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	<title>Kriegsgefangene Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Kriegsgefangene Archives</title>
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		<title>„Ich brauchte nur einen Reisepass“: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalität und Reue</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michèle Häfliger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 10:46:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>B&#xFC;rger aus Zentralasien stellen den gr&#xF6;&#xDF;ten Anteil ausl&#xE4;ndischer K&#xE4;mpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkr&#xE4;ften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien f&#xFC;r Moskau zu einer Quelle besonders anf&#xE4;lliger Rekruten geworden sind. Im Hof einer Milit&#xE4;rstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Bürger aus Zentralasien stellen den größten Anteil ausländischer Kämpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien für Moskau zu einer Quelle besonders anfälliger Rekruten geworden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Hof einer Militärstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine schreiten Dutzende von Gefangenen schweigend zum Speisesaal. An den Wänden um sie herum hängen Porträts von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Romanowitsch">Daniel von Galizien</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stepan_Bandera">Stepan Bandera</a> und anderen ukrainischen Nationalisten. Im größten Kriegsgefangenenlager des Landes sind alle Beschriftungen und Befehle auf Ukrainisch verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Bei uns läuft alles gut, sie sind ruhig, es gibt keine Schlägereien“</em>, erzählt ein Wachmann. Vor seinen Augen betreten die Gefangenen die Kantine zum Mittagessen. Ihre Gesichter sind verschlossen. Einige Häftlinge haben bereits vier Jahre im Lager verbracht. Vor allem weist ein Großteil von ihnen deutlich asiatische Gesichtszüge auf. Bei einigen handelt es sich um Russen aus sibirischen Republiken wie Burjatien und Jakutien, wo die Einberufungsquoten besonders hoch sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="771" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg" alt="" class="wp-image-44844" style="aspect-ratio:1.3281519161785866;width:1024px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-300x226.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-768x579.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi.jpg 1536w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kantine des Kriegsgefangenen-Camps am 15. April 2026. Foto: Driss Rejichi</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Viele andere sind Soldaten aus den fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. <em>„Die meisten Ausländer, die ich in der russischen Armee gesehen habe, kamen von dort“</em>, erklärt Chuschbacht Perusalijew. Im Frühjahr 2024 unterzeichnete der 47-jährige Tadschike einen Vertrag, um in der russischen Armee zu dienen. <em>„Man sagte mir: ‚Du wirst nicht an der Front sein, nichts dergleichen, du wirst einfach in einem Lager arbeiten‘ … Also habe ich zugestimmt“</em>, erinnert sich der Mann mit rasiertem Kopf und Bart. Eine Lüge: Wenige Wochen später wurde der Tadschike von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen, nachdem er bei einem Frontalangriff im Gebiet Donezk verwundet worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weit vor den 1.400 Männern aus afrikanischen Ländern oder den 200 indischen Staatsbürgern, die seit Kriegsbeginn von der russischen Armee rekrutiert wurden, sollen laut den im April 2026 von der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene veröffentlichten Daten bereits mehr als 12.000 Soldaten aus Zentralasien an der „militärischen Sonderoperation“ in der Ukraine teilgenommen haben. Mehr als die Hälfte der ausländischen Kämpfer, die für Russland kämpfen, stammen somit aus dieser Region.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Angesichts von Razzien und Ausweisungen: das Versprechen eines Passes</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Alle zentralasiatischen Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, befanden sich im Gefängnis von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykolajiw">Mykolajiv</a> und waren bereits vor 2022 in Russland. <em>„Die Rekrutierungsbemühungen, die sich an Ausländer richten, konzentrieren sich auf Arbeitsmigranten und Häftlinge, die eine Freiheitsstrafe verbüßen“</em>, betont ein Offizier der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Iljas, ein kirgistanischer Staatsbürger und Getränkehändler, der seit 2007 in Moskau lebt, unterzeichnete seinen Vertrag im April 2025. <em>„Mir wurde bei der Rekrutierung nicht direkt die Staatsbürgerschaft versprochen, aber ich wusste, dass ich später die Möglichkeit haben würde, sie zu erhalten“</em>, erklärt der Vierzigjährige.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 2024 unterzeichnete Wladimir Putin ein Dekret, das es ermöglichte, bestimmten Ausländern, die in der Armee gedient hatten, insbesondere während der „militärischen Sonderoperation“, die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Die Zahl der Ausländer, die davon profitiert haben, ist nach wie vor unbekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Ukraine berichten die zentralasiatischen Gefangenen übereinstimmend, dass sie nach einer kurzen Ausbildung an die Front geschickt wurden, was zu hohen Verlusten führte. <em>„Wir rückten auf ein Dorf vor, und schon auf dem Weg dorthin tauchten Drohnen auf und begannen, uns anzugreifen“</em>, erinnert sich Iljas, der knapp entkommen konnte und anschließend gefangen genommen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Chuschbacht wurde seinerseits bei einem Artillerieangriff verwundet, als er auf die ukrainischen Linien vorrückte: <em>„Die Hälfte der Gruppe fiel sofort, alle 200 [russischer Militärcode für Tote, Anm. d. Red.]“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Familienvater, dessen Frau und Kinder noch immer in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rjasan">Rjasan</a>, 200 Kilometer südöstlich von Moskau, leben, beschreibt, wie <em>„unmittelbar nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall“</em> im März 2024 ein Klima der Angst herrschte. Der von tadschikistanischen Staatsbürgern verübte und vom Islamischen Staat Khorasan beanspruchte Terroranschlag forderte mehr als 149 Todesopfer und führte zu einer Verschärfung der Lebensbedingungen für Migrierte aus Zentralasien in Russland. Laut Chuschbacht kam es häufig zu <em>„Razzien gegen Tadschiken“</em>, bei denen den Migranten <em>„sofort die Abschiebung mit Einreiseverbot“</em> auferlegt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/werden-die-angeklagten-im-fall-crocus-city-hall-ausgeliefert/">Werden die Angeklagten im Fall Crocus City Hall ausgeliefert?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Angst verzichtete der Mann darauf, seinen abgelaufenen Pass verlängern zu lassen, aus Furcht, auf dem Weg zur Botschaft in Moskau festgenommen zu werden. <em>„Schließlich kontrollierten Spezialeinheiten der Polizei die Baustelle, auf der ich arbeitete“</em>, erklärt der Migrant, dem daraufhin die Staatsbürgerschaft versprochen wurde, wenn er sich der Armee anschließe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es stimmt, dass Tadschiken nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall stärker ins Visier genommen wurden als andere Gruppen aus Zentralasien“</em>, betont Caress Schenk, Professorin für Politikwissenschaft an der Nazarbaev-Universität in Astana. Nach Angaben der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene sind Tadschiken mit mehr als 3.400 Rekruten die zweitgrößte Nationalität in der russischen Armee, hinter etwa 4.800 Usbeken und 2.400 Kasachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-vorwand-sind-kopftuch-bart-und-predigten-auf-dem-handy-migrantinnen-aus-zentralasien-berichten-ueber-islamophobie-in-russland/">Kopftuch und Bart – Migrant:innen aus Zentralasien über Islamophobie in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schenk weist jedoch darauf hin, dass in Russland <em>„die Maßnahmen zur Migrationskontrolle, Razzien und der Druck, zum Militär zu gehen, stark von der aktuellen Lage abhängen“</em>. Seit Kriegsbeginn konnten je nach Kontext auch andere Bevölkerungsgruppen ins Visier geraten. <em>„Manchmal gerät jede Person mit asiatischen Gesichtszügen unter Verdacht“</em>, bemerkt die Forscherin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit November 2025 müssen bestimmte in Russland lebende Ausländer einen Vertrag über den Eintritt in die Armee vorlegen, wenn sie die russische Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten wollen. Zu Beginn des Jahrzehnts machten Zentralasiaten jedoch mehr als 40 Prozent der in Russland lebenden Migranten aus und sind daher am stärksten von diesen neuen Maßnahmen betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar erklären alle von Novastan befragten Gefangenen, ihren Vertrag freiwillig unterzeichnet zu haben, um einen russischen Pass zu erhalten, doch betont Schenk auch, dass der zunehmende administrative Druck <em>„eher darauf abzielt, die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Migranten einzuschränken, als ihnen echte Wahlmöglichkeiten zu bieten.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ideologisch gefährdete Migranten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der prekären administrativen Lage stützt sich die russische Armee bei ihren Mobilisierungsbemühungen auch auf mögliche ideologische Affinitäten der zentralasiatischen Migranten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wollte in Russland leben. Um die Staatsbürgerschaft zu erlangen, auf die ich meiner Meinung nach Anspruch hatte, musste ich also dem Vaterland dienen“</em>, erklärt der 38-jährige Jasur Islamov in einem gleichgültigen Ton. Nach anderthalb Jahren in der Armee wird ihm im März 2025 endlich der Pass versprochen, sofern er an der Front bleibt. Jasur wird jedoch wenige Wochen später gefangen genommen, nachdem er bei einem Angriff von einer Drohne verwundet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/situation-zentralasiatischer-migrierter-in-russland-verschlechtert-sich/">Situation zentralasiatischer Migrierter in Russland verschlechtert sich</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Berichten anderer Ausländer, die zu Kriegsgefangenen wurden, wie beispielsweise Männer aus Afrika, haben Iljas, Jasur oder Chuschbacht nicht versucht, sich freiwillig zu ergeben oder zu desertieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um diese unterschiedlichen Verhaltensweisen im Kampf zu erklären, stellt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene fest, dass bestimmte Schichten der Migrantenbevölkerung <em>„russischsprachige Menschen sind, die in den 1970er oder 1980er Jahren in der UdSSR geboren wurden“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von Novastan befragten Gefangenen betonen ebenfalls, dass sie nach Russland zurückkehren wollen, in der Hoffnung, an einem Gefangenenaustausch teilzunehmen. <em>„Wir haben keinerlei Einwände gegen den Austausch von Bürgern aus zentralasiatischen Ländern“</em>, erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene. Unter den rund 7.000 bereits ausgetauschten russischen Soldaten bildeten Staatsangehörige aus Zentralasien jedoch eine sehr kleine Minderheit und betrafen nur Einzelfälle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die direkte Frage nach ihren Erfahrungen mit Rassismus in Russland vor oder während ihres Dienstes versichern die Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, alle, dass sie nie damit konfrontiert worden seien. Sie sind zudem zuversichtlich, dass sie sich nach ihrer Haft mit einem Reisepass wieder in die russische Gesellschaft integrieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Stellen Sie sich vor: Ich habe mein Leben riskiert, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, und nun soll ich in mein Land zurückgeschickt werden, obwohl ich dort nichts mehr habe? Das wäre ein großer Verrat“</em>, sagt Jasur mit scharfer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/warum-spricht-usbekistan-china-und-russland-sein-beileid-aus-aber-niemals-der-ukraine/">Warum spricht Usbekistan China und Russland sein Beileid aus, aber niemals der Ukraine?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Kriegsgefangenen haben jedoch bereits Enttäuschungen auf ihrem Weg als Migranten in Russland erlebt. Iljas, der seit Jahren mit einer Russin verheiratet ist, erzählt nüchtern, dass er <em>„vor langer Zeit die Staatsbürgerschaft beantragt und die Unterlagen eingereicht habe, aber sie wurde mir verweigert“</em>. Jasur gibt seinerseits bitter zu, <em>„nicht einmal das Geld aus dem Vertrag erhalten zu haben“</em>, da ihm von den achtzehn Monaten, die er in der Armee verbracht hat, nur zwei Monatsrenten ausgezahlt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich glaube, es braucht Jahre und verschiedene Formen der Bewusstseinsbildung, um verinnerlichte Diskriminierungen abzubauen“</em>, erklärt Schenk und erinnert daran, dass in der sowjetischen Vorstellungswelt Rassismus ausschließlich mit dem Westblock und dem Kapitalismus in Verbindung gebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter Berufung auf die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen">Genfer Konventionen</a> erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene, dass die Zentralasiaten wie alle anderen behandelt werden. Im Hof trainieren einige gemeinsam mit russischen Mitgefangenen an den Krafttrainingsgeräten des Lagers.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir hätten nie gedacht, dass wir hier landen würden“</em>, beklagt sich schließlich Jasur. Als man ihn daran erinnert, dass er sich in voller Kenntnis der Sachlage verpflichtet hat, wird der Häftling gereizt: <em>„Sie reden, als hätte ich extra unterschrieben, um Menschen zu töten… Ich brauchte einfach nur einen Ort zum Leben und einen Pass, um zu arbeiten und meine Familie zu ernähren.“</em> Nach einer Pause fügt er bedauernd hinzu: <em>„Ich sage nicht, dass wir das Richtige getan haben. Jeder macht Fehler. Jeder.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Driss Rejichi, Sonderkorrespondent in der Ukraine für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/guerre-en-ukraine/j-avais-juste-besoin-d-un-passeport-en-ukraine-les-prisonniers-de-guerre-d-asie-centrale-entre-loyaute-et-regrets/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/ich-brauchte-nur-einen-reisepass-zentralasiatische-kriegsgefangene-in-der-ukraine-zwischen-loyalitaet-und-reue/">„Ich brauchte nur einen Reisepass“: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalität und Reue</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kriegsgefangene in Turkestan: Gespräch mit dem Historiker Peter Felch – Teil 1</title>
		<link>https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lukas Gabriel Dünser]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Sep 2017 18:22:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Erster Weltkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsgefangene]]></category>
		<category><![CDATA[Turkestan]]></category>
		<category><![CDATA[Zwangsarbeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Etwa 200.000 Soldaten der &#xF6;sterreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der k.u.k-Armee, liegt es nahe, von einem mitteleurop&#xE4;ischen St&#xFC;ck Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der &#xF6;sterreichische Historiker Peter Felch, Gr&#xFC;nder des Vereins [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Etwa 200.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee waren im 1. Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlager im Gebiet des Generalgouvernements Turkestan interniert. Beachtet man die Vielsprachigkeit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Landstreitkräfte_Österreich-Ungarns_1867–1914">k.u.k-Armee</a>, liegt es nahe, von einem mitteleuropäischen Stück Geschichte in Zentralasien zu sprechen. Die Erinnerung daran und die Spuren vor Ort erforschen will der österreichische Historiker Peter Felch, Gründer des Vereins „<a href="http://www.veni-eurasia.net/wk_I.html">VENI</a>“ und Initiator des Projekts „<a href="http://www.spurensuche-turkestan.org/">Spurensuche Turkestan</a>“.<br />
Im ersten Teil des Interviews spricht er mit Novastan.org über Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Turkestan. <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2/">Teil 2 des Interviews</a> thematisiert, wie in Österreich und Zentralasien mit der Erinnerung und dem Gedenken an diese historischen Ereignisse umgegangen wurde und gibt einen Ausblick auf kommende Projekte.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Novastan.org: Wie kam es zur Gründung des Vereins „VENI“?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Peter Felch: <em>Der Verein Veni (Vienna Eurasia Network Initiative, Anm. d. R.) war eine Initiative von Österreichern, die in Zentralasien und im Kaukasus gearbeitet haben und daran interessiert waren, die Beschäftigung mit Zentralasien zu institutionalisieren. Gegründet wurde er schließlich 2012 in Wien mit dem Ziel, das Bewusstsein über diese Region durch Veranstaltungen zu fördern. </em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Beweggründe gab es für das Projekt „Spurensuche Turkestan“?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Spurensuche Turkestan“ wurde zwischen 2010 und 2012 gegründet. Ich war als Konfliktanalytiker für die Internationale unabhängige Untersuchungskommission für die Ereignisse in Südkirgistan vor Ort. Über das Fergana-Tal wird viel als „Pulverfass“ und potentielle Konfliktzone gesprochen. Seriöse Literatur über die wirtschaftliche, soziale und geopolitische Situation im Fergana-Tal ist jedoch rar. Es schwirren auf allen beteiligten Seiten viele Annahmen herum.</em><br />
<strong><br />
Das Fergana-Tal nimmt eine besondere Position in Zentralasien ein.<br />
</strong><br />
<em>Es ist der klimatisch günstigste und fruchtbarste Teil von ganz Zentralasien und teilt sich in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan auf. </em><br />
<em>Das Fergana-Tal leidet unter einer schwierigen Grenzsituation, es gibt viele Enklaven und Exklaven. Historisch ist es dabei aber ein wirtschaftlicher und sozialer Raum, in dem es sehr viel Austausch zwischen den Völkern gegeben hat. Kirgisen verkauften beispielsweise Vieh aus den Bergen, Usbeken und Tadschiken Handwerksprodukte und Getreide. </em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-grenzstadt-osch/">Die Grenzstadt Osch<br />
</a></strong><br />
<em>Die heutigen Grenzen in Zentralasien wurden in der Stalinzeit gemäß des Leitsatzes „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Divide_et_impera">Divide et Impera</a>“ (</em>Lat. für &#8222;Teile und Herrsche&#8220;, Anm. d. R.<em>) gezogen. Zuvor hatte es nämlich Bestrebungen gegeben, ein Gesamtturkestanisches Autonomes Gebiet zu gründen. In der Sowjetunion haben Grenzen aber kaum eine Rolle gespielt, sie waren lediglich im Pass angegeben, Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik, Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik und so weiter. </em><br />
<em> Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind aus diesen lediglich administrativen und fiktiven Grenzen reale staatliche Grenzen geworden. Straßen wurden unterbrochen, Handelsbeziehungen gestört, Familien auseinandergerissen. Das macht das Alltagsleben bis heute schwierig und teuer, weil dauernd Schmiergelder nötig sind.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Und in der Beschäftigung mit dieser Region tat sich Ihnen plötzlich ein weitgehend unbearbeitetes historisches Thema auf?<br />
</strong><br />
<em>In den 80er-Jahren hatte ich auf einem Flohmarkt in Wien ein Tagebuch von Fritz Willfort gekauft, der als Kriegsgefangener hauptsächlich in Skobelev im Fergana-Tal war und seine Erlebnisse beschreibt. Damals hatte ich es nur überflogen und war fasziniert davon, dass ich in 30 Jahren Reisen und Arbeiten in der Region noch nie davon gehört hatte, dass es in Zentralasien österreichische Kriegsgefangene gab. Als gelernter Historiker hat mich das interessiert. Es gibt praktisch keine Sekundärliteratur über das Thema. In Büchern über deutsche und österreichische Kriegsgefangene in Russland wird Turkestan nur am Rande erwähnt. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em> Als sich dann das 100-Jahr-Gedenken an den 1. Weltkrieg näherte, habe ich das Thema der ÖAW (</em>Österreichische Akademie der Wissenschaften, Anm. d. R<em>.) vorgeschlagen, leider ist das bis 2014 nicht zustande gekommen. Im Gedenkjahr waren Kriegsgefangene in keiner der Veranstaltungen wirklich ein Thema. Wenn man bedenkt, dass insgesamt 1,6 bis 2 Millionen österreichisch-ungarische Soldaten im 1. Weltkrieg Kriegsgefangene in Russland waren, davon 200.000 in Turkestan, ist es erstaunlich, dass eine so große Gruppe unter den Tisch gefallen ist.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Können Sie einen kurzen historischen Überblick über das Generalgouvernement Turkestan allgemein und dortige Kriegsgefangenenschaft im Speziellen geben?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Das Generalgouvernement bestand von 1867 bis 1918. Eingerichtet wurde es in Folge der Eroberungen von Turkestan durch die Russen, genauer nach der Eroberung von Taschkent. Hintergrund war, dass die Russen schon seit Peter dem Großen versucht haben, an warme Meere zu gelangen und auf Widerstand der Britten gestoßen sind. Im 19. Jahrhundert wurde diese Konkurrenz dann als <a href="https://www.nzz.ch/international/erinnerung-ans-great-game-1.18289793">Great Game</a> bezeichnet. Schlussendlich kam es zur Einigung auf die Grenze zwischen Iran, Afghanistan und späteres Sowjetunion-Gebiet. Das Generalgouvernement Turkestan war eine koloniale Einheit, die im Gegensatz zu den europäischen Kolonien nicht in Übersee lag. Es wurde durch zwei Eisenbahnlinien erschlossen. Die eine von Orenburg im Ural nach Taschkent. Die andere vom Kaspischen Meer entlang der persischen Grenze nach Taschkent. Russland versuchte aktiv, die Region durch russische und ukrainische Siedler wirtschaftlich auszubeuten.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Dabei war das Gebiet strukturell relativ heterogen.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gab zwei Protektorate innerhalb der Grenzen, das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva, die  halbautonom und offiziell nicht Teil des Generalgouvernements waren. Insgesamt hatte Turkestan fünf Millionen Einwohner und erfasste ein Gebiet zwischen dem Kaspischen Meer und der chinesischen Grenze, dem Pamir im Osten, der afghanisch-persischen Grenze im Süden und dem südlichen Teil von Kasachstan. Es war also riesig und schwach besiedelt, bestand hauptsächlich aus Wüste und Steppen, im Westen aus Hochgebirgen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Dann bricht im Sommer 1914 der 1. Weltkrieg aus, eine große Anzahl von Soldaten gerät in Gefangenschaft. Wie kam es zu Kriegsgefangenenlager in Turkestan und in welcher Phase des Krieges wurden sie errichtet?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><i>Ein Grund war wohl die Einigung zwischen Großbritannien und Russland, was die Grenzziehung angeht. Dadurch wurden viele Kasernen und militärische Kapazitäten frei. Ein zweiter Grund war das Klima und die Ernährungssituation, die relativ günstig waren. Es gibt zudem Vermutungen, dass man den Verteidigern von Przemyśl eine Geste der Wertschätzung entgegenbringen wollte, indem man sie nicht nach Sibirien sondern nach Turkestan deportierte. Die Festung war am 22. März 1915 nach zweimaliger russischer Belagerung durch Kapitulation aufgegeben worden (</i>ca. 110.000 Soldaten der österreichisch-ungarischen Garnison gerieten damit in russische Kriegsgefangenschaft, Anm. d. R.<i>). </i><br />
<em>Die meisten Kriegsgefangenen wurden also im Zeitraum zwischen den Sommern 1914 und 1915 nach Turkestan gebracht. Später wurden sie oftmals wieder wegverlegt, besonders in der Zeit nach 1916, als es zum <a href="http://www.eurasianet.org/node/80931">Aufstand der Einheimischen gegen eine militärische Mobilisierung der Bevölkerung</a> kam.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gibt es seriöse Angaben zur Anzahl der Kriegsgefangenen?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em><a href="http://www.zeit.de/1948/11/elsa-brandstroem-zum-gedenken">Elsa Brandström</a>, der „Engel von Sibirien“ (</em>sie reiste für das Schwedische Rote Kreuz mehrmals in Kriegsgefangenenlager, Anm. d. R<em>.) nennt die Zahl von 200.000 Kriegsgefangenen. Nach 1920 waren es ungefähr noch 30.000 die sich noch in Turkestan aufhielten. Zehntausende sind durch Typhus- und Choleraepidemien umgekommen. Nach der Russischen Revolution und einer Missernte kam es zu einer Hungersnot. Ein Teil der Gefangenen wurde verlegt, weil Landarbeiter im europäischen Teil von Russland benötigt wurden. Ebenfalls sollte verhindert werden, dass sich Kriegsgefangene auf Seiten der einheimischen Aufständischen schlagen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie lang hat eine Deportation nach Turkestan im Durchschnitt gedauert?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>In der Regel zwei Monate. Die Soldaten sind sehr oft hin- und herverlegt worden, sodass es teils schwer nachzuvollziehen ist. Das hatte logistische Gründe oder geschah, um Korruption zu vertuschen, wenn Lagerkommandanten Gelder einbehalten haben.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie groß waren diese Lager?<br />
</strong><br />
<em>Es gab 25 große Lager mit Außenstellen, wo die Zwangsarbeit hauptsächlich stattgefunden hat. Ein </em><br />
<em> großes Lager hatte zehntausende Insassen. Teilweise lagen diese Lager in Städten und leerstehenden Kasernen, teilweise mussten die Gefangenen sie auf freiem Feld selbst errichten.</em></p>
<p><figure id="attachment_10864" aria-describedby="caption-attachment-10864" style="width: 650px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-10864" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Ziegelei-Steppe.jpg" alt="" width="650" height="435" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Ziegelei-Steppe.jpg 650w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Ziegelei-Steppe-300x201.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Ziegelei-Steppe-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-10864" class="wp-caption-text">Ort der Zwangsarbeit: Ziegelei in der Steppe</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Bedingungen herrschten in diesen Lagern?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><i>Die Situation unterschied sich stark je nach militärischem Grad der Gefangenen. So waren Offiziere nach den Vorgaben der Haager Konfession privilegiert und mussten keine Zwangsarbeit leisten, sie bekamen einen Sold und sind sogar teilweise privat untergekommen. </i><br />
<i> Die Situation der Mannschaften war sehr schwierig, sie litten an den Massenunterkünften, am Klima und am Ungeziefer. Die Berichte unterscheiden sich jedoch und die Situation hing stark vom beruflichen Hintergrund, der politischen Situation oder dem Kommandant des jeweiligen Lagers ab.</i><br />
<em> Oft wird die Situation in Lagern als schlimmer als die Arbeitseinsätze beschrieben, das Warten war psychologisch schwierig. </em></p>
<p><figure id="attachment_10865" aria-describedby="caption-attachment-10865" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-10865" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent.jpg" alt="" width="800" height="503" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent-300x189.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/Postkarte-von-Franz-Praeg-aus-Taschkent-768x483.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-10865" class="wp-caption-text">Postkarte vom Kriegsgefangenen Franz Praeg aus Taschkent</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Arten von Zwangsarbeit waren vorherrschend?<br />
</strong><br />
<em>Vor allem im Bausektor wurden Arbeitskräfte gebraucht, im Straßen- und Kanalbau, aber auch in der Landwirtschaft wurden viele Kriegsgefangene eingesetzt. </em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Als  einschneidendes Ereignis kann wohl die Russische Revolution 1917 und der Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 gesehen werden. Wie wirkten sich diese Umwälzungen auf die Kriegsgefangenen aus? </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Mit der Februarrevolution 1917 veränderte sich die Situation. Die Gefangenen wurden als Klassenbrüder gesehen und die Hoffnung auf Befreiung war groß. Mit dem Beschluss der provisorischen russischen Regierung unter dem Druck der Alliierten, den Krieg weiterzuführen, wurden die Gefangenen aber in die Lager zurückgeholt und die Situation verschärfte sich sogar. </em><br />
<i> Mit der Oktoberrevolution wurden sie letztlich jedoch zu freien, ausländischen Bürgern. Theoretisch besaßen sie also Bewegungsfreiheit, der Großteil musste aber in den Lagern bleiben, weil sie nirgendwo anders wohnen konnten und sich den Lebensunterhalt selber erwirtschaften </i><i>mussten</i><i>. So gestaltete sich die soziale und wirtschaftliche Situation je nach Beruf extrem unterschiedlich. </i><br />
<em> Gute Handwerker, Musiker und Techniker waren sehr gefragt. Die Berufsoffiziere, die sonst keine Ausbildung hatten, schlossen sich zum Teil der Roten Armee, zum Teil den einheimischen Aufständischen und der Konterrevolution an.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gerade Buchara und Kokhand galten als Zentren des antibolschewistischen Widerstands. Was war die Rolle der österreichischen Kriegsgefangenen im folgenden Bürgerkrieg?<br />
</strong><br />
<em> Es gab zum Beispiel Kriegsgefangene, die für den Emir von Buchara in den Bergen Tadschikistans eine Waffenfabrik betrieben haben.<br />
</em><em>Nach der Februarrevolution 1917 sich etablierte sich in Taschkent ein Revolutionsrat, manchmal waren die Bolschewiken an der Macht, dann wieder die Gegenseite. Eine sehr chaotische Situation also. </em><br />
<i> In Kokhand etablierte sich eine Regierung, die ein autonomes Turkestan zumindest innerhalb des sowjetischen Herrschaftsgebiet etablieren wollte, die sogenannte „Kokhander Autonomie“. Sie wurde blutig niedergeschlagen, auch unter der Beteiligung von Kriegsgefangenen. </i><br />
<em>Auch von Seiten Bucharas gab es Widerstände. Die Kämpfe wurden entlang der Bahnlinien geführt. Es gibt einen Bericht eines Grazer Zeitzeugen, der offen über seine Beteiligung schreibt. Andere erwähnen nur, dass versucht wurde, sie anzuwerben, sie sich aber rausgehalten hätten. Sicher gab es mehr Ungarn, als Deutsch-Österreicher, die gekämpft haben. Teils aus ideologischen Gründen, teils aus materiellen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gab es Kontakt zwischen den Kriegsgefangenen und der ansässigen Bevölkerung?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>In erster Linie bestand Kontakt zu russischen Militärs und der kolonialen Bevölkerung. Im ganzen Gebiet Turkestan gab es neben den traditionellen Stadtteilen russische Stadtteile. Mit der einheimischer Bevölkerung kam Kontakt zum Teil bei Fluchtversuchen zustande. Aber es wird immer wieder von einem großen kulturellen und religiösen Unterschied gesprochen. Die Region erschien unglaublich exotisch, manche Gefangene interessierte das und sie wollten mehr erfahren. Für andere war die Umgebung nur bedrohlich und fremd. Es hat sicher auch eine Menge von Beziehungen zwischen Kriegsgefangenen und Frauen gegeben. Ich kenne einen Bericht von einer Ehe mit einer autochtonen Einheimischen, die aber sehr schnell an kulturellen Differenzen und der Verwandtschaft gescheitert ist.<br />
</em><em>Sehr wenige haben Ehefrauen nach Österreich mitgebracht, viele haben Familie zurückgelassen, dem wollen wir noch nachgehen.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>In welchem Jahr endet die Spur österreichischer Kriegsgefangene in Turkestan?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>Der größte Teil der Verbliebenen 30.000 sind 1920 und 1921 „repatriiert“ worden. Für die Zeit danach geben vielleicht lokale Quellen Aufschluss. Es gestaltet sich schwierig, weil deutschsprachige Kriegsgefangene in der Stalinzeit als „Feindliche Ausländer“ betrachtet wurden und oft in Lager deportiert wurden. </em><br />
<em> In Österreich gab es einzelne Berichte über Spätheimkehrer. Für viele der Rückkehrer war ihre Kriegsgefangenschaft jedoch ein Tabuthema.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Mehr über die Rolle der Rückkehrer im Österreich der Zwischenkriegszeit und den Umgang mit der Geschichte der Kriegsgefangenen in Turkestan in <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-2/">Teil 2 des Interviews</a>.</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Das Interview führte Lukas Dünser</strong><br />
<strong> Chefredakteur Novastan.org</strong></p>
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