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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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		<title>Polygamie in Zentralasien: Zwischen Recht und Realität</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Nov 2025 13:40:35 +0000</pubDate>
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<p class="wp-block-paragraph">Ein Skandal vergangenen Sommer eröffnete einmal mehr die Debatte um Polygamie in zentralasiatischen Gesellschaften – und um die Vereinbarung von illegalen Ehen mit mehreren Frauen. Dies nahm Radio Azattyq zum Anlass zu ergründen, warum die Praxis der „zweiten Frauen” in den Ländern Zentralasiens trotz formeller Verbote nach wie vor weit verbreitet ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juni, kurz vor der parlamentarischen Sommerpause, stimmten die Abgeordneten des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschogorku_Kengesch">Dschogorku Kengesch</a> (Parlament Kirgistans, Anm. d. Übers.) für Änderungen im Strafgesetzbuch, darunter auch die Aufhebung des Artikels, der eine strafrechtliche Verfolgung von Polygamie vorsah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die breite Öffentlichkeit erfuhr davon erst im August, als Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sadyr_Dschaparow">Sadyr Dschaparow</a> das Dokument mit Einwänden an das Parlament zurückgab.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Polygamie verletzt die Würde von Frauen und Mädchen, verletzt ihr Recht auf Gleichberechtigung und Schutz in der Familie, hat schwerwiegende Folgen, einschließlich materieller Entbehrungen und Verletzung von Vermögensinteressen, und schadet Kindern und ihrem Wohlergehen“</em>, hieß es in einer Erklärung der Präsidialverwaltung zu diesem Thema.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Versuch, die Polygamie in Kirgistan zu legalisieren</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur Dschaparow und seine Verwaltung sprachen sich gegen die Abschaffung der Strafe für Polygamie aus, sondern auch die Generalstaatsanwaltschaft, die Ombudsstelle und andere staatliche Stellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Seiten der Abgeordneten wurden Rechtfertigungen laut. Einige erklärten, dass sie die Legalisierung der Polygamie nicht diskutiert und nicht dafür gestimmt hätten, sondern dass die Änderung erst nach der Abstimmung in das Dokument „eingeschlichen” sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derzeit ist Polygamie in Kirgistan weiterhin strafbar. Artikel 176 des Strafgesetzbuches von Kirgistan verbietet das Zusammenleben eines Mannes mit zwei oder mehr Frauen „unter gemeinsamer Haushaltsführung”. Ein Verstoß wird mit gemeinnütziger Arbeit, Strafarbeit oder einer Geldstrafe geahndet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch trotz des formellen Verbots ist Polygamie in Kirgistan keine Seltenheit, auch nicht unter den bekannten Persönlichkeiten des Landes. Im Jahr 2017 gab der ehemalige Großmufti Tschubak Dschalilow <a href="https://kaktus.media/doc/366768_mvd:_dela_ne_bydet_poka_jena_chybak_ajy_ne_podast_zaiavlenie.html">öffentlich zu</a>, eine zweite Frau geheiratet zu haben. Der Geschäftsmann Askar Salymbekow, Eigentümer des Marktes „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dordoi-Basar">Dordoj</a>“, sprach offen über seine „Doppelehe“. Selbst der ehemalige Ombudsmann Tursunbaj Bakir uulu rechtfertigte die Polygamie wiederholt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/polygamie-in-kirgistan-ehemaliger-mufti-lost-polemik-aus/">Polygamie in Kirgistan: ehemaliger Mufti löst Polemik aus</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn die Frau krank ist oder keine Kinder bekommen kann, warum sollte man sich dann scheiden lassen? Mit ihrer Zustimmung kann man eine weitere Frau heiraten. Diese wird nicht nur deine Frau sein, sondern auch die Schwester deiner Frau”</em>, sagte Bakir uulu <a href="https://rus.azattyk.org/a/27243501.html">in einem Interview</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal werden Fälle von Polygamie unter Politikern bekannt. Der ehemalige Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurmanbek_Bakijew">Kurmanbek Bakijew</a> war während seiner Amtszeit von 2005 bis 2010 offiziell mit Tatjana Bakijewa verheiratet, die ihn als First Lady begleitete. <a href="https://rus.azattyq.org/a/Kurmanbek_Bakiev_/2020490.html">Wie sich herausstellte</a>, zog er jedoch gleichzeitig Kinder mit seiner zweiten „Ehefrau“, Nuzgul Tolomuschewa, groß. Mit ihr verließ er das Land nach dem Sturz seines Regimes und ging nach Belarus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Verstöße gelangen in der Regel nicht bis zur Polizei und erst recht nicht vor Gericht, meinen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten. Es gibt keine bekannten Fälle von Bestrafungen nach Artikel 176 und „erste Ehefrauen” wenden sich äußerst selten an die Strafverfolgungsbehörden, wenn sie erfahren, dass ihr Mann eine zweite oder sogar dritte „Ehefrau” hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a> tätigen Menschenrechtsaktivistin Muchajoo Abduraupowa wenden sich jedoch regelmäßig Dutzende von Frauen, die unter Polygamie leiden, privat an sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Mann vergnügt sich zuerst mit der einen, dann mit der anderen, sein Vermögen bleibt ihm erhalten. Sie schließen eine muslimische Ehe und widerrufen diese dann bei der Polizei. Sie verstecken sich hinter der Religion, helfen aber in Wirklichkeit keiner der beiden Frauen. Oder es kommt vor, dass sich die Beziehung zur ersten Frau verschlechtert hat und die Männer alles für die zweite Frau tun, während sie die erste vor die Tür setzen“</em>, erzählt Abduraupowa.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Streben nach materiellem Wohlstand und rechtlose Kinder</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt keine offiziellen Statistiken darüber, wie verbreitet Polygamie in Zentralasien ist. De jure erkennen alle fünf Länder nur eine Ehe an – die im Standesamt geschlossene. Die zweite und alle weiteren „Ehen“ entstehen in der Regel nach dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Ehe">Nikah</a>, einer muslimischen religiösen Zeremonie, die nicht als rechtmäßig gilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Usbekistan ist Polygamie, wie auch im benachbarten Kirgistan, gesetzlich verboten. Das Zusammenleben mit zwei oder mehreren Frauen „unter gemeinsamer Haushaltsführung” wird mit Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren geahndet. In der Praxis wird Polygamie jedoch auch in Usbekistan offen praktiziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bahodir Elibaev, ein 43-jähriger Englischlehrer in einem Bezirk der Region Fergana in Usbekistan, lebt seit 13 Jahren offen mit zwei Frauen zusammen. Mit Mavzhuda hat er eine offizielle Ehe geschlossen, mit der zweiten Frau, Yulduz, eine Nikah-Ehe. Elibaev behauptet, dass er und seine „Ehefrauen” sich „bewusst” und im Einvernehmen aller Beteiligten für die Polygamie entschieden hätten: <em>„Ich verstehe, dass es für meine Frauen nicht leicht ist. Nicht jede Frau möchte ihren Mann mit einer anderen teilen. Aber auch für mich ist es nicht leicht. Ich muss beide gleich behandeln und beide Familien gleich versorgen.&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Elibaev hat fünf Kinder von beiden Frauen. Die beiden sehen sich fast nie und haben keinen Kontakt miteinander. Die offizielle Ehefrau Mavzhuda sagt, dass ihr die Entscheidung, die zweite Familie ihres Mannes zu akzeptieren, nicht leicht gefallen sei: <em>„Ich mag die zweite Frau meines Mannes nicht. Wer würde sie schon mögen? Aber ich liebe meinen Mann. Er kümmert sich um mich und die Kinder und hat in unserer Familie eine solche Atmosphäre geschaffen, dass ich nicht das Gefühl habe, dass er noch eine andere Frau hat. Deshalb habe ich meine Ehe nicht zerstört.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/usbekistan-bekaempft-polygamie/">Usbekistan bekämpft Polygamie</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite „Frau“ Yulduz sagt, dass sie <em>„nichts zu beanstanden“</em> habe. Gleichzeitig gibt sie zu, dass sie sich wünschen würde, dass die Polygamie in Usbekistan legalisiert würde: <em>„Das Gesetz besagt, dass ein Mann nicht mit mehreren Frauen unter einem Dach leben darf. Wir leben getrennt. Die erste Frau hat ihr eigenes Haus, und ich habe meines. Ich beschwere mich nicht, mein Mann versorgt mich mit allem Notwendigen, behandelt beide Frauen fair und hat unsere Kinder offiziell anerkannt. Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass es in Usbekistan für zweite Frauen erlaubt wäre, ihre Ehe über das Standesamt legalisieren zu lassen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass es in Usbekistan nicht wenige solcher Familien gibt, lässt sich indirekt daran erkennen, dass die Behörden wiederholt versucht haben, den Kampf gegen die Polygamie zu verschärfen. Im Jahr 2017 drohte Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shavkat_Mirziyoyev">Shavkat Mirziyoyev</a> Imamen, die Nikahs ohne Heiratsurkunde durchführen, mit Geldstrafen. Damals erklärte er, dass die meisten solcher Fälle in der Hauptstadt Taschkent registriert würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Oktober 2023 unterzeichnete Mirziyoyev ein Gesetz, das die Strafen für die Propagierung von Polygamie und die Durchführung von Nikah ohne staatliche Registrierung verschärfte. In der Praxis jedoch etabliert sich die Polygamie zunehmend als „Norm“, die nicht nur von Männern, sondern auch von vielen Frauen freiwillig akzeptiert wird, erzählt eine usbekische Menschenrechtsaktivistin, die anonym bleiben möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/gebunden-durch-tradition-das-stille-leiden-der-schwiegertoechter-in-usbekistan/">Gebunden durch Tradition: Das stille Leiden der Schwiegertöchter in Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin fügt jedoch hinzu, dass Mädchen, die eine solche „Ehe“ eingehen, einen wichtigen rechtlichen Aspekt vergessen: <em>„Junge Frauen, die Zweitfrauen werden wollen, begründen ihren Wunsch damit, dass Männer ihnen ein Auto oder ein Haus kaufen. Zweitfrauen sind von der Pflicht befreit, sich um die Eltern und Verwandten ihres Mannes zu kümmern. Aber in ihrem Streben nach materiellen Gütern vergessen sie die andere Seite der Medaille. Kinder, die in inoffiziellen Ehen geboren werden, sind gesetzlich überhaupt nicht geschützt. Wenn der Mann die Beziehung beendet, werden ihre Kinder jeglicher Sozialhilfe in Form von Unterhalt beraubt, ganz zu schweigen vom Erbrecht“.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Folgen der Arbeitsmigration</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die 27-jährige Mehrangez aus Tadschikistan weiß aus eigener Erfahrung um die rechtliche Schutzlosigkeit nicht nur von Kindern, die in einer inoffiziellen Ehe geboren wurden, sondern auch von „zweiten Frauen“. In Tadschikistan ist Polygamie ebenfalls offiziell verboten. In Wirklichkeit leben Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Frauen in religiösen Ehen, die rechtlich nicht anerkannt sind, sodass sie weder Anspruch auf Vermögen noch auf Unterhalt oder staatlichen Schutz haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor drei Jahren lernte Mehrangez während einer schmerzhaften Scheidung einen verheirateten Mann kennen, der neun Jahre älter war als sie. Er versicherte ihr, dass er sie nicht verlassen würde, und bat sie, ihn in einer religiösen Zeremonie zu heiraten und ihm einen Sohn zu gebären – in seiner offiziellen Ehe hatte er vier Töchter.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir haben ein Nikah geschlossen, danach mietete er eine Wohnung für mich und blieb ein- bis zweimal pro Woche bei mir“</em>, erzählt Mehrangez. <em>„Ein Jahr nach der Geburt unseres Sohnes kaufte er eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Duschanbe. Er liess sie auf seinen Namen überschreiben, erklärte sich aber bereit, die Vaterschaft anzuerkennen und gab dem Kind seinen Nachnamen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Zeit begann sich seine Einstellung zu Mehrangez zu ändern: <em>„Er begann zu sagen, ich sei eine schlechte Ehefrau. Wenn ich nicht nachgiebig bin, droht er mir, mich rauszuwerfen und meinen Sohn mitzunehmen. Damit erpresst er mich ständig.&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie im siebten periodischen Bericht Tadschikistans, der 2024 dem UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau vorgelegt wurde, festgestellt wird, haben die Gerichte des Landes von 2019 bis 2022 etwa 375 Fälle über Polygamie verhandelt und Hunderte von Urteilen ausgesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/mit-17-jahren-zwei-fehlgeburten-und-eine-scheidung-wie-fruehe-heirat-das-leben-von-maedchen-in-zentralasien-zerstoeren-kann/">„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Expertinnen und Experten sind jedoch überzeugt, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs sind. Das tatsächliche Ausmaß des Problems lässt sich kaum einschätzen, da die Beteiligten alles tun, um eine öffentliche Bekanntmachung zu vermeiden: Männer aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung oder dem Zerfall ihrer offiziellen Familie, Frauen aus Mangel an anderen Möglichkeiten, ihren sozialen Status zu festigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Frauen stimmen einer Ehe zu, um ihren akzeptablen sozialen Status ohne Verurteilung durch die Gemeinschaft zu bewahren, meist wenn sie geschieden oder alleinstehend sind, oder um ihren wirtschaftlichen Wohlstand zu verbessern“</em>, vermutet Nargis Saidowa, Leiterin der Nichtregierungsorganisation „Gender und Entwicklung“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Situation wird durch die massive Arbeitsmigration noch verschärft. <em>„Oft heiraten Männer in Tadschikistan in ihrer Heimat, bekommen zwei oder drei Kinder und verlassen diese Familien dann, um ins Ausland zu gehen, und heiraten dort erneut“</em>, sagt der tadschikische Journalist Siroschiddin Tolipow.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es kommt nicht selten vor, dass Männer, die migriert sind, den Kontakt zu ihren Familien abbrechen, ihnen keine finanzielle Unterstützung mehr zukommen lassen und die Frauen mit ihren Problemen allein lassen“</em>, fügt Gender-Expertin Saidowa hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ueber-ausgesetzte-kinder-zentralasiatischer-migrantinnen-in-russland/">Über ausgesetzte Kinder zentralasiatischer MigrantInnen in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer der seltenen Fälle, der große Aufmerksamkeit erregte, war der Fall von Parwiz Dawlatow, dem Leiter einer Abteilung von „Megafon-Tadschikistan“. Vor vier Jahren schlug seine offizielle Ehefrau seine &#8222;zweite Frau“ zu Tode. Das Gericht befand Dawlatow in mehreren Punkten für schuldig, darunter Polygamie, und seine Frau wegen versuchten Mordes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Soziologin Gulnora Beknazarowa, Direktorin des Forschungszentrums „Zerkalo“, führt die zunehmende Patriarchalisierung der Gesellschaft zu einem Wertewandel: Für viele Frauen bleibt die Familie die einzige Überlebensquelle, und jede Form der Ehe erscheint ihnen akzeptabel.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Soziale Ungleichheit und die Folgen der Arbeitsmigration tragen weiterhin zur Aufrechterhaltung der Praxis der Polygamie bei. Die Gesellschaft muss die stattfindenden Veränderungen aufmerksam beobachten. Diese Transformation kann unvorhersehbare Folgen haben. Beispielsweise beobachten wir immer häufiger, dass Männer nach einer Scheidung ihre eigenen Kinder scheinbar nicht mehr sehen wollen. Mit dem Ende der Ehe endet auch ihre Vaterschaft. Und vielleicht denken einige Frauen gerade deshalb in ihrer Verzweiflung, dass niemand außer ihnen ihre Kinder braucht. Daraus resultieren Tragödien, in denen Mütter sich das Leben nehmen und ihre Kinder mit in den Tod reißen. Diese Prozesse müssen dringend und ernsthaft untersucht werden“</em>, meint Beknazarowa und verweist dabei auf die zunehmenden Fälle von Kindermord und Selbstmord unter Frauen in Tadschikistan.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Wir brauchen ein System, das die Rechte aller Beteiligten schützt, insbesondere der Schwächsten“</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die 30-jährige Kasachin Arujan (Name geändert, Anm. d. Aut.) hat keine Nikah geschlossen und sich geweigert, die zweite Familie ihres Mannes zu akzeptieren. Sie ist die Tochter eines Mannes, der zwei Familien hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Arujan erfuhr davon, als sie in der dritten Klasse war: <em>„Meine Mutter erfuhr davon und erzählte es uns. Dabei handelte es sich um die beste Freundin meiner Mutter. Mein Vater lebte in zwei Haushalten, das dauerte etwa 12 Jahre. Dabei versorgte mein Vater beide Familien vollständig. In der einen Familie gab es einen Sohn und eine Tochter, ihre Kinder aus erster Ehe. Wir waren acht Kinder, und ich bin die Älteste. Meine Mutter hat diese Situation schwer ertragen. Obwohl ich noch ein Kind war, habe ich gesehen, wie schwer es für sie war. Irgendwann hat sie sich damit abgefunden.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/baeibise-und-toqal-erste-und-zweite-ehefrau-in-kasachstan/">Bäıbişe und Toqal: erste und zweite Ehefrau in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Arujan glaubt, dass ihre Mutter aus mehreren Gründen beschlossen hatte, sich nicht scheiden zu lassen: <em>„Vielleicht liebte sie Papa zu sehr oder tat es den Kindern zuliebe. Und Mama konnte nirgendwo hingehen. Sie ist Kasachin aus Russland, ihre ganze Verwandtschaft lebte dort; in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)">Taraz</a> (im südlichen Kasachstan, Anm. d. Übers.) hatte sie niemanden. Papas Verwandte waren natürlich nicht einverstanden, aber da Papa das älteste Kind in der Familie war, konnte sich niemand gegen ihn stellen. Und er ist ein ziemlich wohlhabender Mann, vielleicht hat das auch eine Rolle gespielt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Allmählich begannen beide Familien, miteinander zu kommunizieren: <em>„Sie kamen zu uns zu Besuch, das galt als normal. Ich habe diese Zeit fast nicht miterlebt, da ich nach Beginn meines Studiums von Taras weggezogen bin. Jetzt bin ich verheiratet, und wenn man mich nach Polygamie fragt, kann ich sagen, dass ich kategorisch dagegen bin. Ich erinnere mich an alles, was meine Mutter durchgemacht hat. Wenn ich mich an diese Situation erinnere, wird mir immer noch unwohl.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit etwa 10 Jahren, sagt Arujan, lebt ihr Vater mit seiner rechtmäßigen Ehefrau zusammen. Aber seine früheren Entscheidungen haben sich auf alle Kinder ausgewirkt. <em>„Meine Brüder zum Beispiel können ihren Frauen sagen: ‚Unser Vater hatte auch eine zweite Familie, also ist das in Ordnung. Die Leute leben damit, und nichts passiert.&#8216; Das heißt, dieselbe Situation wiederholt sich praktisch. Es ist gut, dass meine Mutter sich in diesem Fall nicht zurückzieht, sondern mit ihren Söhnen spricht und ihnen erklärt, dass man so etwas nicht tun darf“</em>, erzählt Arujan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan ist Polygamie nicht strafbar (die entsprechende Vorschrift wurde bereits 1991 aufgehoben), aber eine zweite Ehe kann nicht offiziell registriert werden – das Standesamt lehnt dies ab, wenn der Ehemann oder die Ehefrau bereits verheiratet ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf diese Weise bekennt sich der Staat zur Monogamie, greift aber faktisch nicht in informelle Partnerschaften ein, meint die kasachische Expertin für Genderfragen, Aıgerim Kusaınyqyzy: <em>„Es entsteht eine Art ‚Grauzone‘. Formal ist es nicht verboten, aber es gibt auch keinen Schutz durch den Staat.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/warum-die-menschen-in-kasachstan-inzwischen-seltener-heiraten/">Warum die Menschen in Kasachstan inzwischen seltener heiraten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kusaınyqyzy ist überzeugt, dass das Problem der Polygamie in Zentralasien akut ist und einer gründlichen Untersuchung und Neubewertung bedarf. <em>„Es geht nicht nur um eine einfache Verschärfung der Strafen, sondern um eine umfassende Reform, die auf den tatsächlichen Schutz der Rechte von Frauen und Kindern abzielt. Das derzeitige System funktioniert nicht, da Fälle schwer aufzudecken und zu beweisen sind. In Kirgistan muss beispielsweise die ‚gemeinsame Haushaltsführung&#8216; nachgewiesen werden – dies lässt sich selten vor Gericht beweisen. Auch in Tadschikistan sind die Formulierungen in den Gesetzen vage. Die Strafverfolgungsbehörden selbst räumen ein, dass es rechtlich schwierig ist, zwischen einer ‚zweiten Frau&#8216; und einer Lebensgefährtin zu unterscheiden“</em>, ordnet die Expertin ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf das gesetzliche Verbot der Polygamie räumt Kusaınyqyzy ein, dass dieses Phänomen nicht vollständig beseitigt werden kann, hält es jedoch für durchaus realistisch, es einzudämmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die strafrechtliche Verfolgung muss sich auf den tatsächlichen Schaden konzentrieren – Zwang, Gewalt, Betrug mit schwerwiegenden Folgen. Die Feststellung der Vaterschaft muss vereinfacht werden, es müssen klare Kriterien für den Nachweis einer tatsächlichen Ehe eingeführt werden: gemeinsame Kinder, Vermögen, Schulden – und das Recht auf Unterhalt in einer solchen Ehe muss gewährleistet werden. Es müssen reale Statistiken erhoben und mit dem allgemeinen Kampf gegen Gewalt gegen Frauen verknüpft werden. Der Punkt ist, dass einfache Verbote nicht funktionieren. Es braucht ein System, das die Rechte aller Beteiligten schützt, insbesondere der Schwächsten – Frauen und Kinder in nicht registrierten Partnerschaften“</em>, schließt Kusaınyqyzy.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Gulja Hadjaeva und Nargiz Hamrabaeva für Radio Azattyq</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/ya-ne-lyublyu-vtoruyu-zhenu-moego-muzha-poligamiya-v-tsentralnoy-azii-zakon-i-realnost/33524689.html">Russischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/mit-17-jahren-zwei-fehlgeburten-und-eine-scheidung-wie-fruehe-heirat-das-leben-von-maedchen-in-zentralasien-zerstoeren-kann/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[rferl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Jul 2025 18:38:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vor zwei Jahren hat Nigora aufgeh&#xF6;rt, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. &#xC4;hnlich sieht das Schicksal Tausender M&#xE4;dchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulpr&#xFC;fungen erwartet sie &#x201E;Nikah&#x201C; (religi&#xF6;se Trauung), anstelle einer h&#xF6;heren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begr&#xFC;nden die fr&#xFC;he Verheiratung ihrer T&#xF6;chter mit [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Vor zwei Jahren hat Nigora aufgehört, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. Ähnlich sieht das Schicksal Tausender Mädchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulprüfungen erwartet sie „Nikah“ (religiöse Trauung), anstelle einer höheren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begründen die frühe Verheiratung ihrer Töchter mit dem Wunsch, Traditionen zu wahren und die „Ehre“ zu bewahren. Sehr oft verbergen sich dahinter zerbrochene Schicksale und sogar Menschenrechtsverletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie haben mich verheiratet. Und sie haben mich nichts gefragt.“</em> &#8211; Die zierliche Nigora, die wie ein Teenager aussieht, ist jetzt 19 Jahre alt. Sie ist bereits geschieden und lebt wieder im Haus ihrer Eltern. In demselben Zimmer, in dem sie einst davon träumte, Ärztin zu werden. Nigora sagt, man erinnere sie hier oft daran, dass sie überflüssig sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich bin die Älteste in der Familie. Meine Mutter starb, als ich 15 war. Es war noch kein Jahr vergangen, da begann mein Vater mit Verwandten über meine Heirat zu sprechen. Sie sagten, es sei besser, mich früh zu verheiraten, bevor „Probleme“ aufträten“</em>, erinnert sich Nigora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald stellte sich heraus, dass sie mit einem entfernten Verwandten ihres Vaters, dem 25-jährigen Komil, verheiratet werden sollte. Der arbeietete auf einer Baustelle in Russland. Niemand fragte Nigora nach ihrer Zustimmung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals war ich gerade 17 geworden und hatte die 10. Klasse abgeschlossen. Komil kam aus Russland zurück und das war&#8217;s, sie haben mich verheiratet. Sie haben mich nicht gefragt. Es gab keine Hochzeit, nur eine bescheidene Nikah-Zeremonie und ein paar Gäste“</em>, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Leben im Haus ihres Mannes, mit seinen Eltern, Brüdern und Schwägerinnen, war gefüllt mit schwerer Arbeit: <em>„Früh morgens fegte ich den Hof, melkte die Kuh, säuberte den Stall, buk Fladenbrot und bereitete das Frühstück für alle zu. Wäsche waschen, Geschirr spülen, dann Mittagessen, dann Abendessen. Und so jeden Tag. Ich hatte keine Minute Ruhe. Als ich schwanger wurde, fuhr mein Mann wieder nach Russland. Einmal versuchte meine Schwägerin zu helfen, aber meine Schwiegermutter wies sie sofort zurecht: „Wozu ist die Schwiegertochter im Haus?“ Ich war moralisch und körperlich erschöpft. Bald darauf kam es zu einer Fehlgeburt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Monate vergingen, Komil kam zurück und Nigora wurde wieder schwanger. Sie hatte eine zweite Fehlgeburt. Die Verwandten meines Mannes beschuldigten sie, dass sie <em>„keine Kinder bekommen kann“</em>, und bestanden auf einer Scheidung. Komil sprach dreimal das Wort „Talak“ aus, was in der muslimischen Tradition die Auflösung der Ehe bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nigora kehrte in das Haus ihres Vaters zurück. <em>„Ich fühle mich von niemandem gebraucht. Ich habe keine Ausbildung, kein Geld und weiß nicht, wie weiter“</em>, sagt sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Brautraub und Frühehe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Asel (Name geändert), eine 17-jährige junge Frau aus der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> in Kirgistan, erinnert sich noch immer mit Bitterkeit an den Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie war 16 Jahre alt, ging in die 9. Klasse und plante, sich an einer Kunsthochschule zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ilschat ist neun Jahre älter als ich. Er schrieb mir, rief mich an, wir unterhielten uns ein wenig. Und dann kam er eines Tages mit Freunden vorbei, als ich zum Laden ging, und entführte mich einfach. Er brachte mich nach Hause, wo seine Verwandten bereits auf mich warteten. Am nächsten Tag riefen sie meine Eltern an, die kamen, mich aber nicht mitnahmen. Sie sagten, ich sei nun Ilschats Frau, das sei eine kirgisische Tradition [genannt „Ala Katschuu“, Entführung von Mädchen zum Zweck der Zwangsheirat, Anm. d. Red.]. Mein Vater hatte seinerzeit meine Mutter auf die gleiche Weise geheiratet. Es wurde eine religiöse Trauung abgehalten, und meine Eltern fuhren wieder weg“</em>, erzählt Asel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde Asel eine „Kelin“ [junge Schwiegertochter in den Ländern Zentralasiens, Anm. d. Red.]. Sie musste die Schule abbrechen und ihre Träume von einer Karriere als Künstlerin begraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich liebe es zu malen. Das war mein Ein und Alles. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand hatte. Ich möchte meine Gefühle zum Ausdruck bringen, aber mir fehlt die Zeit und die Kraft dazu“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor kurzem kam ihr Kind als Frühgeburt zur Welt: <em>„Wegen des Stresses habe ich keine Milch. Das Geld reicht gerade mal für Babynahrung. Mein Mann ist derzeit arbeitslos, wir leben bei seinen Eltern. Manchmal helfen mir meine Verwandten.“</em> Auf Fragen zu ihrer Beziehung zu ihrem Mann wollte sie nicht antworten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gesetzeslücken bei der Legalisierung früher Ehen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der internationalen Menschenrechtsorganisation Equality Now machen Frühehen beziehungsweise &#8222;Kinderehen&#8220; (von Personen unter 18 Jahren geschlossen) in Kirgistan etwa 13 Prozent aller Ehen aus. In Tadschikistan sind es 9 Prozent und in Usbekistan 3,4 Prozent, in den konservativeren Regionen des Landes jedoch bis zu 11 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei Equality Now und Mitautorin des Berichts „Barrieren überwinden: Die Lösung des Problems der Kinder-, Früh- und Zwangsehen in Eurasien“, erklärt, dass es für die Legalisierung solcher Ehen Gesetzeslücken gibt. <em>„Die Gesetze Kirgistans, Tadschikistans und Usbekistans erlauben es, das Heiratsalter auf 17 Jahre zu senken. Dies steht in direktem Widerspruch zu internationalen Standards, vor allem zur Konvention über die Rechte des Kindes und den Empfehlungen des Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau“</em>, so Grjasnowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tadschikistan erfolgt die Herabsetzung des Heiratsalters laut der Genderforscherin und nationalen Expertin Diana Ismailowa meist mit Zustimmung des Gerichts. Eine Analyse der Rechtsprechung aus den Jahren 2017 bis 2018, die über 500 Fälle umfasst, ergab, dass Richter in 82 Prozent der Fälle ihre Entscheidung mit der schwierigen finanziellen Lage der Familie des Mädchens begründeten. In fast der Hälfte der Fälle wurde <em>„die gegenseitige Liebe des Paares“</em> als Grund angegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/gebunden-durch-tradition-das-stille-leiden-der-schwiegertoechter-in-usbekistan/">Gebunden durch Tradition: Das stille Leiden der Schwiegertöchter in Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Ismailowa gab es auch <em>„absurde Begründungen”</em>: <em>„Es gab Fälle, in denen Gerichte eine Entscheidung nur deshalb trafen, weil die Kosten für die Hochzeit bereits angefallen waren und im Standesamt plötzlich festgestellt wurde, dass die Braut noch nicht 18 Jahre alt war. Solche Fälle machen nur 3 Prozent aus, aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, sagt viel über die Herangehensweise aus”</em>, schildert Ismailowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie betont, dass geschlechtsspezifische Aspekte in der Praxis der Gerichte praktisch nicht berücksichtigt werden: <em>„Die Gerichte achten selten auf die Rechte der Heiratswilligen, insbesondere der Mädchen – wie die Freiwilligkeit der Ehe, die Interessen des Kindes, die Möglichkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Juristin und Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa aus Tadschikistan verweist auf die offiziellen Daten zu registrierten Frühehen in diesem Land in den vergangenen Jahren – zwischen 0,8 und 1,02 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen gering zu sein und die Situation stabil. Aber das ist eine Illusion. Hinter den trockenen statistischen Daten verbirgt sich ein weitaus beunruhigenderes Bild – die Verbreitung informeller Ehen, die nach religiösen Bräuchen ohne staatliche Registrierung geschlossen werden“</em>, betont Aleksandrowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl &#8222;Nikah&#8220; keine Rechtskraft habe, beginne eine Vielzahl von frühen, erzwungenen und polygamen Verbindungen mit ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Gesetz „Über die Regelung von Feierlichkeiten und Zeremonien“ regelt nur den Ablauf der Trauung, die maximale Anzahl der Gäste bei der Hochzeit und die Dauer der Hochzeit selbst, verlangt aber nicht, dass der Mullah von den Brautleuten eine Heiratsurkunde verlangt, bevor er die Nikah-Zeremonie durchführen darf. Und es ist keine Verantwortung des Mullahs vorgesehen, dass er die Nikah-Zeremonie mit Minderjährigen ohne Überprüfung der offiziellen Dokumente durchführen kann“</em>, sagt die Juristin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Ein Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele Gründe, warum Familien weiterhin nicht volljährige Mädchen verheiraten. Wie Darjana Grjasnowa erklärt, ist wirtschaftliche Instabilität nach wie vor einer der Hauptgründe. Angesichts finanzieller Probleme sehen Familien eine frühe Heirat manchmal als Möglichkeit, die Belastung durch ein weiteres Familienmitglied zu verringern, Kosten zu senken, sogar ihren sozialen Status durch eine „gute Partie“ oder ihre finanzielle Situation durch eine Mitgift zu verbessern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Besonders gefährdet sind Mädchen. Der fehlende Zugang zu Bildung beraubt sie ihrer Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und erhöht das Risiko einer frühen Heirat. Dies führt zu einem Teufelskreis: Der Mangel an Bildung schränkt die Fähigkeit der Mädchen ein, für ihre Rechte einzutreten, verstärkt ihre Abhängigkeit von familiären und sozialen Erwartungen und macht eine frühe Heirat zu einem wahrscheinlichsten Ausgang“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht nur um Geld; die Beweggründe von Familien seien oft tiefgreifender und widersprüchlicher. Laut Gulnora Beknasarowa, Direktorin des Zentrums für soziologische Forschung „Serkalo“ in Duschanbe, sind an solchen Entscheidungen selten nur die Eltern beteiligt: Es handelt sich um eine kollektive Diskussion, bei der Großeltern, Tanten, Onkel und sogar Nachbarn mitreden. Alles wird berücksichtigt: der Status der Familie, die Meinungen der Umgebung, die unausgesprochenen Erwartungen der Gemeinschaft, der Druck der „sozialen Uhr“ – die Überzeugung, dass man „rechtzeitig“ heiraten muss, sonst ist der Ruf gefährdet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter meint Beknasarowa: <em>&#8222;Eltern fürchten die Verurteilung, wenn ihre Tochter unverheiratet bleibt. In der Gesellschaft kann man hören: „Sie ist schon 20 – sie ist alt.“ Das ist ein schreckliches Stigma, und obwohl es nicht immer laut ausgesprochen wird, beeinflusst es weiterhin das Schicksal der Menschen. In einer traditionellen Gesellschaft sind Normen und Bräuche oft wichtiger als Logik. Es werden keine kausalen Zusammenhänge zwischen einer frühen Heirat und beispielsweise einer Beeinträchtigung der reproduktiven Gesundheit, mangelnder Bildung oder der Unfähigkeit, sich im Falle einer Scheidung selbst zu versorgen, hergestellt. Es ist einfach so üblich, so „muss es sein.“&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/geschichte-zwei-wie-schwangere-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/">Wie schwangere Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa weist darauf hin, dass frühe Ehen oft als Mittel eingesetzt werden, um Mädchen zu einem erwarteten Verhalten zu „zwingen”: <em>„Die Eltern befürchten, dass ihre Tochter „vom rechten Weg abkommt“ und die Familie in Verruf bringt – insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Risiko einer außerehelichen Schwangerschaft als direkte Bedrohung der Familienehre angesehen wird. Unter solchen Umständen wird eine frühe Heirat als „Schutzmaßnahme“ dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit die Freiheit und Rechte des Mädchens einschränkt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der emotionale Faktor spielt eine Rolle, insbesondere bei älteren Familienmitgliedern. Wie Aleksandrowa sagt, ist der Wunsch, die Enkelin noch zu Lebzeiten zu verheiraten, manchmal ausschlaggebend: <em>„Für viele Großeltern ist die Hochzeit ein Symbol für die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe. Das Mädchen ist vielleicht noch nicht bereit, aber die Meinung der Älteren ist wichtiger als ihr eigener Wunsch.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unabhängig von den Motiven – wirtschaftlichen, kulturellen oder persönlichen – bleibt eine frühe und erzwungene Heirat eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie nimmt Mädchen das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Autonomie und die Freiheit, sie selbst zu sein, sagt Darja Grjasnowa: <em>„Für viele ist dies nicht der Beginn eines neuen Lebens, sondern der Eintritt in einen Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt, aus dem es sehr schwer ist, wieder herauszukommen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Frühe Heirat: eine Gefahr für Gesundheit, Psyche und Zukunft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mädchen, die in jungen Jahren heiraten, sehen sich oft mit schwerwiegenden körperlichen Folgen konfrontiert, die mit der Unreife ihres Körpers für eine Schwangerschaft zusammenhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Problemen ist Tahmina Saidowa täglich konfrontiert – sie ist Gynäkologin und Leiterin der gemeinnützigen Stiftung „Öffentliche Gesundheit und Menschenrechte“ in Duschanbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Zusammenhang zwischen frühen Ehen, frühen Schwangerschaften und schweren medizinischen Komplikationen ist unbestreitbar und gibt der medizinischen Fachwelt Anlass zu großer Sorge“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr zufolge haben Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, als Frauen über 20 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe dafür können vielfältig sein – starke Blutungen, Infektionen, Komplikationen nach unsicheren Abtreibungen. Der Körper einer Teenagerin ist nicht immer gänzlich bereit für eine Geburt: Beispielsweise kann es aufgrund eines schmalen Beckens zu einer schweren Geburt kommen, die oft mit Verletzungen, Behinderungen oder sogar dem Tod der Mutter und des Kindes endet. In einigen Fällen bleiben die Folgen ein Leben lang bestehen – von Rissen bis hin zur Bildung von Fisteln, die nicht nur die Gesundheit beeinträchtigen, sondern dem Mädchen auch ein normales Leben unmöglich machen“, schildert Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jungen Frauen unter 20 kommen häufiger Frühgeborene und untergewichtige Babys zur Welt, was ebenfalls das Risiko der Säuglingssterblichkeit erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/miss-world-2025-vertreterin-kirgistans-prangert-gewalt-gegen-frauen-an/">Miss World 2025: Vertreterin Kirgistans prangert Gewalt gegen Frauen an</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weniger verheerend sind die Auswirkungen früher Ehen auf die Psyche. <em>„Frühehen gehen oft mit Gewalt, Isolation und dem Verlust des Zugangs zu Bildung einher. All dies kann zu Depressionen, Angststörungen und sogar zu posttraumatischem Stress führen“</em>, sagt die Ärztin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Gefahr von Infektionen muss gesondert erwähnt werden. <em>„Aufgrund fehlender Sexualaufklärung und mangelnden Zugangs zu Verhütungsmitteln können sich junge Mädchen nicht vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Meistens haben sie keine Möglichkeit, auf ungeschützten Sex zu verzichten oder rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“</em>, betont Tahmina Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Menschenrechtsaktivistin Diana Ismailowa ist eine weitere schmerzhafte Folge der Frühehe die vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit der Mädchen.<em> „In der Regel haben sie keine Zeit, einen Beruf zu erlernen und die für den Eintritt in den Arbeitsmarkt erforderlichen Fähigkeiten zu erwerben. Die Ausbildung wird aufgeschoben und findet oft gar nicht statt. Was passiert, wenn diese Verbindung zerbricht? Die Frau ist dann schutzlos“</em>, sagt die Expertin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie kann die Praxis der Frühehen gestoppt werden?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Suhaili Kodiri, Leiter der Abteilung für den staatlichen Schutz der Rechte von Kindern im Büro des Ombudsmanns in Tadschikistan, werden derzeit konkrete Schritte zur Bekämpfung von Frühehen unternommen: Es wird diskutiert, die Norm aus dem Familiengesetzbuch zu streichen, die eine Senkung des Heiratsalters auf 17 Jahre erlaubt.<em> „Viele staatliche Stellen haben diese Initiative bereits unterstützt“</em>, betont er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgistan wurde im Mai dieses Jahres ein Entwurf für ein neues Familiengesetzbuch <a href="https://24.kg/obschestvo/329082_proekt_novogo_semeynogo_kodeksa_vkr_isklyuchaet_rannie_braki/">ausgearbeitet</a>, das Ehen unter 18 Jahren vollständig verbietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings reichen legislative und strafrechtliche Maßnahmen allein nicht aus, betont Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei der Organisation Equality Now. Ihrer Meinung nach liegen die Wurzeln des Problems tiefer: <em>„Die Praxis der Frühehen entsteht auf dem Boden von Geschlechterdiskriminierung, Armut und gesellschaftlichem Druck. Es handelt sich nicht nur um eine rechtliche, sondern auch um eine kulturelle und soziale Frage.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müsse man an mehreren Fronten dagegen vorgehen: die Gesetzgebung verschärfen und streng anwenden, Familien und Jugendliche über die Risiken einer frühen Heirat aufklären, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Mädchen und ihre Familien erweitern, den Betroffenen umfassende Hilfe leisten und vor allem die Gemeinschaften aktiv in die Neudefinition von Normen und Traditionen einbeziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diana Ismailowa, nationale Gender-Expertin aus Duschanbe, betont, dass dies nicht nur eine Angelegenheit für Gerichte oder Standesämter ist.<em> „Der Kampf gegen Frühehen betrifft alle: von Ministerien bis hin zu lokalen Meinungsführenden. Stellen Sie sich vor, im Abendprogramm würden im Fernsehen reale Geschichten von Mädchen gezeigt, die unter einer frühen Heirat gelitten haben. Die Medien prägen das Denken von Millionen“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mit-15-verheiratet-und-schwanger-kinderbraute-aus-kirgistan-erzahlen-ihre-geschichten/">Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Expertin schlägt sogar vor, das Verteidigungsministerium einzuschalten. <em>„Jungs heiraten oft schnell nach ihrem Militärdienst. Warum sollte man ihnen dort, bevor sie in ihr Heimatdorf zurückkehren, nicht Kurse über Familienkompetenz und die Rechte von Männern und Frauen anbieten? Das könnte die Grundlage für gesunde Beziehungen und verantwortungsvolle Entscheidungen schaffen“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die 19-jährige Nigora aus Duschanbe, die zwei Fehlgeburten und eine Scheidung hinter sich hat, spricht das Problem ganz einfach an: <em>„Lernt, träumt. Beeilt euch nicht. Heiratet nur, wenn ihr es selbst wollt und bereit dafür seid. Es ist euer Leben. Und es sollte mit eurer Zustimmung beginnen.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nargiz Chamrabajewa für Radio Azattyk</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-17-dva-vykidysha-i-razvod-kak-rannie-braki-lomayut-sudby-devochek-v-tsentralnoy-azii/33461019.html">Russische</a><a href="https://fergana.news/articles/138365/">n</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/mit-17-jahren-zwei-fehlgeburten-und-eine-scheidung-wie-fruehe-heirat-das-leben-von-maedchen-in-zentralasien-zerstoeren-kann/">„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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