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	<title>Sankt Petersburg Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Sankt Petersburg Archives</title>
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		<title>Russland: Zentralasiatische Migranten als Prügelknaben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[lgubasheva]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 May 2017 18:00:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Anschlag , der am 3. April Sankt Petersburg ersch&#xFC;tterte, stehen viele zentralasiatische Arbeitsmigranten in Rusland unter Generalverdacht. Die Autorin und Journalistin Elisaweta Alexandrowa-Sorina hat einen Aufruf zu mehr Toleranz geschrieben. Das russische Original des Artikels erschien bei mk.ru und wurde auf der kirgisischen Nachrichtenplattform Yntymak.kg &#xFC;bernommen. Bis zum heutigen Tage hat keine terroristische [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong><em>Nach dem Anschlag , der am 3. April Sankt Petersburg erschütterte, stehen viele zentralasiatische Arbeitsmigranten in Rusland unter Generalverdacht. Die Autorin und Journalistin Elisaweta Alexandrowa-Sorina hat einen Aufruf zu mehr Toleranz geschrieben. Das russische Original des Artikels erschien bei <a href="http://www.mk.ru/social/2017/04/07/migranty-dlya-bitya.html">mk.ru</a> und wurde auf der kirgisischen Nachrichtenplattform <a href="http://yntymak.kg/ru/migranty-dlya-bitya-lyudi-boyatsya-i-ot-straha-nachinayut-nenavidet/">Yntymak.kg</a> übernommen.</em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Bis zum heutigen Tage hat keine terroristische Organisation sich für den <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/vier-fragen-zum-anschlag-in-sankt-petersburg/">Terroranschlag</a> in Sankt-Petersburg verantwortlich erklärt. Die Täter werden aber systematisch <a href="https://www.nzz.ch/international/terrorismus-in-russland-viele-terrorverdaechtige-und-wenige-beweise-ld.1292816">unter Migranten gesucht</a>. In den Augen der Gesellschaft gelten sie als Schuldig, solang sie nicht das Gegenteil bewiesen haben. Schon am Folgetag des Anschlags wurden vorschnell vermeintliche Täter gefunden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Vorschnelle Verdächtige</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der erste „Terrorist“, den die Medien entdeckten, war ein bärtiger Mann in schwarzer Kleidung. Sofort konnte man alles Mögliche zu seiner Herkunft lesen. Dann erschien er aber plötzlich selbst bei der Polizei und der Verdacht stellte sich als unbegründet heraus. Interessant ist vor allem, was danach passierte: Zuerst konnte er nicht nach Ufa fliegen, weil andere Fluggäste ihn nicht an Bord haben wollten. Dann erfuhr er, dass er wegen eines Antrags des regionalen Ermittlungsausschusses seinen Job verloren hatte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/vier-fragen-zum-anschlag-in-sankt-petersburg/">Vier Fragen zum Anschlag in Sankt-Petersburg</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Danach verdächtigte man einen Studenten aus Kasachstan, der selbst beim Anschlag ums Leben gekommen war. Auch der Verdacht wurde widerlegt, in der Zwischenzeit waren aber bereits hunderte Artikel über den kasachischen „Terroristen“ erschienen. Die Botschaft ist klar: Migrant bedeutet Terrorist.</p>
<p style="text-align: justify">Schließlich trat der dritte Selbstmordattantäter in Erscheinung. Über Akbarschon Dschalilow wusste man erst mal nur, dass er 22 Jahre alt war, russischer Staatsbürger war, ursprünglich aus Kirgistan kam und als Koch und Automechaniker gearbeitet hatte. Dazu häuften sich Gerüchte, Nachreden und Mutmaßungen.</p>
<p style="text-align: justify">Dschalilow wurde ohne jede Untersuchung von der Öffentlichkeit verurteilt und schuldig gesprochen. Laut dem Prinzip der Unschuldsvermutung muss der Angeklagte solange als unschuldig angesehen werden, bis seine Schuld in einem öffentlichen gesetzesgemäßen Verfahren nachgewiesen ist. Dschalilow hat man aber nach dem Tod schnell gehetzt, weil er asiatisch aussieht und gut in das Bild eines potentiellen Terroristen passt.</p>
<p style="text-align: justify">Es spielte keine Rolle, dass er russischer Staatsbürger war. Im gesellschaftlichen Bewusstsein sind Menschen aus Zentralasien immer nur Migranten (dafür gehört aber <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/filmstar-gerard-depardieu-von-putin-zum-russen-ernannt-a-875537.html">Gérard Depardieu</a> zu uns).</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Migranten als Sündenböcke</strong></p>
<p style="text-align: justify">Jedes zerrüttete Land benötigt ständig einen Sündenbock, dem man alle Probleme zuschreiben kann. Heute sind unsere Mitbürger wie nie zuvor einer fremdenfeindlichen Stimmung ausgesetzt. Es gibt externe Feinde: Ukrainer oder Amerikaner, die man für globale Misserfolge verantwortlich machen kann. Und es gibt innere Feinde, nämlich Migranten, die für die hohe Kriminalität, die niedrigen Löhne, die hohen Preise, das schlechte Wetter und das unglückliche Privatleben herhalten müssen.</p>
<p style="text-align: justify">Dabei wird der überwiegende Teil der Morde von einheimischen Bürgern begangen. Meistens in den Haushalten, nach Saufereien, Streitigkeiten und Messerstechereien. In Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan ist die Mordrate hingegen zwei- bis dreimal niedriger. Und Migranten sind für weniger als 5% der Kriminaltaten in Russland verantwortlich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/auf-der-flucht-kirgisische-gastarbeiter-in-russland/">Auf der Flucht &#8211; Kirgisische Gastarbeiter in Russland</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Doch die altansässigen Russländer empören sich über die große Anzahl an Migrantenkindern in den Schulen. Sie wollen, dass diese Kinder sich integrieren und russifizieren, aber ohne russische Schulen, Kindergarten und gar Spielplätze zu besuchen. Kindern, deren Eltern keine Registrierung in Russland haben, wird die Ausbildung verweigert. Tatsächlich ist die Bildungslage in Russland katastrophal: Der Bereich macht <a href="http://data.uis.unesco.org/?queryid=181">3,8% (2012) des Haushalts aus</a>, damit liegt Russland weltweit irgendwo zwischen Sierra-Leone und Tadschikistan. Es ist komisch, den illegalen Migranten die Schuld dafür zu geben, denn sie sind an der Haushaltsführung nicht beteiligt.</p>
<figure id="attachment_8923" aria-describedby="caption-attachment-8923" style="width: 1000px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-8923 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg" alt="Russland Arbeitsmigranten Arbeiter Tadschikistan" width="1000" height="667" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o.jpg 1000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/2859819222_f1cd24bbfe_o-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-8923" class="wp-caption-text">Ein Arbeiter aus Tadschikistan in Russland</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Viele Russländer meinen, die Migranten sollten nicht „auf Kosten der Steuerzahler“ in ihren Krankenhäusern behandelt werden. Sie stören sich nicht an Geschichten wie der einer Frau aus Usbekistan, die ihr Kind vor dem Eingang einer Geburtsstation zur Welt brachte, weil sie nicht hinein gelassen wurde. Oder die Geschichte eines Herzinfarktkranken aus Zentralasien, der aus dem Krankenhaus geworfen wurde, damit er &#8211; Gott beware &#8211;  nicht dort stirbt.</p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 1990 gab es in der russischen Sowjetrepublik 12.800 Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen, heute sind es nur noch 5400. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Betten in den Entbindungsstationen von 122 700 auf 69 400 gesunken. Die Wut richtet sich aber gegen die Migranten, die meistens nur um erste medizinische Hilfe oder einfache Operationen bitten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Musterkinder gegen die Vorurteile  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich kenne eine Familie aus Tadschikistan, die in Sankt-Petersburg arbeitet. Akmal arbeitet auf einem Gemüsemarkt, Ferusa als Frisörin. Sie haben drei kleine Kinder und wohnen in einer Mietwohnung in einem Neubau in Kuptschino. Sie lassen ihre Kinder nicht zuhause spielen, um die Nachbarn nicht zu ärgern. Die Nachbarskinder können aber ruhig laut stampfen und kreischen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-tadschiken-aussatzige-in-russland/">Die Tadschiken, Aussätzige in Russland</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Der ältere Sohn geht in die erste Klasse. Seine Russischkenntnisse sind ausgezeichnet und er kann akzentfrei sprechen, aber die Lehrerin und die anderen Kinder nennen ihn „den dummen Tadschiken“. Um den beleidigenden Spitznamen loszuwerden verbringt er seine ganze Zeit hinter Büchern und gehört zu den besten seiner Klasse. Wegen dem ständigen Pauken und Mobbing hat er starke Kopfschmerzen, wogegen der Arzt ihm Tebletten verschrieben hat.</p>
<p style="text-align: justify">Er kann Gedichte von russischen Dichtern aufsagen, die man erst in den höheren Klassen lernt, aber die Lehrerin lässt ihn nicht mit den anderen Kindern auf den Schulfesten auftreten. Der Vater schenkt der Lehrerin immer wieder Früchtedosen. Sie nimmt sie zwar gerne an, aber ihr Verhalten gegenüber dem „dummen Tadschiken“ ändert sie nicht.</p>
<p style="text-align: justify">Ferusa trägt ein Kopftuch, Akmal einen Bart und einen tadschikischen Hut. Sie sind die misstraulichen Blicke schon gewohnt. Sie wollen ihre Traditionen einhalten, aber auch sein, wie alle anderen. Dafür müssen sie besser als alle anderen sein. Ihre zweijährige Tochter, die kaum gehen kann, ist auch schon getrimmt: Sie weiss fast alle Länderhauptstädte. Dabei hat sie wie jedes andere zweijährige Kind eigentlich keine Ahnung von Ländern oder Hauptstädten. Dafür können ihre Eltern allen überraschten Gästen ihr Töchterchen vorzeigen und beweisen, dass sie keine „dummen Tadschiken“ sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Migranten unter Generalverdacht</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Terroranschlag in Sankt-Petersburg scheuen sich die Leute vor dunkelhaarigen Frauen in Kopftüchern und fliehen aus der U-Bahn, wenn ihnen ein bärtiger Muslime begegnet. So war es auch in Moskau nach <a href="http://www.zeit.de/2010/14/Terror-Moskau">den Terroranschlägen</a> im März 2010. Jeder Mensch aus Zentralasien oder dem Kaukasus wird als potentieller Selbstmordattentäter wahrgenommen.</p>
<p style="text-align: justify">Akmal und Ferusa fürchten sich, öfter als nötig draußen zu sein. Wenn sie zur Arbeit gehen, nehmen sie kleine Gassen, um niemandem ins Auge zu fallen. Sie haben nichts verbrochen, wissen aber,  wie schnell sie zum Sündenbock werden können. Bei der Versammlung ihrer Diaspora wurde ihnen sanft nahegelegt, sie sollen nicht auffällig sein, auch wenn mit ihren Unterlagen alles in Ordnung ist.</p>
<p style="text-align: justify">Der Straßenfeger und sein Sohn, die unsere Straße und den Boden am Hauseingang reinigen, wohnen im Keller neben dem Müllschacht. Frisörinnen in einem Frisörsalon, der übrigens einem ihrer Landsmann gehört, wohnen in einer Garage. Im <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/staatstrauer-in-kirgistan-moskauer-feuer-ttet-14-kirgisische-gastarbeiter/">August letzten Jahres</a> starben 14 Migranten aus Kirgistan bei einem Feuer in einer Druckerei. Sie erstickten im Schlaf. Die Opfer übernachteten an ihrer Arbeitsstelle.</p>
<p style="text-align: justify">
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/staatstrauer-in-kirgistan-moskauer-feuer-ttet-14-kirgisische-gastarbeiter/">Staatstrauer in Kirgistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">In einem „elitären Bezirk“ in Moskau, in dem Wohnungen hunderte Millionen kosten, nisten sich Asiaten im Keller ein. Und sie können froh sein, wenn keiner von dort vertreibt. Das sind alles typische Geschichten von Arbeitsmigranten in Moskau. Die verängstigten Menschen, die man hier für sprechende Arbeitsgeräte hält, erschrecken uns.  Aber vielmehr sind sie selbst von uns erschrocken.</p>
<p style="text-align: justify">Nach den Terroranschlägen werden Migranten zunehmend beobachtet. Nicht nur von Polizisten, sondern auch von besorgten Bürgern. Sie haben Angst und fangen an zu hassen. Die <a href="https://themoscowtimes.com/news/st-petersburg-man-burns-down-village-he-believes-is-jihadi-hideout-57658">Geschichte</a> eines Petersburgers, der kurz nach dem Anschlag auf der Suche nach „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mudschahed">Mudschaheddin</a>“ ein ganzes Dorf verbrannt hat, ist vielleicht nur der Anfang einer großen Welle der Migranten-Phobie.</p>
<p style="text-align: justify">Die Geschichte kennt viele Beispiele, in der wir uns an nationalen Minderheiten ausgelassen haben. Vor genau 100 Jahren gab es in Petrograd (früherer Name von Sankt Petersburg, Anm. d. Red.)  eine Massenhysterie wegen eines Komplotts von Kaukasiern.</p>
<p style="text-align: justify">Alles begann damit, dass die Nachbarn eines Tschetschenen, der kein Russisch konnte, ihn bei der Polizei meldeten. Er schien ihnen verdächtig, weil er morgens früh aufstand und irgendwohin ging. Polizisten kamen zu diesem Mann und die Klatschpresse schrieb gleich, bei der Hausdurchsuchung seien eine Bombe, ein Maschinengewehr und viele Patronen gefunden wurden. Ob es stimmte, wird keiner je erfahren. Bekannt ist nur das traurige Schicksal dieses Tschetschenen und vieler anderen Kaukasier, die damals der wütenden Menschenmenge vor die Flinte kamen.</p>
<p style="text-align: justify">Genauso traurig wie die Schicksale der Migranten, die heute der Menge vor die Flinte kommen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Elisaweta Alexandrowa-Sorina<br />
<a href="http://www.mk.ru/social/2017/04/07/migranty-dlya-bitya.html">mk.ru</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Liliya Gubaschewa</strong></p>
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			</item>
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		<title>Vier Fragen zum Anschlag in Sankt Petersburg</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/vier-fragen-zum-anschlag-in-sankt-petersburg/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Apr 2017 16:12:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Anschlag]]></category>
		<category><![CDATA[Osch]]></category>
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		<category><![CDATA[Sankt Petersburg]]></category>
		<category><![CDATA[Sicherheit]]></category>
		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>F&#xFC;nf Tage nach der Explosion in einer U-Bahn in Sankt-Petersburg gibt es noch keine klaren Hinweise zum Hintergrund des Anschlags. Es hat sich noch keine Organisation zur Tat bekannt. Dennoch dreht sich die Berichterstattung fast ausschlie&#xDF;lich um den &#x201E;islamischen Extremismus aus Zentralasien&#x201C;. Am 3. April traf eine Explosion die U-Bahn in Sankt-Petersburg. Wie sich herausstellte, [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong><em>Fünf Tage nach der Explosion in einer U-Bahn in Sankt-Petersburg gibt es noch keine klaren Hinweise zum Hintergrund des Anschlags. Es hat sich noch keine Organisation zur Tat bekannt. Dennoch dreht sich die Berichterstattung fast ausschließlich um den „islamischen Extremismus aus Zentralasien“. </em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Am 3. April traf eine Explosion die U-Bahn in Sankt-Petersburg. Wie sich herausstellte, explodierte eine Bombe aus dem Rucksack von <a href="http://zanoza.kg/doc/355174_gknb:_vzryv_v_piterskom_metro_sovershil_yrojenec_kyrgyzstana.html">Akbardschon Dschalilow</a>, einem in Osch (Kirgistan) geborenen russischen Staatsbürger.</p>
<p style="text-align: justify">Bisher hat sich noch keine Organisation zu dem Anschlag bekannt, der 14 Menschen das Leben gekostet hat und 49 verletzt hat. Der Anschlag hat Zentralasien plötzlich ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gebracht. Wir bieten einen Überblick über die Tat und den Hintergrund des vermeintlichen Täters.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was ist passiert? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach Informationen der Nachrichtenwebseite <a href="https://meduza.io/feature/2017/04/04/terakt-v-peterburge-kto-ispolnitel-i-kakie-est-versii">Meduza.io</a>, geschah die Explosion gegen 14 Uhr 40 Ortszeit zwischen den U-Bahnstationen Sennajaplatz und Technologisches Institut.</p>
<p style="text-align: justify">Nach aktuellen Angaben hat der Anschlag 14 Menschen das Leben gekostet, von denen drei an den Folgen ihrer Verletzungen im Krankenhaus starben, 49 Menschen wurden verletzt, manche davon schwer. Unter den Opfern sind drei zentralasiatische Staatsbürger, aus <a href="http://ru.sputnik-tj.com/russia/20170404/1021999756/tadzhikistanets-postradal-vzryv-metro-peterburg.html">Tadschikistan</a>, <a href="http://uz24.uz/society/grazhdanin-uzbekistana-postradal-pri-terakte-v-peterburge">Usbekistan</a> und <a href="http://rus.azattyq.org/a/28409783.html">Kasachstan</a>. Der Kasachstani Maksim Aryschew war zwischenzeitlich verdächtigt worden, den Anschlag verursacht zu haben, was aber kurze Zeit später wiederlegt wurde.</p>
<p style="text-align: justify">Die Explosion ereignete sich, während eines Aufenthaltes des russischen Staatschefs Wladimir Putin in der Stadt. Sie wurde schnell als Terroranschlag bezeichnet. Eine zweite Bombe wurde in der U-Bahnstation Wosstanija-Platz gefunden und von den Behörden entschärft. Laut der russischen Tageszeitung <a href="http://www.kommersant.ru/doc/3261247">Kommersant</a> hatte der russische Geheimdienst im Voraus Informationen über einen drohenden Angriff, die allerdings zu vage waren. Durch Sperrung aller verdächtiger Sim-Karten konnte ein zweiter Anschlag vermutlich verhindert werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wer ist Akbarschon Dschalilow, der vermeintliche Terrorist? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Bereits früh am 4. April <a href="http://zanoza.kg/doc/355174_gknb:_vzryv_v_piterskom_metro_sovershil_yrojenec_kyrgyzstana.html">erklärte</a> der kirgisische Geheimdienst GKNB, bei dem Attentäter handele sich um Akbarschon Dschalilow, einen 22-jährigen russischen Staatsbürger, der in Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, geboren wurde. Auch Dschalilows Eltern haben die russische Staatsbürgerschaft. Die russischen Ermittler <a href="http://www.interfax.ru/russia/556848">bestätigten</a> die Information erst gegen Abend desselben Tages.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ermittlungen ergaben, dass Dschalilow bei der Explosion ums Leben gekommen ist. Seine DNA wurde auch auf der Tasche mit der zweiten Bombe gefunden. Dabei ist noch <a href="http://zanoza.kg/doc/355343_peterbyrgskogo_smertnika_mogli_sdelat_jivoy_bomboy_bez_ego_vedoma.html">unklar</a>, ob er die Bombe selbst gezündet hat oder sie aus der Distanz aktiviert wurde.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-konfrontiert-mit-einem-dilemma/">Kirgistan &#8211; konfrontiert mit einem Dilemma</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Dschalilows Nationalität, Herkunftsland und Staatsbürgerschaft wurden in der Berichterstattung oft verwechselt. Wie in der gesamten ehemaligen Sowjetunion wird in Kirgistan zwischen der Nationalität, also Abstammung einer Person, und ihrer Staatsbürgerschaft unterschieden. Viele Menschen definieren sich eher über ihre Nationalität als über ihre Staatsbürgerschaft.</p>
<p style="text-align: justify">Dschalilow kam aus der kigisischen Stadt Osch, war usbekischer Nationalität und besaß die russische Staatsbürgerschaft. Seinen russischen Pass <a href="http://www.currenttime.tv/a/28409701.html">erhielt er mit 16</a> auf Antrag seines Vaters beim russischen Konsulat in Osch. Nach Angaben der kirgisischen Behörden hat er nie einen kirgisischen Pass besessen.</p>
<figure id="attachment_8558" aria-describedby="caption-attachment-8558" style="width: 900px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-8558" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/5082151796_fdb6bb17b4_b.jpg" alt="Osch Kirgistan" width="900" height="675" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/5082151796_fdb6bb17b4_b.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/5082151796_fdb6bb17b4_b-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/5082151796_fdb6bb17b4_b-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/5082151796_fdb6bb17b4_b-800x600.jpg 800w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption id="caption-attachment-8558" class="wp-caption-text">Dschalilows Herkunftsort Osch im Süden Kirgistans</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 2011, folgte Dschalilow seinem Vater nach Russland, während seine Mutter und seine jüngere Schwester weiter in Osch lebten. Er arbeitete dort laut verschiedenen Medien erst in einem <a href="http://www.rferl.org/a/russia-petersburg-attack-suspect-jalilov/28410654.html">Suschi-Restaurant</a> und half zuletzt in einer <a href="http://www.currenttime.tv/a/28409701.html">Autoreparatur</a> aus. Womöglich zog er als Folge des Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken, der Osch im Juni 2010 erschütterte, nach Russland. Dschalilow Vater kehrte schließlich nach Osch zurück. Laut Angaben seiner Eltern, war Dschalilow zuletzt Ende Februar diesen Jahres zu Besuch in seiner Heimat.</p>
<p style="text-align: justify">Ehemalige Nachbarn und seine Klassenlehrerin <a href="http://rus.azattyk.org/a/russia_expoision_djalilov/28413533.html">beschreiben ihn</a> als einen sanften Jungen und einen „normalen Typen“. Auch seinen ehemaligen Mitarbeitern ist er nicht als sonderlich religiös <a href="http://www.rferl.org/a/russia-petersburg-attack-suspect-jalilov/28410654.html">aufgefallen</a>. Auf seinem Profil beim russischen sozialen Netzwerk Odnoklassniki folgte er lediglich zwei moderaten muslimischen Organisationen.</p>
<p style="text-align: justify">Einigen <a href="http://www.reuters.com/article/us-russia-bomb-metro-idUSKBN17A0RI?utm_campaign=trueAnthem:+Trending+Content&amp;utm_content=58e981b604d3017dbf6c6605&amp;utm_medium=trueAnthem&amp;utm_source=twitter">Medienberichten</a> zufolge verschwand Dschalilow für eine gewisse Zeit, nachdem er 2015 seine Arbeit im Suschi-Restaurant gekündigt hatte. Zu der Zeit könne er sich möglicherweise radikalisiert haben. Anderen Berichten zufolge soll er im Februar von Extremisten in Osch <a href="https://www.nzz.ch/international/terror-in-russland-die-islamistische-spur-fuehrt-nach-zentralasien-ld.155419">angeworben</a> worden sein.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wo stehen die Ermittlungen? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Bereits am 4. April wurden Dschalilows Verwandte in Osch vom kirgisischen Geheimdienst befragt. Am 5. April wurde seine petersburger Wohnung von den russischen Ermittlern durchsucht.</p>
<p style="text-align: justify">Das Ermittlungskomitee kündigte ebenfalls die <a href="https://kloop.kg/blog/2017/04/07/sledstvennyj-komitet-zaderzhany-vosem-podozrevaemyh-v-prichastnosti-k-teraktu-v-peterburge/">Festnahme</a> von acht zentralasiatischen Staatsbürgern an, die verdächtigt werden, in Verbindung mit dem Attentat zu stehen. Nach Angaben des Ermittlungskomitees hätten die Verdächtigen versucht, Menschen aus Zentralasien „für die durchführung terroristischer Straftaten“ zu anzuwerben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/der-is-in-zentralasien-ein-gerucht/"><strong>Der IS in Zentralasien – ein Mythos ?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Am 6. April wurde außerdem eine Bombe in einer Wohnung in einem Vorort von Sankt-Petersburg entschärft, wie <a href="https://meduza.io/news/2017/04/06/v-peterburge-obezvrezhena-bomba-v-zhilom-dome?utm_source=website&amp;utm_medium=push&amp;utm_campaign=breaking">Meduza.io</a> berichtet. Die Wohnung wurde laut Quellen von <a href="http://www.reuters.com/article/us-russia-bomb-metro-idUSKBN17A0RI?utm_campaign=trueAnthem:+Trending+Content&amp;utm_content=58e981b604d3017dbf6c6605&amp;utm_medium=trueAnthem&amp;utm_source=twitter">Reuters</a> als erste Etappe für Arbeitsmigranten aus Osch genutzt. Die Insassen wurden alle festgenommen wurden. Ob eine Verbindung zu dem Anschlag am 3. April besteht, ist allerdings noch unklar.</p>
<p style="text-align: justify">Einem Bericht von <a href="https://kloop.kg/blog/2017/04/07/terakt-v-peterburge-nesovershennoletnego-brata-akbarzhona-zhalilova-doprashivali-neskolko-dnej-podryad/">Kloop.kg</a> zufolge, wurde Dschalilows minderjähriger Bruder Achror drei Tage in Folge in Osch von den kirgisischen Sicherheitskräften befragt. So lange, dass sich seine Verwandten um seine Gesundheit sorgen mussten. Auch von kirgisischer Seite sind noch keine Ermittlungsergebnisse bekannt.</p>
<p style="text-align: justify">Angesichts der dünnen Beweislage scheint es verfrüht, den Anschlag mit einem „zentralasiatischen Islamismus“ in Verbindung zu bringen, wie es momentan in vielen Medien getan wird. Die Ermittler konnten noch keine eindeutige Verbindung zu islamistischen Organisationen im Nahen Osten oder in Kirgistan feststellen. Wie Farangis Najibullah von <a href="http://thediplomat.com/2017/04/challenging-the-central-asian-migrant-myth-separation-and-radicalization/">RFE/RL bestätigt</a>, „<em>[gibt es] noch keinen öffentlichen Hinweis darauf, dass der Anschlag etwas mit religiösem Fundamentalismus zu tun habe</em>“. Die verbreiteten Annahmen, dass zentralasiatische Arbeitsmigrante besonders Empfänglich für religiösen Extremismus seien, werden außerdem von Zentralasienvorschern immer wieder wiederlegt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie war die Reaktion in Kirgistan? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Kirgisische Nutzer sozialer Medien konnten im Laufe des 4. Aprils den Lauf der Ermittlungen verfolgen, während sich der Verdacht auf Dschalilow bestätigte. Der politische Aktivist Edil Bajsalow kritisierte die frühe Ankündigung des GKNB <a href="https://twitter.com/baisalov/status/849440629394374657">bei Twitter</a>: „<em>wegen des Unprofessionalismuses des GKNB hat das Image von Kirgistan gestern einen unverhältnismäßig großen Schaden erlitten</em>“, schrieb er am 5. April.</p>
<figure id="attachment_8577" aria-describedby="caption-attachment-8577" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-large wp-image-8577" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-1024x768.jpg" alt="Botschaft Russland Kirgistan" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-800x600.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS-1300x975.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/Image-uploaded-from-iOS.jpg 1500w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-8577" class="wp-caption-text">&#8222;Piter (Sankt-Petersburg), wir sind bei dir&#8220; &#8211; vor der russischen Botschaft in Bischkek wurden Blumen abgelegt.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">In einem weiteren, mehrmals geteiltem <a href="https://twitter.com/baisalov/status/849207003855683586">Tweet</a>, einem Kommentar von Ivar Dale vom Norwegischen Helsinki Komitee: „<em>Sogar CNN hat ihn [Dschalilow] einen ‚kirgisischen staatsbürger‘ genannt. Hätte er eine olympische Medaille gewonnen, wäre er Russe. Hierfür ist er Kirgise. Für die Kirgisen ist er Usbeke. Für die Usbeken&#8230; wenigstens ein kirgistanischer Usbeke.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Im kirgisischen Parlament wurde am 6. April indes die Sicherheit der kirgisischen Staatsbürger in Russland <a href="http://zanoza.kg/doc/355333_v_parlamente_podniali_vopros_bezopasnosti_migrantov_posle_terakta_v_pitere.html">angesprochen</a>. Nach dem Anschlag werden Kirgisen in Russland verstärt kontrolliert und fürchten sich teilweise, arbeiten zu gehen, wie der Vorsitzende der kirgisischen Diaspora in Russland dem Internetportal zanoza.kg <a href="http://zanoza.kg/doc/355247_posledstviia_terakta._kyrgyzstancev_stali_chashe_proveriat_na_ylicah_i_v_metro.html">berichtete</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Der Fokus auf Zentralasien scheint in der Hinsicht für die russischen Behörden vor allem ein willkommener Weg zu sein, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Die Redaktion von Novastan</strong></p>
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