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	<title>Repressionen Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Thu, 26 Oct 2023 13:23:06 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Repressionen Archives</title>
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		<title>Repression in der Sowjetunion: Kasachstan gibt 2,4 Millionen Akten frei</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Eléonore Darasse]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Oct 2023 13:23:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Deportation]]></category>
		<category><![CDATA[Repression]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Identifizierung und Rehabilitation von Opfern der Repressionen zwischen den 1920er und 1950er Jahren wird in Kasachstan fortgesetzt. Das Land, selbst Endpunkt vieler Deportationen, erlebte die Dezimierung seiner Eliten und ist nun dabei, seine Narben zu heilen. Die Generalstaatsanwaltschaft Kasachstans hat am 18. September bekanntgegeben, mehr als 2,4 Millionen Akten &#xFC;ber Opfer von Repressionen, die [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Identifizierung und Rehabilitation von Opfern der Repressionen zwischen den 1920er und 1950er Jahren wird in Kasachstan fortgesetzt. Das Land, selbst Endpunkt vieler Deportationen, erlebte die Dezimierung seiner Eliten und ist nun dabei, seine Narben zu heilen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Generalstaatsanwaltschaft Kasachstans hat am 18. September <a href="https://t.me/GenPr/1712">bekanntgegeben</a>, mehr als 2,4 Millionen Akten über Opfer von Repressionen, die zwischen 1929 und 1956 verurteilt wurden, freizugeben. Ein Teil dieser Akten betrifft Menschen, die in den 1940er Jahren aus verschiedenen Regionen der Sowjetunion nach Kasachstan deportiert wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">251.000 Akten wurden in die Präsidialarchive überführt und sollen in Kürze interessierten Kreisen zur Verfügung gestellt werden. Bis Jahresende sollen weitere 265.000 Akten hinzukommen. Darüber hinaus wurden die Urteile gegen 311.000 Menschen aufgehoben und diese Opfer somit vollständig rehabilitiert.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die Entschlossenheit der sowjetischen Behörden, das von Nomad:innen bevölkerte Steppenland Kasachstan in eine Kornkammer und ein Industriezentrum zu verwandeln, sowie die Gleichschaltung der politischen und intellektuellen Eliten Kasachstans stellte ein Hindernis für die sowjetische Kontrolle dar und führte zum Tod von Millionen Kasach:innen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Streben nach Gerechtigkeit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Trauma für ein Land, das nicht erst mit der Unabhängigkeit begann, sich seiner Vergangenheit zu erinnern. <a href="https://astanatimes.com/2023/05/kazakhstan-marks-day-of-remembrance-of-victims-of-political-repression-and-famine/">Im November 1988</a> hielt der Historiker Manash Qozybaev einen Vortrag, in dem er sich zum ersten Mal öffentlich mit den Todesursachen der kasachischen Bevölkerung im großen Stil während der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zwangskollektivierung_in_der_Sowjetunion">Kollektivierung</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entkulakisierung">Entkulakisierung</a> befasste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Gesetz vom 14. April 1993 zur Rehabilitierung der Opfer politischer Massenrepressionen haben sich jährliche Gedenkfeiern rasch etabliert. Einige Angehörige der Opfer kritisierten 2018 den Präsidenten für die Beschränkung auf Gedenkfeiern und forderten eine öffentliche Debatte über das Thema.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Systematische Repressionen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sabyr Qasymov, Leiter der 2020 per Präsidialdekret gegründeten Staatskommission für die umfassende Rehabilitation von Opfern politischer Repression, <a href="https://astanatimes.com/2023/06/in-search-of-justice-state-commissions-efforts-to-rehabilitate-stalinist-repression-victims-can-heal-kazakh-society/">erklärte</a> im Mai gegenüber der Zeitung „Kasachstanskaja Prawda“, dass sich aus den bereits freigegebenen Dokumenten eine unversöhnliche Beobachtung ergebe: <em>„Der massenhafte Tod der Bevölkerung war unvermeidlich und vorherbestimmt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Materialien bezeugen, dass die Haltung, das systematische und konsequente Vorgehen der Behörden ein bestimmtes Ziel verfolgte – die Zerstörung des kasachischen </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aul"><em>Aul</em></a><em> (Dorfes) als sozioökonomische Gemeinschaft und etablierte Lebensgrundlage der Menschen“</em>, so Qasymov.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-nicht-erzaehlte-geschichte-des-hungers-eine-rezension-von-sarah-camerons-buch-hungrige-steppe/"><strong>Die nicht erzählte Geschichte des Hungers – eine Rezension von Sarah Camerons Buch „Hungrige Steppe“</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Historikerin Sarah Cameron <a href="https://eurasianet.org/book-review-a-long-awaited-account-of-kazakhstans-famine">führte</a> die erzwungene Sesshaftmachung und die Beschlagnahmung von Vieh zum Tod von mehr als einem Viertel der kasachischen Bevölkerung. Schätzungen gehen von 1,5 bis 2,1 Millionen Toten aus. Zu dieser Zahl kommen noch die 1 bis 2 Millionen Kasach:innen, die vor Hunger flohen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dezimierte Eliten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Repressionen gegen die Landbevölkerung führten schnell zu Protesten in der kasachischen Gesellschaft. Politiker:innen und Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft gerieten schnell ins Visier, mal als „Volksfeinde“, mal als „Konterrevolutionäre“. <em>„Die Kasachen wurden doppelt unterdrückt. Als Bürger und als Verteidiger der Rechte und Interessen des kasachischen Volkes“</em>, fährt Sabyr Qasymov fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Große Terror von 1937–1938, der Höhepunkt der Repressionen, raffte fast die gesamte kasachische Intelligenz dahin. Die Alash Orda, das politische Organ einer Bewegung, die die Autonomie Kasachstans anstrebt, wurde dezimiert. Fast alle ehemaligen Mitglieder der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alasch_Orda">Alash Orda</a> [kasachische Unabhängigkeitsbewegung während des Russischen Bürgerkrieges, Anm. d. Red.] wurden verhaftet, deportiert oder erschossen, weil ihnen „bürgerlicher Nationalismus“ vorgeworfen wurde. Der Dichter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Achmet_Baitursynuly">Ahmet Baıtursinuly</a> und der Schriftsteller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Älichan_Bökeichan">Álihan Bókeıhan</a> wurden 1937 erschossen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Säken_Seifullin">Sáken Seıfullin</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Maghschan_Schumabai">Maģjan Jumabaı</a>, die als Pioniere der kasachischen Literatur gelten, 1938. Der Schriftsteller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mirschaqyp_Dulatuly">Mirjaqyp Dulatuly</a> starb 1935 während der Deportation.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wer-war-mirjaqyp-dulatuly-die-geschichte-eines-kasachischen-poeten/"><strong>Wer war Mirjaqyp Dulatuly? – Die Geschichte eines kasachischen Poeten</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Massengräber der Erschossenen wurden <a href="https://qazaqstan.tv/news/110704/#:~:text=%D0%96%D0%B0%D2%A3%D0%B0%D0%BB%D1%8B%D2%9B%D1%82%D0%B0%D1%80%D0%B4%D1%8B%20Telegram%20%D0%B0%D1%80%D0%BD%D0%B0%D0%BC%D1%8B%D0%B7%D0%B4%D0%B0%D0%BD%20%D0%BE%D2%9B%D1%8B%D2%A3%D1%8B%D0%B7!,%D0%94%D0%B5%D0%BD%D1%8C%20%D0%BF%D0%B0%D0%BC%D1%8F%D1%82%D0%B8%20%D0%B6%D0%B5%D1%80%D1%82%D0%B2%20%D0%BF%D0%BE%D0%BB%D0%B8%D1%82%D0%B8%D1%87%D0%B5%D1%81%D0%BA%D0%B8%D1%85%20%D1%80%D0%B5%D0%BF%D1%80%D0%B5%D1%81%D1%81%D0%B8%D0%B9.">zufällig</a> entdeckt, wie 1989 bei Janalyk in der Nähe von Almaty. In Janalyk befindet sich heute ein Museum für die Opfer politischer Repressionen. Im Jahr 2018 wurde eine Gedenktafel mit den 4.125 damals identifizierten Namen angebracht, berichtet die kasachstanische Presseagentur <a href="https://www.zakon.kz/stati/6395260-den-pamyati-zhertv-repressiy-i-goloda-v-kazakhstane-vspominayut-pogibshikh-politzaklyuchennykh.html">Zakon</a>. Einige der Erschossenen wurden von den sowjetischen Behörden nach der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstalinisierung">Chruschtschow-Rede</a> von 1956 rehabilitiert, weitere folgten in den 1980er Jahren, in den letzten Jahren der Sowjetunion.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Endpunkt der Deportation</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Koreaner:innen, Wolgadeutsche, Pol:innen, Tschetschen:innen, Ingusch:innen… Die Deportationen waren so massiv, dass die Kasach:innen in ihrer Republik zur Minderheit wurden. Als ein Erbe der Deportationen vereint Kasachstan heute nicht weniger als 124 Nationalitäten. Kasach:innen machen dabei 70,6 Prozent der Bevölkerung aus, wie die nationale Statistikbehörde im Mai <a href="https://www.kp.kz/online/news/5250538/">bestätigte</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Arbeitsgruppe der Staatskommission kam zu dem Schluss, dass der wissenschaftliche Ansatz allein nicht ausreiche. Sie wies auf die Notwendigkeit hin, die Gesetzgebung einzubeziehen. Die Verabschiedung von drei Gesetzentwürfen würde laut Sabyr Qasymov die vollständige rechtliche Rehabilitation der Opfer gewährleisten. Die Landbevölkerung, politische, religiöse und kulturelle Persönlichkeiten und schließlich die Deportierten und ihre Nachkommen seien die Gruppen, die von diesen drei Gesetzestexten betroffen seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte/"><strong>Warum die UdSSR massenhaft Menschen nach Kasachstan deportierte</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese drei Gesetzentwürfe werden, wenn sie vom Parlament verabschiedet werden, die Erfüllung der vom Staatsoberhaupt gestellten Aufgaben zur vollständigen Rehabilitierung der Opfer politischer Repression garantieren“</em>, meint Qasymov. Er wolle kein Volk, Land oder Nation beschuldigen, verantwortlich sei allein das totalitäre System.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben einer moralischen Verpflichtung beinhaltet die Rehabilitation auch eine materielle Komponente in Form einer finanziellen Entschädigung. Zwischen 2003 und 2020 seien laut <a href="https://fergana.media/news/122166/">Fergana News</a> fast 15 Milliarden Tenge (rund 33 Millionen Euro) an Opfer der sowjetischen Willkür gezahlt worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unser Hauptziel ist die vollständige Rehabilitierung der unschuldigen kasachischen Opfer und derjenigen, die unter politischer Repression gelitten haben“</em>, erklärt Sabyr Qasimov. <em>„Dies ist ein Test für die Weisheit und Moral der kasachischen politischen Elite, einschließlich der Volksvertreter an der Macht und uns.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Eléonore Darasse für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/kazakhstan/24-millions-dossiers-declassifies-autorites-kazakhes/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Journalismus wird in Tadschikistan zu einem gefährlichen Beruf</title>
		<link>https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/journalismus-wird-in-tadschikistan-zu-einem-gefaehrlichen-beruf/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Sep 2023 15:59:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Repressionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Anschluss an Proteste in der Region Berg-Badachschan haben die Machthabenden in Tadschikistan zahlreiche Journalist:innen und Blogger:innen inhaftiert und aufgrund angeblicher terroristischer T&#xE4;tigkeiten zu langj&#xE4;hrigen Haftstrafen verurteilt. Diese harte Gangart und Misshandlungen in der Haft haben auch internationale Akteure auf den Plan gerufen. Am 24. M&#xE4;rz wurde bekannt, dass gegen den in Prag lebenden ehemaligen [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Anschluss an Proteste in der Region Berg-Badachschan haben die Machthabenden in Tadschikistan zahlreiche Journalist:innen und Blogger:innen inhaftiert und aufgrund angeblicher terroristischer Tätigkeiten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese harte Gangart und Misshandlungen in der Haft haben auch internationale Akteure auf den Plan gerufen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 24. März wurde bekannt, dass gegen den in Prag lebenden ehemaligen Journalisten von „Radio Ozodi“ (tadschikischer Ableger von Radio Liberty/ Radio Free Europe), Rustam Dschoni, ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Seine Redaktion <a href="https://rus.ozodi.org/a/32333884.html">erfuhr</a> dies vom Ermittler des Hauptstadtbezirks Sino, Abduchakim Schafijew. Dschoni sei zur Fahndung ausgeschrieben, die Behörden hätten Interpol um Mithilfe bei seiner Festnahme gebeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Medienberichten zufolge wird Dschoni beschuldigt „die Aktivitäten einer extremistischen Organisation geplant zu haben“. Er und seine Frau Anora Sarkorowa, eine ehemalige Journalistin der BBC, halten die Vorladungen der Strafverfolgungsbehörden und Verhöre ihrer Verwandten in Duschanbe für einen „Einschüchterungsversuch“, damit sie aufhören, kritische Beiträge in den sozialen Medien zu veröffentlichen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Internationale Forderungen nach Freilassung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Norwegian Helsinki Committee, International Partnership for Human Rights, Civil Rights Defenders, die Helsinki Foundation for Human Rights sowie die Front Line Defenders fordern unterdessen in einer gemeinsamen Erklärung die Freilassung von Chursched Fosilow. Dieser war am 6. März von Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden festgenommen worden. Er arbeitete an Reportagen für lokale Medien in Pandschakent (Provinz Sughd). Nach Angaben seiner Angehörigen wird ihm vorgeworfen, in den Medien und auf Internetseiten öffentlich zu einer gewaltsamen Änderung der Verfassungsordnung Tadschikistans aufgerufen zu haben. Fosilov ist 37 Jahre alt, Vater dreier Kinder und befindet sich aktuell in einer vorübergehenden Haftanstalt in Chudschand. Seine Familie will diese Anschuldigungen nicht hinnehmen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In ihrer gemeinsamen Erklärung weisen die fünf Menschenrechtsorganisationen darauf hin, dass im vergangenen Jahr insgesamt sieben Journalist:innen, Blogger:innen und andere Medienschaffende inhaftiert wurden und dass „<em>die Kampagne zur Ausübung von Druck auf Journalisten weitergehe</em>“. Sie bezeichneten die Strafverfahren gegen die Journalist:innen als „<em>Teil einer Aktion zur Unterdrückung von Andersdenkenden in Tadschikistan</em>“. In der Mitteilung heißt es weiterhin, dass das Land seinen Verpflichtungen im Bereich der Meinungsfreiheit nicht nachkomme und die Verhandlungen der Journalist:innen hinter geschlossenen Türen stattfänden, um Tatsachen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autor:innen der Mitteilung sind der Meinung, dass die Anschuldigungen gegen Fosilov an den Haaren herbeigezogen und keinerlei Beweise gegen ihn vorgebracht worden seien, weshalb seine Inhaftierung gegen das Gesetz verstoße. Sie rufen die Regierung Tadschikistans dazu auf, ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen und die Verfolgung von Journalist:innen zu beenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fosilov arbeitete sowohl mit unabhängigen lokalen als auch ausländischen Medien zusammen und berichtete vor allem über die Probleme der Bewohner:innen des Serafschan-Tals, wobei er nicht selten Kritik gegenüber der Lokalverwaltung zur Sprache brachte. Er war auch in sozialen Medien aktiv. Vor einigen Jahren wurde er im tadschikischen Staatsfernsehen als Mitarbeiter der unabhängigen Website „<a href="https://rsf.org/en/akhbor">Akhbor.com</a>“ bezeichnet, die aus Prag sendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tadschikistan-ein-jahr-seit-den-tragischen-ereignissen-im-pamir/"><strong>Tadschikistan: Ein Jahr seit den tragischen Ereignissen im Pamir</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der aktuelle Bericht der Organisation Freedom House stuft Tadschikistan als eines der repressivsten Länder in Zentralasien ein. Im Anfang März publizierten <a href="https://freedomhouse.org/countries/freedom-world/scores">Bericht</a> erreicht Tadschikistan im Freiheitsindex lediglich 7 von 100 möglichen Punkten. Als Grund für diese niedrige Bewertung gibt Freedom House an, dass im vergangenen Jahr in Tadschikistan Journalist:innen, Menschenrechtler:innen und öffentliche Organisationen stark in ihrer Arbeit eingeschränkt wurden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verschärfung der Situation im Jahr 2022</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die tadschikische Journalistin Machpora Kiromowa bezeichnet 2022 als „<em>sehr schwieriges</em>“ Jahr für Journalist:innen und Blogger:innen in Tadschikistan. „<em>Natürlich haben wir die Anspannung auch schon früher gespürt, aber es scheint, als sei letztes Jahr die Entscheidung getroffen worden, jegliche Meinungsfreiheit auszumerzen. Leider wurde als Mittel der Wahl Artikel 307 des Strafgesetzbuchs gewählt, das auf einfachem Wege aus Freidenkenden und Schreibenden Extremisten macht</em>“, so Kiromowa. Sie bezieht sich dabei auf die Verhaftung von acht Journalist:innen und Blogger:innen, denen Verbindungen zu verbotenen und extremistischen Organisationen vorgeworfen werden und die deshalb zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Die Verhaftungen begannen im Mai 2022 nach Protestaktionen in Berg-Badachschan.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/dutzende-tote-tadschikistan-reagiert-mit-haerte-auf-proteste-in-berg-badachschan/"><strong>Dutzende Tote: Tadschikistan reagiert mit Härte auf Proteste in Berg-Badachschan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 17. Mai des vergangenen Jahres wurde die Journalistin und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Ulfatchonim Mamadschojewa verhaftet und später zu einer <a href="https://www.rferl.org/a/tajikistan-mamadshoeva-badakhshan-prison/32169482.html">Haftstrafe von 21 Jahren</a> verurteilt worden. Im Laufe des Prozesses, der hinter verschlossenen Türen stattfand, wurde Mamadschojewa schwerer Straftaten für schuldig befunden. Unter anderem soll sie zum Umsturz der Staatsgewalt aufgerufen haben (der o.g. Artikel 307, Strafgesetzbuch der Republik Tadschikistan). Noch am Tag vor ihrer Verhaftung hatte die 65-jährige Journalistin im Gespräch mit Reporter:innen die Anschuldigungen zurückgewiesen. Im Anschluss an Mamadschojewa wurde der Blogger Chuschrus Dschumajew festgenommen und auf Grundlage desselben Artikels zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juni und Juli 2022 verhafteten die Sicherheitskräfte fünf weitere Journalist:innen und Bloger:innen: <a href="https://www.rferl.org/a/tajikistan-crackdown-journalists-bloggers/32091765.html">Daler Imomali</a>, <a href="https://cpj.org/2022/10/tajikistan-journalist-abdullo-ghurbati-sentenced-to-7-5-years-in-prison/">Abdullo Gurbati</a>, Muhammad Sulton, <a href="https://cpj.org/2022/12/tajik-journalist-abdusattor-pirmuhammadzoda-sentenced-to-7-years-in-prison/">Abdusattor Pirmuchammadsoda</a> und <a href="https://rsf.org/en/tajikistan-government-steps-persecution-journalists">Zavikbek Saidamini</a>. Alle wurden der Verbindung zu verbotenen Organisationen und des Extremismus für schuldig befunden. Imomali wurde zu zehn Jahren, die anderen vier Journalisten zu je sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Alle Journalisten bestritten die gegen sie gerichteten Vorwürfe und bestehen auf ihrer Unschuld. Unter anderem schrieb Pirmuchammadsoda einen Brief aus der Untersuchungshaft, in dem er von schwerer Folter auf dem Polizeirevier der Stadt Wahdat berichtet, um ihn zum Geständnis nicht begangener Straftaten zu zwingen. Die Generalstaatsanwaltschaft wies diesen Vorwurf zurück. Eine Revision der inhaftierten Journalisten gegen das Urteil blieb erfolglos. Trotz vielfacher Kritik und Aufrufen von Menschenrechtsorganisationen wurden die Behörden im Fall dieser Journalisten nicht aktiv. Im Gegenteil entsteht der Eindruck, dass sich die Verhaftung von Journalist:innen fortsetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aus Einschüchterung wird Selbstzensur</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Inhaftierung der acht Journalist:innen und Blogger:innen hat das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) dazu veranlasst, Tadschikistan als eines von 12 Ländern einzustufen, die für Journalist:innen besonders gefährlich sind. Nuriddin Karschibojew, Vorsitzender der Nationalen Vereinigung unabhängiger Medien Tadschikistans (<a href="https://www.nansmit.org/index.php/en">NANSMIT</a>) erklärt, dass die Verhaftung von Journalisten, wie etwa im Falle Fosilows, direkt mit ihrem Beruf zusammenhänge. „<em>Diese Aktionen wirken sich negativ auf die Arbeit anderer Journalisten aus, indem sie die Selbstzensur in der Gesellschaft stärken, der journalistischen Aufgabe als Rückhalt der demokratischen Gesellschaft Schaden zufügen</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Journalisten-Vereinigung und tadschikische Medien reagierten im vergangenen Sommer mit Nachdruck auf die Misshandlung von Daler Imomali im Gebäude der Staatsanwaltschaft und den Angriff auf vier Korrespondenten von „Radio Ozodi“ und „Current Time TV“. Über die Verhaftung von Fosilow wurde hingegen geschwiegen. Karschibojew merkt an, dass „<em>das Schweigen journalistischer Organisationen nicht bedeutet, dass sie mit der Verhaftung Chursched Fosilows einverstanden sind</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Korrespondent von „CABAR.asia“ kontaktierte den Medienrat, eine der führenden Medienorganisationen Tadschikistans, um eine Stellungnahme zu diesem Fall einzuholen. Vertreter der Organisation ließen jedoch verlautbaren, dass keine Stellungnahme zum Fall Khurshed Fozilovs abgegeben werde, da Details des Falles unbekannt seien. Das Zentrum für investigativen Journalismus und die Wochenzeitung „SSSR“, für die Fosilow arbeitete, veröffentlichten nicht einmal die Nachricht von der Verhaftung des Korrespondenten und die Chefetagen waren zu keinem Kommentar bereit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/fortlaufende-repression-in-tadschikistan/"><strong>Fortlaufende Repression in Tadschikistan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich wurden tadschikische Journalist:innen aufgrund ihrer Reaktionen auf Verhaftungen von Kolleg:innen bereits mit Problemen konfrontiert. So veröffentlichten die tadschikische Journalistenvereinigung und eine Reihe von Medien, darunter auch staatliche, im Juni 2022 eine gemeinsame Erklärung zur Folter von Daler Imomali im Gebäude der Staatsanwaltschaft des Shohsmansur Distrikts. In dieser Erklärung brachten sie ihre Beunruhigung über die Misshandlung von Daler Imomali sowie von vier Journalisten von „Radio Ozodi“ und „Current Time TV“ zum Ausdruck. Wenige Tage später jedoch zogen die Wochenzeitungen „SSSR“, „Tojikiston“, „Minbar-i Khalq“ und „Sadoi Mardum“ ihre Erklärungen jedoch offiziell zurück. Kurz darauf wurde zudem der Chefredakteur von „Minbar-i Khalq“, die der regierenden Volksdemokratischen Partei Tadschikistans gehört, entlassen. Dasselbe Schicksal ereilte den Chefredakteur der Parlamentszeitschrift „Sadoi Mardum“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Engerer Handlungsspielraum für Reporter*innen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nuriddin Karschibojew bekräftigt, dass einer der Gründe für das Schweigen im Falle Fosilows die Selbstzensur der Gesellschaft sei, die als „<em>Konsequenz von Verfolgung und Druck auf pluralistische Ansichten in der Gesellschaft entsteht</em>“. Die Machthabenden leugnen, dass die Freiheit eingeschränkt werde und es Druck auf Journalist:innen gebe. Nachdem jedoch innerhalb eines Jahres acht Reporter:innen und Blogger:innen hinter Gittern landeten, ist für die Journalist:innen klar, dass „<em>die Grenzen des Erlaubten enger geworden sind</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Abdumalik Kadyrow, Vorsitzender der Organisation „Media Alliance Tadschikistan“ sieht die Freiheitseinschränkungen in Tadschikistan im Zusammenhang mit der Situation in Russland. Seiner Meinung nach folgen die tadschikischen Behörden oft den Handlungen der russischen Verwaltung – als die Freiheitsbeschränkungen dort zunahmen, folgte Tadschikistan diesem Beispiel. „<em>Auf diese Weise wollen sie die Stimmen von Andersdenkenden ersticken, um ihre Macht zu festigen</em>“, so Kadyrow.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Rufe nach Freiheit und einem Ende des Drucks auf Journalist:innen ignoriert werden, lässt wenig Hoffnung für die tadschikische Journalistengemeinschaft. Experten gehen davon aus, dass die tadschikischen Journalist:innen diese Krise mit Professionalität und der Einhaltung rechtlicher und ethischer Normen überwinden können. „<em>So kann es nicht immer sein. Der Journalismus sollte nicht so einfach sterben</em>“, sagt Mahpora Kiromowa.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Die Redaktion für <a href="https://cabar.asia/ru/zhurnalistika-v-tadzhikistane-stala-opasnoj-professiej">CABAR.asia</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>&#8222;Schwierige Vergangenheit&#8220;: Die Gedenkstätte Karlag und die Menschen dahinter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Dec 2022 17:12:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Deportation]]></category>
		<category><![CDATA[Dolinka]]></category>
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		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Dorf Dolinka in Zentralkasachstan befand sich einst die Hauptverwaltung des Karagandinsker Arbeits- und Besserungslagers (Karlag). Seit 2011 befindet sich in dem Geb&#xE4;ude eine Gedenkst&#xE4;tte, f&#xFC;r deren Einrichtung lange gek&#xE4;mpft werden musste. &#xDC;ber die Menschen dahinter sowie dar&#xFC;ber, warum das Thema der schwierigen Vergangenheit heute noch kaum Beachtung findet, berichtet folgende Reportage von Vlast. Wir [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Dorf Dolinka in Zentralkasachstan befand sich einst die Hauptverwaltung des Karagandinsker Arbeits- und Besserungslagers (Karlag). Seit 2011 befindet sich in dem Gebäude eine Gedenkstätte, für deren Einrichtung lange gekämpft werden musste. Über die Menschen dahinter sowie darüber, warum das Thema der schwierigen Vergangenheit heute noch kaum Beachtung findet, berichtet folgende Reportage von </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/52501-za-stenoj-upravlenie-karlaga-trudnoe-prosloe.html"><strong>Vlast</strong></a><strong>. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich sage immer: Wenn es Papa nicht gäbe, wäre das Gebäude nicht erhalten geblieben. Es zerfiel vor allen Augen. Jetzt möchte ich, dass zumindest ein Schild in einem der Säle aufgehängt wird: Es gab eine solche Person, Eltaı Jamanbekuly Jamanbekov &#8211; den Initiator des Museums.“</em> Der Sohn des verstorbenen Eltaı Jamanbekuly sagt diese Worte zum Abschied. Ohne Groll, eher um zu äußern: Es tut weh. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu diesem Zeitpunkt wären wir bereits durch die Gänge und Keller des Museums in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dolinka_(Qaraghandy)">Dolinka</a> gewandert, hätten an den Gräbern mit verrosteten Kreuzen auf dem Friedhof geschwiegen, der von den Einheimischen „Mamotschkino“ [„Mamadorf“, Anm. d. Ü.] genannt wird, da hier Kinder begraben wurden, die im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Karlag">Karlag</a> [Karagandinsker Arbeits- und Besserungslager] starben. In etwa 10 Minuten würden wir um das Dorf selbst herumfahren &#8211; einst das Zentrum eines der größten Lager im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gulag">Gulag</a>-System. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Vom Haus von Erganat Jamanbekov bis zum Hauptgebäude des Museums, für das Menschen aus aller Welt hierherkommen, sind es 500 Meter. Einst lebte hier Erganats Vater &#8211; ein <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aksakal">Aqsaqal</a> und Geschichtslehrer. Dank ihm wurde die monumentale Verwaltung des Karlag weder niedergebrannt noch abgerissen. Erganat legt auf dem Tisch den Inhalt einer schäbigen Mappe aus, das Archiv seines Vaters: Zeitungsveröffentlichungen, Briefe an das Akimat [die Regionalverwaltung, Anm. d. Ü.], Fotos, Zeugnisse. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Um ehrlich zu sein, haben wir irgendwann aufgehört zu glauben, dass die Bitten des Vaters den Staat erreichen würden. Sie sehen, wie viele Appelle an verschiedene Behörden… Er setzte sich im großen Zimmer an den Tisch und begann zu schreiben. In der Familie wurde er immer unterstützt, aber es gab Momente, in denen wir scherzten: Papa, zahlen sie dir dafür kein Geld?! [Er antwortete:] Jemand muss es tun. Die Seelen der Menschen, die hier gestorben sind, müssen sich beruhigen. Man darf ihre Namen nicht vergessen.&#8220;</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast 20 Jahre forderte Eltaı Jamanbekov die Eröffnung eines Museums in Dolinka. Er konnte nicht mitansehen, wie sich das historische Gebäude in Ruinen verwandelte. Niemand bat ihn, er ging von selbst los, um einheimische Kerle und Betrunkene zu verjagen, die die Fenster einschlugen um ins Gebäude zu kommen. Sie wussten, dass Jamanbekov in der Nähe lebte und dass es besser war, sich nicht einzumischen. Sie respektierten ihn und hatten Angst. </p>



<figure class="wp-block-image"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-30927" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-1300x868.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/558eacbfdfe754bbe058221930c619ce_1440xauto.jpg 1440w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In den 90er Jahren wurde das Gebäude des heutigen Museums an ein Privatunternehmen verkauft. Einige Zeit war es herrenlos.“</em> Dann bewachten Erganat und sein Vater es ehrenamtlich. <em>„Leere, stockfinstere Innenwelt. Fast schon zugewachsen damals: Man geht zum Eingang, man sieht die Wege nicht, die Bäume sind wuchtig – die Natur forderte ihren Tribut.“„Die Zeiten waren hart. Was mit irgendeiner ehemaligen Verwaltung des Karlags in Dolinka los ist, das kümmerte das Akimat nicht, erst recht nicht Astana. Die Menschen kamen bereits hierher, um die Grabstätten ihrer Großväter und Urgroßväter zu suchen. Nachbarn schickten alle zu uns: Da wohnt ein kasachischer Großvater, der weiß alles über diesen Ort.“</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Jamanbekovs zogen 1979 nach Dolinka. Zu dieser Zeit war das Sanatorium „Brigantina“ auf dem Gelände des heutigen Museums tätig, in dem Kinder mit geschwächter Immunität behandelt wurden. Jeder wusste, was für ein „Sanatorium“ es in den 30er und 40er Jahren gab, aber damals sprach man nicht laut über Repressionen. Erganats Vater war damals 65 Jahre alt und begann Stück für Stück Informationen zu sammeln. Als es dem Land besser ging, wurden zumindest Reparaturen in der ehemaligen Verwaltung des Karlags vorgenommen und sie wurde unter Schutz gestellt. Er fuhr nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qaraģandy</a> – zum Akimat und ins Archiv. Er ging durchs Dorf und sammelte Unterschriften zur Rettung des Gebäudes und er zeichnete Skizzen des zukünftigen Museums. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/stalins-erbe-in-kasachstan/">Stalins Erbe in Kasachstan </a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sehen Sie, 1999 wandte sich mein Vater an das Kulturministerium mit der Bitte, ein Museum zu eröffnen“, </em>macht Erganat auf einen von Dutzenden Briefen aufmerksam. Die Antwort: Es ist kein Geld im Budget.<em> „Wie viele solcher Antworten hat er erhalten. Seine Beharrlichkeit ist erstaunlich.“„Ihr Vater wurde wahrscheinlich gefragt: </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Agha_(Titel)"><em>Aģa</em></a><em>, warum machen Sie das?&#8220;</em>, fragen wir. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Leute sagten alle möglichen Dinge, aber viele unterstützten ihn. Am Ende seines Lebens nahm ihn diese Sache sehr ein. Er sagte oft: Das sind Menschenschicksale, sie starben im Karlag an Krankheiten, Kälte, Hunger, wurden gequält, erschossen. Zukünftige Generationen sollten sich daran erinnern, damit so etwas nie wieder passiert. Sonst gerät die Geschichte in Vergessenheit und nicht nur das Gebäude – die Erinnerung wird mit Gras überwuchert.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Ksenia Morozova – die Historikerin</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir nähern uns einer Stelle im Keller, wo wir bei der Renovierung des Gebäudes ein Loch gefunden haben. Eine Person wurde auf den Boden einer solche Grube gelegt, Eiswasser wurde hineingegossen. Nach einer Weile bekam der Gefangene Krämpfe. Solche Foltermethoden werden in verschiedenen Quellen erwähnt. Ob diese Grube auch so genutzt wurde, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Viele Archivdaten im Zusammenhang mit der Verwaltung des Karlags wurden vernichtet, einige sind noch geheim.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wissen die Historiker, wie viele Menschen durch das Karlag gegangen sind?“</em>, fragen wir. <em>„In 28 Jahren waren mehr als eine Million Menschen im Karlag. Aber es gibt keine genauen Daten. 1959, nach der Auflösung des Karagandinsker Lagersystems, zerstörten sie in der Nähe des Gebäudes, in dem wir uns jetzt befinden, die gelben Ordner, die für die ewige Aufbewahrung bestimmt waren. Auch das sagt viel aus – nicht alle Fälle haben bis heute überlebt. In der Geschichte der Karlag gibt es genug weiße Flecken, ein vollständiges Bild können wir noch nicht zeichnen.“</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sind im Museum und folgen der Route aller Besucher:innen. Ksenia Morozova, Historikerin und Mitarbeiterin des „Museums der Opfer politischer Repression“ in Dolinka, erzählt. Sie stammt von hier. Ksenias Mutter wurde im Karlag geboren – ihre Eltern wurden gemäß <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_58_des_Strafgesetzbuches_der_RSFSR">Artikel 58</a> nach Kasachstan verbannt. Ksenias Großmutter stammt aus Riga, ihr Großvater aus der Westukraine. Sie hat ihn nicht in einem bewussten Alter kennengelernt, aber ihre Großmutter erzählte von diesen Zeiten, auch wenn sie sich nicht gerne daran erinnerte. Aber sie erzählte nur die guten Dinge: Wie sie im Karlag arbeiteten, sich verliebten, anfreundeten. Über alles, aber nicht über Politik. </p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-30926" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1024x684.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1536x1026.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-1300x868.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/494e1338291fb80e4059af0792f20650_autox1200.jpg 1797w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Karlag ist nicht nur ein Lager, sondern ein ausgedehntes System, das die Arbeitskraft der Gefangenen ausbeutet. Absolventen der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Staatliche_Agraruniversität"><em>Timirjasew-Landwirtschaftsakademie</em></a><em> in Moskau, prominente Pflanzen- und Viehzüchter, wurden hierher verbannt. Sie überführten alle wirtschaftlichen Aktivitäten des Karlags auf eine wissenschaftliche Grundlage, brachten neue Pflanzensorten, Tierrassen hervor. Den Kohl &#8222;Ruhm&#8220;, die Sonnenblume &#8222;Gigant&#8220; &#8211; sie werden jetzt noch angebaut. Die Kasachische weißköpfige Kuh – sie gab mehr als 40 Liter Milch pro Tag – wurde zur Ausstellung der Volkswirtschaft nach Moskau geschickt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ksenia, welche Emotionen erleben Sie, wenn Sie darüber lesen?“</em> – <em>„Die moderne Generation versteht nicht, was die Menschen damals erlebt haben. Auf Exkursionen erzähle ich, wie im Lager Konzerte organisiert, Aufführungen veranstaltet wurden, und manch einer ist ratlos: „Was? Sie wurden von ihren Familien getrennt, ihre Ehemänner und Ehefrauen erschossen, ihre Kinder im Stich gelassen! Wie konnten sie singen!? Wie konnten sie tanzen!?“ Sie konnten. Für diejenigen, die hier gelandet sind, war es die einzige Freude in dem grauen, eintönigen Leben. So versuchte man, die Festigkeit des Geistes zu bewahren.“</em> Ksenia gibt zu, dass ihre Arbeit sie verändert hat. Sie spricht über die Hauptsache: <em>„Dass alle auf der Welt in Frieden leben. Dass so etwas nie wieder passiert.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde/">Langer Weg nach Hause – Wie Kasachstan ein Zuhause für sowjetische Deutsche wurde </a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn die Staatsmacht in unser Leben eingreift, ist der Mensch machtlos.“</em> Die Korridore, durch die wir gehen, bestätigen dies durch eine Million persönlicher Geschichten. <em>„Viele, die aus dem Karlag entlassen wurden, zogen in ihre historische Heimat, und dort wartete absolut niemand auf sie. Sogar ihre Verwandten hielten sich von ihnen fern. Die Leute kamen hierher zurück. Denn hier hatten sie Freunde, Arbeit. Sie erinnern sich gerne an diesen Ort.“„Die Leute sagen oft, dass in unserem Museum eine erdrückende Atmosphäre herrscht. Du kommst nach Hause und scheinst herausgedrückt zu werden&#8230; Manche haben so ein Gefühl. Ich versuche, nicht darauf einzugehen, denn ich liebe meinen Job sehr. Man erzählt den Leuten vom Karlag, und sie erzählen von ihren Großeltern. Es gab praktisch keinen Fall, dass eine Familie kam und nicht von Repressionen betroffen war.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das ist unheimlich.“</em> – <em>„Gruselig, aber das ist unsere Geschichte.“</em> – <em>„Sie sind hier aufgewachsen. Wussten Sie als Kind, was dieses Gebäude war?“„Wir lebten in einem anderen Dorf. Meine Mutter und ich fuhren auf Fahrrädern am Büro vorbei, als wir unsere Großmutter auf der benachbarten </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sowchos"><em>Sowchose</em></a><em> „Karagandinskij“ besuchten. Danach stand es verlassen da. Ich fragte: &#8222;Was war da?&#8220; [Sie antwortete:] „Hier habe ich früher gearbeitet“. Sie meinte das Sanatorium „Brigantina“. Nur Leute der älteren Generation erinnerten sich an die Verwaltung des Karlags, aber es sind nur noch wenige von ihnen übrig&#8230;“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Maria Baranyuk – Von der Ukraine nach Dolinka</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es gibt keine lebenden Gefangenen des Karlags mehr, und ihre Nachkommen sind verstorben oder weggezogen. Vor zehn Jahren gab es viele von uns. Dies ist mein Vater – Dmitrij Iwanowitsch Baranjuk.“</em>

Wir stehen an einer Glasvitrine mit Fotografien von Karlag-Häftlingen. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto ist ein gutaussehender Mann mittleren Alters zu sehen. Maria Dmitrievna Baranyuk schaut ihn an. Sie ist 75 Jahre alt, Rentnerin, Tochter von Verurteilten nach Artikel 58.

</p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-30925" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1024x684.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1536x1026.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-1300x868.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/ce3bcf31f4237e39f734a167e3bb450f_autox1200.jpg 1797w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Haben Sie ein solches Foto zu Hause?“</em> – <em>„Ja, da wurde Vater nach seiner Freilassung in den frühen 70er Jahren aufgenommen.“</em> – <em>„Wie war er?“„Gut. Im Dorf erinnert man sich noch heute gern an ihn. Und meine Mutter war auch gut. Ich war zwei Jahre alt, als sie eingesperrt wurden. Ich wurde im </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Riwne"><em>Gebiet Riwne</em></a><em> in der Westukraine geboren. Die Eltern landeten in verschiedenen Lagern: Mutter in Russland, in </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mordwinien"><em>Mordwinien</em></a><em>, Vater zuerst in </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ekibastus"><em>Ekibastuz</em></a><em>, dann wurde er nach Dolinka überstellt. Hier hatte er seine 10 Jahren abzusitzen. Sieben Jahre arbeitete er ab, drei Jahre wurden ihm erlassen. 1956 rief mein Vater meine Mutter und uns (mein Bruder war sieben Jahre älter) hierher.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir kamen am Bahnhof in Qaraģandy an. Mama flüsterte mir zu: Da ist Papa. Mein Vater nahm mich sofort in seine Arme. Daran erinnere ich mich gut. Ich war 9 Jahre alt. Seitdem lebe ich in Dolinka. Es gab Versuche, umzuziehen. Aber mir wurde klar, dass es keinen besseren Ort als Dolinka gibt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Haben Sie, als sie älter waren, ihren Vater nicht gefragt, warum er nicht in seine Heimat zurückgekehrt ist?“</em>, fragen wir. <em>„Ich habe gefragt. Es ist so, dass Vater von seinem eigenen Bruder verraten wurde. Er hat ihn angezeigt. Die Eltern wurden abgeholt. Wir lebten zuerst bei meinen Großeltern. Im März 1951 starb mein Großvater, im August wurden meine Tante und meine Großmutter nach Sibirien verbannt. Und am selben Tag zog der Bruder meines Vaters in sein Elternhaus ein, als ob er alles im Voraus wüsste. Mein Bruder und ich hingen bei Verwandten herum – es gab nichts Gutes mehr in unserem Leben.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Als wir in Dolinka ankamen, war es das pure Glück: Mama und Papa sind in der Nähe. Das Dorf war damals sauber und gepflegt. Die Menschen waren freundlich – wir waren Freunde auf der Straße. Nach der Auflösung des Karlags wurde im Verwaltungsgebäude eine Fachschule eröffnet. Früher sind wir hier tanzen gegangen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wer-war-ahmet-baitursynuly-die-geschichte-eines-kasachischen-erziehers/">Wer war Ahmet Baıtursynuly? – Die Geschichte eines kasachischen Erziehers </a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Haben die Eltern haben nicht gesagt: Mascha, geh nicht dorthin!&#8220;</em> – <em>„Wissen Sie, Papa hat nichts Schlechtes gesagt über die Staatsmacht und über um diese Zeit.“„Hatte er Angst?“</em> – <em>„Nein. Er hatte eine normale Einstellung. Er hatte dennoch Respekt.“„Wie erklären Sie sich, dass Menschen, die unschuldig unter dieser Regierung gelitten haben, sie mit Respekt behandeln?“</em> – <em>„Erstens waren so die Zeiten. Zweitens hing es nicht von allen Behörden ab, es war eine Art Einzelperson, die das tat.“„Glauben Sie nicht, dass alles von den Behörden abhing?“</em> – <em>„Überhaupt nicht. Das war das System. Und das Schicksal der Menschen wurde nicht in diesem Gebäude entschieden. Es gab einen anderen Ort, an dem gefoltert wurde. Ihn gibt es nicht mehr.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie erinnern sich gerne an diese Zeiten. Kein Groll?“</em> – <em>„Was für ein Groll? Und warum? Ja, das Leben hat wehgetan. Aber was wird sich ändern, wenn ich darüber nachdenke? Es ist schwer, mit Ressentiments zu leben.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Haben sie schon seit langem davon abgelassen?“ – „Seit langem. Manchmal erinnere ich mich, sitze, denke. Besonders an die Kindheit in der Ukraine. Mein Bruder und ich sind zum Glück nicht an Hunger gestorben. Ich träume dann davon, mich mit Brot satt zu essen. Wir haben nur Kartoffeln im Überfluss. Aber ich wollte Brot! Jetzt kommst du auf die Müllhalde und siehst: Da liegt ein Brötchen herum. Das ist schon schlimm. Die Leute sind satt und haben nie Hunger gesehen. Gott sei Dank haben sie ihn nicht gesehen. Ich werde mich also nicht beschweren. Ich habe bereits zwei Urenkel, sie leben hier in Dolinka. Alle sind in der Nähe. Alles ist gut. Was braucht man noch?“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Zurück zu Erganat Jamanbekov</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Es ist Ksenia Morozova, die Maria Dmitrievna bittet, ins Museum zu kommen. Und auch von Eltaı Jamanbekov erzählt man uns hier. Wir verabschieden uns von ihr und gehen zu Eltaı-Aģas Haus, wo wir im Hof ​​sitzen und uns Fotos und Zeitungsartikel ansehen werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Papa hat sein Ziel erreicht: Zuerst haben sie ihn im Akimat von Dolinka unterstützt, dann der Akim von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schachtinsk"><em>Shahtinsk</em></a><em>. Auf regionaler Ebene haben sie ihn nicht mehr ignoriert. Es entstand Kontakt zu Mitstreitern in der Ukraine und in Polen – Nachkommen von Menschen, die im Karlag starben. Sie schrieben auch, baten darum, die Erinnerung zu retten. Später haben viele mitgemacht, ich will nicht sagen, dass das Museum allein der Verdienst meines Vaters ist. Aber trotzdem war Papa der Erste.“</em></p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="300" height="200" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-300x200.jpg" alt="" class="wp-image-30924" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2022/12/5a82cbe3c1c63e97d0565698c24dd195_900xauto.jpg 900w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„War er bei der Eröffnung anwesend?“</em> – <em>„Damals wurde der Grundstein für das Museum gelegt, der die zukünftige Arbeit symbolisierte. Er sprach, wurde aufgeregt, die Emotionen gingen mit ihm durch, sodass er Herzprobleme bekam. Wir haben ihn nach Hause gebracht. Das Museum wurde zwei Jahre später, im Jahr 2011, eröffnet. Papa war 80 Jahre alt, er konnte kaum laufen. Deshalb nahm er nicht an der Eröffnung teil. Wir haben ihm Bilder gezeigt.“</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eltaı Jamanbekov starb am 13. September 2013. Das Wetter war bis zu vierzig Tage lang klar. Die Angehörigen glauben: Die Seelen der in Dolinka gestorbenen Gefangenen kamen zu ihm, um ihm zu danken. Zum Abschied wird Eltaı-Aģas Sohn jenen Satz sagen: <em>„Ich möchte, dass zumindest ein Schild in einem der Säle aufgehängt wird: Es gab eine solche Person, Eltaı Jamanbekuly Jamanbekov &#8211; den Initiator des Museums.“</em> Ich schreibe es zweimal, damit sich die Leute an diesen Namen erinnern &#8230; </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Expertin: Kulturwissenschaftlerin Alexandra Tsa</strong><strong>ı im Interview</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum wird so wenig über das Thema der schwierigen Vergangenheit geredet?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es scheint, dass die Gesellschaft seit langem (zumindest seit den frühen 1960er Jahren und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode">Chrutschtschows Tauwetter</a>) über staatliche Repressionen in der Sowjetunion spricht. Wir versuchen zu verstehen, was damals geschah und wie es die heutige Zeit beeinflusst hat. Und dennoch bleibt dieses Thema nicht vollständig verstanden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür gibt es mehrere Gründe. Die sowjetische Vergangenheit gehört nicht nur Kasachstan. Russland wurde der Nachfolger der UdSSR. Dieses Land spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Diskursen über die sowjetische Vergangenheit. In Russland hat es leider kein umfassendes Umdenken über die sowjetische Geschichte und die mit dieser Zeit verbundenen staatlichen Repressionen gegeben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele soziale Erinnerungsprozesse, die sich dort abspielten, sind inzwischen eingefroren oder sogar verboten. Das letzte, allen bekannte Beispiel ist das Verbot der internationalen Gesellschaft <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_(Menschenrechtsorganisation)">Memorial</a>. Der Staat erlaubte der Gesellschaft nicht, die Arbeit im Bereich des kollektiven Gedächtnisses […] fortzusetzen. Ähnliches geschah in Kasachstan. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/dekommunisierung-auf-kasachisch-viel-pathos-und-wenig-konkretes/">Dekommunisierung auf Kasachisch: Viel Pathos und wenig Konkretes </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es besteht eine ständige Verbindung zwischen dem Kontext, den der Staat schafft, und dem Gefühl der Gesellschaft in diesem Kontext. Welche Wünsche hat sie? Ist sie bereit, über die schwierige Vergangenheit zu sprechen? Und was meinen wir überhaupt, wenn wir sagen: &#8222;schwierige Vergangenheit&#8220;. Die Stalinistische Repressionen der 30er und 40er Jahre? Die Hungersnot der frühen 30er? Den Bau des Karlag? Die Deportationen verschiedener Völker nach Kasachstan? Oder alle auf einmal? Vielleicht hat jemand das Gefühl, dass diese Ereignisse der Geschichte angehören und die moderne Gesellschaft nichts angehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Man mag fragen: „Warum sollten wir 2022 über den Stalinismus der 30er und 40er Jahre diskutieren?“ Wurde das Thema der kollektiven Unterdrückung nicht von Generationen vor uns ausgearbeitet? Nein, es ist nicht passiert. Und wir erleben eine neue Phase des Umdenkens der Geschichte, auch durch das Prisma der Entkolonialisierung. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum ist es wichtig, über die schwierige Vergangenheit zu sprechen?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die Gesellschaft ist dies eine Gelegenheit, reifer zu werden, sich zu einigen und die Probleme in ihrer Geschichte zu diskutieren. Man kann versuchen, eine gemeinsame Basis zu finden und sich bei kontroversen und schmerzhaften Themen zu einigen. Die einzigartige persönliche Geschichte einzelner Personen sollte in den Vordergrund treten. Ich denke, das ist unglaublich wichtig für das Studium der Erinnerung und Aktivismus in diesem Bereich. Tausende Tote haben Namen, die wir vielleicht immer noch nicht kennen, sehr unterschiedliche Geburtsdaten. Und es ist beängstigend, dass sie manchmal durch ein Todesdatum vereint sind. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> Wenn wir uns an diejenigen erinnern, die unter der Unterdrückungsmaschinerie gelitten haben, schätzen wir die unschuldigen Menschen, die gestorben sind. Und somit das menschliche Leben im Allgemeinen. Wir lernen, den Staat in Sachen Gewaltanwendung zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Worte klingen sehr einfach. Aber wenn wir das nicht tun, kann sich die Geschichte wiederholen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Traumaforscher haben folgendes Muster abgeleitet: Wenn das Trauma nicht aufgearbeitet wird, kann der Verstand es nicht bis zum Ende eindämmen und realisieren. Das Trauma kann wiederkehren. Das Bewusstsein scheint dies zu tun, damit eine Person einen Weg zur Heilung findet. Solange sie nicht an sich selbst arbeiten, laufen sie Gefahr, zum traumatischen Ereignis zurückzukehren. Dies gilt teilweise auch für kollektive Traumata. Wenn sie nicht mit einer schwierigen Geschichte und dem kollektiven Gedächtnis daran arbeiten, kann sie sich auf unerwartete Weise wiederholen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der Artikel ist Teil der Serie „Hinter der Mauer“. Weitere Bilder findet ihr im </em><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/52501-za-stenoj-upravlenie-karlaga-trudnoe-prosloe.html"><em>Originalartikel</em></a><em>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Oksana Akulova (Text) und Oleg Bitner (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Repressionen in Kirgistan: Ist das Land noch die „demokratische Insel“ Zentralasiens?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Emma Collet]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Nov 2022 17:19:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Repressionen]]></category>
		<category><![CDATA[Sadyr Dschaparow]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die R&#xFC;ckgabe des Kempir-Abad-Reservoirs an Usbekistan l&#xF6;ste in Kirgistan eine Welle von Demonstrationen aus. Damit brachte die Zivilgesellschaft ihre Unzufriedenheit mit der Entscheidung von Pr&#xE4;sident Sadyr Dschaparow zum Ausdruck, welche ohne demokratische Konsultation getroffen worden war. Rund 20 Aktivisten wurden verhaftet, die Beh&#xF6;rden &#xFC;ben weiterhin Druck auf unabh&#xE4;ngige Medien aus. Die Pr&#xE4;sidentschaft Dschaparows scheint eine [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-uebergabe-eines-wasserreservoirs-an-usbekistan-fuehrt-zu-protesten/"><strong>Rückgabe des Kempir-Abad-Reservoirs an Usbekistan</strong></a><strong> löste in Kirgistan eine Welle von Demonstrationen aus. Damit brachte die Zivilgesellschaft ihre Unzufriedenheit mit der Entscheidung von Präsident Sadyr Dschaparow zum Ausdruck, welche ohne demokratische Konsultation getroffen worden war. Rund 20 Aktivisten wurden verhaftet, die Behörden üben weiterhin Druck auf unabhängige Medien aus. Die Präsidentschaft Dschaparows scheint eine autoritäre Wende zu nehmen – Zeit für eine Bilanz.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange galt Kirgistan als demokratische Ausnahme in Zentralasien. Doch die Repressionen gegen die Zivilgesellschaft unter Dschaparows Amtszeit sind zahlreich und stellen infrage, was von den erworbenen bürgerlichen Freiheiten noch übrig geblieben ist. So wird die Pressefreiheit immer wieder missbraucht; erst neulich sperrte die Regierung <a href="https://rus.azattyk.org/">Radio Azattyk</a> für zwei Monate, wie das kirgisische Medium <a href="https://24.kg/vlast/249223_minkulturyi_priostanovilo_nadva_mesyatsa_rabotu_sayta_azattyik_media/">24.kg berichtet</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenfalls wurde <a href="https://www.rferl.org/Kyrgyzstan">Radio Free Europe</a> im September vom Ministerium für Kultur und Information aufgefordert, Informationen über den <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgisisch-tadschikischer-grenzkonflikt-verschaerft-sich/">Konflikt zwischen Kirgistan und Tadschikistan</a> von seiner Website zu entfernen. Die von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=zGU3o1Y4p4w">Current Time</a>, einer Radio Azattyk untergeordneten Struktur, verbreiteten Informationen wurden bisher nicht gelöscht. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Parallel dazu wurden <a href="https://rus.azattyk.org/a/32096771.html">laut Radio Azattyk</a> bereits am Vorabend der Demonstrationen gegen die Rückgabe des Kempir-Abad-Reservoirs an Usbekistan in mehreren kirgisischen Städten rund 20 Aktivist:innen inhaftiert. Dabei handelte es sich um Blogger, Journalisten, Politiker und Menschenrechtsverteidiger. Damit zeichnen sich in Kirgistan neue Verschlechterungen der bürgerlichen und politischen Freiheiten ab. In der kirgisischen Demokratie, die aufgrund einer entwickelten Zivilgesellschaft und einer geachteten Rechtsstaatlichkeit allgemein als „demokratische Insel“ Zentralasiens bezeichnet wird, lassen sich mehr und mehr autoritäre Tendenzen erkennen.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gesetz zum Schutz vor Falschinformationen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Suspendierung von Radio Azattyk geht auf das <a href="https://kg.usembassy.gov/kyrgyz-republics-new-law-directed-at-ngos/">Gesetz zum Schutz vor Falschinformationen</a> zurück, das im vergangenen Jahr erlassen wurde. Es handelt sich <a href="https://media.kg/news/proekt-novogo-zakona-o-smi-privedet-k-czenzure-kommentarij-kliniki-adilet/">laut der kirgisischen Anwaltskanzlei Adilet</a> um ein freiheitsfeindliches Gesetz, das von Anfang an <em>„die Kompromittierung der Aktivitäten unabhängiger Medien und Journalisten, einschließlich ausländischer Medien, versprach.“</em> Dieses Gesetz sieht in der Tat ein komplizierteres Verfahren zur Registrierung von Medien vor sowie die Möglichkeit, Inhalte zu zensieren, die nach bestehenden Gesetzen als verboten gelten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Inhalte werden jedoch nicht konkretisiert. Für Bektour Iskender, Mitbegründer des unabhängigen kirgisischen Mediums <a href="https://kloop.kg/">Kloop</a>, stellt das Gesetz gegen Falschinformationen nichts anderes als eine „<em>absurde Gesetzgebung dar, ein Objekt der Unterdrückung.</em>“ Die Schließung von Radio Azattyk war seiner Meinung nach vorhersehbar: <em>„Um ehrlich zu sein, habe ich seit dem ersten Tag von Dschaparows Amtsantritt damit gerechnet“,</em> meinte der Journalist halb im Scherz und gab zudem seine Befürchtung zu Protokoll, dass eine solche Maßnahme auch auf Kloop angewendet werden könnte. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Dschaparow-Wende</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In den letzten Jahren haben wir uns darauf vorbereitet, unter solchen Bedingungen zu arbeiten und zu leben.“</em> Tatsächlich unterdrücke die Politik Dschaparows aufgrund seiner mafiösen Unterstützer die freie Meinungsäußerung, erklärt Iskender: <em>„Es ist normal, dass Machthaber keine unabhängigen Medien oder eine Zivilgesellschaft wollen, die die Politik der Regierung hinterfragen. Also fangen sie an, diese Medien zu schließen.“</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Journalist stellt eine verstärkte Unterdrückung der Medien nach Dschaparows Amtsantritt fest: <em>„Bereits bevor er Präsident wurde, verlautete Dschaparow, dass er die Meinungs- und Pressefreiheit nicht verteidigen würde. Stattdessen sprach er davon, die Verfassung zu ändern und der Position des Präsidenten mehr Macht zu verleihen.“</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Auslöser seien die letzten Parlamentswahlen im Jahr 2020 gewesen, die zu einer <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/unruhen-in-kirgistan-was-hat-das-mit-uns-zu-tun/">dritten kirgisischen Revolution</a> geführt hatten und <em>„stark von Betrug unter mächtigen Amtsträgern betroffen“</em> gewesen seien, wie dem <a href="https://findings2021.monitor.civicus.org/europe-central-asia.html#top-violations">Bericht von CIVIUS</a>, einer globalen Allianz zivilgesellschaftlicher Organisationen, zu entnehmen ist: <em>„Die neue Verfassung, die im April 2021 per Referendum angenommen wurde und die laut den Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Rechtsstaatlichkeit nicht respektiert, umfasst Maßnahmen, die die Meinungsfreiheit bedrohen und die Unabhängigkeit der Justiz behindern.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verschärfung der Repressionen in den letzten Monaten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
In den letzten Monaten und insbesondere seit dem Wiederaufflammen der Konflikte zwischen Kirgistan und Tadschikistan wird die gesamte Zivilgesellschaft zunehmend unterdrückt, wie mehrere NGOs feststellen.

Der Fall von Radio Azattyk ist kein Einzelfall: Der am 28. September freigesprochene unabhängige Journalist Bolot Temirov, Moderator des <a href="https://www.youtube.com/c/temirovlive">YouTube-Kanals Temirov Live</a>, steht stellvertretend für den ständigen Druck und die Schikanen der kirgisischen Behörden gegenüber Journalisten und Aktivisten, wie eine <a href="https://kloop.kg/blog/2022/01/31/temirov_english/">gemeinsame Untersuchung</a> von Kloop, Radio Azattyk und dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (<a href="https://www.occrp.org/en">OCCRP</a>) ergab.
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<h2 class="wp-block-heading"><strong>Journalisten und Aktivisten verhaftet</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Temirov, der in den letzten acht Monaten wegen illegalen Drogenbesitzes strafrechtlich verfolgt wurde, <a href="https://rus.azattyk.org/a/32055988.html">enthüllte dubiose Heizölexportpläne</a> des staatlichen Unternehmens Kyrgyzneftgaz, die möglicherweise mit Verwandten von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kamtschibek_Taschijew">Kamtschybek Taschijew</a>, Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Nationale Sicherheit, in Verbindung stehen. Bei den Protesten im Zusammenhang mit dem Kempir-Abad-Stausee im Oktober wurden über zwei Dutzend kirgisische Aktivist:innen festgenommen, mehrere NGOs stellten Verfahrensverstöße bei den Massenverhaftungen fest. Die International Partnership for Human Rights (IPHR) <a href="https://www.iphronline.org/kyrgyzstan-mass-arrests-of-government-critics.html">berichtet</a> von Einschüchterungspraktiken, Informationsverweigerung sowie von illegal durchgeführten Befragungen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sadyr-dschaparow-der-volksfluesterer/">Sadyr Dschaparow, der Volksflüsterer</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Kirgistan zunehmend von NGOs an den Pranger gestellt wird, sehen auch diese ihre Arbeit durch die kirgisische Gesetzgebung behindert. Im Jahr 2021 wurde ein Gesetz erlassen, das in Kirgistan tätige NGOs zu detaillierten Finanzbilanzen verpflichtet, <a href="https://eurasianet.org/kyrgyzstan-tightens-control-over-ngos-taps-anti-western-sentiment">wie Eurasianet berichtet</a>. Dies stellt eine klare Diskriminierung gemeinnütziger Organisationen dar. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Zunehmend autoritäre Führung“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Angesichts der gesetzlichen Beschränkungen gegen die Arbeit von Journalisten wie auch NGOs kommt die CIVICUS-Allianz 2021 zum Schluss, dass <em>„eine zunehmend autoritäre Führung unter dem neuen Präsidenten Kirgistans beobachtet wird.“</em> Dieselbe Bilanz zieht The Economist Intelligence in ihrer Rangliste der Demokratien 2021. <a href="https://24.kg/english/223873_Economist_Intelligence_Unit_ranks_Kyrgyzstan_as_authoritarian_state/">Kirgistan fiel darin vom 101. auf den 107. Rang</a> und wird nicht mehr als <em>„hybrides“</em>, sondern als <em>„autoritäres Regime“</em> eingestuft. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso publizierte <a href="https://freedomhouse.org/">Freedom House</a> eine Rangliste der Internetfreiheit für das Jahr 2020, demzufolge eine <a href="https://freedomhouse.org/country/kyrgyzstan/freedom-net/2021#C">Verschlechterung der Internetfreiheit in Kirgistan</a> stattfand (von Platz 50 auf Platz 53) und nun als „teilweise frei“ aufgeführt wird. Zwar steht Kirgistan in Bezug auf Demokratie und bürgerliche Freiheiten <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/freedom-house-pointe-labsence-de-democratie-en-asie-centrale/">immer noch besser da als die übrigen zentralasiatischen Länder</a>. Journalist Iskender relativiert dies allerdings: <em>„Sicherlich sind wir in Kirgistan immer noch am freiesten, aber das Problem ist, dass das nicht viel bedeutet. Wir müssen mit dieser Bezeichnung aufhören. Das freieste Land in Zentralasien zu sein ist im Vergleich zu den Statistiken anderer Länder nicht sehr beeindruckend.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Emma Collet, Redakteurin für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/decryptage/repressions-au-kirghizstan-le-pays-est-il-toujours-lilot-democratique-de-lasie-centrale/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>


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