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	<title>Hungersnot Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Tue, 28 Nov 2023 16:52:20 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Hungersnot Archives</title>
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		<title>„Qash“ – Horrortrip im Holodomor</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robin Roth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Nov 2023 16:52:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit &#x201E;Qash&#x201C; lieferte der bekannte Musikvideo-Regisseur A&#x131;sultan Se&#x131;t sein mit Spannung erwartetes Spielfilmdeb&#xFC;t. Der Film, der vor dem Hintergrund der Gro&#xDF;en Hungersnot in den 30er Jahren spielt, rief angesichts hei&#xDF; gef&#xFC;hrter Debatten &#xFC;ber Dekolonialismus ein geteiltes Echo hervor. Am 12. November ist das 33. FilmFestival Cottbus zu Ende gegangen. Mit &#x201E;Close Up: Kazakhstan&#x201C; wurde dem [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit „Qash“ lieferte der bekannte Musikvideo-Regisseur A</strong><strong>ısultan Se</strong><strong>ıt sein mit Spannung erwartetes Spielfilmdebüt. Der Film, der vor dem Hintergrund der Großen Hungersnot in den 30er Jahren spielt, rief angesichts heiß geführter Debatten über Dekolonialismus ein geteiltes Echo hervor.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 12. November ist das <a href="https://www.filmfestivalcottbus.de/de/">33. FilmFestival Cottbus</a> zu Ende gegangen. Mit „Close Up: Kazakhstan“ wurde dem zentralasiatischen Land in diesem Jahr eine eigene Sektion gewidmet, die einen Überblick über das kasachstanische Kino der letzten 40 Jahre bot. Neben echten Klassikern befand sich auch der heißdisuktierteste Debutfilm des letzten Jahres im Programm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aısultan Seıt ist derzeit einer der gefragtesten Musikvideo-Regisseure, der unter anderem mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Travis_Scott_%28Rapper%29">Travis Scott</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Noize_MC">Noize MC</a> zusammengearbeitet hat. In Kasachstan ist der 26-Jährige ein Star und entsprechend hoch waren die Erwartungen, als Seıt 2022 sein Spielfilm-Debut „Qash“ ankündigte. Als ob dies nicht genug wäre, behandelt der Film auch noch Kasachstans nationales Trauma. Kann das gut gehen?</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Asharshylyq als Background</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Qash“ (kasachisch für „Lauf!“) – laut Programmheft des FilmFestival Cottbus ein <em>„historischer Horrortrip in der kasachischen Steppe“</em> – spielt im Jahr 1931 vor dem Hintergrund der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_der_Sowjetunion_in_den_1930er_Jahren">großen Hungersnot</a> in der Sowjetunion. Im Westen ist diese hauptsächlich unter ihrem ukrainischen Namen „Holodomor“ geläufig. Weit weniger bekannt ist, dass Kasachstan von der auf Kasachisch „Asharshylyq“ genannten Katastrophe als erstes betroffen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Historikerin Sarah Cameron <a href="https://eurasianet.org/book-review-a-long-awaited-account-of-kazakhstans-famine">führte</a> die erzwungene Sesshaftmachung und die Beschlagnahmung von Vieh zum Tod von mehr als einem Viertel der kasachischen Bevölkerung. Schätzungen gehen von 1,5 bis 2,1 Millionen Toten aus. Zu dieser Zahl kommen noch die 1 bis 2 Millionen Kasach:innen, die vor Hunger flohen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-nicht-erzaehlte-geschichte-des-hungers-eine-rezension-von-sarah-camerons-buch-hungrige-steppe/"><strong>Die nicht erzählte Geschichte des Hungers – eine Rezension von Sarah Camerons Buch „Hungrige Steppe“</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Inmitten dieser Hungersnot ist Isataı zum Totengräber seines <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aul">Auyls</a> geworden. In einer Truhe in seiner Jurte versteckt er seinen 8-jährigen Bruder Álim, um diesen zu schützen – allzu gut weiß er, dass gerade die Schwächsten leicht Opfer von Kannibalismus werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als einer der wenigen, die den Weg in die nächstgelegene Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sarqan">Sarqant</a> kennen, wird Isataı von der Sowjetmacht seines Auyls auserkoren, um ein Bittgesuch für bessere Lebensmittelversorgung zu überbringen. Zwar sträubt er sich dagegen, allerdings lässt der ältere Magaı ihn wissen, dass er Álim in Sarqant in ein Waisenhaus geben kann, wo der Junge vor dem wahrscheinlichen Tod durch Hunger oder Mord sicher sei.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In Begleitung eines russischen Soldaten und mit Álim im Wagen versteckt, macht sich Isataı auf den Weg. Doch bereits in der ersten Nacht wird die Gruppe von Räubern überfallen. Der Soldat flieht, Isataı und Álim bringen sich mit Hilfe des aus dem nichts aufgetauchten, einäugigen Alten Tepe in Sicherheit, verlieren aber die Orientierung in der endlosen Steppe. Tepe, der vorgibt auch nach Sarqant zu reisen und den Weg zu kennen, führt die beiden an. Doch schon bald verliert Isataı das Vertrauen in Tepe und der Horrortrip beginnt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Raum für Interpretationen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit großartigen Landschaftsaufnahmen, stylischen Bildkompositionen und einem perfekten Auge fürs Detail zeigt Aısultan Seıt, was er beim Clip-making gelernt hat und schafft für „Qash“ eine ganz eigene, bedrückende Ästhetik. Insbesondere der Grauschleier, der über dem gesamten Film liegt, trägt dazu bei, distanziert aber auf der anderen Seite auch vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bemerkenswert ist außerdem, dass der Film vorrangig über das Visuelle funktioniert. Dialoge sind – wie Seıt selbst im Interview mit <a href="https://esquire.kz/ajsultan-seitov-nichto-ne-otobet-moe-zhelanie-rabotat-v-kino/">Esquire.kz</a> hervorhebt – auf ein Minimum reduziert. Doch auch das virtuelle Spiel mit den Geräuschen und der Stille der Steppe tragen zur Atmosphäre von „Qash“ bei.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<iframe title="ҚАШ | Official Trailer" width="500" height="375" src="https://www.youtube.com/embed/Z00URErDabc?start=2&#038;feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
</div><figcaption class="wp-element-caption">Der Trailer zum Film</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus hinterlässt der Film Raum für Interpretationen, die ihm eine zusätzliche Tiefe verleihen. Dies betrifft vor allem die Figur des mystischen Tepe, der zwar vorgibt, den Weg zu kennen, letztendlich aber alle in die Irre führt. So stellte die Journalistin Galina Baıjanova im <a href="https://esquire.kz/ajsultan-seitov-nichto-ne-otobet-moe-zhelanie-rabotat-v-kino/">Gespräch mit Aısultan Seıt</a> fest, dass Tepe sie an Kasachstans ersten Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaev</a> erinnere – eine Parallele, die aber laut dem Regisseur nicht intendiert sei. Vielmehr weist er darauf hin, dass <em>„Tepe eine Ableitung von Tepekoz ist, dem Namen des Zyklopen in der türkischen Mythologie. In dieser Geschichte haben wir also den alten Mythos des Zyklopen verschleiert, der zwei Brüdern eine Herde Widder wegnahm und sie zurückbrachte.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist Tepe nicht die einzige Figur, die bei einigen Kinobesucher:innen Erinnerungen an kasachische Mythen hervorrief. Während der Diskussionsveranstaltung „Kasachstan auf der Suche nach einer neuen Identität?“, die ebenfalls im Rahmen des FilmFestivals Cottbus in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien stattfand, stellte Aısultan Seıt klar, dass bei der Rolle der Alman keine Nähe zu Jeztyrnaq („Kupfernagel“), einer bekannten Figur der kasachischen Mythologie, intendiert sei. Auch die Darstellerin Tolģanaı Talgat erklärteim Rahmen der Podiumsdiskussion, dass es ihr allein darum gegangen sei, den Schmerz der trauernden Mutter zu verkörpern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein (de)kolonialer Film?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Aısultan Seıts Spielfilmdebut in Kasachstan sehnlich erwartet worden war, rief der Film auch einige Kritik hervor. Wie der Regisseur selbst bei der Podiumsveranstaltung in Cottbus darstellte, waren die Erwartungen an ihn besonders hoch. Einer der Kritikpunkte, die ihn besonders getroffen haben, sei gewesen, dass man „Qash“ als unpolitisch gesehen habe, weil der Film die Auslöser der Hungerkatastrophe nicht eindeutig benenne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Kritiker hingegen sehen den Film zwar als eindeutig politisch, aber mit – wie es Aıdos Taıbekuly auf <a href="https://newreporter.org/2023/01/18/film-qash-ob-asharshylyke-debyut-kazaxstanskogo-rezhissyora-ili-politicheskoe-vyskazyvanie/">New Reporter</a> formuliert – <em>„zweideutiger politischer Botschaft“</em>. <em>„Dem Drehbuch zufolge litten nicht nur lokale Kasachen unter Hunger in der Steppe, sondern auch Vertreter der Sowjetregierung, die eine Kollektivierung durchführte, in deren Folge eine schreckliche Hungersnot ausbrach. Selbst wenn es in der Sowjetregierung vereinzelt zu Hungersnöten kam, wie angemessen ist es dann, auf das Leid der Täter während des Massentodes ihrer Opfer hinzuweisen?“</em>, so Taıbekuly.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit befindet sich „Qash“ inmitten der aktuellen Diskurse <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sprache-als-mittel-zur-identitaetsfindung-und-abkehr-von-kolonialen-strukturen/">um Dekolonialisierung</a> in Kasachstan, in denen das nationale Trauma des Asharshylyq eine zentrale Rolle einnimmt, da er wesentlich zur Sowjetisierung der kasachischen Gesellschaft beitrug. Auch die von russischen Schaupieler:innen dargestellten Rollen, wie der der russische Soldat, der Streichhölzer schenkt und so die Moderne ins Leben von Isataı und Álim einziehen lässt, oder die Erzieherin im Kinderheim von Saqant riefen Kritik hervor. Tatsächlich sind aber – wie der Regisseur hervorhebt – beide Figuren vielschichtiger und passen nur bedingt ins Topos „weißer Retter:innen“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dos-muqasan-die-geschichte-der-kasachischen-beatles-als-film/"><strong>„Dos-Muqasan“ – die Geschichte der „kasachischen Beatles“ als Film</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei aller Kritik sollte man aber bedenken, dass „Qash“ an keiner Stelle intendiert, die Geschichte des Asharshylyq zu erzählen oder gar dokumentarisch zu sein. <em>„Ursprünglich wollten wir einen Film über sich in der Steppe verirrende Meschen machen. Aber als ich darüber nachdachte, in welchem ​​Kontext ich dies tun sollte und in welchem ​​Zeitraum dies geschehen könnte, wurde mir klar, dass es wahrscheinlich die 30er Jahre sein würden. Inspiriert wurde ich von der Geschichte des Urgroßvaters meines Freundes, der während der Hungersnot dank seines älteren Bruders gerettet wurde, da dieser ihn durch die Wintersteppe trug und ihn dann in ein Waisenhaus brachte“</em> erklärte Seıt gegenüber Esquire.kz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demnach sollte man „Qash“ auch als das sehen, was er ist: kein Film über die Hungersnot, sondern eine Geschichte, die vor deren Hintergrund spielt. Denn ohne diese falschen Erwartungen bleibt ein durchweg spannendes und großartig inszeniertes Debut, das Lust auf mehr macht.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Robin Roth für Novastan</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Die nicht erzählte Geschichte des Hungers &#8211; eine Rezension von Sarah Camerons Buch „Hungrige Steppe“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kunduzzh]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Dec 2020 10:29:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Hungersnot]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In diesem Sommer ist die russische &#xDC;bersetzung von &#x201E;Hungrige Steppe. Hunger, Gewalt und Gr&#xFC;ndung des sowjetischen Kasachstans&#x201C; (The Hungry Steppe: Famine, Violence, and the Making of Soviet Kazakhstan), einem Buch der amerikanischen Historikerin Sarah Cameron, erschienen. Bereits zuvor war das Werk unter Beteiligung der Dosym-S&#xE1;tbaev-Stiftung auf Kasachisch ver&#xF6;ffentlicht worden. Das Buch ist dem Thema der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>In diesem Sommer ist die russische Übersetzung von „Hungrige Steppe. Hunger, Gewalt und Gründung des sowjetischen Kasachstans“ (The Hungry Steppe: Famine, Violence, and the Making of Soviet Kazakhstan), einem Buch der amerikanischen Historikerin Sarah Cameron, erschienen. Bereits zuvor war das Werk unter Beteiligung der Dosym-Sátbaev-Stiftung auf Kasachisch veröffentlicht worden. Das Buch ist dem Thema der Hungersnot in der kasachischen Steppe in den Jahren 1930-1933 gewidmet. Das Buch ist das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit von unter anderem russischen und kasachstanischen Archiven, deren Material zum ersten Mal Gegenstand der Forschung wurde. Die folgende Rezension von Sergej Kim erschien am 9. September 2020 auf </strong><a href="https://vlast.kz/books/41613-nerasskazannaa-istoria-goloda.html"><strong>Vlast</strong></a><strong>. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Asharshylyq“(Kasachisch für Hunger) ist ein so umfangreiches und unerforschtes Thema, dass man ihm jedes Jahr wissenschaftliche Konferenzen widmen könnte, wo Forscher aus verschiedenen Disziplinen (Geschichte, Wirtschaft, Soziologie, Ethnographie usw.) und mit verschiedenen Perspektiven (postkoloniale Theorie, Gender, Nationsbildung, Gedächtnispolitik, mündliche Geschichte) das Thema behandeln und Vorträge halten könnten. Stattdessen werde ihr von Doktoranden berichtet, dass Forschungsleiter zur Untersuchung anderer Themen raten, schreibt Sarah Cameron.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Die zweideutige offizielle Position in dieser Frage (die Tatsache des Hungers und Fehler der Sowjet-Macht werden anerkannt, allerdings wird nicht daran erinnert, um Konflikte in der Gegenwart zu vermeiden) und die damit verbundene Selbstzensur in der Wissenschaft aber auch im Journalismus erzeugt schmerzhafte Spannung rund um das Thema. Umso bedeutsamer ist das Erscheinen des Werks „Hungrige Steppe“ in russischer und kasachischer Sprache als Möglichkeit, Diskussionen zu vertiefen und zu diversifizieren sowie um scholastische Streitigkeiten, wie zum Beispiel um das Wort „Völkermord“, zu vermeiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ein Versuch der Modernisierung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihren Studien betrachtet Cameron die Kollektivierung in Kasachstan als einen Versuch zur Konstruktion einer neuen sowjetischen Nation und gleichzeitig als Modernisierung der nomadischen Gesellschaft. Dabei stellt sie dies in den breiten Kontext der imperialen Kolonialisierung. Sie zeigt überzeugend, dass die Kolonialpolitik (insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten des Russischen Reichs) in den kasachischen Steppen zur enormen&nbsp; Transformation der nomadischen Lebensart und zur Veränderung der ökologischer Umgebung geführt hat. Die Massenumsiedlung von Bauern aus dem europäischen Teil Russlands und aus Sibirien in den Süden hatte maßgeblich die Steppen belastet. Die Nomaden wurden von traditionellen Weiden verdrängt, der Boden wurde verdorben, Wasserreservoirs trockneten aus, die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung von Epidemien nahm zu. Das alles hatte negative Auswirkungen, die folglich das Ausmaß der Hungersnot beeinflusst hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessant ist, dass mit der Sowjet-Macht der Kurs in Richtung Sesshaftmachen und &#8222;Zivilisierung&#8220; der Kasachen, der bereits seit der Zeit von Katharina II betrieben wurde, nicht unabdingbar war. Noch am Anfang der 20er Jahren waren die sowjetischen Agronomen der Meinung, dass genau die nomadische Viehzucht die beste Möglichkeit sei, die trockenen Regionen Kasachstans effizient zu nutzen. Und das Hauptziel der neuen Sowjetmacht war nicht die Zerstörung der traditionellen Landwirtschaft, sondern die Erhöhung ihrer Effizienz. Das Kapitel der wissenschaftlichen und politischen Debatten der 20er Jahre über die Zukunft des kasachischen Volk regt an, über alternative Wege der Modernisierung der nomadischen Gesellschaft nachzudenken, die realisiert werden könnten, wenn der innerparteiliche Kampf nicht zum Aufstieg Stalins und des Terrors geführt hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/"><strong>Leben und Sterben in Batbakkarinsk</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Studien aus dieser Zeit, wie zum Beispiel das Buch des Ethnographen und Landwirt Sergej Schwezow „Kasachischer Haushalt unter seinen natürlichen historischen und alltäglichen Bedingungen“ (Казахское хозяйство в его естественно-исторических и бытовых условиях) von 1926, in dem argumentiert wird, dass nomadische Viehzucht nicht etwas Rückschrittliches im Vergleich zur sesshaften Landwirtschaft sei, könnte auch heute neugierig machen. Cameron verwendet solche Texte um zu beweisen, dass die verheerenden Entscheidungen der Moskauer Führung während der Kollektivierung in Kasachstan nicht das Ergebnis von Unwissenheit und mangelnder Kenntnis des lokalen Kontexts waren. Das Risiko, eine große Zahl von Menschen zu töten, war wohl bekannt, wurde jedoch aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ignoriert. Trotz der neutralen und allgemein etwa distanzierten Stellung der Forscherin zum Thema, lässt sie hier zu, die Ereignisse von damals zu bewerten und erklärt: <em>„Die kasachische Hungersnot war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kollektivierung und der Hungersnot, sowie&nbsp; <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Filipp_Goloshchyokin">Goloschtschjokins</a> vorangegangener Kampagne „Kleiner Oktober“ wurden drei Kapitel des Buches gewidmet. Cameron beschreibt sehr detailliert die Ereignisse von 1928-1934 Jahren in chronologischer Reihenfolge. Die Idee, dass die schlechte Organisation und Vorbereitung der Kollektivierung, Personalmangel vor Ort, die Vernachlässigung des Lebens und der Interessen der Einheimischen zu Durcheinander, lokalem Aktivismus, Plünderungen, Gewalt und Massenflucht geführt haben, zieht sich als roter Faden durch die ganze Erzählung. Die Reaktion auf mehrere Wellen der Kollektivierung (eine kleine Pause wurde nach Stalins Artikel „Schwindel vor Erfolgen“ (Головокружение от успехов) in der Ausgabe der „Prawda“ vom März 1930 genommen) waren Aufstände in den Grenzgebieten. Diese Ereignisse führten zu einer enormen sozialen Katastrophe. Um diese einigermaßen zu überwinden, brauchte es ein paar Jahrzehnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ein gelungenes Werk</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Cameron ist es gut gelungen, in ihrem Narrativ Erfahrungen von Augenzeugen der 30er Jahren, die damals noch Kinder waren, wiederzugeben. Die Autorin beherrscht sowohl die russische als auch die kasachische Sprache. Deshalb konnte sie eine beeindruckende Menge an Memoiren und Archivmaterialien verwenden, was das Gespräch über diese Tragödie weniger abstrakt macht und dazu befähigt, den Schwerpunkt auf die einfachen Menschen zu legen, die diese Ereignisse miterlebt und darunter gelitten haben, die aber darüber hinaus in den Augen der Regierung selbst daran schuld waren. Das Scheitern der Kollektivierung wurde oft von der Parteispitze mit der „Unterentwicklung“ der Nomaden und ihrem Festhalten an den aus der Sicht der historischen Skala des Marxismus-Leninismus rückständigen Sippenbeziehungen erklärt. Aber wir begegnen in der bolschewistischen Rhetorik jener Zeit auch dem ewigen Lied von &#8222;ausländischen Agenten&#8220;, Schädlingen und Günstlingen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bey_(Titel)">Beys</a>, die die Bevölkerung zu Aufruhr, Flucht und Ungehorsam verführten.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Immerhin ist Cameron der Ansicht, dass die Kollektivierung letztendlich trotz ihrer Ungeheuerlichkeit der Sowjetregierung ermöglicht hat, mehrere Ziele in Bezug auf Kasachstan zu erreichen. So sei es gelungen, die Kasachen in die lokalen Partei-Institutionen und Behörden zu integrieren sowie die Nationalität zum Hauptelement in der Identität der Einheimischen zu machen. Das Projekt des nationalen Aufbaus und der Modernisierung der nomadischen Gesellschaft hatte begonnen, allerdings zu einem hohen Preis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man darf erwarten, dass die Veröffentlichung von „Hungrige Steppe“ neue Seiten der öffentlichen Diskussion über die Hungersnot möglich macht. Cameron selbst gibt zu, dass das Thema noch <em>&#8222;viele Geheimnisse birgt&#8220;</em>. Einige Themen, die in der Studie nur angeschnitten sind, könnten durchaus zum Thema von Dissertationen werden. Außerdem wächst offenbar auch das Interesse westlicher Akademiker an diesem Problem, so dass es zu kurz gedacht wäre, einheimische Wissenschaftler weiterhin einzuschränken und damit ausländischen Historikern die Möglichkeit zu geben, eine Erzählung über den Hunger in Kasachstan zu konstruieren.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Sergej Kim für </strong><a href="https://vlast.kz/books/41613-nerasskazannaa-istoria-goloda.html"><strong>Vlast</strong></a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Kunduz Zhyrgalbekova</strong></p>


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		<title>Leben und Sterben in Batbakkarinsk</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2017 15:25:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hungersnot]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute pr&#xE4;sent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universit&#xE4;t zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel &#x201E;Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan&#x201C; erschienen ist. Sein Artikel erschien zuerst in der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty und [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute präsent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel „Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan“ erschienen ist. <a href="http://daz.asia/blog/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Sein Artikel </a>erschien zuerst in der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty und wird von uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übernommen. </strong></p>
<p style="text-align: justify">Anfang der 1930er Jahre brach über die Bevölkerung Kasachstans das Unheil herein. Zwangskollektivierung, Kampagnen gegen „Kulaken“ und „Bais“, massenhafte Enteignungen sowie die Sesshaftmachung der nomadischen Bevölkerung lösten eine verheerende Hungersnot aus, der mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Diese Katastrophe war Teil jener gesamtsowjetischen Hungersnot der Jahre 1932-1933, die neben Kasachstan insbesondere die Ukraine, den Nordkaukasus und das Wolgagebiet traf. Insgesamt kamen in diesen Jahren fünf bis sieben Millionen Menschen ums Leben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Folgen einer halsbrecherischen Politik</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Verantwortung für diese präzedenzlose Tragödie trugen zweifellos der sowjetische Diktator Joseph Stalin und seine engste Umgebung. Sie waren es, die die rücksichtslose Kollektivierung der Landwirtschaft und die Beschlagnahmung von Getreide und Vieh vorantrieben und auch dann nicht von ihren Forderungen abließen, als die Folgen dieser halsbrecherischen Politik absehbar waren.</p>
<p style="text-align: justify">Sie nahmen die Verelendung und den Hungertod der Bevölkerung in Kauf, weil sie darin einen akzeptablen Preis für die Durchsetzung ihrer Ziele sahen: Die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft, die Vernichtung der „Kulaken als Klasse“ sowie die Finanzierung ihres ehrgeizigen Industrialisierungsprogramms, das den rückständigen sowjetischen Staat in die Moderne katapultieren sollte. Für die Landbevölkerung waren die Folgen dieser zynischen Politik gravierend, und sie veränderten die Strukturen der sowjetischen Landwirtschaft für immer.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde/">Langer Weg nach Hause – Wie Kasachstan ein Zuhause für sowjetische Deutsche wurde</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Wie aber entwickelte sich aus der Kollektivierungskampagne die verheerende Hungersnot? Und: Welche Folgen hatte sie für die Bevölkerung? Am Beispiel des Kreises Batbakkarinsk, dem heutigen Kreis Amangel’dinsk im Südosten der Oblast’ Kustanaj, will ich exemplarisch zeigen, wie die kasachischen Halbnomaden ins Verderben gestürzt wurden. Die Vorgänge in Batbakkarinsk waren furchtbar, aber sie waren keineswegs außergewöhnlich. Ähnliches ereignete sich in allen Teilen Kasachstans.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Ende des Bürgerkriegs spielte die Sowjetmacht im Leben dieses abgelegenen Kreises keine besondere Rolle. Auf einer Fläche von rund 22.000 Quadratkilometern lebte die rein kasachische Bevölkerung fast ausschließlich von den Erträgen ihrer Viehzucht. Die meisten Kasachen waren Halb– oder Vollnomaden.</p>
<p style="text-align: justify">Wenn sie mit Vertretern des Staates in Verbindung kamen, so waren dies allenfalls punktuelle Kontakte, bei denen es um die Einziehung von Abgaben und Steuern ging. Dass die Bolschewiki den Kommunismus errichten wollten, davon hatten die meisten Bewohner des Kreises Batbakkarinsk niemals gehört und wenn, so hatten sie keine Vorstellung, was sich hinter diesem abstrakten Begriff verbergen mochte. Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Stalinsche „Revolution von oben“ und Widerstand der Nomaden</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit der stalinschen „Revolution von oben“ Ende der 1920er Jahre änderte sich die Situation grundlegend. Überall im Lande begannen nun Kampagnen gegen „reiche“ Bauern und Nomaden, die so genannten „Kulaken“ und „Bais“. Beides waren in erster Linie politische Kampfbegriffe, mit denen tatsächliche und vermeintliche Gegner der sowjetischen Ordnung stigmatisiert werden sollten. Vieh und Getreide wurden beschlagnahmt und „Kulaken“ aus ihren Heimatregionen verwiesen oder in die Lager des GULag gesperrt. Doch diese Attacken des Staates auf die Landbevölkerung riefen auch Widerstand hervor. So war es auch in Batbakkarinsk.</p>
<p><figure id="attachment_8044" aria-describedby="caption-attachment-8044" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-8044" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg" alt="Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti." width="800" height="678" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-300x254.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-768x651.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-8044" class="wp-caption-text">Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Als hier Anfang November 1929 eine Reihe bekannter und wohlhabender Nomaden verhaftet und ihr gesamtes Vieh konfisziert wurde, taten sich einige hundert Männer zusammen, überfielen das Kreiszentrum und verhafteten lokale Vertreter des sowjetischen Partei– und Staatsapparates. Einige Kommunisten schlossen sich den Aufständischen an, die große Pläne hatten, aber nur über wenige und veraltete Waffen verfügten. Deshalb fiel es den gut ausgerüsteten sowjetischen Truppen leicht, den Widerstand zu brechen.</p>
<p style="text-align: justify">Aus der Perspektive der sowjetischen Behörden handelte es sich bei den Aufständischen um „Konterrevolutionäre“, die den Herrschaftsanspruch der Sowjetmacht in Frage stellten und zugleich die Besitzverhältnisse vor der Kollektivierung wiederherstellen wollten. Die Reaktion des Staates auf den Aufstand war drakonisch. Mehr als 100 Männer wurden zum Tode verurteilt und weitere 170 erhielten Haftstrafen. Ein Zeitzeuge erinnerte sich Jahrzehnte später, dass viele Beteiligte ohne jeden Prozess in der Steppe erschossen und verscharrt wurden.</p>
<p style="text-align: justify">Der „Aufstand von Batbakkarinsk“ reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Episoden in den Jahren 1929-1931, als sich überall in Kasachstan und der gesamten Sowjetunion Bauern und Nomaden verzweifelt gegen den drohenden Verlust ihrer Lebensgrundlagen zur Wehr setzten. Für sich genommen, stellten die meisten dieser lokalen Erhebungen kein Problem für den sowjetischen Staat dar, doch insgesamt bedeutete der massenhafte Widerstand der Landbevölkerung eine ernste Herausforderung.</p>
<p style="text-align: justify">Stalin reagierte darauf im März 1930 in der Parteizeitung „Prawda“ mit seinem berühmten Artikel „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“, in dem er den radikalsten Exzessen der Kollektivierungskampagne zeitweise einen Riegel vorschob. Doch lange hielt diese Atempause nicht an. Schon bald ging die Jagd nach Getreide und Fleisch sowie auf „Feinde“ der Kolchosordnung unvermindert weiter.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Blutiges Quartal in Batbakkar“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch in Batbakkarinsk, so hieß es in einem Bericht, waren die Kolchosen unter Zwang entstanden: <em>„Nicht ein Kolchos im Kreis ist freiwillig organisiert worden, nicht ein einziger Viehhalter hat seine Tiere vergesellschaftet und nicht ein einziger kasachischer Viehhirte ist freiwillig in den Kolchos eingetreten.</em>“ Zugleich versuchten die Behörden den Ablieferungsplan für Vieh zu erfüllen.</p>
<p style="text-align: justify">Weil sich aber Ende 1931 abzeichnete, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte, griff die Kreisführung zu radikalen Maßnahmen. Viele Kasachen wurden nun willkürlich zu den „Ausbeutern“ gezählt, ihnen wurden alle Tiere genommen, und man schloss sie aus den Kolchosen aus. Unter den Bedingungen der Ökonomie der Steppe war dies gleichbedeutend mit dem vollständigen Ruin. Im Volksmund wurden die Monate dieses erbarmungslosen Vorgehens als „blutiges Quartal in Batbakkar“ bezeichnet.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/stalins-erbe-in-kasachstan/">Stalins Erbe in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zugleich versuchten viele Kasachen ihre Tiere vor dem Zugriff der Kommunisten in Sicherheit zu bringen oder, wenn das nicht möglich war, zu verkaufen oder zu schlachten. Die Schlachtungen nahmen derartige Ausmaße an, dass die Kreisführung grundsätzlich verbot, Tiere zu töten und damit begann, sämtliche Fleischprodukte zu beschlagnahmen. Immer mehr Familien versuchten, der drohenden Katastrophe zu entfliehen. Seit Beginn des Jahres 1932 nahm die Fluchtbewegung in andere Regionen Kasachstans oder in andere Unionsrepubliken immer mehr zu.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Massenhafter Hunger</strong></p>
<p style="text-align: justify">Schon zuvor hatte schwerer Mangel geherrscht, aber 1932 begann im Kreis Batbakkarinsk der massenhafte Hunger. Die Vorräte gingen zur Neige und die Menschen verzehrten, was immer sie finden konnten. Im November 1932 hieß es in einem Bericht der sowjetischen Geheimpolizei OGPU, dass der Kreis Batbakkarinsk neben einigen anderen Kreisen zu den vom Hunger besonders betroffenen Gebiete gehöre, in denen es praktisch kein Vieh mehr gäbe und die Felder nicht bestellt worden seien. Weiter war dort zu lesen:<em> „Die Bevölkerung hungert. Die Kasachen ernähren sich von Wurzeln, die sie in der Steppe sammeln, Zieseln und Mäusen. Die Gebäude der Kreisverwaltung sind mit Hungernden überfüllt, die dort versterben. […] Im Kreis Batbakkarinsk sind insgesamt 8400 Menschen ohne Getreide.“</em></p>
<p><figure id="attachment_8045" aria-describedby="caption-attachment-8045" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-8045" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg" alt="Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti" width="800" height="1234" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-194x300.jpg 194w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-768x1185.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-664x1024.jpg 664w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-8045" class="wp-caption-text">Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Elend der Bevölkerung nahm unvorstellbare Ausmaße an. Tausende Menschen verhungerten, und die Behörden waren nicht in der Lage, die Zahl der Toten zu registrieren. Im Frühjahr 1933 waren in einigen Teilen des Kreises nur noch knapp 25 Prozent der Bevölkerung am Leben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kasachische Wirtschaft am Boden</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Hungersnot war nicht nur für die betroffenen Menschen eine Katastrophe, sondern sie war auch ein ökonomisches Desaster. Die einstmals riesigen Viehherden Kasachstans schmolzen in rasantem Tempo zusammen und zerstörten damit die Grundlagen der kasachischen Wirtschaft. Die sowjetische Führung um Stalin war zwar bereit, Millionen von Menschenleben zu opfern, aber den völligen Zusammenbruch der Landwirtschaft konnte sie nicht akzeptieren. Vor allem deshalb wurde bereits im Spätsommer 1932 ein Programm initiiert, mit dem einerseits Lebensmittelhilfen für die Hungernden organisiert wurden und das andererseits die teilweise Verteilung der vergesellschafteten Viehbestände an die Bevölkerung vorsah.</p>
<p style="text-align: justify">Die Hilfe war in vielen Fällen unzureichend, und oft kam sie zu spät. Häufig erreichte sie nicht die Ärmsten, sondern diente der Versorgung von Bürokraten und Bediensteten des sowjetischen Staates. Dennoch: dort, wo verarmte Kasachen ein oder zwei Tiere aus den Kolchosbeständen erhielten, bedeutete dies für viele von ihnen die Rettung vor dem Hungertod. Ein Mann aus Batbakkarinsk erklärte: <em>„Wenn ich eine Milchkuh bekommen würde, wäre ich der glücklichste Mensch, und meine Familie wäre versorgt.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Doch für die Menschen, die selbst nichts hatten, war es unsagbar schwer, die Tiere über die Wintermonate zu bringen. Viele schlachteten daher die Kühe, Ziegen oder Schafe, obwohl dies streng verboten war und schwerste Strafen nach sich zog. Ungeachtet solcher Probleme waren es gerade diese an die Familien verteilten Tiere, die das Überleben abertausender Menschen sicherten und zugleich Reste der kasachischen Viehbestände bewahrte. Das sowjetische Kolchossystem hatte sich dafür als unfähig erwiesen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hungerflüchtlinge</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zu den größten Problemen mit denen die Behörden im Kreis Batbakkarinsk konfrontiert waren, gehörten die kasachischen Hungerflüchtlinge, die so genannten „otkochevniki“. Diese Menschen hatten in der Regel alles verloren. Die meisten unter ihnen besaßen keinerlei Vorräte und viele waren aufgrund des Hungers zu geschwächt, um auf den Kolchosfeldern zu arbeiten. Im Frühherbst 1933 zeigte sich, dass trotz anderslautender Direktiven bislang nur wenig für die Unterstützung der Flüchtlinge getan worden war. Weder waren für sie Häuser in ausreichender Zahl vorhanden, noch gab es Brennmaterial für Öfen und Herde.</p>
<p style="text-align: justify">Zugleich vermutete der Staat selbst unter diesen verelendeten Menschen noch Feinde. In einem Bericht zur Lage der otkochevniki hieß es, dass bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die Flüchtlinge genau darauf zu achten sei, dass keine „sozial fremden Elemente“ und „bösartigen Bais“ Lebensmittelhilfe erhielten. Und ganz grundsätzlich gelte folgendes: <em>„Die Ansicht, dass der Staat die Bevölkerung mit allem notwendigen versorgen müsse, muss man kräftig bekämpfen. Stattdessen muss man die Massen organisieren und mobilisieren, um die inneren Möglichkeiten des Kreises auszuschöpfen, und diese Möglichkeiten gibt es ohne Zweifel.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Angesichts der fortdauernden Not der Bevölkerung war dies eine vollkommen zynische Einschätzung der realen Lage, die zugleich offenbarte, das Hilfe von außen in größerem Maße nicht zu erwarten war. Vielmehr sollten, so dekretierten es die Behörden, alle Anstrengungen unternommen werden, um den Ackerbau in der Steppe zu forcieren. Dafür sei es notwendig, Kanäle und Bewässerungsgräben zu graben. Um die Bevölkerung zu dieser anstrengenden Arbeit zu motivieren, sollten Lebensmittelhilfen und Vieh als Belohnung ausgelobt werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Opfer einer erbarmungslosen Politik</strong></p>
<p style="text-align: justify">Es lag in der Logik des stalinistischen Regimes, dass nicht die Führer des Staates, sondern Funktionäre vor Ort für die desaströsen Zustände verantwortlich gemacht wurden. Sie waren es, die Direktiven „von oben“ umsetzen mussten und für ihre Nichterfüllung zur Rechenschaft gezogen wurden. Derart unter Druck gesetzt, verloren auch die Verantwortlichen im Kreis Batbakkarinsk jedes Maß. Zugleich nutzten sie ihre scheinbar grenzenlose Macht dazu, sich selbst und ihre Anhänger zu versorgen.</p>
<p style="text-align: justify">Als sich der Wind 1933 zu drehen begann, wurde ihnen ihr Verhalten während der Kollektivierung und der entstehenden Hungersnot zum Verhängnis. Es fehle, so hieß es, an „lebendiger Führung“ der Massen durch die Partei, die örtlichen Apparate seien „durchsetzt“ mit „sozial-fremden Elementen, die bis in die letzte Zeit auf führenden Posten“ gewirkt hätten, und niemand habe die Initiative zur Säuberung der Organisationen ergriffen. Angesichts solcher Vorwürfe war es nur eine Frage der Zeit, dass die meisten der Batbakkarinsker Mächtigen den Parteisäuberungen zum Opfer fielen.</p>
<p style="text-align: justify">Als die Hungersnot endete, war der Kreis Batbakkarinsk, ebenso wie alle anderen Regionen Kasachstans auch, wirtschaftlich am Ende. Von den Viehherden der Nomaden hatten nur kleine Bestände überlebt, die Landwirtschaft lag weitgehend brach und andere Wirtschaftszweige, etwa der Fischfang oder die Jagd auf wilde Steppentiere waren kaum entwickelt. Die Bevölkerung lebte in Armut und hatte kaum das Nötigste zum Überleben.</p>
<p style="text-align: justify">Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich Gesellschaft und Landwirtschaft von den Exzessen der Kollektivierung und den Verlusten der Hungersnot erholt hatten. Verantwortlich für diese Verelendung war die gewaltsame Politik des sowjetischen Staates gegenüber der Bevölkerung der Steppe. Die Menschen waren zu Opfern einer erbarmungslosen Politik geworden, für die der Einzelne keine Bedeutung hatte.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Robert Kindler<br />
<a href="http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/stalins-nomaden/?sms_his_publikationen%5BbackPID%5D=1252&amp;cHash=7771bcb967f5d214b6a1e281ddf1e5a7">Herrschaft und Hunger in Kasachstan</a>, erschienen März 2014</strong><br />
<strong><a href="http://daz.asia/blog/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Deutsche Allgemeine Zeitung in Almaty</a></strong></p>
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