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	<title>Interethnische Beziehungen Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Interethnische Beziehungen Archives</title>
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		<title>Sinnlos und rücksichtslos – Kasachstans hausgemachter Nationalismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Feb 2020 08:37:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[ethnischer Konflikt]]></category>
		<category><![CDATA[Interethnische Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ausgel&#xF6;st durch einen nichtigen Grund, forderte Anfang Februar ein interethnischer Konflikt zwischen KasachInnen und DunganInnen 11 Menschenleben. Mit der speziellen Form des kasachischen Nationalismus und dessen Sinnlosigkeit setzt sich Je&#x144;is Ba&#x131;hoja in einem Meinungsbeitrag auf Central Asia Monitor auseinander. Wir &#xFC;bernehmen den Artikel in gek&#xFC;rzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Der kasachische Nationalismus hat [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/sinnlos-und-ruecksichtslos-kasachstans-hausgemachter-nationalismus/">Sinnlos und rücksichtslos – Kasachstans hausgemachter Nationalismus</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Ausgelöst durch einen nichtigen Grund, forderte Anfang Februar ein interethnischer Konflikt zwischen KasachInnen und DunganInnen 11 Menschenleben. Mit der speziellen Form des kasachischen Nationalismus und dessen Sinnlosigkeit setzt sich Jeńis Baıhoja in einem Meinungsbeitrag auf </strong><a href="https://camonitor.kz/34178-nash-domoroschennyy-nacionalizm-bessmyslennyy-i-besposchadnyy.html"><strong>Central Asia Monitor</strong></a><strong> auseinander. Wir übernehmen den Artikel in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Der kasachische Nationalismus hat sich endgültig diskreditiert, indem er sein wahres Gesicht zeigte. Die Rede ist nicht einmal von den <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zehn-tote-bei-interethnischem-konflikt-in-kasachstan/">Ereignissen</a> im Bezirk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qordai">Qordaı</a>  sondern von den Reaktionen darauf. Die Welle der Fremdenfeindlichkeit hat schreckliche Ausmaße erreicht, und sie hat nicht nur notorische „Meinungsmacher“ erfasst, die die treibende Kraft des offenen Nationalpopulismus sind, sondern auch anscheinend intelligente, vernünftige Leute.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Ein Übergang von Quantität zu „Qualität“</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Man kann den radikalen Nationalismus der UigurInnen (in China), der BaskInnen (in Spanien), der KurdInnen (in der Türkei) wenn auch nicht gutheißen, so doch zumindest erklären. Diese Völker stellen in ihren Ländern eine ethnische Minderheit dar. Sie führen einen viele Jahre währenden Kampf um ihre Unabhängigkeit und sehen sich einem harten Wiederstand seitens der Zentralmacht gegenüber. Aber in unserem Fall handelt es sich um die Titularnation, die 70 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmacht, einen staatsbildenden Status innehat, nahezu alle Schlüsselpositionen und den Löwenanteil aller Positionen in Verwaltung und Sicherheitsbehörden bekleidet – das heißt, sie bestimmt das Schicksal des Landes und aller, die darin leben. Der Umstand, dass ein nicht unwesentlicher Teil dieser Ethnie noch heute, fast drei Jahrzehnte nach dem Erlangen eines eigenen unabhängigen Staates, immer noch einen nationalen Befreiungskampf lebt, wirkt recht seltsam.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>
<p style="text-align: justify;">Übrigens hat man die ganze Zeit versucht uns zu überzeugen, dass der kasachische Nationalismus einen konstruktiven und gemäßigten Charakter habe, andere im Land lebende Ethnien nicht bedrohe und deren Minderheitenrechte nicht beschneide. Aber während seine „Ideologen“ beruhigende Behauptungen machten, während die Staatsmacht mit ihnen flirtete und sie für ihre eigenen Interessen benutzte, ist der radikale Nationalismus unterschwellig gereift. Das ist ganz natürlich, denn je mehr eine Ideologie AnhängerInnen hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Radikalen unter ihnen. Eine Art Übergang von Quantität zu „Qualität“.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zusammenstoesse-im-sueden-kasachstans-interethnischer-konflikt-oder-mafiastreit/?noredirect=de_DE"><strong>Zusammenstöße im Süden Kasachstans: Interethnischer Konflikt oder Mafiastreit?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;">Der ehemalige Groll und der daraus resultierende Durst nach historischer Rache nährten den Nationalismus. Diese Stimmungen wurden während der ganzen letzten Jahre kultiviert, unter anderem von vielen SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen sowie von einem nicht unwesentlichen Teil der politischen Elite. Sie, die sich in der Sowjetzeit gut eingerichtet haben, präsentieren diese jetzt als die düsterste Periode in der Geschichte der KasachInnen, welche unterdrückt und entrechtet wurden und Menschen zweiter Klasse waren. Und auch die heutige Realität liefert viele Gründe, um sich erniedrigt und beleidigt zu fühlen. Die Staatsmacht, die Ansprüche geltend machen könnte, ist fern und taub. Und in der Nähe leben verschiedene Diasporen, die sich besser an den „Kapitalismus mit dem kasachischen Gesicht“ angepasst haben, die unternehmungslustiger waren und mehr Glück hatten. Ungerecht…</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Kann man Respekt erzwingen?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jedweder Nationalismus ist gefährlich, wenn er radikal wird. Wenn er aber von VertreterInnen der zahlenmäßig stärksten (und dabei übrigens mit einer „konstitutionellen Mehrheit“ ausgestatteten) Ethnie ausgeht, dann steigt die Gefährlichkeit um ein vielfaches. Allein das 20. Jahrhundert wimmelt von Beispielen dieser Art: Anti-jüdische Pogrome und Strafmaßnahmen gegen KasachInnen im zaristischen Russland, die Vertreibung der ArmenierInnen aus der Türkei, das Massengemetzel in Ruanda… Hinzu kommen der Holocaust, die Exzesse der RassistInnen aus dem Ku-Klux-Klan gegenüber dunkelhäutigen BürgerInnen der USA… Ich möchte keinesfalls die interethnischen Konflikte im modernen Kasachstan damit gleichsetzen. Bei uns haben sie noch einen lokalen Charakter. Aber wenn man weiterhin die BürgerInnen des Landes in „Hausherren“ und „Zugezogene“ unterteilt und dem Prinzip „Alle Ethnien sind gleich, aber eine ist gleicher“ folgt, dann können die Folgen schrecklich sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Nationalismus, der von VertreterInnen der Titularnation ausgeht, basiert auf folgendem Versprechen: Wir und nur wir sind die Herren dieses Landes, und deswegen sind alle anderen verpflichtet, uns zu respektieren, unsere Interessen zu berücksichtigen und in gewissem Maße auch sich uns unterzuordnen. Es ist kein Zufall, dass es heutzutage populär geworden ist, an ethnische Minderheiten den Aufruf zu richten: „Shańyraqqa qara!“ – Vergiss nicht, in wessen Land zu lebst. Ein weiterer häufig bei NationalistInnen gehörter Satz ist „Alle Diasporen müssen eine Lektion lernen, aus dem, was passiert ist.“ (kein Wort über die Lektion für die KasachInnen). Er kann auch so interpretiert werden: „Was auch immer passiert, wir haben Recht, weil wir auf unserem Land leben, und alle anderen müssen nachdenken.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wohin-fuhrt-die-antichinesische-hysterie-in-kasachstan/"><strong>Wohin führt die antichinesische Hysterie in Kasachstan?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;">Eine der wichtigsten Kritik gegenüber den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunganen">DunganInnen</a> war, dass diese nicht die kasachische Sprache lernen und diese demnach nicht respektieren. Dieser Vorwurf kam aus dem Mund eines Journalisten eines staatlichen Fernsehkanals während des ersten Treffens von Mitgliedern der Regierungskommission mit BewohnerInnen des Dorfes Masanchi ( selbst der Vorsitzende der Kommission Berdibek Saparbaev, der in einem kasachischen Aul [<em>Dorfsiedlung der Turkvölker, Anm. d. Red.]</em> aufwuchs, verzog angesichts der Worte des Fernsehmannes das Gesicht). Eine Reihe von Abgeordneten übernahmen diesen Vorwurf, von den nationalistischen besorgten NutzerInnen der sozialen Medien ganz zu schweigen. Aber können diese Menschen die einfache Wahrheit nicht verstehen, dass jede Sprache nicht aus Respekt für sie, sondern aus eigenem Bedürfnis gelernt wird? UsbekInnen und TadschikInnen streben nicht danach das Russische zu beherrschen, weil sie die russische Kultur verehren, sondern weil sie die Sprache zum Überleben brauchen, wenn sie zur Arbeit nach Russland fahren und vielleicht sogar dort bleiben. Natürlich wäre es hervorragend, wenn in unserem Land alle die Staatssprache könnten, aber dafür muss sie wirklich benötigt werden. Damit sollten sich die KasachInnen beschäftigen und ihre intellektuellen Kräfte und zumindest etwas Begeisterung darauf verwenden.</p>
<p style="text-align: justify;">Überhaupt ließ sich in letzter Zeit oft hören, dass die VertreterInnen der Diasporen die kasachische Sprache und das kasachische Volk achten sollen. Aber, meine Lieben, Respekt verlangt man nicht und man zwingt nicht zu ihm – man strebt danach ihn zu verdienen. Und nach derartigen Pogromen und einer Welle der Fremdenfeindlichkeit werden wir KasachInnen nicht den Respekt der ethnischen Minderheiten erlangen. Es ist etwas anderes, die Einhaltung der Gesetze zu verlangen, die in diesem Land gelten. Aber das betrifft alle, unabhängig von der Nationalität.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Der „Ruf nach Blut“ und doppelte Standards</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Achten Sie darauf: An allen lauten interethnischen Konflikten in unserem Land ist die Titularnation beteiligt. Haben Sie gehört, dass ein Streit – selbst einer mit tragischem Ausgang – zwischen KoreanerInnen und UsbekInnen oder zwischen RussInnen und UigurInnen zu einem ethnischen Konflikt eskaliert wäre? Wohl kaum. Aber wenn wir KasachInnen mit VertreterInnen einer Minderheit aneinandergeraten und jemand mit dem Messer sticht, führt dies schon fast obligatorisch zu dem Ruf „Die Unsrigen werden geschlagen!“ und es folgen Massendemonstrationen oder Unruhen. Erinnern Sie sich an die Ereignisse in <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Казахско-чеченский_конфликт_в_Алматинской_области">Malovodnoe</a> [<em>ein kasachisch-tschetschenischer Konflikt im Jahr 2007 mit 9 Toten, Anm. d Red.]</em>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qaraģandy</a> [<em>in der Neujahrsnacht 2019, Anm. d. Red</em>.] und so weiter – und jetzt im Bezirk Qordaı. Sogar einem Streit mit tödlichem Ausgang, der sich in der Bar „Chukotka“ in Almaty ereignete, versuchte einer unserer Nationalpatrioten einen ethnischen Anstrich zu verpassen.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>
<p style="text-align: justify;">Noch eine Besonderheit. Wenn ein junger Kasache einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aksakal">Aksakal</a> beleidigt oder gar schlägt, dann werden wir ihn natürlich zurechtweisen, aber niemand, außer vielleicht die Verwandten des Alten, werden eine „Vendetta“ fordern. Aber wenn die Tat von einem Vertreter einer anderen Nationalität begangen wird, braucht man auf die Vorwürfe der Respektlosigkeit gegenüber dem kasachischen Volk und auf Rufe nach Rache nicht lange zu warten. Noch ein Beispiel: Jeder erinnert sich an die Geschichte des kasachischen Jungen aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Südkasachstan">Gebiet Südkasachstan</a>, der von kasachischen Jugendlichen vergewaltigt wurde. Wer von den NationalpatriotInnen forderte die Eltern oder Verwandten dieser Jugendlichen, die das Leben eines Kindes zerstört haben, zur Verantwortung zu ziehen oder gar aus dem Dorf zu treiben? Niemand. Zehn Jahre zuvor ereignete sich ebenfalls im Gebiet Südkasachstan im Dorf Maıatas ein ähnlicher Vorfall. Ein kurdischer Teenager wurde verdächtigt, einen kasachischen Jungen verhöhnt zu haben, was zu Pogromen und zur Flucht fast aller kurdischen Familien aus dem Aul führte. Darüber hinaus haben VertreterInnen dieser Diaspora auch in den benachbarten Gebieten gelitten. Derartige Fälle kann man noch viele anführen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/liebe-gaeste-wie-fuehlen-sich-die-koreaner-in-kasachstan/"><strong>„Liebe Gäste“ – Wie fühlen sich die Koreaner in Kasachstan?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;">Das heißt, bezüglich der „StammesgenossInnen“ zeigen wir eine gewisse Nachsicht, während wir „Fremden“ sogar für Verbrechen von einzelnen eine Kollektivschuld zuschreiben. Das nennt man doppelte Standards. Genau dies ist der Fall, wenn man fordert, dass der junge Dungane, der gegen den Aksakal die Hand gehoben hat, mit voller Härte des Gesetzes bestraft werde, und zur gleichen Zeit jene, die loszogen um unbeteiligte DorfbewohnerInnen zu töten und deren Häuser zu verwüsten, nicht in der Verantwortung sieht. Das Argument „Sie haben zuerst angefangen&#8220; kann man nicht anders als kindisch nennen – so verhalten sich Kleinkinder.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Nationalismus, der nur durch den „Ruf nach Blut“ angetrieben wird, der auf doppelten Standards und rechtlichem Nihilismus basiert, kann a priori nicht aufgeklärt, zivilisiert und konstruktiv sein. Ich hoffe, dass wir KasachInnen, die dies verstehen, viel mehr sind als diejenigen, die sich bewusst oder unbewusst in eine nationalistische Rage getrieben haben.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Je</strong><strong>ńis Ba</strong><strong>ıhoja für </strong><a href="https://camonitor.kz/34178-nash-domoroschennyy-nacionalizm-bessmyslennyy-i-besposchadnyy.html"><strong>Central Asia Monitor</strong></a></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong></p>
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		<title>Zehn Tote bei interethnischem Konflikt in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Feb 2020 14:58:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dunganen]]></category>
		<category><![CDATA[ethnischer Konflikt]]></category>
		<category><![CDATA[Interethnische Beziehungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zehn Menschen, darunter ein Polizeibeamter, sind bei einem interethnischen Konflikt im S&#xFC;den Kasachstans get&#xF6;tet worden. KasachInnen sollen dabei Angeh&#xF6;rige der ethnischen Minderheit der DunganInnen angegriffen haben. W&#xE4;hrend eines interethnischer Konflikts im S&#xFC;den Kasachstans sind zehn Personen get&#xF6;tet und mehr als 40 verletzt worden. Acht der Get&#xF6;teten verloren unmittelbar vor Ort ihr Leben, zwei weitere Opfer [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Zehn Menschen, darunter ein Polizeibeamter, sind bei einem interethnischen Konflikt im Süden Kasachstans getötet worden. KasachInnen sollen dabei Angehörige der ethnischen Minderheit der DunganInnen angegriffen haben.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Während eines interethnischer Konflikts im Süden Kasachstans sind zehn Personen getötet und mehr als 40 verletzt worden. Acht der Getöteten verloren unmittelbar vor Ort ihr Leben, <a href="https://tengrinews.kz/kazakhstan_news/kordayskiy-konflikt-gibel-10-chelovek-podtverdilo-mvd-390991/">zwei weitere Opfer</a> erlagen in der Nacht zum 9. Februar ihren Verletzungen. Der Vorfall ereignete sich in dem Dorf Masanchi, nicht weit vom Grenzübergang <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qordai">Qordai</a> zwischen Kasachstan und Kirgistan. Wie das kasachstanische Nachrichtenportal <a href="https://kaztag.kz/ru/news/vosem-chelovek-pogibli-40-chelovek-poluchili-raneniya-pri-konflikte-v-zhambylskoy-oblasti-mvd-video">KazTag</a> berichtete, sprach Hýseı Daýrov, der Vorsitzende der Assoziation der DunganInnen Kasachstans, von einem Pogrom gegenüber seiner ethnischen Gemeinschaft.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>
<p style="text-align: justify">Nach offiziellen Angaben griffen am Abend des 7. Februar über 300 Menschen aus den umliegenden Dörfern die BewohnerInnen des Dorfes Masanchi an, bei denen es sich mehrheitlich um <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunganen">DunganInnen</a> – eine muslimische Volksgruppe chinesischer Herkunft – handelt. Mehr als 30 Häuser, 15 Läden und 23 Autos wurden beschädigt, wie das kasachstanische Onlinemedium <a href="https://tengrinews.kz/kazakhstan_news/30-domov-postradali-v-rezultate-sobyitiy-v-masanchi-390920/">Tengrinews</a> berichtet. Nach Angaben des <a href="https://fergana.ru/news/114922/">kirgisischen Grenzdienstes</a> überqueren viele kasachstanische DunganInnen die Grenze nach Kirgisistan, um dort Sicherheit zu suchen. Die dunganische Gemeinschaft Kirgistans ist größer als jene Kasachstans.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>47 Personen festgenommen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bisher wurden 47 Personen verhaftet und zwei Jagdgewehre von den kasachstanischen Behörden beschlagnahmt. Es ist jedoch nicht klar, warum genau der Konflikt ausbrach. Kasachstans Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qassym-Jomart Toqaev</a> sagte auf einer <a href="https://tengrinews.kz/news/zayavlenie-tokaeva-po-sobyitiyam-v-kordayskom-rayone-video-390915/">Pressekonferenz</a>, die angesichts des Konflikts anberaumt wurde, dass er durch verschiedene Videos, die zu Hass und Gewalt aufstacheln, verursacht wurde, und dass die Verantwortlichen hart bestraft werden würden.</p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben des <a href="https://informburo.kz/novosti/chp-v-kordayskom-rayone-press-konferenciya-tekstovaya-translyaciya-.html">Innenministeriums</a> sei der Konflikt auf Provokateure zurückzuführen, <em>„die einen privaten Konflikt auf eine interethnische Ebene gehoben haben“</em>, wobei zunächst nicht erläutert wurde, welcher Art diese Provokationen gewesen seien und welche Gründe für die Angriffe auf die dunganische Gemeinschaft bestanden haben sollen.</p>
<p style="text-align: justify">Am Morgen des 9. Februar <a href="https://tengrinews.kz/kazakhstan_news/nazvana-prichina-kordayskogo-konflikta-390996/">erklärte</a> dann der stellvertretende Innenminister Alekseı Kalaıchidi, dass es am 5. Februar zu einem Konflikt im Straßenverkehr gekommen sei, bei dem es darum ging, wer wem die Vorfahrt genommen habe. Gemäß seinen Worten sei das Ausmaß des Konflikts gewachsen, nachdem in den sozialen Netzwerken Aufrufe zu destruktiven Handlungen auftauchten.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>
<p style="text-align: justify">Die DunganInnen sind ein muslimisches Volk ethnisch chinesischer Herkunft, das hauptsächlich in Zentralasien und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang">Xinjiang</a> sowie in benachbarten chinesischen Provinzen lebt. Die dunganische Gemeinschaft Kasachstans zählt etwa 50 000 Personen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Die Redaktion </strong></p>
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		<title>„Um einen Teller Erdbeeren“: Das Pogrom in Farg‘ona 1989</title>
		<link>https://novastan.org/de/usbekistan/um-einen-teller-erdbeeren-pogrom-in-fargona-1989/</link>
					<comments>https://novastan.org/de/usbekistan/um-einen-teller-erdbeeren-pogrom-in-fargona-1989/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jan 2020 14:29:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[1989]]></category>
		<category><![CDATA[Farg'ona]]></category>
		<category><![CDATA[Interethnische Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikt]]></category>
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		<category><![CDATA[Turk-Mescheten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einer der ersten gewaltt&#xE4;tigen interethnischen Konflikte Usbekistans war das Pogrom gegen die turk-meschetische Minderheit in der Provinz Farg&#x2019;ona. Bis heute sind die Ursachen nicht genau gekl&#xE4;rt. Der Anthropologe Dr. Sergei Abashin geht von einem spontanen, emotional aufgeladenen Gewaltausbruch aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/um-einen-teller-erdbeeren-pogrom-in-fargona-1989/">„Um einen Teller Erdbeeren“: Das Pogrom in Farg‘ona 1989</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Einer der ersten gewalttätigen interethnischen Konflikte Usbekistans war das Pogrom gegen die turk-meschetische Minderheit in der Provinz Farg&#8217;ona. Bis heute sind die Ursachen nicht genau geklärt. Der Anthropologe Dr. Sergei Abashin geht von einem spontanen, emotional aufgeladenen Gewaltausbruch aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><a href="https://fergana.agency/articles/107921/">Fergana News</a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik kam es im Mai und Juni des Jahres 1989 zu einem der ersten interethnischen Konflikte auf dem Gebiet der Sowjetunion, durch den zehntausende unschuldige Menschen litten, die schon viele Jahre in Usbekistan gelebt hatten: die Turk-Mescheten. Die Turk-Mescheten waren 1944 aus ihrer Heimat Meschetien im Süden Georgiens in den zentralasiatischen Teil der Sowjetunion deportiert worden, die meisten nach Usbekistan. Zunächst lebten sie dort in Spezialansiedlungen. Ab 1956 standen die Turk-Mescheten nicht mehr unter administrativer Überwachung. Nichtsdestotrotz hatten sie keine echte Möglichkeit, in die Regionen zurückzukehren, aus denen sie deportiert worden waren. Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 1989 lebten 107.000 Turk-Mescheten in Usbekistan, 5 bis 6 Tausend davon in der Provinz Farg‘ona, die meisten in Quvasoy.</p>
<p style="text-align: justify">Der Auslöser der Pogrome, über den bis heute keine vollständige Klarheit besteht, wurde zunächst ungeschickt zu vertuschen versucht: auf dem Volksdeputiertenkongress gab Rafik Nishanow, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, bekannt, dass sich die Geschehnisse auf einem Basar „aufgrund eines Tellers Erdbeeren“ zugetragen hätten. Angeblich habe sich ein Turk-Meschete grob gegenüber einer usbekischen Verkäuferin verhalten und die Erdbeeren umgestoßen. Man habe sich für die Frau eingesetzt und eine Schlägerei begonnen. Kurz darauf änderte sich die offizielle Version, doch Nischanows „Erdbeeren“ wurden noch viele Jahre später erwähnt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erste Gewaltausbrüche in Quvasoy</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mitte Mai 1989 kam es in Quvasoy zu Prügeleien zwischen turk-meschetischen Jugendlichen auf der einen, und usbekischen und tadschikischen Jugendlichen auf der anderen Seite. Nach einer kurzen Kampfpause entwickelten sich daraus deutlich größere Auseinandersetzungen. Von jeder Seite waren einige hundert Personen beteiligt.</p>
<p style="text-align: justify">Es begannen Versuche, in Viertel vorzudringen, in denen Turk-Mescheten und andere Minderheiten lebten, um dort Pogrome zu verüben. Von staatlicher Seite wurde versucht, die Menge zur Auflösung zu überreden, jedoch war es erst möglich die Unruhen zu unterbrechen als in der Stadt zusätzliche Sicherheitskräfte eintrafen. Bei diesen Ereignissen wurden 58 Menschen verletzt, 32 wurden in Krankenhäuser eingeliefert, wo einer von ihnen starb.</p>
<p style="text-align: justify">In Quvasoy trafen die Angreifer auf Widerstand von Seiten der Turk-Mescheten. Die Zusammenstöße arteten in Pogrome aus, die in der ganzen Oblast um sich griffen. In anderen Städten und Dörfern gelang es den Turk-Mescheten nicht, sich zu verteidigen. Sie waren zahlenmäßig weniger, lebten verstreut und in einigen Fällen gestattete die Miliz nicht die Bildung von Wehren zur Selbstverteidigung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<figure id="attachment_19334" aria-describedby="caption-attachment-19334" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-19334" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg" alt="" width="496" height="347" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79-300x210.jpeg 300w" sizes="(max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-19334" class="wp-caption-text">Mehr als 16.000 Turk-Mescheten wurden während der zweiwöchigen Gewaltausbrüche in der Provinz Ferg&#8217;ona in Usbekistan nach Russland ausgeflogen</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Die zentralen Ereignisse der Krise in der Provinz Farg‘ona begannen am 3. Juni in der Siedlung Toshloq. Dort fand sich eine Gruppe Jugendlicher zusammen, die begann, die Häuser von Turk-Mescheten anzuzünden und auf ihre Bewohner einzuprügeln. Danach setzten sie ihre Gewalttaten in der Siedlung Komsomolski fort. Eine Gruppe Soldaten der Inneren Truppen versuchte erfolglos sich ihnen entgegenzustellen. Überfälle auf die Turk-Mescheten ereigneten sich auch in Marg’ilon und Farg’ona.</p>
<p style="text-align: justify">Am Folgetag forderte eine gewaltbereite Menschenmenge in Toshloq die Auslieferung der Turk-Mescheten, die sich unter dem Schutz der Miliz in das Gebäude des Regionalkomitees geflüchtet hatten. Zudem forderte die Menge die Freilassung der am Vorabend verhafteten Gewalttäter. Das Gebäude des Regionalkomitees und der Milizführung wurde angegriffen, wobei ein Milizionär starb und 15 weitere verletzt wurden.</p>
<p style="text-align: justify">In den Zentren von Farg’ona und Marg’ilon versammelten sich aggressive Menschenmengen, die versuchten in die Gebäude des Stadt- sowie des Oblastkomitees vorzudringen. In Marg’ilon gelang den Angreifenden dies, die Turk-Mescheten hatte man jedoch bereits erfolgreich von dort evakuiert. In Farg’ona stoppten die Gewalttäter Autos und Busse und durchsuchten diese nach Turk-Mescheten. Erste Informationen über die Unruhen erschienen in den Medien jedoch erst zwei Tage später, am 6. Juni.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Aggressive Menschenmengen machen einen militärischen Einsatz nötig</strong></p>
<p style="text-align: justify">In Qo’qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor. Mehr als 5000 Menschen aus den umliegenden Dörfern kamen am 7.Juni in der Stadt zusammen. Die Menge besetzte eine Ziegelei sowie das Gebäude der städtischen Verwaltung. 68 Personen wurden aus dem Untersuchungsgefängnis befreit. Während die Angreifer die Stadtverwaltung belagerten, gelang es den Behörden, die in der Stadt verbliebenen Turk-Mescheten auf dem Autohof und im Sanatorium zu versammeln. Später konnten Spezialkräfte die Angreifenden aus dem städtischen Verwaltungsgebäude vertreiben. Die Gewalttäter verstreuten sich daraufhin in der Stadt und begannen unter anderem auch die Häuser von Milizionären zu zerstören und anzuzünden.</p>
<p style="text-align: justify">Am darauffolgenden Tag strömten weitere Menschen aus umliegenden Bezirken nach Qo‘qon. Den Unruhestiftern gelang es, einige Unternehmen und den Bahnhof zu besetzen, wo sich auf den Gleisen ein Zug mit Brennstoff befand. Aus einem der Tanks wurde Brennstoff gelassen. Sie forderten von den Behörden die Auslieferung der Turk-Mescheten sowie der Milizionäre, die auf sie geschossen hatten und drohten damit, den Brennstoff in Brand zu setzen und den Zug in die Luft zu sprengen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-ferganatal-in-hundert-tnen/">Das Ferganatal in hundert Tönen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Alle besetzten Orte wurden nach einiger Zeit von Spezialkräften zurückerobert. Aus Qo`qon brachten die Behörden die Turk-Mescheten ins benachbarte Tadschikistan. Dort wurden sie in einem Ferienheim in den Bergen der Oblast Leninabad [Anmerkung: heute Provinz Sughd] versteckt. Doch schon kurz darauf, am 10.Juni, rollte eine Lastwagenkolonne in Richtung des Ferienheims. In diesen befanden sich junge Erwachsene, die mit Stichwaffen bewaffnet waren. Um die Kolonne aufzuhalten setzten die Inneren Truppe aus Helikoptern heraus Waffen ein. Bis zum 11.Juni gelang es den Militärs die Massenunruhen zu beenden und die Situation unter Kontrolle zu bringen.</p>
<figure id="attachment_19335" aria-describedby="caption-attachment-19335" style="width: 920px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-19335" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg" alt="" width="920" height="644" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption id="caption-attachment-19335" class="wp-caption-text">In der Stadt Qo’qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor, Spezialeinsatzkräfte mussten sie aus dem Verwaltungsgebäude vertreiben</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Der Historiker und Ethnologe Alexander Osipow, der zu den Turk-Mescheten forscht, schreibt, dass die Zusammenstöße in der Oblast Farg’ona vielen bis heute ein Rätsel bleiben: zahlreiche Details blieben unbekannt und der Sinn des Geschehenen unverständlich. Es ist unklar, warum die Aufstände begannen, warum sie so umfangreich und erbittert waren und wer die Angreifenden anführte, falls es denn überhaupt einen Anführer gab.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Augenzeugenbericht eines Wissenschaftlers</strong></p>
<p style="text-align: justify">An die Geschehnisse in Farg’ona erinnert sich der Anthropologe Dr. Sergei Abashin, der als Professor an der Europäischen Universität Sankt Petersburg arbeitet:</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Im April 1989 war ich Doktorand am Institut für Ethnographie und fuhr in die Oblast Farg’ona nach Usbekistan, um dort Feldarbeiten durchzuführen. Dort hielt ich mich bis Ende Juni auf. Ich kann mich gut an die Vorgeschichte des Konflikts erinnern. Als ich Anfang Mai nach Farg’ona fuhr und mich dort mit den Leuten unterhielt, konnte man die allgemeine Anspannung schon spüren, die Aufteilung in Einheimische und Fremde, aber die Turk-Mescheten als spezielle Gruppe wurden nicht genannt. Dennoch hatte sich schon Ende Mai die allgemeine Aufmerksamkeit gerade auf die Turk-Mescheten fokussiert. Ich habe Gespräche mit Beamten auf Bezirksebene geführt und sie berichteten, dass am 1. oder 9. Mai Flugblätter mit unterschiedlichen Aufrufen nationalistischer Art verteilt worden waren. In Details haben sie sich nicht vertieft, aber es war offensichtlich, dass die Menschen deshalb beunruhigt waren.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Geschehnisse in Quvasoy fanden Mitte Mai statt. In dieser Zeit betrieb ich Nachforschungen in der Nähe von Quva, wo ich bei einer Familie im Kischlak wohnte [Anmerkung: Das Wort „Kischlak“ bezeichnet eine ländliche Siedlung von semi-nomadischen Turkvölkern.]. Ich erinnere mich, dass die Leute untereinander redeten, dass wohl etwas passiert sei. Die Sache ist die, dass die Menschen die Turk-Mescheten nicht sehr von anderen unterschieden, sofern sie nicht direkte Nachbarn waren. Und in den Unterhaltungen, die ich mitbekam, wurden sie als „Kaukasier“ bezeichnet.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Bereits Anfang Juni reiste ich in die Stadt Farg’ona. Ich sah, wie sich Jugendliche aus dem Ort in Massen auf dem zentralen Platz versammelten, wie sie zu den Behörden gingen und ein Treffen abhielten. Sie erklärten mit später, dass sie ihre Toten herbeigebracht hatten. Obwohl diese Menschenmenge einigermaßen aggressiv war, war diese Aggression nicht willkürlich, sondern gezielt. Auch als sich die Menge auf einem Platz versammelte, gingen andere Menschen weiterhin gelassen an diesen vorbei und gingen in Parks spazieren. Die Menge griff niemanden der Vorbeigehenden an. Dasselbe Bild zeigte sich auch, als sich die Menschenmasse zum Gebäude der örtlichen Verwaltung hinbewegte.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Groteske Parallelwelt</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„[&#8230;] Ich habe die Pogrome gesehen. In der Stadt gab es Bezirke, in denen die Turk-Mescheten lebten, und dort brannten die Häuser- Bis heute erinnere ich mich an das Schockgefühl, als ich auf der einen Straße die Pogrome sah, und ein paar Straßen weiter alles ruhig zuging und Mütter mit Kinderwägen spazieren gingen.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich erinnere mich auch, dass Jugendliche aus den Regionen nach Farg’ona und Marg’ilon reiste, um „die Unseren zu unterstützen“. Das ist durchaus ein bekanntes Muster, dass die Angreifenden oft denken, dass sie sich eigentlich verteidigen. Es ging das Gerede herum, dass „die Türken uns angreifen“, deshalb müssen wir uns verteidigen und diese Verteidigung</em> <em>bestand dann aus Angriffen auf „türkische“ Viertel. […] Ich erinnere mich, dass zu der Familie, bei der ich in Farg’ona lebte, eine befreundete türkischstämmige Familie kam, um sich zu verstecken. Ihr Haus war angezündet worden. Später begaben sich die Turk-Mescheten zu einem geschützten Bereich beim Flughafen, von dort wurden sie später ausgeflogen. Die Behörden reagierten auf die Ereignisse relativ schnell. [&#8230;] Trotzdem hielt der chaotische Zustand weiter an, weil die lokalen Behörden damit überfordert waren. Straßen wurden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr fuhr nur teilweise und wesentlich seltener. Die Bewegungsfreiheit zwischen den einzelnen Teilen der Region lag nicht vollständig still, aber war erschwert.“</em></p>
<figure id="attachment_19336" aria-describedby="caption-attachment-19336" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-19336" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg" alt="" width="496" height="330" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-300x200.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-128x86.jpeg 128w" sizes="(max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-19336" class="wp-caption-text">Anthropologe Dr. Sergei Abashin war Augenzeuge der Progrome: &#8222;Menschen verhielten sich ohne jegliche Organisation plötzlich aggressiv&#8220;</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich möchte anmerken, dass diese Zeit für das ganze Land sehr aufregend war, da in diesen Tagen die erste Zusammenkunft der Volksdeputierten stattfand, die vollständig im Fernsehen übertragen wurde. Ungewohnt für alle, äußerte sich die Opposition offen. Das ganze Land schaute gebannt auf diese Zusammenkunft und nicht etwa auf die Ereignisse in Farg’ona. Und nur Galina Starowoitowa prangerte an, dass in Farg’ona etwas geschehe, das eine Einmischung von Seiten der Machthabenden erfordere.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ursachen für den Konflikt?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„[&#8230;] Es ergeben sich viele Fragen, inwiefern der Konflikt organisiert oder spontan geschah. Was ich sagen kann ist, dass es einige Elemente der Selbstorganisation gab. Mit Bekannten bin ich durch die Stadt spaziert und uns näherten sich Usbeken, die mit meinen Freunden sprachen. Als ich dazutrat, gingen sie weg. Die Bekannten erzählten, dass sie zu einem Treffen eingeladen wurden. Das heißt, es gab Leute, die sich mit der Rekrutierung und der Verbreitung von Informationen beschäftigten. Aber das kann man kaum eine Organisation nennen. Gleichzeitig beobachtete ich auch, dass Menschen sich ohne jegliche Organisation plötzlich aggressiv verhielten. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gibt die Ansicht, dass es Organisatoren gab, aber die Meinungen darüber, wer genau die Organisatoren waren, gehen auseinander. Die einen nennen islamistische Nationalisten, die anderen sprechen von Straftätern und korrupten Akteuren. Wiederum einige sind der Meinung, dass die Ereignisse vom KGB herbeigeführt wurden. Ich streite nicht ab, dass es Interessensgruppen gab, die versuchten, die Unruhen für ihre Zwecke zu nutzen. Natürlich gibt es auch soziale Gründe: 1989 war ein Jahr mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und politischen Schocks.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Nichtsdestotrotz neige ich nach wie vor zu der Ansicht, dass die Ereignisse in vielerlei Hinsicht einen spontanen Charakter trugen, es gab eine emotionale Mobilisierung. Die Menschen waren in Aufregung und hatten eine erwartungsvolle Haltung, dass „doch etwas passieren müsse“. Mit eigenen Augen habe ich Menschen gesehen, die unabhängig von all diesen Interessen, grundlos und ohne dazu aufgestachelt worden zu sein, aggressiv wurden und sich in den Konflikt einmischten. Wir wissen doch, wie unerwartete Pogrome zustande kommen […]. Sie beginnen schnell, es kommt zu einem schlagartigen Ausbruch von Aggressionen und dann endet alles wieder schnell. Daraus entstehen keine politischen Bewegungen. Die Ereignisse in Farg’ona ähneln diesem Muster.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Folgen des Pogroms</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bis zum 18. Juni wurden aus der Provinz Farg’ona mehr als 16.000 Turk-Mescheten nach Russland ausgeflogen. Bis Ende 1990 verließen weitere 90.000 Usbekistan. Viele reisten widerwillig aus und betrachteten dies faktisch als Deportation. Örtliche Behörden drängten die Menschen zur Ausreise, da sie es für unmöglich erachteten, ihre Sicherheit zu garantieren.</p>
<p style="text-align: justify">Die offiziellen Angaben zu den Todesopfern gehen leicht auseinander. So berichteten das Innenministerium der UdSSR von rund 106 Toten und die Staatsanwaltschaft von 112. Ungefähr 50 Todesopfer waren Turk-Mescheten, rund 30 Usbeken.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ermittlungen ergaben ungefähr 2000 Personen, die an den Delikten beteiligt waren. Bis Dezember 1989 wurden 238 Strafverfahren eingeleitet und bis Ende 1990 364 Personen zur Rechenschaft gezogen. Zwei Teilnehmer der Unruhen wurden zum höchsten Strafmaß verurteilt. Am 23.Juni 1989 wurde der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Rafik Nischanow, aus seinem Amt entlassen und durch Islam Karimow ersetzt [Anmerkung: Dieser war in der Folgezeit zwischen 1991 bis zu seinem Tod 2016 Staatspräsident Usbekistans].</p>
<p style="text-align: right"><strong>Jеkaterina Iwaschtschenko und Jеgor Petrow für </strong><a href="https://fergana.agency/articles/107921/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
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		<title>Russen in Zentralasien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Svenja Petersen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2019 06:51:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Bevölkerung]]></category>
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		<category><![CDATA[Interethnische Beziehungen]]></category>
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		<category><![CDATA[russische Minderheit]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In welchen Regionen von Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan leben heute die meisten ethnischen Russen? Dieser Frage ging die Webseite quora.com nach. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung. In Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan lebt die Mehrheit der russischen Minderheit in den St&#xE4;dten. Mit Ausnahme von Nordkasachstan blieben die Russen w&#xE4;hrend der Sowjetunion in Zentralasien, entweder [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>In welchen Regionen von Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan leben heute die meisten ethnischen Russen? Dieser Frage ging die Webseite <a href="http://www.ca-portal.ru/article:51291">quora.com</a> nach. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan lebt die Mehrheit der russischen Minderheit in den Städten. Mit Ausnahme von Nordkasachstan blieben die Russen während der Sowjetunion in Zentralasien, entweder aus wirtschaftlichen Gründen oder weil sie während der Zeit der Vertreibung der Massenbevölkerung in die Städte Zentralasiens deportiert wurden.</p>
<p style="text-align: justify">Die Website quora.com hat herausgefunden, wo die meisten ethnischen Russen derzeit in den drei oben genannten Ländern leben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Tadschikistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Tadschikistan hat die geringste Anzahl von Russen in Zentralasien. Diese leben hauptsächlich in der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Dushanbe">Hauptstadt</a>. Mehrere tausend haben sich in Kleinstädten niedergelassen, aber fast niemand lebt in ländlichen Gebieten. Bei der Volkszählung 2010 wurden 34.838 Russen in Tadschikistan registriert, was 0,5 Prozent der Bevölkerung des Landes entspricht.</p>
<p style="text-align: justify">Im Gegensatz zu den meisten zentralasiatischen Ländern hatte Tadschikistan noch nie eine hohe russische Bevölkerungsanzahl. Insgesamt lebten nie mehr als 400.000 Tadschiken im Land, weshalb sie nie mehr als 12,5% der Bevölkerung der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikische_Sozialistische_Sowjetrepublik">tadschikischen SSR</a> repräsentierten. Während des Bürgerkriegs haben die meisten Russen das Land auf Grund der Unruhen verlassen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kirgisistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Von den drei oben genannten Ländern besaß Kirgisistan immer den höchsten Anteil an Russen. Vor der Unabhängigkeit lebten eine Million Russen in dem Land. Sie machten 25% der Bevölkerung der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirgisische_Sozialistische_Sowjetrepublik">kirgisischen SSR</a> aus. Die Russen in Kirgisistan konzentrieren sich hauptsächlich auf das Gebiet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bischkek">Bischkek</a> und das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Tsch%C3%BCi">Gebiet Tschüi</a> im Norden. Es gibt auch viele Russen im östlichen Teil des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet_Yssykk%C3%B6l">Gebiets Issyk-Kul</a>, wo sie in Touristenstädten am <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssykk%C3%B6l">Issyk-Kul-See leben</a>. Während der Volkszählung aus dem Jahr 2018 wurden in Kirgisistan 352.960 Russen registriert, was 5,6 Prozent der Bevölkerung des Landes entspricht.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der Unabhängigkeit haben die meisten Russen aufgrund des drastischen Rückgangs des Lebensstandards und der weit verbreiteten Korruption das Land verlassen &#8211; aber dieser Trend ist zurückgegangen, da sich Kirgisistan inzwischen wieder stabilisiert und demokratisch entwickelt hat.</p>
<p style="text-align: justify">Die russische Diaspora ist sehr gut in die kirgisische Gesellschaft integriert, aber meist nicht am politischen Leben beteiligt.  Es gibt kein starkes Nationalgefühl, dass die Gesellschaft in Russen und Kirgisen spaltet. Die meisten kombinieren die russische und kirgisische Identität.  Die Russen in Kirgisistan neigen dazu, offener zu sein, als die Russen in Russland und es ist nicht verwunderlich, dass sie vor allem Freunde anderer Nationalitäten und Religionen haben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong><strong>Usbekistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Usbekistan hat die größte Bevölkerungsanzahl unter allen zentralasiatischen Ländern und somit auch die größte russische Diaspora, allerdings nicht prozentual. Russen in Usbekistan leben fast ausschließlich in der Hauptstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taschkent">Taschkent</a>. Laut der Statistik von 2018 leben etwa 750.000 Russen in Usbekistan, das entspricht 2,3% des gesamten Landes.</p>
<p style="text-align: justify">Während der Sowjetunion gab es 1,6 Millionen Russen in Usbekistan, damals machten sie 14% der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Usbekische_Sozialistische_Sowjetrepublik">usbekischen SSR</a> aus. Nach der Unabhängigkeit hat etwa die Hälfte von ihnen Usbekistan verlassen, um bessere wirtschaftliche Chancen in anderen Ländern zu finden. Dieser Trend ist inzwischen aber zurückgegangen, ähnlich wie in Kirgisistan. Die russischen Bewohner von Taschkent gehen meistens anderen Tätigkeiten nach, als die Russen in Bischkek, jedoch arbeiten sie ebenfalls zumeist im Servicesektor.</p>
<p style="text-align: justify">In Taschkent ist eine russische Gemeinde aktiv. 20% der Stadt besteht aus Russen, das entspricht fast 600.000 Menschen. Die russische Community ähnelt der, in Kirgisistan. Die in Taschkent lebenden Russen haben eine gemischte Identität, bestehend aus russischer und usbekischer Identität. Sie sind offen für andere Kulturen und Überzeugungen.</p>
<p style="text-align: right"><strong><a href="http://www.ca-portal.ru/article:51291">Quora.com</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Svenja Petersen</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Grenzstadt Osch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Sep 2017 18:38:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Business]]></category>
		<category><![CDATA[Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Grenze]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Osch, die zweitgr&#xF6;&#xDF;te Stadt Kirgistans, liegt knapp 400 Kilometer s&#xFC;dlich von Bischkek am Rande des Ferganatals. Im Jahr 2010 machte die Stadt Schlagzeilen, als ein bewaffneter Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken in der Stadt ausbrach. Heute hat sich die Lage deutlich beruhigt und die j&#xFC;ngsten Ann&#xE4;herungen zwischen Kirgistan und Usbekistan k&#xF6;nnten viele positive Auswirkungen auf [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Osch, die zweitgrößte Stadt Kirgistans, liegt knapp 400 Kilometer südlich von Bischkek am Rande des Ferganatals. Im Jahr 2010 machte die Stadt Schlagzeilen, als ein bewaffneter Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken in der Stadt ausbrach. Heute hat sich die Lage deutlich beruhigt und die jüngsten Annäherungen zwischen Kirgistan und Usbekistan könnten viele positive Auswirkungen auf die Grenzstadt Osch haben. Folgende Reportage erschien im französischen Original im Magazin „<a href="https://www.garedelest.org/component/content/article/90-divers/225-gde1">Gare de l’Est</a>“. <em>   </em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Auf dem Weg zurück nach Osch aus <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aravan,_Kyrgyzstan">Arawan</a>, einer kleinen Stadt, circa eine halbe Stunde westlich, zeigt der Taxifahrer plötzlich hinab auf einen Teich, ein paar hundert Meter weiter links: „<em>Wisst Ihr, als wir jung waren, sind wir dort oft baden gegangen. Heute geht das nicht mehr, man kommt nicht mehr durch</em>“. Tatsächlich steht ein mittelhoher Stacheldrahtzaun in stummer Zustimmung längs des Weges. Hier ist Kirgistan, drüben Usbekistan.</p>
<p style="text-align: justify">Mit dem Auto braucht man nur circa zehn Minuten vom Stadtzentrum von Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, bis zum nächsten Grenzposten nach Usbekistan. Von einer Grenze war an der Stelle allerdings lange keine Rede, in der Sowjetunion war dort eine bloße Verwaltungsgrenze und erst seit dem Beginn der 1990er eine zwischenstaatliche Trennung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein kultureller Knotenpunkt</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Grenzlinie steht still und unbeweglich da, die umliegenden Gebiete sind hingegen von Interaktion und grenzüberschreitenden Verbindungen geprägt. Osch ist ein Knotenpunkt mehrerer Kulturen, man kann dort stets Gespräche auf Kirgisisch, Usbekisch und auf Russisch vernehmen. Die meisten Einwohner sind zwei- oder gar dreisprachig.</p>
<p style="text-align: justify">Asis* hat vor kurzem sein Politikwissenschaftsstudium in Bischkek beendet. Seine Erfahrungen erzählt er bei einem Tee im neuen angesagten Café der Stadt. Auf der anderen Seite des Raums hält einer der Inhaber vor ungefähr 40 aufmerksamen Jugendlichen ein Seminar zu Unternehmertum. Auf die Frage, was seine Stadt ausmacht, erwähnt Asis nach kurzem Zögern die „<em>Symbiose zwischen verschiedenen Aspekten</em>“, also die sowjetische Vergangenheit, der nationale Aufbau Kirgistans, die ethnische Vielfalt und die Religion.</p>
<p style="text-align: justify">Diesen eklektischen Eindruck bekommt auch der frisch eingetroffene Reisende, der in wenigen Minuten zwischen orientalisch angehauchten <em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mahalla_(Stadtviertel)">Mahallas</a>,</em> sowjetischen fünf-Etagen-<em><a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/chruschtschowki-plattenbau-osterman-chruschtschow">Chruschtschowkas</a> </em>und modernen Hochhäusern wechseln kann. Insgesamt ist das Oscher Stadtbild eher flach: In der warmen Hälfte des Jahres erinnert es von oben gesehen mehr an einen mit Gebäuden durchsetzten Wald als an eine 300.000 Einwohner zählende Metropole.</p>
<p style="text-align: justify">Im Herzen davon steht der Berg Salomons, <em><a href="http://whc.unesco.org/en/list/1230">Sulejman-Too</a> </em>auf Kirgisisch. Dieses „S<em>ymbol des Friedens und der Eintracht</em>“, wie ihn die vielen Schilder über den Bushaltestellen auf Kirgisisch und auf Russisch bezeichnen, thront als wahres Stadtsymbol über dem Zentrum. Auf seiner Südflanke entdeckten Archälogen Töpfereien aus der Bronzezeit, was im Jahr 2000 die Feier von <a href="https://novastan.org/de/fact/herz-von-osch-ist-der-suleiman-too-berg-an-dem-sowjetische-und-russische-archaologen-spuren-von-siedlungen-aus-der-bronzezeit-fanden/">3000 Jahren Stadtgeschichte</a> veranlasste. Bis heute ist Osch voll mit „Osch-3000“ Zeichen in allen Größen und Variationen, eine ständige Erinnerung an das Erbe der „südlichen Hauptstadt Kirgistans“. Die aktuelle Hauptstadt Bischkek ist <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-festung-pischpek-spaziergang-in-die-vergangenheit-bischkeks/">kaum 200 Jahre alt</a>.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-festung-pischpek-spaziergang-in-die-vergangenheit-bischkeks/"><strong>Die Festung Pischpek – Spaziergang in die Vergangenheit Bischkeks</strong></a></p>
<figure id="attachment_10635" aria-describedby="caption-attachment-10635" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10635" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1024x576.jpg" alt="Lenin Statue Osch Kirgistan" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10635" class="wp-caption-text">Eine Lenin-Statue steht noch auf dem Platz vor dem oscher Bürgermeisteramt</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Die Vielfalt der Stadt ist das Ergebnis dieser langen Geschichte. Osch wurde <a href="https://novastan.org/de/fact/dabei-sind-viele-grenzen-innerhalb-zentralasien-bis-heute-umstritten/">1936</a> Teil der Sozialistischen Sowjetrepublik Kirgistan, als diese gegründet wurde. Entsprechend den nationalen und wirtschaftlichen Logiken der sowjetischen Territorialpolitik sollte der Süden der neuen Republik mit einem urbanen Zentrum versehen werden, während der Großteil der kirgisischen Bevölkerung eher in den ländlichen Bereichen rund um die Städte wohnte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eine Grenzstadt vor geschlossenem Zaun</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Sowjetunion war Osch ein Handelszentrum zwischen dem städtischen Handwerk und der Industrie einerseits und der ländlichen Wirtschaft der Region andererseits. In der Zeit wuchs auch die kirgisische Bevölkerung der Stadt, während die ethnische Vielfalt in der Sowjetunion im Namen der Völkerfreundschaft zelebriert wurde. Der Austausch mit dem benachbarten Usbekistan blieb auch sehr aktiv, selbst in den Jahren nach dem ersten „interethnischen“ Konflikt <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Osh_riots_(1990)">im Sommer 1990</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion schloss Usbekistan allerdings die Grenze, die in den ersten Jahren der Unabhängigkeit eher frei passierbar war. Diese in Taschkent getroffene Entscheidung fiel zu Lasten der Lokalbevölkerung und vor allem der Einwohner der Grenzdörfer. Für die Oscher Bevölkerung, etwa zur Hälfte usbekischer <em>Nationalität</em> (im sowjetischen Sinne als Herkunft oder Ethnie), bedeutete die Schließung einen Bruch von wirtschaftlichen und familiären Beziehungen.</p>
<p style="text-align: justify">Asis hat entfernte Verwandte in Taschkent und erinnert sich noch an die Usbekistan-Reisen in seiner Kindheit, kurz vor der Jahrtausenwende: „<em>Es war sehr einfach durchzukommen. Man konnte hinübergehen, man musste nur seinen Pass zeigen</em>“, sagt er in einwandfreiem Englisch. Danach hat sich die Lage aber geändert: „<em>Auf unserer Seite, auf der kirgistanischen Seite, kommt man leicht durch. Aber auf der usbekistanischen Seite demütigen sie einen. Egal, wie alt du bist, ob du eine Frau oder ein Kind bist&#8230; manche der Zoll- und Grenzbeamten sind wirklich gemein</em>“. Zuletzt war er 2012 in Taschkent. Asis und seine Familie verbrachten damals gut fünf Stunden in der sengenden Hitze des Dostuk/Dostlyk (<em>Freundschaft</em>, je auf kirgisisch und usbekisch) Grenzübergangs.</p>
<p style="text-align: justify">Selbst während des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unruhen_in_S%C3%BCdkirgisistan_2010">Ereignisse im Juni 2010</a>, als sich Kirgisen und Usbeken in Südkirgistan in einem bewaffeneten Konflikt gegenüberstanden, öffnete Usbekistan erst spät seine Grenze für die circa hunderttausend usbekischen Flüchtlinge. In dieser politisch sehr instabilen Lage entfachte sich der Konflikt an einer Schlägerei zwischen jungen Kirgisen und Usbeken; dieser Funke ließ gezielte oder gar organisierte interethnische Gewalt aufflammen. Zwei Monate nach dem Sturz des zweiten Präsidenten Kirgistans Kurmanbek Bakijew verursachte der „Krieg“, wie man ihn heute oft nennt, laut dem <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Full_Report_490.pdf">Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission</a> 470 Todesopfer und Schäden an etwa 2800 Gebäuden.</p>
<figure id="attachment_10634" aria-describedby="caption-attachment-10634" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10634" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1024x576.jpg" alt="Osch 2010 Unruhen Spuren" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10634" class="wp-caption-text">Im Laufe der Unruhen 2010 wurden viele Gebäude nach Herkunft der Einwohner markiert, wie an manchen wenigen Orten noch zu erkennen ist.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Asis stammt aus einer usbekischen Familie. Im Sommer 2010 kam er gerade von einem Jahr Schüleraustausch in den Vereinigten Staaten zurück nach Osch. Sein Viertel gehört zu einem wohlhabenden und gemischten Teil der Stadt und wurde von der Gewalt nicht getroffen. Die Schüsse waren aber auch von dort zu hören. „<em>Klar gab es etwas Hass – das ist eine natürliche Reaktion – und Schmerz. Aber wie dem auch sei, wenn man die Situation analysiert, sieht man, dass es nicht an zwei verhassten ethnischen Gruppen lag. Es gab komplexere Faktoren, wie das politische Vakuum, die Folgen der Wirtschaftskrise und natürlich hatten auch manche Gruppen ein Interesse an der Instabilität.</em>“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Business und Medien zur Besänftigung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Sieben Jahre nach den Ereignissen beschreiben viele die Lage als entspannter und sehen Verbesserungen im städtischen Leben. Azamat* studiert juristische Expertise an der Oscher Staatlichen Universität. In den Jahren nach 2010 hat er beobachtet, wie sich die Stimmung beruhigt hat. Er erzählt, wie noch vor zehn Jahren Diebstähle an den Ständen usbekischer oder chinesischer Händler häufig vorkamen und ungestraft blieben. Heute hört man kaum noch von solchen Vorfällen, eine  Folge des Schocks von 2010: „<em>Nach 2010 hat man gemerkt, dass [die Spannungen] zu offenen Konflikten führen können, dass Leute dabei umkommen können. Jetzt achtet man mehr [auf die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften] und man versucht, auf die Psychologie der Menschen einzuwirken</em>“, erklärt er.</p>
<p style="text-align: justify">Sogar die Vorurteile und der Groll zwischen Kirgisen und Usbeken scheinen sich zu verringern. Azamat sieht darin das Ergebnis vom positiven Einfluss von Radio und Fernsehen, wo für mehr Toleranz geworben wird: „<em>Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie meine Mutter immer gegen die Usbeken schimpfte, jetzt hat sie ganz damit aufgehört. Das liegt eindeutig am Einfluss der Medien</em>“.</p>
<figure id="attachment_10637" aria-describedby="caption-attachment-10637" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10637" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1024x576.jpg" alt="Malerei Osch Straßenkunst Manas Aitmatow" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10637" class="wp-caption-text">Eine Malerei in der Innenstadt zeigt Symbole der kirgisischen Kultur: Links eine Abbildung von Osch, der Volksheld Manas in der Mitte und rechts Tschingis Aitmatow</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Eines dieser Medien ist die <a href="http://yntymak.kg/">Mediengruppe <em>Yntymak</em></a> (Eintracht, Harmonie auf Kirgisisch), die auf Kirgisisch, Usbekisch und Russisch über Südkirgistan berichtet. Dieses Radio-, Fernseh- und Zeitungsprojekt wurde nach den Ereignissen von 2010 mit Unterstützung der kirgistanischen Regierung und Finanzierung der US-Amerikanischen Kooperationsagentur <a href="https://www.usaid.gov/kyrgyz-republic">USAID</a> ins Leben gerufen. Es bietet Raum für den Ausdruck der usbekischen Kultur und vor allem der Sprache, die nach 2010 fast gänzlich aus der Oscher Öffentlichkeit verschwunden ist. Das Team von <em>Yntymak </em>versammelt Journalisten verschiedener Nationalitäten, die daran arbeiten, aus dem Projekt eines der führenden zentralasiatischen Medienhäuser zu machen.</p>
<p style="text-align: justify">Danijar Sadijew, der Generaldirektor von <em>Yntymak, </em>sieht im Business den wichtigsten Friedensfaktor für die Stadt: „<em>Wenn das Business sich hier entwickelt und das Geld fließt, denke ich nicht, dass sich Konflikte entwickeln können. Wie man sagt, das Geld liebt die Ruhe.</em>“ Die Ereignisse im Juni 2010 waren nicht zuletzt auch ein wirtschaftlicher Schock für Osch und haben viele Unternehmen aus der Stadt getrieben. Unter dem Impuls kleiner und mittelgroßer Unternehmen erholt sich die Lokalwirtschaft nun allmählich wieder. Es ist das Werk der Einwohner, die selbst an der Verbesserung ihrer Lebensumstände arbeiten. Mehrere innovative Unternehmen wurden durch junge Menschen gegründet, die mit neuen Erfahrungen aus dem Ausland zurückgekehrt sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Migration als Chance</strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch ein Großteil der finanziellen Ressourcen in Osch kommt aus dem Ausland. Die Rückzahlungen von Arbeitsmigranten machen <a href="https://data.worldbank.org/indicator/BX.TRF.PWKR.DT.GD.ZS">ein knappes Drittel</a> des Kirgisischen BIPs aus. Unter Fremdsprachenstudenten sind Arbeitsaufenthalte in Europa und vor allem in Deutschland sehr angesagt. Aber in diesem Phänomen sieht Sadijew eher einen Mehrwert, als ein <em>Brain-Drain</em>-Risiko: „<em>In Südkirgistan ist die Familie ein sehr wichtiger Wert. Die, die ins Ausland ziehen, kehren meist irgendwann zurück. Und sie kommen mit Gepäck, mit ihrem neuen Wissen und ihren Kompetenzen.</em>“</p>
<figure id="attachment_10636" aria-describedby="caption-attachment-10636" style="width: 894px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10636" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-894x1024.jpg" alt="Werbetafel Osch Arbeit Russland Migration" width="894" height="1024" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-894x1024.jpg 894w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-262x300.jpg 262w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-768x880.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-1300x1489.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51.jpg 1404w" sizes="auto, (max-width: 894px) 100vw, 894px" /><figcaption id="caption-attachment-10636" class="wp-caption-text">&#8222;Wir finden Arbeit&#8220; &#8211; eine Werbetafel in Osch bietet Arbeitsvermittlung nach Russland an</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">So geht es auch Asis. Als jüngster Sohn in seiner Familie ist er für die Pflege seiner Eltern zuständig und wird bei ihnen in Osch bleiben müssen. Für seine berufliche Zukunft hat er einige Geschäftsideen, besonders im Tourismusbereich, wo er seine Englischkenntnisse nutzen könnte. Azamat würde hingegen keine Sekunde zögern, wenn er die Möglichkeit hätte, in Europa zu leben: „<em>Es ist einfach, im Ausland zu leben. Ich habe gesehen, wie die Menschen in Deutschland leben: Wenn Du eine Arbeit hast, wenn dein Kopf es tut, lebst du gut.</em>“ Er lernt seit mehreren Jahren Deutsch und hat schon einen Sommer mit einem Ferienjob in Norddeutschland verbracht. „<em>Hier musst Du dich anstrengen, um zu überleben</em>“, fügt er hinzu.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/16-frauenportraets-aus-osch-kirgistan/">16 Frauenporträts aus Osch</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Der geistige Horizont der meisten Bewohner von Osch reicht weit über Zentralasien und die Grenze zu Usbekistan. In der Sowjetunion konnten viele innerhalb des sowjetischen Blocks verreisen: Unzählige Taxifahrer können von ihrem Militärdienst in Osteuropa erzählen.</p>
<p style="text-align: justify">Heute schleicht sich die Globalisierung in die Straßen der Metropole. Sie zeigt sich durch die Plastiktaschen mit dem alten Logo der britischen Supermarktkette „Morrisons“, aber auch durch die Eröffnung des ersten Cafés im Stil der amerikanischen <em>Coffee Culture</em> im Mai 2016 und des ersten <em>Korea-Mania </em>Geschäfts im Zentrum ein paar Monate später. Zahlreiche chinesische Geschäftsleute und pakistanische Studenten bilden weitere Gemeinschaften, die zur Vielfalt der Stadt beitragen. Und diese Vielfalt versucht die Stadt nun besser zu vermarkten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-ferganatal-in-hundert-tnen/">Das Ferganatal in hundert Tönen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Akmaral Satinbajewa ist die Direktorin von  <em><a href="http://youthofosh.kg/">Youth of Osh</a></em>, eine NGO, die sich für eine bessere Einbindung der Jugend in das öffentliche Leben in Osch und in Kirgistan einsetzt. Die Organisation ist Teil einer Arbeitsgruppe für die Entwicklung des <em>brandings </em>der Stadt. <em>„[Osch] ist einzigartig, aber man muss es erst entdecken, darüber reden</em>“, meint sie. Statt sich auf einen Aspekt zu konzentrieren, hat sich die Arbeitsgruppe dazu entschieden, mehrere Qualitäten der Stadt in den Vordergrund zu stellen: das historische Erbe rund um den Sulejman-Too, die kulturelle Vielfalt von Osch, seine <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistans-kunst-saimaluu-tash-aus-osch/">Handwerkskunst</a> und seine Gastronomie. Der nationale und internationale Tourismus gehört zu den vielversprechenden Wirtschaftsbereichen.</p>
<p style="text-align: justify">Wie zum Ende der 1990er könnten nun politische Entwicklungen in Usbekistan einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Metropole haben. Nach dem <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistans-prsident-islam-karimow-ist-tot/">Tod des ersten Präsidenten</a> Islam Karimow im September 2016 wird die Machtübernahme seines ehemaligen Premierministers <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wer-ist-der-neue-praesident-usbekistans/">Schawkat Mirsijojew</a> von einer neuen <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/bald-offene-grenzen-zwischen-usbekistan-und-kirgistan/">Annäherungspolitik</a> begleitet. Auf den Besuch einer kirgisischen Delegation im usbekischen Andischon im Herbst 2016 folgte einen Monat später der Empfang einer usbekischen Delegation mit großem Pomp.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Grenzenlose Entwicklungsmöglichkeiten</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zwischenstaatliche Beziehungen lassen sich nicht in ein paar Monaten flicken und manche grenzüberschreitende Initiativen leiden noch an administrativer Schwere. So konnte im April der Besuch einer kleinen Delegation der Oscher Universität zu einem linguistischen Seminar in Andischon nicht stattfinden, da die Andischoner Universität die benötigte Erlaubnis nicht rechtzeitig erhalten hatte.</p>
<figure id="attachment_10638" aria-describedby="caption-attachment-10638" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10638" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1024x576.jpg" alt="Usbekische Delegation Osch 2016 Besuch" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10638" class="wp-caption-text">Auf dem Besuch einer usbekischen Delegation in Osch im Oktober 2016</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Trotz der kleinen Hürden hat sich die Lage um die Grenze deutlich verbessert. Der Grenzübergang bei <em>Dostuk </em>wurde für Einheimische zuerst leicht vereinfacht: Kirgisische Staatsbürger konnten früher nur zu manchen Familienereignissen und nur mit einem sogenannten <em>Telegram, </em>also einer Einladung, die Grenze passieren. Diese Regel wurde erst um weitere Familienfeste gelockert, seit dem 6. September können die Lokaleinwohner die Grenze nun wieder ganz <a href="https://www.rferl.org/a/kyrgyzstan-uzbekistan-major-border-checkpoint-reopened/28720427.html">frei passieren</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/verbesserungen-im-kirgisisch-usbekischen-grenzkonflikt/">Bestimmung des Grenzverlaufs</a> ist deutlich vorangekommen. Nach fast einem Jahr Verhandlungsrunden zwischen Delegationen beider Länder wurde bei <a href="http://www.eurasianet.org/node/85051">Mirsijojews Staatsbesuch</a> in Bischkek Anfang September ein Vertrag unterschrieben, der 85 Prozent der zuvor umstrittenen Grenzabschnitte festlegt.</p>
<p style="text-align: justify">Auf lokaler Ebene kann diese Grenzöffnung viele positive Effekte mit sich bringen. Ob durch die Versammlung von zuvor getrennten Familien oder den Ersatz des Schmuggels durch einen offiziellen Handel über die Grenze – die Folgen sind schnell zu erkennen. Die Öffnung der internationalen Grenze kann zudem auch Auswirkungen auf die geistigen Grenzen zwischen den Oscher Gemeinschaften haben. Laut Sadijew, dem Generaldirektor von <em>Yntymak</em>, bietet die Öffnung der Grenze „<em>eine Chance für das Business. Dadurch können die Menschen hier ihre Familien besuchen und ihre Familienmitglieder können uns besuchen. Osch war eigentlich immer friedlich. Diese Konflikte haben begonnen, als man angefangen hat, die Vorhänge zuzuziehen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Ohne die Stacheldrahtvorhänge, die es vom benachbahrten Usbekistan trennen, könnte Osch sich wieder als wirtschaftlicher und kultureller Knotenpunkt des Ferganatals etablieren. So beschreibt jedenfalls Sadijew seine idyllische Vision für die Stadt in fünf Jahren: „<em>Die Szene würde sich vor dem Hintergrund des Sulejman-Too abspielen. Ich sehe einen Handelsplatz, der viele Menschen unterschiedlicher Herkünfte versammelt, darunter auch Touristen. Und ich stelle mir dort eine Tschaichana vor – denn ich hoffe, dass diese traditionellen Aspekte bleiben – in der Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalitäten rund um einen Tee diskutieren. So könnte Osch in fünf Jahren aussehen: frühlingshaft und voller Ausstrahlung.</em>“</p>
<p style="text-align: right"><strong>Florian Coppenrath<br />
Mitgründer von Novastan.org</strong></p>
<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst im französischen Original in der 7. Ausgabe des Magazins &#8222;<a href="https://www.garedelest.org/component/content/article/90-divers/225-gde1">Gare de l&#8217;Est</a>&#8222;, hier in aktualisierter Version.</em></p>
<p>*Die Namen wurden geändert</p>
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