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	<title>Identität Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Identität Archives</title>
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		<title>Dekolonialisierung in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Julian Postulart]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 19:20:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Invasion]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">Mehr als 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion halten sich noch immer kolonialistische Einflüsse in Kasachstan. Russisch ist nach wie vor weit verbreitet und dient als wichtigste Sprache für die interethnische Kommunikation. Diese fortwährende sprachliche Dominanz stellt eine große Herausforderung für die vollständige Dekolonialisierung der kasachstanischen Identität dar. Der Einmarsch in die Ukraine hat jedoch eine junge urbane Mittelschicht dazu veranlasst, die imperialistischen Überbleibsel zu konfrontieren und ihre Landessprache zurückzuerobern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russlands kolonialistischer Krieg gegen die Ukraine löste Schockwellen in Zentralasien aus. Moskaus Betonung historischer, kultureller und sprachlicher Verbindungen sorgt in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zunehmend für Unbehagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders in Kasachstan, Heimat einer großen ethnisch-russischen Bevölkerung, fürchten viele, dass ihr Land als nächstes auf der Liste des Kremls <a href="https://carnegieendowment.org/russia-eurasia/politika/2022/08/after-ukraine-is-kazakhstan-next-in-the-kremlins-sights?lang=en">stehen</a> könnte. Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben russische Propagandist:innen wiederholt kaum verhohlene Drohungen geäußert, Teile ihres südlichen Nachbarn zu <a href="https://jamestown.org/program/russian-rhetoric-toward-central-asia-grows-increasingly-hostile/">annektieren</a>.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Nachdem im September 2022 die Teilmobilisierung in Russland verkündet wurde, sind darüber hinaus hunderttausende überwiegend junge Männer über die Grenze nach Kasachstan geflohen. Ihre Ankunft hat bestehende Sorgen verstärkt und inländische Spannungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die sich unterschiedlich identifizieren, <a href="https://www.rosalux.de/en/news/id/50365/the-war-in-ukraine-is-changing-kazakhstani-identity">vergrößert</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Kasachstans Regierung in den letzten drei Jahrzehnten versucht hat eine neue nationale Identität zu formen, bleibt der russische Einfluss bestehen. Seit der Eroberung der kasachischen Steppe im 19. Jahrhundert durch zaristische Truppen wurden das Land und die Menschen, die auf dem Gebiet des heutigen Kasachstan leben, durch die imperialistische Herrschaft geprägt; zuerst durch das Russische Reich, dann durch die Sowjetunion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 20. Jahrhundert zerstörte die Zwangskollektivierung die traditionellen Lebensweisen und führte zu Hungersnöten. Unzählige Menschen zogen in einer verzweifelten Suche nach Essen und Arbeit in die Städte, die selbst koloniale Räume mit imperialer Infrastruktur und Gebäuden waren. Die rasante Urbanisierung und Industrialisierung haben Narben in der Landschaft hinterlassen und verursachen bis heute Umweltverschmutzung sowie Gesundheits- und Umweltprobleme.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Russlands sprachliches Erbe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben diesen abstrakten postkolonialen Realitäten existiert aber noch immer die bedeutende, wenn auch kontroverse Frage der Sprache. Als Folge von Russlands Einmarsch in die Ukraine sind sich viele schmerzhaft des Einflusses bewusst geworden, den Russland nach wie vor über die Sprache in Kasachstan ausübt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über 30 Jahre nach der Unabhängigkeit bleibt Russisch die wichtigste interethnische Sprache des Landes. Der Politikwissenschaftler Dossym Satpayev schreibt in einem <a href="https://www.chathamhouse.org/2019/11/kazakhstan-tested-transition/5-identity-politics">Artikel </a>für Chatham House, dass die Russifizierungsmaßnahmen &nbsp;in der Kolonialzeit die kasachische Sprache so gründlich unterdrückten, dass die meisten vergessen haben, wie man ihre Muttersprache spricht. Als De-facto Amtssprache der UdSSR war Russisch der Schlüssel zu <a href="https://cabar.asia/en/russian-language-status-in-central-asian-countries">sozialer Mobilität</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die Vorteile des Kasachisch-Lernens gering. Obwohl Kasachisch die Staatssprache ist und Russisch nur eine offizielle Sprache, genossen die Russischsprechenden in Wahrheit immer noch beträchtliche Privilegien und Vorteile. Bis vor kurzem wurden mangelhafte Kenntnisse des gesprochenen Kasachisch kaum als Problem angesehen, da Russischkenntnisse ausreichten, um ein komfortables Leben zu führen. Besonders galt dies im Norden und in den Städten, wo der Großteil der russischsprachigen Bevölkerung Kasachstans lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Bildungsbereich war Russisch vorteilhafter, um die Chancen zu erhöhen an renommierten Schulen und Universitäten in Russland zu studieren, teilweise auch wegen der Verfügbarkeit einer größeren Menge wissenschaftlicher Ressourcen. Auch in beruflicher Hinsicht hatten Russischsprechende traditionell mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kasachisch hingegen wurde als rückständig und unterlegen betrachtet, so erinnert sich der Soziologe Azamat Junisbai, dass er Kasachisch als Heranwachender ausschließlich mit einer ländlichen, unkultivierten Sprache von niedrigem Ansehen <a href="https://x.com/azamatistan/status/1564460697135693826">assoziierte</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023/">Dekolonial, queer, feministisch – zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023</a></p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Angst Moskau zu verärgern</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs unternahm Kasachstans Regierung wenig, um die kasachische Sprache zu stärken. Die politischen Entscheidungsträger waren besorgt, dass solche Schritte Kasachstans zunehmenden Nationalismus bestärken würde, der wiederum die interethnische Stabilität des Landes gefährden könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb entschied man sich ab den 1990ern, diesen frühen national-patriotischen Bewegungen entgegenzuwirken, indem man &nbsp;die Entwicklung einer kasachstanischen staatsbürgerlichen Identität priorisierte. Diese staatsbürgerliche Identität, die durch den Slogan „<a href="https://astanatimes.com/2021/10/unity-in-diversity-is-our-fundamental-principle-to-preserve-national-unity-says-tokayev/">Einheit in der Diversität</a>“ verkörpert wurde, sollte alle Menschen in Kasachstan unter der Flagge der neuen unabhängigen Republik versammeln, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die größte Gefahr für die interethnische Stabilität ging weder vom kasachischen Nationalismus, noch von der großen russischen Minderheit des Landes aus. Tatsächlich war Astanas Haltung in dieser Frage lange Zeit von der Befürchtung geleitet, dass Kasachstan mit einer stärker ethnisch-nationalen Politik riskieren würde, seinen nördlichen Nachbarn gegen sich aufzubringen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Demografie verursacht Wandel</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Derweil wurde es für die Regierung immer schwieriger, die nationalen Interessen und lokale Wünsche nach einer Stärkung der kasachisch-ethnischen Identität auszubalancieren. Nach der Unabhängigkeit verließen Millionen Russen Kasachstan, was das demografische Gesicht des Landes dramatisch veränderte. Kasachen sind nun die klare Mehrheit. Sie sind die am schnellsten <a href="https://daryo.uz/en/2023/12/06/kazakhstan-at-20-million-populations-and-possibilities">wachsende</a> ethnische Gruppe des Landes, und es wird angenommen, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung weiter wächst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Satpayev argumentiert in seinem Beitrag für Chatham House, dass die Stärkung national-patriotischer Einstellungen und Bewegungen organischen Ursprungs ist. Mit Blick auf demografische Trends wird die Unterstützung für eine kasachische Identität weiter wachsen, während gleichzeitig der Gebrauch der russischen Sprache vermutlich zurückgehen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die russische Invasion der Ukraine katalysierte soziale Prozesse, die aus diesen demografischen Entwicklungen resultierten, und derzeitge und zukünftige politische Präferenzen beeinflussen. Noch vor kurzem war die Debatte um die nationale Identität recht unbedeutend, hauptsächlich diskutiert in kleinen Zirkeln kasachischsprechender intellektueller Eliten. Durch den Krieg wurde diese Diskussion in die Öffentlichkeit gerückt und eine zunehmende Zahl an Menschen entdeckt dabei neu, was es bedeutet, kasachisch zu sein im Kontext des kolonialen Erbes.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Sprache als Werkzeug der Dekolonialisierung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sprache ist wahrscheinlich die hartnäckigste Bastion des russischen Einflusses in Kasachstan. In einer <a href="https://open.spotify.com/episode/1OLQ5OX56WPrMCkC2yqxM3?si=gaU5AWLDRFGZlR0A6QsF5A">Folge</a> des Majlis Podcast von RFE/RL erläutert der Soziologe Junisbai, dass ältere Generationen hauptsächlich russische Medien konsumieren, was sie empfänglicher für russische Propaganda macht. Als Folge ist die Idee eines sogenannten „wohlwollenden Kolonialismus“ unter Älteren immer noch weit verbreitet. Viele glauben, dass Kasachstan der Fremdherrschaft viel zu verdanken habe, etwa die Industrialisierung und Modernisierung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/russlands-druck-auf-zentralasiatische-medien-nimmt-zu/">Russlands Druck auf zentralasiatische Medien nimmt zu</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Gefühl wird von jüngeren Generationen nicht geteilt. Sie haben keine eigene Erinnerung an die Sowjetunion und versuchen die letzten Überreste des sowjetischen und russischen Kolonialismus in einem Streben nach einer neuen kasachischen Identität aufzulösen. Für sie ist Sprache ein Instrument der Dekolonialisierung. Auf den Straßen spiegelt sich dies beispielsweise in einer <a href="https://timesca.com/success-is-possible-in-kazakhstan-an-interview-with-fashion-brand-qazaq-republic/">wachsenden Beliebtheit</a> der Modemarke Qazaq Republic wider. Das Unternehmen, bekannt für seine trendige Kleidung und andere Artikel mit patriotisch-kasachischen und englischen Slogans, verdankt seinen Erfolg weitgehend diesen&nbsp;gesellschaftlichen Entwicklungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Artikel des Medienunternehmens „The Diplomat“ sagt Biybaris Seitak, Gründer des beliebten kasachischsprachigen Instagram-Kanals „Kazakh Bubble“, dass die russische Invasion der Ukraine vielen Kasachen bewusst gemacht habe, dass „Kasachisch zu sprechen eine Frage der nationalen Sicherheit“ sei. Der Krieg habe dazu geführt, dass sich viele unwohl dabei fühlten, in der Sprache des ehemaligen Kolonialherren über Dekolonialisierung zu sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daher hat Russlands Einmarsch viele dazu veranlasst, Worte in Taten umzusetzen. Die Beliebtheit von Kasachisch-Sprachschulen und Clubs ist <a href="https://eurasianet.org/kazakhstan-ukraine-war-motivates-russian-speakers-to-learn-kazakh">explodiert </a>und die kasachstanische Regierung ist auf den Zug aufgesprungen, indem sie neue Pläne zur Förderung der kasachischen Sprache auf den Weg bringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Präsident Qasym-Jomart Toqaev erklärte, dass die angekündigte Alphabetreform, die den <a href="https://thediplomat.com/2024/09/the-latinization-of-kazakhstan-language-modernization-and-geopolitics/">Übergang</a> vom Kyrillischen zu einem lateinbasierten Schriftsystem vorsieht, nicht übereilt werden sollte, hat er mehrere andere Pläne für eine unabhängigere Sprachpolitik vorgelegt. Diese beinhalten einen verpflichtenden <a href="https://eurasianet.org/kazakhstan-government-taking-action-to-promote-kazakh-language">Kasachisch-Sprachtest</a> für Menschen, die die Staatsbürgerschaft beantragen, einen Entwurf für ein neues <a href="https://www.theguardian.com/world/2023/oct/06/kazakhstan-drafts-media-law-to-increase-use-of-kazakh-language-over-russian">Medien-Gesetz</a> zur Steigerung des Gebrauchs der kasachischen Sprache, und <a href="https://astanatimes.com/2023/04/kazakhstan-prepares-new-document-to-boost-development-and-prevalence-of-kazakh-language/">Bildungsreformen</a> zur Verbesserung der Kasachisch-Kenntnisse.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine unaufhaltsame Entwicklung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Angst vor Gegenreaktionen bleibt. Die wachsende Bedeutung des Kasachischen könnte die nicht kasachischsprachige &nbsp;Bevölkerung vor den Kopf stoßen, so wie die immer noch bedeutende russische Minderheit des Landes. Satpayey beschreibt in seiner Arbeit für Chatham House, dass diese Menschen sich „in der Falle“ oder sogar diskriminiert fühlen könnten. Ein Identitätskonflikt droht, was das Risiko von Radikalisierung und prorussischen Separatismus erhöht – und möglicherweise eine Reaktion aus Moskau hervorrufen könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/eine-eklatante-manifestation-von-russophobie-kasachstan-im-epizentrum-eines-informationskriegs/">„Eine eklatante Manifestation von Russophobie“ – Kasachstan im Epizentrum eines Informationskriegs</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor der großangelegten Invasion der Ukraine nutzte Russland die vermeintliche Verletzung der Rechte russischer Minderheiten im Ausland, um in Nachbarländern zu intervenieren, sei es diplomatisch, wirtschaftlich oder militärisch. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Russland auf Grund der Förderung der kasachischen Sprache in Kasachstan einmarschiert. Moskau ist mit anderen Dingen beschäftigt, und wichtiger noch, braucht Kasachstan aus wirtschaftlichen Gründen, etwa für den <a href="https://vlast.kz/english/57815-sanctioned-goods-continue-to-find-their-way-to-russia-via-kazakhstan.html">Import </a>von Dual-Use-Gütern, die Russland helfen, seinen Krieg gegen die Ukraine aufrechtzuerhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Letztlich sind weder Astana noch Moskau in der Lage, die wachsende Bedeutung der kasachischen Sprache aufzuhalten, selbst wenn sie es wollten. Der Krieg in der Ukraine und Spannungen mit dem Westen schränken derzeit eine bedeutende russische Reaktion ein. Gleichzeitig drängt die demografische Entwicklung Tokayevs Regierung zunehmend dazu, eine ethnisch geprägte nationale Identität zu fördern. Was die Zukunft bereithält, bleibt abzuwarten. Doch solange die derzeitige geopolitische Realität bestehen bleibt, wird sich die Dekolonialisierung Kasachstans voraussichtlich fortsetzen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Für die Redaktion von Novastan Julian Postulart</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Englischen von Baibolsin</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Wir kennen nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte“: Terek Story arbeitet die weibliche Geschichte Kasachstans auf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Mar 2024 11:13:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialität]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnographie]]></category>
		<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte&#x201C;. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative Terek Story, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam &#xFC;ber einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen.&#xA0; [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>„Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte“</em>. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative <a href="https://www.instagram.com/terekstory/">Terek Story</a>, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam über einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen</strong>.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story wurde im Mai letzten Jahres mit <a href="https://www.aulinspired.org/">Aul Inspired</a> und dem <a href="https://ru.policysolutions.kz/">Zentrum für politische Lösungen</a> als Partner ins Leben gerufen. Während der dreimonatigen Pilotphase des Projekts wurden 26 Geschichten aus verschiedenen Teilen Kasachstans gesammelt. Das Team besteht nun aus 11 Personen. Während der Pilotphase wurden Workshops abgehalten und mehrere Podcast-Episoden zum Thema Familienethnographie produziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Geschichte, weshalb ich das Fach auch an der Universität studiert habe. Viele Menschen denken, dass Geschichte eintönig und langweilig ist und keinen Einfluss auf uns hat. Aber in Wirklichkeit ist die Geschichte unsere Vergangenheit, die Vergangenheit unserer Familie“</em>, sagt Gulnaz Tulenova, die Projektleiterin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story sammelt Geschichten auf zwei Arten: Es gibt eine Instagram-Seite, auf der jeder die Geschichte seiner Familie teilen kann, indem er das Projektteam kontaktiert. Man kann dort auch selbst einen Beitrag in den sozialen Medien verfassen und einen speziellen Hashtag hinzufügen. Die Projektseite enthält Leitfragen wie: <em>„Bist du gerne zur Schule gegangen?“, „Hattest du Geheimnisse vor deinen Eltern?“, „Wie war deine Kindheit?“, „Wann und wo hast du deine erste Liebe kennengelernt?“</em> und so weiter. Die zweite Möglichkeit, Geschichten zu sammeln, sind Live-Interviews.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Identitätsfindung durch das Studium der sieben Familienstämme</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova zeichnet derzeit die Geschichte ihrer Großmutter mütterlicherseits auf, da sie andere Verwandte der älteren Generation nicht erreicht hat. Sie glaubt, dass dies dazu beitragen wird, die Geschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten. <em>„Meine Großmutter wurde zum Beispiel während des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot"><em>Ascharschylyk</em></a><em> (Hungersnot,</em> <em>Anm. d. Red.) mit zwei Kindern allein gelassen, aber trotz der Schwierigkeiten kehrte sie zu ihren Verwandten zurück. Der Ascharschylyk hatte direkte Auswirkungen auf meine Familie. Vor nicht allzu langer Zeit erfuhren wir, dass mein Urgroßvater während der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_A%C3%B1yraqai"><em>Schlacht von Anrakai</em></a><em> (Dezember 1729&nbsp; – Januar 1730, Anm. d. Red.) nach </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)"><em>Taraz</em></a><em> gezogen war. Jetzt ist die Schlacht von Anrakai für mich kein entferntes Ereignis mehr, sondern eine Geschichte, die meine Familie betrifft“</em>, sagte sie. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova meint, dass die Geschichte Kasachstans stark verzerrt ist und viele Lücken aufweist. Sie möchte, dass Terek Story eine Plattform ist, auf der die Menschen ihre Version der Geschichte erzählen können. <em>„Es gibt so viele unterrepräsentierte Teile der Geschichte. Schließlich hat jede Familie, jedes Familienmitglied seine eigene Stimme, Meinung und Geschichte“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist der Auffassung, dass die Kenntnis der Geschichte der eigenen Vorfahren viele Fragen zur Identität beantworten kann: <em>„Einige ältere Familienmitglieder leben auf dem Land, während ihre Kinder und Enkel in der Stadt leben. Dann fangen sie an, sich die Frage zu stellen: ‚Wer bin ich?‘ Und die Antwort findet man im Prozess des Nachdenkens, genauer gesagt, im Studium der sieben Familienstämme“</em>.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erzählte Familiengeschichten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wurde von meiner Oma aufgezogen“</em>, so beginnt Jandos Aktaevs Geschichte über seine Großmutter Yrysaldy. Ihr Name bedeutet <em>„Vorbote des Glücks“</em> auf Kasachisch. Sie wurde 1926 im Dorf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schijeli">Schieli</a> in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai_(Gebiet)">Qostanai</a> geboren. Sie überlebte Hungersnot, Krieg, den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit des Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Bedingungen, unter denen sie aufwuchs, förderten in ihr die Toleranz gegenüber anderen. Damals kämpften alle ethnischen Gruppen gemeinsam gegen den Hunger und unterstützten sich gegenseitig, das brachte alle zusammen“</em>. Er beschrieb, wie seine Großmutter nicht nur kasachische Nationalgerichte, sondern auch kaukasische (tschetschenische) Galuschki, Kholodets und andere Gerichte kochte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wegen des Krieges erhielt Yrysaldy keine Schulbildung, aber sie unterstützte stets das Streben ihrer Kinder und Enkel danach.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Meine Oma sagte immer, dass nur ehrliche Arbeit und familiäre Werte uns stärker und glücklicher machen können. Sie ist im Februar 2023 im Alter von 97 Jahren von uns gegangen. Obwohl sie nicht mehr unter uns weilt, wird die Weisheit, die sie uns vermittelt hat, immer in meinem Herzen weiterleben. Wir werden sie als eine starke und freundliche Frau in Erinnerung behalten, die die besten Eigenschaften der kasachischen Kultur und Traditionen verkörperte“</em>, meint Aktaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Geschichte, die das Team von Terek Story gesammelt hat, erinnert sich der 1942 während des Zweiten Weltkriegs geborene Ryskeldi Jaqaschūly an seine Jugend und daran, wie seine Eltern zwei Töchter und vier Jungen großzogen. Sie lebten im Dorf Taldy, dann im Dorf Boleksaz, Bezirk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kegen">Kegen</a>, Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>. Als sein Vater Jaqasch an die Front geschickt wurde, war seine Mutter Abzel schwanger. Daher erhielt der Sohn den Namen Ryskeldi <em>„yrys keldi“</em>, was auf Kasachisch <em>„Erfolg“</em> bedeutet. Sein Vater kehrte jedoch nie aus dem Krieg zurück. Seine Mutter Abzel arbeitete anschließend als Melkerin auf dem staatlichen Bauernhof.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Kindheit an interessierte sich Ryskeldi Jaqaschūly für das Tischlerhandwerk. Er begann mit dem Basteln von alten Brettern in der Scheune, und in fortgeschrittenem Alter schuf er Gegenstände, die für das tägliche Leben notwendig waren.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Ryskeldi erzählt, dass er schon in jungen Jahren zu arbeiten begann, aber trotzdem Zeit für verschiedene Spiele fand. Die Kinder nahmen zum Beispiel einen Stein, wickelten ihn in Kuhfell und formten so einen Ball. <em>„Und wenn es im Dorf einen Feiertag gab, dann durfte der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aytysh"><em>Aıtysch</em></a><em>-Wettbewerb nicht fehlen</em><em>. Der Filz der Jurte wurde in eine Bühne verwandelt. Auch damals spielten die jungen Leute das Spiel Aksuiek (mit Kuhknochen, Anm. d. Red.)“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er eine vierjährige Schule in Taldy besucht hatte, setzte er seine Ausbildung im Kegen fort. Und nach der 8. Klasse lernte er im Dorf <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%96%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D0%B3%D0%B0%D1%88">Zhalagasсh</a> den Beruf des Kraftfahrers. Anschließend diente er in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladiwostok">Wladiwostok</a> in der Turbinenbranche.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eines Tages begaben wir uns mit einer Mannschaft auf eine lange Reise in den Pazifik, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Wir überquerten den Äquator und gelangen am Ufer in Indonesien“</em>, erzählt Jaqaschūly. Nach der Demobilisierung arbeitete er als Bergarbeiter in einem Bergwerk im Dorf Tūıyq. Dort wurden Zink und Blei abgebaut und zur Weiterverarbeitung in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tekeli">Tekeli</a> in die Blei-Zink-Anlage geschickt. Danach arbeitete er als Kranführer und heiratete.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Weibliche Perspektive auf Geschichte und Dekolonialität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Tulenova ist der Meinung, dass die Schezhire, eine Ahnentafel der Generationen, über Männer aus der Perspektive von Angehörigen des gleichen Geschlechts geschrieben wird. Frauen kämen darin nicht vor: <em>„Wir sollten die Verdienste der Frauen nicht ausklammern“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Elmira Kakabaeva, Schriftstellerin und Autorin des [russischsprachigen, Anm. d. Red.] Online-Kurses <em>„</em><a href="https://writelikeagrrrl.ru/semeynaya-etnografiya"><em>Familienethnographie oder wie man sein Schreiben entkolonialisiert</em></a><em>“</em>, die die Initiativgruppe des Projekts berätteilt diese Ansicht. Mit einer weiblichen Perspektive, sagt sie, wird es möglich sein, mehr über die weibliche Seite der Geschichte zu erfahren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Mir wurde immer gesagt, dass ich die sieben Stämme meiner Familie kennen sollte. Dann wurde mir klar, dass wir nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte kennen. Aber Frauen leben dieses Leben genauso, und sie haben oft sogar ein komplizierteres Leben“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihrer Meinung nach ist die Welt der Frauen in manchen Kulturen verschlossener. Wenn sich beispielsweise Anthropolog:innen für eine Forschungstätigkeit entscheiden, steht ihnen die weibliche Welt mehr offen als den Männern. Deshalb bietet Kakabaeva einen Kurs nur für Frauen an, in dem sie über ihre Großmütter sprechen und nachdenken können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023/">Dekolonial, queer, feministisch – zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova ist der Meinung, dass Frauen die Träger:innen von Geschichten sind – sie lesen ihren Kindern und Enkeln Geschichten vor, und wenn diese heranwachsen, erzählen sie die Neuigkeiten, die in ihrem Stammbaum geschehen sind. Deshalb sei es wichtig, den weiblichen Teil der Geschichte zu zeigen. <em>„In unserem Projekt Terek Story wurden viele Geschichten von Frauen übernommen. Das sollte die Norm sein“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva begann nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, über Familiengeschichte nachzudenken. Daraufhin begann sie wieder, einen Text zu schreiben, in dem sie über ihre Verbindung zu ihren Vorfahren nachdenkt. Das war der Beginn ihres Schreibkurses <em>„Ich begann zu reflektieren und erkannte, dass meine Vorfahren ein sehr erfülltes Leben führten. Das 20. Jahrhundert hatte gerade begonnen, eine Zeit großer Veränderungen. Und plötzlich wurde mir klar, dass ihr Leben mein Geschichtslehrbuch ist. Alles, was wir in der Schule gelernt haben, ist an uns vorbeigeflogen. Wir haben einige Daten auswendig gelernt, um unsere Prüfungen zu bestehen. Aber nach einer Weile vergisst man alles. Und dann schaut man sich das Leben seiner Verwandten, seiner Großeltern an, die dieses Leben gelebt haben, und plötzlich wird es so greifbar, dass man wirklich ein Produkt dieses historischen Prozesses wird“</em>, sagte sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva glaubt, dass man etwas Neues lernen kann, wenn man sich mit der Geschichte einer Familie beschäftigt. Und das wiederum führt zum Begriff der Dekolonialität. <em>„Man kann herausfinden, warum das Leben so und nicht anders verlaufen ist. Das Interessanteste ist, dass wir die Lebensentscheidungen unserer Vorfahren verstehen können“</em>, meint sie. Bei der Dekolonialität geht es auch darum, etwas zu kritisieren, das in einem festgefahrenen Konstrukt existiert, um ihm Einhalt zu gebieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva ist überzeugt, dass das Projekt zur Bewahrung der Erinnerungen beitragen wird<em>. „In Kirgistan gibt es zum Beispiel das </em><a href="https://ru.esimde.org/"><em>Esimde</em></a><em>-Projekt, bei dem ein Team von Forscher:innen mündliche Überlieferungen zu verschiedenen historischen Themen sammelt. Sie reisen in Dörfer, Städte und Gemeinden und führen dort Interviews durch. Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Gulnaz Tulenova wiederum stellt fest, dass Terek Story in die gleiche Richtung geht. Sobald genügend Geschichten gesammelt sind, werden sie nach Jahr und Inhalt in Gruppen eingeteilt. <em>„Dann können wir Forscher:innen ansprechen, die in Zukunft Materialien nach Themen finden und dann Analysen für ihre eigene Forschung durchführen können“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt wird auf Kasachisch durchgeführt, und die Geschichten werden anschließend ins Russische und Englische übersetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Förderung der Kommunikation zwischen Generationen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort <em>„Terek“</em> bedeutet auf Kasachisch <em>„Pappel“</em>. Aliia Şaıhina, Koordinatorin des Sozialprojekts Aul Inspired, hatte die Idee für den Namen des Projekts. Laut Tulenova wird dieser Baum in Dörfer in einer Reihe gepflanzt, manchmal anstelle eines Zauns. <em>„Mein Großvater hat seinen Kindern einmal ein paar Nachbarhäuser gekauft. Ihre Häuser sind mit Pappeln umzäunt. ‚Terek‘ bedeutet eigentlich Umfriedung, Familienbaum“</em>, erklärt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Hauptziel von Terek Story ist es, so Tulenova, die Kommunikation zwischen Generationen zu fördern, was letztendlich dazu beitragen soll, unerzählten Geschichten eine Stimme zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/auf-zum-marsch-wofuer-kaempft-die-feministische-bewegung-kasachstans/">„Auf zum Marsch”: Wofür kämpft die feministische Bewegung Kasachstans?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit Dezember 2023 hat eine neue Phase des Projekts begonnen – das Team wird nun Geschichten aus verschiedenen Regionen sammeln. Sie konzentrieren sich jetzt auf Städte im Norden Kasachstans und wollen direkt mit den Erzähler:innen sprechen. Ziel ist es, bis Mai etwa 50 Geschichten zu sammeln. Terek Story plant, aus den gesammelten Geschichten eine geografische digitale Karte zu erstellen. Nach dem Norden Kasachstans wollen sie auch die südlichen Regionen des Landes besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova merkt an, dass das Projekt nicht nur Geschichten von Kasach:innen, sondern auch von anderen im Land lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft erfassen will. <em>„In der Pilotversion gab es jeweils Geschichten von einer uigurischen, einer deutschen und einer russischen Großmutter. Wir wollen die Geschichte von ganz Kasachstan erzählen. Unser Land ist multikulturell“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die im Rahmen des Pilotprojekts gesammelten Geschichten wurden in einer begrenzten Auflage veröffentlicht und den Erzählerfamilien überreicht. Laut Tulenova waren diese Familien sehr stolz darauf, ein solches Erbe in gedruckter Form zu haben. Jetzt sind alle diese Geschichten elektronisch auf der Website des Zentrums für politische Lösungen gespeichert. Das Projekt plant für die Zukunft eine eigene Website, auf der alle Geschichten sowie Podcasts und Workshops, die derzeit durchgeführt werden, zusammengestellt werden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Akbota Uzbekbaı für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/life/58768-my-znaem-tolko-muzskuu-storonu-istorii-nasego-roda.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Kasachische Küche: Du bist, was du isst und was deine Vorfahren aßen</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Jan 2024 11:02:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Esskultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>F&#xFC;r Aliia Bolathan ist die Esskultur eines Volkes einer der Schl&#xFC;ssel zum Verst&#xE4;ndnis seiner nationalen Identit&#xE4;t. Die Historikerin, die sich seit einigen Jahren mit der kulinarischen Geschichte Kasachstans befasst, arbeitet derzeit an der Erstellung eines gastronomischen Grundlagenwerks des Landes. In einem Gespr&#xE4;ch berichtet sie dar&#xFC;ber, wie sich ethno-demographische Ver&#xE4;nderungen auch in der nationalen K&#xFC;che niederschlagen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Für Aliia Bolathan ist die Esskultur eines Volkes einer der Schlüssel zum Verständnis seiner nationalen Identität. Die Historikerin, die sich seit einigen Jahren mit der kulinarischen Geschichte Kasachstans befasst, arbeitet derzeit an der Erstellung eines gastronomischen Grundlagenwerks des Landes. In einem Gespräch berichtet sie darüber, wie sich ethno-demographische Veränderungen auch in der nationalen Küche niederschlagen und welche Kontroversen und Entwicklungen dies mit sich bringt.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Staat, viele Völker, noch viel mehr Gerichte</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl heute ein Arbeitstag ist, herrscht auf dem<a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiu0MXlyuGDAxUKzAIHHclPBHMQFnoECBQQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3D_wG_Kb2IMdY&amp;usg=AOvVaw27oi1PaDtDLmsB9wlcw7eQ&amp;opi=89978449"> Tastak-Basar</a> in <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-almaty-und-nicht-alma-ata/">Almaty</a> bereits seit dem Morgen reges Treiben. Beim Mittagessen an einem Schaschlik-Stand auf dem Markt erzählt Aliia Bolathan, dass sie schon einmal dort war, um die Männer hinter dem Grill zu interviewen, die die nationale Kultur zu ihrem Geschäft gemacht haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese ‚Schaschlitschnaja&#8216; (Schaschlik-Imbiss) ist ein Familienbetrieb, den es seit den 90er Jahren gibt. „Die Stammkunden schätzen diesen Laden für seinen seit Jahren währenden Geschmack“, sagt Aliia. Wir finden ein paar Tische vor, mit Brot und Zwiebeln gedeckt. Gegen Mittag bildet sich eine lange Schlange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Fleischspieße sind seit jeher in der regionalen Esskultur verankert, stellt Aliia fest und nennt noch weitere Nationalgerichte. „In Handbüchern, die seit der zweiten Hälfte der 1940er Jahre veröffentlicht wurden, gibt es einen Abschnitt mit dem Titel ‚Nationalgerichte Kasachstans&#8216;. Sie wurden nach dem Krieg verfasst. Damals führte man eine Menge ethnografischer Forschungen durch. Unter den Gerichten findet sich Fleisch, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Laghman_(Speise)">Lagman</a><strong>, </strong><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiQp7LIyeGDAxUA8gIHHYgjBY8QFnoECBYQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww1.wdr.de%2Fverbraucher%2Frezepte%2Falexander-wulf-kasachisch-plov-huhn-100.html&amp;usg=AOvVaw1CgEVqh0IjTybx-8QJxDN1&amp;opi=89978449">Plov</a> und Schaschlik.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kasachstan ist ein Nationalstaat. Das bedeutet, dass hier neben ethnischen Kasachen auch eine Reihe Vertreter anderer ethnischer Gruppen wie Usbeken, Uiguren, Tataren oder Ukrainer leben und geboren wurden. Die nationale Küche bildet dementsprechend alle Gerichte ab, die regelmäßig von den Bewohnern verzehrt werden.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Natürlich gehören einige Gerichte, die die Kasachen seit Jahrhunderten essen, zur nationalen Küche. Aber nicht ausschließlich. Haben Sie zum Beispiel schon einmal Burme Karyn probiert? Grob gehacktes Fleisch, Kartoffeln und anderes Gemüse werden zusammen mit <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwibofaCyuGDAxXY9gIHHfLoBEkQwqsBegQIDhAF&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DFpqptfglV_I&amp;usg=AOvVaw0XZC627N2gkYnkkuwI4QJF&amp;opi=89978449">Kutteln</a> vermengt und in Wasser gekocht. Niemand kocht es zu Hause, es sei denn, es soll demonstrativ als authentisches Essen herhalten. Viele von uns haben dieses Gericht noch nie probiert. Früher gab es dieses Gericht in der traditionellen kasachischen Küche, aber aus verschiedenen Gründen ist es aus dem Massenkonsum verschwunden.“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Auch Gerichte migrieren</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;„Wir kochen <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiQp7LIyeGDAxUA8gIHHYgjBY8QFnoECBYQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww1.wdr.de%2Fverbraucher%2Frezepte%2Falexander-wulf-kasachisch-plov-huhn-100.html&amp;usg=AOvVaw1CgEVqh0IjTybx-8QJxDN1&amp;opi=89978449">Plo</a><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiQp7LIyeGDAxUA8gIHHYgjBY8QFnoECBYQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww1.wdr.de%2Fverbraucher%2Frezepte%2Falexander-wulf-kasachisch-plov-huhn-100.html&amp;usg=AOvVaw1CgEVqh0IjTybx-8QJxDN1&amp;opi=89978449">v</a>, <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwi7wNG4yeGDAxW22gIHHXqzDQkQFnoECB4QAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fde.dreamstime.com%2Fkasachisches-lagman-image137315342&amp;usg=AOvVaw0jenVHTZSVnanJMMYgUEw8&amp;opi=89978449">L</a><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwi7wNG4yeGDAxW22gIHHXqzDQkQFnoECB4QAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fde.dreamstime.com%2Fkasachisches-lagman-image137315342&amp;usg=AOvVaw0jenVHTZSVnanJMMYgUEw8&amp;opi=89978449">a</a><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwi7wNG4yeGDAxW22gIHHXqzDQkQFnoECB4QAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fde.dreamstime.com%2Fkasachisches-lagman-image137315342&amp;usg=AOvVaw0jenVHTZSVnanJMMYgUEw8&amp;opi=89978449">gman</a>, Borschtsch und essen <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kuurdak">Kuirdak</a>. Mancherorts gibt esNan Kuirdak, was im Kontext des zwanzigsten Jahrhunderts ein durch seine Haltbarkeit außerordentlich praktisches Nahrungsmittel war.&nbsp; Es heißt, es sei unter dem Einfluss der deutschen Aussiedler entstanden. Die Verbreitung ließ nicht auf sich warten, da es schmeckte und die Zutaten für alle verfügbar waren&#8220;, fügt die Historikerin hinzu.&nbsp; Ihrer Ansicht nach dürfen die Essgewohnheiten der Völker, die massenhaft nach Kasachstan aussiedelten oder in den 1920er und 1950er Jahren deportiert wurden, nicht in Vergessenheit geraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-uhlfeldkolonie-eine-osterreichische-kommune-in-kasachstan-12/">Die Uhlfeldkolonie – Eine österreichische Kommune in Kasachstan (1/2)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">So hat sich beispielsweise der <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjXgLWDyeGDAxXpywIHHbD0Dz4QFnoECCUQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.eatclub.tv%2Frezept%2Fmorkowtscha-koreanischer-moehrensalat&amp;usg=AOvVaw34DSJEPzfCJoNkNnM8mVfH&amp;opi=89978449">koreanische Karotten-Salat </a>von einem regionalen Gericht zu einem festen Bestandteil der kasachischen Speisekarte entwickelt. Die <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjjqo-gyeGDAxUC-gIHHS-JAVkQFnoECCoQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FMant%25C4%25B1&amp;usg=AOvVaw3d6093gsKAF-OHrpqkFvVk&amp;opi=89978449">Manti-Teigtaschen</a> hingegen haben ihren Ursprung in Zentralasien. Sie gelten heute als historisches Erbe der Region, das über die Seidenstraße bis in die Türkei, nach China und Korea Einzug in andere Kulturen gefunden hat.<br>„40 Prozent der unter Stalin Deportierten kamen nach Kasachstan. Viele von ihnen blieben im Land. Einige lebten 15 Jahre lang hier und verließen dann das Land. In 15 Jahren lernt man so einiges von seinen Mitmenschen. Hinzukommt, dass das sowjetische System auf die Schaffung einer einzigartigen Kultur abzielte. Auf dessen Grundlage entwickelte Kasachstan seine eigene Küche, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/liebe-gaeste-wie-fuehlen-sich-die-koreaner-in-kasachstan/">„Liebe Gäste“ – Wie fühlen sich die Koreaner in Kasachstan?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtig zu erwähnen ist auch, dass das Land nicht mit regionalen Spezialitäten geizt. So war beispielsweise <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiQp7LIyeGDAxUA8gIHHYgjBY8QFnoECBYQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww1.wdr.de%2Fverbraucher%2Frezepte%2Falexander-wulf-kasachisch-plov-huhn-100.html&amp;usg=AOvVaw1CgEVqh0IjTybx-8QJxDN1&amp;opi=89978449">Plo</a><a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwiQp7LIyeGDAxUA8gIHHYgjBY8QFnoECBYQAQ&amp;url=https%3A%2F%2Fwww1.wdr.de%2Fverbraucher%2Frezepte%2Falexander-wulf-kasachisch-plov-huhn-100.html&amp;usg=AOvVaw1CgEVqh0IjTybx-8QJxDN1&amp;opi=89978449">v</a> besonders im Süden des Landes in der Vergangenheit eines der Alltagsgerichte. „Die Kasachen lebten nicht allein. Produkte, die sie aufgrund regionaler Gegebenheiten nicht selbst herstellen konnten, beispielsweise Getreidekulturen, erwarben sie durch Tausch und Handel. Der Norden und Osten trieb Handel mit Russland und China, der Süden und Südosten mit den zentralasiatischen Ländern. Die wichtigste Errungenschaft in diesem Bereich ist die Speisekarte, die auf wissenschaftlichen und kulturellen Forschungen beruht. Da habe ich die <em>hard facts sc</em>hwarz auf weiß. Immerhin sind diese Gerichte Teil unser aller Kindheit und nach wie vor aktuell. Die Geschmäcker rufen nicht nur Emotionen hervor, sondern haben auch eine kulturelle Bedeutung“, erklärt Bolathan.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Esskultur als DNA eines Volkes</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Forscherin ist sich sicher, dass die Esskultur und ihre Erforschung im Zuge der aktuellen Debatte um Entkolonialisierung an Bedeutung gewonnen hat. „Es gibt Dinge, die eine Gesellschaft unabhängig von Sprache, Religion, Glauben und anderen Merkmalen vereinen. Das sind zum Beispiel die Herkunft, die Flagge, der Ort sowie die Geschichte vor und seit der Unabhängigkeit. Viele halten Sprache für das wichtigste Teilstück nationaler Identität. Doch manchmal geht nationale Identität darüber hinaus und so ist die Esskultur ein nicht weniger relevanter Indikator. Südkorea zum Beispiel legt großen Wert auf die Essenskultur, um der Welt ihre einzigartige Identität zu präsentieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bolathan merkt an, dass in den postsowjetischen Ländern allgemein wenig Forschung zur Esskultur bestünde. „Das ist nicht nur die Aufgabe der Forscher, sondern auch der staatlichen PR. Zwar übt sich der Staat bereits in Propaganda für die nationale Identität. So wurden Programme zur Stärkung der Kultur geschaffen. Die waren damals sinnvoll, aber haben ausgedient. Immer wieder höre ich, ich studiere ein irrelevantes Thema, aber wenn man anfängt, die Wege der Esskultur zu studieren und zu verstehen, wie sie mit der Migration der Menschen zusammenhängen, versteht man ihr Leben, ihren Kummer, ihre Freude, ihre finanzielle Lage&#8220;, so Aliia.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>In der Not schmeckt Be</strong>ş<strong>barmak</strong> <strong>auch ohne Teigbeilage</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Aliia hatte der Übergang der nomadischen Kasachen zur Halb- und Vollsesshaftigkeit, die Kolonisierung und später die Zwangskollektivierung sowie die Hungersnot während der Sowjetzeit verheerende Auswirkungen auf die Ernährungsgewohnheiten. „Ich habe bei Menschen, die im Nachkriegsjahrzehnt gelebt haben, Erinnerungen an den &#8218;Geschmack der Kindheit&#8216; gesammelt. ‘Lebensmittel aus Mehl, Salz und Wasser‘ erinnerten sie an ihre Kindheit und seien geschmacklich nicht zu übertreffen, hieß es. <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjH0sjPyOGDAxUhxAIHHRKECJcQwqsBegQIDhAG&amp;url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DGHB8_vV-p0w&amp;usg=AOvVaw0RiO-V9nR05T6ueu6RUjnG&amp;opi=89978449">Şelpeki</a> und  <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baursaki">Baursaki</a><strong> –</strong> Das ist ja im Grunde nichts weiter als frittiertes Brot und ein Überbleibsel des kolonialen Erbes. Das war weder schmackhaft noch gesund, aber Brot und Wasser war alles, was sie hatten. Im Laufe der Zeit wurde es zu einem festen Bestandteil unserer nationalen Identität und der Traditionen.“ Folglich hätten sich die Essgewohnheiten während der Angliederung Kasachstans an das Russische Reich zwar nicht radikal geändert, seien aber als Spiegel der Beziehung des Kolonisators zur Kolonie zu betrachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine beispielhafte Geschichte erzählt das heutige kasachische Nationalgericht, das sich früher ganz schlicht ‚Fleisch‘, also ‚et asu, tabak tartu<strong>‘ </strong>nannte<strong>,</strong> da es damals auch die Hauptzutat war und ohne Teig gekocht wurde. Als die Kasachen sesshaft wurden, verringerte sich die Zahl der Tiere. Parallel dazu entwickelte sich die Landwirtschaft und verschaffte dem Gericht die Teigbeilage.&nbsp; Der Name ‚<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beschbarmak">Beşbarmak</a>‘ folgte erst zehn Jahre darauf. „2015 kochten wir für einen Eintrag im Guinness-Buch den größten Beşbarmak. Dank der weltweiten Vernetzung ist dieser Name inzwischen weit verbreitet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der frühere Name ‚Bişbarmak‘ stammt aus dem 18. Jahrhundert. Damals herrschten die Kleine, Mittlere und Große Horde in verschiedenen Teilen des heutigen Mittel- und Südkasachstan. Während es zu kriegerischen Auseinandersatzungen mit den westmongolischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oiraten">Dsungaren</a> kam, versuchte der russische Zar, die ersten Vorstöße nach Zentralasien, besonders in die nördlichen Steppengebiete. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCngere_Horde">Kleine Horde</a> pochte auf Unterstützung der Russen im Kampf gegen die Dsungaren und so unterwarfen sie sich im Jahr 1731 freiwillig dem Russischen Reich. In diesem Zuge kam es auch zu einer kulinarischen Annäherung. „Als die russische Delegation das erste Mal kasachstanisches Land betrat, tischte man ihnen Fleisch auf. Eine tatarisch-baschkirische Gruppe dolmetschte voller Sorgfalt, um kulturellen Konflikten vorzubeugen, die die Mission ins Wanken hätten bringen können. So wurden die Vertreter des Reiches aufgefordert, mit den Händen, genauer, mit ‚fünf Fingern‘ zu essen. Denn das ist die Übersetzung von ‚bish barmak‘ in der tatarischen und baschkirischen Sprache. Auf diese Weise kam das Gericht zu seinem heutigen Namen. Mitte des letzten Jahrhunderts kam es zu wissenschaftlichen Diskussionen um die Namensherkunft. Wenngleich die korrekte kasachische Bezeichnung ‚bes barmak‘ heißen müsste, setzte sich doch seit den 1970er Jahren mit fortschreitender Russifizierung auch die russische Schreibweise durch. Die Forscherin betont, dass dies auch im Kleinen zeigt, wie wenig die kasachische Kultur berücksichtigt wurde und bis heute unter den Folgen der Kolonialisierung leidet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen</a></strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Küchentradition im Wandel</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Die nationale Kultur wird hierzulande als etwas angesehen, das sich in Raum und Zeit nicht verändert. Und doch ist es gleichsam wichtig, die eigene Kultur zu teilen und für Veränderungen bereit zu sein. Denn wenn wir uns wünschen, dass sie sich weiterentwickelt und die Massen erreicht, müssen wir auch mit den neuen Ernährungs- und Konsumgewohnheiten gehen. Je mehr Menschen die Kultur konsumieren und leben, desto mehr wird sie bewahrt und lebt in einer neuen Form weiter. Vor kurzem besuchte ich die südöstlich gelegene Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taldyqorghan">Taldyqorgan</a>, wo viele Jahre lang koreanische Großmütter Salate verkauften. Kürzlich ersetzte sie ein kommerzielles Geschäft. Dort ist nun in den Regalen überall ein und derselbe koreanische Salat zu finden. Natürlich war das Salatgeschäft der Familien vom authentischen Standpunkt aus gesehen einzigartig. Aber die bloße Tatsache, dass sie es geschafft haben, diesen Salat als Kulturgut in der Gesellschaft zu verbreiten und in eine neue Form zu bringen, ist beachtlich&#8220;, meint Aliia. In dieser Hinsicht sind Restaurants und Cafés interessant, die jetzt mit traditionellen Gerichten experimentieren und diese an die Nachfrage anpassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich sehe diese Entwicklung gerade hinsichtlich des Tourismus positiv und bin auch für Fastfood-Varianten traditioneller Gerichte offen. Allerdings gefällt es mir nicht, dass diese Restaurants sich oft ‚nationale Küche‘ schimpfen. Passender fände ich Bezeichnungen wie ‚regional‘ oder ‚selbstgemacht‘. Doch Versuche, sich den Essensgewohnheiten anzupassen, heiße ich grundsätzlich gut.“</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Redaktion von Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Übersetzet von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Grenzen und Brücken bei der Herausbildung einer regionalen zentralasiatischen Identität</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Sep 2023 06:34:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Grenzen f&#xFC;r die Herausbildung einer intraregionalen zentralasiatischen Identit&#xE4;t liegen in den nationalen Geschichtsbildern, die von den politischen Eliten der jeweiligen L&#xE4;nder instrumentalisiert werden. Dies erschwert den Integrationsprozess, stellt Erkin Ba&#x131;darov in einem Beitrag f&#xFC;r das Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR) fest. Die Frage der Formierung einer regionalen Identit&#xE4;t in Zentralasien gewann Ende [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Grenzen für die Herausbildung einer intraregionalen zentralasiatischen Identität liegen in den nationalen Geschichtsbildern, die von den politischen Eliten der jeweiligen Länder instrumentalisiert werden. Dies erschwert den Integrationsprozess, stellt Erkin Baıdarov in einem Beitrag für das Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR) fest.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage der Formierung einer <a href="https://www.inform.kz/en/central-asia-s-regional-identity-is-at-stage-of-formation-kyrgyz-sec-of-state-suyunbek-kasmambetov_a4014895">regionalen Identität in Zentralasien</a> gewann Ende Dezember 2022 wieder an Relevanz, als Regierungsvertreter aus Kirgistan (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/State_Secretary_of_Kyrgyzstan">Sujunbek Kasmambetow</a>, kirgisischer Staatssekretär) und Usbekistan (<a href="https://uza.uz/en/posts/eldor-aripov-uzbek-german-partnership-reaches-a-new-level_477544">Eldor Aripov</a>, Direktor des ISRS – Institut für strategische und regionale Studien – beim Präsidenten Usbekistans) im Rahmen des Zentralasiatischen Medienforums in Astana gemeinsam über die Notwendigkeit sprachen, <em>„sich nicht nur als Teil ihres Landes, sondern auch als Teil der gemeinsamen Region, als &nbsp;</em><a href="http://isrs.uz/ru/yangiliklar/eldor-aripov-kazdomu-iz-nas-vazno-osusat-seba-ne-tolko-castu-svoej-strany-no-i-obsego-regiona-centralnoj-azii?fbclid=IwAR22_4ZTLIGuJKjANvOxpqK2xqSoth3akkCU6Y4UtfsB-If_X1GTB5WpReA"><em>Zentralasien</em></a><em>, zu verstehen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die geopolitischen Turbulenzen in den internationalen Beziehungen und die politischen und soziokulturellen Spaltungen haben die Diskussion über die Identität der zentralasiatischen Gemeinschaften wieder aufleben lassen. Die geopolitischen Machtungleichgewichte wirken sich auch auf Zentralasien aus und haben zu einer Entropie der zentralasiatischen Gesellschaftssysteme geführt. [Es handelt sich um eine Anspielung auf das aktuelle Kräftemessen zwischen Russland und dem Westen – Anm. der Red. v. Novastan].</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was bedeutet „Identität“?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man von „Identität“ spricht, ist es wichtig, eine angemessene Definition dieses Begriffs zu wählen, da er verschieden interpretiert und angewendet wird. Nach dem interdisziplinären Wörterbuch der „Globalistik“ ist Identität eine gewisse Dauerhaftigkeit individueller, kultureller oder zivilisatorischer Parameter, ihre Selbstidentifikation, wobei die ersten Identitätsebenen mit der traditionellen (nationalen) Kultur verbunden <a href="https://cabar.asia/ru/barery-i-mosty-formirovaniya-regionalnoj-identichnosti-tsentralnoj-azii#_ftn1">sind</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wachsende Verständnis für die Rolle der Identität im menschlichen Leben und in der Gesellschaft führt jedoch zu der Schlussfolgerung, dass die grundlegenden Institutionen der zentralasiatischen Staaten wie Politik und Wirtschaft nicht ohne Bezug auf die regionale Identität funktionieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auf auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/eu-zentralasien-gipfel-in-kirgistan-zusammenarbeit-auf-der-tagesordnung/"><strong>EU-Zentralasien-Gipfel in Kirgistan: Zusammenarbeit auf der Tagesordnung</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits in den 1930er Jahren wies <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mustafa_Shokay">Mustafa Shokaı</a> (1890-1941) in einer Ansprache an die Jugend von „Zentralasien und Kasachstan“ auf die vermeintlich gemeinsamen historischen Wurzeln der Völker der Region hin. Sie hätten die gleiche regionale Kultur, die gleichen Traditionen und Bräuche, ein gemeinsames soziales und politisches Ideal und eine gemeinsame, unteilbare Region (Turkestan, Turan oder Transoxanien) mit gemeinsamen materiellen und geistigen <a href="https://cabar.asia/ru/barery-i-mosty-formirovaniya-regionalnoj-identichnosti-tsentralnoj-azii#_ftnref3">Werten</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Herausbildung einer regionalen Identität Zentralasiens</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Genau vor dieser Aufgabe stehen die politischen und intellektuellen Eliten Zentralasiens heutzutage. Es geht darum, die Bedeutung der zentralasiatischen Region und ihre Subjektivität in den internationalen Beziehungen wiederherzustellen. Dazu gehört die Intensivierung der intraregionalen Beziehungen ebenso wie die Aufmerksamkeit der Welt- und anderer Regionalmächte für die Region. Die Rolle Zentralasiens als – wie es Kasachstans Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> formulierte – <em>„Schnittstelle zwischen Russland, China, Südasien, dem Nahen Osten und dem Südkaukasus“</em> nimmt aufgrund der neuen geopolitischen Realitäten rapide zu.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">So ist in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht ein Trend zur regionalen Annäherung der Staaten zu beobachten. Die Vielfalt der jeweiligen Kooperationsansätze zwischen den zentralasiatischen Staaten schmälert dabei nicht die Bedeutung überregionaler Verbindungen. Dies zeigt sich bereits heute in verschiedenen bi- und multilateralen Verträgen über gemeinsame Aktivitäten in politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und anderen Bereichen, auch wenn deren Auswirkungen noch nicht wirklich spürbar sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Geopolitik der Länder der Region versucht die Ökonomie, die nationalen Wirtschaftsstrategien miteinander zu verknüpfen, während die Geopolitik die Integrationsprozess erschwert. Auf diese Weise werden bestimmte (ethnisch-nationale, territoriale und andere) Ansprüche, die sich nicht in den stabilen und fortschreitenden historischen und wirtschaftlichen Prozess einfügen, wieder hervorgeholt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/tadschikisch-kirgisische-grenze-beide-seiten-hoffen-auf-baldige-wiedereroeffnung/"><strong>Tadschikisch-kirgisische Grenze: Beide Seiten hoffen auf baldige Wiedereröffnung</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies führt zur Aushöhlung der politischen Instrumente und zur Entstehung einer Reihe von Konfliktzonen. Gleichzeitig legen die Schwächung und Zerstörung alter Formen kollektiver, ethnischer, territorialer und sozialer Identität in der Gesellschaft den Grundstein für die Entstehung neuer struktureller Heterogenität und sozialer Differenzierung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, nicht nur die geopolitische und geoökonomische, sondern auch die soziokulturelle Dimension zu berücksichtigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Barrieren sind zum Teil in den komplexen kulturpolitischen Selbstdefinitionen der Staaten der Region begründet. So wird beispielsweise ein Unterschied zwischen nomadischen und sesshaften Gesellschaften gemacht. Dies führt zu gegenseitigem Unverständnis und verhindert Interaktionen zwischen den verschiedenen Kulturen der in der Region lebenden Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund stellt die Herausbildung einer regionalen Identität der Bevölkerung Zentralasiens eine Herausforderung auf politischer und soziokultureller Ebene dar.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Herausbildung einer regionalen Identität Zentralasiens</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Herausbildung einer regionalen Identität der zentralasiatischen Länder stehen folgende Aufgaben an:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Erforschung der historischen Wurzeln und Untersuchung der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Faktoren der zentralasiatischen Identität;</li>



<li>Analyse der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hanafiten">hanafitischen Madhhab</a> und des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/M%C4%81tur%C4%ABd%C4%ABya">Maturidismus</a> als doktrinäre Glaubensgrundlagen der muslimischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Umma">Umma</a> der Region als eines der Identifikationsmerkmale der zentralasiatischen Identität;</li>



<li>Untersuchung der sprachlichen Zusammensetzung der regionalen Identität anhand der Turksprachen, des Farsi und des Arabischen als ethnisch-kulturelle und ethnisch-konfessionelle Grundlage der regionalen Identität;</li>



<li>Untersuchung der ethnischen Identität und des ethnischen Nationalismus, der kulturellen Identität und des kulturellen Nationalismus (Ursprünge und gegenwärtiger Stand) der zentralasiatischen Gesellschaften;</li>



<li>Analyse der Rolle der wirtschaftlichen und politischen Integration bei der Herausbildung der regionalen Identität, Identifizierung von Desintegrationsfaktoren;</li>



<li>Untersuchung der soziokulturellen Integration und der Auswirkungen aktueller Herausforderungen auf den Prozess der Regionalisierung Zentralasiens;</li>



<li>Anregungen zur Erarbeitung regionsweiter Symbole (soziale Einrichtungen, Bräuche, Traditionen, historische Persönlichkeiten, kulturelle Marken etc.), die die zivilisatorische Matrix Zentralasiens repräsentieren</li>
</ul>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Neuinterpretationen der Geschichte als Hindernis für die regionale Identität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Länder Zentralasiens, die zusammen eine Art <em>„</em>vagina gentium“ (<em>„</em>Wiege der Nationen“) bilden, sind in der gegenwärtigen Phase ihrer Entwicklung nicht nur mit dem Aufbau und der Stärkung ihrer eigenen nationalen Strukturen beschäftigt, sondern auch mit der Herausbildung einer eigenen nationalen Identität, die eine neue Interpretation der Geschichte mit sich bringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die alte und mittelalterliche Geschichte der ethnischen Gemeinschaften in der Region wird heutzutage oftmals mythologisiert, wobei tatsächliche Quellen und wissenschaftliche Forschungsmethoden ignoriert werden. Geschafft wird eine Pseudogeschichte, die als <em>„</em>politische Ressource“ genutzt wird. Manche Autor:innen zeitgenössischer Publikationen glorifizieren die ferne Vergangenheit des eigenen Volkes hemmungslos und spielen im Gegensatz dazu die Geschichte anderer Bevölkerungsgruppen der Region bewusst herunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kennzeichnend sind auch nationale Auseinandersetzungen um Deutungen vergangener Epochen: Damit einhergehend führen Vertreter:innen verschiedener Nationen wissenschaftlich-politische Diskussionen über die <em>„</em>nationale“ Zugehörigkeit der einen oder anderen historischen Persönlichkeit (z. B. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Al-F%C4%81r%C4%81b%C4%AB">al-Fārābī</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Avicenna">ibn Sīnā</a>, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Y%C5%ABsuf_Balasaguni">Yūsuf Balasaguni</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mausoleum_von_Hodscha_Ahmad_Yasawi">Qоjа Аhmet Iassaúi kesenеsі</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mir_%CA%BFAli_Schir_Naw%C4%81%CA%BEi">Ali Schir Nawāʾi</a> und so weiter).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Berufung auf die <em>„</em>großen Vorfahren“ ist in der Regel eine der Ressourcen der ethnischen Mobilisierung im Kampf um nationale Souveränität. Das macht die Artikulation von Geschichtsbildern (Schlüsselelemente der ethnopolitischen Geschichte) zum wichtigsten Element ethnischer Identifikation. So gesehen existiert und funktioniert das Ideologem <em>„</em>Nationalgeschichte“ im Rahmen national orientierter Weltbilder und Denkstrukturen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/zentralasien-und-europa/von-alexander-bis-zu-den-kuschan-archaeologische-schaetze-usbekistans-in-berlin/"><strong>Von Alexander bis zu den Kuschan: Archäologische Schätze Usbekistans in Berlin</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Um es mit den Worten des zeitgenössischen tadschikischen Philosophen der Akademie der Wissenschaften der Republik Tadschikistan, <a href="https://cabar.asia/ru/barery-i-mosty-formirovaniya-regionalnoj-identichnosti-tsentralnoj-azii#_ftn3">Akbar Turson, zu formulieren</a>: Der <em>„</em><em>politisch verfrühte und moralisch unreife</em><em>“</em> zentralasiatische Nationalismus ist eindeutig <em>„</em><em>zu einer Ideologie des egoistischen Subethnizismus verkommen, die eine lokal-pathologische Form angenommen hat</em><em>“</em>, in der <em>„</em><em>die provinziellen Köpfe der nationalen Apologeten oder sogar die komplexen regionalen Hochstapler mehr an der Vergangenheit als an der Gegenwart und Zukunft der Region interessiert sind</em><em>“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Idee der nationalen Identität im Rahmen der &#8222;nationalen Geschichte&#8220; verhindert weitgehend den gemeinsamen intranationalen Integrationsprozess. Die Idee ist im Bewusstsein der zentralasiatischen Gesellschaft (vor allem ihrer politischen Elite) &#8222;verankert&#8220;. Die jeweiligen politischen Elite bilden nationale Symbole und füllen sie mit ideologischem Inhalt, ohne sich der Gefahr solcher „Dekonstruktionen“ für die künftige Entwicklung der Region bewusst zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beispiele hierfür sind unter anderem der Bezug auf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Timur">Amir Timur</a> und das von ihm geschaffene Imperium als &nbsp;<em>„die Grundlage der usbekischen Staatlichkeit“</em> in Usbekistan unter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islom_Karimov">Islom Karimov</a> oder die Glorifizierung des kirgisischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khaghanat">Khaganats</a> als Großreich von Sibirien bis Tibet durch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almasbek_Atambajew">Almasbek Atambajew</a>. Die von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emomalij_Rahmon">Emomali Rahmon</a> propagierte <em>„indoiranische (arische) Zivilisation“</em> als Ursprung des modernen tadschikischen Staates oder Bezüge auf das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Partherreich">Partherreich</a> in Turkmenistan sowie auf die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Horde">Goldene Horde</a>“ in Kasachstan passen ebenso in diese Reihe.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Kämpfe der Geschichte“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Herausbildung <em>„exklusiver nationaler Identitäten“</em> in der zentralasiatischen Region birgt Gefahren. Einerseits kann sie die weitere Entwicklung sowie die Sicherheit der Staaten in der Region negativ beeinflussen. Andererseits kann sie die Region gegenüber geopolitischen Interessen von Drittstaaten in der Region verwundbar machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geht man der Frage nach, wer wir sind, hat <a href="https://cabar.asia/ru/barery-i-mosty-formirovaniya-regionalnoj-identichnosti-tsentralnoj-azii#_ftn3">Samuel Huntington in vielerlei Hinsicht Recht</a>: Moderne Gesellschaften bilden sprachliche, nationale, religiöse, zivilisatorische und territoriale Identitäten aus, die in einer Region repräsentiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt eine Vielzahl solcher kulturellen und zivilisatorischen Phänomene, die die Eigenart, die Einheit und den Fortbestand der zentralasiatischen Zivilisation bestimmen. Die Länder der Region müssen zunächst das Wertesystem, das ihre Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, bewahren. Um die Frage nach der Zukunft der Länder zu beantworten: Es müssen kulturelle und zivilisatorische Leitlinien wiederhergestellt werden. Denn Bürger:innen müssen auf die Zukunft einer gemeinsamen regionalen Identität vertrauen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auf auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/tschingis-aitmatow-und-sein-literarisches-werk/"><strong>Tschingis Aitmatow und sein literarisches Werk</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang möchte ich die Meinung des großen kirgisischen Schriftstellers <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingis_Torekulowitsch_Aitmatow">Tschingis Aitmatow</a> hervorheben, der in einem seiner letzten Interviews feststellte, dass <em>„historische Gemeinsamkeiten, sprachliche Ähnlichkeiten, das Vorhandensein gemeinsamer Traditionen und Bräuche uns unzählige Möglichkeiten bieten, zusammenzukommen und gemeinsam eine neue Welt, eine gemeinsame Zivilisationsgemeinschaft aufzubauen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der politischen Grenzen leben die Länder und Völker der zentralasiatischen Region in einem einzigen Kultur- und Zivilisationsraum, sodass es unmöglich ist, das historische, kulturelle und zivilisatorische Erbe der Region getrennt zu betrachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist an der Zeit, ein neues Zentralasien aufzubauen, in dem sich alle Beteiligten der Region gemeinsam über ihre Erfolge freuen und sich über ihre Misserfolge sorgen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Erkin Baıdarov für CABAR</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://cabar.asia/ru/barery-i-mosty-formirovaniya-regionalnoj-identichnosti-tsentralnoj-azii"><strong>Russischen</strong></a><strong> (gekürzt) von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Kasachstans Dilemma: Wie können ethnische und staatsbürgerliche Identitätsmodelle in Einklang gebracht werden?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michèle Häfliger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Mar 2023 19:39:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachisch]]></category>
		<category><![CDATA[kasachische Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Staatsbürgerschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ende letzten Jahres k&#xFC;ndigte Kasachstans Regierung an, neue Anforderungen f&#xFC;r die Erlangung der kasachstanischen Staatsb&#xFC;rgerschaft einzuf&#xFC;hren, die auf das bestehende Dilemma der nationalen Identit&#xE4;t Kasachstans hinweisen. Die Analyse der aktuellen Identit&#xE4;tspolitik in Kasachstan erschien bei CABAR. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Im vergangenen November k&#xFC;ndigte die Regierung Kasachstans Pl&#xE4;ne zur Einf&#xFC;hrung [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ende letzten Jahres kündigte Kasachstans Regierung an, neue Anforderungen für die Erlangung der kasachstanischen Staatsbürgerschaft einzuführen, die auf das bestehende Dilemma der nationalen Identität Kasachstans hinweisen. Die Analyse der aktuellen Identitätspolitik in Kasachstan erschien bei <a href="https://cabar.asia/ru/dilemma-kazahstana-kak-balansirovat-mezhdu-etnicheskoj-i-grazhdanskoj-modelyu-identichnosti">CABAR</a>. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im vergangenen November kündigte die Regierung Kasachstans <a href="https://www.dw.com/ru/grazdanstvo-kazahstana-tolko-dla-znausih-kazahskij-azyk/a-63710658">Pläne</a> zur Einführung neuer Voraussetzungen für den Erwerb der kasachischen Staatsbürgerschaft an. Die vorgeschlagenen Änderungen führen zusätzliche Gründe wie mangelnde Kenntnisse der kasachischen Sprache, Geschichte sowie Gesetzgebung an, um die (Wieder-)Erlangung der kasachstanischen Staatsbürgerschaft zu verweigern. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Premierminister <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84lichan_Smajylow">Álihan Smaıylov</a><a href="https://parlam.kz/ru/mazhilis/question-details/19001">erklärte</a>, dass diese Maßnahmen darauf abzielten, doppelte Staatsbürgerschaften zu verhindern. Tatsächlich weisen die Daten des Innenministeriums auf eine große Zahl kasachstanischer Staatsbürger:innen hin, die auch eine Staatsangehörigkeit eines anderen Landes besitzen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">Sprache als Mittel zur Identitätsfindung und Abkehr von kolonialen Strukturen </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Änderungen beschränken sich jedoch nicht darauf, sondern weisen auf tiefere Prozesse in der Gesellschaft hin. Ein Aspekt ist das bestehende Dilemma der nationalen Identität. Kasachstan hat in dieser Hinsicht keine allgemein akzeptierte Politik. Die derzeitige Situation gleicht eher einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen ethnischem und bürgerlichem Nationalismus-Modell. Andererseits signalisiert die gewünschte Präsenz der kasachischen Sprache, dass die Regierung die ethnische Komponente stärkt und damit das Gleichgewicht in Richtung eines ethnozentrischen Modells verschiebt. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Doppelte Staatsbürgerschaft</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft in Kasachstan ist akut und wurde immer wieder als Grundlage für potenziellen Separatismus im Lande angesehen. Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a><a href="https://forbes.kz/process/tokaev_vyiskazalsya_o_dvoynom_grajdanstve/">erklärte</a>, dass das Problem der doppelten Staatsbürgerschaft eine Bedrohung für die nationale Sicherheit Kasachstans darstelle. Obwohl die Quelle dieser Bedrohung nicht ausdrücklich genannt wurde, ist klar, dass sie vom nördlichen Nachbarn Russland ausgehen soll. Laut Statistiken des Innenministeriums wurden zwischen 2015 und 2021 über 90.000 Fälle doppelter Staatsbürgerschaft registriert, über 85.000 davon mit russischer. Die meisten Menschen mit zwei Pässen leben in den an Russland angrenzenden Regionen. </p>


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<p class="wp-block-paragraph">Die Beweggründe für den Erwerb der doppelten Staatsbürgerschaft sind unterschiedlich und nicht unbedingt mit separatistischen Ansichten verbunden. Viele Menschen sind an doppelten Sozialleistungen interessiert. Andere möchten in Russland arbeiten, aber die Möglichkeit der Rückkehr nach Kasachstan nicht verlieren. Und für manche ist ein russischer Pass eine Garantie für Sicherheit, insbesondere nach den <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ein-jahr-nach-den-januar-ereignissen-was-haben-kasachstans-behoerden-seitdem-getan/">Ereignissen in Kasachstan im Januar 2022</a>. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings befürchten die kasachstanischen Behörden zu Recht eine Wiederholung des georgischen und ukrainischen Szenarios: Passportierung der Grenzbevölkerung und weiterer Einsatz von Truppen <em>„zur Gewährleistung der Sicherheit der Bürger:innen [der Russischen Föderation]“</em>. Diese Befürchtungen werden durch die offen revanchistische Rhetorik der russischen Behörden sowie den Einmarsch in die Ukraine noch verstärkt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-schrittweise-entfernung-von-russland/">Kasachstans schrittweise Entfernung von Russland </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem 2014 erlassenen Artikel zu Separatismus versuchten die kasachstanischen Behörden, dagegen vorzugehen. Der <a href="https://kodeksy-kz.com/ka/ugolovnyj_kodeks/180.htm#:~:text=%D0%A1%D0%B5%D0%BF%D0%B0%D1%80%D0%B0%D1%82%D0%B8%D1%81%D1%82%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F%20%D0%B4%D0%B5%D1%8F%D1%82%D0%B5%D0%BB%D1%8C%D0%BD%D0%BE%D1%81%D1%82%D1%8C,-1.&amp;text=%D0%BD%D0%B0%D0%BA%D0%B0%D0%B7%D1%8B%D0%B2%D0%B0%D1%8E%D1%82%D1%81%D1%8F%20%D1%88%D1%82%D1%80%D0%B0%D1%84%D0%BE%D0%BC%20%D0%B2%20%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%BC%D0%B5%D1%80%D0%B5%20%D0%BE%D1%82,%D1%81%D0%B2%D0%BE%D0%B1%D0%BE%D0%B4%D1%8B%20%D0%BD%D0%B0%20%D1%82%D0%BE%D1%82%20%D0%B6%D0%B5%20%D1%81%D1%80%D0%BE%D0%BA.">Artikel</a> sieht für öffentliche Aufrufe zur Veränderung der territorialen Integrität und Einheit Kasachstans 5 bis 10 Jahre Gefängnis vor. Seit 2015 wurden landesweit mindestens 20 Verfahren auf dieser Grundlage eingeleitet. <a href="https://rus.azattyq.org/a/31971781.html">Einer der jüngsten Fälle</a> ist der eines Ehepaars aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Petropawl">Petropavl</a>, das in den sozialen Medien äußerte, dass Nordkasachstan an Russland angegliedert werden solle. Das Paar wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Frage eines möglichen Separatismus von der kasachstanischen Regierung sehr ernst genommen wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessant ist auch die ambivalente Position der Russischen Föderation in diesen Fragen. Einerseits willigte Russland ein, bestimmte Informationen an die Behörden in Kasachstan weiterzuleiten, wenn jemand die russische Staatsbürgerschaft erhält. Andererseits sieht das geltende russische Recht nicht vor, beim Erwerb eines russischen Passes auf die Staatsangehörigkeit der Republik Kasachstan verzichten zu müssen. Darüber hinaus hat Russland einen <a href="http://duma.gov.ru/news/53951/">neuen Gesetzesentwurf</a> zum vereinfachten Erhalt der Staatsbürgerschaft verabschiedet. Noch besorgniserregender ist, dass Russland Personen, die in Kasachstan des Separatismus beschuldigt werden, politisches Asyl gewährt. Dies kann als Signal für eine stärkere Unterstützung separatistischer Tendenzen durch Russland gewertet werden. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Sprache, Identität und Staatsbürgerschaft</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"> Häufig sind die Lebensrealitäten der Menschen jedoch um einiges komplexer, als es zunächst den Anschein hat. Zunächst ist Sprache kein entscheidender Faktor für die politischen Präferenzen einer Person. <a href="https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/AF1DFC68346262C8DCC8AD8553933241/S0007123421000533a.pdf/language-ethnicity-and-separatism-survey-results-from-two-post-soviet-regions.pdf">Untersuchungen zeigen</a>, dass Menschen politische Ansichten haben können, die sowohl mit der Sprache übereinstimmen als auch gegen sie gerichtet sind. Zwar kann Sprache einen Einfluss auf die ethnische Identität haben, bestimmt diese aber nicht immer. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus <a href="https://gspp.nu.edu.kz/en/perceptions-of-national-identity-in-kazakhstan-pride-language-and-religion-article-by-gspp-assistant-professor-dina-sharipova/">Umfragen</a> geht ebenfalls hervor, dass Sprache nicht der wichtigste Faktor für die nationale Identität der Kasachstaner:innen ist. Als viel wichtiger wurden die tatsächliche Staatsbürgerschaft Kasachstans, das Gefühl des Patriotismus, die Kenntnis der Geschichte des Landes, die Achtung der Gesetze sowie die Tatsache, in Kasachstan geboren zu sein, genannt – und erst danach Kenntnis der kasachischen Sprache. Interessant ist, dass die ethnische Zugehörigkeit einer Person nicht direkt mit der nationalen Identität verbunden ist. Mit anderen Worten, eine Person kann Kasachstanerin sein, obwohl sie weder Kasachin ist noch die kasachische Sprache beherrscht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter ist fraglich, ob diese Gesetze zur Bekämpfung oder zumindest Erschwerung der doppelten Staatsbürgerschaft tatsächlich wirken. In den meisten Fällen waren Personen mit einer anderen Staatsangehörigkeit ursprünglich kasachstanische Staatsbürger:innen und haben erst später die Staatsangehörigkeit eines anderen Landes erworben. Da viele Kasach:innen im Ausland kein Kasachisch sprechen, könnten die neuen Vorschriften für sie ein Hindernis bei der (Wieder-)Erlangung des kasachstanischen Passes darstellen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-krieg-in-der-ukraine-verleiht-der-kasachischen-sprache-auftrieb/">Der Krieg in der Ukraine verleiht der kasachischen Sprache Auftrieb </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich sind die vorgeschlagenen Änderungen eine Reaktion auf den Wunsch der Regierung, die kasachische Sprache zu fördern. <a href="kazakhstan-focus-group-discussions-spring-2022-national-identity-in-kazakhstan/">Jüngste Untersuchungen</a> zur nationalen Identität in Kasachstan zeigen, welch wichtige Rolle das Kasachische für die Bevölkerung spielt. Viele zeigten sich entrüstet darüber, dass die Sprache in einigen Teilen des Landes nur in geringem Maße verwendet wird, selbst unter den Kasach:innen selbst. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird häufig die schwache Politik der Regierung zur Förderung der Staatssprache dafür verantwortlich gemacht. Fehlende Anforderungen an die Kenntnis des Kasachischen, unwirksame staatliche Programme sowie geringe Sprachkenntnisse bei den Behörden selbst wurden als Hauptgründe für diese Situation genannt. Solche Empfindungen sind vor allem unter jungen Menschen stark ausgeprägt. Angesicht dessen scheint das Staatsbürgerschaftsgesetz eine logische Reaktion auf die wachsende Nachfrage aus der Gesellschaft zu sein. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Balanceakt zwischen zwei Fronten</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Die wichtigste Frage bleibt jene nach der nationalen Identität Kasachstans. In den letzten dreißig Jahren hat die Regierung mehr oder weniger erfolgreich ein Gleichgewicht zwischen einem ethnischen und einem bürgerlichen Modell nationaler Identität geschaffen. Gemäß der Verfassung ist Kasachisch als einzige Staatssprache in Kasachstan anerkannt, doch Russisch wird offiziell in staatlichen Organisationen und lokalen Regierungsbehörden verwendet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Bestimmung findet sich auch im Sprachengesetz wieder. Alle öffentlichen Dienstleistungen sind sowohl auf Kasachisch als auch auf Russisch verfügbar. Nach dem aktuellen Staatsbürgerschaftsgesetz sind für den Erwerb der Staatsbürgerschaft keine Kenntnisse des Kasachischen oder der Grundlagen kasachischer Geschichte erforderlich. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-almaty-und-nicht-alma-ata/">Warum Almaty und nicht Alma-Ata?</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig fördert die Regierung den Gebrauch der kasachischen Sprache. Das Sprachengesetz legt fest, dass das Beherrschen der kasachischen Sprache die Pflicht einer/s jeden Bürger:in der Republik Kasachstan ist. Gegenwärtig ist die Kenntnis des Kasachischen etwa für Stellen im öffentlichen Sektor obligatorisch. Gleichzeitig sucht die Regierung sowohl kasachische Nationalist:innen als auch offene Separatist:innen durch den in das Strafgesetzbuch aufgenommenen Artikel zur „Aufstachelung zu interethnischem Unfrieden“ zu unterdrücken. Insgesamt hat die Regierung sowohl Elemente des bürgerlichen als auch des ethnischen Nationalismus in Kasachstan erfolgreich umgesetzt – wohl auch bewusst ambivalent, da das Thema der nationalen Identität als zu heikel und mit zu viel Sprengkraft versehen beurteilt wird. </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Dilemma der nationalen Identität</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Die neuen Änderungen des Staatsbürgerschaftsgesetzes haben das bereits lange währende Dilemma der nationalen Identität in Kasachstan offengelegt. Bestehende Unsicherheiten scheinen langsam zu verschwinden und das Land stärkt offen, wenn auch vor allem symbolisch, die ethnische Komponente in seiner nationalen Identitätspolitik. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass es sich auf einen ethnischen Nationalismus zubewegt. <a href="https://www.inform.kz/ru/okolo-70-naseleniya-kazahstana-govoryat-na-kazahskom-yazyke_a3927921">Der Anteil</a> der nicht-kasachischsprachigen Bevölkerung sowie der Wunsch, einen offenen Konflikt mit dem nördlichen Nachbarn Russland zu vermeiden, werden die nationale Identitätspolitik des Landes weiterhin beeinflussen. </p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Darüber hinaus ist es schwierig zu sagen, ob die derzeitige Führung des Landes wirklich ein volles ethnisches Modell anstrebt – im Gegenteil, die Rolle der russischen Sprache wird von den Behörden oft betont. Dennoch können wir schon jetzt mit Sicherheit sagen, dass die ethnische Komponente in der nationalen Identität Kasachstans eine immer größere Rolle spielt.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Dias Takenov für CABAR</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://cabar.asia/ru/dilemma-kazahstana-kak-balansirovat-mezhdu-etnicheskoj-i-grazhdanskoj-modelyu-identichnosti"><strong>Russischen</strong></a><strong> (gekürzt) von Michèle Häfliger</strong> </p>



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		<title>Melting Pot: Alina</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Jun 2020 02:54:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bild des Tages]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Melting Pot]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Stanislav Magay]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch Alina hat eine vielschichtige ethnische Identit&#xE4;t: Sie sieht sich als J&#xFC;din, Deutsche, Russin, Ukrainerin und Polin. Foto: Stanislav Magay (Usbekistan) Dieses Foto ist Teil unserer Reihe &#x201E;Zentralasien durch die Linse von&#x2026;&#x201C;. Um mehr &#xFC;ber Stanislav Magay und seine Arbeit zu erfahren, klicke hier. Hier&#xA0;geht&#x2019;s zu mehr Bildern des Tages.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch Alina hat eine vielschichtige ethnische Identität: Sie sieht sich als Jüdin, Deutsche, Russin, Ukrainerin und Polin.</p>
<p><strong>Foto: <a href="https://the-stans.com/">Stanislav Magay </a></strong>(Usbekistan)</p>
<p>Dieses Foto ist Teil unserer Reihe <a href="https://novastan.org/de/tag/zentralasien-durch-die-linse-von/">„Zentralasien durch die Linse von…“</a>. Um mehr über Stanislav Magay und seine Arbeit zu erfahren, klicke <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/zentralasien-durch-die-linse-von-stanislav-magay/">hier</a>.</p>
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		<title>Kasachstan und Kirgistan streiten um Kök-Börü</title>
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		<dc:creator><![CDATA[m_biremon]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Oct 2019 05:41:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kök-börü]]></category>
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		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiele der Nomaden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das emblematische Spiel Zentralasiens, bei dem zwei Reiterteams um einen kopflosen Schafs- oder Ziegenk&#xF6;rper k&#xE4;mpfen, steht im Mittelpunkt eines diplomatischen Streits zwischen Bischkek und Nur-Sultan. Das K&#xF6;k-B&#xF6;r&#xFC;-Team aus Kirgistan wird wahrscheinlich nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen, die Ende des Jahres in Usbekistan stattfinden soll. Dies teilte der kirgisische K&#xF6;k-B&#xF6;r&#xFC; Verband auf einer Sitzung am 26. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Das emblematische Spiel Zentralasiens, bei dem zwei Reiterteams um einen kopflosen Schafs- oder Ziegenkörper kämpfen, steht im Mittelpunkt eines diplomatischen Streits zwischen Bischkek und Nur-Sultan.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Das Kök-Börü-Team aus Kirgistan wird wahrscheinlich nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen, die Ende des Jahres in Usbekistan stattfinden soll. Dies <a href="http://sport.akipress.org/news:1568940/?from=portal&amp;place=nowread&amp;b=1&amp;fbclid=IwAR2pKcG7DR2UIOAkbMIGcgNho2xP1fz2xySkK-gjDUNFHAdp6cH4stAuchs">teilte</a> der kirgisische Kök-Börü Verband auf einer Sitzung am 26. September mit. Diese Ankündigung ist der jüngste Zwischenfall in einer Reihe von Meinungsverschiedenheiten und Spannungen zwischen den Kök-Börü-Nationalmannschaften in Zentralasien.</p>
<p style="text-align: justify">Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buzkaschi">nomadische Reitspiel</a>, bei dem zwei Mannschaften um ein totes Schaf oder eine Ziege kämpfen, hat je nach Land oder gar Region verschiedene Namen: Kök-Börü, Kokpar, Buzkachi, Ulak tartysh&#8230; Vor allem aber hat das Spiel in verschiedenen Ländern unterschiedliche Regeln, was Gegenstand vieler Streitigkeiten ist, manchmal gar auf diplomatischer Ebene.</p>
<p style="text-align: justify">Die Spielregeln sind auch der Grund für die kirgisischen Entscheidung. Diese ist jedoch noch nicht endgültig und die genauen Termine für die Meisterschaft sind auch noch nicht einmal bekannt. Aber der kirgisische Verband hatte bereits im Februar diesen Jahres seine grundsätzliche Ablehnung des Wettbewerb angekündigt, sollten die eigenen Regeln nicht angewendet werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Neue Regeln „für die Sicherheit der Spieler“ </strong></p>
<p style="text-align: justify">Denn es war der kirgisische Kök-Börü-Verband, der das Spiel erstmals 1996 mit Regeln institutionalisiert hat, und es zu einem Mannschaftssport machte. Bis dahin spielte dieses Spiel jeder für sich: Dutzende, manchmal sogar Hunderte von Männern kämpften um das tote Tier. Nun wurde Kök-Börü zu einem Spiel zwischen zwei Mannschaften aus vier Spielern und acht Ersatzspielern, gespielt über drei 20-minütige Spielzeiten. Was aber den Sport wirklich revolutionierte, war die Einführung von Toren, dem sogenannten „Tai Kasan“, um zu einem internationalen Hochleistungssport zu werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mutige-manner-geschickte-pferde-interview-mit-einem-kok-boru-spieler/">Mutige Männer, geschickte Pferde &#8211; Interview mit einem Kök-Börü Spieler </a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eben diese Tore sollen bei der nächsten Weltmeisterschaft nicht eingesetzt werden: <em>„Für andere Länder ist es wirklich schwierig, mit dem Tai Kasan zu spielen“,</em> <a href="https://rus.azattyk.org/a/kyrgyzstan-kok-boru-kokpar-rules/29771825.html">begründete</a> der Präsident des Verbands für nationale Sportarten Kasachstans Bekbolat Tleuhan im Februar diese Entscheidung. <em>„Wie viele unserer Spieler haben sich wegen dieser Tore den Hals gebrochen, den Kopf verletzt oder wurden behindert? Manchmal endet das Spiel sogar tödlich“,</em> fügte er im Interview mit Radio Azattyq, der kasachstanischen Branche von Radio Free Europe, hinzu.</p>
<p><figure id="attachment_18426" aria-describedby="caption-attachment-18426" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-18426" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/10/IMG_8702.jpg" alt="Tai Kasan Tor Kök-Börü" width="1024" height="683" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/10/IMG_8702.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/10/IMG_8702-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/10/IMG_8702-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/10/IMG_8702-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-18426" class="wp-caption-text">Das Tor beim Kök-Böru, der &#8222;Tai Kasan&#8220;, steht im Herzen der Uneinigkeit</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Die hohen Toren aus Beton werden daher durch Kreidekreise am Boden ersetzt. Auch andere Vorschriften wurden geändert: Es bleiben nur noch zwei Halbzeiten, die Ziege oder das Schaf wird durch eine Attrappe ersetzt und die Pferde können nicht mehr vollständig beschlagen werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eine grundsätzliche Uneinigkeit </strong></p>
<p style="text-align: justify">Kasachstan hatte diese Regeln bereits 2017 für die erste Kokpar-Meisterschaft in Astana, <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-hauptstadt-wird-in-nursultan-umbenannt/">heute Nur-Sultan</a>, eingeführt. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Reiterteams mussten dann von der kirgisischen Botschaft in Kasachstan beigelegt werden.</p>
<p style="text-align: justify"> „<em>Diese neuen Regeln verändern Kök-Börü radikal</em>“, erklärt der kirgisische Sportjournalist Samat Dschumakadyrow im Interview mit Novastan. „<em>Der Tai Kasan ist genau das, was Kök-Börü so spektakulär machte. Es ist, als würde man dem Fußball das Tor wegnehmen: Natürlich würde es die Zuschauer enttäuschen</em>“, so Dschumakadyrow, der einen <a href="https://www.youtube.com/channel/UCe6UkHUtpqx4U13AJD4ONmw">Youtube-Kanal</a> über das Spiel betreut.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Machtspiel </strong></p>
<p style="text-align: justify">Für den kirgisische Kök-Börü Verband ist diese Entscheidung „<em>unbegründet</em>“ und illegal. <em>„2013 wurde ein Verband für traditionelle türkische Sportspiele (der die Weltmeisterschaft koordiniert, Anm. d. Red.) gegründet, aber zu Unrecht.</em> Es <em>gibt bereits einen Kök-Börü-Verband. Es</em> <em>war also nicht notwendig, noch eine Organisation zu schaffen“,</em> <a href="https://rus.azattyk.org/a/kyrgyzstan-kok-boru-kokpar-rules/29771825.html">merkte</a> der Präsident des Kirgisischen Verbands Dschyrgalbek Samatow am 15. September an und fügte hinzu, dass sich der Verband weiter für seine Regeln einsetzen würde.</p>
<p style="text-align: justify"> Dschumakadyrow interpretiert die Regeländerung als eine Politisierung von Kök-Börü. „<em>Kasachstan hat Unterhaltung durch Politik ersetzt. Es strebt nach einer geopolitischen Führungsrolle in Zentralasien und will nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell dominieren. Deshalb möchte das Land sich Kök-Börü aneignen</em>“, erklärt er Novastan. „<em>In den letzten Jahren gab es zunehmend Streitigkeiten über das Spiel zwischen Kirgistan und Kasachstan, und bald könnte sich auch Usbekistan dazugesellen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Seit 2013, als die ersten regionalen Turniere organisiert wurden, haben sich die Skandale während der Spiele <a href="https://kaktus.media/doc/379290_kok_bory_vs_kokpary._skandal_za_skandalom.html">vervielfacht</a>. Kirgistan hatte 2013 gegen Kasachstan verloren und parteiische Schiedsrichter dafür verantwortlich gemacht. Kasachstan nahm 2014 nicht an den ersten Weltspielen der Nomaden teil, eh es Kirgistan bei der <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kurz-erklrt-internationale-nomadenspiele-in-kirgistan-2016/">zweiten Ausgabe 2016</a> mit 3-15 deutlich unterlag. Bei der ersten Meisterschaft in Astana im Jahr 2017 drohte Kirgistan bereits zweimal das Turnier zu verlassen, jeweils aufgrund der unterschiedlichen Regeln. Schließlich schickte die kasachische Föderation eine junge Mannschaft zu den <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/succes-des-deuxiemes-jeux-nomades-et-apres/">letzten Nomadenspielen 2018</a>, die vom Präsidenten des kirgisischen Verbands beschuldigt wurde, im Halbfinale absichtlich verloren zu haben, um nicht gegen Kirgistan anzutreten.</p>
<p style="text-align: justify">Ähnliche Spannungen gibt es auch innerhalb der Länder, zwischen Teams aus verschiedenen Dörfern und Gebieten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Im Herzen zentralasiatischer Identitäten </strong></p>
<p style="text-align: justify"> „<em>Ursprünglich ist Kök-Börü im Wesentlichen mit der Stammesautorität verbunden</em>“, sagt Carolyn Willekes, auf Reitthemen spezialierte Anthropologin und Autorin der Studie <em><a href="https://www.ingentaconnect.com/content/whp/nomp/2017/00000021/00000002/art00006">A tale</a></em><a href="https://www.ingentaconnect.com/content/whp/nomp/2017/00000021/00000002/art00006"> of</a><em><a href="https://www.ingentaconnect.com/content/whp/nomp/2017/00000021/00000002/art00006"> two games: Cirit, Buzkashi and the Horsemen of the Asiatic Steppe</a></em><em>,</em> im Gespräch mit Novastan. „<em>Auch wenn es kein Mannschaftssport war, stand das Prestige und die Macht des Clans auf dem Spiel. Und das ist auch heute noch der Fall, wie die Entstehung einer speziell auf Kök-Börü ausgerichtete Pferdezuchtindustrie zeigt. Regionale und sogar nationale Mannschaften stellen bestimmt auch heute noch eine Art Stamm dar</em>“, sagt sie. Dies würde die Bedeutung und den Stolz erklären, der diesem Spiel und der Wahl der Regeln beigemessen wird.</p>
<p><figure id="attachment_10008" aria-describedby="caption-attachment-10008" style="width: 1200px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-10008" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3.jpg" alt="Kök-Böru in Kyzyl-Tuu in Kirgistan" width="1200" height="801" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3.jpg 1200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3-1024x684.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/DSC_5405-3-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /><figcaption id="caption-attachment-10008" class="wp-caption-text">Das Kök-Böru ist die Königsdisziplin der zentralasiatischen Reitspiele und natürlich auch bei den Welspielden der Nomaden vertreten.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Genauer gesagt, sind das Pferd und insbesondere Kök-Börü ein wichtiger Teil der kirgisischen und anderer nomadisch geprägten Kulturen. <em>„Der k</em><em>irgisische Sport und die kirgisische Philosophie sind eng mit dem Pferd verbunden. Und Kök-Börü wird umso mehr geehrt, als es früher zur Vorbereitung von Männern und Pferden auf den Kampf eingesetzt wurde</em>“, erklärt Dschumakadyrow. „<em>Außerdem ist es unmöglich, ein Kök-Börü-Spiel ruhig, gleichgültig und sitzend zu beobachten: Der Zuschauer taucht mit dem Spieler in die nomadische Welt ein und fordert mehr davon</em>“.</p>
<p style="text-align: justify">Kök-Börü ist für viele Kirgisen mehr als nur ein Sport. Es ist eine Lebensweise, die seit Jahrhunderten in der kirgisischen Seele verankert ist. „<em>Kök-Börü ist ein wesentlicher Bestandteil von Identität in Zentralasien, besonders in Zeiten der Globalisierung, Urbanisierung und Modernisierung</em>“, führt die Forscherin Carolyn Willekes fort. „<em>Die Herausforderungen und Veränderungen der traditionellen Lebensweise in Zentralasien können die Bedeutung des Spiels als Mittel zur Erhaltung einer bestimmten Form von Identität und Tradition sogar noch erhöhen</em>&#8222;, erklärt sie. So versteht man, wie Kök-Börü so viele Spannungen erzeugen kann. „<em>Keine Nation will eine Meisterschaft verlieren, aber wenn es um Herkunft, Tradition und Identität geht, ist der Einsatz noch größer</em>“, so Willekes.</p>
<p style="text-align: justify">Kirgistan hofft auch in Zukunft seine Kök-Börü Regeln weltweit durchzusetzen. Das zentralasiatische Binnenland hat dafür gesorgt, dass die Weltspiele der Nomaden, die 2020 erstmals in der Türkei stattfinden, &#8222;auf kirgisische Art“ organisiert werden. In der Zwischenzeit diskutieren Spieler und Unterstützer über die mögliche Teilnahme Kirgistans an den Kokpar-Meisterschaften in diesem Jahr. Für den ehemaligen Präsidenten der Föderation, Talas Begalyew, ist es unerlässlich, dorthin zu gehen und zu „<em>gewinnen</em>“, welche Regeln auch gelten mögen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Marion Biremon</strong><br />
<strong>Journalistin für Novastan in Bischkek (Kirgistan)</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Französischen von Florian Coppenrath</strong></p>
<p><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Leben auf dem Dach der Welt: Über tadschikische und pamirische Identitäten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[esaudkasova]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Mar 2019 18:14:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Pamir]]></category>
		<category><![CDATA[Zentralasien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die ethnische Identit&#xE4;t der Pamiris, V&#xF6;lker im Pamir-Gebirge, wird seit langem sowohl innerhalb ihrer Gemeinschaften, insbesondere in Tadschikistan, als auch au&#xDF;erhalb dieser Gemeinschaften diskutiert. In dem k&#xFC;rzlich ver&#xF6;ffentlichten Buch &#x201E;Identit&#xE4;t, Geschichte und Transnationalit&#xE4;t in Zentralasien. Berggemeinschaften des Pamirs&#x201C; (&#x201E;Identity, History and Trans-Nationality in Central Asia. The Mountain Communities of Pamir&#x201C;), herausgegeben von Dagihudo Dagiev und [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Die ethnische Identität der Pamiris, Völker im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_(Gebirge)">Pamir-Gebirge</a>, wird seit langem sowohl innerhalb ihrer Gemeinschaften, insbesondere in Tadschikistan, als auch außerhalb dieser Gemeinschaften diskutiert. In dem kürzlich veröffentlichten Buch &#8222;Identität, Geschichte und Transnationalität in Zentralasien. Berggemeinschaften des Pamirs&#8220; (<a href="https://www.routledge.com/Identity-History-and-Trans-Nationality-in-Central-Asia-The-Mountain-Communities/Dagiev-Faucher/p/book/9780815357551">„Identity, History and Trans-Nationality in Central Asia. The Mountain Communities of Pamir“</a>), herausgegeben von Dagihudo Dagiev und Carol Foucher, wird die Geschichte und Identität der Pamiris beleuchtet. Das folgende Interview erschien im russischsprachigen Original auf </strong><a href="https://caa-network.org/archives/14622?fbclid=IwAR2bgIlxskwL5PNaHAcN8_aV-bDe_pjkWS97rO9HNBzv8ZC2TqxApOfQO1M"><strong>CAA-Network</strong></a><strong>. Wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Dr. Dagikhudo Dagiev ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut von Ismaili Studien in London. Seine wissenschaftlichen Interessen gelten modernen Gesellschaften im postkommunistischen Zentralasien, ihre Geschichte und Religion, die Wiedergeburt des Islam als Glaube sowie die Entstehung islamistischer Ideologien und Nationalismus. Bereits 2013 erschien sein erstes Buch &#8222;&#8218;<a href="https://www.taylorfrancis.com/books/9781134600694">Regime Transition in Central Asia: Stateness, Nationalism and Political Change in Tajikistan and Uzbekistan</a>&#8222;.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAA-N: </strong>Erzählen Sie uns von Ihrem Buch, von den ethnischen Gruppen, der Kultur und den Sprachen des Pamir und der Region Badachschan.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Dagiev: </strong>Das Buch präsentiert verschiedene Argumente, die die Identifizierungs- und Identitätsprozesse von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Pamiris">Pamiris</a> erörtern und beschreibt die Geographie der Region, ihre jüngere Geschichte, sowie das reiche philosophische, religiöse und kulturelle Erbe des Pamirs und Fragen der aktuellen Verbreitung von Traditionen, der Friedenskonsolidierung. Experten liefern aktuelle Informationen über die ismailitischen Gemeinden in der Region und ergänzen somit das historische und ethnographische Erbe der Sowjetzeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Im populären Diskurs bilden Pamiris oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Badachschan">Badachschans </a>eine kleine Gruppe iranischer Völker, die die Bergregionen Pamir und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hindukusch">Hindukusch</a>, die historische Region von Badachschan im heutigen Afghanistan, bewohnen. Den Begriffen &#8222;Pamir&#8220; und &#8222;Badachschan&#8220; kommt eine getrennte Bedeutung zu. Während der Pamir eine geografische Landschaftsbezeichnung ist, gehört Badachschan zu einem Gebiet mit historisch gewachsenen  Grenzen unter staatlicher Kontrolle.</p>
<p style="text-align: justify;">Pamirgemeinschaften befinden sich gegenwärtig auf dem Gebiet von vier Nationalstaaten: Tadschikistan, Afghanistan, China und Pakistan. Diese Gemeinden sprechen verschiedene Dialekte der ostiranischen Sprachen. Während des 19. Jahrhunderts war die Region das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game">Konfrontationsfeld der damaligen Weltmächte</a>: des Britischen und des Russischen Reiches. Infolgedessen förderten die beiden Kolonialmächte künstlich die Rivalität zwischen den lokalen Machthabern, den Emiren und den Khans, indem sie die sogenannte &#8222;Divide et impera&#8220; -Politik („Teile und herrsche“) umsetzten. Am Ende des 19. Jahrhunderts verwandelte sich der Fluss Panj in eine natürliche Grenze zwischen den Kolonialmächten. Im 20. Jahrhundert wurde die Region schließlich zwischen den vier Ländern aufgeteilt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAA-N: </strong>Die ethnische Identität der Pamiris wurde im letzten Jahrhundert in Tadschikistan politisiert und stellt ein sensibles Thema dar, insbesondere nach der Unabhängigkeit des Landes. Wie hat sich dieser Prozess entwickelt?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Dagiev:</strong> Nach den Chroniken russischer Forscher hielten sich selbst die Bewohner des Pamir-Gebirges für Tadschiken, nicht für Pamiris. Im zweiten Teil des Buches haben wir Faktoren analysiert, die zu einer Veränderung der Identität einiger Pamiris beigetragen haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Erst Wissenschaftler, die den Pamir untersuchten, führten die Begriffe &#8222;Pamir&#8220; und &#8222;Pamiris&#8220; in die Wissenschaft ein, welche später zum Identitätsmarker für das tadschikische Volk der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Berg-Badachschan">Autonomen Provinz Berg-Badachschan</a> in Tadschikistan wurde. Pamirisch zu sein ist laut dieser Forschung ein sich stetig weiterentwickelndes Konstrukt. Solange es sich entwickelt, ohne separatistische Tendenzen anzunehmen, wird es auch weiterhin im Rahmen der nationalen Debatte für die Pamir-Tadschiken und den tadschikischen Staat bleiben.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Sowjetzeit wurden Straßen gebaut, Verwaltungseinrichtungen, Krankenhäusern oder Schulen errichtet. Zudem stieg die Alphabetisierungsrate erheblich an, was zu einem Bevölkerungsanstieg von 21.000 auf 200.000 Menschen führte. Ausbildung spielte in der Autonomen Provinz Berg-Badachschan eine Schlüsselrolle, insbesondere im Jahre 1989, als das Forschungsinstitut für Pamir als Teil der Wissenschaftsakademie von Tadschikistan gegründet wurde.</p>
<p><figure id="attachment_14563" aria-describedby="caption-attachment-14563" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class=" wp-image-14563" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-300x200.jpg" alt="Sicht Palast Duschanbe Tadjikistan" width="496" height="330" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan-128x86.jpg 128w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/07/Palace_of_Nations_and_the_Flagpole_Dushanbe_Tajikistan.jpg 1600w" sizes="(max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-14563" class="wp-caption-text">Der Präsidentpalast in Duschanbe, Tadschikistan</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: left;"><strong>CAA-N:</strong> Obwohl die Öffentlichkeit Pamiris von Tadschiken unterscheidet, behaupten Sie, dass Pamiris Tadschiken seien. Worauf beruht Ihr Argument? Führt eine solche Meinung nicht zu anderen Fragen, z.B. kann man auch Bevölkerungsgruppen, die in Afghanistan (Badachschan) und Pakistan (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hunzukuc">Hunza</a>) die gleichen Pamir-Sprachen sprechen, wie etwa Vakhans und Ishkashimen, den Tadschiken zurechnen? Identifizieren sie sich selbst als Tadschiken? Was ist mit den persischsprachigen Völkern Afghanistans wie den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chasaren">Khazaren</a>? Wer ist eigentlich Tadschike im Allgemeinen und wie definieren wir ethnische Zugehörigkeit – auf der Grundlage von Sprache, Kultur oder geographischem Vertreitungsgebiet?<br />
Zugleich äußern einige Historiker die Meinung, dass die Bolschewiki aufgrund von politischen Überzeugungen den Namen des Volkes und der Sprache der persischsprachigen Iraner ihres Territoriums änderten, um die Verbindung zwischen sowjetischen und nicht-sowjetischen Persern (Tadschiken) zu trennen. So hieß „Tadschike“ einfach nur so viel wie „nicht turksprachig“.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Dagiev:</strong> Wie bereits erwähnt, bezieht sich der Begriff „Pamiris“ im Allgemeinen auf eine Gruppe iranischer Einwohner von Berg-Badachschan in Tadschikistan und der Provinz Badachschan in Afghanistan. In China werden diese Menschen offiziell als Tadschiken betrachtet. Vor nicht allzu langer Zeit passierte dasselbe in Afghanistan, wo sie als Tadschiken bezeichnet wurden, bevor die afghanische Regierung sie vor kurzem als Pamiris klassifizierte.</p>
<p style="text-align: justify;">Deswegen gehören die „Pamiris“ derzeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die verschiedene Sprachen der Ureinwohner der Autonomen Provinz Berg-Badachschan und der gesamten Pamir-Region sprechen. Sie haben enge sprachliche, kulturelle und religiöse Beziehungen zu den Menschen in der Provinz Badachschan in Afghanistan, zu den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschiken_Chinas">Selekuer</a> in China und zu den Wakhi (auch: Khik) in der tadschikischen autonomen Region Tashkurgan, in der Provinz <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang">Xinjiang </a>in China.</p>
<p style="text-align: justify;">Den Begriff &#8222;Tadschike&#8220; kann man zwei verschiedenen Kategorien zuordnen: Eine enge Definition zählt nur persisch oder tadschikischsprachige Bewohner des heutigen Zentralasiens und Afghanistans zu den Tadschiken. Die zweite Definition bezieht sich auf das iranische Volk in Zentralasien, Afghanistan und in anderen Orten, wo Menschen verschiedene alte Sprachen der iranischen Sprachfamilie sprechen, sich historisch jedoch als Tadschiken identifizieren.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan:<a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/der-pamir-ist-im-trend-aber-nur-mit-sondergenehmigung-zu-erreichen/"> Der Pamir ist im Trend, aber nur mit Sondergenehmigung zu erreichen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Aus dieser Sicht hat der Begriff eine historische und aktuelle Definition, die man in ihrem zeitlichen und räumlichen historischen Kontext einordnen muss. Natürlich war die Definition des Begriffs &#8222;Tadschike&#8220; als ethnische Identität im Bewusstsein und in den Wahrnehmungen der Menschen vor der Gründung von Tadschikistan als &#8222;Nationalstaat&#8220; im Jahr 1929 anders. Ob der Begriff &#8222;Tadschike&#8220; die kulturelle, soziale und politische Landschaft der Region jener Zeit widerspiegelt, ist umstritten.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Tat war es eine bewusste Politik der bolschewistischen Regierung, die Menschen nach ethnischen Merkmalen einteilte, indem sie ihre Sprache <em>тоҷикӣ</em> nannte, während diese Sprache vor der Sowjetzeit nicht so genannt wurde. Seit Jahrhunderten war diese Sprache als Persisch bekannt. Anschließend hat sich die persische Sprache in allen Gebieten des Großirans (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sassanidenreich">Sassanidenreich </a>und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ach%C3%A4menidenreich">Achämenidenreich</a>) verbreitet. Eines der besten Beispiele für dieses Argument ist die Tatsache, dass die sogenannten Pamiris die persischsprachigen Bewohner von Darvaz und Karategin Farsivan („diejenigen, die Farsi sprechen“) nannten.</p>
<p style="text-align: justify;">Persisch war die gemeinsame Sprache für alle Völker, die in Zentralasien iranische Sprachen sprachen. Ab 1939 wurde die tadschikische Sprache ausschließlich für eine Gruppe von iranischsprachigen Völkern in Zentralasien anwendbar – für diejenigen, die Tadschikisch sprachen. Infolgedessen betrachtete man andere Gruppen von iranischsprachigen Völkern in Zentralasien, wie die Pamiris-Tadschiken (,die Pamir-Sprachen sprechen,) als &#8222;andere&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch bei Novastan:<a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/arbeitslosigkeit-armut-und-missbrauch-das-leben-der-frauen-in-den-entlegenen-gebieten-tadschikistans/"> Arbeitslosigkeit, Armut und Missbrauch: Das Leben der Frauen in den entlegenen Gebieten Tadschikistans </a></strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAA-N: </strong>Wahrscheinlich sprechen viele der Nachkommen derer, die zuvor in Samarkand und Bukhara und in anderen persischsprachigen Gebieten des heutigen Usbekistans Farsi gesprochen haben, jetzt Usbekisch und identifizieren sich als Usbeken. Ihre Vorfahren identifizierten sich nach ihrer Herkunftsstadt, zum Beispiel als Samarkander oder Bucharer. Können wir diese jungen Leute immer noch als Tadschiken bezeichnen, obwohl sich ihre Vorfahren nie als Tadschiken identifiziert haben?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Dagiev:</strong> Natürlich sprechen die meisten Menschen, die in verschiedenen modernen Staaten leben, beispielsweise in Usbekistan, nicht mehr Farsi (Tadschikisch), aber ethnisch sind sie nach wie vor keine Usbeken oder Pakistani. Nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes der Sowjetunion, wie es in Samuel Huntingtons Buch &#8222;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen">The Clash of Civilizations</a>&#8220; beschrieben ist, sind die jüngeren Generationen sehr daran interessiert, ihre Geschichte, Identität, Sprache und Kultur kennenzulernen. Natürlich war die Sprache ihrer tausendjährigen Geschichte und Kultur Persisch. Dies ist der Hauptgrund, warum viele dieser iranischen Völker ihre Ursprünge in Zentralasien haben und sich über ihre Sprache und Identität Gedanken zu machen. Dies gilt für die Tadschiken Usbekistans, Afghanistans, Pakistans und Chinas.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAA-N: </strong>Wenn über Badachschan gesprochen wird, reden wir meistens über Pamiris, Tadschiken, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ismailiten">Ismailiten</a> usw. Dabei werden oft die dort lebenden Turkvölker vergessen. Beispielsweise umfasst der Bezirk Murghab in Badachschan mehr als 30% des gesamten Territoriums Tadschikistans, ist aber überwiegend von Kirgisen bewohnt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Dagiev:</strong> Es ist wichtig anzumerken, dass auch andere ethnische Gruppen den Pamir bewohnen, darunter Kirgisen, die im östlichen Teil der Autonomen Provinz Berg-Badachschan Tadschikistans leben. Unser Buch konzentriert sich auf Pamir-Gemeinschaften, die mit einem gemeinsamen religiösen Bekenntnis vereint sind – Ismailismus. Dies ist ein Zweig des schiitischen Islam, dessen Präsenz in der Region bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurückreicht und mit der Tätigkeit von Nasir Khusraw (1004-1088) verbunden ist. Darüber hinaus sprechen Pamiris heterogene Sprachen, die Teil der ostiranische Gruppe des iranischen Zweigs der indoeuropäischen Sprachfamilie sind.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAA-N: </strong>In Zeiten der Globalisierung, wenn die Wirtschaft an erster Stelle steht, welche Bedeutung hat das Studium und die Förderung solcher Themen?<strong><br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Dagiev:</strong> Ich würde sagen, dass es nie wichtiger war, die eigene Identität zu kennen, als in Zeiten der Globalisierung. Das bedeutet nicht, die Türen des &#8222;Andersseins&#8220; zu schließen, sondern das Gegenteil: Nur wenn Sie sicher sind, wer Sie sind und woher Sie kamen, können Sie Toleranz entwickeln. Toleranz ist die Akzeptanz von Vielfalt in allen Bereichen: im kulturellen, politischen, sprachlichen und religiösen. Die Prozesse der Globalisierung oder Internationalisierung sollten nicht zu einer Homogenisierung führen, sondern im Gegenteil die Tür für diejenigen öffnen, die anders sind als wir.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Aus dem Russischen von </strong><strong>Esmira </strong><strong>Saudkasova<br />
</strong></p>
<p><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Russlands Einfluss in Zentralasien: Medien, Bildung, Kultur</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Nov 2017 10:48:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigranten]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Marina Jir-Lebed]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Soft Power]]></category>
		<category><![CDATA[Zentralasien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Marina Zhir-Lebed, Doktorandin an der Otto-Friedrich-Universit&#xE4;t Bamberg, erforscht in ihrer Dissertation die Wechselbeziehungen zwischen der Bildung einer nationalen Identit&#xE4;t und dem Gebrauch sozialer Medien am Beispiel Kasachstans. Im Interview mit Central-Asian Analytical Network (CAAN), das wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion &#xFC;bersetzen, spricht sie &#xFC;ber die Parameter russischer &#x201E;Soft Power&#x201C;. &#xA0; CAAN: Wenn man die [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Marina Zhir-Lebed, Doktorandin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, erforscht in ihrer Dissertation die Wechselbeziehungen zwischen der Bildung einer nationalen Identität und dem Gebrauch sozialer Medien am Beispiel Kasachstans. Im Interview mit </strong><strong>Central-Asian Analytical Network (<a href="http://caa-network.org/archives/10774">CAAN</a>)</strong><strong>, das wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übersetzen, spricht sie über die Parameter russischer „<a href="http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/177268/soft-power">Soft Power</a>“.</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>CAAN: </strong><strong>Wenn man die Kulturpolitik der „traditionell“ in Zentralasien aktiven Akteure wie Russland, der USA, China, der Türkei, Japan und Südkorea analysiert, wirken sie dann nicht wie die Teilnehmer eines „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Great_Game">The Great Game</a>“ (Das Große Spiel, Anm. d. Red.), in dem sich alle gegenüberstehen? Im Rahmen Ihrer Forschungen haben Sie sich mit der Politik der Europäischen Union in Zentralasien beschäftigt. Gibt es ein „Great Game“ in der kulturell-humanitären Sphäre der Region?</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Marina Zhir-Lebed</strong>: Meiner Meinung nach zeichnet sich ein solches „Großes Spiel“ im kulturell-humanitären Kontext Zentralasiens kaum ab. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die aktive Präsenz Russlands im kulturellen-humanitären Bereich im Hintergrund erfolgt, sowohl was die zentralasiatischen Staatsoberhäupter angeht als die Bevölkerung.</p>
<p style="text-align: justify;">Russland betrachtet sich als Beschützer eines mit Zentralasien gemeinsamen humanitären Raums, indem es in erster Linie die gemeinsame Geschichte sowie die Rolle der russischen Sprache in Zentralasien anführt. Unter dem Deckmantel von <a href="http://drf-berlin.de/?q=ru/rossotrudnitschestwo-0">Rossotrunitschestwo</a> (der russischen staatlichen Agentur für humanitäre Zusammenarbeit, Anm. d. Ü.) versucht Russland, die Idee einer „Russischen Welt“ zu verbreiten, indem zum Beispiel Russische Zentren eröffnet werden oder AbiturientInnen aus zentralasiatischen Ländern die Möglichkeit erhalten, in Russland zu studieren. Die zentralasiatischen Staaten haben offiziell nichts dagegen und unterstützen dies sogar im Rahmen gutnachbarlicher Beziehungen. Aber parallel dazu bauen sie die humanitären Beziehungen mit der westlichen Welt aus. So werden westliche Bildungsstandards an zentralasiatischen Universitäten eingeführt und verschiedene Bildungsprogramme wie Erasmus oder die Programme des DAAD unterstützt.</p>
<p><figure id="attachment_8956" aria-describedby="caption-attachment-8956" style="width: 3228px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8956" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1.jpg" alt="Kirgisische Studenten DAAD Workshop Balasagyn Universität" width="3228" height="1493" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1.jpg 3228w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1-300x139.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1-768x355.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1-1024x474.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/05/Auf-Bäumen-Chaos-Dichten-1-1300x601.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 3228px) 100vw, 3228px" /><figcaption id="caption-attachment-8956" class="wp-caption-text">Teilnehmer eines Workshops des DAAD an der Kirgisischen Nationalen Balasagyn Universität</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify;">Abseits des Politischen muss die sowjetische Vergangenheit und die Ähnlichkeit der Breitenkultur in Russland und Zentralasien hervorgehoben werden. In Zentralasien lebt eine große russische Diaspora, die im strategischen Interesse Russlands liegt, was die Russische Föderation deutlich von anderen Akteuren in der Region unterscheidet. Darüber hinaus beherrscht der Großteil der Bevölkerung in den zentralasiatischen Staaten die russische Sprache und verfügt mit den Russen über gemeinsame kulturelle Codes, weswegen sich Russland als untrennbar mit Zentralasien verbunden wahrnimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Dadurch werden auch in Zentralasien vor allem russische Medieninhalte konsumiert. Sowohl bei den Massenmedien als auch in den sozialen Netzwerken dominieren Informationen aus Russland ohne nennenswerte Konkurrenz. In der Folge steht die Bevölkerung der zentralasiatischen Republiken unter dem Einfluss des innerrussischen politischen Diskurses, der oft mit der Überhöhung der Geschichte und der Suche nach ideologischen Feinden einhergeht. Aber dennoch gibt es gerade bei der Jugend Zentralasiens ein Streben nach westlichen Standards und neoliberalen Werten, allerdings in einem Ausmaß, das die kulturelle Position Russlands in Zentralasien kaum gefährden kann.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nutzt Russland diesen Einfluss, damit die russische Diaspora nicht vergisst, dass es eine „historische Heimat“ gibt oder zielt er auf die gesamte Bevölkerung der zentralasiatischen Staaten ab? Welche der beiden Optionen hat für Russland Priorität?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Für Russland ist es wichtig, eine mindestens loyale Bevölkerung in Zentralasien zu haben. Dies ist sowohl mit der Bedrohung durch den radikalen Islam als auch mit wirtschaftlichen und verteidigungspolitischen Interessen verbunden. So hat Russland beispielsweise vorgeschlagen, in die syrischen Deeskalationszonen auch Soldaten aus Kasachstan und Kirgistan zu senden.</p>
<p style="text-align: justify;">Außerdem zeigt das Beispiel der Ukraine, dass die russischsprachige Diaspora bei der Realisierung russischer außenpolitischer Strategien nützlich sein kann. Das Ziel Russlands ist es, die Idee der „russischen Welt“ zu verfestigen, auch in Zentralasien. Es geht hier also nicht nur um ein „historische Heimat“, sondern um eine „große historische Vergangenheit“, die den Angehörigen der Diaspora das Gefühl gibt zu einem „großen Volk“ zu gehören. Andererseits wird so das Risiko ethnischer Konflikte in Zentralasien erhöht, die die Pläne Russlands in der Region potenziell bedrohen würden. Deswegen ist es in Russlands Interesse, die Balance zu wahren, die aber in erster Linie von seinen weiteren Prioritäten abhängt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Als einfacher Beobachter kann ich sagen, dass die russischen Medieninhalte mich wenig beeindrucken. Es gibt Krimiserien und die ewig schreienden Redner in Politik-Talkshows, aber keine positiven Erzählungen, die dazu geeignet sind, eine Begeisterung für Russland hervorzurufen. Mir scheint, dass der Eindruck täuscht, dass Russland aufgrund seiner medialen Vormacht mehr geliebt und geachtet wird. Der Inhalt ist vielmehr auf die eigenen StaatsbürgerInnen ausgerichtet. <a href="https://deutsch.rt.com/">Russia Today</a> und <a href="https://de.sputniknews.com/">Sputnik</a> sind da natürlich Ausnahmen, aber das, was wir sehen, ist doch hauptsächlich fürs Inland bestimmt. Was meinen Sie dazu?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Sie haben Recht damit, dass die russischen Sender und sozialen Medien sich in erster Linie an russische StaatsbürgerInnen richten. Ihr Inhalt richtet sich nicht direkt an die Menschen in Zentralasien, kann aber von ihnen als Teil des gemeinsamen kulturellen Codes betrachtet werden. Wenn zum Beispiel Russland sich den USA gegenüberstellt und das Bild eines Feindes zeichnet, so kann dies auch einen Effekt auf die Menschen in Zentralasien haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine andere Frage ist, wie die MediennutzerInnen in Zentralasien mit den erhaltenen Informationen umgehen. Und hier ist es meiner Meinung nach wichtig, den sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund zu beachten. Abgesehen davon gibt es eine Tendenz, dass eine Folge des Konsums russischer Medieninhalte eine wachsende Sympathie für das russische Volk und die russische Sprache ist, während sich dies in Bezug auf Russland als Staat eher andersherum verhält. Hier greifen die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase">Informationsblasen</a>-Theorie sowie der <a href="http://luhmann.uni-trier.de/index.php?title=Uses-and-Gratifications-Ansatz">Nutzen-und-Belohnungs-Ansatz</a> (Uses and Gratifications Approach), da die Jugend – und dies ist die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe – soziale Medien dem Fernsehen vorzieht und sich so seine eigene Sicht bildet. Deswegen kann es hier keine Erfolgsgarantie geben.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Erzählen Sie uns über die KasachstanerInnen, die zum Studieren nach Russland gehen. Laut Statistik ist ihre Zahl seit der Unabhängigkeit stabil. Man hört, dass russische Hochschulen in den Regionen Kasachstans qualitativ hochwertige Rekrutierungskampagnen fahren. Wie ergeht es unserer Jugend in Russland und wie beeinflusst das ihre Beziehung zum Nachbarland? Stellt die Ausbildung in Russland eine Art von Soft Power dar?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Russische Hochschulen ziehen seit jeher AbiturientInnen aus Zentralasien an, vor allem aus Kasachstan. Die geografische und kulturelle Nähe sowie der Zugang zur russischen Sprache spielen hier ihre Rolle. Ein russisches Diplom erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der Zugang zu russischen Hochschulen wurde erleichtert und Rossotrudnitschestwo vergibt Stipendien, deren Zahl sich in den letzten paar Jahren verdoppelt hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Allgemein ist Bildung an sich ein klassisches Instrument der Sozialisierung und stellt somit auch Soft Power dar. Insbesondere Russland geht offen damit um, dass es auf die Akquisition von Studierenden, unter anderem aus der <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/gemeinschaft-unabhaengiger-staaten">Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)</a> abzielt. Immer mehr russische Universitäten nehmen an Bildungsmessen in den (kasachstanischen, Anm. d.Ü.) Regionen teil. Außerdem muss man anmerken, dass allein in Kasachstan sechs Filialen russischer Hochschulen, an denen nach russischem Lehrprogramm unterrichtet wird, existieren. In Kirgistan und Tadschikistan gibt es die Slawische Universität.</p>
<p style="text-align: justify;">Was die kasachstanischen Studierenden in Russland betrifft, so beeinflusst ihre Ausbildung in der Russischen Föderation auch ihre Weltsicht. Indem sie sich im Land befinden, werden sie auch von Traditionen und Regeln beeinflusst, die sie selbst wieder unter FreundInnen und Verwandten verbreiten.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Gibt es die Sorge, dass Zentralasien sich verändert und sich aus dem postsowjetischen Raum herauslöst? Wenn es diese Sorge gibt, könnte das bedeuten, dass Russland sein jetziger Einfluss nicht reicht. Andererseits ist auch das Budget Russlands nicht unerschöpflich, sodass nicht jedem Wunsch nach Soft Power in der Region nachgegeben werden kann.</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Gefahr, dass sich Zentralasien aus dem postsowjetischen Raum löst, sehe ich nicht. Erst einmal kann man nicht von größeren Veränderungen reden. Auch wenn verschiedene ForscherInnen nach dem Maidan die Ambitionen Russlands in anderen postsowjetischen Ländern besprochen haben, ist die Situation in Zentralasien offensichtlich eine andere.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kommt-der-maidan-nach-zentralasien-die-auswirkungen-des-umsturzes-in-der-ukraine/">Kommt der Maidan auch nach Zentralasien? Die Auswirkungen des Umsturzes in der Ukraine auf Zentralasien</a></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Verhandlungen über die Erweiterung der Eurasischen Wirtschaftsunion laufen, wenn auch langsam. Russische Gesetzte, die auf die Unterstützung des Traditionalismus gerichtet sind, werden von den zentralasiatischen Republiken übernommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wenn der Einfluss Chinas in der Region wächst, so widerspricht das kaum den russischen Interessen. Sowohl für Chinas als auch für Russland sind stabile politische Regime, ökonomisches Wachstum und eine weltlich orientierte Regierung wichtig.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich glaube nicht, dass Russland anfängt, seine Strategie zu ändern, solange der Diskurs über die „große sowjetische Vergangenheit“ und die russische Sprache durch Fernsehen, soziale Netzwerke und Sommerschulen zur Eurasischen Integration Zugang zu den BewohnerInnen Zentralasiens finden. Dieses Modell funktioniert prima und ich denke, dass Russland auch weiterhin seinen kulturellen Einfluss auf diesem Weg ausweiten wird. Und Sie haben Recht, dass auch wenn aus diesen oder jenen Gründen die Ambitionen Russlands in der Region wachsen, die Frage der Finanzierung eine entscheidende Rolle spielen wird, zumal der Westen seine Sanktionen Russland gegenüber verlängert und auch die Ölpreise weit entfernt von ihren besten Tagen sind.</p>
<p><figure id="attachment_10175" aria-describedby="caption-attachment-10175" style="width: 761px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10175" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/Arbeitsamt.jpg" alt="Arbeitsamt Schymkent" width="761" height="514" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/Arbeitsamt.jpg 761w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/Arbeitsamt-300x203.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/Arbeitsamt-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 761px) 100vw, 761px" /><figcaption id="caption-attachment-10175" class="wp-caption-text">Schlange am Arbeitsamt Schymkent in Kasachstan. Für viele Kasachen ist eine Arbeit in Russland ein Ausweg aus der finanziellen Krise</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Auch wenn Russland und China an Stabilität in der Region interessiert sind, gibt es dennoch eine Rivalität im politischen und wirtschaftlichen Bereich. In Bezug auf Soft Power meinen aber viele ExpertInnen, dass China Russland nicht überholen wird, da die chinesische Kultur, Sprache und Mentalität eine andere und Russland den ZentralasiatInnen folglich näher ist. Wenn man in Betracht zieht, wie schnell China lernt und über welche finanziellen Möglichkeiten und wirtschaftliche Präsenz es verfügt, kann man nicht zum Schluss gelangen, dass sich die Situation nicht zu Gunsten Russlands entwickelt?</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Daran, dass China versucht, seine Position mit Soft Power zu festigen, besteht kein Zweifel. Das Konfuzius-Institut, das chinesische Äquivalent zu Goethe-Institut oder British Council, hat zum Ziel, die chinesische Sprache und Kultur zu verbreiten. Es arbeitet auf der ganzen Welt, so auch in allen zentralasiatischen Republiken. In einem gewissen Maß ermöglicht es das Interesse an China zu erhöhen. Stipendien und alternative Studienprogramme aus China locken immer mehr AbiturientInnen und Studierende aus Zentralasien an. Aber im Vergleich zu einer Ausbildung in Russland steht jene in China weniger hoch im Kurs, was mit sprachlichen Hürden verbunden ist. Im Bereich des Handels ist die Nachfrage nach Arbeitskräften, die die chinesische Sprache beherrschen und die Besonderheiten der chinesischen Kultur kennen, kein Massenphänomen.</p>
<p style="text-align: justify;">Teilweise tritt man China in Zentralasien mit Argwohn gegenüber. Ein Beispiel hierfür ist die Reaktion auf die Reform des Landrechts in Kasachstan, die einen weitgehend antichinesischen Charakter trug. Das wiederum verbessert das Ansehen Russlands.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong><em>Wie ist die Situation der zentralasiatischen ArbeitsmigrantInnen, die in Russland leben? Haben Sie Daten dazu, ob und wie sich ihre Wahrnehmung vor und nach der Arbeit in Russland ändert? Sind sie ein Art Agent, der nach der Rückkehr in die Heimat für eine weitere Annäherung und kulturelle Zusammenarbeit eintritt?</em></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Das Thema Arbeitsmigration in Russland ist vielseitg und wenn man über Migration aus Zentralasien redet, ist es wichtig, zu differenzieren, worum genau es geht. In letzter Zeit ist die Zahl der legalen MigrantInnen mit einer Arbeitserlaubnis für die Russische Föderation signifikant gestiegen und umfasst 1,5 Millionen Menschen. Die Folge ist aber auch eine strengere Migrationsgesetzgebung. Viele Menschen aus Zentralasien kommen mit dem Ziel nach Russland, sich beruflich selbst zu verwirklichen und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Sie sind bereit, bürokratische Hindernisse zu überwinden, zahlen Geld für die Genehmigung ihrer Geschäftstätigkeit und stimmen somit den russischen Spielregeln zu. Viele von ihnen erhalten das Aufenthaltsrechts oder sogar die Staatsbürgerschaft und holen ihre Familien nach Russland. Eine aktive Integration in die russische Gesellschaft ist eine Erfolgsgewähr für viele legale MigrantInnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aus wirtschaftlicher Sicht ist Russland an dieser Art der Migration interessiert, zumal sie außerdem die gewohnte Position des Kolonialherren in der Region wahrt. So ruft die Stiftung <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/russki-mir">Russki Mir</a> (zu deutsch: Russische Welt)  dazu auf, „Auswanderern aus Zentralasien“ die russische Sprache zu lehren und ihnen bei Erlernen neuer Berufe zu helfen, wobei niedrigqualifizierte MigrantInnen aus Kirgistan „Zuwanderern“ aus China als das geringere Übel gegenübergestellt werden. Obwohl die Mehrheit von ihnen ihre Zukunft in Russland und nicht in der Heimat sieht, können sie über die sozialen Medien dennoch für eine weitere Annäherung und kulturelle Zusammenarbeit eintreten. Durch aktive Teilnahme in Gruppen auf <a href="https://vk.com/">Vkontakte</a> (das russische Facebook-Äquivalent, Anm. d. Ü.), Skype-Gespräche mit Verwandten oder ausschließlich positive Bilder auf Instagram, können legale und hochqualifizierte MigrantInnen ein positives Russlandbild verbreiten, das in der Folge die Vorstellungen der BürgerInnen Zentralasiens beeinflusst.</p>
<p style="text-align: justify;">Was jedoch die illegalen MigrantInnen betrifft, für die die Arbeit in Russland eine Notwendigkeit ist und die die Rückkehr in die Heimat planen, so ist bei ihnen die Situation völlig anders. Laut jüngerer soziologischer Umfragen ist die Mehrheit der RussInnen den MigrantInnen aus Zentralasien gegenüber negativ eingestellt und leider verstärkt sich diese Tendenz von Jahr zu Jahr. Natürlich kann Diskriminierung legale wie illegale MigrantInnen treffen, aber gerade illegale MigrantInnen, müssen sich angesichts ihres Status damit abfinden. Häufig genug bilden sie geschlossene ethnische Gemeinschaften und haben wenig Kontakt mit RussInnen, woraus die Bildung sozialer Stereotype und eine Teilung in „wir“ und „sie“ resultiert. Diese MigrantInnen können auch über die sozialen Netzwerke ihre Eindrücke von Russland teilen. Nur erscheinen diese in einem völlig anderen Licht.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Mit Marina Zhir-Lebed sprach <a href="http://caa-network.org/archives/author/rafael-sattarov">Rafael Sattarow</a></strong><br />
<strong> <a href="http://caa-network.org/archives/10774">Central Asian Analytical Network</a></strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">LinkedIn</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</p>
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		<title>Die nationale Identität Usbekistans 2.0: Die aktuelle Debatte (2/2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[akhmed]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Aug 2017 14:07:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie war w&#xE4;hrend der Sowjet&#xE4;ra ein Tabuthema, seit 1991 ist sie jedoch zu einer der zentralen Fragestellungen f&#xFC;r die Einheit des jungen unabh&#xE4;ngigen Staates geworden. Durch das Internet k&#xF6;nnen sich Usbeken offener ausdr&#xFC;cken. In Foren und sozialen Netzwerken sind Debatten &#xFC;ber Identit&#xE4;t zu einem Schl&#xFC;sselthema politischen Engagements der post-sowjetischen Generation geworden. Die Diskussionen zeigen die [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Sie war während der Sowjetära ein Tabuthema, seit 1991 ist sie jedoch zu einer der zentralen Fragestellungen für die Einheit des jungen unabhängigen Staates geworden. Durch das Internet können sich Usbeken offener ausdrücken. In Foren und sozialen Netzwerken sind Debatten über Identität zu einem Schlüsselthema politischen Engagements der post-sowjetischen Generation geworden. Die Diskussionen zeigen die historische Komplexität eines multiethnischen, auf bolschewistischer Ideologie erbauten Staates. </b></p>
<p><b><i>Lest auch auf Novastan:  </i></b><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/teil-1-die-nationale-identitat-usbekistans-2-0-das-erbe-einer-debatte/">Die nationale Identität Usbekistans Teil 1 -Das Erbe einer Debatte</a></p>
<p>In Usbekistan werden divergierende politische Meinungen weder in der Presse noch anderswo ausgedrückt. Das Aufkommen des Internets jedoch hat die Situation geändert und erlaubt, unterschiedliche Standpunkte zu verbreiten. Die Identität der usbekischen Gesellschaft ist ein heißes Thema, des ein interessantes und einzigartiges Zeugnis darüber ablegt, welche Vision die usbekische Gesellschaft für sich selbst hat.</p>
<p><b>Das Internet als ein Ort der Identitätsdebatte</b></p>
<p>Die Entwicklung des Internets ermöglichte es Vertretern verschiedener politischer Orientierungen, ihre Meinungen auf diversen Online-Plattformen auszudrücken. Die Jahre 2000-2010 sind gekennzeichnet von der Entstehung von auf Regionen, Ethnien und Sprachen spezialisierten Foren, die seitdem eine wachsende Bedeutung im usbekischen Netz erlangt haben. Nationale Foren wie <i>Arbuz </i>(„Die Wassermelone“, eine bedeutende Frucht in Usbekistan), <i>Ziyouz </i>(Ziyo bedeutet „Wissen“ oder „Intelligenz“ in der Poesiesprache) und <i>Choyhona </i>(„Das Teehaus“, ein exzellenter Diskussionsort in Usbekistan) sind Austragungsorte lebendiger Debatten zwischen Islamisten, Nationalisten und Liberalen geworden. Im Januar 2011 allerdings mutete die Festnahme von sechs Nutzern des Hauptforums <i>Arbuz </i>aufgrund ihrer islamistischen Positionen [13] und <a href="http://www.bbc.com/uzbek/uzbekistan/2011/02/110204_cy_arbuz_closed.shtml">die komplette Schließung des Forums einen Monat später</a> wie eine Warnung an die usbekischen Internetnutzer an. Die Foren verloren daraufhin ihre Attraktivität als Orte der freien Meinungsäußerung [14].</p>
<p>Frequentiert von einem jungen gebildeten Publikum, spielen diese privilegierten Versammlungsorte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der virtuellen usbekischen Gesellschaft. Mit der Schließung von <i>Arbuz </i> und dem Druck, den er auf andere Foren ausübt, gelang es dem Staat, diese neuentstandene Ansammlung politischer Energie zu zerschlagen. Seitdem verstreuen sich die Forennutzer auf andere Plattformen, vor allem in den sozialen Netzwerken.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-10454" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_mdk_uzbek.jpeg" alt="MDK Usbekistan " width="888" height="748" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_mdk_uzbek.jpeg 888w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_mdk_uzbek-300x253.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_mdk_uzbek-768x647.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 888px) 100vw, 888px" /></p>
<p><a href="http://www.internetworldstats.com/asia/uz.htm">Die sozialen Netzwerke, die sich in Usbekistan ab dem Jahr 2007 entwickelten</a>, zunächst als Orte der Begegnung und des Austauschs, wurden später zu Plattformen der sozialen und politischen Debatten.</p>
<p>Die größten Plattformen, die als usbekische online-Treffpunkte dienen, sind <i>Facebóok, Twitter, Odnoklassniki, Vkontakte, Mail.ru</i>, und mobile Applications wie <i>Whatsapp</i> und <i>Telegram</i>. <i>Facebook</i> zieht vor allem usbekische Nutzer an, die in Europa oder den Vereinigten Staaten studiert haben und Fremdsprachen sprechen. <i>Odnoklassniki</i>, ein rein russischsprachiges Netzwerk, wird hauptsächlich von usbekischen Einwanderern aus Russland und der usbekischen Jugend frequentiert.  Die Ausrichtung der Diskussionen in diesen Netzwerken spiegelt die geographische und kulturelle Nähe wieder. Während der Ukrainekrise konnte man auf <i>Facebook</i> eine anti-russische Positionierung usbekischer Nutzer beobachten, <a href="https://ok.ru/siyosat.maydoni/topic/62417555114876">während auf <i>Odnoklassiniki</i> die usbekischen Nutzer klare pro-russische Positionen vertraten.</a> Natürlich gab es in beiden Netzwerken Vertreter unterschiedlicher Positionen, der allgemeine Trend war jedoch ersichtlich.</p>
<p><figure id="attachment_10455" aria-describedby="caption-attachment-10455" style="width: 896px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10455" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_political_arena.jpeg" alt="Odnoklassniki Political Arena Usbekistan" width="896" height="708" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_political_arena.jpeg 896w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_political_arena-300x237.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_political_arena-768x607.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 896px) 100vw, 896px" /><figcaption id="caption-attachment-10455" class="wp-caption-text">Screenshot aus der Gruppe &#8222;Political Arena&#8220; auf dem Netzwerk &#8222;Odnoklassniki&#8220;</figcaption></figure></p>
<p>In den sozialen Netzwerken ist die Frage nach der nationalen Identität ein zentrales Thema. Unsichtbar hinter ihren Bildschirmen fühlen sich die Nutzer frei, ihre Meinungen auszudrücken und sich entsprechend ihrer Ideen zu gruppieren. Dort finden sich die Gruppen der <a href="https://www.facebook.com/groups/139834769445604/">Islamisten</a>, <a href="https://www.facebook.com/groups/388396334638018/">Nationalisten</a>, <a href="https://www.facebook.com/groups/233529446773723/">Panturkisten</a>, Regionalisten,<a href="https://www.facebook.com/groups/uzbek.atheists/"> Säkularisten</a> und <a href="https://www.facebook.com/Samarqand.Bukhara">Paniranisten</a> etc. Die Diskussionen in diesen Gruppen konzentrieren sich auf die allgemeine gesellschaftliche Ausrichtung des Landes, beispielsweise die Rolle von Religion in der Gesellschaft und die Bedeutung, die Traditionen einnehmen sollten. Die Politik des Regimes wird selten in Frage gestellt. Diskussionen über die Politik oder politische Persönlichkeiten sind riskant und daher Tabuhemen. Die von der Opposition aufgeworfenen Fragen werden von den lokalen Internetnutzern weitestgehend ignoriert. Die Furcht vor den Behörden ist nicht verschwunden. Daher umgehen die Nutzer Zensur und Repression, indem sie sozialen Themen Vorrang geben.</p>
<p><figure id="attachment_10456" aria-describedby="caption-attachment-10456" style="width: 525px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10456" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_uzbek_athees_et_secularistes.jpeg" alt="Atheisten Soziale Netzwerke Usbekistan" width="525" height="720" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_uzbek_athees_et_secularistes.jpeg 525w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_uzbek_athees_et_secularistes-219x300.jpeg 219w" sizes="auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px" /><figcaption id="caption-attachment-10456" class="wp-caption-text">Gruppe der Atheisten auf Facebook</figcaption></figure></p>
<p><b>Die Islamisten in der Netzdebatte</b></p>
<p>Die enttäuschten Hoffnungen, die mit dem Arabischen Frühling in Libyen, Ägypten und Syrien verbunden waren, haben den Einfluss der Islamisten auf ihre Sympathisanten im Netz verringert. Traditionell sind die Diskussionen in den usbekischen sozialen Netzwerken sehr am russischen Standpunkt orientiert. Mit der starken russischen Präsenz in den Konfliktherden Syrien und Ukraine haben auch die pro-russischen Kommentare und Positionen im Netz zugenommen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Teile der usbekischen Bevölkerung, die an Diskussionen in sozialen Netzwerken teilnehmen, zu großen Teilen aus in Russland arbeitenden Migranten besteht, die die Beziehungen und Positionen zwischen den Internetnutzern der alten Sowjetrepublik und Moskau nachziehen. Das trotz der geopolitischen Positionierung der usbekischen Regierung, die dem russischen Einfluss in der Region entgegenzuwirken versucht (besonders mit der <a href="https://www.rferl.org/a/nato-regional-bureau-opens-in-tashkent/25387683.html">Eröffnung eines NATO-Zweiges für Zentralasien in Taschkent</a> 2014. Das Büro wurde im <a href="http://www.nato.int/cps/de/natohq/topics_107902.htm">April 2017 aus Budgetgründen von Seiten der NATO geschlossen</a>).</p>
<p>Mit dem Wiederauftauchen Russlands als geopolitischer Akteur gegenüber Europa und den Vereinigten Staaten haben usbekische Internetnutzer eine einen neue anti-westliche und dafür pro-russische Position angenommen. Der radikale Islamismus verlor sein Monopol als Konkurrent des Westens, während Russland sein föderatives Gegenmodell, dass es noch aus Zeiten der Sowjetunion hatte, wieder etablierte und somit eine Identifikationsmöglichkeit geschaffen hat.</p>
<p>So bezeugen die sozialen Netzwerke in Usbekistan eine Verlangsamung muslimischer Entwicklungen in der usbekischen Identität. Das unterstützen die Unterstützer der Demokratie und die Eiferer des usbekischen Nationalismus, die den Islamismus als panarabische Ideologie betrachten, der eine Bedrohung für die usbekische Identität darstellt – denn diese will keine arabische sein.</p>
<p><figure id="attachment_10457" aria-describedby="caption-attachment-10457" style="width: 696px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-10457" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_jihadist.jpeg" alt="Islamistisch Facebook Usbekistan " width="696" height="729" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_jihadist.jpeg 696w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/08/2014_0531_jihadist-286x300.jpeg 286w" sizes="auto, (max-width: 696px) 100vw, 696px" /><figcaption id="caption-attachment-10457" class="wp-caption-text">Eine islamistisch ausgerichtete Gruppe auf Facebook</figcaption></figure></p>
<p><b>Eine verspätete Reaktion des Staates</b></p>
<p><b>D</b>ie usbekische Regierung rief angesichts dieser Entwicklungen Parallelnetzwerke ins Leben wie <a href="http://muloqot.uz/">Muloqot.uz</a><i> </i>(das usbekische Facebook), <a href="https://mover.uz/">Mover.uz</a> (das usbekische Youtube),  <a href="http://haqida.uz/">Haqida.uz</a> (das <a href="https://mail.ru/">Mail.ru</a> – usbekisches My Space), <i>Gap IM</i> (usbekischer Messenger),  <i>Gap Anor</i> (das usbekische WhatsApp) und viele Weitere. Diese Initiativen kamen recht spät. Die Bevölkerung hatte bereits begriffen, dass das eigentliche Ziel dieser sozialen Netzwerke eine strengere Kontrolle über die Bürger war. Sie werden daher zumeist von Jugendlichen genutzt, die sich nicht für sozio-politische Fragen interessieren. Dennoch scheint die Regierung ihren Informationskrieg nicht aufgeben zu wollen, und setzt alles daran, ihre Versäumnisse bezüglich neuer Medien, die sie zunächst vernachlässigt hatte (oder von ihnen schlicht überholt wurde) wieder auszubügeln. Zahlreiche Informationsseiten wurden von der Regierung erstellt. Wichtige Seiten wie Daryo.uz oder Uz24.uz sind offensichtliche Beispiele für angeblich unabhängige Seiten, die sich an der Politik des Regimes orientieren.</p>
<p><b>Die Schaffung einer neuen usbekischen Identität dank des Internets? </b></p>
<p>Die Fülle an Informationen von allen Seiten und der Mangel an Kontrolle über die Nutzer der sozialen Netzwerke ist eine tickende Zeitbombe für die usbekische Regierung. Die Freiheit des Internets, wenn auch nur eine Illusion, kann reale Konsequenzen haben, wie im Fall des arabischen Frühlings. Die sozialen Netzwerke sind so zum Austragsort eines Krieges geworden, den die Usbeken mit ihren Tastaturen führen — und in dem die Gräben zwischen den Parteien sehr tief sind. Durch die Globalisierung nehmen auch ausländische Einflüsse zu. Ausländische Seiten sind seitdem beliebter als interne usbekische, womit auch die Bedeutung westlicher Sprachen, allen voran Englisch, zunimmt. Die junge Generation kommuniziert mehr und mehr in Fremdsprachen. Im Internet wendet sich die Jugend Englisch und Usbekisch zu und lässt das Russische hinter sich.</p>
<p>Diese Redefreiheit in den sozialen Netzwerken über die brennende Frage der Identität hat es der usbekischen Jugend ermöglicht, sich über soziale, politische und historische Unterschiede bewusst zu werden. Im und durch das Internet entwickeln sich allmählich eine usbekische Mentalität. Die Jugend emanzipiert sich allmählich von den Traditionen, ohne jedoch historische Spaltungen zu überwinden.</p>
<p style="text-align: right"><b>Akhmed Rahmanov</b><br />
<b>Redakteur für Francekoul.com (Novastan.org)</b></p>
<p style="text-align: right"><b>Redigiert von Isabelle Klopstein</b></p>
<p style="text-align: right"><b>Aus dem Französischen von Janny Schulz</b></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Bibliographische Anmerkungen:</b></p>
<p><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/identite-ouz/#_ftnref13">[13]</a>           <a href="http://www.bbc.co.uk/uzbek/uzbekistan/2011/01/110121_cy_uzbek_arbuz.shtml">http://www.bbc.co.uk/uzbek/uzbekistan/2011/01/110121_cy_uzbek_arbuz.shtml</a></p>
<p><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/identite-ouz/#_ftnref14">[14]</a>           <a href="http://www.bbc.co.uk/uzbek/uzbekistan/2011/02/110204_cy_arbuz_closed.shtml">http://www.bbc.co.uk/uzbek/uzbekistan/2011/02/110204_cy_arbuz_closed.shtml</a></p>
<p><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/identite-ouz/#_ftnref15">[15]</a>       Die Zahl der Internetnutzer in Usbekistan ist seit 2007 stark gestiegen, vor allem aufgrund der Entwicklung des mobilen Internets.</p>
<p><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/identite-ouz/#_ftnref16">[16]</a>           <a href="http://odnoklassniki.ru/group/52243312410748/topic/62417555114876">http://odnoklassniki.ru/group/52243312410748/topic/62417555114876</a></p>
<p><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/identite-ouz/#_ftnref17">[17]</a><a href="https://www.facebook.com/groups/139834769445604/">           https://www.facebook.com/groups/139834769445604/</a></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-nationale-identitat-usbekistans-2-0-die-aktuelle-debatte-22/">Die nationale Identität Usbekistans 2.0: Die aktuelle Debatte (2/2)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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