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	<title>Semipalatinsk Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 May 2024 19:19:17 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Semipalatinsk Archives</title>
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		<title>„Das Ewige Thema“ – Ein Gespräch mit der kasachischen Schriftstellerin Roza Muqanova</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Verena Zabel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 May 2024 13:52:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Atomwaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Roza Muqanova]]></category>
		<category><![CDATA[Semipalatinsk]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Schriftstellerin Roza Muqanova hat eine der pr&#xE4;gnantesten &#x2013; und erfolgreichsten &#x2013; Geschichten &#xFC;ber die Folgen der Atomwaffentests im heutigen Kasachstan geschrieben. Im Interview erz&#xE4;hlt sie von den Hintergr&#xFC;nden und davon, was sie mit dem St&#xFC;ck erreichen m&#xF6;chte. Wie schreibt man &#xFC;ber das Desaster, ohne beim Lesenden nur Schmerz und Verzweiflung auszul&#xF6;sen? Wie kann man [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Schriftstellerin Roza Muqanova hat eine der prägnantesten – und erfolgreichsten – Geschichten über die Folgen der Atomwaffentests im heutigen Kasachstan geschrieben. Im Interview erzählt sie von den Hintergründen und davon, was sie mit dem Stück erreichen möchte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie schreibt man über das Desaster, ohne beim Lesenden nur Schmerz und Verzweiflung auszulösen? Wie kann man in einer zerbombten Landschaft Schönheit und Ruhe finden? All diese Fragen beantwortet die Kurzgeschichte „Mäñilik bala beıne”, zu Deutsch etwa: „Das ewig-kindliche Gesicht“, der kasachischen Autorin Roza Muqanova, die sie in den Jahren 1988-1989 geschrieben hat. Darin schreibt sie mit poetischer Kraft von der jungen, etwa 16-jährigen Läılä, die ein „ewiges Kind“ geblieben ist, also über eine junge Frau, deren Körper in jungen Jahren aufgehört hat zu wachsen – eine Folge der sowjetischen Atomwaffentests in Kasachstan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ewig von der Zukunft getrennt, von ihren Mitmenschen missverstanden, flüchtet das junge Mädchen jeden Abend hinaus in die Steppe, in die Schlucht zwischen den Bergausläufen, um sich heimlich mit dem einzigen Wesen zu treffen, das sie versteht und das sie liebt: Mit dem Mond – oder besser: Mit der Möndin, denn obgleich die kasachische Sprache nicht gendert, wird die Möndin nicht nur klar weiblich, sondern sogar mütterlich beschrieben. Eines Nachts, als Läılä krank im Bett liegt, zeigt sich die mütterliche Möndin, deren Mondstrahlen die Schlucht und die Ebenen nach dem „ewigen Kind“ absucht:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Strahlen der Möndin, die in die tiefe Schlucht fallen, leuchten heller als je zuvor. Sie schweifen über die Erde auf der Suche nach Läılä, dem Mädchen mit dem verweinten Gesicht. Sie suchen und fragen nicht nur das Wasser des Dorfes Qarauyl, sondern auch die Erde und die Berge, seufzend, mit mütterlicher Stimme: „Wohin bist du verschwunden? Warum bist du heute nicht in der tiefen Schlucht?“ Und es scheint, als ob sie, in der Schlucht schwebend, mit innig-warmen Handflächen, ihre Hände ausbreiten.“</em> </p>



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<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Läılä am Ende der Geschichte stirbt, wirkt die poetische Stimme der Erzählerin dennoch tröstend. Auch deshalb sticht diese Kurzgeschichte in der Flut an literarischen Produktionen rund um Atomwaffentests und nukleare Katastrophen hervor. Denn wir sehen die Welt durch Läıläs Augen, fühlen mit ihr und erkennen in ihr eine wunderschöne Seele, die uns vergessen lässt, dass ihr Körper der eines Kindes ist, mit alten, viel zu alten Händen. Die Kurzgeschichte zeigt die Trauer und den stillen Kummer der Bevölkerung Kasachstans, die in unmittelbarer Nähe des sowjetischen Atomwaffentestgebiets <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsk</a> lebte, lebt und überlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/politologin-togjan-qasenova-solange-es-atomwaffen-gibt-werden-wir-alle-deren-geiseln-sein/">Politologin Togjan Qasenova: „Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein“</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Muqanova ist eine bewundernswerte Person, ihr Drama basierend auf dieser Kurzgeschichte wird seit 1996 auf kasachstanischen Bühnen aufgeführt, und dennoch ist sie nahbar geblieben. Nicht nur in persönlichen Gesprächen, sondern auch später in einem umfänglichen schriftlichen Interview beantwortet sie unzählige Fragen. Die relevantesten und interessantesten Ausschnitte dieses Interviews sind für alle von Bedeutung, die sich für Literatur, Zentralasien und die Fragen nach Ethik, Umwelt und den Problemen nuklearer Zerstörung interessieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verena Zabel: Wie haben Sie die Sowjetzeit erlebt und was denken Sie heute darüber?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Roza Muqanova:</strong> Ich habe selbst im Sowjetsystem gelebt und habe sowohl meine Kindheit, als auch meine Schulzeit glücklich verbracht. Danach wollte ich studieren. Als Studentin habe ich dann begonnen, gewisse Hindernisse zu bemerken. Mir fiel auf, dass die Freiheit meines Volkes begrenzt war, dass es nicht seine eigene Geschichte schrieb und dass die Macht der Ideologie bis zu einem gewissen Grade immer siegte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies alles änderte sich allmählich mit der Unabhängigkeit. Literatur, Teile unserer Geschichte, Werke und Forschungen wichtiger kasachischer Persönlichkeiten, die früher zensiert oder komplett verboten wurden, wurden nach und nach veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hat sich die Unabhängigkeit Kasachstans auf Ihre Arbeit ausgewirkt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne die kasachstanische Unabhängigkeit wäre es mir unmöglich gewesen, meine Kurzgeschichte „Mäñilik bala beıne” zu veröffentlichen. Durch diese Kurzgeschichte wollte ich das Schicksal meines Volkes erzählen. Ich wollte über das Unrecht schreiben, dass nicht nur dem Mädchen Läılä, sondern uns allen zugefügt wurde. Ich wollte durch die Darstellung von Läıläs Seele aufzeigen, dass sie ein Opfer des politischen Systems war, und dass dieses System ihre Zukunft als Mensch zerstört hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie selbst wurden unweit vom Atomwaffentestgelände geboren. Was sagten die Leute damals dazu?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, ich wurde in Semipalatinsk (heute Semeı, Anm. d. Red.) geboren. Dort wurden über 40 Jahre lang <a href="https://taz.de/Atomwaffentests-in-Kasachstan/!vn5994537/">Atomtests durchgeführt</a>. Die Menschen, die dort lebten, wurden nicht umgesiedelt. Sie wussten auch nicht, was wirklich vor sich ging. Es wurde geheimgehalten, dass es sich um Atombomben handelte und dass diese sehr gefährlich für die menschliche Gesundheit sind. In ihrem Inneren haben die Menschen das alles gespürt, und die Gebildeten unter ihnen haben auch verstanden, dass es an den Atombomben lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da aber die Kasachen ein Volk waren, das politische Verfolgung, Hunger und Unterdrückung erlebt hatte, wagte es niemand, dieses Thema anzusprechen oder etwas dagegen zu tun. Erst 1988-89 begann man, offen darüber zu sprechen, dass Land und Wasser vergiftet wurden, dass immer weniger Menschen geboren wurden, dass Krankheiten zunahmen und Menschen ungewöhnlich früh starben. Für die Kasachen war diese katastrophale Zeit wie eine Sturzflut, die alles erfasste.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie haben die Menschen auf die Kurzgeschichte und das Drama reagiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kurzgeschichte kam bei den Menschen sehr gut an. Ein Theaterdirektor hat mir sogar vorgeschlagen, die Kurzgeschichte für die Bühne umzuschreiben. Auch das Drama kam dann bei der Premiere sehr gut an. Doch das Publikum, das zur Aufführung kam, tat mir auch sehr leid, weil alle so gerührt waren, dass sie weinten. Danach wurde das Drama eines der beliebtesten Theaterstücke überhaupt. Etwa 20 Jahre lang spielten wir vor ausverkauftem Haus. Die Leute wurden nicht satt, es zu sehen und die Nachfrage war sehr groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später wurde es aus dem Theaterrepertoire gestrichen, es hieß, das Bühnenbild sei veraltet. Ich erinnere mich noch daran, dass damals junge Studierende im staatlichen Fernsehen auftraten, um ihre Unzufriedenheit mit der Theaterleitung auszudrücken. Diese jungen Menschen wollten, dass das Stück wieder in das Repertoire aufgenommen wird. Das waren für mich sehr interessante Neuigkeiten. Das Drama war so beliebt, dass es später sogar verfilmt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Drama wird immer noch aufgeführt. Inzwischen aber als ein inklusives Theater, in dem die Rolle von Lä</strong><strong>ılä nicht einfach von einem „gesunden“ jungen Mädchen gespielt wird, sondern von einer Schauspielerin, die genauso wie Läılä auch, den Körper eines Kindes hat. Wie hat das Publikum darauf reagiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Publikum hat reagiert wie immer: Obwohl Läılä eine Behinderte ist, sagen sie, dass Läılä schön ist, dass ihre Seele rein und engelhaft ist und dafür lieben sie Läılä. Sie sympathisieren mit Läıläs Traurigkeit. Als würden sie alles zusammen mit Läılä erleben, beschuldigen sie das politische System, sind von den korrupten Menschen angewidert und verfluchen die katastrophale Waffe, die Läıläs Tod verursacht hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lä</strong><strong>ılä verrät ihre Geheimnisse nicht dem Himmel oder der Nacht. Sie spricht auch nicht mit sich selbst, sondern mit dem Mond. Was ist so besonders an dem Mond?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mond ist rein, makellos, sieht milchig weiß aus. Läılä ist auf der Erde, während der Mond sich im Weltraum befindet, doch sie sehen sich. Läılä kann ihre Geheimnisse nicht den Dorfbewohner:innen verraten, denn für sie ist Läılä nur ein Krüppel, eine invalide Person. Sie können Läıläs Seele, ihre Träume und Sorgen nicht verstehen. Läılä musste jemanden finden, der sie verstehen und ihr Leiden teilen kann. Deshalb hat sie den Mond gefunden. Das ist Läıläs Wahl!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Drama unterscheidet sich etwas von der Kurzgeschichte. Zum einen dadurch, dass neue Charaktere hinzugefügt wurden, zum anderen dass bestehende Charaktere erweitert wurden. In der Kurzgeschichte trifft</strong> <strong>Lä</strong><strong>ılä auf ihre Jugendliebe Qumar, der zu einem schönen, jungen Mann herangewachsen ist. Er tanzt mit Läılä und ist freundlich zu ihr. Er behandelte sie so, als sei sie ein normales Mädchen. Doch im Drama zeigt sich später Qumars dunkle Seite darin, dass er Läıläs Freundschaft und Vertrauen für Geld verkauft. Warum haben Sie diese Szene hinzugefügt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die Kurzgeschichte in das Genre der Dramaturgie umzuwandeln, wollte ich den Konflikt verschärfen und eine Kulmination des Konfliktes erreichen. Außerdem wollte ich die Jugend vor der moralischen Gefahr, die die Werte von Reichtum und Geld mit sich bringen, beschützen. Die ersten Jahre der Unabhängigkeit waren sehr schwer für die Menschen. Die Lebensbedingungen waren sehr schwer. Diese Realitäten des wirklichen Lebens wollte ich in dem Drama auch darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Drama gibt es auch noch einen weiteren Charakter, der in der Kurzgeschichte gar nicht vorkommt, die verrückte Şökiş. Warum haben Sie sie hinzugefügt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich noch ein Kind war, gab es in unserem Dorf eine alte verrückte Frau namens Meñtaı. Sogar im Sommer hat sie Winterklamotten getragen. Die Kinder haben sie gejagt und verspottet, wenn sie die Straße entlang ging. Meine Oma hat dieser alten Frau immer warmes Essen, Tee und Süßigkeiten gegeben. Sie hat ihr auch Brot und Irimşik (kasachischer Käse, Anm. d. Red.) mitgegeben. Dann hat Meñtaı wie ein gesunder Mensch geredet und mit meiner Oma viel gesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen/">Das Erbe von Taboschar – Über den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Oma erzählte mir, dass Meñtaı gar nicht verrückt sei. Ihr Vater war früher nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein Landkreisvertreter (rus. Wolostnoj, politisch-administratives Amt im Russischen Reich, Anm. d. Red.). Zur Zeit der Beschlagnahmungskampagne (eine Enteignungskampagne der Bolschewiki gegen die sogenannte Bourgeoisie, Anm. d. Red.) wurde ihr Vater festgenommen und daraufhin wurde sie mental krank. Sie war die Tochter eines bekannten Wolostnoj, so erzählte es meine Oma. Ich habe Şökiş in Anlehnung an diese Meñtaı geschrieben. Obwohl Şökiş verrückt aussieht, ist sie eigentlich gesund, so wie Meñtaı. Weil ihr Kind unter den Folgen der Atomwaffentests gelitten hat, ist sie auch mental krank geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Haben sie andere literarische Texte über Semipalatinsk oder allgemein über Atomwaffentests gelesen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mir Fotoausstellungen über das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk angeschaut, ich habe auch Artikel und Recherchen darüber gelesen. Allerdings hatte ich vor meinem eigenen keine anderen literarischen Werke zu diesem Thema gelesen. In der Wirklichkeit ist es aber so, dass die Menschen ihr Schicksal nicht durch Artikel besser kennen lernen, sondern durch Kunstwerke, Literatur, Kino und Theater.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Leben und Sterben in Batbakkarinsk</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ihre Kurzgeschichte unterscheidet sich von anderen Romanen oder gar Dokumentarfilmen, die meistens die Explosionen selbst detailliert beschreiben, oder auch Aufnahmen davon zeigen. Ihr Fokus liegt nicht in der Darstellung der Explosionen selbst. Warum haben Sie sich dafür entschieden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem Zeigen der Explosion, war es vor allem meine Aufgabe, die Ursachen und Wirkungen aufzuzeigen und das Problem selbst auf eine Ebene zu heben, in der es die gesamte Menschheit betrifft. Ich wollte dies dem <em>menschlichen</em> Bewusstsein nicht nur als Information oder als Artikel, sondern eben als Kunstwerk, als literarisches Werk vermitteln. Ich habe geschrieben, weil nicht nur mein Land, sondern die ganze Welt, die unter Krieg leidet, Läıläs Trauer, ihre Tragödie sehen und darüber nachdenken soll. Ich denke, dass der Mensch keine Gewalt gegen die Erde oder gegen die Menschheit anwenden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was ist die Bedeutung der Kunst bei solch einem politischen Thema wie Atomwaffentests?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Atomtests wurden nicht nur in unserem Land, sondern auf der ganzen Welt durchgeführt. Doch auch wenn Informationen dazu in den Nachrichten gezeigt werden, handelt es sich dort doch nur um eine Momentinformation. Das verschwindet sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein der Menschen. Doch wenn es in der Sprache der <em>Literatur</em>, des <em>Theaters</em>, des <em>Kinos</em>, des <em>Balletts</em>, der <em>Oper</em>, oder der <em>Musik</em> Ausdruck findet, so wird es zu einem <em>ewigen</em> Thema für die Menschheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn mit unseren Herzen und Seelen verstehen wir, welche Auswirkungen Kriegswaffen auf die Menschheit haben, dass sie die Vernichtung aller Menschen auf der Erde bedeuten könnten. Wir werden dafür <em>kämpfen</em>, dass dies niemals passiert. Für mich als Autorin und Dramaturgin war das notwendig. Ich musste meinen inneren Widerstand durch meine Feder zum Ausdruck bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vielen Dank für das Interview!</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Interview und Übersetzung aus dem Kasachischen<br>Verena Zabel, M.A.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Eine englische Übersetzung von Roza Muqanovas Kurzgeschichte kann in der frei zugänglichen <a href="https://www.cambridge.org/sites/default/files/media/documents/Kazakh_Prose_Book_PRINT-no-crops-1.pdf">Anthologie kasachischer Prosa</a> gefunden werden (S. 561-570). Die kasachische Originalversion kann <a href="https://kazneb.kz/kk/bookView/view?brId=1177990&amp;simple=true">hier</a> gefunden werden (S. 119-127).</em></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir eine atomwaffenfreie Welt vorstellen kann“ &#8211; ein Interview mit Togjan Qasenova</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Wilhelmi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jun 2023 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Atom]]></category>
		<category><![CDATA[Atomwaffentestgelände]]></category>
		<category><![CDATA[Semei]]></category>
		<category><![CDATA[Semipalatinsk]]></category>
		<category><![CDATA[Togjan Qasenova]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kasachstan mit dem viertgr&#xF6;&#xDF;ten Nuklearwaffenarsenal und wenig Macht &#xFC;ber das eigene nukleare Schicksal hinterlassen. In ihrem Buch &#x201E;Atomic Steppe: How Kazakhstan gave up the bomb&#x201C; rekonstruiert Nuklearexpertin Togjan Qasenova die 40-j&#xE4;hrige Geschichte von Atomtests in der kasachstanischen Steppe &#x2013; und erz&#xE4;hlt, wie das frisch unabh&#xE4;ngige Land atomwaffenfrei wurde. Novastan hat [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/ich-wuerde-luegen-wenn-ich-sagen-wuerde-dass-ich-mir-eine-atomwaffenfreie-welt-vorstellen-kann-ein-interview-mit-togjan-qasenova/">„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir eine atomwaffenfreie Welt vorstellen kann“ &#8211; ein Interview mit Togjan Qasenova</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Kasachstan mit dem viertgrößten Nuklearwaffenarsenal und wenig Macht über das eigene nukleare Schicksal hinterlassen. In ihrem Buch <em>„Atomic Steppe: How Kazakhstan gave up the bomb“</em> rekonstruiert Nuklearexpertin Togjan Qasenova die 40-jährige Geschichte von Atomtests in der kasachstanischen Steppe – und erzählt, wie das frisch unabhängige Land atomwaffenfrei wurde.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Novastan hat mit Qasenova über ihr Buch gesprochen, dem schwierigen Erbe der Sowjetunion, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaevs</a> Rolle im Abschalten des <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Polygons</a> und was Russlands Drohung Atomwaffen in der Ukraine zu benutzen für Kasachstan bedeuten könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Atomtests und ihre Geschichte sind ein hochsensibles Thema und es ist offensichtlich schwierig Informationen darüber zu finden, da die meisten Archive immer noch geschlossen sind. Wie haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Togjan Qasenova</strong>: Ich sammelte Informationen durch Archivrecherchen und durch das Befragen von Zeitzeugen (welche die von mir beschriebenen Ereignisse miterlebt hatten). Ich hatte keine Probleme mit Archiven in Kasachstan oder den Vereinigten Staaten. Das Präsidentenarchiv in Almaty war das hilfreichste. Es gibt auch ein wunderbares Archiv in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> (ehemals Semepalatinsk) &#8211; das Zentrum für die Dokumentation der modernen Geschichte. Diese Archive stehen für Forschende offen, und ich konnte sie problemlos nutzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedoch stieß ich an Grenzen. Zwar konnte ich alles lesen, was freigegeben und für Forschende zugänglich war, jedoch war erkennbar, dass bestimmte Dokumententeile fehlten. So konnte ich zum Beispiel nichts aus den 1970er-Jahren finden. Ich hatte Dokumente über die 60er-Jahre, einige Dokumente über die 80er-Jahre aber darüber hinaus nichts über die 70er-Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/"><strong>Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den USA sind die Präsidentenarchive hervorragend, dennoch gibt es auch einige Einschränkungen. Die meisten US-Regierungsdokumente werden nach etwa 25 Jahren verfügbar. Da mich die 90er-Jahre interessierten, war bereits viel verfügbar. Es funktioniert mittels dem ‚declassification-review‘ System – du stellst eine Anfrage (um ‚classified documents‘ einzusehen) und deine Anfrage wird an die relevante Agentur weitergeleitet, welche dann entscheidet, ob das angefragte Dokument freigeben werden kann. Es dauert Jahre, aber es funktioniert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Russland hatte ich keine Probleme mit der Arbeit mit regulären Archiven, aber die Archive, die für mich am wichtigsten waren, wie das Atomenergieministerium (MINATOM) oder das Verteidigungsministerium, sind für Forschende nicht zugänglich. Ich habe formelle Anfragen gestellt, aber sie wurden alle abgelehnt. Kurzum, ich habe mit dem gearbeitet, was in den Archiven vorhanden war, aber ich werde die Erste sein, die sagt, dass es viele schwarze Löcher gab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, dass wir über die Zeit mehr und mehr herausfinden werden. Ich habe ehemalige politische Entscheidungsträger:innen und Diplomaten in Entscheidungspositionen interviewt, aber für mich war es noch wichtiger, Menschen aus der Gegend von Semeı zu befragen. Das war herausfordernd, aber auf eine andere Art und Weise. Es war emotional und ethisch schwierig, weil es sich um persönliche Familiengeschichten handelte, und es war sehr wichtig, die Menschen nicht nur als Opfer darzustellen. Ich wollte ihre Resilienz und Liebe zur Heimat zeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Beim Lesen Ihres Buches wurde ich das Gefühl nicht los, dass die ersten Versuche in völliger Dunkelheit durchgeführt wurden. Heutzutage ist es schwer zu glauben, dass jemand so rücksichtslos sein konnte. Nach Hiroshima waren bereits einige Jahre vergangen, sodass die Wissenschaftler zumindest einige Daten über die Auswirkungen von Atomexplosionen auf das menschliche Leben hätten haben müssen. Ich frage mich also, ob diese Opfer vorsätzlich und kaltherzig gebracht wurden. Waren den Projektleitern die menschlichen Opfer egal, oder war es eher diese Banalität des Bösen, dass die Leute &#8222;nur ihre Arbeit machen wollten&#8220;?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie haben völlig recht, dass die ersten Tests, wie Sie beschrieben haben, in völliger Dunkelheit durchgeführt wurden &#8211; in einem Informationsvakuum. Die Zivilbevölkerung wurde nicht informiert, und niemand nahm Rücksicht auf die lokale Bevölkerung. Ich kann nicht für [die Projektleiter] sprechen, ich kann nicht in ihre Köpfe schauen, aber so sehe ich das, was geschehen ist. Sowjetische militärische Führer hatten es eilig gleichauf mit den Vereinigten Staaten zu bleiben. Hiroshima und Nagasaki waren bereits passiert, also war es klar, dass Atomexplosionen umfangreichen Schaden anrichteten. Offensichtlich verstanden sowjetische Planer, dass es schlecht war, aber vielleicht verstanden sie nicht die Details.</p>



<p class="has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängige</a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#8211; und von eurer Unterstützung! Durch jede noch so kleine <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke nicht, dass sie die Folgen langfristigem Ausgesetztsein von niedrigen Dosen ionisierender Strahlung verstanden haben. Ich denke aber nicht, dass sie mit dem Ziel herangingen „Lasst uns testen, wie die Waffen auf Menschen wirken“. Es war mehr eine Art „Wir brauchen Atomwaffen und uns ist die Bevölkerung egal. Wir akzeptieren den Kollateralschaden, aber wir wissen noch nicht genau, wie groß der Schaden sein wird.“ Ich denke, diese Nuancierung ist wichtig, insbesondere für den Diskurs in Kasachstan. Ich wehre mich dagegen, es so darzustellen, als sei der Standort gewählt worden, weil man mit ethnischen Minderheiten oder [insbesondere] mit Kasachen experimentieren wollte. Ich denke, es war eher ein Mangel an Überlegung, ein Mangel an Sorgfalt und eine völlige Ablehnung der Tatsache, dass die lokalen Gemeinschaften darunter leiden würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mit der Zeit konnten die schädlichen Auswirkungen nicht ignoriert werden, und an dem Punkt hätte es eine ethische Frage der Verantwortung werden sollen, aber den sowjetischen militärischen Führern war es egal. Für militärische Zwecke beobachteten sie die Gesundheit der Bevölkerung, um zu verstehen, wie Atomwaffen sich auf Menschen auswirkten. Während sie Daten für die militärische Forschung sammelten, gab es die Menschen vor Ort keinerlei medizinische Versorgung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und der allererste Test wurde bei regnerischem und windigem Wetter durchgeführt, wodurch die radioaktive Kontaminierung meilenweit um das Testgelände herum verstreut wurde – so als ob man sich gar keine Gedanken über die ganze Operation gemacht hätte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hätten auf besseres Wetter warten können. Es gibt etwas, was ich in dem Buch nicht erwähne, weil ich es nicht beweisen kann, aber generell glaubt man, dass das Militär oft darauf wartete, bis der Wind in die Steppe blies, anstatt in Richtung der militärischen Siedlungen. Ich möchte keine inkorrekten Informationen weitergeben. In der offiziellen militärischen Beschreibung klang es so, als würde [der Wind] in Richtung der unbewohnten Steppe wehen. Spricht man aber mit den Einheimischen der Region, gibt es den weitverbreiteten Glauben, dass das Militär darauf wartete, dass der Wind nicht in Richtung ihrer Siedlungen blies. Dabei waren ihnen andere Richtungen egal. Aber beweisen konnte ich das nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ein weiterer seltsamer, unlogischer Punkt für mich war, dass es bei all der Geheimhaltung um das Polygon, bei all den Versuchen, die Informationen zu unterdrücken, einige große Sicherheitslücken gab, auf die nicht reagiert wurde, und die nicht einmal vorhergesehen wurden. Wie Sie erwähnten, war die Region Semipalatinsk der Hauptlieferant von Fleisch, sie verkauften Fleischprodukte in der gesamten Sowjetunion, und dann wurde das Fleisch irgendwann radioaktiv, weil das Vieh mit kontaminiertem Gras gefüttert worden war. Wie hält man das geheim? Wie konnte dieses Szenario nicht bedacht werden, als geplant wurde das Polygon zu bauen? Und selbst wenn es zu dem Zeitpunkt der Planung nicht ersichtlich war, wie kann man, wenn man argumentieren kann, dass die Region isoliert ist und es keine großen Städte in der Nähe gibt, das Risiko nicht anerkennen und die Tests fortsetzen, wenn es bereits passiert ist.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist ein guter Punkt und es lässt mich denken, dass kein sowjetisches Leben besonders viel Wert hatte, aber manches Leben noch weniger wertvoll war. Der Standort wurde aus praktischen Gründen gewählt. Für die sowjetischen Militärplaner war es logisch: Der Standort war abgelegen (sie sagten sogar er wäre unbewohnt, was ganz und gar nicht stimmt) und es gab einen Zugang zu den Konstruktionsmaterialien. Für sie war es also eine rationale Entscheidung. Aber Sie haben recht. Es wäre schwierig radioaktive Kontamination zu kontrollieren, sie in einer bestimmten Region zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen/">Das Erbe von Taboschar – Über den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich werde Ihnen ein weiteres anschauliches Beispiel geben. Nach einem der Tests kam es zu einer erheblichen radioaktiven Verseuchung. Die sowjetischen Militärbehörden wussten, dass das Getreide aus der Region stark kontaminiert war. Was haben Sie also gemacht? Sie stellten sicher, dass das Getreide innerhalb der Sowjet Union verteilt wurde und nicht exportiert wurde. Es war ihnen wichtiger, dass die internationale Gemeinschaft das Getreide nicht bekam und so herausfand, dass es radioaktiv verseucht war. Das ihre eigene Bevölkerung dieses Getreide konsumierte, war ihnen egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Punkt, den ich in meinem Buch erwähne, ist, dass die Behörden während der stärkeren Tests den Menschen rieten, nach draußen zu gehen, was keinen Sinn machte. Ich denke, sie wollten nicht, dass Menschen sich durch splitterndes Glas verletzten, wenn sie im Haus blieben. Für sowjetische Behörden war es besser, wenn Menschen sich draußen aufhielten, damit sichtbare Verletzungen vermieden werden konnten. Offensichtlich war die Bevölkerung einer höheren Dosis ausgesetzt, weil sie sich im Freien aufhielten, aber das war den Behörden egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte die Sowjetunion nicht als ein böses Imperium darstellen, aber ich denke, dass ein völliger Mangel an Respekt vor menschlichem Leben ziemlich offensichtlich ist. Und einige Leben, in diesem Fall das Leben der Menschen in der Region Semipalatinsk, wurden noch weniger geachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Polygon wurde 1991 geschlossen und ich würde Sie gerne zu der Rolle Nazarbaevs in diesem Prozess befragen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er zum Ende hin ein wenig zögerlich wurde – er unterstützte stets die Nevada-Semipalatinsk-Bewegung, sprach über die Schädlichkeit des Polygons, drängte zum Handeln und hielt diese Rede darüber, dass er nicht genug Informationen über die Konsequenzen hatte. Aber am Ende des Ganzen, als es nur noch darum ging, das Dekret zur Schließung des Polygons zu unterzeichnen, brauchte er eine ganze Weile, um das zu tun. Ist das nur mein Eindruck, und in Wirklichkeit war er einfach ein viel beschäftigter Mensch, der keine Zeit hatte, oder war er nicht bereit, diesen großen Schritt zu tun?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe nicht viele Details, weil es nur einen Bericht zu diesem Tag gibt (an dem das Dekret unterschrieben wurde). Wenn wir uns Nazarbaevs Briefe an Gorbatschow über den Zeitraum von 1989 bis 1999 anschauen, stellt man einen veränderten Ton fest. Ich weiß nicht, ob Sie es im Buch gelesen haben – Nazarbaev war wie jeder andere sowjetische, von Moskau eingesetzte Funktionär vom &#8222;Zentrum&#8220; abhängig. Zu Beginn, Anfang des Jahres 1989 stellte Nazarbaev sicher, dass die Anfragen aus Almaty in sowjetisch-bürokratischer Manier kamen. Die Ersuche der kasachstanischen Regierung klangen zaghaft. „Da gibt es dieses Nevada-Semipalatinsk und sie protestieren gegen die Tests, und wir sind der Meinung, dass wir alles getan haben, was wir als Republik tun konnten“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen 1991 wurde seine Sprache deutlich. Ich denke, er war bereit das Polygon zu schließen. Was den konkreten Tag betrifft, so sollten wir uns daran erinnern, dass er nur wenige Tage nach dem versuchten Staatsstreich in Moskau lag. Viele andere Dinge gingen vonstatten: Vielleicht war die Nevada-Semipalatinsk-Bewegung entschlossener und drängender, vielleicht war das politische Establishment in Kasachstan am Ende seiner Kräfte. Ich glaube, Nazarbaev war bereit. Ich habe zwar nicht ausreichend Informationen, was den genauen Tag betrifft, aber ich glaube, dass es wahrscheinlich symbolischer Natur war, dass sie dafür sorgen wollten, dass der Beschluss (zur Schließung des Polygons) am 29. August unterzeichnet wurde, an dem Tag des ersten sowjetischen Atomtests.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier möchte ich etwas betonen. Sehr oft wird in Kasachstan ein sehr personalisiertes und auf Nazarbaev fokussiertes Narrativ gezeichnet. Ich denke, dass es besonders bei der Schließung des Polygons wichtig ist, der Nevada-Semipalatinsk-Bewegung und all den Menschen, die sich dafür eingesetzt haben, Anerkennung zu zollen. Es ist wichtig, die Geschichte zu erzählen und allen Akteur:innen Anerkennung zu zollen. Die kasachstanische Gesellschaft und das Establishment haben auf verschiedenen Ebenen zusammengearbeitet, es ist also nicht die Geschichte von nur einer Person, die einen Beschluss unterschrieben hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;<strong>In dem Buch hatte ich das Gefühl, es handelte sich um eine Graswurzelbewegung, der sich Nazarbaev im allerletzten Moment anschloss, als er erkannte, dass er es nicht einfach aussitzen und abwarten konnte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war definitiv eine Graswurzelbewegung. Diese Tausenden Menschen, die aus eigenen aufrichtigen Gründen protestierten, aber ich denke, dass die Bewegung auch für das politische Establishment vorteilhaft war. Die Anti-Atomkraft-Bewegung und die kasachstanische Regierung waren nicht völlig voneinander getrennt. Zum Beispiel beschreibe ich in dem Buch, wie Teilnehmer:nnen von internationalen Märschen willkommen geheißen wurden, sie mit Essen versorgt und wie ihnen bei der Unterbringung geholfen wurde und wie die lokalen Behörden sie unterstützen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei wurde mir klar, dass es, wie wir es auf Russisch nennen würden &#8222;administrative Ressourcen&#8220; gab. Proteste und Kundgebungen wurden nicht verboten, sondern von den lokalen Behörden unterstützt. Und das ist etwas, was wir immer noch nicht im Detail wissen, aber ich würde die Bewegung nicht von der Regierung trennen, weil ich denke, dass alle Teile der kasachstanischen Gesellschaft &#8211; das politische Establishment und die Bürger:innen &#8211; zusammengearbeitet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Betroffenen von Atomtest erhalten eine regelmäßige Entschädigung vom Staat. Jedoch beschreiben Sie auch eine Situation mit kasachstanischen Soldaten, die im Polygon neben den russischen Soldaten stationiert waren, und diese Ex-Soldaten sind von diesen Zahlungen ausgeschlossen, obwohl sie der Strahlung ebenfalls ausgesetzt waren. Das ist eine Frage, wer die Verantwortung für die Atomtests trägt. Es war ein sowjetisches Programm. Wenn es um nützliche Dinge aus der Sowjetunion ging, wollte Russland sie erben. Zum Beispiel hat Russland den Sitz der Sowjetunion im UN-Sicherheitsrat übernommen. Aber wenn es um die Auswirkungen des sowjetischen Atomtestprogramms und seine Folgen für die Menschen rund um das Polygon geht, dann heißt es plötzlich: &#8222;Das wurde von der Regierung eines Landes gemacht, das es nicht mehr gibt.&#8220;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, dass Russland als Erblasser des sowjetischen Atomwaffenarsenals die Verantwortung für das gesamte sowjetische Atomprogramm trägt, und es wäre logisch, wenn Atomsoldaten und Veteranen des sowjetischen Atomprogramms unter die russische Gesetzgebung zur Unterstützung von &#8222;Atomsoldaten&#8220; fallen würden, aber diese Gesetzgebung gilt nur für Bürger Russlands.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kasachstanische Gesetz zur Unterstützung der Opfer sowjetischer Atomtests wurde 1992 verabschiedet. Der Schwerpunkt lag auf der Zivilbevölkerung und das Narrativ ging eher in die Richtung von „das sowjetische Militär gegen die ansässige Bevölkerung“. Das Gesetz galt nicht für „Atomsoldaten“. Einige der Geschichten sind herzzerreißend. Viele dieser Soldaten sind nicht mehr am Leben. Es gab eine Vereinigung der kasachstanischen Atomwaffenveteranen, und ich weiß nicht einmal, ob heute noch jemand von ihnen lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lassen Sie uns darüber reden, wie Kasachstan „die Bombe“ tatsächlich aufgeben hat. Kasachstan hat das </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Budapester_Memorandum"><strong>Budapester Memorandum</strong></a><strong> unterschrieben, welches zugesichert hat, dass Russland, Belarus, Kasachstan oder die Ukraine nicht bedrohen wird mit Atomwaffen im Austausch für deren Denuklearisierung und dass es die Souveränität und territoriale Integrität anerkennen würde. Was bedeutet das für Kasachstan in der aktuellen Situation?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan und die Ukraine haben Sicherheitsgarantien im Gegenzug für die Aufgaben ihrer Atomwaffen bekommen. Für Kasachstan und die Ukraine war der Erhalt von Sicherheitsgarantien seitens der Atommächte von grundlegender Bedeutung für ihre Entscheidung, und sie investierten viel Mühe in die Verhandlungen in dieser Angelegenheit. Kasachstan unterzeichnete ein wichtiges bilaterales Dokument mit den USA &#8211; die Charta der demokratischen Partnerschaft zwischen den USA und Kasachstan, in der Washington seine Sicherheitsgarantien für Kasachstan bekräftigte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Budapester Memorandum, das Sie erwähnten, verpflichtete die drei Atommächte zu genau dem: der Achtung der territorialen Integrität und Souveränität. Die Staats- und Regierungschefs Russlands, der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs haben das Memorandum unterzeichnet, sodass es viel Gewicht haben sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn man sich den Wortlaut ansieht, gibt es keinen Durchsetzungsmechanismus. Es gibt kein &#8222;Was passiert, wenn &#8230;&#8220;. Ich glaube, in der Ukraine bedauert man jetzt, dass nicht klargestellt wurde, was passiert, wenn eine der Parteien ihre eigenen Versprechen nicht einhält. [&#8230;]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russlands Verstoß gegen die UN-Charta und seine Verpflichtungen aus dem Budapester Memorandum wird langfristige Folgen haben, denn je mehr Länder ihre Versprechen nicht einhalten, desto schwieriger wird es an sie zu glauben, was sehr beunruhigend ist. Es ist für Kasachstan von Bedeutung, weil wir das gleiche Dokument unterzeichnet haben und Kasachstan die gleichen Versprechen erhalten hat. Was jetzt geschieht, beunruhigt uns alle mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach dem Zerfall der Sowjetunion landeten die neuen Republiken in einer Patt-Situation. Sie dürfen kein Nuklearstaat sein, aber Sie bekommen auch keine Sicherheitsgarantien, wenn Sie versprechen, keine Bombe zu bauen. Das scheint nicht fair zu sein.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die globale nukleare Ordnung ist ungerecht und unfair. Es gibt Nuklear-Habende und Nuklear-Nicht-Habende. In den 1960er-Jahren besaßen fünf Länder Atomwaffen und wollten diesen Zustand einfrieren. Im Rahmen des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) schlossen sie ein Abkommen: Fünf Länder wurden als Atommächte anerkannt und versprachen, irgendwann abzurüsten, und andere Länder erklärten sich bereit, im Gegenzug für den Zugang zu friedlicher Kerntechnik keine Kernwaffen zu entwickeln. Warum wird es als Norm angesehen, dass fünf Länder Atomwaffen besitzen? Warum ist es für sie irgendwie akzeptabel, Atomwaffen zu behalten, ohne dass es Anzeichen für eine Abrüstung gibt, während alle anderen vor der Wahl stehen: Entweder man ist ein Nicht-Atomwaffenstaat oder ein Pariastaat?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der NVV spiegelt die globale Weltordnung wider, aber die globale Weltordnung hat sich verändert, nicht wahr? Länder wie Brasilien, Indien und andere Nationen des globalen Südens haben ihren Platz in der Welthierarchie und die Art der Macht, die sie ausüben, infrage gestellt, und deshalb denke ich, dass sich auch die globale nukleare Ordnung ändern muss. Die Länder werden diese ungerechte Ordnung nicht stillschweigend hinnehmen; es wird zu Veränderungen kommen. Das ist der Kern dessen, womit wir es im Moment im Nuklearbereich zu tun haben. Wir haben es mit einem grundsätzlich ungerechten System zu tun, aber gleichzeitig müssen wir die Normen aufrechterhalten und diese Normen fördern, weil sonst das Chaos ausbricht. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hat sich der NVV verändert, nach dem die Sowjetunion zerfallen ist? Was passiert, wenn eine Atommacht zerfällt und ein Dutzend neuer Staaten auftaucht.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war exakt der Verhandlungspunkt zwischen den sowjetischen Atomstaaten (Belarus, Kasachstan und der Ukraine) und den Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft für mehr als 2 Jahre. Belarus, Ukraine und Kasachstan haben ein politisches Dokument unterzeichnet, in welchem sie versprochen haben, dem NVV als Nicht-Atomstaaten beizutreten. Von Beginn an war es Kasachstan, Belarus und der Ukraine nicht möglich ihre Atomwaffen zu behalten, wenn sie einen Paria-Status innerhalb der internationalen Gemeinschaft vermeiden wollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neue Staaten konnten dem NVV nur als Nichtkernwaffenstaaten beitreten. Gleichzeitig waren die sowjetischen Atomwaffen nicht &#8222;automatisch&#8220; russisch. Für den Bau dieser Waffen wurden Ressourcen aus Kasachstan und der Ukraine verwendet. Außerdem gehörte das Eigentum, das zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion auf dem Gebiet jedes neuen unabhängigen Staates verblieben war, den einzelnen Republiken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte/"><strong>Warum die UdSSR massenhaft Menschen nach Kasachstan deportierte</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nichts sollte unhinterfragt geschehen, alles erfordert Verhandlungen. Die Ukraine hinterfragt heute, warum Russland den sowjetischen Sitz im UN-Sicherheitsrat geerbt hat, warum Russland die sowjetischen Atomwaffen behalten durfte und so weiter. In der Geschichte gab es keinen Präzedenzfall, bei dem eine Atommacht zerfiel und mehrere unabhängige Staaten Teile des Atomwaffenarsenals erhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie beschreiben eine Situation, in der das gerade unabhängig gewordene Kasachstan über das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt verfügt, ohne dass es in der Lage wäre, es einzusetzen oder seinen Nachbarn mit dem roten Knopf daran zu hindern, es in seinem Namen einzusetzen. Es ist nur natürlich diese Waffen schnellstmöglich loswerden zu wollen, aber was ich in ihrem Buch bemerkt habe, ist das Russland scheinbar kein Interesse an diesen Waffen oder den nuklearen Rohstoffen während der Verhandlungen hatte. Wieso? Und warum waren hauptsächlich die USA an diesen Verhandlungen beteiligt und nicht andere Atommächte? Waren diese auch nicht interessiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gab einen Unterschied. Russland und die USA waren sich einig, dass Russland der alleinige Erbe aller sowjetischen Waffen sein sollte. Russland war nicht daran interessiert, dass Belarus, die Ukraine oder Kasachstan Atomwaffen behalten. Es ist nicht so, dass Russland diese Waffen brauchte, denn wie Sie wissen, besaß es Tausende davon. Außerdem wurde im Rahmen des amerikanisch-russischen Rüstungskontrollprozesses die Zahl der Sprengköpfe schrittweise reduziert. Viele der nach Russland zurückverlegten Sprengköpfe mussten ohnehin demontiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Russland war es jedoch wichtig, als Erbe des sowjetischen Atomwaffenarsenals angesehen zu werden, und auch wenn eine solche Prämisse nicht standardmäßig akzeptiert werden sollte, so war dies doch das Selbstverständnis Russlands. Die russische Führung glaubte, dass es nach der Sowjetunion nur eine einzige Atommacht geben könne und dass dies Russland sein sollte. Politisch war Russland auf derselben Linie wie die USA. Washington wollte nicht, dass eine andere ehemalige Sowjetrepublik zu einer neuen Atommacht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf das Kernmaterial vertrat Moskau einen anderen Standpunkt. Russland brauchte dieses zusätzliche Material nicht, weil es Kopfschmerzen bereitete. Sie hatten mehr als genug und der Transport von Kernmaterial über die Grenzen hinweg war ein komplizierter und sehr teurer Prozess. Die USA waren der führende Verhandlungspartner im gesamten kasachstanischen Denuklearisierungsprozess, weil sie die Macht hatten und weil sie im Gegenzug etwas zu bieten hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schwerpunkt meines Buches liegt auf den USA, weil sie die internationale Gemeinschaft vertraten; die USA waren die am stärksten involvierte Partei in all dem. Aber auch andere Mächte halfen mit. Es gab verschiedene multilaterale Programme, insbesondere im Bereich der nuklearen Sicherheit, aber die Rolle und das Engagement der Vereinigten Staaten ist mit keinem anderen Land vergleichbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hat die amerikanische Öffentlichkeit dieses Engagement wahrgenommen? Sie erwähnen diese riesige Operation, das </strong><a href="https://warontherocks.com/2022/04/project-sapphire-how-to-keep-600-tons-of-kazakh-highly-enriched-uranium-safe/"><strong>Projekt Sapphire</strong></a><strong>, bei dem Kernmaterial, das sich in einer unbewachten Nuklearanlage in Kasachstan befand, auf amerikanischen Boden transportiert wurde, um sicherzustellen, dass es nicht in die falschen Hände gerät. Eine Operation dieses Ausmaßes kann man nicht verheimlichen; ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder über dieses Nuklearmaterial glücklich war.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die politischen EntscheidungsträgerInnen in den Vereinigten Staaten darüber diskutierten, was mit dem hochangereicherten kasachstanischen Uran geschehen sollte, wollten einige Beamte, dass Russland es zurücknimmt, und zwar genau aus dem von Ihnen genannten Grund. Sie sorgten sich um die Umweltorganisationen, aber mir ist nicht bekannt, dass es Proteste oder einen öffentlichen Aufschrei als Reaktion auf diese spezielle Operation gegeben hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Apropos Geheimhaltung: Jemand in den US-Medien erfuhr von der Operation, bevor das Material die Oak-Ridge-Anlage in den Vereinigten Staaten erreichte. Das Weiße Haus bat die Presse, die Geschichte für 24 Stunden zurückzuhalten, und die Journalist:iInnen kamen dem nach. Die Geschichte wurde in den US-Zeitungen veröffentlicht, sobald das Material in der Anlage ankam, aber soweit ich weiß, gab es kein großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Ich möchte noch einmal betonen, dass es sich nicht um Atommüll, sondern um Nuklearmaterial handelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kasachstan hat zwei Atommächte als Nachbarn, und eine von ihnen führt gerade einen militärischen Angriff durch. Die USA unterstützen die Ukraine in diesem Krieg. Sind wir auf dem Weg zu einem neuen Wettrüsten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Russland und die Vereinigten Staaten verfügen über mehr als genug Atomwaffen, um den Planeten um ein Vielfaches zu vernichten. Nicht, dass wir die Zahlen ignorieren sollten, aber in existenzieller Hinsicht haben diese beiden Länder so viel, dass sie keinen militärischen oder strategischen Anreiz haben, ihre Arsenale zu vergrößern. Ganz einfach, weil sie bereits über eine Overkill-Kapazität verfügen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derzeit gibt es noch ein Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland, das die Anzahl der Sprengköpfe in bestimmten Grenzen hält. Ich glaube nicht, dass die USA oder Russland versuchen werden, ihr Arsenal quantitativ zu vergrößern, aber es ist eine andere Frage, was sie qualitativ tun können. Es ist zu erwarten, dass Forderungen nach einer weiteren Modernisierung der Atomwaffenarsenale laut werden, was ebenfalls eine schlechte Nachricht für die internationale Gemeinschaft ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden/"><strong>Kasachstans Dilemma: Wie können ethnische und staatsbürgerliche Identitätsmodelle in Einklang gebracht werden?</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das grundlegende Problem ist die Instabilität des internationalen Systems. Ein großer Konflikt, an dem ein Land mit Atomwaffen beteiligt ist, birgt viele Risiken. Wir können die Folgen dessen, was jetzt geschieht, nicht abschätzen, und das ist das Beängstigende daran: Wir wissen, dass es Folgen geben wird, aber wir kennen weder ihr Ausmaß noch ihre Richtung. Das unterstreicht nur den Wahnsinn: Solange es Atomwaffen gibt, besteht die Gefahr, dass ein konventioneller Konflikt zu einem Atomkrieg eskaliert. Das ist die grundlegende Gefahr, mit der wir ständig konfrontiert sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es wahrscheinlich, dass alle Länder in naher Zukunft atomwaffenfrei sein werden? Werden wir das noch erleben können?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;<em>(Lange Pause)</em> Irgendwann in der Zukunft &#8211; ja. Sonst wäre ich nicht in dem Beruf, in dem ich jetzt bin. Der Bogen der Geschichte spannt sich global gesehen in die richtige Richtung, trotz dessen, was ich gerade über den aktuellen Krieg gesagt habe. Es ist beeindruckend, dass sich vor Kurzem die Mehrheit der Länder zusammengefunden hat und den Vertrag über das Verbot von Atomwaffen unterzeichnet hat und dass immer mehr Nationen in der Diskussion über nukleare Fragen wieder eine Rolle spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher hieß es eher: &#8222;Wir sind Atommächte, und wir entscheiden [die Angelegenheit] unter uns, und ihr habt kein Mitspracherecht, und es interessiert niemanden, was ihr sagt.&#8220; Die Dynamik hat sich geändert. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich eine Welt ohne Atomwaffen erleben werde. Es wird nicht meine Generation sein.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dieses Interview wurde aus Gründen der Klarheit überarbeitet.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Interview führte Anna Wilhelmi, Redakteurin für Novastan English</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/en/kazakhstan/i-would-be-lying-if-i-said-ill-see-a-nuclear-free-world-an-interview-with-togzhan-kassenova/"><strong>Englischen</strong></a><strong> von Karina Rudi</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/ich-wuerde-luegen-wenn-ich-sagen-wuerde-dass-ich-mir-eine-atomwaffenfreie-welt-vorstellen-kann-ein-interview-mit-togjan-qasenova/">„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir eine atomwaffenfreie Welt vorstellen kann“ &#8211; ein Interview mit Togjan Qasenova</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Politologin Togjan Qasenova: „Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein“</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Oct 2022 14:20:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Politologin Togjan Qasenova hat ein Buch &#xFC;ber Kasachstans Verzicht auf Atomwaffen ver&#xF6;ffentlicht. W&#xE4;hrend der Buchvorstellung sprach sie &#xFC;ber die bis heute w&#xE4;hrenden Folgen sowjetischer Atomtests und die Bedeutung des Atomwaffenverzichts in heutiger Zeit. Der folgende Artikel erschien am 7. Oktober 2022 auf Vlast. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Togjan Qasenova, promovierte [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/politologin-togjan-qasenova-solange-es-atomwaffen-gibt-werden-wir-alle-deren-geiseln-sein/">Politologin Togjan Qasenova: „Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein“</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Politologin Togjan Qasenova hat ein Buch über Kasachstans Verzicht auf Atomwaffen veröffentlicht. Während der Buchvorstellung sprach sie über die bis heute währenden Folgen sowjetischer Atomtests und die Bedeutung des Atomwaffenverzichts in heutiger Zeit. Der folgende Artikel erschien am 7. Oktober 2022 auf </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/52022-poka-adernoe-oruzie-susestvuet-my-vse-budem-ego-zaloznikami.html"><strong>Vlast</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Togjan Qasenova, promovierte Politikwissenschaftlerin und Spezialistin für Nuklearsicherheit, hat am 6. Oktober die kasachische Version ihres Buches <a href="https://www.sup.org/books/title/?id=33596">Nuclear Steppe: How Kazakhstan Gave up the Bomb</a> vorgestellt. Während der Präsentation sprach die Autorin darüber, wie die Anti-Atomkraft-Bewegung zu einem der ersten Schritte der kasachischen Gesellschaft in Richtung Entkolonialisierung wurde, und über die Bedeutung von Kasachstans Atomwaffenverzichts in den gegenwärtig eskalierenden geopolitischen Verhältnissen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch wurde erstmals im Februar 2022 in englischer Sprache von Stanford University Press veröffentlicht. Die kasachische Übersetzung wurde nun mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) von „Steppe &amp; World Publishing“ herausgegeben. Eine elektronische Version davon ist auf der Website der FES <a href="https://library.fes.de/pdf-files/bueros/kasachstan/19571.pdf">verfügbar</a>. </p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Laut Qasenova dauerte die Arbeit an dem Buch 15 Jahre. Der erste Teil erzählt von Atomtests auf dem Territorium Kasachstans und ihren tragischen Folgen für die Umwelt sowie für die Gesundheit der Einwohner:innen. Der zweite Teil konzentriert sich darauf, wie Kasachstan, das nach dem Zusammenbruch der UdSSR das viertgrößte Atomwaffenarsenal der Welt geerbt hatte, dieses nach langen Verhandlungen aufgab und ein atomwaffenfreies Land wurde.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Folgen der Atomtests</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Qasenova erläuterte, dass sie ursprünglich vorhatte, im Buch verschiedene Modelle zu untersuchen, warum Länder Atomwaffen aufgeben oder sich dafür entscheiden. Aber als sie begann, in die Region zu reisen und sich mit Opfern der Atomtests zu treffen, wurde ihr klar, dass dieser Teil der Geschichte nicht ausgelassen werden sollte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Viele Informationen fehlen noch“</em>, stellt die Autorin fest. <em>„Als Relikt aus der Sowjetzeit fehlt etwas, da Russland keine Materialien liefert. Aber Kasachstan selbst hat auch nicht genug Mühe investiert, um dieses Thema vollständig zu erforschen, die Gesundheit der Bevölkerung zu studieren, zu verstehen, was jetzt passiert, und wie man den Menschen helfen kann, die […] immer noch einen Preis für die sowjetischen Atomtests zahlen.“„Ich wollte diesen Schmerz, diese Geschichten vermitteln. Ich bin sehr stolz auf die atomare Außenpolitik Kasachstans, weil sie wirklich sehr stark ist. Aber für mich war es wichtig, dass all dieses äußere Image mit dem verbunden ist, was im Inneren passiert“</em>, so Qasenova weiter. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/"><strong>Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf die aktuellen Probleme der Region konstatiert die Autorin einerseits, dass die staatlichen Stellen den Problemen der Bevölkerung nur unzureichende Aufmerksamkeit widmen. Andererseits bestehe auch in der Gesellschaft eine Diskriminierung der [von den Atomtests betroffenen, Anm. d. Red.] Einwohner:innen. Das derzeit existierende Opferhilfe-Gesetz von 1992 müsse daher seit Langem aktualisiert werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich treffe viele Menschen, die eindeutig Krankheiten haben, die mit den Folgen von Atomtests zusammenhängen. Aber weil ihre Krankheit nicht in der Liste der mit dem Testgelände verbundenen Krankheiten aufgeführt ist, erhalten sie keine Hilfe“</em>, sagt die Wissenschaftlerin und fügt hinzu, dass die benötigte kostenlose Hilfe in abgelegenen Gemeinden oft nicht verfügbar ist. <em>„Als ob das Problem des Testgeländes von Kasachstan und der kasachstanischen Gesellschaft getrennt sei. Ich meine, jeder sollte darüber nachdenken. Für eine integrale Nation sollten alle gemeinsamen Probleme wirklich als gemeinsam betrachtet werden und nicht als Probleme einer einzigen Kategorie von Menschen, die leiden“</em>, so Qasenova. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-auf-dem-atomwaffentestgelaende-semipalatinsk-wird-eine-sicherheitszone-eingerichtet/"><strong>Kasachstan: Auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk wird eine Sicherheitszone eingerichtet </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein separates Kapitel des Buches ist den Versuchen von Ärzt:innen gewidmet, die Auswirkungen von Atomtests auf die Gesundheit der Menschen während der Sowjetzeit zu untersuchen. Die Autorin erklärt, dass einige Studien trotz des fehlenden vollständigen Bildes noch heute fortgesetzt werden könnten. <em>„Damals baute das sowjetische Militär in Semipalatinsk [heute </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei"><em>Semeı</em></a><em>, Anm. d. Red.] die sogenannte Anti-</em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Brucellose"><em>Brucellose</em></a><em>-Betreuungsstelle“</em>, sagt Qasenova. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Hauptidee war, zu beobachten, wie sich Strahlung auf den Menschen auswirkt. Als die Sowjetunion zusammenbrach, wurden viele Dokumente weggenommen. Es heißt, dass einige verbrannt wurden, andere aber erhalten blieben.“</em> Zu dieser Zeit überwachte die Betreuungsstelle die Gesundheit von etwa 10.000 Bewohner:innen ländlicher Gebiete. Spezialist:innen des kasachstanischen Instituts für Strahlenmedizin und -ökologie, das auf der Grundlage der Betreuungsstelle gegründet wurde, kamen Jahre später auf diese Daten zurück und stellten eine erhöhte Sterblichkeit und Krebsanfälligkeit bei Bewohner:innen von strahlenbetroffenen Regionen fest. Jetzt forschen Wissenschaftler:innen an der zweiten und dritten Generation der Bewohner:innen. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Notwendigkeit eines Atomwaffenverzichts</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Angesichts des aktuellen Krieges in der Ukraine und der Unberechenbarkeit der globalen Nuklearpolitik bleibt Qasenova der Meinung, dass der Atomwaffenverzicht Kasachstans ein notwendiger und richtiger Schritt war. Die Wissenschaftlerin meint, dass sich das Land zur Wahrung seiner Souveränität als Staat positionieren musste, der trotz möglicher Ungerechtigkeit nicht versucht, das internationale Regulierungssystem zu brechen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wäre es während der Krise der 1990er Jahre schwieriger gewesen, die damals notwendigen ausländischen Investitionen anzuziehen, wenn das Land eine andere Entscheidung getroffen hätte. Sich nur auf Waffen zu konzentrieren, sei der Expertin nach jedoch falsch. <em>„Für mich als Spezialistin sind die Entscheidungen Kasachstans zu nuklearem Material und Infrastruktur viel wichtiger“</em>, sagt Qasenova. <em>„Weil Kasachstan sie vollständig kontrolliert hat.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-folgen-der-russischen-mobilmachung-fuer-zentralasien/"><strong>Die Folgen der russischen Mobilmachung für Zentralasien </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Prozess der Herstellung von Atomwaffen sei die Komponente Kernmaterial technisch am komplexesten. Wenn also ein Land von irgendwoher Kernmaterial erhalten habe oder produzieren könne, dann sei es sehr nahe daran, die latente Fähigkeit dazu zu haben ein Nuklearprogramm zu starten. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Und auch hier wurde die Position Kasachstans sehr deutlich – dass das damals nicht das war, was das Land brauchte“</em>, meint die Autorin. <em>„Der Krieg, die russische Invasion in der Ukraine und die Tatsache, dass uns allen noch mehr Angst vor dem Abwurf taktischer Atomwaffen gemacht wurde, hat deutlich gezeigt: Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein. Ich bin sehr stolz darauf, dass Kasachstan kein Teil davon ist“</em>, so Qasenova weiter. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Anti-Atom-Bewegung als nationale Bewegung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Die Anti-Atom-Bewegung, die auch Gegenstand des Buches ist, ist laut der Autorin durch einen roten Faden mit anderen historischen Ereignissen verbunden, in deren Verlauf die Gesellschaft ihre eigene Identität und ihre eigenen Ideen geformt hat: <em>„[Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Scheltoksan-Unruhen">Jeltoqsan-Unruhen</a>, Anm. d. Red.] 1986 war[en] das erste Zeichen innerhalb der Republik: Moskau, entscheide nicht für uns über unser Schicksal! Und wie wir die tragische Entwicklung dieser Ereignisse kennen, waren es hauptsächlich ethnische Kasach:innen, die darunter gelitten haben. Für das multinationale Kasachstan war dies eine Tragödie. Der Beginn der Anti-Atom-Bewegung war eine Chance für eine nationale Idee, denn die Anti-Atom-Bewegung vereinte alle Völker Kasachstans“</em>.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es gab eine allgemeine Idee: Atomtests stoppen. Und in allem manifestierte sich „reclaiming the agency“ – die Rückeroberung der Entscheidungsfreiheit – dass wir mehr Einfluss auf unser Schicksal haben wollen. Für mich ist es also eine direkte Verbindung&#8220;</em>, <em>meint Qasenova.</em> Leider sei laut der Autorin die Rolle der Anti-Atomkraft-Bewegung aus politischen Gründen gedämpft und zu wenig darüber gesprochen worden. Die Gegenwart macht ihr hingegen Hoffnung. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die neue Generation ist komplett anders. Sie kennt die Sowjetunion nicht mehr und hat nicht diese rein sowjetische Angst – genetische Angst, sagen wir manchmal in Kasachstan“</em>, meint Qasenova. <em>„Und der Krieg hat das besonders deutlich gemacht: Die neue Generation, darunter auch Nicht-Kasach:innen [Angehörige der Ethnie, Anm. d. Red.], definiert ihre Identität stärker als Kasachstaner:innen [Staatsbürger:innen Kasachstans, Anm. d. Red.]. Dieser Prozess ist jetzt im Gange. Er ist sehr interessant und macht Hoffnung.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Olga Loginova für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/52022-poka-adernoe-oruzie-susestvuet-my-vse-budem-ego-zaloznikami.html"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong> </p>



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		<title>Kasachstan: Auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk wird eine Sicherheitszone eingerichtet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joanna Blain]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Jul 2021 07:20:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Atomwaffentestgelände]]></category>
		<category><![CDATA[Polygon]]></category>
		<category><![CDATA[Radioaktivität]]></category>
		<category><![CDATA[Semei]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 10. Juli hat Kasachstans stellvertretender Energieminister Qa&#x131;rat Rahimov ein Gesetzesvorhaben vorgestellt, gem&#xE4;&#xDF; dem&#xA0;eine Sicherheitszone auf dem Atomwaffentestgel&#xE4;nde Semipalatinsk entstehen soll. Kasachstans stellvertretender Energieminister Qairat Rahimov hat am 10. Juli einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Untersuchung des Areals sowie die Einrichtung einer nuklearen Sicherheitszone auf dem ehemaligen Atomwaffentestgel&#xE4;nde Semipalatinsk vorsieht. Dies berichtet das kasachstanische Nachrichtenportal [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 10. Juli hat Kasachstans stellvertretender Energieminister Qaırat Rahimov ein Gesetzesvorhaben vorgestellt, gemäß dem eine Sicherheitszone auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk entstehen soll.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstans stellvertretender Energieminister <a href="https://www.gov.kz/memleket/entities/energo/about/structure/people/6979?lang=en">Qairat Rahimov</a> hat am 10. Juli einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Untersuchung des Areals sowie die Einrichtung einer nuklearen Sicherheitszone auf dem ehemaligen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffentestgelände_Semipalatinsk">Atomwaffentestgelände Semipalatinsk</a> vorsieht. Dies berichtet das kasachstanische Nachrichtenportal <a href="https://vlast.kz/novosti/45360-zonu-adernoj-bezopasnosti-sozdadut-na-semipalatinskom-poligone.html">Vlast</a>. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> Das Polygon Semipalatinsk befindet sich im Osten Kasachstans in der Nähe der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> (ehemals Semipalatinsk). Von 1949 bis zu seiner Demontage im Jahr 1991 war es eines der wichtigsten sowjetischen Atomwaffentestgelände, auf dem insgesamt 476 Tests durchgeführt wurden. Laut Angaben von Vlast litten in der Umgebung mindestens 1,3 Millionen Menschen unter den Folgen der Tests. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-polygon-von-semipalatinsk-wird-zu-einer-deponie-fuer-nukleare-abfaelle/"><strong>Das Polygon von Semipalatinsk wird zu einer Deponie für nukleare Abfälle </strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Wie <a href="https://www.kt.kz/rus/state/v_rk_razrabotan_zakonoproekt_o_semipalatinskoy_zone_1377903990.html">Kazakhstan Today</a> berichtet, soll die seit September 2020 angekündigte Sicherheitszone vor der Strahlung in dem kontaminierten Areal des ehemaligen Atomwaffentestgeländes schützen. Darüber hinaus soll so das Gebiet rehabilitiert und die staatliche Kontrolle über seine Nutzung verstärkt werden. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>9400 Quadratkilometer Schutzzone</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Laut Vlast umfasst das Gebiet nach vorläufigen Schätzungen 6.000 Quadratkilometer auf dem Territorium des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostkasachstan">Gebiets Ostkasachstan</a>&nbsp;sowie 2.600 Quadratkilometer im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pawlodar_(Gebiet)">Gebiet Pavlodar</a> und 800 Quadratkilometer im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy_(Gebiet)">Gebiet Qaraģandy</a>. Insgesamt beläuft sich die Fläche der Sicherheitszone also auf 9400 Quadratkilometer.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Nationale Nuklearzentrum der Republik Kasachstan führt seit 2008 eine umfassende Umweltuntersuchung des Testgeländes Semipalatinsk durch. Seit 2008 wurden 93 Prozent des Polygons untersucht. Der Abschluss der gesamten Umweltstudie ist für dieses Jahr geplant“</em>, erklärte Qaırat Rahimov.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Joanna Blain, Redakteurin für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/kazakhstan-une-zone-de-surete-nucleaire-va-etre-creee-sur-le-territoire-de-semipalatinsk/">Französischen</a> von Robin Roth</strong> </p>



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		<title>Das Polygon von Semipalatinsk wird zu einer Deponie für nukleare Abfälle</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agathe Guy]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Feb 2020 15:53:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Atombombe]]></category>
		<category><![CDATA[Atomwaffentestgelände]]></category>
		<category><![CDATA[Semei]]></category>
		<category><![CDATA[Semipalatinsk]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Semipalatinsker Polygon im Osten Kasachstans &#x2013; zu Sowjetzeiten Testgel&#xE4;nde f&#xFC;r Atombomben &#x2013; wird bald als Deponie f&#xFC;r nukleare Abf&#xE4;lle des Metallurgie-Unternehmens Ulba verwendet werden. Wie das kasachstanische Onlinemedium Vlast.kz berichtet, haben das kasachstanische Ministerium f&#xFC;r Umwelt, Geologie und Nat&#xFC;rliche Ressourcen sowie das Unternehmen Kazatomprom am 17. Februar ein Kooperationsabkommen zum Schutz der Umwelt unterzeichnet. [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/das-polygon-von-semipalatinsk-wird-zu-einer-deponie-fuer-nukleare-abfaelle/">Das Polygon von Semipalatinsk wird zu einer Deponie für nukleare Abfälle</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Das Semipalatinsker Polygon im Osten Kasachstans – zu Sowjetzeiten Testgelände für Atombomben – wird bald als Deponie für nukleare Abfälle des Metallurgie-Unternehmens Ulba verwendet werden.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Wie das kasachstanische Onlinemedium <a href="https://vlast.kz/novosti/37270-na-semipalatinskom-poligone-budut-zahoranivat-tverdye-radioaktivnye-othody.html">Vlast.kz</a> berichtet, haben das kasachstanische Ministerium für Umwelt, Geologie und Natürliche Ressourcen sowie das Unternehmen Kazatomprom am 17. Februar ein Kooperationsabkommen zum Schutz der Umwelt unterzeichnet. Das Dokument sieht insbesondere die Durchführung eines Projekts zur Entsorgung radioaktiver Abfälle auf dem Gelände des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffentestgel%C3%A4nde_Semipalatinsk">Semipalatinsker Polygons</a> vor, einem ehemaligen Gelände für sowjetische Atomtests. Die deponierten Abfälle stammen angeblich aus einer Fabrik des Metallurgie-Unternehmens <a href="http://www.ulba.kz/en/">Ulba</a>, dem landesweit größten Produzenten von Uran, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beryllium">Beryllium</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tantal">Tantal</a>.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Umweltminister <a href="https://www.government.kz/en/hrpolitic/appointments/m-mirzagaliev-naznachen-ministrom-ekologii-geologii-i-prirodnyih-resursov-rk">Magzum Mirzagaliev</a> argumentierte auf Twitter, dass durch die Maßnahme <em>„alle Auswirkungen radioaktiver Abfälle auf die Umwelt und die Bevölkerung so weit wie möglich ausgeschlossen werden“</em>.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" data-width="500" data-dnt="true">
<p lang="ru" dir="ltr">Это максимально исключит какие-либо воздействия радиоактивных отходов на окружающую среду и население региона.  Будет также проведен тех.аудит на предприятиях компании для дальнейшего внедрения наилучших доступных технологий. <a href="https://t.co/dIag3CpnRw">pic.twitter.com/dIag3CpnRw</a></p>
<p>&mdash; Magzum Mirzagaliev (@MirzagalievKZ) <a href="https://twitter.com/MirzagalievKZ/status/1229324866450526209?ref_src=twsrc%5Etfw">February 17, 2020</a></p></blockquote>
<p><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p style="text-align: justify">Die Initiative entspricht der Umweltpolitik des kasachstanischen Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qassym-Jomart Toqaev</a>. Derzeit wird ein <a href="https://inbusiness.kz/ru/news/pravitelstvo-prinyalo-proekt-ekologicheskogo-kodeksa">neues Umweltgesetz erarbeitet</a>, das spezifische technische Audits von <a href="https://vlast.kz/novosti/37270-na-semipalatinskom-poligone-budut-zahoranivat-tverdye-radioaktivnye-othody.html">mehr als 2000 Unternehmen</a> vorsieht –  darunter der kasachstanische Atomenergieriese Kazatomprom.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Semipalatinsk: Der sowjetische Albtraum? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Das circa 150 Kilometer von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> (ehemals Semipalatinsk) gelegene Kernwaffentestgelände ist ein Relikt der Sowjetunion. Es wurde von 1949 bis 1989 betrieben und erstreckt sich auf <a href="https://fergana.ru/news/115186/">drei Regionen</a> im Osten Kasachstans: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pawlodar_(Gebiet)">Pavlodar</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy_(Gebiet)">Qaraģandy</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostkasachstan">Ostkasachstan</a>. 1949 zündete Moskau dort eine erste Atombombe. Zwei Drittel der sowjetischen Atomtests – insgesamt 467 ober- und unterirdische Explosionen – wurden auf diesem Territorium durchgeführt.</p>
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<p style="text-align: justify">Die Wahl von Semipalatinsk als Atomtestgelände war damals von der Regierung mit der geringen Bevölkerungsdichte in der Umgebung begründet worden. Dennoch waren schätzungsweise <a href="https://tayga.info/145889">rund 1,5 Millionen Menschen</a> von radioaktiven Niederschlägen betroffen. Die tatsächliche Zahl der Opfer der Versuche ist nicht bekannt. Laut einem Bericht der russischen Tageszeitung <a href="https://www.kommersant.ru/doc/3075798">Kommersant</a> schätzte im Jahr 2016 Sergeı Lukashenko, Direktor des <a href="http://irse.nnc.kz/o-nas/struktura/">Instituts für Strahlenschutz und Ökologie</a>, dass mehr als 10.000 Einwohner direkt betroffen waren. Die Kindersterblichkeit und die Krebsdiagnosen hätten während der Nutzungsdauer des Standorts drastisch zugenommen. Derzeit werden Tests durchgeführt und es wird erwartet, dass bis 2021 ein Abschlussbericht vorliegen wird.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Auf internationaler Ebene setzt sich Kasachstan gegen die Verbreitung von Kernwaffen ein. 2009 initiierte das größte zentralasiatische Land bei den Vereinten Nationen unter anderem ein Projekt für einen <a href="https://undocs.org/fr/A/RES/64/35">internationalen Tag gegen Nuklearversuche</a>. Der 29. August – der Tag, an dem das Semipalatinsker Polygon 1991 geschlossen wurde – ist seitdem Gedenktag für die Opfer von Atomtests. Kasachstan zählt auch zu den ersten Staaten, die auf Atomwaffen verzichtet und ihr Territorium als atomwaffenfrei erklärt haben.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Agathe Guy, Redakteurin für Novastan</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Französischen von Robin Roth</strong></p>
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		<title>Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Svenja Petersen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Sep 2019 11:45:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Atomenergie]]></category>
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		<category><![CDATA[Semei]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jahrzehnte nach der Einstellung der Atomwaffentests versuchen die Forscher immer noch, die Auswirkungen der Strahlung auf die &#xF6;ffentliche Gesundheit bei Semipalatinsk zu erforschen. Dieser Artikel ist im russischen Original im Online-Magazin The Steppe erschienen, Novastan &#xFC;bersetzt ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Umwindete Lenin-Statuen s&#xE4;umen nach wie vor die Parkanlagen der Stadt Semei, im Nordosten [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Jahrzehnte nach der Einstellung der Atomwaffentests versuchen die Forscher immer noch, die Auswirkungen der Strahlung auf die öffentliche Gesundheit bei Semipalatinsk zu erforschen. Dieser Artikel ist im russischen Original im Online-Magazin <a href="https://the-steppe.com/gorod/semipalatinskiy-poligon-yadernoe-eho-sssr-v-kazahstane?fbclid=IwAR1ZAgsu_p2bzCwDTZBvInjPA-m_DCk4G8zzt2qnkMe5K-wvfSj80mn-4sc">The Steppe</a> erschienen, Novastan übersetzt ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify">Umwindete Lenin-Statuen säumen nach wie vor die Parkanlagen der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semei</a>, im Nordosten Kasachstans. Die Straßen von Semei sind voller Backsteinhäuser und zerklüfteter Fußgängerwege &#8211; ein Erbe des ehemaligen Regimes. All dies ist mit bloßem Auge zu sehen, aber andere Spuren der Vergangenheit sind schwerer zu sehen, berichtet <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-019-01034-8">Nature.com</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Die Geschichte der Stadt und die DNA ihrer Bewohner umfasst das Erbe des Kalten Krieges. Das etwa 150 km westlich vom einstigen Semipalatinsk gelegene <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffentestgel%C3%A4nde_Semipalatinsk">Testgelände Semipalatinsk</a> war die Basis, auf der die Sowjetunion ihr Atomwaffenarsenal errichtete.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die lange Geschichte des Testgeländes Semipalatinsk</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zwischen 1949 und 1963 verwandelte die Sowjetunion ein etwa 19 Kilometer langes Grundstück in ein Testgelände, wo sie mehr als 110 Atomtests durchführte. Vieles, was über die gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung bekannt ist, wurde durch Forschung ermittelt und dargelegt. Zum Beispiel die Folgen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atombombenabw%C3%BCrfe_auf_Hiroshima_und_Nagasaki">Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki</a> oder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Tschernobyl">Atomkatastrophe von Tschernobyl</a>. Wissenschaftler haben viel über die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf Menschen und Umwelt herausfinden können. Diese Studien haben jedoch wenig Hinweise darauf hervorgebracht, dass die Auswirkungen von Strahlung von Generation zu Generation übertragen werden.</p>
<p style="text-align: justify">Seit Jahrzehnten sind die Menschen in der Nähe des Standorts des Atomwaffengeländes nicht nur akuten Ausbrüchen, sondern auch konstanten niedrigen Strahlendosen ausgesetzt. Kasachische Forscher sammeln nun Daten über diejenigen, die die Explosionen überlebt haben, sowie über ihre Kinder und Enkelkinder. Die Folgen der Exposition zu radioaktiven Stoffen sind nicht immer offensichtlich und nicht immer leicht zu verfolgen: Ausbrüche erhöhen das Krebsrisiko, und es besteht die Möglichkeit, dass die Auswirkungen der Strahlung auf das Herz-Kreislauf-System von Generation zu Generation übertragen werden könnten.</p>
<p style="text-align: justify">Trotz der Untersuchung der Auswirkungen auf die Gesundheit müssen Forscher in Kasachstan auch die Angst überwinden, die die Bewohner der Fallout-Zone befallen hat. Die Anwohner geben den Tests die Schuld für eine Vielzahl von Problemen. Das Bewusstsein furchtbaren Nachwirkungen ausgesetzt zu sein prägt die Familien, die auf die medizinische Versorgung der Regierung angewiesen sind. Modernste Gentechnik kann dabei helfen. „Das Testgelände war eine große Tragödie“, sagt heute Talgat Muldagalijew, stellvertretender Direktor des <a href="http://www.istc.int/en/institute/9725">Radiation Medicine and Ecology Research Institute in Semeij</a>, „aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben und diese untersuchen.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Tödliche Auswirkungen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Am 12. August 1953 spielte Valentina Nikontschik auf der Straße, als sie eine ohrenbetäubende Explosion hörte und dann ohnmächtig wurde. Sie erlebte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Joe_4">die erste Explosion einer Atomwaffe der zweiten Generation</a> &#8211; einer thermonuklearen Vorrichtung. Eine solche Bombe entspricht 400 Kilotonnen TNT, und somit mehr als der 25-fachen Kapazität einer Bombe, die auf Hiroshima abgeworfen wurde. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/1953_Soviet_nuclear_tests">Der Atomtest von 1953</a> gilt als der zerstörerischste Test an diesem Standort, was die Strahlenbelastung angeht.</p>
<p style="text-align: justify">Bis dahin hatte die sowjetische Armee in dieser Einrichtung bereits seit vier Jahren Tests durchgeführt. Die Armee warf Bomben aus Flugzeugen ab, um die Auswirkungen von Explosionen auf Gebäude, Brücken, Fahrzeuge und Vieh zu untersuchen. Aber sie waren sich entweder nicht bewusst oder waren gleichgültig gegenüber der Tatsache, dass die Winde, die in der Steppe wehen, die Strahlung in benachbarte Siedlungen tragen könnten.</p>
<p style="text-align: justify">1963 unterzeichneten Vertreter der Sowjetunion den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_%C3%BCber_das_Verbot_von_Kernwaffenversuchen_in_der_Atmosph%C3%A4re,_im_Weltraum_und_unter_Wasser">Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser</a>, der die Bodenerprobung beendete. Unterirdische Tests, die bis 1989 dauerten, trugen zu bestimmten Strahlenrisiken bei. Die Tests, die aber am Boden in den ersten 14 Jahren des Bestehens des Standorts, ausgeführt wurden, gelten als die gefährlichsten in Bezug auf die akute Strahlenbelastung. Die absorbierte Strahlendosis wird in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gray">Gray (Gy)</a> gemessen, und eine hohe Strahlendosis ab etwa 1 Gy reicht aus, um Zellen und Gewebe zu töten. Menschen, die einer höheren Dosis ausgesetzt waren, leiden oft unter Erbrechen, Durchfall oder Blutungen. Abhängig vom Grad der Bestrahlung und des Zelltods können Menschen innerhalb von Stunden oder Wochen, nachdem sie den Strahlen ausgesetzt waren, sterben.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/uberreste-der-sowjetischen-industrie-in-zentralasien/">Überreste der sowjetischen Industrie in Zentralasien</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Im August 1956 wurden mehr als 600 Einwohner der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96skemen">Stadt Ust-Kamenogorsk</a>, etwa 400 km östlich des Testgeländes, nach einem Bodentest in Semipalatinsk, mit extrem erhöhter Strahlung in ein Krankenhaus gebracht. Es gibt keine Aufzeichnung darüber, wie viele Menschen daran gestorben sind. Strahlung beeinflusst auch die Zellteilung, dies ist insbesondere bei der Entwicklung eines Fötus ein zu beachtender Faktor. Frauen in der Nähe des strahlenexponierten Ortes gebaren deutlich öfter Kinder mit genetischen Krankheiten, einschließlich des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Down-Syndrom">Down-Syndroms</a> und angeborener Fehlbildungen. Aber für einige mag sich der Effekt erst nach Jahren zeigen. Dies war bei Nikontschik der Fall. Jahre nach der Explosion entdeckte sie, dass sie Herz- und Schilddrüsenprobleme hatte. Sie und ihre Ärzte glauben, dass diese mit den Tests verbunden sind. „Als ich ein Kind war, dachten wir nicht darüber nach, wie dieses Ereignis unsere Gesundheit beeinflussen könnte“, sagte sie.</p>
<p><figure id="attachment_17764" aria-describedby="caption-attachment-17764" style="width: 1600px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-17764" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004.jpg" alt="Fabrik Semey Kasachstan Bild des tages" width="1600" height="1067" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004.jpg 1600w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/07/For-Novastan-Tien-Tran-004-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1600px) 100vw, 1600px" /><figcaption id="caption-attachment-17764" class="wp-caption-text">Schornsteine der Fabriken der Stadt Semey.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Nach den Versuchen vom August 1956, die unter den Bewohnern von Ust-Kamenogorsk zu Strahlenkrankheiten führten, richtete das sowjetische Militär eine geheime medizinische Station ein, um den Bedürftigen zu helfen. Diese Station war aber auch als Ort für die Sammlung medizinischer Daten über die strahlenexponierten Personen gedacht. Um dies jedoch zu verbergen, schuf die Armee die anti-Brucellose Gesundheitsfürsorgestelle Nr. 4, die die eigentlichen Gründe der Erkrankung der Patienten als eine angebliche bakterielle Krankheit maskierte, die von Nutztieren übertragen wird. Diejenigen, die einen Arzt aufsuchten, wurden untersucht, erhielten aber nie eine wahrheitsgemäße Diagnose.</p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 1991 schickten Moskauer Beamte einen Sonderausschuss in die Region, um eine Ambulanz zu eröffnen. Einige Datensätze wurden vernichtet. Andere Verschlussakten wurden an Moskau zurückgegeben. Auch heute noch wissen die Forscher nicht, was in diesen Aufzeichnungen stand. Das Gesundheitszentrum Nr. 4 wurde in das <a href="http://www.tuman-off.ru/">Forschungsinstitut für Strahlenmedizin und Ökologie (NIIRME)</a> umbenannt, das die restlichen klassifizierten Patientendaten übernahm. Zusätzlich zu den epidemiologischen Studien über die Auswirkungen von Strahlung auf die menschliche Gesundheit verfügt NIIRME über eine kleine Klinik für die Behandlung von Menschen, deren Familienangehörige von der radioaktiven Strahlung betroffen waren.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/fact/kasachstan-ist-auch-weltweit-einer-der-vorreiter-der-nuklearen-entwaffnung/"><strong>Kasachstan Uranproduzent</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Seit vielen Jahren sind diejenigen, die medizinische Hilfe von der Gesundheitsfürsorgestelle Nr. 4 oder der NIIRME in Anspruch nehmen, in das staatliche Ärzteverzeichnis eingetragen, das den Gesundheitszustand von Menschen überwacht, die Opfer der Strahlung wurden. Dort wurden Betroffene nach deren Generation und Strahlendosis gruppiert. Obwohl das Register nicht alle Opfer umfasste, zählte es mehr als 351.000 Menschen über drei Generationen von Opfern hinweg. Fast ein Drittel von ihnen starb, viele wanderten aus, oder das Institut verlor den Kontakt zu ihnen. Aber laut Muldagalijew stehen seit 1962 rund 10.000 Menschen unter ständiger medizinischer Überwachung. Forscher sehen das Register als eine wichtige und relativ unerforschte Ressource, die langfristig die noch unetdeckte Folgen der Strahlenbelastung aufdecken kann.</p>
<p style="text-align: justify">Ende der 90er Jahre reisten kasachische Forscher nach Beskaragai, einer Stadt am Rande einer stark bestrahlten Deponie. Sie nahmen Blutproben von 40 Familien, von denen jede über drei Generationen hinweg betroffen war und schickten sie an den Humangenetiker Juri Durbrow von der <a href="https://le.ac.uk/">Universität Leicester</a>. Juri Dubrow ist auf die Untersuchung des Einflusses von Umweltfaktoren auf Embryonen und DANN spezialisiert. Er war daran interessiert die Vererbung von Mutationen von einer Generation an die nächste zu erforschen.</p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 2002 berichteten Dubrow und seine Kollegen, dass die Keimbahnmutation bei denjenigen, die einer direkten Bestrahlung ausgesetzt waren, fast doppelt so hoch war wie bei der Kontrollgruppe. Die Auswirkungen setzten sich in den folgenden Generationen fort, die aber selbst nicht direkt von den Explosionen betroffen waren. Ihre Kinder hatten Keimbahnmutationen, die bis zu 50 Prozent höher waren als in der Kontrollgruppe. Dubrow glaubt, dass, wenn Forscher ein Mutationsmuster bei den Nachkommen exponierter Eltern etablieren, langfristige, intergenerationelle Gesundheitsrisiken antizipiert werden können. „Das ist die nächste Herausforderung. Wir glauben, dass Methoden wie die Sequenzierung der nächsten Generation uns echte Informationen über die Auswirkungen menschlicher Mutationen liefern können“, behauptet Dubrow.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das wichtigste zusammengefasst</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong>Als Zhanar Mukhamedzhanova 19 Jahre alt wurde, begann sie sich bei der Arbeit schwach zu fühlen. Es kam ihr seltsam vor, denn ihre Arbeit war nicht arbeitsintensiv. Daraufhin wurde sie in der Regionalklinik in Semei untersucht. Ihr Blutdruck war über 160, was für medizinische Verhältnisse ziemlich hoch ist. Obwohl Mukhamedzhanowa den größten Teil ihres Erwachsenenlebens in der Stadt verbrachte, hat sie ihre ersten Lebensjahre im Bezirk Abai verbracht, der von einem der größten und belastetsten Atomtests betroffen war.</p>
<p style="text-align: justify">Ihre beiden Eltern waren Zeugen der Atomtests: Ihr Vater starb mit 41 Jahren an einem Schlaganfall und ihre Mutter mit 70 Jahren an einer Herzerkrankung. Die ältere Schwester hat hohen Blutdruck und ihre jüngere Schwester hat eine Herzinsuffizienz.</p>
<p style="text-align: justify">Im vergangenen November entdeckten Ljudmila Piwina und ihre Kollegen von der <a href="https://semeymedicaluniversity.kz/en">Staatlichen Medizinischen Universität Semei</a>, dass eine anhaltende niedrig dosierte Strahlenbelastung zu Herz-Kreislauf-Problemen führen kann, wie zum Beispiel zu Bluthochdruck. Sie analysierten den Gesundheitszustand von etwa 1.800 Menschen, darunter Überlebende von Atomtests der zweiten und dritten Generation. Als sie sich auf Menschen konzentrierten, deren Eltern zwischen 1949 und 1989 in exponierten Gebieten lebten, fanden sie heraus, dass das Risiko von Bluthochdruck mit der Menge der Strahlung, die sie erlitten, zunahm.</p>
<p><figure id="attachment_17298" aria-describedby="caption-attachment-17298" style="width: 1500px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-17298" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008.jpg" alt="Semei Kasachstan Semipalatinsk Winter" width="1500" height="1000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008.jpg 1500w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/06/Novastan-008-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1500px) 100vw, 1500px" /><figcaption id="caption-attachment-17298" class="wp-caption-text">Eine Frau läuft durch die Straßen von Semei in Kasachstan.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Bei einer längeren niedrigen Bestrahlungsdosis häufen die Zellen Mutationen an, weil sie ständig versuchen, die durch ihre DNA verursachten Schäden zu reparieren. Der ehemalige Strahlenepidemiologe Bernd Groscher stellt fest, dass es wichtig sei, die Bevölkerung, die verschiedenen Arten von Strahlung ausgesetzt wurde, zu untersuchen, um das Ausmaß der Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit vollständig zu erforschen. Wenn es in Kasachstan ein Register gäbe, wäre es ein großer Fehler, dieses nicht zu analysieren, sagte Grosche.</p>
<p style="text-align: justify">Kari Kitachara, Epidemiologin an der Krebsabteilung des <a href="https://www.uicc.org/membership/kazakh-institute-oncology-and-radiology">nationalen Krebsinstituts</a>, untersucht die Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit von medizinischen Strahlungstechnikern, die besser in der Lage sind, die Strahlenbelastung zu überwachen. Andere untersuchen die gesundheitlichen Auswirkungen auf Arbeiter, die Uran abbauen oder im Bereich der Atomkraft tätig sind, da diese seit langem einer niedrigen Strahlendosis ausgesetzt sind.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistans-erstes-atomkraftwerk-soll-zwei-zusaetzliche-reaktoren-bekommen/">Usbekistans erstes Atomkraftwerk soll zwei zusätzliche Reaktoren bekommen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine der größten Herausforderungen bei der Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen von radioaktiver Strahlung ist, dass es oft schwierig ist, ein bestimmtes Problem allein durch Strahlung zu erklären, sagt Julia Semenowa, ebenfalls Forscherin an der Staatlichen Medizinischen Universität von Semei. Sie untersucht insbesondere die Auswirkungen von facettenreichen Tests auf die Entstehung von Krebs. Da Krebs und Bluthochdruck häufige Krankheiten sind, können Gruppenstudien helfen, herauszufinden, welche Faktoren zu ihrer Entwicklung beitragen können. Semenowa und ihre Kollegen planen, das Register für epidemiologische Studien zu nutzen, um den Zusammenhang zwischen Strahlung und Krankheit besser zu verstehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Forscher, die die Bevölkerung der Teststandorte untersuchen, wissen jedoch noch nicht genau, inwieweit langfristige und geringe Strahlung die menschliche Gesundheit beeinträchtigen können. Umso mehr Zeit vergeht, desto schwieriger ist es, die Auswirkungen von Strahlung von anderen Umweltfaktoren zu trennen. „Jede Katastrophe hat einen Anfang und ein Ende“, sagte Muldagalijew, „aber im Falle von Strahlung ist dieses Ende unbekannt.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong><strong>Unsichtbares Erbe</strong></p>
<p style="text-align: justify">Fröhliche Autoreifenskulpturen begrüßen die Besucher des zweistöckigen Kinderheims, das in einem Wohnstadtteil von Semei versteckt liegt. Im zweiten Stock befinden sich Räume mit creme- und orangefarbenen Wänden, die „Sonnenzimmer“ genannt werden. Im Inneren rollt sich ein dreijähriger Junge namens Arthur auf dem Boden und setzt sich langsam auf einen Stuhl &#8211; er hatte schon drei korrigierende Operationen, die es ihm ermöglichten wieder zu laufen. Sein älterer Bruder, geboren mit Hydrozephalie (ein Überschuss an Flüssigkeit in seinem Gehirn, der seinen Kopf vergrößert), wohnte lange Zeit im selben Waisenhaus, wurde aber inzwischen verlegt. In einer Wiege liegt die zweijährige Maria, die weder laufen, krabbern oder sitzen kann. Sie erstickt fast, wenn sie weint. Die Pflegerinnen wissen nicht genau, was mit ihr los ist und ob sie bis ins Erwachsenenalter überleben wird.</p>
<p style="text-align: justify">Kinder mit Behinderungen, die diese Einrichtung und andere Einrichtungen in der Region durchlaufen haben, sind ein klares Erbe des Atomwaffentestgeländes. Laut Raikhan Smagulow, einem Lehrer im Waisenhaus, sind viele der acht Kinder, die im November im „Sonnenzimmer“ waren, in verstrahlten Dörfern aufgewachsen. Einige Ärzte empfahlen sogar, dass strahlenexponierte Erwachsene darauf verzichten sollten, Kinder zu gebären. Es gibt jedoch wenig Beweise und viele Diskussionen darüber, ob die Strahlenbelastung in der Vergangenheit zur Entwicklung angeborener schwerer Krankheiten beigetragen hat. Diese Frage, wie viele andere Fragen, versucht die Forschung zu ergründen, aber es wird nach wie vor schwer sein, diese zu beantworten, sagt Muldagalijew.</p>
<p style="text-align: justify">Für viele Menschen in der Region sind diese Folgen wahrscheinlich weniger sichtbar als bei angeborenen Behinderungen. Aber sie können heimtückischer und beunruhigender sein.</p>
<p style="text-align: justify">Anstatt dafür bekannt zu sein, dass die Stadt der Geburtsort einiger berühmter kasachischer Dichter und Künstler war, ist Semei nun vor allem für seine dunkle Vergangenheit bekannt. „Die Stadt ist gebrandmarkt“, sagt Simbat Abdykarimowa, Neurologin im Waisenhaus. „Wir wollen stolz auf unsere Stadt sein, da wir hier leben, aber viele internationale Journalisten kommen nur hierher um über das Testgelände zu berichten. Wir versuchen zu vermeiden, dass wir nur dafür bekannt sind.“</p>
<p style="text-align: right"><strong>Zarina Muchametalijewa für </strong><a href="https://the-steppe.com/gorod/semipalatinskiy-poligon-yadernoe-eho-sssr-v-kazahstane?fbclid=IwAR1ZAgsu_p2bzCwDTZBvInjPA-m_DCk4G8zzt2qnkMe5K-wvfSj80mn-4sc"><strong>The Steppe<br />
</strong></a><br />
<strong>Aus dem Russischen von Svenja Petersen</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Semei</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Jun 2019 03:47:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Frau l&#xE4;uft durch die Stra&#xDF;envon Semei in Kasachstan. Foto:&#xA0;Tien Tran&#xA0;(Frankreich) Mehr Bilder aus der Reihe findet ihr&#xA0;hier. Hier&#xA0;geht&#x2019;s zu mehr Bildern des Tages.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Frau läuft durch die Straßenvon <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semei</a> in Kasachstan.</p>
<p><strong>Foto: <a href="https://www.tien-tran.com/">Tien Tran</a> (Frankreich)</strong></p>
<p>Mehr Bilder aus der Reihe findet ihr <a href="https://novastan.org/de/author/ttran/">hier</a>.</p>
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