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	<title>Sergej Abaschin Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Sergej Abaschin Archives</title>
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		<title>Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2/2)</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Nov 2017 13:16:16 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network (CAAN), wir &#xFC;bernehmen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Es wird viel über das Jubiläum der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens außen vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin über die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespräch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network (<a href="http://caa-network.org/archives/10400">CAAN</a>), wir übernehmen es in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In Russland kursiert der Gerücht, die zentralasiatischen Dörfer seien zu Sowjetzeiten im Vergleich zu russischen Dörfern bevorzugt worden. Tatsächlich investierte die Sowjetunion massiv in die Infrastruktur der ländlichen Gebiete Zentralasiens, so dass bis heute viele noch so abgelegene Dörfer einen Stromanschluss haben. Wie es zu diesen Investitionen kam und wie sich die Migrationsströme zwischen Zentralasien und Russland erklären lassen, erklärt Abaschin im zweiten Teil des Interviews.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/">Die Sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</a></strong><em><strong><br />
</strong></em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Rafael Sattarow: Erlauben sie mir eine Frage zu ihrem Buch „</strong><a href="http://www.nlobooks.ru/node/5409"><strong>Sowjetskij Kischlak</strong></a><strong>“. Von russischen Historikern und Politikern höre ich oft so etwas wie: „Während die Dörfer und die dörfliche Kultur in Russland starben, wurden in den zentralasiatischen Kischlaks (usbekisch für Dorf, Anm. d. Ü.) Straßen, Fabriken, Strom- und Gasanschlüsse gebaut, so dass diese Dörfer eine Blütezeit erlebten“. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gab es in der sozialen Entwicklung der russischen und zentralasiatischen Dörfer der Sowjetunion?   </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sergej Abaschin</strong>: Die Unterschiede, die Sie erwähnen, sind interessant, haben aber weniger mit Ideologie als mit den Besonderheiten der sowjetischen Modernisierungspolitik zu tun. Die UdSSR war quasi ein beschleunigtes Modernisierungsvorhaben. Es galt, aus einem überwiegend landwirtschaftlichen Raum ein überwiegend industrielles und städtisches sozialwirtschaftliches Gefüge zu machen. Die Modernisierung erfolgte eben nicht durch offene Grenzen und freie Kapitalflüsse, sondern – ganz im Gegenteil – über Isolierung und die maximale Nutzung der eigenen Ressourcen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Kolchosen wurden gegründet, um mehr Getreide von den Bauern zu erhalten. Dann kam die westliche Technologie, wodurch wiederum Fabriken entstanden. Mit dem Aufkommen der Industrie stieg schon die Nachfrage nach luxuriöseren Gütern: Die Bauern wurden zu Arbeitern und Stadtbewohnern.</p>
<p style="text-align: justify">Bei dieser Form der Modernisierung stand Usbekistan und Tadschikistan eine besondere Rolle zu. Diese Republiken produzierten vor allem Baumwolle, also den Grundstoff der sowjetischen Textilindustrie, ein Kernsektor in der sich modernisierenden Wirtschaft.</p>
<p style="text-align: justify">Die Baumwollernte ist eine sehr arbeitsintensive Angelegenheit. Um der Nachfrage gerecht zu werden, musste man also die Arbeitskräfte unbedingt in den Kolchosebetrieben behalten. Deshalb wurden in den Dörfern Schulen, Clubs und Straßen gebaut und den Mitarbeitern war es erlaubt, ein wenig eigenes Vieh zu züchten und Früchte und Gemüse zum Verkauf anzubauen. Dank informeller Wirtschaft und Sozialleistungen konnten die Menschen in den Dörfern bleiben und das strategisch wichtige Rohmaterial weiter ernten. So war – etwas vereinfacht dargestellt – die grundlegene Logik.</p>
<p style="text-align: justify">Wie sich die Wirtschaft in Zentralasien entwickelt hätte, wenn die Sowjetunion weiter bestanden hätte, ist eine andere Frage. Vielleicht hätte sich die UdSSR weiter dem Weltmarkt geöffnet und in Zentralasien hätte eine großflächige Industrialisierung eingesetzt, die die Bevölkerung in die Städte getrieben hätte. Solche Tendenzen waren schon zu erkennen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Während der Kollektivierung wurde den russischen Bauern lange keine Pässe ausgehändigt. Sie durften ihren Wohnort nicht verlassen. In Zentralasien war eine solch strenge Politik nicht verbreitet&#8230; </strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch in Zentralasien wurden in den Kolchosen lange keine Pässe ausgehändigt. Aber man brauchte auch Arbeitskräfte, um die Fabriken zu bauen. Deshalb gab es vorübergehende Regelungen, die es erlaubten, in die Städte zu ziehen. Daraus wurden später dann permanente Regelungen.</p>
<p style="text-align: justify">Trotz Verbots waren Migrationen schon zu Sowjetzeiten sehr verbreitet und das Verhältnis von städtischer und ländlicher Bevölkerung änderte sich schnell, zumindest in Russland. In Zentralasien galt eine andere Politik. Dort wurden die lokalen Einwohner anfangs nicht als industrielle Arbeitskraft gesehen, sondern überwiegend bei der Baumwollernte eingesetzt. An ihrer Stelle wurden Arbeiter und Kader aus den westlichen Teilen der Sowjetunion übergesiedelt.</p>
<figure id="attachment_11550" aria-describedby="caption-attachment-11550" style="width: 450px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-11550" title="Komintern Archiv über die Sowjetunion Lenin und Stalins" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose.jpg" alt="UdSSR Plakat Aufrug Kolchose" width="450" height="619" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose.jpg 285w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/aufruf-zum-eintritt-in-kolchose-218x300.jpg 218w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-11550" class="wp-caption-text">Aufruf zum Eintritt in die Kolchose</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Reden wir über die Migrationen. Sie erwähnten die Limitschiki (Arbeitskräfte  aus anderen sowjetischen Republiken, die in der russischen  Industrie eingesetzt wurden, Anm. d. Ü.), die bereits von den Stadtbewohnern verachtet wurden. Heute sind es die  Arbeitsmigranten aus Zentralasien&#8230; </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die postsowjetische Migration hat mit der regionalen Wirtschaft der UdSSR zu tun. Gegen Ende der Sowjetunion wies sie schon neue Tendenzen auf, zum Beispiel veränderte Migrationsbewegungen. Es wird oft übersehen, dass die Arbeitsmigration aus Zentralasien nach Russland schon vor dem Ende der Sowjetunion anstieg. In den 1980ern wurden Schichtarbeiter aus Zentralasien für je ein paar Monate in den Moskauer Fabriken eingesetzt. Auch der Dienst im Konstruktionsbataillon der Armee kam einer Arbeitsmigration gleich, da die Militärdienstleistenden auch zivile Objekte bauten.</p>
<p style="text-align: justify">Es gab Pläne, ganze Familien aus Zentralasien nach Zentralrussland und in den weiten Osten umzusiedeln, um den Überschuss an Arbeitskraft zu kompensieren. Die heutige Migration, vor allem ländlicher zentralasiatischer Einwohner, nach Russland führt diesen Trend weiter. Sie entspricht einer Folgeepoche auf die Modernisierung der Region bis in die 1960er.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Auch in Zentralasien wird über Arbeitsmigration gesprochen. Manche erinnern an das Jahr 1916, als die Zwangsumsiedelung von Zentralasiaten an industrielle Orte in Russland zu Aufständen führte. Sie sagen, heute würden die Arbeiter freiwillig dorthin gehen, wo ihre Vorfahren nicht hin wollten. Ist der Vergleich gerechtfertigt?     </strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich würde die heutige Lage nicht mit 1916 vergleichen. Das sind unterschiedliche Prozesse. 1916 gab es in Zentralasien keine Landflucht und auch kaum Städte, die mit höheren Gehältern und anderen Lebensbedingungen gelockt hätten. Es war eine außergewöhnliche Mobilisierung zu Kriegszeiten, ein durchaus einmaliges Ereignis.</p>
<p style="text-align: justify">Die heutige Migration führt eben in die Stadt, in die moderne Wirtschaft und die moderne Megapolis. Zudem ist es vor allem eine transnationale zirkuläre Arbeitsmigration, in der die Migranten sich nicht ganz vom Dorf lösen und ihre Familien oft zuhause hinterlassen. Auch das kann man durch die peripheräre Entwicklung der UdSSR erklären.</p>
<p style="text-align: justify">Natürlich spielt die massive Migration auch in der nationalen Vorstellung eine wichtige Rolle. Üblicherweise wird sie negativ empfunden, da die Nation zu ihrem Territorium gehören soll. Eine solche Mobilität sprengt den Rahmen und kann eine Gefahr für die Nation bedeuten. Solange die Menschen, die Regierungen und die Eliten Zentralasiens in nationalstaatlichen Kategorien denken werden, werden sie wohl auch die Massenmigration als ein schmerzhaftes Phänomen ansehen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Inwiefern beeinflusst die Migrationsfrage die russische Politik, insbesondere hinsichtlich der kommenden Präsidentschaftswahl?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Migration ist heutzutage in allen großen Ländern der Welt ein Thema, nicht nur in Russland. Das ist ein Symptom des neuen Nationalismus, der vor den Globalisierungsprozessen laut um sich wirbt. Auch die russischen Eliten sehen das Land mehr und mehr als einen Nationalstaat.</p>
<p style="text-align: justify">Es gibt in Russland eine sehr aktive Diskussion darüber, wer wir sind, eine russische oder russländische Nation, was man mit den nationalen Republiken und der Migration machen soll. Die massive Emigration wird für eine Nation als etwas Negatives empfunden. Dasselbe gilt für die massive Einwanderung, die als Risiko und Gefahr gesehen wird.</p>
<p style="text-align: justify">Wenn das Thema des nationalen Aufbaus in Russland weiter diskutiert wird, bleibt das Thema der Migration weiter oben auf der  politischen Agenda stehen. Dass heißt aber nicht, dass sie zwangsläufig zum großen Problem wird.</p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 2013 war die Migrationsdebatte zum Beispiel besonders intensiv. Es lief die Kampagne zur Moskauer Kommunalwahl, bei der alle politischen Kräfte, links, rechts, regierungstreu oder oppositionell, das Bild der „fremden“ Migranten für sich nutzten. Im Folgejahr kam aber das Thema der Ukraine auf, das für das Projekt der russischen Nation eine noch größere Rolle spielt.</p>
<p style="text-align: justify">Dementsprechend verlor die Migrationsdebatte an Schärfe und rückte auf den zweiten Platz, ohne jedoch ganz zu verschwinden. Sie kann natürlich erneut aufflammen; Das hängt von vielen Faktoren ab, mitunter auch von der russsisch-ukrainischen Beziehung.</p>
<figure id="attachment_8923" aria-describedby="caption-attachment-8923" style="width: 1000px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-8923" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg" alt="Russland Arbeitsmigranten Arbeiter Tadschikistan" width="1000" height="667" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg 1000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-8923" class="wp-caption-text">Ein Arbeiter aus Tadschikistan in Russland</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Durch die Arbeitsmigration aus Zentralasien geschieht ein Austausch: Zentralasien kompensiert den russischen Arbeitskräftemangel und die Migranten erhalten dafür materiellen Wohlstand. Gibt es parallel dazu einen Kulturaustausch oder leben die Menschen unabhängig voneinander in „kulturellen Ghettos“? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die <a href="https://de.wiktionary.org/wiki/Xenophobie">Xenophobie</a> gegenüber Migranten hat vor allem einen politischen und ideologischen Charakter. Sie ist in unterschiedlichen Medien verbreitet, in politischen Erklärungen, in virtuellen Debatten. Umfragen zeigen, dass die Unbeliebtheit der Migranten steigt, wenn Politiker und Journalisten sich öfter schlecht über sie äußern. So war es auch 2013.</p>
<p style="text-align: justify">Im Alltag ist das ganz anders, da interagieren die Stadtbewohner mit der Einwanderern, wenn sie in die Supermärkte gehen, auf Basars oder bestimmte Dienste wie Reparaturarbeiten in Anspruch nehmen. Vielen mögen sich das zum Beispiel so zurechtlegen: „natürlich mag ich die &#8218;Dahergekommenen&#8216; nicht, aber ich brauche Arbeiter, die für einen bezahlbaren Preis arbeiten.“</p>
<p style="text-align: justify">Der Alltag verläuft nach anderen Regeln als die Politik. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine alltägliche Fremdenfeindlichkeit gibt. Diese hat aber einen vorübergehenden und meist lokalen Charakter. Die Menschen bemühen sich, sich aus dem Weg zu gehen oder ihr Zusammenleben irgendwie zu organisieren. Die Migration mag einem gefallen oder nicht, aber viele verstehen, dass die lokalen Einwohner und die Migranten einander brauchen, sogar voneinander abhängen.</p>
<p style="text-align: justify">Sollten jetzt zwei, drei Millionen Migranten Russland auf einmal verlassen, würde es ohne Zweifel viele Probleme geben: Viele Firmen würden stillgelegt, die Preise stiegen und die Löhne der russischen Staatsbürger sänken. Ich denke, diese gegenseitige Abhängigkeit wird weiter wachsen, das sollte Politikern, Journalisten und Experten klar sein.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Viele russische Experten erklären, sie seien nicht gegen regionale Integration im postsowjetischen Raum, diese solle sich aber auf Länder beschränken, die Russland kulturell ähnlich sind. Wie die Ukraine, Belarus, Armenien und Georgien. Diese Ansicht gab es auch zu Sowjetzeiten. Was denken Sie dazu, warum hört man sogar unter ukrainischen Politikern, man solle sich besser der europäischen Familie zuwenden, statt seine Zukunft an Länder wie Tadschikistan und Kasachstan zu binden?    </strong></p>
<p style="text-align: justify">In der aktuellen politischen Sprache in der Ukraine als Nationalstaat dient der „asiatische Russe“ als Gegenmodell. Es wird eine rhetorische Grenze gezogen zwischen „uns“, die fast schon in Europa sind, und „ihnen“, die fast schon zu Asien gehören. Dazu gehören auch die Verweise auf die Arbeitsmigranten und die engen Beziehungen zwischen Russland und Zentralasien. Ich würde noch hinzufügen, dass dieses Bild sich infolge der kriegerischen Agression des Kremls in der Ukraine verstärkt hat und bestimmt nicht der Meinung aller ukrainischer Bürger entspricht.</p>
<p style="text-align: justify">Warum wurden gerade der „Osten“ und „Asien“ solche Symbole für das Fremde? Es ist das bekannte orientalistische Modell, das Eduard Said schon beschrieben hat. Dem „Osten“ wird schon lange Rückständigkeit, Aggressivität, Irrationalität zugeschrieben, was durch die Islamophobie und die Xenophobie gegenüber der Migranten noch verstärkt wird. Es ist eine schon zurechtgelegte Form der Einteilung in das Eigene und das Fremde, die in vielen Ländern genutzt wird.</p>
<p style="text-align: justify">Dabei ist die Identität einer Person nur selten eindeutig. Ein Mensch kann verschiedene Zugehörigkeitsregister nutzen, die unterschiedliche Grenzen zwischen „uns“ und „ihnen“ ziehen. Die nationale Grenze ist nur eine davon. Im religiösen Register würden man zum Beispiel die Menschen in Christen, Muslime usw. einteilen.</p>
<p style="text-align: justify">Nimmt man wiederum die sowjetische Herkunft als Merkmal, dann kann die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und andere sowjetische Ereignisse aktiviert werden, und  Einwohner Zentralasiens sind in Russland plötzlich keine Fremden mehr. Die Register bewegen sich schnell, schalten sich schnell um, so dass sogar ein Nationalist zum sowjetischen oder imperialen Patrioten werden kann, obwohl es eigentlich widersprüchlich scheint.</p>
<p style="text-align: justify">Granz pragmatisch wird jede russische Regierung, auch die nationalistischste, gute Beziehungen mit den Ländern Zentralasiens unterhalten müssen. Die gegenseitige Abhängigkeit bleibt weiter bestehen. Russland braucht sichere Nachbarn und sichere Transitkorridore durch die Nachbarländer.</p>
<p style="text-align: justify">Jeder Nationalist wird verstehen, dass Zentralasien ein wichtiger Faktor für die Beziehung mit China, Afghanistan und dem Iran ist. Das fordert aktive Verhandlungen und Kompromisse und sogar eine neue Art internationaler integrationeller Koalitionen. Das heißt nicht, dass Nationalisten an der Macht keine Bedrohung darstellen,  sie können das Leben vieler verübeln und ernsthafte Katastrophen herbeiführen. Aber ich denke, der Pragmatismus wird auch sie zwingen, mit der Zeit ihre radikalen Positionen anzupassen.</p>
<figure style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-03-19.jpg" width="800" height="800" /><figcaption class="wp-caption-text">Ausreisevisa als Relikt der Sowjetzeit. In den meisten Ländern wurden sie aber abgeschafft.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Sie arbeiten an der Europäischen Universität in Sankt Petersburg, die gerade der vollen <a href="http://www.dw.com/de/aus-f%C3%BCr-st-petersburger-europa-universit%C3%A4t/a-38085875">bürokratischen Willkür ausgesetzt ist</a>. Daher eine Frage zum Stand der Geisteswissenschaften: Woher kommen so viele inkompetente Einschätzungen, unwissenschaftliche Gedankengänge und Konspirationstheorien? Gibt es Licht am Ende des Tunnels?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch die Probleme in der Wissenschaften und dem Expertenwissen sind keine russische Besonderheit. Auf der ganzen Welt wird Universitäten und Hochschulen das Geld gekürzt, das Prestige von Wissenschaftlern in der Gesellschaft sinkt. Es gibt eine globale Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften, woher auch das von Ihnen erwähnte Problem der Scharlatanerie rügt.</p>
<p style="text-align: justify">Woher diese Krise kommt, das ist die große Frage. Ein Aspekt ist das Ende des Modernisierungszeitalters, das insbesondere die Bildung der Massen eingeführt hat.  Heutzutage haben viele eine Schul- und Hochschulbildung und einen direkten Zugang zu Informationsquellen wie Wikipedia. In dem Sinne hat sich die Distanz zwischen Professoren und einfachen gebildeten Menschen, die Zugang zum Internet und zur Literatur haben, stark reduziert.</p>
<p style="text-align: justify">Im postsowjetischen Raum wird diese Krise durch postowjetische Besonderheiten verstärkt. Die starke Wirtschaftskrise in den 1990ern hat zahlreiche wissenschaftliche Schulen und Bewegungen um ihre Existenz gebracht. In der Wissenschaft ist der Nachwuchs sehr wichtig, die jungen Leute gehen aber kaum in die Wissenschaft. Dazu kommt der Zusammenbruch der sowjetischen Ideologie und intellektuellen Tradition, die zu einem Minderwertigkeitsgefühl im Verhältnis zur amerikanischen und europäischen Wissenschaft führt, wo die Isolierung wie ein Selbstschutz wirkt.</p>
<p style="text-align: justify">In Russland wie in Zentralasien gibt es erstklassige Spezialisten. Bei uns an der Europäischen Universität, an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft und in anderen Hochschulen gibt es Gemeinschaften qualifizierter Wissenschaftler verschiedener Disziplinen. Es entsteht wohl der Eindruck, dass sie die interessanten Fragen nur unter sich besprechen, da dies im öffentlichen und politischen Raum nicht verlangt wird. Dort werden ganz andere Ansätze gefordert, die Autoritäten sind andere.</p>
<p style="text-align: justify">Propaganda und Hysterie haben allzu oft die Überhand über Professionalismus. So fügt sich der globalen Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften eine eigene postsowjetische Krise hinzu. Ehrlich gesagt bin ich angesichts der Lage eher pessimistisch eingestellt, ich sehe für diese Krise keinen Ausweg.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Mit Sergej Abaschin sprach <a href="http://caa-network.org/archives/author/rafael-sattarov">Rafael Sattarow</a><br />
<a href="http://caa-network.org/archives/10400">Central Asian Analytical Network</a><br />
</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong></p>
<p style="text-align: justify">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">LinkedIn</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</p>
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		<title>Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/</link>
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		<pubDate>Sat, 18 Nov 2017 16:25:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network, wir &#xFC;bernehmen es [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Es wird viel über das Jubiläum der <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/russland-oktoberrevolution-1917">Oktoberrevolution</a> geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens außen vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin über die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme </strong><strong>der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespräch erschien zuerst beim <a href="http://caa-network.org/archives/10400">Central-Asian Analytical Network</a>, wir übernehmen es</strong><strong> in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Seit <a href="https://novastan.org/de/fact/dabei-sind-viele-grenzen-innerhalb-zentralasien-bis-heute-umstritten/">1936</a> existieren die zentralasiatischen Staaten in ihren heutigen Grenzen. Nach mehreren Grenzziehungen wurden die fünf sozialistischen Sowjetrepubliken ins Leben gerufen, die heute als unabhängige Staaten existieren. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Region in das russische Reich eingebunden. So folgte auf die russische Herrschaft die sowjetische, die neben den Grenzen auch Sprachen und Nationen in der Region prägte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Rafael Sattarow: </strong><strong>Die Grenzziehungen sind derzeit Diskussionsthema in Zentralasien. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die sowjetische Grenzziehung in </strong><strong>der Region erfolgreich war</strong><strong> oder ein misslungenes Projekt, das interethnische Konflikte und Grenzspannungen fördert</strong><strong>e?  </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sergej Abaschin</strong>: Die administrativ-territoriale Grenzziehung in den 20er und 30er Jahren war ein komplexer Vorgang, an dem viele verschiedene politische Kräfte teilnahmen. Natürlich hatte Moskau dass letzte Wort, schließlich gehörten die Grenzziehungen schon früh zu Stalins unmittelbarem Kompetenzbereich (als Komissar für nationale Angelehgenheiten, Anm. d Red.). Aber Moskau traf längst <a href="http://www.eurasianet.org/node/82376">nicht alle Entscheidungen </a>. Aus der Entfernung konnte die sowjetische Führung nich alles verstehen bzw. über die Geschehnisse vor Ort vollständig informiert sein.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-6203 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13.jpg" alt="1936" width="940" height="788" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13.jpg 940w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13-300x251.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13-768x644.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" /></p>
<p style="text-align: justify">Aus aktuellen Studien geht hervor, dass die lokalen Eliten eine aktive Rolle bei der Grenzziehung spielten. Sie betrieben Lobbyarbeit für ihre – teils konkurrierenden – Interessen, und waren oft erfolgreich darin, dem Kreml ihre Sicht der Dinge nahezulegen. Auch in Moskau selbst gab es keinen einheitlichen Plan. Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskommissar">Volkskommissariat</a> für Auswärtiges sah und bewertete zum Beispiel vieles anders, als das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskommissariat_f%C3%BCr_Nationalit%C3%A4tenfragen">Volkskommissariat für Nationalitätenfragen</a>. Verschiedene Zentralbehörden und lokale Kräfte versuchten, ihre Grenzentwürfe hervorzuheben. Viele Entscheidungen waren letztendlich Kompromisse.</p>
<p style="text-align: justify">Entgegen einer verbreiteten Vorstellung ging es nicht darum, die Region in Nationalstaaten zu teilen, um sie über lokale Spannungen zu manipulieren. Moskau war daran interessiert, dass keine offenen Konflikte entstehen. Man stellte sich eine Art optimaler Kooperation vor, die alle zufriedenstellen könnte.</p>
<p style="text-align: justify">Neben dem politischen Faktor spielte auch der wirtschaftliche eine wichtige Rolle. Zentralasien war für den Kreml eine Quelle wirtschaftlicher und menschlicher Ressourcen. Die Sowjetunion sah sich schon damals als ein großer Mehrvölkerstaat und plante, ihren Einfluss im Osten zu erweitern. Die neuen, sich modernisierenden Republiken waren ein Instrument für diese Erweiterung. Dementsprechend gab es auch ein Interesse an der Entwicklung der Infrastruktur, der Transporthubs, der Industrie, usw. So wirkten sich auch wirtschaftliche Faktoren auf die tatsächlichen Grenzen aus.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Konzept der Nation und </strong><strong>der Nationalität (im Sinne von Ethnizität, Anm. d .Ü.) </strong><strong>hatte in Zentralasien vor der Sowjetunion kaum eine Tradition. Wie passend war </strong><strong>demnach die sowjetische Einteilung der Region in Nationen und die Förderung des nationalen Prinzips? Warum wurde </strong><strong>ein nationalstaatliche</strong><strong>r Ansatz für die Region gewählt? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Solche Ansätze gab es nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im Westen. Man braucht nur zu Betrachten, wie nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen in Osteuropa und im Nahen Osten gezogen wurden. Man muss sich in den Kontext der damaligen Zeit zurückdenken. Die Regierungen waren der Ansicht, dass alle Staaten Nationalstaaten sein müssen, dass sie also einer gegebenen Nation oder Ethnie entsprechen sollen.</p>
<figure id="attachment_11505" aria-describedby="caption-attachment-11505" style="width: 1556px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11505" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_.png" alt="Sowjetische Karte Zentralasien 1922" width="1556" height="1200" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_.png 1556w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-300x231.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-768x592.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-1024x790.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-1300x1003.png 1300w" sizes="auto, (max-width: 1556px) 100vw, 1556px" /><figcaption id="caption-attachment-11505" class="wp-caption-text">Die erste sowjetische Einteilung Zentralasiens in 1922</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Das war nicht nur eine bolschewistische, linke Idee. Angehörige vieler politischer Strömungen waren überzeugt, dass wirtschafliche und soziale Entwicklung nur im Rahmen eines Nationalstaats möglich ist. Der nationale Aufbau war auch im Interesse der Bolschewiki: Ihnen war es wichtig, die „<em>muslimische Oppositionsfront</em>“, die sie als feindlichen und archaischen Gegner sahen, zu beseitigen. Die nationale Teilung Zentralasiens erfüllte diesen Zweck.</p>
<p style="text-align: justify">Die Überzeugung, dass die Nation die einzige fortschrittliche politische Form ist, wurde wurde auch von einem Teil der lokalen Elite übernommen, die zum Beispiel die damaligen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Republik_T%C3%BCrkei">türkischen Reformen</a> im Namen des nationalen Aufbaus beäugte. So stimmten diese verschiedenen Projekte und Bestrebungen zu einem gewissen Zeitpunkt überein, sie entsprachen einer ähnlichen Ideologie. Diese Ideologie bot eine Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen dem Kreml und manchen lokalen Politikern und Intellektuellen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sie sprachen an, dass die Bolschewiki in der Religion einen Feind sahen. Im europäischen Teil Russlands zerstörten sie Kirchen und beschlagnahmten Wertsachen aus Gold, Ikonen und religiöse Utensilien. Gegenüber den Muslimen gab es einen sanfteren Ansatz. Alle Erklärungen der Bolschewiki an die Völker Zentralasiens beginnen mit: „<em>Den Muslimischen Genossen von Turkestan</em>“ und es war die Rede von der „<em>Befreiung der Muslime Turkestans von der feudalen Unterdrückung</em>“. Sie begannen sogar, im Zarenreich konfiszierte kulturelle oder religiöse Güter zurückzugeben. Kann man sagen, dass die Repression gegen des Islam sanfter war als die gegen die Orthodoxie?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Anfangs gab es tatsächlich eine gewisse Mäßigung in der Beziehung zum Islam. Mehr als das: Im Laufe der 20er Jahre führten die Sharia-Gerichte, die muslimischen Schulen, Medresen, selbst die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waqf">Waqf</a> ihre Arbeit offiziell fort. Viele muslimische Institute wurden erst zum Ende der 1920er und in den 1930er Jahren geschlossen. Das war aber  reiner Pragmatismus, kein Vorzug des Islam gegenüber anderer Religionen.</p>
<p style="text-align: justify">Für die Bolschewiki war Zentralasien eine komplizierte Region. Sie konnten ihre Gegner militärisch zwar schlagen, mussten aber danach erst die Loyalität der Bevölkerung gewinnen. Um in der Lokalbevölkerung und der lokalen Elite Verbündete zu finden, gingen sie einige Kompromisse ein, auch in religiösen Angelegenheiten.</p>
<p style="text-align: justify">Man könnte die Logik dieser Politik so zusammenfassen: „Wir Bolschewiki haben die sowjetische Macht in einer Region etabliert, in der Millione gläubiger Muslime leben. Wir benötigen Zeit, um ausreichend Gerichte und Richter zu etablieren, um dort das sowjetische Recht durchzusetzen. Einen Teil der juristischen Probleme – nicht das Strafrecht, sondern Verwaltungsrecht und ein paar Familienangelegenheiten – überlassen wir wohl oder übel den traditionellen Gerichten, vor allem den Shariah-Gerichten. Wir können nicht alle mit kommunistischen Schulen versehen, dafür fehlen uns Menschen und Ressourcen. Also lassen wir das etablierte Waqf-System weiter bestehen, um muslimische Schulen und Medresen zu finanzieren, in denen neben religiösen Fragen auch Lesen und Arithmetik gelehrt werden. Es ist einfacher und günstiger erst einmal ein paar weltliche Fächer in der dortigen Bildung einzuführen, als ein neues Schulssystem von Null an aufzubauen.“</p>
<figure id="attachment_11506" aria-describedby="caption-attachment-11506" style="width: 1800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11506" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1.jpg" alt="Rawat Abdullachan Medrese in Osch 1928" width="1800" height="942" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1.jpg 1800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-300x157.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-768x402.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-1024x536.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-1300x680.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px" /><figcaption id="caption-attachment-11506" class="wp-caption-text">In der Rawat Abdullachan Medrese in Osch, 1928</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Die Bolschewiki verfolgten zwar utopische Ideen, in der realen Staatsführung waren sie aber gänzlich Pragmatiker, wenn auch widerwillig. Die Kompromisse waren dann natürlich nur vorübergehend. Ab ab dem Ende der 1920er wurden all diese religiösen Institutionen geschlossen und in den 1930ern gab es <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/grosser-terror-jeschowschtschina-saeuberungen">massive Repressionen</a> gegen religiöse Figuren. Die gestärkte sowjetische Macht befreite sich von den eingegangenen Kompromissen, sobald sie es sich erlauben konnte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zu den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschadidismus">Dschadiden</a> (eine muslimische intellektuelle Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Anm. d. Ü.) gibt es widerspüchliche Analysen. Die offizielle Geschichtsschreibung, vor allem in Usbekistan, schildert sie als Unabhängigkeitskämpfer, die sich gegen die Kolonisierung und auch die Bolschewiki eingesetzt haben. Andere sehen die Dschadiden eher als einen Teil der russischen Kolonialmacht in Turkestan. Welche dieser Einschätzungen entspricht eher der Realität ?   </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Forschung hat in der Studie des intellektuellen Lebens im Zentralasien des frühen 20. Jahrhunderts erhebliche Fortschritte gemacht. Insgesamt wenden sich die Forscher immer weiter von der dichotomischen Darstellung ab, dernach sich die lokalen Eliten in Dschadidi und Kadimisten (konservative muslimische Bewegung im Russland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Anm. d. Red.) einteilten, also in Reformisten und Antireformisten.</p>
<p style="text-align: justify">Die Dschadiden waren keineswegs eine einheitliche Gruppe, sondern eine Bewegung mit sehr unterschiedlichen Menschen und Ansichten. Darunter sind die sogenannten „rechten Dschadiden“, die gegen die Bolschewiki waren, und die „linken Dschadiden“, die sehr schnell den sowjetischen Machtstrukturen beigetreten sind und oft auch selbst zu Kommunisten wurden. Viele waren ständig auf der Suchen nach Ideen und änderten ihre Vorzüge mit der Zeit.</p>
<p style="text-align: justify">Die meisten Dschadiden fielen den Repressionen der 1920er und 1930er Jahre zum Opfer. Dasselbe gilt für die sogenannten Traditionalisten, die auch sehr unterschiedlich waren. Manche fügten sich weder den russischen Kolonialstrukturen, noch den Bolschewiki, andere kooperierten mit beiden. Die geistige Verwaltung der Muslime, die in den 1940ern gegründet wurde, wurde übrigens nicht mit Dschadiden, sondern mit Traditionalisten besetzt.</p>
<p style="text-align: justify">Die Beziehungen zwischen der muslimischen Eliten und den russischen oder sowjetischen Machtstrukturen änderten sich auch mit der Zeit. Die Dschadidi mit ihrem Fortschrittsgedanken wurden durch die Russen erst als Nutzen für die zentralasiatische Gesellschaft gesehen. Später sah man in ihnen gefährliche Gegner, Revolutionäre und Feinde des Reichs, während die Kadimisten den russischen Beamten plötzlich gefielen.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die Bolschewiki pflegten eine solche zweideutige Einstellung zu den Dschadidi. Sie wurden als Hilfe beim Aufbau einer modernen Staatlichkeit gesehen, ehe sie zu Staatsfeinden erklärt wurden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Heutzutage gibt es unter den zentralasiatischen Turksprachen <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden/">einen Trend</a> hin zur lateinischen Schrift. Oft wird das als Teil einer Modernisierung gesehen. Ähnelt das nicht der Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Bolschewiki sich bewusst oder unbewusst an die Ideen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turanismus#Turanismus_und_Panturkismus">Panturkismus</a> anlehnten? Wann erreichten diese Ideen die Intellektuellen und Politiker Zentralasiens?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die These einer Zusammenarbeit von Bolschewiki und Panturkisten würde ich mit Vorsicht betrachten. Zu Beginn sahen die Bolschewiki in den Panturkisten eine revolutionäre, antiimperiale Kraft, einen Verbündeten bei der Zersplitterung des oppositionell-religiösen Lagers, dem Kampf gegen die Engländer und der Modernisierung der Gesellschaft. Die Bolschewiki wollten die Energie des panturkistischen Nationalismus für sich nutzen, denn sie hatte mit der kommunistischen Bewegung einiges gemein.</p>
<p style="text-align: justify">Die Allianz war aber bei weitem nicht ohne Brüche. Dafür spricht um Beispiel der Fall des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jungt%C3%BCrken">Jungtürken</a> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Enver_Pascha">Enver Pascha</a>, mit dem die Bolschewiki anfangs über eine Allianz verhandelten und der später den Kampf gegen sie in Zentralasien leitete. Es kam schnell heraus, dass sich die Energie des Panturkismus auch gegen die sowjetische Macht richten kann.</p>
<p style="text-align: justify">Diese zweideutigkeit sieht man auch in der Beziehung zur lateinischen Schrift. Anfangs hörte man auf die lokalen Reformer, die Moskau davon überzeugten, dass die lateinische Schrift beim Kampf gegen die Religion hilft. Später war der Kreml der Ansicht, dass das Lateinische eine gewisse Distanz und einen alternativen politischen Orientierungspunkt symbolisieren würde. Daraufhin folgte ein gezwungener Übergang von der lateinischen zur kyrillischen Schrift und weiter eine intensive Russifizieung der Bildung und Kultur.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden/">Pro und Contra &#8211; soll Kasachisch in Lateinschrift widergegeben werden?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zu den aktuellen Latinisierungsprojekten möchte ich keine Wertung aussprechen. Mir scheint, es ist in Vielem ein unausweichlicher Prozess, denn in den 1920er und 1930er Jahren war die Frage der Sprache und des Alphabets einer der wichtigsten Aspekte des sowjetischen Modernisierungsvorhabens. Schon damals waren die Debatten zum Alphabet, zur nationalen Sprache, ihrer Grammatik, Ausssprache und Wortschatz ein zentraler Teil des nationalen Aufbaus. Die Sprache hatte für die Machstrukturen, die Regierung, die Mobilität und den Zugang zu Ressourcen eine außergewöhnlich wichtige Bedeutung.</p>
<figure id="attachment_11507" aria-describedby="caption-attachment-11507" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11507" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3.jpg" alt="Zeitung Kyzyl Kirgistan Kirgisisch lateinische Schrift" width="960" height="720" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-11507" class="wp-caption-text">Erste Seite einer Ausgabe der Zeitung &#8222;Kyzyl Kyrgyzstan&#8220; (rotes Kirgistan), in der kirgisisch in lateinischer Schrift geschrieben ist, 1935</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Änhlich während der spätzsowjetischen Perestrojka: Nicht die Forderung nach einer vollen und sofortigen Unabhängigkeit war im Vordergrund, sondern die Forderung, den lokalen Sprachen durch einen offiziellen Status mehr Rechte anzuerkennen. Die Frage der Sprachpolitik ist bis heute ein sensibles Thema und wird im postsowjetischen Raum auch oft zum Inhalt emotionaler Diskussionen oder gar Konflikten.</p>
<p style="text-align: justify">Eben durch das Thema der Sprache wird das Gespräch über die Zukunft des Landes geführt, über die Mehrheiten und Minderheiten, darüber, wer zur Elite gehören kann und über die Beziehung zur russischen Föderation. Das Thema der Sprache gehört unmittelbar zum nationalen Aufbau. Das heißt, dass die Frage so lange ein Politikum bleiben wird, wie die zentralasiatischen Regierungen sich als Nationalstaaten sehen und ihre Nationen weiter aufbauen wollen.</p>
<p><strong>Hier geht&#8217;s weiter zum zweiten Teil: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2/2)</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Mit Sergej Abaschin sprach Rafael Sattarow<br />
<a href="http://caa-network.org/archives/10400">CAA-Network</a><br />
</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong></p>
<p style="text-align: justify">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">LinkedIn</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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