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	<title>Interview Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Interview Archives</title>
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	<item>
		<title>Galina Derewentschenkos Engagement für Menschenrechte in Zentralasien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Aug 2025 11:34:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Zentralasien & Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Bureau of Human Rights and Rule Law]]></category>
		<category><![CDATA[Faktencheck]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Jura]]></category>
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		<category><![CDATA[Medienkompetenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit &#xFC;ber 20 Jahren setzt sich Galina Derewentschenko f&#xFC;r Menschenrechte ein. Ihre Laufbahn begann sie im Bureau of Human Rights and Rule of Law (BHR), heute lebt sie in Kasachstan und widmet sich dort der Forschung und dem Faktencheck im Bereich Menschenrechte. Im Gespr&#xE4;ch mit Your.tj sprach sie &#xFC;ber ihre Motivation, ihren Werdegang sowie die [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit über 20 Jahren setzt sich Galina Derewentschenko für Menschenrechte ein. Ihre Laufbahn begann sie im <a href="https://www.bhr.tj/en/node">Bureau of Human Rights and Rule of Law</a> (BHR), heute lebt sie in Kasachstan und widmet sich dort der Forschung und dem Faktencheck im Bereich Menschenrechte. Im Gespräch mit <em>Your.tj</em> sprach sie über ihre Motivation, ihren Werdegang sowie die Bedeutung der regionalen Zusammenarbeit im Bereich der Menschenrechte.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Menschenrechte bedeuten Respekt und Würde.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Geboren und aufgewachsen in Tadschikistan, absolvierte Galina die Schule Nr. 8 in Duschanbe und begann anschließend ein Jurastudium an der Tadschikischen Nationaluniversität, welches sie im Jahr 2004 mit Auszeichnung abschloss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits während des Studiums kam sie mit Menschenrechtsthemen in Kontakt. Im vorletzten Jahr nahm sie an einer vom BHR organisierten Sommerschule für Jurastudierende teil, was für sie ein prägendes Erlebnis war.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nach ihrem Abschluss engagierte sie sich weiter für die Organisation – zunächst als Freiwillige, dann als Ausbilderin und schließlich als Projektkoordinatorin. Später übernahm sie die Leitung des Analysezentrums.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/menschenrechte-in-tadschikistan-interview-mit-der-un-berichterstatterin/">Menschenrechte in Tadschikistan: Interview mit der UN-Berichterstatterin</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Parallel dazu unterrichtete sie Zivilrecht an der Universität. Die Arbeit mit den Studierenden gefiel ihr sehr, doch die Doppelbelastung war auf Dauer zu groß. Deshalb konzentrierte sie sich nach einem Jahr ganz auf ihre Tätigkeit im Menschenrechtsbereich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders die Erfahrungen in der Sommerschule hätten ihren Blick auf viele Dinge grundlegend verändert, sagt sie:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich erinnere mich daran, wie ich begann, viele Themen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Wenn man mit gewissen Realitäten nicht konfrontiert wird, lebt man oft mit Stereotypen. Ich war beispielsweise Befürworterin der Todesstrafe, bis ich erfuhr, wie häufig Fehlurteile vorkommen, wie lang Einzelhaft dauern kann und wie tief das Leid geht, das Menschen ertragen müssen. Und vor allem, was menschliche Würde wirklich bedeutet – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder Sprache. Letztlich geht es bei Menschenrechten genau darum: um Respekt und Würde. Diese Erkenntnis war so überwältigend, dass ich wusste: Ich bleibe in diesem Bereich.“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein prägender Ort: die Universität Lund</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Während ihrer Tätigkeit beim BHR war Galina unter anderem an der Erstellung von Berichten für UN-Ausschüsse beteiligt, analysierte Gesetzgebung und begleitete rechtliche Verfahren in Tadschikistan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2005 nahm sie an einem regionalen Menschenrechtsprogramm für Aktivist:innen aus den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaft_Unabh%C3%A4ngiger_Staaten">GUS-Staaten</a> teil, das vom Raoul-Wallenberg-Institut in Lund, Schweden, organisiert wurde. Während dieses einmonatigen Kurses lernte sie die juristische Fakultät und die Menschenrechtsbibliothek der Universität Lund kennen – die umfangreichste, die sie je gesehen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-mehr-zusammenarbeit-mit-der-un-in-sachen-menschenrechte/">Usbekistan: Mehr Zusammenarbeit mit der UN in Sachen Menschenrechte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Galina erinnert sich: „Ich war begeistert von den hellen Hörsälen und den engen, gepflasterten Straßen der Stadt. Da war für mich klar: Ich will hier unbedingt studieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Ziel ließ sie nicht los, auch wenn es nicht sofort klappte. Beim ersten Bewerbungsversuch scheiterte sie an der erforderlichen TOEFL-Punktzahl. Beim zweiten Mal landete sie auf der Warteliste. Doch sie gab nicht auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Irgendwann habe ich mich nicht mehr selbst vorbereitet, sondern ein Kursprogramm besucht. Beim dritten Versuch hat es endlich geklappt – ich glaube, ich wurde auch für meine Hartnäckigkeit belohnt. Es war eine große Freude“, erzählt sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„In Schweden wird den Menschenrechten große Bedeutung beigemessen.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders beeindruckt hat Galina Derewentschenko das schwedische Bildungssystem – vor allem der respektvolle Umgang der Lehrkräfte mit den Studierenden: „Niemand wird bloßgestellt oder durch Bestechung unter Druck gesetzt. Man lernt selbstständig statt belehrt zu werden. Es geht um Verantwortung und reifes Verhalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Umgang mit Individualität habe sie beeindruckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schüler:innen dürfen sich frei ausdrücken, ohne ständig gesellschaftliche Missverständnisse fürchten zu müssen. Lange oder kurze Haare, Tattoos, Dreadlocks, Piercings – alles ist möglich. Anfangs ist es ungewohnt, wenn man nicht sofort nach dem Äußeren bewertet wird“, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/erinnere-dich-immer-daran-woher-du-kommst-vom-studium-in-deutschland-und-barrieren-im-kopf/">“Erinnere dich immer daran, woher du kommst” – Vom Studium in Deutschland und Barrieren im Kopf</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Ziel sei es gewesen, Schweden, seine Werte und die dort lebenden Menschen kennenzulernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist ein beeindruckendes Land, in dem Toleranz und Menschenrechte eine zentrale Rolle spielen. Es leben viele Menschen aus asiatischen und arabischen Ländern dort. Es gibt Sprach-, Kultur- und Beschäftigungsprogramme, und alle werden gleich behandelt“, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">2010 schloss Galina ihr Masterstudium an der Universität Lund mit Auszeichnung ab. Ihre Abschlussarbeit widmete sie dem kostenlosen Rechtshilfesystem, ein Thema, das zu jener Zeit in Tadschikistan noch ganz am Anfang stand.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Medienkompetenz ist für alle enorm wichtig.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach ihrem Studium widmete sich Galina einer Vielzahl menschenrechtlicher Themen, darunter faire Gerichtsverfahren, Meinungsfreiheit, Schutz vor Folter, die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Antidiskriminierung und Kinderrechte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sagt: „Es war natürlich schön, wenn sich nach unseren Untersuchungen, Berichten oder Rundtischgesprächen Gesetze änderten oder Menschen durch Schulungen ihre Sichtweise überdachten. Nicht bei allen, aber doch bei vielen. Das hat mich inspiriert.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/usbekistan-weist-kritik-der-un-an-verhaftung-von-gulnora-karimova-zurueck/">Usbekistan weist Kritik der UN an Verhaftung von Gulnora Karimova zurück</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Galina lebt seit sechs Jahren in Kasachstan, arbeitet selbstständig und schreibt Artikel zu Themen, die sie bewegen. Seit dem vergangenen Jahr nimmt sie am Programm „Paperlab – Making New Experts“ teil, das sich auf die gezielte Nutzung sozialer Netzwerke und das journalistische Schreiben konzentriert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine der Aufgaben war, das eigene Profil zu googeln – und ich war überrascht, wie wenig über mich zu finden war. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut man als Expertin ist, wenn man online nicht sichtbar ist. Dann scheint es fast, als würde man gar nicht existieren“, erzählt Galina.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Faktencheck und Forschung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem hat Galina mehrere Artikel veröffentlicht, unter anderem auf der Plattform <a href="https://factcheck.kz/author/galinaderevenchenko/">Factcheck.kz</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin fasziniert vom Factchecking. Es ist erstaunlich, wie viel Unwahres wir für wahr halten. Viele Menschen wissen nicht einmal, wie man richtig googelt. Ich habe viele Tools kennengelernt und bin überzeugt: Medienkompetenz ist heute wichtiger denn je. Denn durch Deepfakes und Desinformationen wird die Realität verzerrt. Es ist, als würde man die Welt durch eine schmutzige Brille sehen und glauben, sie sei wirklich so“, erklärt Galina.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/turkmenistan/warum-ist-turkmenistan-so-oft-gegenstand-von-fake-news/">Warum ist Turkmenistan so oft Gegenstand von Fake News?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in der Forschung ist Galina weiterhin aktiv. So führte sie im vergangenen Jahr eine Studie über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen unter den Bedingungen des Klimawandels und in Notfallsituationen in Tadschikistan durch. Darüber hinaus wirkte sie an der Entwicklung gesetzlicher Grundlagen für neue Familienunterstützungszentren in Kasachstan mit. Zuletzt schloss sie eine Untersuchung über die Arbeit psychologischer Beratungsstellen und Schulpsycholog:innen ab.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Menschenrechtsbildung ist sehr wichtig – aber sie findet in Schulen nicht statt“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Galina Derewentschenko ist überzeugt, dass Bildung eine zentrale Rolle bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Zentralasien spielt: „Heute ist es unglaublich einfach, Informationen zu teilen. Ein regionales Online-Training zu organisieren kostet fast nichts.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Nachdruck sagt sie:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir brauchen dringend mehr regionale Zusammenarbeit, zum Beispiel in Form von Plattformen für den Austausch von Erfahrungen. Wenn möglich, sollten auch Reisen organisiert werden. Denn man kann etwas hundertmal hören, aber es ist besser, es einmal zu sehen. Menschenrechtsbildung ist entscheidend. Doch in Schulen wird sie nicht unterrichtet. Es gibt keine klassischen Sommerschulen für Menschenrechte mehr. In Kirgistan gibt es allerdings eine tolle Initiative: ‚Pravosaschtschitnyj Chogwarts‘. Dieses neue Format funktioniert hervorragend für junge Menschen. Wir müssen lernen, selbst Fundraising zu betreiben. Die Unterstützung internationaler Organisationen wird nicht ewig andauern. Aber genau das ist eine enorme Ressource, die wir nutzen sollten – und müssen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/unterschiedliche-reaktionen-auf-die-auslaendische-agenten-gesetze-in-kirgistan-und-georgien/">Unterschiedliche Reaktionen auf die Ausländische-Agenten-Gesetze in Kirgistan und Georgien</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Galina sagt, Menschen, die sich für Menschenrechte einsetzen, hätten oft einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Auch für sie selbst dient das Engagement als Weg, um ihre Menschlichkeit zu bewahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie zitiert die russische Aktivistin <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Anna_Federmesser">Nyuta Federmesser</a>, deren Arbeit im Bereich der Palliativpflege sie sehr schätzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Im Grunde genommen ist es eine Illusion, dass wir für andere arbeiten. Wir machen die Arbeit, die uns das Gefühl gibt, gute Menschen zu sein – entsprechend unserer Vorstellung von Anstand, Verantwortung und Hingabe.“ – „Das ist eine Möglichkeit, das Menschliche im Menschen zu bewahren – vor allem in mir selbst. Denn im heutigen Leben ist es sehr leicht, sich zu entmenschlichen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jungen Menschen in Zentralasien, die sich für Menschenrechte engagieren möchten, gibt Galina einen klaren Rat mit auf den Weg: „Glaubt an euch, habt keine Angst und seid offen für Neues.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erinnert sich an einen Moment zu Beginn ihres eigenen Weges:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Als ich mich für ein staatlich finanziertes Studium bewarb, sagte man mir: ‚Du hast weder Geld noch Beziehungen – du wirst nicht genommen.‘ Aber ich wurde genommen. Ich habe es geschafft. Und ihr werdet es auch schaffen.“</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Somon Komilov für <a href="https://your.tj/kak-urozhenka-tadzhikistana-issleduet-prava-cheloveka-v-centralnoj-azii/">Your.tj</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Usmon Rakhmonov</strong></p>



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			</item>
		<item>
		<title>Patriarchale Gewalt filmisch erzählen: Ein Interview mit Husnora Rozmatova</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/patriarchale-gewalt-filmisch-erzaehlen-ein-interview-mit-husnora-rozmatova/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Makhkam Khamidov]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 May 2025 16:17:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[GoEast Fimfestival]]></category>
		<category><![CDATA[Husnora Rozmatova]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Regisseurin]]></category>
		<category><![CDATA[Sustxotin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit ihrem Film &#x201E;The Song Sustxotin&#x201C; feierte Husnora Rozmatova beim diesj&#xE4;hrigen goEast-Filmfestival nicht nur Europapremiere, sondern wurde auch doppelt ausgezeichnet. &#xDC;ber ihren Film, patriarchale Strukturen und die Schwierigkeit, sich als Regisseurin in Usbekistan zu behaupten, sprach Husnora mit Novastan. Novastan: Husnora, zun&#xE4;chst herzlichen Gl&#xFC;ckwunsch zu der Europapr&#xE4;miere in Wiesbaden. Der Film hat zwei Preise gewonnen, [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit ihrem Film „The Song Sustxotin“ feierte Husnora Rozmatova beim diesjährigen goEast-Filmfestival nicht nur Europapremiere, sondern wurde auch doppelt ausgezeichnet. Über ihren Film, patriarchale Strukturen und die Schwierigkeit, sich als Regisseurin in Usbekistan zu behaupten, sprach Husnora mit Novastan.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Husnora, zunächst herzlichen Glückwunsch zu der Europaprämiere in Wiesbaden. Der Film hat zwei Preise gewonnen, es wird zum Auftakt des goEast- Festivals 2026 bei 3Sat gezeigt, und dazu möchte ich herzlich gratulieren. Das ist Ihre erste Teilnahme an einem europäischen Filmfestival. Wie haben Sie das goEast Filmfestival in Wiesbaden erlebt – insbesondere im Vergleich zu anderen Premieren Ihres Films? Gab es Überraschungen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Husnora Rozmatova: Meine erste Premiere fand auf einem großen Filmfestival in Goa, Indien, statt. Über die europäische Premiere in Wiesbaden im Rahmen des <a href="https://www.filmfestival-goeast.de/">goEast-Filmfestivals</a> habe ich mich besonders gefreut – zumal ich dieses Jahr die einzige Filmregisseurin aus Zentralasien war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die im Festival gezeigten Filme waren sehr beeindruckend, was die Ehre, zwei Auszeichnungen erhalten zu haben, für mich umso größer macht. Schon allein im Hinblick auf das Budget sind unsere Filme kaum vergleichbar – wir hatten nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ihr Film thematisiert mehrere gesellschaftliche Probleme in Usbekistan: Gewalt gegen Frauen, konservativ-patriarchale Strukturen, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und der journalistischen Arbeit sowie Armut. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese gesellschaftlichen Probleme hängen eng miteinander zusammen und bedingen sich gegenseitig. Armut, harte Lebensrealitäten und das erzwungene Leugnen von Tatsachen – all das ist tief miteinander verwoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor einigen Jahren gab es besonders erschütternde Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Frauen in verschiedenen Regionen Usbekistans. Die Fälle aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andijon">Andijon</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Viloyat_Xorazm">Choresm</a> vor drei Jahren haben mich besonders tief getroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sustxotin-eine-geschichte-von-macht-und-machlosigkeit/">„Sustxotin“ – eine Geschichte von Macht und Machlosigkeit</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Andijon wurde eine schwangere Frau von fünf Männern vergewaltigt. Später veröffentlichte sie ein Video, in dem sie die Vorwürfe widerrief – doch es war offensichtlich, dass sie dazu gezwungen wurde. Man konnte es in ihrem Gesicht ablesen. In einem anderen Fall – in einem Waisenhaus in Choresm – wurden 15- bis 17-jährige Mädchen unter Beteiligung der Heimleiterin monatelang systematisch von Staatsbeamten vergewaltigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In vielen solcher Fälle bleiben Männer straffrei, während die Frauen mit den psychischen und sozialen Folgen leben müssen. Oft endet das in Selbstmord – vor allem in ländlichen Regionen. Hinzu kommt die Reaktion des Umfelds: Statt Empathie erfahren die Opfer Schuldzuweisungen, und die Täter werden geschützt – mit dem Argument, man wolle <em>„den Ruf des Dorfes nicht beschmutzen“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Film steht ein Mann im Zentrum – ein ehemaliger Abgeordneter, der Gerechtigkeit sucht. Warum haben Sie sich für diese männliche Perspektive entschieden, obwohl das Opfer – ein Mädchen – nur am Rande vorkommt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage höre ich häufig. In Usbekistan wird die Gesellschaft stark von Männern dominiert. Mir war es wichtig, zu zeigen, dass auch Männer eine (moralische) Verantwortung tragen sollen. Der Protagonist ist ein ehemaliger Abgeordneter, der zurückgetreten ist, weil er im bestehenden System nichts bewirken konnte. Er ist geplagt von seinem Gewissen und fühlt sich mitverantwortlich für das Leid des Mädchens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Film zeige ich drei Gruppen von Frauen: das Mädchen – Symbol für die junge Generation, die Tagelöhnerinnen – Vertreterinnen der Frauen, die gezwungenermaßen im Ausland arbeiten müssen, und die Großmutter – als Stimme der älteren Generation. Sie alle stehen sinnbildlich für das Leid der Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum zeigen Sie den Täter im Film nicht? Man erfährt nicht, wer es ist.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war eine bewusste Entscheidung. Hätte ich einen konkreten Täter gezeigt, wäre es zu einfach gewesen, die Schuld auf eine einzelne Person abzuwälzen. Doch das Mädchen wurde nicht nur von einem Mann vergewaltigt – sie ist ein Opfer des gesamten Systems, einer ganzen Gesellschaftsordnung. In gewisser Weise tragen alle Männer eine Mitschuld – selbst der Protagonist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am Ende des Films beginnt es zu regnen – begleitet von einem Trauermoment. Der Eindruck entsteht, dass eine Frau sterben musste, damit es endlich regnet. Wer stirbt – die Großmutter oder das Mädchen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Szene ist bewusst offengehalten. Es könnte sowohl die Großmutter als auch das Mädchen sein. Wichtig ist: Eine Frau stirbt – sie wird symbolisch dem System „geopfert“. Das ist die zentrale Aussage.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwiefern kann Kunst – insbesondere Film – dazu beitragen, patriarchale Strukturen sichtbar zu machen und zu verändern?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Zeiten großer gesellschaftlicher Krisen oder Katastrophen, wie etwa während des Zweiten Weltkriegs, entstanden viele bedeutende Werke in Film, Malerei und Literatur. In Momenten des Schmerzes und der Hoffnungslosigkeit werden Kunst und Glaube oft zur einzigen Hoffnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die im Film gezeigten Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Aber Kunst und Glaube können Impulse für langfristige Veränderungen setzen. Ich sehe es als Aufgabe von Kunstschaffenden, Haltung zu zeigen. Das habe ich von meinen Mentor:innen gelernt: Regisseur:innen müssen sich gesellschaftlich positionieren und gegen Unrecht einstehen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich „The Song Sustxotin“ gedreht habe, habe ich eher persönliche, fantasievolle Filme gemacht, zum Beispiel „Rehearsal“. Erst nach den Dreharbeiten wurde mir klar, wie weit ich von der Realität meiner Mitmenschen entfernt war. Ich hatte den bisherigen Filmen kein Mitgefühl für Menschen in prekären Lebenssituationen gezeigt – das hat mich belastet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb habe ich mich entschieden, mich mit den realen Lebensbedingungen, insbesondere von Frauen, auseinanderzusetzen – und daraus entstand das Drehbuch zu „The Song Sustxotin“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie gehen Sie mit den Risiken um, die entstehen, wenn man sich öffentlich gegen patriarchale Strukturen äußert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Mitglied der Filmkommission sagte mir einmal, es sei unnötig gewesen, die „<em>negativen Seiten“</em> Usbekistans zu zeigen – das sei doch keine Normalität und komme <em>„höchstens alle zehn Jahre vor“</em>. Dabei liest man heute beinahe täglich von Vergewaltigungsfällen in den Medien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste, dass es sinnlos wäre, mit ihm zu diskutieren. Ich verabschiedete mich mit einem Lächeln. Aber ich werde weiterhin solche Themen durch meine Filme aufgreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie ist es um die Repräsentation von Frauen in der usbekischen Filmbranche bestellt? Und welche Erfahrungen haben Sie als junge Regisseurin gemacht?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Usbekistan liegt weit hinter anderen Ländern Zentralasiens zurück, wenn es um die Sichtbarkeit von Frauen in der Filmbranche, besonders als Regisseurinnen, geht. In Kasachstan und Kirgistan gibt es einige bekannte Regisseurinnen – in Usbekistan dagegen kaum. Eine der wenigen ist <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kamara_Kamalova">Qamara Kamolova</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/die-proteste-haben-ein-weibliches-gesicht-wie-frauen-in-usbekistan-fuer-ihre-rechte-einstehen/">Die Proteste haben ein weibliches Gesicht: Wie Frauen in Usbekistan für ihre Rechte einstehen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einige Frauen, die Kurzfilme oder TV-Serien drehen, aber auch sie sind rar. Für Frauen ist es sehr schwer, sich als Regisseurinnen zu behaupten. Als ich meine ersten Filme drehte, wurde ich im Team kaum ernst genommen. Ich musste mich doppelt beweisen – als junge Frau in einem männlich dominierten Umfeld. Wenn ein Mann einen erfolgreichen Film macht, sagt man: <em>„Er hat Talent.“</em> Wenn eine Frau Erfolg hat, heißt es beim ersten Film: <em>„Glück.“</em> Beim zweiten: „<em>Sie wurde unterstützt.“</em> Erst beim dritten Film wird ihr Können anerkannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ihr Film wird 2026 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Was bedeutet das für Sie? Und glauben Sie, dass Ihr Film auch bald im usbekischen Fernsehen zu sehen sein wird?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, dass mein Film bald auch in Usbekistan gezeigt wird. Internationale Festivalteilnahmen sind schön, aber sie erfüllen mich nicht. Es macht mich nicht glücklich, das Leid meines Volkes auf die Leinwand zu bringen und damit internationale Anerkennung zu erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich mir wirklich wünsche, ist, dass mein eigenes Volk diesen Film sieht – als Spiegel der Gesellschaft. Ich musste ein ganzes Jahr warten, bis die usbekische Filmagentur (MTRK) den Film überhaupt zur internationalen Vorführung freigegeben hat. Ich hoffe trotzdem, dass der Film in den kommenden Jahren in usbekischen Kinos oder im Fernsehen gezeigt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Arbeiten Sie bereits an neuen Projekten mit ähnlichen Themen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Momentan konzentriere ich mich auf TV-Serien, um finanziell über die Runden zu kommen. Für größere Projekte fehlt es derzeit an Mitteln. Aber ich habe Drehbücher für zwei Kurzfilme geschrieben, die keine staatliche Förderung benötigen. Einer davon widmet sich erneut der Lebensrealität usbekischer Frauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für größere Filmprojekte habe ich ebenfalls Ideen – etwa für einen Film im mystisch-poetischen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sufismus">sufischen</a> Genre. Leider gibt es solche Filme bislang nicht in Usbekistan. Ich würde gerne usbekische Metaphern und mystische Elemente aufgreifen – doch dafür braucht es enorme Förderung. Vielleicht gelingt es mir, internationale Förderung zu gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Filmkultur ist stark von der sowjetischen und russischen Schule geprägt. Eine eigenständige, usbekische Filmschule hat sich noch nicht wirklich entwickelt – obwohl unsere Literatur und Poesie sehr weit fortgeschritten ist. Auch in meinen Filmen ist der Einfluss der russischen Filmschule spürbar. Aber vielleicht ist das nur eine Phase – ich hoffe, es kommt eine neue Ära der usbekischen Filmkunst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Husnora, vielen Dank für das Gespräch!</strong><strong></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Das Interview führte Makhkam Khamidov</strong> <strong>für Novastan</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Im Schutz der Nacht: die dunkle Seite der Sexarbeit in Usbekistan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Dec 2024 12:59:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Legalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologe]]></category>
		<category><![CDATA[Stigmatisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Zuhälter]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Hook-Journalist Andrej Skwortsow sprach mit einem Zuh&#xE4;lter, mit Menschenrechtsaktivisten und einer Psychologin, um herauszufinden, wie Menschen in dieses Gesch&#xE4;ft kommen, warum Freier dorthin gehen und welche Risiken bestehen. Wer sch&#xFC;tzt die Rechte von Sexarbeitenden in Usbekistan? &#x201E;Prostitution ist in Usbekistan ein Verbrechen und ein Tabuthema. Daher gibt es keine Organisationen, die sich dem Schutz [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Der Hook-Journalist Andrej Skwortsow sprach mit einem Zuhälter, mit Menschenrechtsaktivisten und einer Psychologin, um herauszufinden, wie Menschen in dieses Geschäft kommen, warum Freier dorthin gehen und welche Risiken bestehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wer schützt die Rechte von Sexarbeitenden in Usbekistan?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Prostitution ist in Usbekistan ein Verbrechen und ein Tabuthema. Daher gibt es keine Organisationen, die sich dem Schutz der Rechte von Sexarbeitenden widmen oder ihnen umfassend und systematisch Unterstützung bieten. Es gibt jedoch einige Organisationen und Einzelpersonen, die mit Sexarbeitenden arbeiten, wie zum Beispiel das Zentrum </em><a href="https://istiqbolliavlod.uz/en"><em>Istiqbolli Awlod</em></a><em>. Die Organisation bekämpft den Menschenhandel, bietet HIV/AIDS-Präventionsdienste für gefährdete Gruppen (Sexarbeitende und LGBT-Personen) und leistet aufsuchende Arbeit: Sie sucht proaktiv potentiell betroffene Gruppen, wie zum Beispiel Drogenkonsumenten, und bleibt mit ihnen in Kontakt. Folgende Fragen beantwortete eine Mitarbeiterin der Organisation.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Welche Hilfe wird Sexarbeitenden angeboten?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Aufsuchende Sozialarbeitende verweisen hilfesuchende Sexarbeitende an die Hotline der Organisation, wo sie kostenlose Beratung und Rechtshilfe erhalten. Für die Behandlung von Geschlechtskrankheiten empfehlen sie ihnen vertrauenswürdige medizinische Einrichtungen. Leider gibt es aber kein vollständiges Screening und keine kostenlose gynäkologische Beratung für die Zielgruppe.</em>“</p>



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<h2 class="wp-block-heading"><strong>Porträt einer in der Sexarbeit tätigen Person &#8211; wie sieht sie aus?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Sexarbeitende in Usbekistan sind Frauen im Alter von 25 bis 45 Jahren, meist Binnenmigrantinnen. Das Einkommen ihrer Familien liegt unter dem Durchschnitt. Der Hauptgrund für den Einstieg in die Sexindustrie ist der Mangel an Möglichkeiten oder Alternativen. Zum Beispiel fehlende Arbeitsplätze oder die Unfähigkeit, eine Anstellung zu finden, weil es an Bildung mangelt, die auch nicht zu erlangen ist. Am häufigsten werden sie in jungen Jahren missbraucht, sind geschieden, verwitwet oder haben keinen Studienplatz bekommen. Es gibt Fälle, in denen Zuhälter Sexarbeitende zwangsweise festhalten durch Drohungen, Erpressung, Einschüchterung und in einigen Fällen Schlägen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Welche Art von Hilfe erhalten sie am häufigsten?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Die in der Prostitution tätigen Personen wenden sich am häufigsten an uns, wenn es um gesundheitliche Fragen geht. Sie benötigen kostenlose gynäkologische Konsultationen und Untersuchungen, da sie sich an ihrem Wohnort nicht an einen Gynäkologen wenden können und Privatkliniken teuer sind. Sie bitten auch um Dienstleistungen zur HIV-Prävention: HIV-Tests, Kondome und urologische Beratung für Kunden. Sexarbeitende sind physischer und psychischer Gewalt von Zuhältern und Kunden ausgesetzt. Sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, sie können sich nicht direkt an die Strafverfolgungsbehörden wenden, da dies ein direkter Beweis dafür wäre, dass sie illegalen Tätigkeiten nachgehen. Viele Menschen, die in der Prostitution tätig sind, nehmen neue psychoaktive Substanzen und betrachten sich nicht als süchtig. Sie bitten auch um Hilfe bei der Wiederbeschaffung ihrer Pässe, des Unterhalts für ihre Kinder und ihres Wohnsitzes, da sie keinen festen Wohnsitz haben.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wie die Branche „von innen“ funktioniert &#8211; die Geschichte eines ehemaligen Zuhälters</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Vorher habe ich in Russland auf einer Baustelle und im Verkauf von Freizeitkleidung gearbeitet. Dann arbeitete ich in einem Gastronomiebetrieb in Taschkent. Im November 2023 begann ich mit der Zuhälterei. Ich befand mich in einer Gesellschaft von Bekannten und wir wurden gefragt, wo wir ein Mädel finden könnten. Jemand sagte scherzhaft, dass man auf Webseiten suchen könne. Ich begann zu überlegen, warum nicht? Das Catering-Format ermöglicht es uns, dies parallel zu tun: Es sind immer viele Gäste da, jeder braucht Sex, und es gibt auch viele alleinstehende Männer. Ich beschloss, auf die Webseite zu gehen und stellte fest, dass die Preise in Usbekistan etwas hoch sind, aber die Nachfrage nicht sinkt, so dass man sie erhöhen kann. Ich ging zu dem Mann, der mich danach fragte, und zeigte ihm ein paar Mädchen. Natürlich mit einem kleinen Aufschlag für das erste Mal. Er hat sie genommen. Und mir wurde klar, dass man damit sehr gut leben kann. Denn es ist wie mit Lebensmitteln, wie mit Kleidung: Jeder braucht Sex. Ich habe nur mit </em>Mädels<em> gearbeitet- das ist eher eine Besonderheit des lokalen Marktes. Ein Freund von mir, der in Russland arbeitet, sagt, dass auch die männliche Prostitution dort weit verbreitet ist. Ich habe die Arbeiterinnen selbst kennengelernt, aber wir haben nur während der Arbeit miteinander gesprochen. Sie konnten ein paar Mal vor oder nach „allem“ herumstehen und über das Leben reden &#8211; alles war so einfach und offen. Und das war&#8217;s dann: Wir haben das Geld geteilt und sind getrennte Wege gegangen. Ich habe mindestens 50 Dollar für jede verdient. Eine Stunde mit einer Frau kostet 150 Dollar, so sagte ich den Kunden und rechnete meinen Aufschlag bereits ein. Natürlich, wenn ich sah, dass der Kunde wohlhabend ist, konnte ich natürlich auch 200 Dollar nehmen. Oder, zum Beispiel, ein Mann will für die ganze Nacht bestellen &#8211; dann gibt es ein Minimum von 500. Die Kunden können per Überweisung oder bar bezahlen: Der Frau gebe ich ihren Anteil, oder einem eventuellen Mittelsmann, und der Rest bleibt bei mir.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/ab-200-som-aufwaerts-von-maennern-die-sex-fuer-geld-anbieten/">„Ab 200 Som aufwärts“ –&nbsp; Von Männern, die Sex für Geld anbieten</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich nahm <em>nahm weder größere Aufträge noch triebhafte</em> Kunden an, selbst mit einem Aufschlag &#8211; ich wollte nicht, dass eine Frau eventuell vergewaltigt wird. Ich habe auch nicht mit Betrunkenen gearbeitet; das Durchschnittsalter der Kunden lag irgendwo zwischen 25 und 40. Viele Frauen wollen Geld verdienen, um zum Beispiel eine Therapie für einen Familienangehörigen zu finanzieren. Ich weiß nicht, wie es bei jedem meiner Mädels war, aber viele von ihnen verdienten Geld für ihr Studium. Tagsüber studieren sie, abends gehen sie arbeiten. Manche kommen sogar aus anderen Ländern: Ich hatte zwei Mädels aus Kasachstan, hier gelten sie als exotisch, während sie dort niemand wollte. Ich verstehe nicht, warum dieses Thema so ein Tabu ist. Sex ist wie Essen, Kleidung. Es ist eine notwendige Sache. Aber aus irgendeinem Grund ist es ein absolutes Tabu, besonders in unserem Land. Ich denke, es ist ganz normal und natürlich. Solche Arbeit ist keine Sklaverei, die Mädels verdienen nur ihren Lebensunterhalt. Wie ein Kellner oder ein Bauarbeiter. Sie verdienen einfach ihren Lebensunterhalt mit ihrem Körper. Und warum nicht? Ich habe jetzt mehr oder weniger aufgehört. Also, ich habe nicht komplett aufgehört, ich suche nur nicht mehr so aktiv nach Kunden wie früher. Zuerst dachte ich, es sei leicht, einfach und macht Spaß &#8211; ich brauchte das Geld. Aber dann habe ich gemerkt, dass das illegal ist, und dafür kann man dich ganz schön f***en und ins Gefängnis schicken. Und so ist es auch in Russland. Als ich dort lebte, hatte ich denselben Telegram-Kanal, aber ich habe niemanden verkauft, ich habe nur zugeschaut. Und wenn man oft dasselbe Mädchen sieht und sie dann verschwindet, kommt man auf seltsame Gedanken.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistans-kampf-gegen-prostitution-trifft-gewoehnliche-buergerinnen/">Tadschikistans Kampf gegen Prostitution trifft gewöhnliche BürgerInnen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>In Usbekistan wurde mir klar, dass, wenn jemand ins Gefängnis gelangt, diese Person gegen mich aussagen wird. Warum sollte ich das tun wollen? Keiner meiner Freunde und Familienangehörigen wusste, was ich tat. Ich möchte mich nicht in die Politik einmischen, aber da „sie“ das Verbot verhängen, bedeutet das, dass sie mehr Ahnung von Verboten haben als ich. Wie ich schon sagte, es ist nur ein Job. Wollen sie das kontrollieren, sollen sie es versteuern. Na, nehmen wir die Brücke in Kuylyuk: Dort gibt es eine Menge Sexarbeitende, und ganz Usbekistan weiß davon, alle Politiker, die Polizei – wenn sie so sehr dagegen sind, sollen sie dort alles schließen. Aber die Mädels stehen weiterhin dort und verdienen Geld. Eine Art von Legalisierung.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Statistiken des Innenministeriums</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Innenministerium ignorierte die Anfrage von <em>Hook</em> nach Statistiken über die Zahl der in Usbekistan verhafteten Sexarbeitenden und die Häufigkeit von Straftaten in diesem Bereich in den letzten Jahren. In den ersten drei Monaten des Jahres 2024 wurden in Taschkent 1.068 Sexarbeitende verhaftet. Nach Angaben der Polizeibehörde kamen 92,8 Prozent von ihnen aus den Provinzen in die Hauptstadt. Die Polizei stellte außerdem 209 Fälle von Zuhälterei und Bordellbetrieben fest. Sexarbeitende können auch unter Artikel 113 des Strafgesetzbuchs fallen, der die Verbreitung von HIV/AIDS regelt: „<em>Die Ansteckung einer anderen Person mit einer Geschlechtskrankheit durch eine Person, die weiß, dass sie erkrankt ist, wird mit einer Geldstrafe von 50 bis 100 <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%B0%D0%B7%D0%BE%D0%B2%D0%B0%D1%8F_%D1%80%D0%B0%D1%81%D1%87%D1%91%D1%82%D0%BD%D0%B0%D1%8F_%D0%B2%D0%B5%D0%BB%D0%B8%D1%87%D0%B8%D0%BD%D0%B0_(%D0%A3%D0%B7%D0%B1%D0%B5%D0%BA%D0%B8%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD)">BRV </a>oder einer gemeinnützigen Pflichtarbeit von 240 bis 360 Stunden oder</em> <em>einer Strafarbeit von bis zu zwei Jahren oder einer Freiheitsbeschränkung von einem bis drei Jahren oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/wie-hiv-positive-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/">Wie HIV-positive Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gebiet Buchara wurde im Jahr 2021 eine Frau, die etwa 40 Menschen mit HIV infiziert hatte, zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Frau wusste von der Infektion und war nach Angaben der Polizei in der Prostitution tätig. Die Frau bot weiterhin intime Dienstleistungen gegen Geld an und steckte im Laufe von vier Jahren etwa 40 Menschen an, darunter auch verheiratete Männer, die ihre Ehefrauen ansteckten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ob eine Entkriminalisierung und Legalisierung der Prostitution in Usbekistan notwendig ist &#8211; eine Fallstudie aus Kasachstan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan ist die Prostitution nicht strafbar, aber die Anwerbung und Vermittlung (Betrieb von Bordellen, Bereitstellung von Räumlichkeiten für die Prostitution) sind verboten. Nach UN-HIV/AIDS-Daten von 1997 hat jede vierte Frau in Kasachstan mindestens einmal in ihrem Leben Sex gegen Geld gehabt. Laut einer Umfrage der Staatlichen Universität Abay Almaty haben mindestens 40 Prozent der Befragten schon einmal eine finanzielle Vergütung für sexuelle Dienstleistungen erhalten. Für das Jahr 2021 wurde die Gesamtzahl der HIV-positiven Menschen in Kasachstan auf 25.000 geschätzt, von denen 87 Prozent ihren Status kannten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Sicht einer Psychologin</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sprachen mit der Psychologin Liana Natroshvili über die psychologischen Probleme von Sexarbeitenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenden sich Sexarbeitende an Sie, wenn sie Hilfe brauchen? Mit welchen Anliegen kommen sie am häufigsten zu Ihnen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das tun sie. Die Anfragen beziehen sich in der Regel auf posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) und die Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was wissen Sie über die Situation von Sexarbeitenden in Usbekistan? Ist die erzwungene Arbeit von Sexarbeitenden durch andere (Zuhälter, Beobachter, Kunden) weit verbreitet?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Prostituierte Frauen sind der Gewalt von Zuhältern und „Kunden“, aber auch von Vollzugsbeamten ausgesetzt – ich behaupte nicht, dass dies ständig geschieht, aber es kommt vor. Das liegt daran, dass Frauen in dieser sozialen Gruppe sehr verletzlich und stigmatisiert sind, was sie entmenschlicht und sie zu leichten Zielscheiben für Belästigung und Gewalt macht.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sexarbeit-in-kasachstan-zwischen-rechtlicher-unklarheit-und-gesellschaftlicher-stigmatisierung/">Sexarbeit in Kasachstan: Zwischen rechtlicher Unklarheit und gesellschaftlicher Stigmatisierung</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was können Sie über die Reaktion des Staates auf das Problem der Prostitution im Lande sagen? Was sollte geändert werden, um die Situation der Sexarbeitenden zu verbessern oder ihnen einen sicheren Wechsel der Tätigkeit ohne das Risiko der Verfolgung zu ermöglichen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Meines Erachtens sollte die Sexarbeit entkriminalisiert werden, und wir sollten Praktiken zur Schadensbegrenzung einführen – Verhütungsmittel, Schutz der Rechte, die Möglichkeit, sich im Falle eines Verbrechens an die Behörden zu wenden usw. Es lohnt sich, ausländische Modelle für den Umgang mit diesem Problem in Betracht zu ziehen, da dort bereits gewisse Erfahrungen gesammelt wurden.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie wirkt sich die Stigmatisierung auf Sexarbeitende aus? Macht sie Sexarbeitende ängstlicher?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Stigmatisierung wirkt negativ auf alle, die davon betroffen sind, wie HIV-Infizierte, Drogenkonsumenten usw. Diese schutzbedürftigen Menschen leiden unter chronischem Stress, sie haben eine höhere Rate an psychischen Störungen, eine höhere Selbstmordrate und so weiter. Sie haben keinen Zugang zu staatlichem Schutz, zu qualifizierter medizinischer Versorgung, d. h. zu den Dingen, die für Andere durchaus zugänglich sind. Wird zudem die Verurteilung durch die Gesellschaft (Familie, Freunde) hinzugenommen, wird das Leben der Betroffenen sehr gefährlich, und sie sind hilflos.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistanischer-sicherheitsdienst-veroeffentlicht-persoenliche-daten-von-sexarbeiterinnen/">Kirgistanischer Sicherheitsdienst veröffentlicht persönliche Daten von Sexarbeiterinnen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Selbst wer diese „Tätigkeit“ als Job ansieht, worüber sich trefflich streiten lässt, sieht darin kaum einen Traumjob. Wahrscheinlich träumt kaum jemand von einer solchen „Karriere“ für sich oder seine Kinder. Und hier, wie in jeder Situation, in die ein Mensch durch Fehler oder Unwissenheit geraten ist oder sich am Rande von Armut und</em> <em>Verzweiflung befindet, ist es wichtig, Ressourcen anzusparen und sein Leben zu ändern. Mit Ressourcen meine ich Geld, Bildung, geistige Gesundheit, ein unterstützendes Umfeld und den spirituellen Aspekt (Werte, Bedeutung, Glaube usw.).“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was denken die Usbeken über Prostitution?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Umfrage von <em>hook</em> unter seinen Lesern über ihre Meinungen zu Prostitution und dazu, ob sie entkriminalisiert oder sogar legalisiert werden sollte, ergab verschiedene Antworten. Hier sind einige davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-brucke-prostitution-in-bischkek/">Die Brücke – Prostitution in Bischkek</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über die Legalisierung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Eine Legalisierung könnte die Rechte und die Sicherheit von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern schützen, aber wenn wir die Besonderheiten des lokalen Strafverfolgungssystems berücksichtigen, würde es wohl nur noch schlimmer werden</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über die Verantwortlichkeit für Engagement und Sexarbeit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Zunächst müssen wir verstehen, wer von diesen Dienstleistungen profitiert, wer sie in Anspruch nimmt und wie die Frauen dorthin gelangen. Aber Zuhälter und Kunden sollten für die Sexarbeit zur Rechenschaft gezogen werden</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über psychische Gesundheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Was die psychische Gesundheit betrifft, so ist es die Ausbeutung, die zu posttraumatischen Stressstörungen führt. Dabei spielt selbst eine bewusste Wahl dieses Arbeitsbereichs keine Rolle mehr. Dort, wo es auch noch eine erzwungene Wahl ist, ist der Schaden für die Psyche eines Menschen erst recht schwerwiegend. [&#8230;] Menschlich gesehen sollte es kein Feld zum Geldverdienen sein. Perverse Abende, wenn es einer Person gefällt, ja. Aber als Mittel zum Geldverdienen… Ich verurteile diese Menschen kein bisschen, sondern habe eher Mitleid und möchte sie schützen</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über soziale Garantien</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Ich bin überhaupt nicht dafür, da es sich um eine Sexualisierung und Objektivierung von Frauen handelt, aber in Anbetracht unserer Realitäten und der Tatsache, dass ein Verbot sowieso nichts bringt, bin ich für eine Legalisierung, um Sicherheit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende zu gewährleisten</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zum Thema Bildung und Sexualerziehung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Usbekistan hat eine problematische Haltung gegenüber jungen Frauen und jeglicher Art von Intimität in der Bevölkerung. Und das gilt erst recht für die Sexindustrie. Deshalb ist es besonders wichtig, aufzuklären, vielleicht mit einfachen Themen zu beginnen und grundlegende Dinge zu erklären</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andere Antworten</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Wenn man etwas nicht kontrollieren kann, ist der einzig richtige Weg die Entkriminalisierung“. „Was nicht zu bekämpfen ist, sollte legalisiert, kontrolliert und besteuert werden“. „Neutral, ich benutze es nicht, aber warum sollte es nicht legalisiert werden? Genau wie beim Glücksspiel: Wer will, findet einen Weg, nur dass es jetzt illegal geschieht, und so hat der Staat einen Anteil. Und es wird weniger Möglichkeiten für Kriminelle geben, Geld zu verdienen.“</em> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://trello.com/c/XyhzSdQr/2228-sexarbeit-in-usbekistan-hook-2500-wörter">Russischen</a> von <a href="https://novastan.org/de/author/giuliamanca/">Giulia Manca</a></strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der Aralsee heute: Nur „kleinere Pfützen“ – Ein Interview mit dem Ökologen Yusup Kamalov</title>
		<link>https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/der-aralsee-heute-nur-kleinere-pfuetzen-ein-interview-mit-dem-oekologen-yusup-kamalov/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hook.report]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Oct 2024 06:18:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Amudarja]]></category>
		<category><![CDATA[Aralsee]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Karakalpakstan]]></category>
		<category><![CDATA[Salz]]></category>
		<category><![CDATA[Turgai]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
		<category><![CDATA[Wasser]]></category>
		<category><![CDATA[Yusup Kamalov]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Umweltwissenschaftler Yusup Kamalov widmet bereits seit drei&#xDF;ig Jahren sein Leben der Rettung des Aralsees. Neben der &#xD6;kologie forscht Yusup Kamalov auch zur Aerodynamik und entwirft H&#xE4;ngegleiter, mit denen er die Flugweise von V&#xF6;geln nachahmen will. Das Magazin Hook sprach mit dem karakalpakischen Ingenieur &#xFC;ber sein Aufwachsen in einer Familie, die als &#x201E;Volksfeind&#x201C; galt und [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Umweltwissenschaftler Yusup Kamalov widmet bereits seit dreißig Jahren sein Leben der Rettung des Aralsees. Neben der Ökologie forscht Yusup Kamalov auch zur Aerodynamik und entwirft Hängegleiter, mit denen er die Flugweise von Vögeln nachahmen will. Das Magazin Hook sprach mit dem karakalpakischen Ingenieur über sein Aufwachsen in einer Familie, die als „Volksfeind“ galt und sein Engagement zur Rettung des Aralsees.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich wurde noch zur Zeit Stalins geboren und vermute, dass man mich nicht grundlos Yusup nannte, sondern dass dies zu Ehren </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin#:~:text=M%C3%A4rz%201953%20in%20Kunzewo%20bei%20Moskau,%20Sowjetunion,%20heute%20Russische%20F%C3%B6deration)#:~:text=M%C3%A4rz%201953%20in%20Kunzewo%20bei%20Moskau,%20Sowjetunion,%20heute%20Russische%20F%C3%B6deration)"><em>Iosif Wissarionowitsch Stalins</em></a><em> geschah. Ich habe einen ganz gewöhnlichen Lebenslauf: Schulzeit, und danach ein Studium am </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moskauer_Energetisches_Institut"><em>Moskauer Energetischen Institut</em></a><em>. Nach dem Studienabschluss war ich Energietechniker und wurde zur Arbeit in das Kesselwerk des Wärmekraftwerks in </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taxiatosh"><em>Taxiatosh</em></a><em> entsand.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Aufgrund des Zustandes des Aralsees regte mein Vater einen Wechsel zur Ökologie an. Er war Archäologe und Historiker und leitete circa 37 Jahre lang das Historische Institut. Nach dem Abgang von Marat Nurmuxamedov</em> (Anm. d. Red.: Karakalpakischer Wissenschaftler, erstes karakalpakisches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik) <em>hat mein Vater quasi die Leitung der Akademie übernommen. Mein Vater hat sich ganz dem Schutz des Aralsees verschrieben und hat versucht, so viele wie möglich zum Studium nach Moskau zu entsenden, seien es Mathematiker:innen, Ökolog:innen oder andere Fachrichtungen. So entstand eine ganze Schar von Anhänger:innen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/die-touristischen-perlen-karakalpakstans/"><strong>Die touristischen Perlen Karakalpakstans</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nach der Eröffnung eines Rechenzentrums in Moskau eröffnete die Karakalpakische Akademie der Wissenschaften 1977 ebenfalls eins. Trotz seiner seltsamen Bezeichnung hat sich das Zentrum einer ganzen Reihe spannender Probleme angenommen, darunter auch der Ökologie. Ich war Praktikant und Doktorand am Rechenzentrum der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau am Laboratorium für mathematische Ökologie. Später wechselte ich in die Abteilung für Wasserprobleme, wo wir mathematische Modelle für das Wassermanagement berechneten. Ich schloss meine Dissertation ab, aber durch verschiedene Interessen habe ich sie nie verteidigt. Mein Vater war darüber natürlich sehr verärgert und besonders seine Kolleg:innen machten sich darüber lustig. Er habe mich zu demokratisch und freiheitlich erzogen, ein anderer Mann wäre auf mich losgegangen.</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn Wissenschaftler:innen ihre Dissertation verteidigen, folgt danach oft eine wissenschaftliche Karriere – sie bekommen Leitungsaufgaben. Aber mir gefällt mein Zustand, ich fühle mich viel freier. Mein Vorgesetzter sagt immer: „Wozu soll man Direktor:in oder Chef:in sein, wenn man kreativ sein kann?“. Ich begann die Flugweise der Vögel zu beobachten, baute zwei Hängegleiter und sprang damit unzählige Male vom </em>Shylpyk<em>. Mein letzter Sprung war im Januar 2016, um die Mechanismen nachzuempfinden, die nach meiner Vorstellung einen Vogel zum Fliegen bringen.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aufwachsen in einer Familie von „Volksfeinden“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mein Großvater mütterlicherseits hieß Jali Maxsym</em> (Abdijalil Ismetullaev<em>). Er wurde in einer reichen Familie geboren und unterstütze zunächst die sowjetischen Machthabenden. Später traten er und seine Brüder jedoch gegen die Zwangskollektivierung ein. Dafür wurden seine beiden Brüder vor seinen Augen erschossen und Jali Maxsym wurde nach </em><a href="https://de.wiki7.org/wiki/%D0%A7%D0%B8%D0%BC%D0%B1%D0%B0%D0%B9_(%D0%B3%D0%BE%D1%80%D0%BE%D0%B4)#:~:text=Sh%C4%B1mbay,%20Shymbay)%20ist%20eine%20Stadt%20(seit%201926)%20in%20Karakalpakstan%20("><em>Shymbay</em></a><em> verbannt. Freund:innen von Jali Maxysm, die sich ebenfalls gegen die sowjetischen Machthabenden gestellt hatten und nach Turkmenistan emigriert waren, erfuhren von seiner Verhaftung und fuhren nach Shymbay, um ihn zu befreien. Sie erklärten ihn zum letzten gewählten Khan der Karakalpaken. Für einige Zeit kämpfte mein Großvater als </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basmatschi"><em>Basmatschi</em></a><em> gegen die Kommunisten, doch schließlich wurde er verraten und ausgeliefert. Jali Maxsym wurde zusammen mit seinem 14-jährigen Sohn erschossen und bis heute ist unbekannt, wo sie begraben wurden. Über meinen Großvater begann man erst nach der Unabhängigkeit offen zu schreiben und inzwischen sind Informationen über die </em><a href="https://www.hrono.ru/sobyt/1900war/1929kaza.php"><em>Aufstände in Shymbay und Taxtakupyr</em></a><em>, bei denen er eine wichtige Rolle spielte, offen zugänglich.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Meine Mutter wurde von ihrem Großvater adoptiert und änderte ihren Nachnamen in Esemuratova. Sie wurde Journalistin und erinnerte sich oft daran, wie sie fast jeden Abend für Befragungen zum KGB musste. Dadurch, dass sie als „Tochter eines Volksfeindes“ abgestempelt wurde, wurden meine Mutter und meine Oma direkt nach meiner Geburt aus ihrer Wohnung geworfen. Zudem haben Krankheiten und ein Unfall ihr Leben geprägt. Trotz allem ist sie nach wie vor am Leben und inzwischen 94 Jahre alt. Sie ist eine starke Frau, sowas gibt es heute gar nicht mehr.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vereinigung zum Schutz des Aral und Amudarja</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Auf Initiative des bekannten Schriftstellers Orazbay Abdraxmanov gründete eine Gruppe von Intellektuellen am 6. Dezember 1989 die NGO „Vereinigung zum Schutz des Aral und des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Amudarja"><em>Amudarja</em></a><em>“. Ich trat damals der Organisation durch meinen Vater bei. Anfang der 1990er begannen wir gerade erst mit unseren Aktivitäten und zu unseren Versammlungen kamen um die 300 Personen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir hatten damals Freund:innen in Amerika, die quasi unsere Repräsentanz in den USA herstellten und ausbauten. Deshalb haben wir uns 1991 offiziell als internationale Organisation registriert. Anfang der 1990er lebten wir vergleichsweise frei und waren gut aufgestellt. Einschränkungen waren nicht zu spüren. Dies blieb jedoch nicht lange so. Das Lebensniveau sank und viele emigrierten. 1994 verließ der Vorsitzende der NGO aus persönlichen Gründen seinen Posten und ich übernahm.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>In den 2000ern, nach der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenrevolution"><em>Revolution in Georgien</em></a><em> und einer instabilen Weltlage, begannen in Usbekistan Repressionen gegen internationale Organisationen. Die Beschuldigungen waren gegenüber allen dieselben: Verspätungen bei der Einreichung von Berichten an das Justizministerium. Aufgrund dieser Beschuldigungen mussten viele NGOs ihre Arbeit aufgeben, aber dank internationaler Unterstützung und unserer Stellung konnten wir unsere Unschuld in allen fünf Anklagepunkten vor Gericht beweisen. Trotzdem verloren wir den Status als internationale Organisation und wurden gewissermaßen zu einer örtlichen NGO „degradiert“. Aber das hindert uns nicht daran, uns weiter mit den Problemen des Aralsees zu befassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-aralsee-bricht-alle-rekorde-aber-er-lebt-weiter-geo-forscher-im-experten-interview/"><strong>„Der Aralsee bricht alle Rekorde – aber er lebt weiter!“</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir bekommen oft Kritik von oben: wir wurden beschuldigt, Wasserressourcen kommerzialisieren zu wollen und dafür kritisiert, dass wir einen Marketing-Ansatz verfolgen. Sogar unsere Kolleg:innen aus </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty#:~:text=Almaty%20(kasachisch%20und%20russisch%20%D0%90%D0%BB%D0%BC%D0%B0%D1%82%D1%8B,%20bis%201993%20Alma-Ata)%20ist%20mit"><em>Almaty</em></a><em> haben mich für diese Idee verurteilt. Leider ist bei uns nach wie vor die sowjetische Denkweise vorherrschend und der Wirtschaft gelingt nicht der Schritt weg von den Sowjetzeiten. Unsere Bevölkerung ist es gewohnt zu kritisieren und beispielsweise Angst vor den USA oder der NATO zu haben. Das ist nur ein Stereotyp, dass alles Neue schlecht sei und alles Sowjetische gut. Aber die Mehrheit der Menschen kann man nicht davon abbringen und wir sind in der Minderheit.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Rettung des Aralsees als Ziel</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>1994 erarbeiteten wir ein Konzept mit neuen Methoden im Umgang mit Wasserressourcen, um nicht nur auf eine Erholung des Aralsees hinzuwirken, sondern auch für eine gerechte Verteilung des Wassers zu sorgen. Wir schickten unser Vorhaben an Vertreter:innen der fünf zentralasiatischen Länder, die sich zu einem </em><a href="https://ecifas.kz/en/"><em>internationalen Fond zur Rettung</em></a><em> des Aralsees zusammengeschlossen hatten. Eine Antwort erhielten wir lediglich von einem Berater des Präsidenten Kirgistans, allerdings eine ablehnende.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Unser Konzept sah vor, die Verwaltung des Amudarja Flusses in neutrale Hände zu geben, aber die Regierungen entschieden, dass eine solche Übergabe die Neutralität der Staaten verletzen würde. Die Vereinigung organisierte außerdem Vorträge, veröffentlichte und nahm an Konferenzen teil. Dadurch, dass das Leben schwerer geworden war, gingen jedoch einige und unser Team schrumpfte auf fünf oder sechs Leute. Viele sind inzwischen auch schon gestorben.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/fuenf-oekologische-probleme-zentralasiens/"><strong>Fünf ökologische Probleme Zentralasiens</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Heute ist der Aralsee praktisch verschwunden. Die Fläche des Aralsees beträgt zusammen mit den kasachstanischen und westlichen Teilen weniger als sieben Prozent der ursprünglichen Wasserfläche. Es macht keinen Sinn zu sagen, dass der Aralsee noch existiert. Das sind einfach nur einige Pfützen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das westliche Ufer weicht jedes Jahr um 100 Meter zurück. Wenn man vor circa zehn Jahren auf dem </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ustjurt-Plateau"><em>Ustjurt-Plateau</em></a><em> stand und in Richtung des Aralsees schaute, dann konnte man das südliche und östliche Ufer von dort nicht sehen. Inzwischen sind beide Ufer erkennbar. Im westlichen Teil ist der See vielleicht noch 15 Meter tief. Früher lag der tiefste Punkt bei mehr als 60 Metern. Im Vergleich etwa zum Baikalsee war der Aralsee schon immer eher flach. Der Baikalsee ist stellenweise mehr als zwei Kilometer tief. Der Aralsee glich einer Pfütze auf heißem Asphalt. Und wenn man dann aus einer Pfütze trinkt, vertrocknet sie innerhalb einer Stunde.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Manche Journalist:innen berichten davon, dass der Aralsee sich erhole, aber davon kann keine Rede sein. Ja, der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Syrdarja"><em>Fluss Syrdarja</em></a><em> speist von Kasachstan aus nach wie vor den Aralsee mit Wasser, aber er ist nur halb so groß wie der Amudarja-Fluss. Die 100 Kubikkilometer Wasser, die den Aralsee jedes Jahr erreichen, verdunsten und so bleibt kein Wasser übrig, dass den See wieder auffüllt. Inzwischen ist es schon gut, wenn auch nur fünf Kubikkilometer im Aralsee bleiben würden.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein „Schiffsfriedhof“ als Denkmal</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das, was inzwischen als „Schiffsfriedhof“ bekannt ist, ist eigentlich nur eine Ansammlung unterschiedlicher Schiffe: Boote, Lastkähne und Schlepper, die 2010 aus Anlass des Besuchs des damaligen UN-Generalsekretärs </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ban_Ki-moon#:~:text=Ban%20Ki-moon%20ist%20ein%20s%C3%BCdkoreanischer%20Diplomat%20und%20Politiker.%20Er%20war#:~:text=Ban%20Ki-moon%20ist%20ein%20s%C3%BCdkoreanischer%20Diplomat%20und%20Politiker.%20Er%20war"><em>Ban Ki-moon</em></a><em> hergebracht wurden. All diese Boote wurden ausgegraben, hierhergebracht und inszeniert. Viele denken, dass der „Schiffsfriedhof“ früher ein Hafen gewesen sei. Tatsächlich konnte sich dort aber kein Hafen befinden – der See war zu seicht. Der Hafen war bei </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mo%CA%BBynoq"><em>Mo’ynoq</em></a><em>, neben der Fischfabrik. Die Schiffe liefen den Hafen an, indem sie die Halbinsel Mo’ynoq von Osten und Westen her umrundeten, da das Gewässer dort tiefer war. Die Schiffe fuhren nicht in der Nähe des heutigen Aral-Schiffs-Denkmals vorbei.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Hoffnung auf eine Rückkehr des Aralsees?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Theoretisch ist eine Rückkehr des Aralsees möglich. Wenn man die Wasserverluste begrenzen kann, könnte ein Teil des Aralsees zurückkehren. Nicht auf das frühere Niveau, aber zumindest um den Boden zu befeuchten und die Seen im Delta wieder zu füllen. Das Delta sollte regeneriert werden, denn dort leben Menschen. Wenn wir Wasser sparen, dann hätten wir solche Möglichkeiten.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir müssen an mehreren Fronten handeln. Die Kolleg:innen aus Kasachstan haben mich dabei unterstützt. Die Wälder müssen aufgeforstet werden, das ist die Hauptsache. Außerdem sollte eine Baumwollsorte genutzt werden, die weniger Wasser verbraucht. Die Akademie und ich könnten alle möglichen benötigten Kontakte herstellen, wir könnten dabei helfen, die Produktion der notwendigen Mittel in die Wege zu leiten. Schauen Sie sich die Arabischen Emirate an, dort ist die </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/meerwasserentsalzung-wie-dubai-dem-meer-trinkwasser-abringt-1.3630919"><em>Entsalzung von Meerwasser</em></a><em> eine große Einnahmequelle. Warum schlagen wir nicht diesen Weg ein?</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Großes Problem mit Versickerung von Wasser</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Versickerung von Wasser, steigendes Grundwasser und Bodenversalzung sind ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Eine Möglichkeit ist das Ausbetonieren der Flussbetten, was schon in der Sowjetunion ein Thema war, jedoch nicht umgesetzt wurde. Ende 2023 gab Präsident Mirziyoyev den Erlass heraus, wonach Kanäle auf 1500 Kilometern Länge ausbetoniert werden sollen, um dem Versickern von Wasser entgegenzuwirken. Das Wasser versickert im Boden noch bevor es die Felder erreicht – aktuell verschwinden 37 Prozent nur durch diese Kanäle. Und von den Kanälen haben wir hier Tausende, auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern in ganz Usbekistan. Stellen Sie sich vor, wie viel Wasser wir verlieren! Dieselbe Situation besteht auch bei denjenigen Wasserreservoirs, die nicht durch Beton oder Schutzfolie umgeben sind. Dadurch verlieren wir jährlich rund 40 Prozent des Wassers. Am meisten geht jedoch durch Verdunstung verloren.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie bewässern wir die Felder? Wir verwenden Bewässerungsgräben</em> (Anm. d. Red.: In Zentralasien auch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aryk">Aryk</a>“ genannt.) <em>und Saatbeete. Wir begießen die Felder einfach mit Wasser. Und dazu werden die Felder noch zwei Mal im Jahr vom Salz gereinigt. So werden mehr als 90 Prozent unseres Wassers zum Bewässern oder Böden reinigen verwendet, bzw. es verdunstet oder versickert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Stellen Sie sich mal vor, wenn wir es schaffen würden, auch nur die Hälfte dieser Verluste zu verhindern. Was wäre dann? Dann würde der Aralsee sich wieder füllen. Nicht sofort natürlich, aber uns geht es auch nicht nur um den Aralsee, sondern auch darum, das Delta des Amudarja wiederzubeleben, wo alle Wälder und Seen verschwunden sind.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Frühere Zuflüsse des Aralsees</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Vor etwa 300 Jahren mündete noch ein dritter Fluss in den Aralsee – der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turgai_(Fluss)"><em>Turgai</em></a><em>. Den Turgai gibt es nach wie vor, er fließt auf dem Territorium des heutigen Kasachstan. Aber vor 200 Jahren kam der Fluss etwa 100 Kilometer vom Aralsee entfernt zum Stillstand. Warum? Weil begonnen wurde, die Wälder entlang des Flusses abzuholzen. Und der Wald und der Fluss, das ist eine Symbiose, sie helfen sich gegenseitig. Je mehr Wälder entlang eines Flusses wachsen, desto mehr Wasser führt der Fluss. Und umgekehrt, je mehr Wasser im Fluss, desto besser wachsen die Wälder. Überschwemmungen halten die Wurzeln der Bäume feucht. Genauso verhielt es sich mit dem Auwald des Amudarja, aber die Wälder wurden abgeholzt und damit nahm die Wassermenge des Flusses natürlich ab.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mit dem Fluss </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Serafschan"><em>Serafschan</em></a><em> ist es eine ähnliche Situation. In der Provinz Buxoro in der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kysylkum"><em>Wüste Qizilqum </em></a><em>versickert der Fluss, während er früher einer der großen wasserreichen Zuflüsse des Amudarja war. Und insbesondere in den Bergen und Wüsten brauchen die Menschen den Wald. Aber anstatt die Wälder aufzuforsten, werden 250 Millionen Bäume in den Städten gepflanzt.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was muss getan werden?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Man muss den Grund des Aralsees zumindest ein bisschen befeuchten, anstatt Geld für die Anpflanzung von </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saxaul"><em>Saxaul</em></a><em>-Sträuchern</em><em> auszugeben. Denn Saxaul wächst leider nur einzeln. Der nächste Busch sollte in 5-10-50-100 Metern Entfernung wachsen (Anm. d. Red.: abhängig von den Umweltfaktoren). Lediglich Saxaul anzupflanzen führt dazu, dass sich der Staub verbreitet. Zwar hält der Saxaul Sand zurück, aber keinen Staub oder Salz. 2018 hielt ich einen Vortrag in einem Hotel. Alle Fenster waren verhängt, die Türen geschlossen, und trotzdem war der Tisch mit Staub und Salz bedeckt, weil der Staub so feinkörnig ist. Und wie sieht es auf dem Ustjurt-Plateau aus? Dort breitet sich das Gras aus, wodurch der Staub nicht vom Wind verweht werden kann.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/usbekistan-kampf-gegen-sandstuerme/"><strong>Usbekistan: Kampf gegen Sandstürme</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn man den Staub vermeiden möchte, dann muss der Grund des Aralsees befeuchtet werden. Asphaltieren des Bodens ist nutzlos. Stattdessen könnten mit ein wenig Feuchtigkeit ohne Aussaat Saxaul und Gräser wachsen. Wenn Sie Surgil passieren, dann sind links davon Felder, auf denen üppige Gebüsche wachsen. Warum? Weil der Sudoche-See vor acht Jahren über die Ufer getreten ist und das Wasser einen Teil des Aralsees bei Surgil überschwemmt hat. Obwohl also in acht Jahren nur einmal die Fläche bewässert wurde, wachsen dort Sträucher und andere Pflanzen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Es gibt ein ganz einfaches Mittel, die Luftfeuchtigkeit in den Städten zu erhöhen: man muss Laubbäume pflanzen, aber wir haben überall Nadelgehölz. Sie haben eine 10-Mal kleinere Oberfläche als Laubbäume. Auf den Laubbäumen setzt sich der Staub ab, aber auf den Nadelbäumen kann das nicht im selben Umfang geschehen.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Wasserfrage mit den Nachbarstaaten Afghanistan und Kirgistan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">(Anm. d. Red.: Seit 2022 wird im Norden Afghanistans der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kusch-Tepa-Kanal">Qoʻshtepa kanali</a> gebaut. Das Wasser für ihn soll aus dem Amudarja abgezweigt werden.)<em> Das Beschämendste am Bau des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kusch-Tepa-Kanal"><em>Kanals</em></a><em> ist, dass die Pläne schon vor 50 Jahren bekannt waren. Damals vereinbarten Afghanistan und die Sowjetunion, jährlich 10 Kubikkilometer aus dem Amudarja zu entnehmen. Und jetzt geben alle vor, zum ersten Mal davon zu hören. In den 50 Jahren hätte man sich vorbereiten können, aber alle dachten, dass das Problem sich von selbst lösen würde. Und jetzt müssen spontan Maßnahmen ergriffen werden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe eine Ahnung, warum die Situation im Land so ist wie sie ist. Wenn man zum Beispiel in die Verwaltung geht, dann sitzen dort zwei Menschen, die sagen, dass sie nicht einmal Zeit zum Nachdenken hätten. Sie sind ständig beschäftigt. In den Niederlanden ist es zum Beispiel anders, dort wird 25 Jahre im Voraus gedacht. Ich gehe davon aus, dass die Entscheidungsträger:innen nicht voraus denken. Sie denken vielleicht an die nächsten zwei Stunden, aber nicht an unsere Zukunft.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/die-funf-wichtigsten-wasserkonflikte-in-zentralasien/"><strong>Die fünf wichtigsten Wasserkonflikte in Zentralasien</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>In Kirgistan wird oft die Frage diskutiert, ob flussabwärts gelegene Staaten für Wasser zahlen sollten. Ich bin dafür. Denn wenn man nicht zahlt, dann spart man nie. In dem Fall sollte Kirgistan aber für Qualität, Wassermenge, Pünktlichkeit und Absicherung zuständig sein. Einige werden sagen: „Wieso das denn? Das ist doch eine lebenswichtige Ressource, warum sollte ich dafür zahlen?“. Dann sollen sie eben nur für das Wasser zahlen, das ihnen Gewinn einbringt. Wenn sie etwa Baumwolle anpflanzen oder etwas bauen, dann zahlen sie für das Wasser. Und wenn es um Wasser für Hygiene, Trinkwasser, Artenvielfalt und Ökologie geht, dann sollte es kostenlos sein. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir seit Jahrhunderten flussabwärts leben.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Nachwort</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Werden wir unser ganzes Leben lang ein Agrarstaat sein? Werden wir Baumwolle und Reis anbauen? Das ist lächerlich. Kleinere Staaten wie etwa Singapur und Israel haben in dieser Zeit schon so viel mehr erreicht. Und wir, mit unserer Korruption, bleiben zurück. Wir versuchen aufzuholen, aber wohin? Wenn wir aufholen wollen, müssen wir ihren Weg gehen. Wie schon Suchow sagte: „Ich kann nicht mein ganzes Leben durch diese Wüste gehen.“</em> (Anm. d. Red.: Dabei handelt es sich um ein Zitat des Charakters Suchow aus dem sowjetischen Film-Klassiker „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Sonne_der_W%C3%BCste">Weiße Sonne der Wüste</a>“.)</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Feride Maxsetova, Yana Modelova, Azamat Matkarimov und Lena für <a href="https://hook.report/2024/05/yousup-kamalov/">Hook Report</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>„Das Ewige Thema“ – Ein Gespräch mit der kasachischen Schriftstellerin Roza Muqanova</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Verena Zabel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 May 2024 13:52:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Atomwaffen]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Roza Muqanova]]></category>
		<category><![CDATA[Semipalatinsk]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Schriftstellerin Roza Muqanova hat eine der pr&#xE4;gnantesten &#x2013; und erfolgreichsten &#x2013; Geschichten &#xFC;ber die Folgen der Atomwaffentests im heutigen Kasachstan geschrieben. Im Interview erz&#xE4;hlt sie von den Hintergr&#xFC;nden und davon, was sie mit dem St&#xFC;ck erreichen m&#xF6;chte. Wie schreibt man &#xFC;ber das Desaster, ohne beim Lesenden nur Schmerz und Verzweiflung auszul&#xF6;sen? Wie kann man [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Schriftstellerin Roza Muqanova hat eine der prägnantesten – und erfolgreichsten – Geschichten über die Folgen der Atomwaffentests im heutigen Kasachstan geschrieben. Im Interview erzählt sie von den Hintergründen und davon, was sie mit dem Stück erreichen möchte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie schreibt man über das Desaster, ohne beim Lesenden nur Schmerz und Verzweiflung auszulösen? Wie kann man in einer zerbombten Landschaft Schönheit und Ruhe finden? All diese Fragen beantwortet die Kurzgeschichte „Mäñilik bala beıne”, zu Deutsch etwa: „Das ewig-kindliche Gesicht“, der kasachischen Autorin Roza Muqanova, die sie in den Jahren 1988-1989 geschrieben hat. Darin schreibt sie mit poetischer Kraft von der jungen, etwa 16-jährigen Läılä, die ein „ewiges Kind“ geblieben ist, also über eine junge Frau, deren Körper in jungen Jahren aufgehört hat zu wachsen – eine Folge der sowjetischen Atomwaffentests in Kasachstan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ewig von der Zukunft getrennt, von ihren Mitmenschen missverstanden, flüchtet das junge Mädchen jeden Abend hinaus in die Steppe, in die Schlucht zwischen den Bergausläufen, um sich heimlich mit dem einzigen Wesen zu treffen, das sie versteht und das sie liebt: Mit dem Mond – oder besser: Mit der Möndin, denn obgleich die kasachische Sprache nicht gendert, wird die Möndin nicht nur klar weiblich, sondern sogar mütterlich beschrieben. Eines Nachts, als Läılä krank im Bett liegt, zeigt sich die mütterliche Möndin, deren Mondstrahlen die Schlucht und die Ebenen nach dem „ewigen Kind“ absucht:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Strahlen der Möndin, die in die tiefe Schlucht fallen, leuchten heller als je zuvor. Sie schweifen über die Erde auf der Suche nach Läılä, dem Mädchen mit dem verweinten Gesicht. Sie suchen und fragen nicht nur das Wasser des Dorfes Qarauyl, sondern auch die Erde und die Berge, seufzend, mit mütterlicher Stimme: „Wohin bist du verschwunden? Warum bist du heute nicht in der tiefen Schlucht?“ Und es scheint, als ob sie, in der Schlucht schwebend, mit innig-warmen Handflächen, ihre Hände ausbreiten.“</em> </p>



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<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Läılä am Ende der Geschichte stirbt, wirkt die poetische Stimme der Erzählerin dennoch tröstend. Auch deshalb sticht diese Kurzgeschichte in der Flut an literarischen Produktionen rund um Atomwaffentests und nukleare Katastrophen hervor. Denn wir sehen die Welt durch Läıläs Augen, fühlen mit ihr und erkennen in ihr eine wunderschöne Seele, die uns vergessen lässt, dass ihr Körper der eines Kindes ist, mit alten, viel zu alten Händen. Die Kurzgeschichte zeigt die Trauer und den stillen Kummer der Bevölkerung Kasachstans, die in unmittelbarer Nähe des sowjetischen Atomwaffentestgebiets <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsk</a> lebte, lebt und überlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/politologin-togjan-qasenova-solange-es-atomwaffen-gibt-werden-wir-alle-deren-geiseln-sein/">Politologin Togjan Qasenova: „Solange es Atomwaffen gibt, werden wir alle deren Geiseln sein“</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Muqanova ist eine bewundernswerte Person, ihr Drama basierend auf dieser Kurzgeschichte wird seit 1996 auf kasachstanischen Bühnen aufgeführt, und dennoch ist sie nahbar geblieben. Nicht nur in persönlichen Gesprächen, sondern auch später in einem umfänglichen schriftlichen Interview beantwortet sie unzählige Fragen. Die relevantesten und interessantesten Ausschnitte dieses Interviews sind für alle von Bedeutung, die sich für Literatur, Zentralasien und die Fragen nach Ethik, Umwelt und den Problemen nuklearer Zerstörung interessieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Verena Zabel: Wie haben Sie die Sowjetzeit erlebt und was denken Sie heute darüber?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Roza Muqanova:</strong> Ich habe selbst im Sowjetsystem gelebt und habe sowohl meine Kindheit, als auch meine Schulzeit glücklich verbracht. Danach wollte ich studieren. Als Studentin habe ich dann begonnen, gewisse Hindernisse zu bemerken. Mir fiel auf, dass die Freiheit meines Volkes begrenzt war, dass es nicht seine eigene Geschichte schrieb und dass die Macht der Ideologie bis zu einem gewissen Grade immer siegte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies alles änderte sich allmählich mit der Unabhängigkeit. Literatur, Teile unserer Geschichte, Werke und Forschungen wichtiger kasachischer Persönlichkeiten, die früher zensiert oder komplett verboten wurden, wurden nach und nach veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hat sich die Unabhängigkeit Kasachstans auf Ihre Arbeit ausgewirkt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne die kasachstanische Unabhängigkeit wäre es mir unmöglich gewesen, meine Kurzgeschichte „Mäñilik bala beıne” zu veröffentlichen. Durch diese Kurzgeschichte wollte ich das Schicksal meines Volkes erzählen. Ich wollte über das Unrecht schreiben, dass nicht nur dem Mädchen Läılä, sondern uns allen zugefügt wurde. Ich wollte durch die Darstellung von Läıläs Seele aufzeigen, dass sie ein Opfer des politischen Systems war, und dass dieses System ihre Zukunft als Mensch zerstört hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie selbst wurden unweit vom Atomwaffentestgelände geboren. Was sagten die Leute damals dazu?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, ich wurde in Semipalatinsk (heute Semeı, Anm. d. Red.) geboren. Dort wurden über 40 Jahre lang <a href="https://taz.de/Atomwaffentests-in-Kasachstan/!vn5994537/">Atomtests durchgeführt</a>. Die Menschen, die dort lebten, wurden nicht umgesiedelt. Sie wussten auch nicht, was wirklich vor sich ging. Es wurde geheimgehalten, dass es sich um Atombomben handelte und dass diese sehr gefährlich für die menschliche Gesundheit sind. In ihrem Inneren haben die Menschen das alles gespürt, und die Gebildeten unter ihnen haben auch verstanden, dass es an den Atombomben lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da aber die Kasachen ein Volk waren, das politische Verfolgung, Hunger und Unterdrückung erlebt hatte, wagte es niemand, dieses Thema anzusprechen oder etwas dagegen zu tun. Erst 1988-89 begann man, offen darüber zu sprechen, dass Land und Wasser vergiftet wurden, dass immer weniger Menschen geboren wurden, dass Krankheiten zunahmen und Menschen ungewöhnlich früh starben. Für die Kasachen war diese katastrophale Zeit wie eine Sturzflut, die alles erfasste.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie haben die Menschen auf die Kurzgeschichte und das Drama reagiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kurzgeschichte kam bei den Menschen sehr gut an. Ein Theaterdirektor hat mir sogar vorgeschlagen, die Kurzgeschichte für die Bühne umzuschreiben. Auch das Drama kam dann bei der Premiere sehr gut an. Doch das Publikum, das zur Aufführung kam, tat mir auch sehr leid, weil alle so gerührt waren, dass sie weinten. Danach wurde das Drama eines der beliebtesten Theaterstücke überhaupt. Etwa 20 Jahre lang spielten wir vor ausverkauftem Haus. Die Leute wurden nicht satt, es zu sehen und die Nachfrage war sehr groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später wurde es aus dem Theaterrepertoire gestrichen, es hieß, das Bühnenbild sei veraltet. Ich erinnere mich noch daran, dass damals junge Studierende im staatlichen Fernsehen auftraten, um ihre Unzufriedenheit mit der Theaterleitung auszudrücken. Diese jungen Menschen wollten, dass das Stück wieder in das Repertoire aufgenommen wird. Das waren für mich sehr interessante Neuigkeiten. Das Drama war so beliebt, dass es später sogar verfilmt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Drama wird immer noch aufgeführt. Inzwischen aber als ein inklusives Theater, in dem die Rolle von Lä</strong><strong>ılä nicht einfach von einem „gesunden“ jungen Mädchen gespielt wird, sondern von einer Schauspielerin, die genauso wie Läılä auch, den Körper eines Kindes hat. Wie hat das Publikum darauf reagiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Publikum hat reagiert wie immer: Obwohl Läılä eine Behinderte ist, sagen sie, dass Läılä schön ist, dass ihre Seele rein und engelhaft ist und dafür lieben sie Läılä. Sie sympathisieren mit Läıläs Traurigkeit. Als würden sie alles zusammen mit Läılä erleben, beschuldigen sie das politische System, sind von den korrupten Menschen angewidert und verfluchen die katastrophale Waffe, die Läıläs Tod verursacht hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lä</strong><strong>ılä verrät ihre Geheimnisse nicht dem Himmel oder der Nacht. Sie spricht auch nicht mit sich selbst, sondern mit dem Mond. Was ist so besonders an dem Mond?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mond ist rein, makellos, sieht milchig weiß aus. Läılä ist auf der Erde, während der Mond sich im Weltraum befindet, doch sie sehen sich. Läılä kann ihre Geheimnisse nicht den Dorfbewohner:innen verraten, denn für sie ist Läılä nur ein Krüppel, eine invalide Person. Sie können Läıläs Seele, ihre Träume und Sorgen nicht verstehen. Läılä musste jemanden finden, der sie verstehen und ihr Leiden teilen kann. Deshalb hat sie den Mond gefunden. Das ist Läıläs Wahl!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Drama unterscheidet sich etwas von der Kurzgeschichte. Zum einen dadurch, dass neue Charaktere hinzugefügt wurden, zum anderen dass bestehende Charaktere erweitert wurden. In der Kurzgeschichte trifft</strong> <strong>Lä</strong><strong>ılä auf ihre Jugendliebe Qumar, der zu einem schönen, jungen Mann herangewachsen ist. Er tanzt mit Läılä und ist freundlich zu ihr. Er behandelte sie so, als sei sie ein normales Mädchen. Doch im Drama zeigt sich später Qumars dunkle Seite darin, dass er Läıläs Freundschaft und Vertrauen für Geld verkauft. Warum haben Sie diese Szene hinzugefügt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die Kurzgeschichte in das Genre der Dramaturgie umzuwandeln, wollte ich den Konflikt verschärfen und eine Kulmination des Konfliktes erreichen. Außerdem wollte ich die Jugend vor der moralischen Gefahr, die die Werte von Reichtum und Geld mit sich bringen, beschützen. Die ersten Jahre der Unabhängigkeit waren sehr schwer für die Menschen. Die Lebensbedingungen waren sehr schwer. Diese Realitäten des wirklichen Lebens wollte ich in dem Drama auch darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Drama gibt es auch noch einen weiteren Charakter, der in der Kurzgeschichte gar nicht vorkommt, die verrückte Şökiş. Warum haben Sie sie hinzugefügt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich noch ein Kind war, gab es in unserem Dorf eine alte verrückte Frau namens Meñtaı. Sogar im Sommer hat sie Winterklamotten getragen. Die Kinder haben sie gejagt und verspottet, wenn sie die Straße entlang ging. Meine Oma hat dieser alten Frau immer warmes Essen, Tee und Süßigkeiten gegeben. Sie hat ihr auch Brot und Irimşik (kasachischer Käse, Anm. d. Red.) mitgegeben. Dann hat Meñtaı wie ein gesunder Mensch geredet und mit meiner Oma viel gesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/das-erbe-von-taboschar-ueber-den-uranabbau-in-tadschikistan-und-seine-folgen/">Das Erbe von Taboschar – Über den Uranabbau in Tadschikistan und seine Folgen</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Oma erzählte mir, dass Meñtaı gar nicht verrückt sei. Ihr Vater war früher nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein Landkreisvertreter (rus. Wolostnoj, politisch-administratives Amt im Russischen Reich, Anm. d. Red.). Zur Zeit der Beschlagnahmungskampagne (eine Enteignungskampagne der Bolschewiki gegen die sogenannte Bourgeoisie, Anm. d. Red.) wurde ihr Vater festgenommen und daraufhin wurde sie mental krank. Sie war die Tochter eines bekannten Wolostnoj, so erzählte es meine Oma. Ich habe Şökiş in Anlehnung an diese Meñtaı geschrieben. Obwohl Şökiş verrückt aussieht, ist sie eigentlich gesund, so wie Meñtaı. Weil ihr Kind unter den Folgen der Atomwaffentests gelitten hat, ist sie auch mental krank geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Haben sie andere literarische Texte über Semipalatinsk oder allgemein über Atomwaffentests gelesen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mir Fotoausstellungen über das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk angeschaut, ich habe auch Artikel und Recherchen darüber gelesen. Allerdings hatte ich vor meinem eigenen keine anderen literarischen Werke zu diesem Thema gelesen. In der Wirklichkeit ist es aber so, dass die Menschen ihr Schicksal nicht durch Artikel besser kennen lernen, sondern durch Kunstwerke, Literatur, Kino und Theater.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Leben und Sterben in Batbakkarinsk</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ihre Kurzgeschichte unterscheidet sich von anderen Romanen oder gar Dokumentarfilmen, die meistens die Explosionen selbst detailliert beschreiben, oder auch Aufnahmen davon zeigen. Ihr Fokus liegt nicht in der Darstellung der Explosionen selbst. Warum haben Sie sich dafür entschieden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem Zeigen der Explosion, war es vor allem meine Aufgabe, die Ursachen und Wirkungen aufzuzeigen und das Problem selbst auf eine Ebene zu heben, in der es die gesamte Menschheit betrifft. Ich wollte dies dem <em>menschlichen</em> Bewusstsein nicht nur als Information oder als Artikel, sondern eben als Kunstwerk, als literarisches Werk vermitteln. Ich habe geschrieben, weil nicht nur mein Land, sondern die ganze Welt, die unter Krieg leidet, Läıläs Trauer, ihre Tragödie sehen und darüber nachdenken soll. Ich denke, dass der Mensch keine Gewalt gegen die Erde oder gegen die Menschheit anwenden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was ist die Bedeutung der Kunst bei solch einem politischen Thema wie Atomwaffentests?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Atomtests wurden nicht nur in unserem Land, sondern auf der ganzen Welt durchgeführt. Doch auch wenn Informationen dazu in den Nachrichten gezeigt werden, handelt es sich dort doch nur um eine Momentinformation. Das verschwindet sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein der Menschen. Doch wenn es in der Sprache der <em>Literatur</em>, des <em>Theaters</em>, des <em>Kinos</em>, des <em>Balletts</em>, der <em>Oper</em>, oder der <em>Musik</em> Ausdruck findet, so wird es zu einem <em>ewigen</em> Thema für die Menschheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn mit unseren Herzen und Seelen verstehen wir, welche Auswirkungen Kriegswaffen auf die Menschheit haben, dass sie die Vernichtung aller Menschen auf der Erde bedeuten könnten. Wir werden dafür <em>kämpfen</em>, dass dies niemals passiert. Für mich als Autorin und Dramaturgin war das notwendig. Ich musste meinen inneren Widerstand durch meine Feder zum Ausdruck bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vielen Dank für das Interview!</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Interview und Übersetzung aus dem Kasachischen<br>Verena Zabel, M.A.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Eine englische Übersetzung von Roza Muqanovas Kurzgeschichte kann in der frei zugänglichen <a href="https://www.cambridge.org/sites/default/files/media/documents/Kazakh_Prose_Book_PRINT-no-crops-1.pdf">Anthologie kasachischer Prosa</a> gefunden werden (S. 561-570). Die kasachische Originalversion kann <a href="https://kazneb.kz/kk/bookView/view?brId=1177990&amp;simple=true">hier</a> gefunden werden (S. 119-127).</em></p>



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<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/das-ewige-thema-ein-gespraech-mit-der-kasachischen-schriftstellerin-roza-muqanova/">„Das Ewige Thema“ – Ein Gespräch mit der kasachischen Schriftstellerin Roza Muqanova</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Nachhaltige Unternehmensführung und Frauenförderung &#8211; ein Interview mit Saida Yusupova</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Mar 2024 13:21:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenförderung]]></category>
		<category><![CDATA[Green Business]]></category>
		<category><![CDATA[grünes Wachstum]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandelanpassung]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Saida Yusupova]]></category>
		<category><![CDATA[Tech4Impact]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>NACHHALTIGES ZENTRALASIEN. Saida Yusupova, Mitbegr&#xFC;nderin und Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrerin von Green Business Innovation und Tech4Impact, spricht im Interview dar&#xFC;ber, wie Frauenf&#xF6;rderung und Green Business in Usbekistan zusammenh&#xE4;ngen . Die NGO Tech4Impact besch&#xE4;ftigt sich nicht nur mit Fragen der Nachhaltigkeit in der Unternehmensf&#xFC;hrung und der F&#xF6;rderung erneuerbarer Energien. Ein Anliegen ist es auch, den Gender Gap bez&#xFC;glich Frauen [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>NACHHALTIGES ZENTRALASIEN. Saida Yusupova, Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Green Business Innovation und Tech4Impact, spricht im Interview darüber, wie Frauenförderung und Green Business in Usbekistan zusammenhängen .</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die NGO Tech4Impact beschäftigt sich nicht nur mit Fragen der Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung und der Förderung erneuerbarer Energien. Ein Anliegen ist es auch, den Gender Gap bezüglich Frauen in technischen Berufen anzugehen. Ein weiteres Ziel ist die Sensibilisierung der usbekischen Bevölkerung für Nachhaltigkeitsthemen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nachhaltiger Entwicklung bin ich zum ersten Mal 2008 durch meine Arbeit in der Umwelt- und Energieabteilung des <a href="https://www.undp.org/">UNDP</a>, dem United Nations Development Programme, in Berührung gekommen. Dort wurde mir die Bedeutung des Nachhaltigkeitsansatzes auf Makro-, Mikro- und individueller Ebene bewusst. Erfreulicherweise erhielt ich 2013 ein Stipendium für ein Masterstudium an der <a href="https://www.st-andrews.ac.uk/">Universität St. Andrews</a> in Großbritannien. Dies ermutigte mich, mein eigenes Beratungsunternehmen <a href="https://gbi-consult.com/">„Green Business Innovation“</a> zu gründen und zusammen mit meinen Partner:innen die NGO <a href="https://tech4impact.uz/en/">„Tech4Impact“</a> ins Leben zu rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welches sind die zentralen Handlungsfelder für Green Business Innovation in Usbekistan?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Green Business Innovation hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Übergang Usbekistans zu grünem Wachstum und nachhaltiger Wirtschaft anzuregen. Zu den Aktivitäten des Unternehmens gehört die Beratung in den Bereichen Klimawandel, grüne Technologien und Energieeffizienz. Wir arbeiten an Projekten für erneuerbare Energien und an Programmen zur Förderung umweltfreundlicher Technologien in Usbekistan und in Zentralasien.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/one-water-summit-internationale-antwort-mit-ungewisser-wirksamkeit/"><strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/entwicklung-erneuerbarer-energien-in-kasachstan-ein-interview-mit-ainur-sospanova/">Entwicklung erneuerbarer Energien in Kasachstan – ein Interview mit Ainur Sospanova</a></strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Anliegen von Tech4impact ist es, Unternehmerinnen und junge Frauen in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Mathematik (MINT) zu fördern.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nicht nur in Usbekistan, sondern weltweit sind Frauen in den MINT-Fächern untervertreten. Wird Ihre Arbeit in Ihrem beruflichen Umfeld durch ihre Rolle als Frau einfacher oder schwieriger?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, es gibt einen Mangel an Frauen in den MINT-Fächern, sowohl weltweit als auch in Usbekistan. Deshalb haben wir Tech4Impact in Usbekistan ins Leben gerufen, um diese Lücke zu schließen. Leider sind Frauen in vielen Green Business Innovation-Projekten unterrepräsentiert. In der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern spüre ich jedoch kaum einen Unterschied zwischen den Geschlechtern, so dass sich unsere Arbeit auf fachliche Themen konzentrieren kann. In der Projektarbeit mit lokalen Partnern beobachte ich leider, dass Männer sich in erster Linie fragen, wie eine Frau im Technologiebereich, z.B. im Energiesektor, erfolgreich sein kann. Stereotype sitzen tief in unserer lokalen Mentalität. Im Laufe der Zeit wird sich das ändern, wenn wir einen höheren Frauenanteil in den Technologiesektoren haben, und zwar auch auf der Entscheidungs- und Führungsebene.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie haben sowohl in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als auch in der Privatwirtschaft gearbeitet. Haben Sie den Eindruck, dass sich die öffentliche Wahrnehmung und Einstellung zu Klimawandel und Nachhaltigkeit verändert? Interessieren sich die Menschen in Usbekistan zunehmend für diese Themen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wahrnehmung von Klimawandel und Nachhaltigkeit verändert sich zweifellos immer deutlicher. Die Risiken und Herausforderungen des Klimawandels sind zu einem Anliegen für jede:n Einzelne:n geworden. In den europäischen Ländern beobachte ich, dass Menschen darüber nachdenken und danach handeln, ihren CO<sub>2</sub>-Fußabdruck zu reduzieren. In Usbekistan ist dieses Thema in den vergangenen fünf Jahren zunehmend diskutiert worden. Sandstürme, heißere Sommer, Dürren und Wasserknappheit haben in den letzten zwei Jahren dazu geführt, dass sich die Bevölkerung für ihren Einfluss auf die Natur verantwortlich fühlt. In Usbekistan ist die Erwartungshaltung jedoch, dass die Regierung etwas unternimmt, um die Probleme zu lösen. Ich stimme dem teilweise zu, dass die Regierung Maßnahmen ergreifen und Strategien zur Reduzierung des Kohlenstoffausstoßes entwickeln sollte. Es ist allerdings wichtig, dass der dritte Sektor, d.h. Unternehmen, NGOs und Einzelpersonen, eine aktive Position einnehmen, um die Mentalität zu ändern und einen nachhaltigen Lebensstil zu erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn Sie mit Ihrem jüngeren Ich sprechen könnten, was würden Sie sich selbst und anderen jungen Berufstätigen in Usbekistan mitteilen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Welt ist turbulent, und alles ändert sich schnell, verfolge deine Träume und handle jetzt!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Dieses Interview ist im Rahmen einer Studienreise zentralasiatischer Expertinnen und Experten nach Deutschland im Juni 2023 entstanden. Die Studienreise zum Thema </em><a href="https://spce-hub.org/projects/reports" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Reallabore der Nachhaltigkeit und Energiewende</em></a><em> wurde von der Organisation </em><a href="https://spce-hub.org/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>SPCE Hub</em></a><em> und der </em><a href="https://www.isog.dhbw.de/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg</em></a><em> (ISoG BW) durchgeführt. Das Projekt wurde vom <a href="https://www.daad.de/de/">Deutschen Akademischen Austausch Dienst</a> (DAAD) mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.</em></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Das Interview führte Aijan Sharshenova</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Englischen von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/nachhaltige-unternehmensfuehrung-und-frauenfoerderung-green-business-in-usbekistan/">Nachhaltige Unternehmensführung und Frauenförderung &#8211; ein Interview mit Saida Yusupova</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Entwicklung erneuerbarer Energien in Kasachstan – ein Interview mit Ainur Sospanova</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Feb 2024 17:41:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Ainur Sospanova]]></category>
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		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>NACHHALTIGES ZENTRALASIEN. Ainur Sospanova von der Qazaq Green Association spricht &#xFC;ber erneuerbare Energien in einem Land, dessen Wirtschaft lange fast ausschlie&#xDF;lich auf die &#xD6;l- und Erdgasindustrie setzte. Kasachstan war das erste Land in Zentralasien, das erneuerbare Energiequellen entwickelte. Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Welche Errungenschaften Kasachstans in Bezug auf die Entwicklung erneuerbarer Energien [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>NACHHALTIGES ZENTRALASIEN</strong>. <strong>Ainur Sospanova von der Qazaq Green Association spricht über erneuerbare Energien in einem Land, dessen Wirtschaft lange fast ausschließlich auf die Öl- und Erdgasindustrie setzte.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Kasachstan war das erste Land in Zentralasien, das erneuerbare Energiequellen entwickelte. Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Welche Errungenschaften Kasachstans in Bezug auf die Entwicklung erneuerbarer Energien in diesen Jahren würden Sie als besonders wichtig bezeichnen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wichtigste Errungenschaft betrachte ich die Verabschiedung des Gesetzes „Über die Unterstützung der Nutzung erneuerbarer Energiequellen“ im Jahr 2009, das die Grundlage für die Entwicklung der erneuerbaren Energien gelegt und den Sektor grundlegend verändert hat. Damals gab es weder ein Verständnis für die wirtschaftlichen Aspekte des Modells noch der Auswirkungen auf Energie und Umwelt. Heute haben wir ein Gesetz über erneuerbare Energien, Verträge und ein System für den Kauf und Verkauf von Strom, einen einzigen Abnehmer und vor allem Tarife, zu denen Strom aus erneuerbaren Energien gekauft wird. Diese werden jährlich indexiert, was für Investierende sehr wichtig ist. Mit anderen Worten, es gibt ein System, das von den großen Finanzinstituten wie auch von den Investierenden akzeptiert wird.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus haben wir bis Ende 2020 unser Ziel erreicht: einen Anteil von drei Prozent erneuerbarer Energien an der Gesamtenergiebilanz des Landes. Wir haben Investoren gezeigt, dass alle Prozesse in Kasachstan transparent und nachvollziehbar sind, das Korruptions- und die großen Investitionsrisiken wurden reduziert. Der zweite Punkt ist, dass mit der erfolgreichen Umsetzung von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien mehr und mehr Investoren Kasachstan als attraktives Ziel für ihre Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien betrachten. Große Unternehmen wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/TotalEnergies">Total</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ACWA_Power">ACWA Power</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Masdar">Masdar</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/China_Power_International_Development">China Power</a> wären nicht nach Kasachstan gekommen, wenn der Markt noch nicht ausgereift wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch für mich persönlich als Expertin ist der Einstieg von Ölgesellschaften in den EE-Sektor in Kasachstan ein Erfolg. In den Jahren 2013 und 2014 gab es kein Interesse an erneuerbaren Energien. Heute konzentrieren sich alle großen Öl- und Gasunternehmen in Kasachstan, darunter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/North_Caspian_Operating_Company">NCOC</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/KazMunayGas">KazMunayGaz</a>, Total, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eni_(Unternehmen)">Eni</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chevron_Corporation">Chevron</a>, auf die Umsetzung einer kohlenstoffarmen Strategie. Einige haben bereits Portfolios mit erfolgreich umgesetzten Projekten – zum Beispiel Eni und Total. Andere schmieden Pläne für die Zukunft. Das ist ein großer Schritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vor welchen Herausforderungen steht Kasachstan derzeit in der weiteren Entwicklung erneuerbarer Energien und der Dekarbonisierung der Wirtschaft im Allgemeinen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Strategie zur Erreichung der Kohlenstoffneutralität bis 2060 entwickelt wurde, war ich als Expertin Teil der Arbeitsgruppe. Natürlich ist die Tatsache, dass es ein solches Dokument gibt, bereits ein großer Erfolg für Kasachstan. Doch leider enthält das verabschiedete Dokument keine Indikatoren. Meiner Meinung nach muss die Strategie für jeden der Sektoren verfeinert und Wege zur Dekarbonisierung der Wirtschaft gefunden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-rolle-erneuerbarer-energien-in-zentralasien/">Die Rolle erneuerbarer Energien in Zentralasien</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer der wirksamen Mechanismen ist, die direkte Verbrennung von Kohlenwasserstoffen in der Industrie zu reduzieren und die Prozesse wo möglich zu elektrifizieren. Und natürlich sind neue Technologien wichtig – wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carbon_Capture_and_Utilization">CCU</a>s, die Wasserstoff als alternativen Kraftstoff nutzen. Aber ich würde sagen, dass die Wirtschaftlichkeit der grünen Wasserstoffproduktion in Kasachstan noch unklar ist. Dies gilt etwa für die Verfügbarkeit von Wasser für die Elektrolyse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kommenden Jahrzehnte in Kasachstan werden von großen Veränderungen im Energiesektor geprägt sein, ob wir das wollen oder nicht. Nicht nur die Technologie wird sich ändern, sondern auch der Markt. Der Ausgleichsstrommarkt, der in Kasachstan am 1. Juli 2023 eingeführt wurde, wird sich auf die Strominfrastruktur auswirken, insbesondere im Hinblick auf den wachsenden Anteil der erneuerbaren Energien. Ja, die Verbrauchertarife werden unweigerlich steigen, aber es ist unmöglich, die Tarife ständig unter Kontrolle zu halten, ohne die bestehende Infrastruktur zu modernisieren. Wenn sich das Energiesystem Kasachstans entwickeln und an die neuen Herausforderungen anpassen soll, führt an einer Erhöhung der Verbrauchertarife kein Weg vorbei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie stehen am Anfang der Entwicklung der erneuerbaren Energien in Kasachstan. Welche Faktoren können Ihrer Meinung nach dazu beitragen, die Unterstützung für die Energiewende sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch im Energiesektor zu stärken? Können Sie Beispiele aus Ihrer eigenen Erfahrung nennen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich arbeite seit 2009 im Bereich der erneuerbaren Energien. Meiner Meinung nach hat sich die Einstellung gegenüber erneuerbaren Energien und der Energiewende in den letzten 14 Jahren deutlich verbessert. Früher haben die Entscheidungstragenden die Bedeutung der erneuerbaren Energiequellen nicht verstanden und waren manchmal sogar gegen ihre Entwicklung. Heute gibt es viele öffentliche Vereinigungen, die sich für eine grüne Zukunft einsetzen. Studierende und Schulkinder sind sich des Klimawandels bereits bewusst und fördern diese Ideen in ihren Familien. Es ist klar, dass das vor allem in den Großstädten ein Thema ist. Aber ich denke, dass die Menschen in ländlichen Gebieten, wo Anlagen für erneuerbare Energien entwickelt werden, konkrete Vorteile für sich selbst sehen. Das öffentliche Bewusstsein ändert sich also allmählich, und dieser Prozess wird sich noch verstärken – vielleicht nicht so rasch wie in Europa, aber trotzdem.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="590" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/02/The_Yryskeldi_Qazhy_Mosque_in_Kazakhtan_s_capital_Astana_is_almost_energy_self-sufficient-1024x590.jpg" alt="" class="wp-image-38503" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/02/The_Yryskeldi_Qazhy_Mosque_in_Kazakhtan_s_capital_Astana_is_almost_energy_self-sufficient-1024x590.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/02/The_Yryskeldi_Qazhy_Mosque_in_Kazakhtan_s_capital_Astana_is_almost_energy_self-sufficient-300x173.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/02/The_Yryskeldi_Qazhy_Mosque_in_Kazakhtan_s_capital_Astana_is_almost_energy_self-sufficient-768x443.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/02/The_Yryskeldi_Qazhy_Mosque_in_Kazakhtan_s_capital_Astana_is_almost_energy_self-sufficient.jpg 1444w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Yryskeldi Qajy Moschee in Kasachstans Hauptstadt Astana ist in Sachen Energie fast autark</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Punkt ist die Neuausrichtung des Fachwissens. Ich denke, dass Berufe im Zusammenhang mit Kohlenwasserstoffen weniger werden, da sich immer mehr Menschen für nachhaltige, „grüne“ Berufe entscheiden werden. Es gibt bereits positive Entwicklungen. In Aktau wird etwa gemeinsam mit Deutschland eine technische Universität eröffnet. Die Öluniversität in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a>, die traditionell Ölfachleute ausbildete, bietet nun Masterstudiengänge für nachhaltige Entwicklung an. Universitäten, die sich bisher mit reiner Energietechnik befasst haben, wie die Universität für Energietechnik und Kommunikation in Almaty, die Eurasische Nationale Universität und die Agraruniversität, bilden jetzt Personal für den Bereich erneuerbare Energien aus. Wir sehen eine allmähliche Umorientierung hin zu grünen Berufen. Es ist auch wichtig, dass sowohl kleine und mittelständische Unternehmen und Haushalte Zugang zu Wissen über die Nutzung erneuerbarer Energien für ihren Bedarf haben. Solche Kurse sind im Entstehen. Unser Verband hat kürzlich die Qazaq Green RES-Schule eröffnet. Wir haben bereits die ersten Kurse durchgeführt und sehen Interesse an dem Thema.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist auch wichtig zu bedenken, dass in Kasachstan die Trends von oben gesetzt werden. Unser Präsident (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a>, Anm. d. Red.) unterstützt die grüne Agenda, weshalb sich die Einstellung von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Akim">Akims</a>, Ministern und anderen Entscheidungstragenden allmählich ändert. Das System zur Förderung erneuerbarer Energien wird verbessert, woran unser Qazaq-Verband große Verdienste trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie haben kürzlich an der Studienreise nach Deutschland zum Thema Living Labs für die Energiewende teilgenommen. Wie groß ist Ihrer Meinung nach dessen Potenzial für die Beschleunigung der Energiewende in Kasachstan und in der gesamten zentralasiatischen Region?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist eine sehr effektive Maßnahme, um den umfassenden deutschen Ansatz zur Energiewende zu demonstrieren. Ich habe den Eindruck, dass sich das ganze Land auf die Energiewende vorbereitet, von Handwerksberufen – Elektrikerinnen, Installateure – bis hin zu den Bundesministerien. Alle begreifen, dass die Energiewende unausweichlich ist und bei allen Aspekten der Arbeit berücksichtigt werden muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/was-bremst-die-entwicklung-der-grunen-energie-in-kasachstan/">Was bremst die Entwicklung der „grünen“ Energie in Kasachstan?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In unserem Fall müssen wir jedoch diejenigen Berufe schulen, um geeignete Technologien für den Klimawandel nutzen zu können. Ihr Dienstleistungsangebot sollte auch wasser- und energiesparende Technologien umfassen. Wenn unsere Technikleute anfangen umzudenken, werden wir auch Veränderungen auf der Ebene der Haushalte, einzelner Unternehmen und Gemeinden beobachten. Das haben wir in den Living Labs in Deutschland gezeigt. Es ist sehr wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden, nicht nur mit Fachleuten, sondern auch mit normalen Menschen, die daran interessiert sind, weniger für Tarife auszugeben. Wir müssen mit ihnen in einer Sprache sprechen, die sie verstehen, und ihnen erklären, dass man mit teureren, grünen Technologien in Zukunft Geld und Ressourcen sparen kann. Ich glaube, dass der mehrstufige und systematische Ansatz, der uns in den Living Labs vorgestellt wurde, der Schlüssel dazu ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Dieses Interview ist im Rahmen einer Studienreise zentralasiatischer Expertinnen und Experten nach Deutschland&nbsp;im Juni 2023 entstanden. Die Studienreise zum Thema Reallabore der Nachhaltigkeit und Energiewende wurde von der Organisation SPCE Hub und der Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg (ISoG BW) durchgeführt. Das Projekt wurde vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.</em></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Das Interview führte Yana Zabanova</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Englischen von Michèle Häfliger</strong></p>



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		<title>Menschenrechte in Tadschikistan: Interview mit der UN-Berichterstatterin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Dec 2023 11:09:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechtsverteidigung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Derzeit sind in Tadschikistan neun Menschenrechtsaktivist:innen wegen ihrer T&#xE4;tigkeit inhaftiert. In einem Interview mit Novastan erkl&#xE4;rt die UN-Sonderberichterstatterin zur Lage von Menschenrechtsverteidiger:innen, Mary Lawlor, welche Gr&#xFC;nde es f&#xFC;r diese Inhaftierungen gibt und welche Aussichten auf eine Freilassung bestehen. Anfang Juli ver&#xF6;ffentlichten Expert:innen der Vereinten Nationen eine Erkl&#xE4;rung, in der sie kritisierten, wie Menschenrechtsverteidiger:innen in Tadschikistan [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Derzeit sind in Tadschikistan neun Menschenrechtsaktivist:innen wegen ihrer Tätigkeit inhaftiert. In einem Interview mit Novastan erklärt die UN-Sonderberichterstatterin zur Lage von Menschenrechtsverteidiger:innen, Mary Lawlor, welche Gründe es für diese Inhaftierungen gibt und welche Aussichten auf eine Freilassung bestehen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang Juli veröffentlichten Expert:innen der Vereinten Nationen eine <a href="https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/07/tajikistan-un-experts-deplore-criminal-proceedings-against-human-rights">Erklärung</a>, in der sie kritisierten, wie Menschenrechtsverteidiger:innen in Tadschikistan behandelt werden. Oftmals werden sie des Extremismus beschuldigt und in unfairen Gerichtsverfahren zu langen Haftstrafen verurteilt, soweit sie das Land nicht bereits fluchtartig verlassen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Lawlor_(human_rights_advocate)">Mary Lawlor</a> ist Berichterstatterin der Vereinten Nationen für Menschenrechtsverteidiger:innen und Gründerin der Organisation <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Front_Line_Defenders">Front Line Defenders</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist nach Tadschikistan gereist, um über die Lage von Menschenrechtsverteidiger:innen zu berichten, sich mit einigen von ihnen zu treffen und mit Regierungsmitgliedern zu sprechen. In einem Interview mit Novastan erklärt sie, wie die Lage im Land ist und ob es möglich ist, dass die inhaftierten Personen freigelassen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Für diejenigen, die sich noch nicht mit dem Thema befasst haben: Wie würden Sie die Situation von Menschenrechtsverteidiger:innen in Tadschikistan beschreiben? Wer sind sie und warum werden sie inhaftiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mary Lawlor:</strong> Im November und Dezember letzten Jahres besuchte ich Tadschikistan. Dort habe ich mich mit Menschenrechtsverteidiger:innen getroffen. Mit manchen von ihnen nur im Geheimen wegen der Angst, die unter ihnen vorherrscht. Sie befürchten, dass Vergeltungsmaßnahmen gegen sie und ihre Familien ergriffen werden könnten, wenn sie mit jemandem sprechen. Ich habe auch mit vielen Regierungsangestellten gesprochen, darunter mit verschiedenen Minister:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Menschenrechtsverteidiger:innen werden in völlig ungerechten, oft geheimen Verfahren angeklagt. Sie haben in vielen Fällen keinen Anwalt und das Justizsystem ist nicht unparteiisch. Kurz gesagt: Die Verfahren sind ungerecht. Es gibt noch ein weiteres großes Problem: Menschenrechtsverteidiger:innen werden zu hohen Strafen verurteilt. Die Personen, die ich betreue, wurden zu Haftstrafen zwischen 7 und 29 Jahren verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan</strong><strong>: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/pressefreiheit-in-zentralasiatischen-laendern-verschlechtert-sich/?noredirect=de-DE"><strong>Pressefreiheit in zentralasiatischen Ländern verschlechtert sich</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie werden wegen ihrer friedlichen und legitimen Arbeit angeklagt und kriminalisiert. Einige Menschenrechtsverteidiger:innen befürchten, dass ihre Namen öffentlich gemacht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von den neun Fällen, die ich angesprochen habe, wurden acht wegen Extremismus und Verbrechen im Zusammenhang mit Terrorismus angeklagt. Genau das passiert in Tadschikistan: Die Regierung nutzt diese Taktik, um Menschenrechtsverteidiger:innen aufgrund falscher Anschuldigungen zu langen Haftstrafen zu verurteilen. Die Regierung ist aufgrund der <a href="https://novastan.org/fr/politique/lafghanistan-taliban-un-faisceau-de-menaces-sur-les-pays-dasie-centrale/">Grenze zu Afghanistan</a> und des Extremismus sehr um die Sicherheit besorgt, was ich verstehe. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, Menschen zu kriminalisieren, die die Rechte anderer friedlich und im Einklang mit den internationalen Standards verteidigen wollen. Zu deren Einhaltung hat sich auch die Regierung Tadschikistans bereit erklärt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Was mir Sorgen bereitet, sind die verhängten Strafen, die schrecklichen Haftbedingungen vor dem Prozess und die Misshandlungen. In einigen Fällen kam es bei der Verhaftung zum Verschwinden von Personen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Wer ist heute in Tadschikistan bedroht? Ein Familienmitglied einer der inhaftierten Personen behauptet beispielsweise, dass alle, die ihr nahestanden oder mit ihr zusammenarbeiteten, ebenfalls angeklagt wurden oder das Land verlassen haben.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mary Lawlor:</strong><strong> </strong>Wir haben gehört, dass viele Menschenrechtsaktivist:innen ins Exil geflohen sind, weil sie befürchteten, angeklagt zu werden. Einige von ihnen wurden zwangsweise nach Tadschikistan zurückgeschickt. Ich habe von einem Menschenrechtsverteidiger gehört, der <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tadschikistan-ethnische-saeuberungen-und-repression-in-berg-badachschan/?noredirect=de-DE">gewaltsam aus Russland abgeschoben</a> wurde. Jemand anderes wurde <a href="https://www.yenisafak.com/ru/world/7323">aus Belarus ausgewiesen</a>, obwohl es sich dabei nicht um einen Menschenrechtsverteidiger handelt und er daher nicht in meinen Mandatsbereich fällt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tadschikistan-ethnische-saeuberungen-und-repression-in-berg-badachschan/?noredirect=de-DE"><strong>Tadschikistan: ethnische Säuberungen und Repression in Berg-Badachschan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Fall von <a href="https://www.frontlinedefenders.org/en/case/woman-human-rights-defender-ulfatkhonim-mamadshoeva-sentenced-21-years-imprisonment">Ulfatkhonim Mamadshoeva</a> handelt es sich meiner Meinung nach um einen besonders schrecklichen Fall. Sie führte als Journalistin eine legitime Arbeit aus und hatte sich für die Verteidigung von Rechten eingesetzt. Sie wurde zu einer sehr langen Haftstrafe (21 Jahre, Anm. d. Red.) verurteilt. Auch ihre Familie wurde ins Visier genommen. Natürlich sind das Dinge, die Familien auseinanderreißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe <a href="https://www.youtube.com/@DalerImomali">Daler Imomali</a> und <a href="https://rsf.org/en/tajikistan-government-steps-persecution-journalists">Abdullo Gurbati</a> in der Haftanstalt besucht und es hat mir das Herz gebrochen. Sie sind zwei junge Blogger. Daler [Imomali] leidet an einer Erbkrankheit, an der sein Bruder gestorben ist. Seine Mutter hat große Angst davor, dass er ebenfalls sterben könnte. Abdullo [Gurbati] wurde verhaftet, als sein erstes Baby eine Woche alt war. Sie waren beide gebrochen. Ihre Gefangenschaft und die Bedingungen, unter denen sie festgehalten wurden, waren schrecklich. Die tadschikische Regierung tat immerhin etwas Gutes, indem sie Ärzte schickte, die sie umfassend medizinisch untersuchten, Ich bin dem General dankbar, der das arrangiert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tadschikistan-laesst-anwaelte-wegsperren/"><strong>Tadschikistan lässt Anwälte wegsperren</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch es ist ersichtlich, welche Auswirkungen dies auf die Familien hat. Abdullo [Gurbati] hat sein Baby nie gesehen und hat geweint, als ich ihn getroffen habe. Außerdem habe ich gehört, dass die Mutter von Daler [Imomali] sehr besorgt ist, dass er sich im Gefängnis mit Tuberkulose oder etwas Ähnlichem infizieren könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Was hat sich im Laufe des letzten Jahres verändert? Haben Sie seit Ihrem letzten Bericht Veränderungen festgestellt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mary Lawlor:</strong> Nein. Ein Menschenrechtsverteidiger, dessen Name nicht genannt werden darf, wurde freigelassen. Aber nur, weil er eine Amnestie erhalten sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/verhaftungen-unmoralischer-bloggerinnen-in-tadschikistan-behoerden-erhoehen-druck-auf-die-gesellschaft/"><strong>Verhaftungen «unmoralischer» Blogger:innen in Tadschikistan: Behörden erhöhen Druck auf die Gesellschaft</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine große Hoffnung ist, dass dieses neue Abkommen, das die Europäische Union (EU) mit Tadschikistan aushandelt, das <a href="https://trade.ec.europa.eu/access-to-markets/fr/content/schema-de-preferences-generalisees-plus-spg">APS+</a> (Allgemeines Präferenzsystem Plus, Anm. d. Red.), eine Veränderung bewirken wird. Der Verhandlungstext enthält meine Empfehlungen zur Freilassung von Menschenrechtsverteidiger:innen, über faire Gerichtsverfahren, warnt vor Geheimprozessen und vor Angriffen auf Menschenrechtsverteidiger:innen. Ich denke, dass die EU diese Empfehlungen in die Verhandlungen einbezogen hat. Es sollte kein Hindernis für die Ratifizierung solch minimaler Menschenrechtsstandards geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, dass die tadschikische Regierung in diesem Sinne handeln wird. Ich hoffe, dass sie die Menschenrechtsverteidiger:innen, die ich in meinem offiziellen Schreiben an sie erwähnt habe, begnadigen oder amnestieren wird, mit der Begründung, dass sie dieses Abkommen eventuell abschließen möchten. Dies setzt voraus, dass die EU standhaft bleibt und die tadschikische Regierung einwilligt, dieses Abkommen mit der EU abzuschließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Im vergangenen Dezember fanden Verhandlungen über das APS+ statt. Etwa zur gleichen Zeit fand ein tadschikisch-europäischer Menschenrechtsdialog statt. Haben diese Treffen zu Ergebnissen geführt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mary Lawlor:</strong><strong> </strong>Wir alle kennen Menschenrechtsdialoge und wissen, wie ineffektiv sie sein können. Es scheint, dass sie in keiner Weise die Handlungen der tadschikischen Regierung bestimmen. Wie ich bereits sagte, hoffe ich, dass wir mit diesem APS+-Abkommen vorankommen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soweit ich weiß, hat die tadschikische Regierung einige Monate Zeit bis zu den nächsten Verhandlungen mit der EU und wartet auf die Empfehlungen des Berichts, den ich im März dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen vorlegen werde. Ich weiß jedoch nicht, wann dieser Bericht veröffentlicht wird. Wir müssen abwarten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/europa-machtlosigkeit-angesichts-der-repression-in-tadschikistan/?noredirect=de-DE"><strong>Europas Untätigkeit angesichts der Repression in Tadschikistan</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke, wenn sich die tadschikische Regierung zurückzieht, wird sie dies tun, weil sie mit China und Russland in freundschaftlicher Beziehung steht. Zudem würde sie gerne darauf hinweisen können, dass sie auch ein Abkommen mit der EU geschlossen hat. Aber wie wir wissen, liegt alle Macht beim Präsidenten (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emomalij_Rahmon">Emomali Rahmon</a>, Anm. d. Red.) und seinem Präsidium, so dass wirklich alles von seiner Zustimmung abhängt. Soweit ich weiß, wurden die Verhandlungsdokumente intern weitergeleitet und sollten nun beim Präsidentenbüro vorliegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Novastan: Wie kann sich die Situation verbessern?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mary Lawlor:</strong> Um ehrlich zu sein, ich denke, dass eine umfassende Reform notwendig ist. Die Rechtsstaatlichkeit, und damit meine ich einen fairen Rechtsstaat nach internationalen Standards, muss eingeführt werden. Das Justizsystem muss geändert werden, es müssen faire Gerichtsverfahren eingeführt werden und Menschenrechtsverteidiger:innen und andere Personen müssen Zugang zu Rechtsbeistand erhalten. Es werden mehr Anwält:innen benötigt. Viele von ihnen üben ihre Arbeit nicht aus, verlassen das Land oder dürfen nicht mehr tätig werden, weil sie kriminalisiert wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem muss die Korruption bekämpft werden. Sie ist überall und allgegenwärtig. Sie wird von der Gesellschaft akzeptiert. Dabei darf nicht vergessen werden, dass jedes Mal, wenn jemand Bestechungsgeld gibt oder annimmt, dies bedeutet, dass dieses Geld von Dienstleistungen abgezweigt wird, die die Bevölkerung dringend benötigt. Korruption ist daher ein großes Problem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch etwas: Ich habe viele Staatsbeamt:innen getroffen, aber keine:r von ihnen hatte Macht. Es gibt keine Demokratie. Die Regierung muss reformiert werden. Mir wurde gesagt, dass der Präsident sich von Turkmenistan inspirieren lässt. Er hofft, so lange bleiben zu können, bis sein Sohn das Amt übernimmt, wie eine Dynastie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/10-gipfeltreffen-der-organisation-der-turkstaaten-neue-wege-der-zusammenarbeit-sind-gefragt/">10. Gipfeltreffen der Organisation der Turkstaaten: Neue Wege der Zusammenarbeit sind gefragt</a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Problem ist der Mangel an Bildung in Menschenrechtsfragen unter jungen Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sehr jung, es gibt jedoch an Schulen keinen Unterricht zu Menschenrechten. Das Ziel muss sein, Menschen zu bilden, damit sie ihre Rechte kennen und in der Lage sind, sie einzufordern, damit das Land eine Kultur des Respekts gegenüber Menschenrechten aufbaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Regierung sagt: „Nein, wir wollen das nicht tun, wir haben Angst vor Extremismus.“ Ich antworte: „Wenn die Menschen die Menschenrechte kennen, werden sie nicht extremistisch werden.“ Die Regierung kontert: „Nein, schauen Sie sich den Westen an. Viele Menschen aus dem Westen haben sich dem Islamischen Staat angeschlossen.“ Einige Menschen haben sich dem Islamischen Staat angeschlossen, das ist völlig richtig, aber insgesamt ist der Aufbau einer Kultur der Achtung der Menschenrechte notwendig, damit sich ein Land in Bezug auf seine Menschenrechtspolitik und -praxis weiterentwickeln kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sollten anerkennen, dass Menschenrechtsverteidiger:innen Personen sind, die friedlich Menschenrechte anderer im Einklang mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verteidigen. Die tadschikische Regierung aber weiß nicht wirklich, was ein:e Menschenrechtsverteidiger:in ist. Meiner Meinung nach sollten sie dort ansetzen und sich so schrittweise die Anerkennung ihrer Glaubwürdigkeit verdienen. Ich habe die Schaffung eines Gesetzes zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger:innen gefordert. Das liegt in ihrem langfristigen Interesse.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nane Bouvier für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Übersetzt aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/tadjikistan/droits-humains-tadjikistan-entretien-rapporteuse-nations-unies/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/menschenrechte-in-tadschikistan-interview-mit-der-un-berichterstatterin/">Menschenrechte in Tadschikistan: Interview mit der UN-Berichterstatterin</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
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		<title>„Wir werden nie erfahren, wie unsere Städte ohne den sowjetischen Einfluss aussehen würden“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Mar 2023 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Bischkek]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialität]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Rada Walentina kyzy]]></category>
		<category><![CDATA[Urbanismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Interview mit CABAR.Asia spricht Wlada Walentina kyzy von der bischkeker urbanistischen Initiative &#x201E;Peshkom&#x201C; &#xFC;ber dekolonialen Urbanismus und was er f&#xFC;r einen Ort wir Bischkek bedeutet. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die St&#xE4;dte der L&#xE4;nder Zentralasiens aussehen w&#xFC;rden, wenn nicht die Sowjetunion seinerzeit auf die Kultur der dortigen V&#xF6;lker eingewirkt h&#xE4;tte? K&#xF6;nnte es [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Im Interview mit CABAR.Asia spricht Wlada Walentina kyzy von der bischkeker urbanistischen Initiative „Peshkom“ über dekolonialen Urbanismus und was er für einen Ort wir Bischkek bedeutet. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie die Städte der Länder Zentralasiens aussehen würden, wenn nicht die Sowjetunion seinerzeit auf die Kultur der dortigen Völker eingewirkt hätte? Könnte es sein, dass dann die Städte viel angenehmer und malerischer wären als jene, die wir heute zu sehen gewohnt sind?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese und andere Fragen hat die Redaktion von CABAR.asia mit Rada Walentina kyzy, der Gründerin der urbanistischen Initiative <em>Peshcom </em>(russisch für „zu Fuß“, Anm. d. Red.) in Kirgistan, am Beispiel der Stadt Bischkek erörtert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>CABAR.asia: Was ist das überhaupt, dekolonialer Urbanismus, und worauf basiert dieser?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Rada Walentina kyzy: Dekolonialer Urbanismus bildet sich im Laufe der gedanklichen Verarbeitung dekolonialer Prozesse heraus, in unserem Falle in der postsowjetischen Zeit. Der postkoloniale Diskurs ist in Kirgistan noch nicht ausreichend reflektiert und institutionalisiert worden. Bevor von einem Entkolonialisierungsprozess die Rede sein kann, müssen wir uns unserer eigenen kolonialen Vergangenheit bewusst werden – das ist kein einfacher und schneller Prozess, insbesondere da unser Land partnerschaftliche und sogar freundschaftliche Beziehungen zu Russland unterhält, welches sehr empfindlich auf alle Unterredungen zu diesem Thema reagiert.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der dekoloniale Diskurs kam erst vor kurzem im postsowjetischen Raum auf – vor etwa 15 Jahren. In den meisten Fällen entsteht er im Zusammenhang mit den Geisteswissenschaften und steht in direktem Zusammenhang mit Sprache und Kultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Urbanismus wiederum ist ein Prozess der Stadtentwicklung. Städtische Prozesse spiegeln wider, was in Kultur, Kunst, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen der Stadtbewohner geschieht. Wenn Fragen der Dekolonialität in der Öffentlichkeit nicht ausreichend diskutiert werden, werden sie sich in einer praktischen Sphäre wie dem Urbanismus auch nicht widerspiegeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dekolonialisierung verwirklicht sich heute in Kirgistan vor allem in der Umbenennung geografischer Objekte, wie Städte, Dörfer und Straßen. Aber genau diese Namen werden in den meisten Fällen auf Russisch geschrieben, wobei das Kirgisische ignoriert wird. Darüber hinaus kommt es vor, dass sich die sowjetischen Straßennamen bis heute in der städtischen Navigation widerspiegeln. Es ist möglich, dass dies an fehlenden finanziellen Mitteln liegt oder die städtischen Behörden in diesem Punkt zu nachlässig arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen">Taschkent: Mittels interaktiver Karte in die Stadtgeschichte eintauchen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt auch andere Zeichen des dekolonialen Urbanismus, wie zum Beispiel nationale Ornamente in der Architektur und im öffentlichen Raum der Stadt, lokale Toponyme in den Namen von Läden und Geschäften, neue Denkmäler, die die kirgisische Kultur reflektieren. Die Tatsache, dass <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kurut-die-weissen-steine-die-gegen-hunger-helfen/">Kurut</a> und Maksym (ein auf der Grundlage von Getreide hergestelltes Getränk, Anm. d. Red.) aus dem Handel auf öffentlichen Straßen und Plätzen und somit aus dem Stadtbild von Bischkek nicht mehr wegzudenken sind, spiegelt ebenfalls dekoloniale Prozesse im Urbanismus wider.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie haben die UdSSR und das Russische Imperium auf den Prozess der Urbanisierung Zentralasiens eingewirkt? Und wenn es eine solche Beeinflussung nicht gegeben hätte, wie könnten die Urbanisierungsprozesse der Region heute ablaufen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das architektonische Erscheinungsbild von Bischkek und anderen Städten in Kirgistan wurde während der Sowjetzeit festgelegt. Frunze (so hieß Bischkek bis Februar 1991, Anm. d. Red.) entwickelte sich nach den gemeinsamen Tendenzen aller Unionshauptstädte; &nbsp;es genügt, sich an den Komödie „<a href="https://www.dekoder.org/de/article/ironija-sudby-neujahr-film">Die Ironie des Schicksals</a>“ zu erinnern. An der Planung der Städte der UdSSR beteiligten sich russische Architekten und Spezialisten, Wohn- und Kulturobjekte wurden nach einem gemeinsamen Muster gebaut. Viele architektonische Großbauten in verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ähneln sich, zum Beispiel die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ausstellung_der_Errungenschaften_der_Volkswirtschaft">WDNCh</a>, Opern- und Balletttheater, Kulturhäuser usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir werden niemals erfahren, wie unsere Städte ohne den sowjetischen Einfluss aussehen würden. Aber wahrscheinlich wären sie vielfältiger und inklusiver.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwieweit wurden in der Sowjetzeit lokale Besonderheiten bei der Gestaltung der Städte berücksichtigt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Beispiel von Bischkek kann ich sagen, dass zu Sowjetzeiten bei der Stadtplanung dem örtlichen Klima große Aufmerksamkeit zukam. Es wurden künstliche Bewässerungskanäle angelegt und viele Bäume gepflanzt – ohne sie würde heute in der Hauptstadt ein sehr trockenes Klima herrschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was bietet das Konzept des dekolonialen Urbanismus als Alternative zu den &nbsp;bestehenden Städten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher steht die Diskussion dieses Themas in den urbanistischen Kreisen erst ganz am Anfang. Dekoloniale Prozesse sind meiner Meinung nach für jedes Land individuell und hängen vom politischen Regime und der Demokratisierung der Gesellschaft ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es wichtig, dass eine Stadt die Identität der Bevölkerung, die in ihr lebt, widerspiegelt? Wie wirkt sich das auf die Menschen aus?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich ist das wichtig. Damit die Menschen ihre Stadt als ihr Zuhause empfinden, muss sie ihre Werte, Kultur, Traditionen, Interessen und Bedürfnisse widerspiegeln. Genau aus diesem Grund ist heutzutage die partizipative Stadtplanung populär – wenn die Bewohner selbst direkt an Entscheidungen über die Gestaltung urbaner Räume beteiligt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Sowjetzeit wurde den Menschen Ideologie aufgezwungen, alle Entscheidungen kamen von oben, und dies lehrte uns Hilflosigkeit. Heute spürt man das sehr am Beispiel der Innenhöfe, wenn die Menschen sich nicht einigen und ihren Hof gemeinsam gestalten können. Alle sind daran gewohnt, dass jemand „von da oben“ alles für sie entscheidet und ausführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit Rada Walentina kyzy sprach Zlada Teter‘</strong><br><strong>CABAR.Asia</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://cabar.asia/ru/rada-valentina-kyzy-my-nikogda-ne-uznaem-kak-vyglyadeli-by-nashi-goroda-bez-sovetskogo-vliyaniya">Russischen </a>von Philipp Dippl</strong></p>


<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p>
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		<title>„Kasachstan befindet sich eindeutig an einem Wendepunkt“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jun 2022 23:14:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Joana Lillis]]></category>
		<category><![CDATA[Nursultan Nazarbaev]]></category>
		<category><![CDATA[Proteste in Kasachstan 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Referendum]]></category>
		<category><![CDATA[Verfassungsreform]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 5. Juni 2022 steht in Kasachstan ein Referendum um ausf&#xFC;hrliche Verfassungs&#xE4;nderungen an. Neben einer Umverteilung von Kompetenzen zugunsten des Parlaments soll mitunter auch die besondere Rolle des ersten Pr&#xE4;sidenten Nursultan Nazarbaev gestrichen werden. Radio Azattyq, der kasachstanische Dienst von Radio Free Europe, hat mit der britischen Journalistin Joana Lillis &#xFC;ber ihre Einsch&#xE4;tzung der Lage [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 5. Juni 2022 steht in Kasachstan ein Referendum um ausführliche Verfassungsänderungen an. Neben einer Umverteilung von Kompetenzen zugunsten des Parlaments soll mitunter auch die besondere Rolle des ersten Präsidenten Nursultan Nazarbaev gestrichen werden. </strong><a href="https://rus.azattyq.org/a/kazakhstan-political-situation-interview-joanna-lillis/31865751.html"><strong>Radio Azattyq</strong></a><strong>, der kasachstanische Dienst von Radio Free Europe, hat mit der britischen Journalistin Joana Lillis über ihre Einschätzung der Lage gesprochen. </strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Journalistin <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwi5ws7z_5P4AhVPwKQKHUMqDrsQ6F56BAggEAE&amp;url=https%3A%2F%2Ftwitter.com%2Fjoannalillis%3Fref_src%3Dtwsrc%255Egoogle%257Ctwcamp%255Eserp%257Ctwgr%255Eauthor&amp;usg=AOvVaw3JnvKrdK0lhs0NPazGMGfg">Joana Lillis</a> lebt seit 17 Jahren in Kasachstan und schreibt regelmäßig über die Entwicklungen in diesem Land und in Zentralasien im Allgemeinen. Ihr 2018 veröffentlichtes Buch „Dark Shadows: Inside Kazakhstan&#8217;s Secret World“ ist insbesondere den politischen Hintergründen von Kasachstan gewidmet. Im <a href="https://rus.azattyq.org/a/kazakhstan-political-situation-interview-joanna-lillis/31865751.html">Interview mit Radio Azattyk</a> liefert sie ihre Einschätzungen zum Kurs, den das Land seit den Unruhen im Januar dieses Jahres einschlägt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Radio Azattyq: Unter Nursultan Nazarbaev, insbesondere im letzten Jahrzehnt seiner Herrschaft, wurden Mechanismen zum Schutz von ihm und seiner Familie geschaffen. Jetzt werden diese Mechanismen aufgelöst. Bedeutet dies, dass das politische System mit all seinen Absicherungen und seinem widerstandsfähigen Anschein tatsächlich anfällig war? </strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Joanna Lillis: Noch vor ein paar Jahren schien das System stabil und wirklich solide. Politikwissenschaftler und Analytiker in Kasachstan warnten jedoch immer wieder vor seiner Zerbrechlichkeit. Es sehe zwar solide aus, könne aber ohne Nazarbaev nicht gut funktionieren. Sie wiesen auf alle möglichen Schattenseiten und Probleme, die sich in der Zukunft zeigen würden. Genau das ist im Januar geschehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was wir bekamen, war Gewalt und ein Aufflammen der öffentlichen Unzufriedenheit und des Unmuts über der Machtübergabe [von Nazarbaev an den jetzigen Präsidenten Kasym-Jomart Toqaev im Juni 2019, Anm. d. Ü.] durch mächtige und, wie sich herausstellte, gefährliche Gruppen, die bereit waren, Gewalt anzuwenden &#8211; das ist eine Version der Ereignisse. Ich denke, das Problem mit dem System ist, dass es zwar solide aussah, aber innen völlig leer war, weil es von Nazarbaev für Nazarbaev geschaffen wurde. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Toqaev hat Änderungen an der Verfassung vorgeschlagen. Verweise auf den „Elbasy“ (kas., „Volksführer“, offizieller Titel von Nazarbaev, Anm. d. Ü.) und dem ersten Präsidenten sollen aus dem Grundgesetz gestrichen werden. Ist das der Beginn einer „Entelbasyfizierung“ nach Jahrzehnten des Personenkults?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sind Zeugen einer „Entelbasyfizierung“, einer „Entnazarbaevizierung“, wie auch immer wir es nennen. Selbst Skeptiker, die glauben, dies alles sei nur Schein und dass Nazarbaevs Familie und Vertraute nur den Moment ihrer Rückkehr abwarten, kann es keinen Zweifel geben. Es lässt sich nicht leugnen, dass Nazarbaevs eigenes Image und sein Ruf irreparablen Schaden genommen haben. Außerdem lässt sich nicht leugnen, dass Toqaev &#8211; auch wenn manche meinen, er spiele der Öffentlichkeit etwas vor &#8211; definitiv viele Elemente von Nazarbaevs Erbe zerstört, vom Personenkult bis hin zu den Geschäftsimperien seiner Vertrauten (wir sprechen hier nicht von einer plötzlichen Ablehnung Nasarbajews, denn Toqaev selbst sagte, sein Beitrag müsse gewürdigt werden). </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan befindet sich eindeutig an einem Wendepunkt: Das von Nazarbaev aufgebaute System bricht vor unseren Augen und vor den Augen Nazarbaevs zusammen, was für ihn wahrscheinlich ein Schock ist. Nun steht Toqaev vor der schwierigen Aufgabe seine Ideen umzusetzen, wenn man davon ausgeht, dass er versucht, ein „neues Kasachstan“ sowohl politisch als auch wirtschaftlich aufzubauen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/das-ende-des-personenkults-um-nursultan-nazarbaev/"><strong>Das Ende des Personenkults um Nursultan Nazarbaev</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem ist jedoch, dass er teils halbe Maßnahmen trifft. Der Personenkult wird aufgelöst. Das ist auch eine halbe Maßnahme, denn es gibt immer noch Nazarbaev gewidmete Denkmäler, verschiedene Objekte, einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Flughafen_Nursultan_Nasarbajew">Flughafen</a>, Straßen und sogar eine <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/vom-aussenposten-zu-nur-sultan-die-hauptstadt-kasachstans-im-wandel-der-zeit/">Stadt</a>. Wir wissen nicht, was in den nächsten Jahren und nach dem Tod von Nazarbaev geschehen wird. Dies sind jedoch nur halbherzige Maßnahmen, auch wenn sie, von außen betrachtet, wie recht entschlossene Aktionen aussehen. Ich möchte anmerken, dass ich Toqaevs Zerstörung einiger Geschäftsimperien ebenfalls als halbe Sache betrachte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Er und die Behörden gehen nun gegen Unternehmen vor, die der Familie gehören, und schließen zum Beispiel ein Unternehmen, das Schrott sammelt und an dem (Nazarbaevs Tochter, Anm. d. Ü.) <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aliya_Nazarbayeva">Álıya Nazarbaeva</a> beteiligt war. (Sein Bruder, Anm. d. Ü.) <a href="https://www.rferl.org/a/kazakhstan-nazarbaev-first-brother/31593704.html">Bolat Nazarbaev</a> hat sich Berichten zufolge freiwillig aus dem Geschäft mit Kryptowährungen zurückgezogen, nachdem festgestellt worden war, dass es illegal war. Erwähnenswert ist die Verhaftung von Nazarbaevs Neffen Qaırat Satybaldy wegen Korruptionsverdachts. Satybaldy ist der einzige [direkte] Verwandte von Nazarbaev, der wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wurde. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschen in Kasachstan hingegen glauben, dass weitere Familienmitglieder und Vertraute in Veruntreuung verwickelt sind. Aber wir sehen Geschäftsleute, die Unternehmen betreiben, die mit der Familie verwandt sind, und wir wissen nicht, wie viele Verwandte von Nazarbaev noch in Kasachstan sind. Wir sehen keine eingeleiteten Maßnahmen, keine eingeleiteten Strafverfahren. Das ist es, was ich mit halben Sachen meine. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Der nächste Schritt besteht unter anderem darin, Verweise auf Nazarbaev aus der Verfassung zu streichen, wobei manche meinen, das sei nur ein Ablenkungsmanöver. Ich denke jedoch, wenn diese Hinweise aus den offiziellen Dokumenten entfernt werden, wird Nazarbaev zu einem gewöhnlichen Sterblichen wie alle anderen Einwohner Kasachstans, er wird ihnen gleichgestellt, während er vorher etwas Besonderes war, wie eine Art König. Toqaevs Problem besteht darin, dass er aus dem alten System stammt, obwohl er sich selbst als Führer des neuen Systems positioniert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage wird immer lauten: Wie weit kann er gehen, kann er das politische und wirtschaftliche Erbe brechen und wie kann er dies tun, ohne den Glauben der Menschen an alles, was in den letzten 30 Jahren geschehen ist, zu untergraben? Er wird manövrieren müssen. Im Moment hat er einen gewissen Antrieb &#8211; zumindest ist das der Eindruck nach den Ereignissen im Januar und durch die Reformen, die er durchzusetzen versucht. Doch im weiteren Verlauf der Ereignisse werden die Widersprüche in seinen Taten immer deutlicher werden. Natürlich gibt es hier wirtschaftliche Risiken. Nehmen Sie zum Beispiel <a href="Qulybaev">Timýr Qulybaev</a>, den Schwiegersohn von Nazarbaev, und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Dinara_Kulibaeva">Dinara Qulybaeva</a>, denen ein so großer Teil der Wirtschaft gehört, dass man nicht einfach alles ruinieren kann, da man die Folgen für das Bankensystem und den Öl- und Gassektor bedenken muss. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Vorsitzende der Májilis (Unterhaus des Parlaments, Anm. d. Ü.), </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jerlan_Qoschanow"><strong>Erlan Qoshanov</strong></a><strong>, </strong><a href="https://rus.azattyq.org/a/kazakhstan-first-president-nazarbayev-constitution/31823572.html"><strong>sagte</strong></a><strong>, dass die geplanten Verfassungsänderungen auch das Verfassungsgesetz über den ersten Präsidenten in Frage stellen würden. Kann man sagen, dass Toqaev sich sehr an den ehemaligen Staatschef heranwagt? Was ist als nächstes zu erwarten? Wird er in der Lage sein, sich mit wichtigen Familienmitgliedern anzulegen? </strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist sehr schwer darauf zu antworten. Ich denke, wenn es Toqaev gelingt, seine Stellung auf politischer Ebene zu festigen, und wenn es ihm gelingt, die Menschen hinter sich zu bringen und die Vertrauten Nazarbaevs zu der Einsicht zu bringen, dass sie nicht an die Macht zurückkehren und gefährliche und gewalttätige revanchistische Anschläge wie den im Januar organisieren können, dann wird er Erfolg haben. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tag/stimmen-aus-kasachstan/"><strong>„Stimmen aus Kasachstan“ zu den Ereignissen im Januar</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage ist, ob er das will. Er hat über die Rückgabe von Vermögenswerten gesprochen. Aber will er es wirklich und glaubt er, dass es möglich ist? Seien wir ehrlich. Er ist auch ein Pragmatiker. Vielleicht will er nur einige Leute dazu zwingen, mehr Steuern zu zahlen und ehrlicher zu wirtschaften? Aber wir haben auch noch keine Gesetze gesehen, die sie dazu zwingen würden. Will er wirklich allen, die jemals mit Nazarbaev zu tun hatten, alles wegnehmen? Meiner Meinung nach ist das unrealistisch, da die großen tragende Unternehmen mit Nazarbaev verbunden sind. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich habe den Eindruck, dass der Präsident selektiv handelt, um zu zeigen, was passiert, wenn man nicht gehorcht. Es scheint, genau das will er erreichen, denn es ist der einfachste Weg. Aber ich bin sicher, dass viele derjenigen, die im Januar gegen die korrupten Praktiken der Familie Nazarbaev protestiert haben, mit solchen Maßnahmen nicht zufrieden sein werden. Ich denke also, dass Toqaev in Schwierigkeiten geraten wird, wenn er das alte System nicht irgendwie loswird. Er behauptet, er zerstöre das gesamte politische System, indem er ein Neues schafft. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Menschen assoziieren ihn mit der Herrschaft Nazarbaevs, sie sehen in ihm ein Abbild des Mannes, den Nazarbaev zu seinem Nachfolger ernannt hat, obwohl sich die Dinge seitdem sehr verändert haben. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich kann es nicht vorhersagen, aber ich vermute, dass er nicht versuchen wird, alle geschäftlichen Interessen der Familie zu beseitigen. Er wird selektiv vorgehen und bestimmten Personen zeigen, wie sie bestraft werden können, wenn sie sich nicht an die neuen Regeln halten. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wir können sehen, dass Nazarbaev politisch ins Abseits gedrängt wird, aber was wird mit ihm selbst geschehen? Wird er als einfacher Rentner im Lande bleiben, wenn die Verfassungsänderungen verabschiedet werden? Wie könnten sich seine Rolle und sein Status ändern?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was mit Nazarbaev geschehen wird, ist eine Schlüsselfrage für Kasachstan unter den neuen Gegebenheiten. Nazarbaev sagte im Januar (bei seinem Rücktritt vom Sicherheitsrat, Anm. d. Ü.), er sei nun ein einfacher Rentner. Wenn diese Verfassungsänderungen verabschiedet werden &#8211; und das werden sie mit ziemlicher Sicherheit &#8211; wird er das auch auf dem Papier sein. Aber was mit ihm als Nächstes passiert, ob er überhaupt im Land ist oder ob er gelegentlich aus dem Ausland hierherkommt, wie viele glauben, wissen wir nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann nur sagen, dass Nazarbaev der Ansicht ist, dass er 30 Jahre lang ein unabhängiges Land aufgebaut hat, das nach seinem Tod stabil sein soll. Ich denke, fast jeder in Kasachstan ist sich heute einig, dass er gescheitert ist, dass das Land nicht stabil geblieben ist und dass alles aus verschiedenen Gründen in Gewalt geendet ist. Was geschieht also mit ihm? Was fühlt er? Es ist für uns schwer zu verstehen, denn er bleibt stumm. Und selbst wenn er nicht schweigen würde, würden die Worte nicht unbedingt seine Gedanken widerspiegeln. Aber ich bin überzeugt, dass es für ihn schwierig wird, in Kasachstan zu bleiben, eine Art Rolle zu spielen und eine öffentliche Funktion auszuüben. Um ehrlich zu sein, ist das führ ihn – vorsichtig gesagt &#8211; peinlich und demütigend. Leider ist sein Lebenswerk gescheitert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb ist meine persönliche Vorhersage, dass wir Nazarbaev in Kasachstan in Zukunft nicht mehr oft sehen werden, weil er sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen will. Ich glaube, Toqaev wird auch nicht wollen, dass Nazarbaev oft in der Öffentlichkeit gesehen wird. Vielleicht treten sie gemeinsam in der Öffentlichkeit auf, um den Anschein zu erwecken, dass ein ernster Streit ein glückliches Ende gefunden hat. Aber ich glaube nicht, dass das in Zukunft noch etwas bedeutet. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Kirgistan kam Sooronbai Dscheenbekow (im Jahr 2017, Anm. d. Ü.) mit Unterstützung seines Vorgängers Almasbek Atambajew </strong><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiI2OncjJT4AhX5g_0HHeKUDFEQFnoECBAQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fnovastan.org%2Fde%2Fkirgistan%2Fkirgistan-dscheenbekow-sieger-der-prasidentschaftswahl%2F&amp;usg=AOvVaw1QvRq3qjGMvJiK0NXgapG_"><strong>an die Macht</strong></a><strong>. Atambajew wurde daraufhin </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistans-ex-praesident-atambajew-zu-11-jahren-gefaengnis-verurteilt/"><strong>strafrechtlich verfolgt</strong></a><strong>. Besteht die Möglichkeit, dass ein ähnliches Szenario in Kasachstan eintritt?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Sag niemals nie. Ich vermute, dass viele Menschen es begrüßen würden, wenn Nazarbaev wegen verschiedener Verbrechen, die er ihrer Meinung nach begangen hat, strafrechtlich verfolgt würde. Natürlich gilt er als unschuldig, bis seine Schuld vor Gericht bewiesen ist. Die Frage ist, ob Toqaev ihn strafrechtlich verfolgen will und ob es in seiner Macht steht &#8211; ich spreche nicht vom Gesetz. Formell gesehen sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Wenn ein Verbrechen begangen wird, muss sich der Täter verantworten. In der Praxis ist es aber eine politische Frage, und wir gehen immer noch davon aus, dass Nazarbaev einen gewissen Einfluss auf Toqaev hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Toqaev hat nicht alle Personen strafrechtlich verfolgt, die im Laufe der Jahre Korruptionsstraftaten begangen haben. Ich denke, das liegt daran, dass er eine gewisse Stabilität aufrechterhalten will und sich um die Konsequenzen sorgt. Der Versuch, Nazarbaev strafrechtlich zu verfolgen, wäre ein sehr ernster Schritt. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob dies getan werden sollte oder nicht, ob Verbrechen begangen wurden. Ich glaube jedoch nicht, dass Toqaev das Ruder herumreißen will, zumal er ein Protegé von Nasarbajew ist. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> In Kirgistan gab es den Präzedenzfall, als Atambajew unter Dscheenbekow verhaftet, verurteilt und inhaftiert wurde. Es lohnt sich jedoch, auf einige Unterschiede zwischen Kirgistan und Kasachstan hinzuweisen: Atambajew ist ein labiler Mann, der sich konsequent gegen Dscheenbekow stellte und schließlich von Dscheenbekow gestoppt wurde, während in Kasachstan, was auch immer im Januar wirklich vor sich ging, keine Konfrontation zwischen Nazarbaev und Toqaev zu beobachten ist. Und wir wissen nicht, wer hinter den Ereignissen im Januar steckt. Aber meine Antwort auf die Frage lautet: Ich denke, für Toqaev würde das eine Destabilisierung bedeuten, und er müsste sehr viel Macht haben, um solche Schritte zu unternehmen, denn sie könnten Aktivitäten der pro-Nazarbaev-Kräfte auslösen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Einige westliche Experten halten Toqaev für vernünftig, intelligent und diplomatisch. Was sehen Sie ihn? </strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine gute Frage. Das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, ist „gemäßigt“. Das ist auch der Grund, warum er als Nachfolger von Nazarbaev ausgewählt wurde, denn er hat einen ausgewogenen Ansatz für alles. Und ich glaube, das hat ihm im Januar gutgetan. Auch wenn er in manchen Momenten auf dem Bildschirm überfordert wirkte, hat ihm seine überlegte Herangehensweise geholfen, die Situation zu meistern. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art von Zurückhaltung kann helfen, eine Krisensituation wie die im Januar zu bewältigen. Ich halte ihn für intelligent, und ich denke, dass seine diplomatische Erfahrung für die Rolle, die er spielt, nützlich ist, nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, die Dinge aus einer Außenperspektive zu betrachten. Meiner Meinung nach war das für Nazarbaev nicht so einfach, da er ein Produkt des sowjetischen Systems ist und sein ganzes Leben dort verbracht hat, während Tokajew die Dinge aus einer westlichen, externen Perspektive betrachtet. Ich denke, er ist genauso berechnend wie jeder andere Politiker, der solche Höhen erreicht hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ist jedoch nicht der charismatischste Politiker. Er wirkt zwar sympathisch, aber auch zurückhaltend und uncharismatisch. Nazarbaev wirkt extrovertierter und öffentlicher. Ich denke, einige würden gerne einen dynamischen Politiker sehen, mit dem sie interagieren, dem sie folgen und den sie unterstützen können. Er möchte eine „zweite Republik“, ein „neues Kasachstan“ aufbauen, und sein ausgewogener Ansatz wird ihm dabei helfen, aber es wird ihm schwerer fallen, die Menschen zu überzeugen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Toqaevs Team argumentiert, dass das Reformpaket das Land von einem superpräsidialen System weg und hin zu einem „Präsidialsystem mit einem starken Parlament“ führen würde. Wie beurteilen Sie die vorgeschlagene Verfassungsreform?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Toqaev selbst sagte, dass ein Drittel der 98 Artikel der Verfassung geändert werden würde. Wir brauchen nicht an den Fingern abzuzählen, denn es kommt auf das Wesen dieser Veränderungen an. Aber wenn diese Maßnahmen richtig und dynamisch ergriffen werden, können sie meines Erachtens dazu beitragen, Kasachstan zu verändern. Für den Durchschnittsbürger in Kasachstan sind sie jedoch technisch und schwer verständlich. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Erlan_Karin">Erlan Qarin</a>, Toqaevs Chefideologe, die Bürger würden es schwer haben, sie zu verstehen, seien aber dennoch aufgefordert, dafür zu stimmen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Änderungen ordnungsgemäß angenommen und umgesetzt werden, wenn es nur wenig Widerstand gibt und wenn einflussreiche Mitglieder des Staatsapparats, der Wirtschaft und andere, die die Familie Nazarbaev unterstützen, nicht versuchen, sie zu untergraben oder ihre Annahme zu verzögern, und wenn es keine Einmischung aus dem Ausland gibt &#8211; etwa aus Russland, das sich in viele Demokratisierungsbemühungen eingemischt hat &#8211; könnten diese Maßnahmen in einigen Jahren Wirkung zeigen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstan-was-bedeuten-die-reformen-von-praesident-toqaev/"><strong>Was bedeuten die Reformen von Präsident Toqaev?</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber werden die Menschen, die die Ereignisse im Januar durchlebt haben, noch ein paar Jahre warten wollen? Nein. Ich sehe das Problem vor allem darin, dass Toqaev nicht verstanden hat, dass er Maßnahmen angekündigt hat, die sein Hauptideologe als unverständlich bezeichnet, und er glaubt, dass sie zu Reformen beitragen und politische Forderungen erfüllen. Ich glaube, dass er aufrichtig versucht, auf die Forderungen einzugehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube jedoch, dass der „hörende Staat“ es versäumt hat, die Stimmen der Menschen zu hören. Die Menschen verlangten einen schnellen Wechsel. Sie forderten zum Beispiel die Möglichkeit, Akims (Leiter von Lokal- und Regionalverwaltungen, Anm. d. Ü.) zu wählen. Tokajew hätte genau solche weitreichenden Veränderungen in Betracht ziehen müssen. Er hätte dem Volk versprechen sollen, baldige Parlaments- und Regionalwahlen abzuhalten oder einen Zeitplan für solche Wahlen festzulegen. Ich glaube, die Menschen haben auf solche Schritte von ihm gewartet, damit sie auf etwas Wichtiges hoffen konnten. Und nicht etwa um Kleinigkeiten wie die Frage, wie viele Kandidaten Toqaev den <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4slihat">Máslihats</a> (Regionalparlamenten, Anm. d. Ü.) für die Wahl der Akime vorschlagen wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschen sehen nicht, wie diese Maßnahmen ihr Leben verändern werden. Im Januar sagten sie, dass die Wahl der Akims ihr Leben verändern würde; diese Gelegenheit haben sie bisher nicht gehabt. Was faire Parlamentswahlen angeht, so hat es in Kasachstan seit 30 Jahren keine mehr gegeben. Die Wahlen sind immer schlechter geworden. Im Jahr 2019 versprach Toqaev, den politischen Wettbewerb zu gewährleisten und die Regeln für die Registrierung von Parteien zu vereinfachen, und viele glaubten, dass es möglich sein würde, Oppositionsparteien zu registrieren. Infolgedessen haben wir im vergangenen Jahr die meiner Meinung nach schlimmsten und zynischsten <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiS9ZHAkZT4AhVKzqQKHaSlC80QFnoECBoQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fshashlyk.de%2Fepisode%2Fshashlyk-mashlyk-12-schon-wieder-wahlen-ohne-wahl%2F&amp;usg=AOvVaw1Sp3v9y8mduCrXu0EXPITu">Wahlen</a> in Kasachstan erlebt: Es gab keine neuen Oppositionsparteien, die Zusammensetzung des Parlaments blieb zum dritten Mal dieselbe, dieselbe wie vor zehn Jahren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeiten haben sich geändert. Nach dem „blutigen Januar“ versprach Toqaev neue Maßnahmen. Aber die Menschen haben diese Versprechen bereits gehört. Es bleibt offen, ob die Änderungen halten werden, was Toqaev verspricht. Er muss schnell handeln, um die Forderungen der Menschen zu erfüllen. Wir sehen jetzt keine großen Proteste auf den Straßen, aber die Proteststimmung ist nicht verschwunden. Wir haben im Januar gesehen, wozu die Proteste führen können. Ich denke, dass sich die Menschen in den nächsten Monaten, wenn die Änderungsanträge angenommen werden, aber keine echten Oppositionsparteien zugelassen werden, fragen werden, worum es eigentlich geht, was das für sie bedeutet und ob es nur leeres Gerede ist. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> Ich denke, wenn nicht baldige Parlamentswahlen angekündigt werden, um das „Taschenparlament“ abzuschaffen, mit dem sich Kasachstan abfinden musste, werden sich die Menschen fragen: „Was bedeutet das alles für mich?“ Andererseits ist Toqaev offensichtlich nervös wegen der Lokalwahlen. Meiner Meinung nach sind dies die beiden wichtigsten Schritte, auf die die Menschen warten und die Toqaev noch nicht zu versprechen bereit ist. Wie ich jedoch bereits festgestellt habe, glaube ich, dass die Verfassungsänderungen Toqaev Versuch sind, das System zu reformieren, ja etwas Neues zu schaffen. Aber wird er dazu in der Lage sein? Und die Hauptfrage ist: Ist Toqaev stärker als das System oder ist das System stärker als Toqaev? </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Viele Experten sagen, dass Toqaev das von Nazarbaev geschaffene System anpassen wird und sich eigentlich nichts ändern wird. Besteht die Gefahr einer neuen Elbasy?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Tokajew sagt, er wolle das System entpersonalisieren und dafür sorgen, dass sich die Vergangenheit in Kasachstan nicht wiederholt. Ich persönlich glaube, dass er das wirklich will. Ich weiß, dass viele diese Einschätzung nicht teilen. Selbst wenn er der nächste Elbasy, der nächste Nazarbaev sein will, glaube ich nicht, dass er den richtigen Charakter dafür hat. Außerdem werden die Menschen nicht zulassen, dass ein neuer Elbasy auftaucht, denn sie haben gesehen, was er bewirken könnte. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vor ein paar Jahren sagten viele, dass es in Kasachstan unter dem amtierenden Präsidenten einen friedlichen Machtwechsel gab. Die jüngsten Ereignisse zeigen jedoch, dass ein solcher Transit nicht nachhaltig ist. Werden andere Autokraten länger an der Macht festhalten? Welche Schlussfolgerungen werden sie ziehen?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fürchte, da habe ich eine pessimistische Sichtweise. Wie viele Autokraten wurden bereits gestürzt und sogar getötet? Und wie oft haben wir erlebt, dass sie nicht die richtigen Schlussfolgerungen ziehen? Ich vermute, dass andere Autokraten die Situation in Kasachstan beobachten und wahrscheinlich denken, dass sie ihre Macht nicht schwächen sollten. Sie werden einfach beschließen, dass dies ein guter Vorwand ist, um die Schrauben fester anzuziehen, denn wenn man sie schwächt, wird es nur noch schlimmer. Meiner Meinung nach ist die vernünftige Schlussfolgerung, dass 30 Jahre Autokratenherrschaft Kasachstan in eine Sackgasse geführt haben, die in ein Blutbad gemündet ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-behoerden-wiederholen-die-vergangenheit-kasachstanische-menschenrechtlerinnen-ueber-die-aufarbeitung-der-januar-ereignisse/"><strong>„Die Behörden wiederholen die Vergangenheit“ – Kasachstanische Menschenrechtler:innen über die Aufarbeitung der Januar-Ereignisse</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Meiner Meinung nach wird Kasachstan erst dann Fortschritte machen können, wenn die Ereignisse vom Januar nicht gerecht aufgearbeitet werden. Ich finde es absolut empörend, dass die Regierung es fünf Monate später noch immer nicht für nötig gehalten hat, eine Liste der Todesopfer zu veröffentlichen. Dies scheint mir eine inakzeptable Haltung gegenüber der eigenen Bevölkerung zu sein. Den Familien der Opfer wurde nicht nur die Gerechtigkeit verweigert, es hat auch niemand für nötig befunden, mit ihnen zu sprechen und ihnen zu erklären, was passiert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich finde es empörend, dass sich die Menschen in einem Rechtsvakuum befinden und dass einige derjenigen, die wegen ihrer Beteiligung an den Unruhen und Plünderungen angeklagt wurden, noch immer keinen fairen Prozess erhalten haben. Und es beunruhigt mich, dass in einem Land, in dem Karaoke-Bars uneingeschränkt arbeiten, Gerichtsverhandlungen auf Zoom und nicht im traditionellen Format stattfinden. Es ist äußerst besorgniserregend, dass nach solch zahlreichen Foltervorwürfen so wenig Verhaftungen vorgenommen und so viele Fälle abgewiesen wurden. Ich denke, wir müssen daraus den Schluss ziehen, dass Toqaev mehr darüber nachdenken muss, wie er die Strafverfolgung, das Strafvollzugssystem, die Justiz und das politische System reformieren kann. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan wird ohne eine offene, umfassende Untersuchung der Ereignisse vom Januar nicht in der Lage sein, echte Fortschritte zu erzielen. Meiner Meinung nach sollten internationale Experten in den Prozess einbezogen werden, um objektive Ergebnisse zu erzielen. Wenn die Behörden nichts zu verbergen haben, sollen sie ermitteln und allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren lassen: Verdächtigen, Angehörigen der Opfer und den Opfern selbst. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Mit Joanna Lillis sprach Elnur Álimova
</strong><a href="https://rus.azattyq.org/a/kazakhstan-political-situation-interview-joanna-lillis/31865751.html"><strong>Radio Azattyq</strong></a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong> </p>



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