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	<title>Jarsky Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Wed, 02 Oct 2024 17:20:35 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Jarsky Archives</title>
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		<title>Die Mosaike von Taschkent: Von den Brüdern Jarsky zum Kulturerbe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Oct 2024 17:20:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Jarsky]]></category>
		<category><![CDATA[Mosaik]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ende M&#xE4;rz 2024 wurden die Mosaike an usbekischen Geb&#xE4;uden teilweise als Kulturerbe anerkannt: Die Beh&#xF6;rden nahmen 161 Tafeln in das staatliche Kataster auf. Viele Jahre lang versuchte man nach dem Zusammenbruch der UdSSR, die Mosaike an Taschkenter Wohngeb&#xE4;uden zu &#xFC;bermalen oder hinter Plastik und Werbebannern zu verstecken. Hook erz&#xE4;hlt, wie sich das usbekische Mosaik entwickelt [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ende März 2024 wurden die Mosaike an usbekischen Gebäuden teilweise als Kulturerbe anerkannt: Die Behörden nahmen 161 Tafeln in das staatliche Kataster auf. Viele Jahre lang versuchte man nach dem Zusammenbruch der UdSSR, die Mosaike an Taschkenter Wohngebäuden zu übermalen oder hinter Plastik und Werbebannern zu verstecken. Hook erzählt, wie sich das usbekische Mosaik entwickelt hat, welchen Beitrag die Brüder Jarsky zum Äußeren vieler Plattenbauten geleistet haben und wie Blogger und besorgte Anwohner die Mosaike gerettet haben.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mosaike sind in Usbekistan nicht neu – schon seit der Zeit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karachaniden">Karachaniden</a> haben glasierte Fliesen die Verblendziegel ersetzt. Keramikfliesen wurden Teil der Kompositionen, die die Eingänge von Mausoleen, Medresen und Moscheen schmückten. Mit Hilfe von Mosaiken gestalteten die Architekten die Fassaden mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Girih-Kacheln">Girih</a>-Elementen (ineinander verschlungene geometrische Ornamente) und Pflanzenmotiven. Die Farben Weiß, Hellblau und Dunkelblau wurden zum Markenzeichen der Gebäude dieser Epoche und zur Inspiration für zukünftige Architekten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wiedergeburt nach dem Erdbeben von 1966</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das katastrophale <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Taschkent_1966">Erdbeben von Taschkent im Jahr 1966</a> veränderte die Hauptstadt radikal. Die besten Bau- und Architektenteams aus allen Städten der Union wurden entsandt, um der Usbekischen SSR zu helfen. Unter ihnen waren auch die Brüder Jarsky: Piotr, Nikolai und Alexander, Künstler aus einer Familie „weißer“ (konservativer, zarentreuer, Anm.d.Ü.) russischer Migranten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alle drei bekamen Arbeit in einer Stahlbetonfabrik, wo sie Betonplatten für mehrstöckige Gebäude anfertigten. In der Fabrik arbeiteten die Brüder an der Gestaltung der neuen Häuser. Dabei war nicht sofort möglich, die Gestaltung der Mosaike zu organisieren. Um eine Genehmigung zu erhalten, musste Piotr Jarsky den Chefarchitekten des Design-Instituts „Taschgiprgor“, Yuri Miroshnichenko, aufsuchen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich sitze in meinem Büro, ein Mann kommt herein, so kultiviert, so respektvoll. Ich dachte: Woher kommen solche Leute? Es stellt sich heraus: aus Frankreich. (&#8230;) Und er zeigt mir eine Skizze für ein neunstöckiges Gebäude. (&#8230;) Es war so schön, er redete und redete, und ich überlegte, wie ich ihn abwimmeln könnte&#8230; aber am Ende überzeugte er mich voll und ganz. Ich nahm es und unterschrieb es“</em>, sagte Miroshnichenko in einem Interview.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl man den Mosaiken zunächst mit Misstrauen begegnete, wurden die Arbeiten der Brüder Jarsky stilbildend für die ganze Stadt: ihre Paneele erschienen an den Stirnseiten von Wohngebäuden und in den Foyers öffentlicher Gebäude, in der U-Bahn und an Springbrunnen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Jarsky-Technik</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Jeder der Brüder hatte seinen eigenen Stil, doch ihre Mosaike zeichneten sich durch Harmonie aus und passten gut zueinander. Eine Besonderheit der Mosaiken von Piotr Jarsky sind die Natürlichkeit und Fluidität ihrer Figuren, ihre Energie und Emotionen. Der Künstler absolvierte die Kunstschule in Toulouse und hat sich von den Werken französischer Meister inspirieren lassen. Nikolai Jarsky bevorzugte die Darstellung von Landschaften und war ein Meister der Präzision und Genauigkeit. Seine Werke zeichnen sich durch natürliche Lebendigkeit und Präzision aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charakteristisch für die Malerei Alexander Jarskys ist ihre Freiheit und Leichtigkeit der Pinselstriche, während seine Mosaike von Innovation und Experimentierfreude geprägt sind. Eines der besten Beispiele für Alexanders Arbeit sind die Mosaike mit Musikern im Stil des russischen Avantgardismus im Stadtteil Yunusobod. Alexander Jarsky schlug vor, Reliefelemente, keramische Pflanzen- und Blumenmotive in Mosaiken zu verwenden, die später zu eigenständigen Dekorationen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/architektonisches-versuchslabor-taschkent-ueber-den-denkmalwert-sowjetischer-plattenbauten/"><strong>Architektonisches Versuchslabor Taschkent: Über den Denkmalwert sowjetischer Plattenbauten</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Brüder Jarsky haben nicht nur das Design der einzelnen Tafeln, sondern auch ihre Gesamtkomposition konzipiert: Auf dem Wohnkomplex Vodnik beispielsweise wurden alle Bilder dem Thema Wasser gewidmet.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie die Platten zusammengesetzt wurden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Zusammenbau des Mosaiks in der Fabrik war eine lange und mühsame Arbeit. Auf eine lebensgroße Skizze der Zeichnung wurden Kobaltglas-Elemente gelegt. Dann wurde die Platte geklebt, umgedreht und in eine Form zum Gießen von Beton eingesetzt. Die fertige Betonplatte wurde verstärkt und kam dann zum Trocknen in eine Wärmekammer. Die einzelnen Platten wurden nach dem Bau der Häuser zusammengesetzt und installiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mosaikplatten waren nicht nur ein dekorativer Fassadenschmuck, sondern hatten auch eine klimaregulierende Funktion für Wohnungen: Sie verhinderten Schimmelbildung aufgrund von Temperaturunterschieden und speicherten die Wärme des Sonnenlichts.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Ende einer Ära</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mosaike gab es in usbekischen Städten bis Anfang der neunziger Jahre. Daran arbeiteten nicht nur die Brüder Jarsky, sondern auch andere Künstler und Architekten wie Vladimir Burmakin, Yuri Chernyshev, Arnold Gan, Vladimir Kutkin. Die Stile und Themen der Paneele änderten sich im Laufe der Zeit von abstrakt-dekorativ bis hin zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Agitprop">Agitprop</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1993 starb Piotr Jarsky, und sein Bruder Alexander übernahm seine unvollendeten Werke. Die neunziger Jahre bildeten den Schlusspunkt für die Mosaiken Taschkents und beendeten eine dreißigjährige Ära des Wiederaufbaus von Taschkent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/architektur-und-kulturfuehrer-taschkent-wie-eine-stadt-sich-neu-erfindet-und-der-welt-oeffnet/"><strong>Architektur- und Kulturführer Taschkent: Wie eine Stadt sich neu erfindet und der Welt öffnet</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Häuserfassaden wurden nun zum „idealen Ort“ für Werbung: Die Behörden oder Gebäudeeigentümer übermalten die Mosaikkompositionen und verkauften die Flächen für Werbebanner, ohne die Bewohner zu befragen. Als der Kampf gegen die Mosaike begann, lebte Jarsky noch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Vor der Straße der Pioniere stand ein Mosaik von ihm (Nikolai). Er bekam einen Anruf, in dem es hieß: &#8218;Kommen Sie. Hier ist Ihr Mosaik. Kaufen Sie es zurück, schneiden Sie es ab und bringen Sie es irgendwohin.” Natürlich war er besorgt. Natürlich ging es ihm schlecht&#8230; Die Kommission sagte, es sei billiger, es zu zerstören als es zu reparieren“,</em> erinnert sich Nikolai Jarskys Witwe Valentina.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Revival</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten Jahren ist die Erhaltung der Mosaike zu einem regen Diskussionsthema geworden. Alexander Fiodorov, Gründer des Projekts <a href="https://www.instagram.com/tashkent_modernism/">Tashkent Modernism</a>, setzte sich für den Erhalt der Mosaike auf dem Gebäude der Zeitungsredaktion ein und erstellte eine Karte der Mosaiktafeln. Die Fotografin und Administratorin der Community <a href="https://www.facebook.com/groups/219849128509408/">Shagayu.Uz</a>, Fatima Abdurahmanova, stelle ein Archiv aller Tafeln in Taschkent zusammen. Auch die Website <a href="https://mytashkent.uz/">Letters about Tashkent</a> und die Gruppe <a href="https://www.facebook.com/login/?next=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fgroups%2F695343667303384%2F%3Flocale%3Dru_RU">Mosaics of Uzbekistan</a> trugen zur Erhaltung der Mosaike bei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im April 2024 eröffnete die Abteilung für digitale Entwicklung der Stadtverwaltung eine <a href="https://mosaic.tashkent.uz/ru/?page=1">Website</a> mit einer Datenbank aller Mosaike in Taschkent. Einige der Mosaiktafeln wurden mit Hilfe von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterte_Realität">Erweiterter Realität</a> zum Leben erweckt und in interaktive Kaleidoskope verwandelt. Die Mosaike, die in der Liste des Kulturerbes aufgeführt sind, sowie die Tafeln, die derzeit als verloren oder zerstört gelten, werden gesondert hervorgehoben. Alexej Han, Direktor der Abteilung für digitale Entwicklung, <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2024/06/12/mosaics/#:~:text=%D0%A3%D0%B7%D0%B1%D0%B5%D0%BA%D0%B8%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD%20%D0%BD%D0%B0%D0%BC%D0%B5%D1%80%D0%B5%D0%BD%20%D0%BF%D0%BE%D0%B4%D0%B0%D1%82%D1%8C%20%D0%B7%D0%B0%D1%8F%D0%B2%D0%BA%D1%83%20%D0%B2,%D0%BC%D0%BE%D0%B6%D0%B5%D1%82%20%D0%B1%D1%8B%D1%82%D1%8C%20%D0%B1%D0%BE%D0%BB%D0%B5%D0%B5%20440%20%D0%BC%D0%BE%D0%B7%D0%B0%D0%B8%D0%BA.">sprach</a> über die Pläne, Taschkent für das Guinness-Buch der Rekorde als mosaikreichste Stadt der Welt auszuzeichnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder findet ihr im </em><a href="https://hook.report/2024/08/mosaic-history/"><em>Originalartikel</em></a><em>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Hook Report</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Giulia Manca</strong></p>



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			</item>
		<item>
		<title>Architektonisches Versuchslabor Taschkent: Über den Denkmalwert sowjetischer Plattenbauten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Berenika Zeller]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Mar 2024 11:06:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer an den sowjetischen Massenwohnungsbau des vergangenen Jahrhunderts denkt, hat oft eint&#xF6;nige Plattenbauten vor Augen. In Usbekistan findet man jedoch zahlreiche Geb&#xE4;ude mit k&#xFC;nstlerisch gestalteten Fassaden und bunten Mosaiken. Die Br&#xFC;der Pjotr, Nikolaj und Alexander Jarsky verkleideten &#xFC;ber 200 Geb&#xE4;ude in Usbekistan. Einige davon sind bis heute erhalten. Wie lange noch, ist unklar, denn sie [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer an den sowjetischen Massenwohnungsbau des vergangenen Jahrhunderts denkt, hat oft eintönige Plattenbauten vor Augen. In Usbekistan findet man jedoch zahlreiche Gebäude mit künstlerisch gestalteten Fassaden und bunten Mosaiken. Die Brüder Pjotr, Nikolaj und Alexander Jarsky verkleideten über 200 Gebäude in Usbekistan. Einige davon sind bis heute erhalten. Wie lange noch, ist unklar, denn sie stehen nicht unter Denkmalschutz. Vor kurzem ist ein Buch über die Brüder der Taschkenter Moderne erschienen. Eine Rezension.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bunte Tierfiguren, Schnörkel und Formen aus der islamischen Geometrie, florale Ornamente und Mosaike, usbekische Sagenfiguren, Abbildungen des Sowjetmenschen, Astronauten und Kosmosdarstellungen. Das Buch von Philipp Meuser,<em> „Fassadenkunst im Plattenbau. Das Werk der Brüder Jarsky im sowjetischen Taschkent“</em>, widmet sich dem künstlerischen Gesamtwerk der Brüder Jarsky. Dokumentiert sind 540 Abbildungen von Fassadenverkleidungen, Bauplänen und Zeichnungen. Der Bildband enthält nicht nur fabelhafte Fotografien von damals und heute. Es wird auch ein Einblick in das Familienarchiv der Brüder Jarsky mit Standorten in Taschkent und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ischewsk">Ischewsk</a> gewährt. So kann man einerseits die vielen Zeichnungen sehen, andererseits aber auch die Familiengeschichte nachlesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das baukünstlerische Erbe von Pjotr, Nikolaj und Alexander Jarsky ist einzigartig. Die Architektenbrüder haben es geschafft, einen eigenen Stil zu entwickeln, der sich von der typologisierten und auf Massenproduktion ausgerichteten sowjetischen Baupolitik absetzt. Der Autor des Buchs unterstreicht das Kulturerbe der Brüder Jarsky und ruft dazu auf, die von ihnen gestalteten Gebäude in Taschkent international wahrzunehmen und Maßnahmen für deren Schutz zu ergreifen.</p>



<figure class="wp-block-image"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1455" height="798" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild1.jpg" alt="" class="wp-image-38570" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild1.jpg 1455w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild1-300x165.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild1-1024x562.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild1-768x421.jpg 768w" sizes="(max-width: 1455px) 100vw, 1455px" /><figcaption class="wp-element-caption">Jarsky-Gebäude an der Adresse: 08 Mirobod ko’chasi, dom © Philipp Meuser</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Über die Brüder Jarsky</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der älteste des Trios, Pjotr Jarsky (1929-1993), kam als Sohn russischstämmiger Eltern in Estland zur Welt. Seine Eltern emigrierten mit ihm nach Frankreich, um dort Arbeit zu finden. Der Vater Wassili Jarsky träumte eigentlich von der französischen Kunstszene. Stattdessen musste er vor dem Hintergrund der gerade ausgebrochenen Wirtschaftskrise eine Arbeit finden, um die junge Familie zu ernähren. Wassili arbeitete als Handwerker und Bauarbeiter; später gelang es ihm, Aufträge als Fotograf zu erhalten.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die beiden jüngeren Söhne Nikolaj (1931-2014) und Alexander (1936-2015) waren bereits in Frankreich geboren. Nach und nach gelang es dem Vater, sich in der französischen Kunstszene zu etablieren. 1940 schloss sich Wassili Jarsky der französischen Armee gegen Deutschland an und landete schließlich in einem Internierungslager für Russen. Nachdem er dem Lager entkommen konnte, trat er der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Parti_communiste_fran%C3%A7ais">Kommunistischen Partei Frankreichs</a> bei. Im Jahr 1945 beteiligte er sich an der Gründung der Vereinigung der Sowjetbürger und wurde künstlerischer Vorsitzender des Regionalbüros der Kommunistischen Partei. Die beiden Söhne Pjotr und Nikolaj Jarsky studierten zunächst an der École des beaux-arts in Toulouse. 1946 erhielt Vater Wassili die sowjetische Staatsbürgerschaft und die Familie siedelte kurz darauf in die Sowjetunion über.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/architektur-und-kulturfuehrer-taschkent-wie-eine-stadt-sich-neu-erfindet-und-der-welt-oeffnet/"><strong>Architektur- und Kulturführer Taschkent: Wie eine Stadt sich neu erfindet und der Welt öffnet</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Brüder Pjotr, Nikolaj und Alexander widmeten sich auch in der Sowjetunion der Kunst und Architektur und arbeiteten zeitweise gemeinsam unter anderem an der Ausschmückung von Gebäuden in Taschkent. Das künstlerische Schaffen der Jarskys beschränkte sich nicht nur auf Usbekistan, sondern erstreckte sich von Chişinău bis Tiflis und von Njagan bis Duschanbe. Ihre Werke sind vereinzelt auf Gebäuden im gesamten Territorium der ehemaligen Sowjetunion zu finden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Taschkenter Moderne</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wochenlange <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Taschkent_1966">Erdbeben</a> zerstörten im Frühjahr 1966 große Teile der orientalischen Altstadt von Taschkent. Dies war einer der Gründe, warum die sowjetische Regierung ein umfangreiches architektonisches Wiederaufbauprojekt initiierte. Die usbekische Hauptstadt wurde zu einer riesigen Baustelle, die zahlreiche Architekturschaffende anzog. Einerseits wurde Geld für die Errichtung von Großbauten bewilligt, andererseits ermöglichte wohl gerade die geographische Distanz zum sowjetischen Zentrum Moskau gewisse gestalterische Freiheiten. Philipp Meuser beschreibt in seinem Buch, welche gestalterische Lücke sich die Jarskys zu erschließen wussten, weshalb ihre Fassadendekorationen bis heute einzigartig sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="561" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild2-1024x561.jpg" alt="Quelle: Nikolai Jarsky, Skizze und Ausführungszeichnung für sein Sonnenschutzelement, 1982. © DOM publishers" class="wp-image-38572" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild2-1024x561.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild2-300x164.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild2-768x421.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild2.jpg 1386w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: Nikolai Jarsky, Skizze und Ausführungszeichnung für sein Sonnenschutzelement, 1982. © DOM publishers</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zwischen politischen Ansprüchen und künstlerischer Freiheit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow">Nikita Chruschtschow</a>, der 1953 an die Spitze des sowjetischen Staates gelangte, stellte die damaligen Architekt:innen und Bauingenieur:innen vor eine Herausforderung: Die Baukosten sollten niedrig gehalten werden, die Gebäude qualitativ hochwertig und widerstandsfähig sein. Der sowjetische Plattenbau musste Massenwohnraum bieten und in sämtlichen Klimazonen realisierbar sein. Die Produktion standardisierter Bauelemente ermöglichte die Herstellung von Bauteilen in hoher Stückzahl, wobei jedes Element identisch zum anderen war. Die Herstellung war auf Effizienz und Schnelligkeit ausgerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für künstlerische Gestaltungsfreiheit blieb wenig Raum. Einigen Architekt:innen gelang es jedoch, eine Verbindung zwischen Funktionalität und Ästhetik herzustellen. Durch ihre Ideen zur Dekoration und farblichen Gestaltung konnte der serielle Charakter der fertigen Bauteile aufgelockert und verschönert werden. Ihr Gestaltungsspielraum lag in der äußeren Verkleidung von Bauteilen. So wurden Fassaden, Sonnenschutzelemente, Balkone, Loggien sowie Treppenhäuser und Eingänge mit Menschenfiguren oder Ornamenten und geschwungenen Linien verziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Brüder nutzten die Gelegenheit, um die Außenfassaden der Häuser sowie die Treppenhäuser mit Mosaiken, die Häuserwände mit ornamentalen Formen wie runden Fensterumrahmungen oder geschwungenen Balkonen zu schmücken. Die Jarsky-Gebäude hatten einen deutlich höheren ästhetischen Wert als die typischen Wohnblocke der Chruschtschow-Ära. Dies ist vermutlich auch ein Grund, weshalb die Fassadengestaltungen toleriert und teilweise selbst von politischen Eliten in der Sowjetunion geschätzt wurden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Architektonisches Labor Zentralasien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Brüder Jarsky haben eine eigene künstlerische Methode entwickelt, die Meuser in seinem Werk beispielhaft darstellt. Sie schmückten Fassaden mit lokalen Motiven und orientierten sich dabei an den Formgebungen, die sie in Zentralasien auf alten Stadtbauten wie Medressen und Moscheen aus der vorsowjetischen Zeit fanden. Besonders inspirierte sie die alte Kunst von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Afrasiab_(Stadt)">Afrasiab</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Varakhsha">Warachscha</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pandschakent">Pandschakent.</a> Es mag erstaunen, dass ausgerechnet islamische Wand- und Fassadenornamente für sowjetische Hochhäuser übernommen wurden. Tatsächlich entsprachen die Ornamente der islamischen Geometrie dem künstlerischen Anspruch: Sie passten sich in den lokalen Kontext ein und erfüllten die Anforderungen der sowjetischen Baupolitik nach Reproduzierbarkeit. Die geometrischen, sich unendlich wiederholenden Elemente konnten im Großstil auf Fassaden reproduziert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meuser spricht bei dieser Art von Gebäudeschmuck von der Frühphase der Gestaltungsweise der Brüder. Ab Mitte der Siebzigerjahre traten zunehmend auch politische Motive auf. Es wurden staatliche und gesellschaftliche Themen aufgegriffen, wie beispielsweise Darstellungen aus dem Bereich der Weltraumforschung und der Naturwissenschaften sowie Idealisierungen des Sowjetmenschen. In der dritten Phase, den Achtzigerjahren, griff das Trio zunehmend auf ein abstrakteres Formenvokabular zurück.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="563" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild3-1024x563.jpg" alt="" class="wp-image-38573" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild3-1024x563.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild3-300x165.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild3-768x422.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild3.jpg 1384w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: © DOM publishers</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Bröckelnde Fassaden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem Besuch in Taschkent wird man bei genauerem Hinsehen viele Gebäude entdecken, die das künstlerische Schaffen der Jarskys bezeugen. Leider sind diese Gebäude bis heute nicht denkmalgeschützt, wodurch Mosaike schwinden, Fassaden bröckeln und Gebäude neuen Großbauprojekten weichen müssen . Meuser weist auf diese Problematik hin und plädiert dafür, die Gebäude der Jarsky-Brüder in das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UNESCO-Welterbe">UNESCO-Welterbe</a> aufzunehmen, um ihrem völligen Verfall vorzubeugen und ihnen damit die internationale Bedeutung zu verleihen, die sie zweifellos verdienen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="610" height="1024" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4-610x1024.jpg" alt="" class="wp-image-38574" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4-610x1024.jpg 610w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4-179x300.jpg 179w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4-768x1289.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4-915x1536.jpg 915w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/03/Bild4.jpg 928w" sizes="auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px" /><figcaption class="wp-element-caption">Quelle: 07 Afrosiyob ko’chasi, dom 10–14 (Farovon mahallasi), Mirobod tumani, Federführender Künstler: Alexander Jarsky Planung und Bauzeit: 1973–1975 © Philipp Meuser</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Bauwerke werfen Fragen auf</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Meusers Werkmonografie lädt im weitesten Sinne dazu ein, den Denkmalwert vieler Bauten des sowjetischen Modernismus neu zu bewerten. Das Werk der Jarskys ist in seiner Vielfalt und Kreativität einzigartig. An einigen Stellen im Buch hätte man sich mehr Informationen darüber gewünscht, warum der Autor gerade die Jarsky-Bauten ausgewählt hat, welche anderen Bauwerke und weiteren Künstler:innen die Taschkenter Moderne repräsentieren und inwiefern sich diese gegenseitig beeinflusst haben mögen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/fotoreihe-die-ungewohnlichsten-und-schonsten-mosaike-taschkents/?noredirect=de_DE"><strong>Die ungewöhnlichsten und schönsten Mosaike Taschkents</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Denkmalwert der Jarsky-Bauten ist eindeutig dargelegt. Andere Fragen bleiben offen. Der Autor verweist auf die Schwierigkeiten der akademischen Forschung im usbekischen und russischen Kontext. So bleibt unbeantwortet, welche Dialoge innerhalb der internationalen Forschungslandschaft zur Taschkenter Moderne bestehen, ob es in Usbekistan Institutionen gibt, die sich des Themas annehmen, aber auch welche Kooperationen sich anbieten würden oder verunmöglicht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe für den schlechten Zustand der Jarsky-Bauten und die Frage, ob Sanierungsmaßnahmen von der Stadt oder von privater Seite unternommen werden, sind unklar. Auch auf die usbekische Denkmalschutzdebatte im größeren Kontext geht der Autor nicht ein. Dies ist wohl zum einen den begrenzten Möglichkeiten geschuldet, zum anderen ist dies aber auch nicht mehr der Fokus des Buches über die Gebrüder Jarsky.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aufruf zur internationalen gesellschaftlichen Debatte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Insgesamt handelt es sich beim Buch um ein einzigartiges Gesamtwerk, das das künstlerische Schaffen von Pjotr, Nikolaj und Alexander Jarsky präzise und differenziert erfasst. Die Monografie gewährt außerdem Einblicke in die sowjetische Rezeptionsgeschichte sowie in das persönliche Familienarchiv und kontextualisiert diese für ein europäisches und deutschsprachiges Publikum. Die Arbeit über die Jarsky-Brüder soll auch ins Russische und Englische übersetzt werden. Der elegant gestaltete Bildband eignet sich nicht nur für Kunst- und Architekturliebhaber. Das Buch lädt zum Schmökern und zum Bestaunen der farbenvollen Abbildungen ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben den Zeichnungen und Fotografien enthält der Band eine Karte mit allen Jarsky-Gebäuden sowie ein Adressverzeichnis. So können Leser:innen die Jarsky-Fassaden in Taschkent leicht wiederfinden. Wer demnächst eine Kulturreise nach Usbekistan plant, sollte Meusers Buch vorher bestellen und lesen, um Taschkent von einer ganz neuen Seite kennenzulernen. Da es sich um ein großformatiges Buch handelt, passt es zwar nicht in jede Reisetasche, eignet sich dafür aber gut als Geschenk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Werk regt darüber hinaus eine relevante akademische und gesellschaftliche Diskussion über den Denkmalwert der sowjetischen Moderne an und mahnt zu Recht, den Bauten genügend Aufmerksamkeit zu schenken, bevor sie allmählich aus dem Stadtbild verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Meuser Philipp: Fassadenkunst im Plattenbau. Das Werk der Brüder Jarsky im sowjetischen Taschkent. Mit einem Beitrag von Nina Jarsky. 368 Seiten, DOM publishers, ISBN 978-3-86922-466-4, November 2023.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Berenika Zeller, Redakteurin für Novastan</strong></p>



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