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	<title>Oktoberrevolution Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Oktoberrevolution Archives</title>
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		<title>Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Nov 2017 16:25:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es wird viel &#xFC;ber das Jubil&#xE4;um der Oktoberrevolution geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens au&#xDF;en vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin &#xFC;ber die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespr&#xE4;ch erschien zuerst beim Central-Asian Analytical Network, wir &#xFC;bernehmen es [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Es wird viel über das Jubiläum der <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/russland-oktoberrevolution-1917">Oktoberrevolution</a> geschrieben, die zentralasiatischen Staaten bleiben dabei aber meistens außen vor. Im Interview mit Rafael Sattarow spricht der russische Wissenschaftler Sergej Abaschin über die sowjetische Geschichte Zentralasiens und aktuelle Probleme </strong><strong>der Region in der Beziehung zu Russland. Das Gespräch erschien zuerst beim <a href="http://caa-network.org/archives/10400">Central-Asian Analytical Network</a>, wir übernehmen es</strong><strong> in zwei Teilen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Seit <a href="https://novastan.org/de/fact/dabei-sind-viele-grenzen-innerhalb-zentralasien-bis-heute-umstritten/">1936</a> existieren die zentralasiatischen Staaten in ihren heutigen Grenzen. Nach mehreren Grenzziehungen wurden die fünf sozialistischen Sowjetrepubliken ins Leben gerufen, die heute als unabhängige Staaten existieren. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Region in das russische Reich eingebunden. So folgte auf die russische Herrschaft die sowjetische, die neben den Grenzen auch Sprachen und Nationen in der Region prägte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Rafael Sattarow: </strong><strong>Die Grenzziehungen sind derzeit Diskussionsthema in Zentralasien. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die sowjetische Grenzziehung in </strong><strong>der Region erfolgreich war</strong><strong> oder ein misslungenes Projekt, das interethnische Konflikte und Grenzspannungen fördert</strong><strong>e?  </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sergej Abaschin</strong>: Die administrativ-territoriale Grenzziehung in den 20er und 30er Jahren war ein komplexer Vorgang, an dem viele verschiedene politische Kräfte teilnahmen. Natürlich hatte Moskau dass letzte Wort, schließlich gehörten die Grenzziehungen schon früh zu Stalins unmittelbarem Kompetenzbereich (als Komissar für nationale Angelehgenheiten, Anm. d Red.). Aber Moskau traf längst <a href="http://www.eurasianet.org/node/82376">nicht alle Entscheidungen </a>. Aus der Entfernung konnte die sowjetische Führung nich alles verstehen bzw. über die Geschehnisse vor Ort vollständig informiert sein.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-6203 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13.jpg" alt="1936" width="940" height="788" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13.jpg 940w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13-300x251.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2016/11/2016-04-13-768x644.jpg 768w" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" /></p>
<p style="text-align: justify">Aus aktuellen Studien geht hervor, dass die lokalen Eliten eine aktive Rolle bei der Grenzziehung spielten. Sie betrieben Lobbyarbeit für ihre – teils konkurrierenden – Interessen, und waren oft erfolgreich darin, dem Kreml ihre Sicht der Dinge nahezulegen. Auch in Moskau selbst gab es keinen einheitlichen Plan. Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskommissar">Volkskommissariat</a> für Auswärtiges sah und bewertete zum Beispiel vieles anders, als das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskommissariat_f%C3%BCr_Nationalit%C3%A4tenfragen">Volkskommissariat für Nationalitätenfragen</a>. Verschiedene Zentralbehörden und lokale Kräfte versuchten, ihre Grenzentwürfe hervorzuheben. Viele Entscheidungen waren letztendlich Kompromisse.</p>
<p style="text-align: justify">Entgegen einer verbreiteten Vorstellung ging es nicht darum, die Region in Nationalstaaten zu teilen, um sie über lokale Spannungen zu manipulieren. Moskau war daran interessiert, dass keine offenen Konflikte entstehen. Man stellte sich eine Art optimaler Kooperation vor, die alle zufriedenstellen könnte.</p>
<p style="text-align: justify">Neben dem politischen Faktor spielte auch der wirtschaftliche eine wichtige Rolle. Zentralasien war für den Kreml eine Quelle wirtschaftlicher und menschlicher Ressourcen. Die Sowjetunion sah sich schon damals als ein großer Mehrvölkerstaat und plante, ihren Einfluss im Osten zu erweitern. Die neuen, sich modernisierenden Republiken waren ein Instrument für diese Erweiterung. Dementsprechend gab es auch ein Interesse an der Entwicklung der Infrastruktur, der Transporthubs, der Industrie, usw. So wirkten sich auch wirtschaftliche Faktoren auf die tatsächlichen Grenzen aus.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Konzept der Nation und </strong><strong>der Nationalität (im Sinne von Ethnizität, Anm. d .Ü.) </strong><strong>hatte in Zentralasien vor der Sowjetunion kaum eine Tradition. Wie passend war </strong><strong>demnach die sowjetische Einteilung der Region in Nationen und die Förderung des nationalen Prinzips? Warum wurde </strong><strong>ein nationalstaatliche</strong><strong>r Ansatz für die Region gewählt? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Solche Ansätze gab es nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im Westen. Man braucht nur zu Betrachten, wie nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen in Osteuropa und im Nahen Osten gezogen wurden. Man muss sich in den Kontext der damaligen Zeit zurückdenken. Die Regierungen waren der Ansicht, dass alle Staaten Nationalstaaten sein müssen, dass sie also einer gegebenen Nation oder Ethnie entsprechen sollen.</p>
<figure id="attachment_11505" aria-describedby="caption-attachment-11505" style="width: 1556px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-11505" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_.png" alt="Sowjetische Karte Zentralasien 1922" width="1556" height="1200" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_.png 1556w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-300x231.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-768x592.png 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-1024x790.png 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/SovietCentralAsia1922.svg_-1300x1003.png 1300w" sizes="(max-width: 1556px) 100vw, 1556px" /><figcaption id="caption-attachment-11505" class="wp-caption-text">Die erste sowjetische Einteilung Zentralasiens in 1922</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Das war nicht nur eine bolschewistische, linke Idee. Angehörige vieler politischer Strömungen waren überzeugt, dass wirtschafliche und soziale Entwicklung nur im Rahmen eines Nationalstaats möglich ist. Der nationale Aufbau war auch im Interesse der Bolschewiki: Ihnen war es wichtig, die „<em>muslimische Oppositionsfront</em>“, die sie als feindlichen und archaischen Gegner sahen, zu beseitigen. Die nationale Teilung Zentralasiens erfüllte diesen Zweck.</p>
<p style="text-align: justify">Die Überzeugung, dass die Nation die einzige fortschrittliche politische Form ist, wurde wurde auch von einem Teil der lokalen Elite übernommen, die zum Beispiel die damaligen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Republik_T%C3%BCrkei">türkischen Reformen</a> im Namen des nationalen Aufbaus beäugte. So stimmten diese verschiedenen Projekte und Bestrebungen zu einem gewissen Zeitpunkt überein, sie entsprachen einer ähnlichen Ideologie. Diese Ideologie bot eine Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen dem Kreml und manchen lokalen Politikern und Intellektuellen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sie sprachen an, dass die Bolschewiki in der Religion einen Feind sahen. Im europäischen Teil Russlands zerstörten sie Kirchen und beschlagnahmten Wertsachen aus Gold, Ikonen und religiöse Utensilien. Gegenüber den Muslimen gab es einen sanfteren Ansatz. Alle Erklärungen der Bolschewiki an die Völker Zentralasiens beginnen mit: „<em>Den Muslimischen Genossen von Turkestan</em>“ und es war die Rede von der „<em>Befreiung der Muslime Turkestans von der feudalen Unterdrückung</em>“. Sie begannen sogar, im Zarenreich konfiszierte kulturelle oder religiöse Güter zurückzugeben. Kann man sagen, dass die Repression gegen des Islam sanfter war als die gegen die Orthodoxie?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Anfangs gab es tatsächlich eine gewisse Mäßigung in der Beziehung zum Islam. Mehr als das: Im Laufe der 20er Jahre führten die Sharia-Gerichte, die muslimischen Schulen, Medresen, selbst die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waqf">Waqf</a> ihre Arbeit offiziell fort. Viele muslimische Institute wurden erst zum Ende der 1920er und in den 1930er Jahren geschlossen. Das war aber  reiner Pragmatismus, kein Vorzug des Islam gegenüber anderer Religionen.</p>
<p style="text-align: justify">Für die Bolschewiki war Zentralasien eine komplizierte Region. Sie konnten ihre Gegner militärisch zwar schlagen, mussten aber danach erst die Loyalität der Bevölkerung gewinnen. Um in der Lokalbevölkerung und der lokalen Elite Verbündete zu finden, gingen sie einige Kompromisse ein, auch in religiösen Angelegenheiten.</p>
<p style="text-align: justify">Man könnte die Logik dieser Politik so zusammenfassen: „Wir Bolschewiki haben die sowjetische Macht in einer Region etabliert, in der Millione gläubiger Muslime leben. Wir benötigen Zeit, um ausreichend Gerichte und Richter zu etablieren, um dort das sowjetische Recht durchzusetzen. Einen Teil der juristischen Probleme – nicht das Strafrecht, sondern Verwaltungsrecht und ein paar Familienangelegenheiten – überlassen wir wohl oder übel den traditionellen Gerichten, vor allem den Shariah-Gerichten. Wir können nicht alle mit kommunistischen Schulen versehen, dafür fehlen uns Menschen und Ressourcen. Also lassen wir das etablierte Waqf-System weiter bestehen, um muslimische Schulen und Medresen zu finanzieren, in denen neben religiösen Fragen auch Lesen und Arithmetik gelehrt werden. Es ist einfacher und günstiger erst einmal ein paar weltliche Fächer in der dortigen Bildung einzuführen, als ein neues Schulssystem von Null an aufzubauen.“</p>
<figure id="attachment_11506" aria-describedby="caption-attachment-11506" style="width: 1800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-11506" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1.jpg" alt="Rawat Abdullachan Medrese in Osch 1928" width="1800" height="942" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1.jpg 1800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-300x157.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-768x402.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-1024x536.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/1428949587_osh-1-1300x680.jpg 1300w" sizes="(max-width: 1800px) 100vw, 1800px" /><figcaption id="caption-attachment-11506" class="wp-caption-text">In der Rawat Abdullachan Medrese in Osch, 1928</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Die Bolschewiki verfolgten zwar utopische Ideen, in der realen Staatsführung waren sie aber gänzlich Pragmatiker, wenn auch widerwillig. Die Kompromisse waren dann natürlich nur vorübergehend. Ab ab dem Ende der 1920er wurden all diese religiösen Institutionen geschlossen und in den 1930ern gab es <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/grosser-terror-jeschowschtschina-saeuberungen">massive Repressionen</a> gegen religiöse Figuren. Die gestärkte sowjetische Macht befreite sich von den eingegangenen Kompromissen, sobald sie es sich erlauben konnte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zu den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschadidismus">Dschadiden</a> (eine muslimische intellektuelle Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Anm. d. Ü.) gibt es widerspüchliche Analysen. Die offizielle Geschichtsschreibung, vor allem in Usbekistan, schildert sie als Unabhängigkeitskämpfer, die sich gegen die Kolonisierung und auch die Bolschewiki eingesetzt haben. Andere sehen die Dschadiden eher als einen Teil der russischen Kolonialmacht in Turkestan. Welche dieser Einschätzungen entspricht eher der Realität ?   </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Forschung hat in der Studie des intellektuellen Lebens im Zentralasien des frühen 20. Jahrhunderts erhebliche Fortschritte gemacht. Insgesamt wenden sich die Forscher immer weiter von der dichotomischen Darstellung ab, dernach sich die lokalen Eliten in Dschadidi und Kadimisten (konservative muslimische Bewegung im Russland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Anm. d. Red.) einteilten, also in Reformisten und Antireformisten.</p>
<p style="text-align: justify">Die Dschadiden waren keineswegs eine einheitliche Gruppe, sondern eine Bewegung mit sehr unterschiedlichen Menschen und Ansichten. Darunter sind die sogenannten „rechten Dschadiden“, die gegen die Bolschewiki waren, und die „linken Dschadiden“, die sehr schnell den sowjetischen Machtstrukturen beigetreten sind und oft auch selbst zu Kommunisten wurden. Viele waren ständig auf der Suchen nach Ideen und änderten ihre Vorzüge mit der Zeit.</p>
<p style="text-align: justify">Die meisten Dschadiden fielen den Repressionen der 1920er und 1930er Jahre zum Opfer. Dasselbe gilt für die sogenannten Traditionalisten, die auch sehr unterschiedlich waren. Manche fügten sich weder den russischen Kolonialstrukturen, noch den Bolschewiki, andere kooperierten mit beiden. Die geistige Verwaltung der Muslime, die in den 1940ern gegründet wurde, wurde übrigens nicht mit Dschadiden, sondern mit Traditionalisten besetzt.</p>
<p style="text-align: justify">Die Beziehungen zwischen der muslimischen Eliten und den russischen oder sowjetischen Machtstrukturen änderten sich auch mit der Zeit. Die Dschadidi mit ihrem Fortschrittsgedanken wurden durch die Russen erst als Nutzen für die zentralasiatische Gesellschaft gesehen. Später sah man in ihnen gefährliche Gegner, Revolutionäre und Feinde des Reichs, während die Kadimisten den russischen Beamten plötzlich gefielen.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die Bolschewiki pflegten eine solche zweideutige Einstellung zu den Dschadidi. Sie wurden als Hilfe beim Aufbau einer modernen Staatlichkeit gesehen, ehe sie zu Staatsfeinden erklärt wurden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Heutzutage gibt es unter den zentralasiatischen Turksprachen <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden/">einen Trend</a> hin zur lateinischen Schrift. Oft wird das als Teil einer Modernisierung gesehen. Ähnelt das nicht der Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Bolschewiki sich bewusst oder unbewusst an die Ideen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turanismus#Turanismus_und_Panturkismus">Panturkismus</a> anlehnten? Wann erreichten diese Ideen die Intellektuellen und Politiker Zentralasiens?  </strong></p>
<p style="text-align: justify">Die These einer Zusammenarbeit von Bolschewiki und Panturkisten würde ich mit Vorsicht betrachten. Zu Beginn sahen die Bolschewiki in den Panturkisten eine revolutionäre, antiimperiale Kraft, einen Verbündeten bei der Zersplitterung des oppositionell-religiösen Lagers, dem Kampf gegen die Engländer und der Modernisierung der Gesellschaft. Die Bolschewiki wollten die Energie des panturkistischen Nationalismus für sich nutzen, denn sie hatte mit der kommunistischen Bewegung einiges gemein.</p>
<p style="text-align: justify">Die Allianz war aber bei weitem nicht ohne Brüche. Dafür spricht um Beispiel der Fall des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jungt%C3%BCrken">Jungtürken</a> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Enver_Pascha">Enver Pascha</a>, mit dem die Bolschewiki anfangs über eine Allianz verhandelten und der später den Kampf gegen sie in Zentralasien leitete. Es kam schnell heraus, dass sich die Energie des Panturkismus auch gegen die sowjetische Macht richten kann.</p>
<p style="text-align: justify">Diese zweideutigkeit sieht man auch in der Beziehung zur lateinischen Schrift. Anfangs hörte man auf die lokalen Reformer, die Moskau davon überzeugten, dass die lateinische Schrift beim Kampf gegen die Religion hilft. Später war der Kreml der Ansicht, dass das Lateinische eine gewisse Distanz und einen alternativen politischen Orientierungspunkt symbolisieren würde. Daraufhin folgte ein gezwungener Übergang von der lateinischen zur kyrillischen Schrift und weiter eine intensive Russifizieung der Bildung und Kultur.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/pro-und-contra-soll-kasachisch-in-lateinschrift-wiedergegeben-werden/">Pro und Contra &#8211; soll Kasachisch in Lateinschrift widergegeben werden?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zu den aktuellen Latinisierungsprojekten möchte ich keine Wertung aussprechen. Mir scheint, es ist in Vielem ein unausweichlicher Prozess, denn in den 1920er und 1930er Jahren war die Frage der Sprache und des Alphabets einer der wichtigsten Aspekte des sowjetischen Modernisierungsvorhabens. Schon damals waren die Debatten zum Alphabet, zur nationalen Sprache, ihrer Grammatik, Ausssprache und Wortschatz ein zentraler Teil des nationalen Aufbaus. Die Sprache hatte für die Machstrukturen, die Regierung, die Mobilität und den Zugang zu Ressourcen eine außergewöhnlich wichtige Bedeutung.</p>
<figure id="attachment_11507" aria-describedby="caption-attachment-11507" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11507" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3.jpg" alt="Zeitung Kyzyl Kirgistan Kirgisisch lateinische Schrift" width="960" height="720" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/3-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-11507" class="wp-caption-text">Erste Seite einer Ausgabe der Zeitung &#8222;Kyzyl Kyrgyzstan&#8220; (rotes Kirgistan), in der kirgisisch in lateinischer Schrift geschrieben ist, 1935</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Änhlich während der spätzsowjetischen Perestrojka: Nicht die Forderung nach einer vollen und sofortigen Unabhängigkeit war im Vordergrund, sondern die Forderung, den lokalen Sprachen durch einen offiziellen Status mehr Rechte anzuerkennen. Die Frage der Sprachpolitik ist bis heute ein sensibles Thema und wird im postsowjetischen Raum auch oft zum Inhalt emotionaler Diskussionen oder gar Konflikten.</p>
<p style="text-align: justify">Eben durch das Thema der Sprache wird das Gespräch über die Zukunft des Landes geführt, über die Mehrheiten und Minderheiten, darüber, wer zur Elite gehören kann und über die Beziehung zur russischen Föderation. Das Thema der Sprache gehört unmittelbar zum nationalen Aufbau. Das heißt, dass die Frage so lange ein Politikum bleiben wird, wie die zentralasiatischen Regierungen sich als Nationalstaaten sehen und ihre Nationen weiter aufbauen wollen.</p>
<p><strong>Hier geht&#8217;s weiter zum zweiten Teil: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2/2)</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Mit Sergej Abaschin sprach Rafael Sattarow<br />
<a href="http://caa-network.org/archives/10400">CAA-Network</a><br />
</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong></p>
<p style="text-align: justify">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">LinkedIn</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</p>
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		<title>100 Jahre Oktoberrevolution: Kasachstans Kampf um einen Nationalstaat</title>
		<link>https://novastan.org/de/kasachstan/100-jahre-oktoberrevolution-kasachstans-kampf-um-einen-nationalstaat/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2017 09:49:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="td-post-content">
<div></div>
<div class="td-post-featured-image" style="text-align: justify"><strong>2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Am 7. November 1917 kam es in Russland zur endgültigen Machtübernahme durch die Bolschewiki. Die Oktoberrevolution hat aber auch in Kasachstan ihre Spuren hinterlassen. Erst durch sie konnte zum ersten Mal eine Art kasachischer Nationalstaat entstehen. Die 1920er Jahre gelten gar als „goldenes Jahrzehnt“ für Nationen. Der folgende Artikel erschien im Original bei der <a href="http://daz.asia/blog/kasachstans-kampf-um-einen-nationalstaat/">Deutsche Allgemeinen Zeitung</a>, wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<br />
</strong></div>
<p style="text-align: justify">Als die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberrevolution">Oktoberrevolution 1917</a> in St. Petersburg ausbrach, war Kasachstan weit weg. Das Gebiet galt als Peripherie im Russischen Reich. Der Historiker <a href="http://unito.academia.edu/MarcoButtino">Marco Buttino</a> schreibt, dass <em>„die Revolution via Telegraph“</em> nach Zentralasien kam. In Kasachstan war die Machtübernahme durch Bolschewiken keineswegs willkommen. Dabei ermöglichte Revolution die Entstehung eines ersten kasachischen Nationalstaates. Selbst nach Gründung der Sowjetunion blieb ein kasachisches Nationalgefühl bestehen.</p>
<p style="text-align: justify">In Zentralasien gewann die Idee von ethnischen Nationalstaaten erst mit der Machtübernahme der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bolschewiki">Bolschewiken</a> und der Gründung der Sowjetunion 1922 an Bedeutung. Obwohl in der marxistisch-leninistischen Theorie Nationalismus und Nationalstaaten nicht von allzu großer Bedeutung waren, korrelierte die Idee mit der Realität im russischen Reich. Infolge des Zusammenbruchs des Zarenreichs und der Oktoberrevolution erlangten nationale Gebiete wie Armenien, Aserbaidschan, Belarus und die Ukraine die Unabhängigkeit. Sie hätten eine dominante Zentralregierung, ohne die Zugeständnisse von nationalen Rechten, abgelehnt, schlussfolgerte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin">Lenin</a>.</p>
<p><strong>Zugeständnisse an Nationen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Schriftsteller und Historiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Deutscher">Isaac Deutscher</a> fasst Dilemma der Bolschewiken im Jahr 1917 so zusammen: <em>„Die Leninisten glaubten, dass der Sozialismus die Gleichheit von Nationen braucht; aber sie fühlten auch, dass die Wiedervereinigung der meisten, wenn nicht gar aller zaristischen Herrschaftsgebiete unter der Sowjetischen Fahne im Interesse des Sozialismus liegt.“</em> Obwohl Lenin sich also die Assimilation aller nationalen Gruppen wünschte, sah er die Notwendigkeit, Gleichheit und Souveränität vorzutäuschen, und stimmte der Gründung einer sozialistischen Föderation zu.</p>
<p style="text-align: justify">Die Politik der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Korenisazija">Korenisazija</a>, die die Bolschewiken anschließend verfolgten, hatte zum Ziel, nichtrussische Völker in den neuen Staat einzubinden, indem Minderheiten explizit gefördert wurden. Titularnationen wurden in ihren jeweiligen Republiken in den Bereichen Bildung, Wohnen und Arbeit bevorzugt behandelt. Für Zentralasien bedeutete das die Entstehung von den heutigen nationalen Identitäten. Offiziell, laut Verfassung, hatten die Sowjetrepubliken sogar das Recht auf Unabhängigkeit. De facto hätte aber kein sowjetischer Führer es jemals erlaubt, dass sie dieses Recht nutzen dürfen.</p>
<p><strong>Die Entstehung eines kasachischen Nationalgefühls</strong></p>
<p style="text-align: justify">Während der Zeit des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich">Russischen Kaiserreichs</a> waren zahlreiche Siedler aus Russland nach Zentralasien, insbesondere Kasachstan, gekommen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 lebten in Kasachstan mehr als eine Million Siedler aus Russland, darunter Ukrainer, Deutsche und Polen. Als der Zar versuchte, Zentralasiaten für den Militärdienst zu verpflichten, kam es 1916 zu spontanen Revolten und Demonstrationen von Kasachen, Kirgisen und Usbeken. Tausende Siedler wurden umgebracht, bevor die zaristische Armee einschritt, noch mehr Zentralasiaten umbrachte und hunderttausende Kasachen und Kirgisen nach China flohen.</p>
<p style="text-align: justify">Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich eine kasachische Elite herausgebildet, die von der russischen Kultur und dem russischen Lebensstil beeinflusst worden war. Diese Elite siedelte sich in Städten an und schickte ihre Kinder zur Ausbildung nach Russland. Nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 forderte eine Gruppe westlich-orientierter Kasachen, die Gründung eines autonomen kasachischen Nationalstaates innerhalb Russlands.</p>
<figure id="attachment_11392" aria-describedby="caption-attachment-11392" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-11392" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04.jpg" alt="Sozialismus Marx Engels Lenin" width="800" height="479" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04-300x180.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04-768x460.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-11392" class="wp-caption-text">Vordenker des Sozialismus: Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Iljitsch Lenin.</figcaption></figure>
<p><strong>Ein kasachischer Nationalstaat entsteht</strong></p>
<figure id="attachment_40061" class="wp-caption alignleft" style="text-align: justify">Im Sommer 1917 fand der erste Allkirgisische Muslim-Kongress in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Orenburg">Orenburg</a> statt. Die Hauptforderungen waren die Erneuerung und Modernisierung des Islams in Mittelasien, das Recht der zentralasiatischen Steppenvölker (Kasachen und Kirgisen) auf das traditionelle Nomadentum und die Rücksiedlung der russischen Siedler. Im Dezember erklärten Vertreter der Baschkiren und der „Alasch“ ihre Autonomie innerhalb Russlands. Orenburg wurde die Hauptstadt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alasch_Orda">Alasch-Orda</a>.</figure>
<p style="text-align: justify">Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baschkiren">Baschkiren</a> lehnten die Machtübernahme der Bolschewiki durch die Oktoberrevolution ab und damit kam es bald zu Spannungen zwischen der Sowjetregierung und der Alasch-Orda. Immer wieder kam es zu Aufständen gegen die Regierung in Russland. 1919 verloren die Truppen der Alasch-Orda gegen die Rote Armee und 1920 wurde das Gebiet unter der Bezeichnung „Kirgisische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ Sowjetrussland angeschlossen.</p>
<p><strong>Die Situation der Deutschen in Kasachstan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Revolutionen des Jahres 1917 hatte die deutsche Bevölkerung in den Steppengebieten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turkestan">Turkestans</a> kaum berührt. Doch nach Ausbruch des Bürgerkrieges wurde auch Turkestan zum Schauplatz von Kampfhandlungen. Deutsche kämpften sowohl für die Weißgardisten, also die zarentreuen Truppen, als auch für die Rote Armee. Allerdings beteiligten sich insgesamt nur wenige Deutsche an den Kämpfen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Urbanisationsrate der Deutschen lag 1917 gerade einmal um die zehn Prozent. Die meisten deutschstämmigen Siedler waren Bauern und kümmerten sich wenig um Politik. Sie waren nicht in die kasachische Gesellschaft integriert und lebten entsprechend ihrer eigenen Kultur. In den Wirren des Bürgerkrieges wurden ihre Siedlungen sowohl von Weißen als auch Roten angegriffen. Viele verließen ihr Höfe und flohen, meist aber jedoch mit den roten Partisanen. Dementsprechend stellten sich Deutsche eindeutig gegen die Baschkiren. Auch deutsche und <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1/">österreichische Kriegsgefangene</a> aus dem Ersten Weltkrieg spielten hierbei eine Rolle.</p>
<p><strong>Ein goldenes Jahrzehnt</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Korenisazija hatte für Kasachen wie Deutsche positive Effekte. Kasachen in der kasachischen Republik wurden gefördert, Deutsche erhielten eigene Schulen und Kulturzentren und ab 1924 auch ihre eigene „Wolgadeutsche Republik“. Die Vertreter der Alasch-Orda behielten bis 1928 die politische Führung in der Region und waren Teil der Kommunistischen Partei Turkestans. Danach begann Josef Stalin mit Säuberungen. Tamara Wolkowa, Professorin für Geschichte an der Deutsch-Kasachischen Universität, spricht von einem <em>„goldenen Jahrzehnt für Minderheiten“</em>.</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde/">Wie Kasachstan ein neues Zuhause für sowjetische Deutsche wurde</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Trotz der Korenisazija begann auch die Russifizierung in den nicht-russischen Sowjetrepubliken bereits unter Lenin und fand ihren Höhepunkt mit der <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/stalins-erbe-in-kasachstan/">Machtübernahme Stalins</a>. In den nichtslawischen Gebieten wurde das Narrativ verbreitet, dass es dort vor der sowjetischen Regierung keine Kultur gegeben habe. Stalin legte Nationen zusammen (Slijanije) und begann mit Deportationen aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Zentralasien und Sibirien. Auch die Hungersnöte in der Ukraine, Kasachstan und andernorts waren Teil der Politik. Mehr als ein Drittel der kasachischen Bevölkerung, rund 1,5 Millionen Menschen, starben am Holodomor.</p>
<p style="text-align: justify">Mit der Einführung einer neuen Verfassung 1936 wurde Kasachstan schließlich eine eigene Republik innerhalb der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Folgen der Nationalisierung Kasachstans spiegeln sich noch heute in der gesellschaftlichen Debatte über eine ethnische oder zivile Identität wieder.</p>
<p style="text-align: right"><a href="http://daz.asia/blog/author/othmaraglas/"><strong>Othmara Glas</strong></a><br />
<strong>Deutsche Allgemeine Zeitung</strong></p>
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		<title>Kriegsgefangene in Turkestan: Gespräch mit dem Historiker Peter Felch – Teil 2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lukas Gabriel Dünser]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Oct 2017 15:44:43 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Etwa 200.000 Soldaten der &#xF6;sterreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der k.u.k-Armee, liegt es nahe, von einem mitteleurop&#xE4;ischen St&#xFC;ck Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der &#xF6;sterreichische Historiker Peter Felch, Gr&#xFC;nder des Vereins [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Etwa 200.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Landstreitkräfte_Österreich-Ungarns_1867–1914">k.u.k-Armee</a>, liegt es nahe, von einem mitteleuropäischen Stück Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der österreichische Historiker Peter Felch, Gründer des Vereins „<a href="http://www.veni-eurasia.net/wk_I.html">VENI</a>“ und Initiator des Projekts „<a href="http://www.spurensuche-turkestan.org/">Spurensuche Turkestan</a>“.<br />
</strong><strong>Im <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1/">ersten Teil</a> des Interviews spricht er mit Novastan.org über Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Turkestan. Teil 2 des Interviews thematisiert, wie in Österreich und Zentralasien mit der Erinnerung und dem Gedenken an diese historischen Ereignisse umgegangen wurde und gibt einen Ausblick auf kommende Projekte.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Novastan.org: Welche Formen der Erinnerung gibt es im Österreich der 1. Republik bis 1938 an die Kriegsgefangenen in Russisch- Turkestan und wie organisierten sich die jeweiligen Akteure?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Peter Felch: <em>Heute ist wenig Wissen über Zentralasien in Österreich vorhanden. Die Region war in den 1920er-Jahren sehr präsent durch die Aktivitäten von Heimkehrer-Organisationen, zumindest die Orte der großen Lager waren bekannt. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>In der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_%C3%96sterreichs#Erste_Republik_und_Austrofaschismus_.281918.E2.80.931938.29">Ersten Republik</a> kam es ab 1919 zu einer regen Tätigkeit der Bundesvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, die in verschiedene Sektionen in mehreren Orten aufgeteilt war. In Wien existierten sogar Sektionen, die sich nach den Lagerorten benannt hatten. So zum Beispiel die Sektion der Turkestaner, die Sektion der Taschkenter, die Sektion der Skobelewer. Sie engagierten sich für die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage von ehemaligen Kriegsgefangenen. Auch organisierten sie Vorträge, Erinnerungsveranstaltungen und sogar Ballveranstaltungen. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gibt Fotos von ehemaligen Kriegsgefangenen mit ihren Familien, die in turkestanischen und sartischen</em> (damals gebräuchlich für tadschikisch und usbekisch, Anm. d. R.)<em> Kostümen vor nachempfundenen Architekturdetails posiert haben. Jedes Jahr fanden die Bälle unter einem anderen Thema statt, zum Beispiel „Eine Nacht in Turkestan“. Auch das ist aus der Erinnerung verschwunden, angeblich gab es noch Treffen bis in die 1950er-Jahre.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Kontinuitäten und Brüche lassen sich im Diskurs vor und nach dem 2. Weltkrieg feststellen? </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Das ist ein interessantes Thema, die Auswirkungen auf die Zeit des 2. Weltkrieges. Es ist zu bemerken, dass in Memoirenliteratur eine positive Haltung zu den Einheimischen zum Ausdruck kommt. Wenige sehen ihre Kriegsgefangenschaft nur negativ, sondern als „positive Erfahrungen in ihrem Leben“. Auch bei explizit negativen Erfahrungen mit Lagerkommandanten und Wachmannschaften bleibt die Einstellung zu „den Russen“ zumindest ambivalent. Wie hat sich das auf die Einstellung ihrer Nachkommen im 2. WK ausgewirkt? Hat das eine Rolle in Familien gespielt? Oft waren ja die Söhne von ehemaligen Kriegsgefangenen dann die aktuellen Kriegsgefangenen unter ganz anderen Bedingungen. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>In der Öffentlichkeit hat der 2. Weltkrieg das Thema jedenfalls total überdeckt. Auch in Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg ist das Thema unter den Tisch gefallen. Das hatte sicherlich auch politische Gründe, da die Kriegsgefangenen unter ständigem Rechtfertigungsdruck waren, dass sie aufgegeben hätten oder als Kommunisten zurückgekommen wären.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Es scheint überhaupt so, dass Gedenkveranstaltungen zum 1. Weltkrieg stark nationalen Narrativen folgen. Deren Monokausalität steht im Gegensatz zum Verständnis von komplexen historischen Situationen. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Gedenkveranstaltungen bringen für jedes Land seine eigenen Themen zum Vorschein. Die Flandernschlachten, die Schlacht um Verdun, der Krieg in den Dolomiten, der Vertrag von Trianon, andere Themen hingegen brauchen sehr lange.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gibt es eine eigene zentralasiatische Sicht auf österreich-ungarische Kriegsgefangene im 1. WK?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>In Zeit zwischen Revolution und Repatriierung spielten die Kriegsgefangenen eine große Rolle in den Ländern. Sie waren Lehrer, haben Betriebe gegründet haben usw. Daher gab es kein großes Interesse der Machthaber an einer Repatriierung, man hat es hinausgezögert oder sogar versucht, sie anzuwerben, weil die Kriegsgefangenen mittlerweile ein wirtschaftlicher und kultureller Faktor waren. Noch davor waren sie schon ein politisch-militärischer Faktor. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Deshalb ist diese Geschichte von großem Interesse für lokale Historiker. Weil eben die Kriegsgefangenen zu einer Zeit in der Region waren, die entscheidend für die spätere Geschichte Zentralasiens war. Dann hat sich entschieden, dass es kein autonomes Turkestan geben wird, die Grenzen sind festgelegt worden, Bolschewisten übernehmen endgültig die Macht und Zentralasien wird Teil der Sowjetunion.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Und die Kriegsgefangenen und deren Schriften haben für diese Zeit einen speziellen Quellenwert?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Kriegsgefangene waren zum Teil Akteure auf verschiedenen Seiten, aber auch neutrale Beobachter. Die Beschreibungen und Korrespondenzen von Kriegsgefangenen sind deshalb so interessant für die Lokalgeschichte, weil sie nicht beeinflusst waren vom sowjetischen Narrativ, aber auch weil sie von der sowjetischen, wie österreichischen Geschichtsschreibung nicht beachtet wurden.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Viele zeigen in ihren Büchern große Sympathien. Beispielsweise im Fall von 90 Kriegsgefangenen, die im April 1919 aus der Stadt Osch ausgezogen waren in Richtung der Eisenbahnanbindung in Andischan, weil sie von dort repatriiert werden sollten und unterwegs von einer einheimischen aufständischen Gruppe massakriert wurden.  Diese „Tragödie von Osch“ wird immer wieder erwähnt, aber die Berichte zeigen Verständnis und beschreiben, wie die Bolschewiken mit Einheimischen umgegangen sind. Die Kriegsgefangenen, die darüber schreiben, sehen also ihre Position im Rahmen der Gesamtgeschehnisse.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was sind historiographische Verschiebungen seit 1991 mit dem Aufkommen einer unabhängigen Nationalgeschichtsschreibung?<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gab österreichische Internationalisten, die auf sowjetischer Seite gekämpft haben, über die gab es sowjetische Literatur, die aber sehr gefärbt war. Historiker in diesen Ländern müssen die eigene Geschichte wieder entwickeln. Speziell der Aufstand 1916 war lange kein Thema. In der sowjetischen Geschichtsschreibung war das ein Aufstand von Banditen, die russ. Siedler massakriert haben und dann die Kokander Autonomie, abermals Banditen und Räuber, die Widerstand gegen bolschewistische Machtübernahme geleistet haben. Das wird sicher neubewertet werden. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Ein kasachischer Historiker, der über die Rolle der Kriegsgefangenen im kasachischen Teil Turkestans geschrieben hat, wurde in sowjetischer Zeit kritisiert, weil er die Rolle der Kriegsgefangenen zu positiv gezeichnet hätte. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gibt eine Umwertung vieler Persönlichkeiten, die teilweise sehr weit zurückgehen, ein prominentes Beispiel <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/teil-1-die-nationale-identitat-usbekistans-2-0-das-erbe-einer-debatte/">ist Timur</a> (</em>Begründer der Dynastie der Timuriden, strebte eine Wiederherstellung des mongolischen Reiches an. In sowjetischer Geschichtsschreibung standen seine grausamen Eroberungen im Vordergrund, wogegen er im modernen Usbekistan als Manifestationspunkt einer usbekischen Nation gesehen wird, Anm. d. R.<em>). Die Bewertung der Kriegsgefangenen war dazu relativ neutral.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gibt es lokale Forschungstätigkeiten zu dem Thema?<br />
</strong><br />
<em>Auf meinen Recherchereisen sehe ich, dass es großes Interesse an Geschichte gibt, jedoch ganz wenig eigenständige Forschung.</em> <em>Ein tadschikischer Autor, der Historiker Prof. Tschalilow, schreibt über Kriegsgefangene in Chodschand und deren wirtschaftlichen und kulturellen Rolle in jener Zeit.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Im Fergana-Tal gibt es eine Gruppe lokaler Historiker, die darüber forscht und eine Publikation vorbereiten. Großes Interesse gibt es auch von Seiten der Usbekischen Akademie der Wissenschaften. Es wäre wünschenswert, wenn das in Kooperation mit österreichischen Institutionen geschieht, wie so oft ist es ein Problem der Finanzierung. Es wäre auch schön, ein mitteleuropäisches Projekt daraus zu machen und mit lokalen Museen und Archiven zu kooperieren. Es gab Kriegsgefangene aus dem heutigen Gebiet von Deutschland, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Österreich, Italien.</em></p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/tschechoslowakische-spuren-in-bischkek/">Tschechoslowakische Spuren in Bischkek</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Letztes Jahr gab es eine Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum, die sich Vorarlberger Kriegsgefangenen in Turkestan widmete. Wie kam es zu diesem Forschungsschwerpunkt?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Vorarlberg war militärisch Tirol zugeordnet. Tiroler Einheiten, darunter Kaiserjäger und Kaiserschützen, wurden 1914 in die Karpaten verlegt und in der Festung Przemyśl stationiert. Durch Zufall sind wir auf eine Liste mit verbliebener Kriegsgefangene 1920 gestoßen. Als westlichster Teil der Donaumonarchie ist es interessant, dass besonders von dort proportional viele Kriegsgefangene in Turkestan gelandet sind. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Vorarlberg ist überschaubar. Es ist uns gelungen, eine umfassende Liste mit biographischen Daten von ca. 500 Vorarlberger Kriegsgefangenen zu erstellen, die in Turkestan interniert waren, die demnächst publiziert werden soll. Das war der Anlass für die Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum vom 16. September bis 20. November 2016. Sie basierte auf Nachlässen von Vorarlberger Kriegsgefangenen und Interviews mit deren Nachkommen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Von großem Interesse sind nicht nur materielle Nachlässe, sondern auch, welche Bilder von Turkestan in den Familien weitergegeben worden sind. Das ist schwierig, weil man froh sein muss, wenn man noch Enkel interviewen kann.</em></p>
<figure id="attachment_10887" aria-describedby="caption-attachment-10887" style="width: 5152px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10887" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min.jpg" alt="" width="5152" height="3864" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min.jpg 5152w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-800x600.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Spurensuche-Ausstellung-VbgMusuem-Bregenz6_foto-K.Haag-min-1300x975.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 5152px) 100vw, 5152px" /><figcaption id="caption-attachment-10887" class="wp-caption-text">Peter Felch mit Hund vor einer Jurte im Vorarlberg Museum</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Genau über diese familiengeschichtliche Rezeption hat VENI einen 60-minütigen <a href="http://stadtkinowien.at/film/1006/">Dokumentarfilm </a>„Es geht mir gut, ich komme bald“ produziert, der hauptsächlich auf Interviews mit österreichischen Nachkommen von Kriegsgefangenen beruht. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, die Dokumentation von Erinnerungen. Wir waren auch vor Ort in Zentralasien und konnten dort an manchen Schauplätzen filmen. Interviews mit Nachkommen aus Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan sollen folgen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Im Dokumentarfilm wird auch die jüdische Gemeinde in Taschkent erwähnt.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Taschkent war die Hauptstadt des Generalgouvernement Turkestans. Es gab dort eine bucharische Gemeinde, wie auch in Buchara oder Samarkand. Durch Zuwanderung gab es in Taschkent auch eine aschkenasische jüdische Gemeinde. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Russland hatte bei der Eroberung Galiziens nicht nur Kriegsgefangene verschickt, sondern auch Teile der Zivilbevölkerung, darunter viele Juden und Jüdinnen, die als besonders „kaisertreu“ galten. Das Thema der Zivilgefangenen und Zivilverschickten ist noch weniger bekannt und untersucht als das der Kriegsgefangenen. Es wird in Memoiren erwähnt, dass gleichzeitig mit den Kriegsgefangenen auch Züge mit deportierten Zivilisten unterwegs waren. Es gibt Erwähnungen von Juden aus Galizien und der Bukowina, die in Turkestan den Anschluss an die aschkenasische Gemeinde gefunden haben.</em></p>
<figure id="attachment_10885" aria-describedby="caption-attachment-10885" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10885" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen.jpg" alt="" width="1024" height="1536" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-200x300.jpg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-768x1152.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/F.Praeg_Kriegsgefangen-in-Asiatischen-Steppen-683x1024.jpg 683w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10885" class="wp-caption-text">F.Praeg- Kriegsgefangen in Asiatischen Steppen</figcaption></figure>
<p><strong>Wie ist die Memoirenliteratur allgemein zu bewerten?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Die Memoirenliteratur ist größtenteils von Offizieren verfasst. Viele davon waren sehr deutschnational ausgerichtet. Viele aus heutiger Sicht auch sehr antisemitisch. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gab natürlich auch Juden unter den Kriegsgefangenen. In der Literatur findet man Neidkomplexe und den Vorwurf, dass sich jüdische Kriegsgefangene mit den Russen „zusammengetan hätten“, weil sie oft den Kontakt mit russischen Behörden und Bevölkerung übernommen haben. Soldaten aus Gallizien konnten sich sprachlich einfach besser verständigen. Das  verstärkte vorhandene antisemitische Vorurteile. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Innerhalb der Lager bestanden natürlich ethnisch- nationale Unterschiede weiter, da hat sich Turkestan aber nicht wesentlich unterschieden von anderen Kriegsgefangenlagern in Russland.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Quellen sind noch für die zeitgeschichtliche Forschung von Bedeutung?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>In Österreich ist vor allem das Österreichische Kriegsarchiv zu nennen, das Karteien der einzelnen Kriegsgefangenen besitzt. Auch Listen des Roten Kreuzes. Diplomatische Korrespondenzen lagern im Staatsarchiv. Natürlich auch jeweilige Landes- und Regionalarchive. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Sehr wichtig sind private Nachlässe, deren Bedeutung von späteren Generationen oft nicht erkannt wird und sie deswegen verloren gehen. Aus diesem Grund hatten wir in Vorarlberg den Aufruf an Familien gestartet, Nachlässe einzureichen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>In Zentralasien ist sicher Taschkent das wichtigste Archiv, aber eben auch sehr viele lokale Archive, wo zum Beispiel Polizeiakten lagern.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was ist das bauliche Erbe der Kriegsgefangenen, welche Denkmäler und Strukturen sind vor Ort noch vorhanden?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gibt die Hochgebirgsstraße im Isfairam-Tal in Südkirgistan, die von Kriegsgefangen erbaut worden ist und von der Teile erhalten sind. Wir konnten sie besuchen, filmen, fotografieren und mit Einheimischen sprechen. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es ist die Rede von etlichen Gebäuden: die <a href="https://novastan.org/de/bild-des-tages/tachkent-photo-du-jour-07062013/">katholische Kathedrale von Taschkent</a> und Samarkand, die beide von Kriegsgefangenen erbaut worden sind. Laut der Historikergruppe in Fergana gibt es eine große Anzahl von Gebäuden.  </em></p>
<figure id="attachment_10888" aria-describedby="caption-attachment-10888" style="width: 671px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10888" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b.jpg" alt="" width="671" height="665" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b.jpg 671w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-300x297.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-32x32.jpg 32w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-50x50.jpg 50w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-64x64.jpg 64w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-96x96.jpg 96w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/Gedenkstein-Samarkand1b-128x128.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 671px) 100vw, 671px" /><figcaption id="caption-attachment-10888" class="wp-caption-text">Gedenkstein in Samarkand</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><em>Dann wären Gedenksteine auf lokalen Friedhöfe zu nennen, großteils auf Deutsch, aber auch einige, die mehrsprachig sind. In der Nähe von Chudschand habe ich im Hinterhof eines Privathauses ein Gedenkkreuz auf Deutsch, Russisch, Usbekisch und in arabischer Schrift gefunden. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Kriegsgefangene wurden in Zeiten von Epidemien in Massengräbern begraben. Ab und zu Einzelgräber, die heute weitgehend verschwunden sind. Teilweise wurden separate Friedhöfe errichtet, teilweise wurden orthodoxen Friedhöfen benutzt. In der Regel wurden die Gedenksteine durch Offiziere errichtet.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Am Kaspischen Meer im Fort Schewtschenko, gibt es einen gut erhaltenen Obelisken und lokale Journalisten interessieren sich dafür. Oft sind es Hobbyhistoriker, die sich lokal für das Thema einsetzen und Spuren erhalten. Vieles scheitert jedoch an der Finanzierung.</em> <em>Ich denke, dass Kriegsgefangene nicht ganz vergessen werden sollten, wenigstens die Namen wären zu kennzeichnen.</em></p>
<p><strong>Ein abschließender Ausblick: welche Projekte sind in naher Zukunft geplant?</strong></p>
<p><em> In Planung sind Spezialreisen, bei denen normale touristische Aspekte Zentralasiens mit Erinnerungen und Spuren an Kriegsgefangene verbunden werden könnten. Eine Trekking-Tour entlang der Hochgebirgsstraße im Süden Kirgistans zum Beispiel.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>2018 wollen wir eine zentrale Ausstellung in Wien zu dem Thema organisieren. Wichtig wäre es auch, durch Ausstellungen in Zentralasien das Thema in den jeweiligen Ländern ins Gespräch zu bringen.</em></p>
<p><strong>Ich bedanke mich herzlich für unser Gespräch!</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Das Interview führte Lukas Dünser<br />
Chefredakteur Novastan.org</strong></p>
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