mit Wladimir Putin treffen, das hat etwas Koloniales an sich, auch die Regierung ist noch in den sowjetischen Mustern gefangen und wiederholt diese. Es ist nicht absehbar, wie viele Generationen es dauern wird, dies zu überwinden. Die Entkolonialisierung ist ein langer Prozess. Menschen, die eine dekoloniale Perspektive einnehmen, sind gegen die künstliche Konstruktion von Grenzen und die Bildung eines nationalstaatlichen Systems. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch die Vertretung verschiedener Bevölkerungsgruppen im Parlament kann die politische Entscheidungsfindung offener und demokratischer gestaltet werden. Durch die Repräsentation ethnischer Minderheiten finden auch die Stimmen und Bedürfnisse anderer Identitäten und Interessengruppen, die die kasachische Gesellschaft ausmachen, Eingang in politische Entscheidungen. Die entkolonialisierte Macht des Volkes kann sich in einem transparent arbeitenden und vielfältig aufgestellten Parlament zeigen. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aidar Elkeyev für Masa Media</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://masa.media/ru/site/pisatelnitsa-elmira-kakabaeva-o-dekolonizatsii">Russischen</a> von Ramona Bleimhofer</strong> </p>



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		<title>Warum Almaty und nicht Alma-Ata?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[thevillage]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Jan 2023 21:39:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Alma Ata]]></category>
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		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit 1993 hei&#xDF;t Kasachstans Wirtschaftsmetropole und ehemalige Hauptstadt Almaty. Doch selbst viele Einheimische verwenden bis heute den alten, sowjetischen Namen: Alma-Ata. In den letzten Jahren hat die Bev&#xF6;lkerung Kasachstans der Entkolonialisierung in all ihren Aspekten immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Das wachsende Selbstbewusstsein &#xE4;u&#xDF;ert sich unter anderem in dem Wunsch, die Landessprache zu sprechen und kasachische [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit 1993 heißt Kasachstans Wirtschaftsmetropole und ehemalige Hauptstadt Almaty. Doch selbst viele Einheimische verwenden bis heute den alten, sowjetischen Namen: Alma-Ata. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten Jahren hat die Bevölkerung Kasachstans der Entkolonialisierung in all ihren Aspekten immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Das wachsende Selbstbewusstsein äußert sich unter anderem in dem Wunsch, die <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/">Landessprache zu sprechen</a> und kasachische Ortsnamen anstelle von russifizierten und sowjetischen zu verwenden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele russische Medien, aber auch Einwohner:innen der Stadt nennen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> jedoch unermüdlich weiterhin „Alma-Ata“. Wir erzählen, warum der alte Name falsch und ein Produkt des Kolonialismus ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Etymologie und Semantik</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
Der Name „Almaty“ ist eine Abwandlung von „Almaly“, was aus dem Kasachischen als „Apfel“ übersetzt wird. Die Stadt wurde nach dem Gebiet benannt, auf dem sie sich befindet: Früher befanden sich dort riesige Flächen mit Apfelgärten. Dieser Name wurde in vorrevolutionären Zeiten in der russischen Literatur verwendet.

</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alma-Ata“ ist hingegen eine Kombination aus den kasachischen Wörtern „Apfel“ und „Großvater“. Sie entspricht aber nicht den Regeln der kasachischen Sprache und ergibt auch keinen Sinn. Einige Leute argumentieren, dass die Verwendung des Namens &#8222;Alma-Ata&#8220; angeblich eine Transliteration des kasachischen &#8222;Almaty&#8220; sei, und führen als Beispiele die kasachische Bezeichnung „Máskeý“ für Moskau an. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Vergleich hinkt: &#8222;Alma-Ata&#8220; ist eine bedeutungslose Kombination aus zwei kasachischen, nicht russischen Wörtern. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Sowjetisches Analogon</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name &#8222;Alma-Ata&#8220; tauchte erstmals 1921 auf. Der Leiter der Abteilung für die Entwicklung von Sprachen, Archive und Dokumentation der Stadt Almaty, M. Ahmetov, erklärte dazu 2013 gegenüber <a href="https://forbes.kz/life/opinion/kak_pereimenovali_alma-atu/">Forbes.kz</a>: <em>„Am 5. Februar 1921 wurde die Stadt Wernyj [Die „Treue“, vorheriger Name Almatys, Anm. d. Ü.] in Alma-Ata umbenannt &#8211; nach dem Namen des Gebiets, auf dem sie basiert.&#8220;</em> Der historische Name des Gebiets &#8211; &#8222;Almaty&#8220; &#8211; wurde dabei in &#8222;Alma-Ata&#8220; umgewandelt. Die Umbenennung der Stadt wurde von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oras_Schandossow_(Politiker)">Oraz Jandosov</a> und durch den Beschluss des Zentralexekutivkomitees der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Sozialistische_Sowjetrepublik_Turkestan">Turkestanischen ASSR</a> vom 3. März 1921 genehmigt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-almaty-der-nullerjahre-in-bildern/"><strong>Das Almaty der Nullerjahre in Bildern </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name &#8222;Alma-Ata&#8220; ist ein Relikt der UdSSR. Ihn heute zu verwenden, ist ähnlich unangemessen, wie der Name „Wernyj&#8220;. Oder beispielsweise „Leningrad&#8220; anstelle von „St. Petersburg&#8220;. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Verfassung von 1993</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
1991 wurde Kasachstan ein unabhängiger Staat. Die Stadt Alma-Ata wurde gemäß der Verfassung der Republik Kasachstan vom 28. Februar 1993 offiziell in Almaty umbenannt.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Von daher gibt es heute keinen Grund, die Stadt beim alten Namen zu nennen: Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, und das Festhalten am alten Namen bedeutet, Kasachstan weiterhin mit der UdSSR und Russland zu assoziieren. In Kasachstan gibt es einen Teil der Bevölkerung, der an das sowjetische „Alma-Ata“ gewöhnt ist, und wahrscheinlich wird nicht über die Bedeutung nachgedacht, die der Verwendung des alten Namens inneliegt.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie man in Russland sagt…</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Viele russischsprachige Journalist:innen in Kasachstan verwenden den Namen &#8222;Alma-Ata&#8220; und beziehen sich auf die Entscheidung der Russischen Akademie der Wissenschaften und auf den Verwaltungsbefehl des russischen Präsidenten Nr. 1495 vom 17. August 1995, laut dem empfohlen wird, auf Russisch den Namen &#8222;Alma-Ata&#8220; zu verwenden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten russischen Medien sowie viele Blogger:innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verwenden den alten Namen. Zum Beispiel sagte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Ilya_Varlamov">Ilja Warlamow</a> in seinen <a href="https://www.youtube.com/@varlamov">YouTube-Videos</a> wiederholt „Alma-Ata“ und veröffentlichte auch ein Material mit dem Titel <a href="https://varlamov.ru/2775778.html">Alma-Ata: Komm nicht, du wirst sterben</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/"><strong>Der Krieg in der Ukraine verleiht der kasachischen Sprache Auftrieb</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Maria Rowinskaja, Mitglied der Rechtschreibkommission der Russischen Akademie der Wissenschaften, gab eine herablassende <a href="https://www.mk.ru/social/2022/01/11/almaata-ili-almaty-lingvist-obyasnila-kak-nazyvat-goroda-kazakhstana.html">Antwort</a> auf die Frage, warum die Stadt den alten Namen tragen sollte: <em>„Hier entsteht wahrscheinlich ein Dilemma. Einerseits haben wir die Namen dieser Toponyme in Wörterbüchern und kartographischen Quellen erfasst. Andererseits gibt es einen Impuls, ein Verlangen, unseren Freunden aus anderen Ländern entgegenzukommen, die die Namen ihrer Toponyme so sehen wollen, wie sie es gewohnt sind. […] Die Harmonie liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte, aber ich bin nicht sehr geneigt, die in der russischen Sprache angenommene Norm zu erschüttern.“</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Allgemeinen argumentieren viele russische Medien und Bürger:innen, die den sowjetischen Namen verwenden, dass er aus Sicht russischen Grammatik korrekt sei, was wir oben widerlegt haben. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aleksandra Akanaeva für The Village</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://www.the-village-kz.com/village/city/asking-question/28405-pochemu-almaty-a-ne-alma-ata"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong> </p>



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